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Full text of "Zeitschrift für romanische Philologie"

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ZEITSCHRIFT 



FUR 



ROMMISCÏÏE PHILOLO&IE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



Dr. GUSTAT OBÖBEB, 

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT STRASSBURG Ì. E. 



1901. 



XXV. BAND. 



HALLE 

MAX NIEMEYER. 

77/78 QB. 8TEIN8TBASSE. 

I9OI. 



INHALT. 

Seite 

L. F. D. Blötb, Der historische Schwanritter (3. ii. 99) i 

F. £d. Schnesoans, Ueber die Sprache des Skizzen^uches von Vilard 

de Honnecourt (19. 4. 00) 45 

P. Toldo, Études sur la poésie burlesque française de la Renaissance. 

{19.2. 00) 71. 215. 257. 385. 513 

H. ScHUCHARDT, Franz, caillou } coclaca, — Über Laut- und Bedeutungs- 
wandel (io. II., 29.12. 00, 24. 2. Ol) 244 

Theodor Kalkpkt, Zur französischen Syntax (31. 5. 00) 322 

Hugo Albert Rennert, Ueber Lope de Vega's El Castigo sin Ven- 
gama (8. II. 00) 411 

Elise Richter, Zur Syntax des rumänischen Possessiv - Pronomens 

m. Person (9. ii. 00) 424 

Eduard Wechssler, Bemerkungen zu einer Geschichte der französischen 

Heldensage (20. 10. 00) 449 

B. Jabero, Pejorative BedeutungsentwickluDg im Französischen. Mit 

Berücksichtigung allgemeiner Fragen der Semasiologie (18. 5. Ol) 561 
W. Meter -LÖBKE, Oskiscb dat, ital. da, sard, dag (1.3. 01) . . . . 602 
Eugen Herzog, Zusammenfassendes lo im Spanischen (11. 3. 01) . . 705 
George C. Keidel, Notes on ^sopic Fable Literature in Spain and 

Portugal during the Middle Ages (17. il. 01) 721 

TEXTE. 
Walther Suchier, Ueber das altfranzösische Gedicht von der Zerstörung 

Jerusalems La Vcnjance nostre seigneur (Schlufs) (22. 9. 99) . 94 
J. Zeidler, Der Prosaroman Ysaye le Triste (23. 12. 00) . . 175. 472. 641 

A.Pellegrini, Il Piccinino (4. 6. 99; 16. 6. 00) 230. 686 

Carolina Michaelis de Vasconcellos, Randglossen zum altportugie- 
sischen Liederbuch. Forts. (18. 4. 00) . . . 129. 278. 533. 669 
Emmanuel Walberg, Deux détails du Bestiaire de Philippe de Thaun 

(19-2. Ol) 697 

VERMISCHTES. 

1. Zur Textkritik. 

Hugo Andresen,' Zur Karlsreise (4. 8. 00) iio 

2. Zur Lautlehre. 

A. Horning, Die betonten Hiatus vokale im Vulgärlatein (28. 10. 00) . 341 
A. Zimmermann, Zum Uebergang von intervokalischem t zvidim Vulgär- 
latein (23.12. 00) 731 



IV 

Seit« 
A. Zimmermann, Ueber t-£penthese im Italischen bezw. im Vulgärlatein 

(1. 4. Ol) 735 

— Lesefrüchte aus dem Bereiche der römischen Inschriften, den Ro- 

manisten zur Beurteilung vorgelegt (1.4. 01) 735 

A. Horning, Zur Behandlung von Ci und Ti (24. 6. 01) 736 

3. Zur Wortgeschichte. 
G. Pfeiffer, Zu Rudows Rtttnänischen Wörtern Ztschr. Bd. XIX und 

XXn (27.3. 99) 112 

Giacomo De Gregorio, Ant. sic. (a la) Urta (9. io. 00) 113 

H. ScHUCHARDT, EccUsia (30.11. 00) 344 

— Franz. ¿0i//(i } mhd. ¿0Mf^n (20. i. 01) 345 

— Franz, glaive (20. i. 01) 345 

— Franz, bretelle, bretellière (20. i. 01) 346 

— Franz. /tó „Scholle" (20.1. 01) 346 

— ¥xzxíz. turbot) {á, Dornbutt) (20.1, Ol) 349 

— Ischi) InsulaP (20.1. Ol) 349 

— Yrzxiz, Permaine (20. i. Ol) 353 

W. Meyer - LÜBKE, IXsl, saia, saio, ítz, saie (28.11. 00) 354 

— Ital. uscio, frz. huis (13. I. Ol) 355 

H. ScHUCHARDT, Lat. torta, tartarum (zu Ztschr. XXIV, 250 f.) (4. 3. 01) 490 

— xakv/x/xa, xoXv(iß&Vy {i)xaX(oç im Rumänischen (4.3. 01) . . 490 

— Franz. guideau (4. 3. 01) 498 

— Franz. bœuf, vache (Fischerspr.) (4. 3. Ol) 498 

— Ostital. togna\ ital. volantino (Fischerspr.) (4. 3. 01) 502 

— Span, cazar ete, port, cacar eie (Fischerspr.) (4. 3. Ol) 5^3 

A. Horning, Frz. Glaise, voges. brossey (3. 12. 00) 503 

J.Ulrich, Andare, aller (6. 12. 00) 506 

— A. engad. cupitz (14. 11. 00) 507 

— Kngaa. padimêr (14. 11. 00) 507 

W. Meyer -LÜBKE, Frz. scieur de long (i. 3. 01) 611 

A. Horning, Voges. lur, burgund. lôvre (17. 2. 01) 612 

— Afrz. heuce, nfrz. esse (17.2. Ol) 614 

H. SCHUCHARDT, Ficotum, feclìtum) ficUum ■\- heplìte ? (15. 7. Ol) . . 615 

A. Horning, Span, lelo (24. 6. 01) 738 

— Sp. emperador (24. 6. 01) 739 

— Sp. pg. rozar (24. 6. Ol) 740 

— Provenz. desco, poitevin, daiche (24. 6. Ol) 740 

— Rätorom. magliar (24.6. 01) 740 

— Faluppa im Romanischen (Nachtrag zu Ztschr. 21, 192 ffg.)^(3. 8. 01) 741 

— Span, marica (3. 8. 01) 742 

— It. indugia (3. 8. Ol) 743 

Giacomo De Gregorio, It. olta (15. 6. 01) 744 

— Sic. mattanza (15. 6. Ol) 746 

— It. bazza, sp. bcua, cat. basa (15. 6. Ol) 747 

— Siz. bazzariotu (15.6. 01) 747 

BESPRECHUNGEN. 
Paolo Sayj- Lopez, Pio Rajna, Le fonti dell' Orlando Furioso 

(25. 6. 00) 114 



G ^ViDâASZX G. Alexicî, Texte din liteimtma poporanl romlnl 

16. 6. ex» 116 

P. US 'itucàCA, Anibal Echeverría y Reyes, Voces usadas en 

CfcDe {13.3. 00) 118 

— I>irriacario de la Lengua Castellana por la real Academia Española 

6,5. oO( 119 

G. "WuGtAXD, Tectsch n. Popea, Lehrbuch der rumänischen Sprache 

rem Schul- und Selbstgebrauch (16. 6. 00) 3S9 

Ph. Aiig. B£CX£R^ Paul Runge, Die Lieder und Melodien der Geiisler 
¿es Jahres 1 349 nach der Aufzeichnung Hugos von Reutlingen, 
nebst einer Abhandlung über die italienischen Geilskrlieder 
T-cai H. Schnee gans und einem Beitrage zur Geschichte der 
deutschen und niederländischen Geiisler von H.Pfannen- 
scimid (20. 7. 00) 360 

— Cät] Voretzsch, Epische Studien (16. 8. 00) 365 

TsE.c^ißC^ Gaí.txek, g en el in, Dr. P., Germanische Bestandthdle des 

râtoromanisrhcn (surselvischen) Wortschatzes (19. 12. 00) . . 617 

— Huonder, Josef, Der Vokalismus der Mundart von Disentis 

(1.4. Ol) 622 

— Candrian, J. J^ Dei Dialekt von Bivio-Stalla (1.4. 01) . . . 627 
E. KoscHWiTZ, EogcD Herzog, Materialien zu einer neuprovençalischen 

Syntax (4, I. Ol) 630 

Em. Walseeg, André G. Ott (de Zurich), Étude sur les couleurs en 

Tîcnx â^inçais (19. 2. 01) 633 

M. FiiEDWAGXER, Emile Delignières, Nouvelles Recherches sur le 

heu d'origine de Raoul de Houdenc (26.2. 01) 748 

ErGEîc HZEZOG, Dr. Leo Wiese, Die Sprache der Dialoge des Papstes 

Gregor (1 7. 3. Ol) 757 

W. MmoL-LÜBKE, E. Frkymond, G. G., Romania No. 114, 115, 116 

123. 380. 508 
O. ScHn.TZ-GoÄA, Berthold Wiese, Giornale Storico della Letteratura 

italiana. Anno XVHI, Voi. XXXVI, fase. 1—3; Anno XIX, 

VoL XXXVII, fasci — 3; Supplemento 3 . . . . I2I. 376. 510 
W. Cloètta, Archiv fur das Studium der neueren Sprachen und Litte- 

raturen XCIX (19. $. 99) 127 

Keixuch Schxeegans, Studi glottologici italiani diretti da Giacomo 

de Gregorio. L (4.9. 00) 636 

D. BzHXESs, Publications of the Modem Language Association of America 

VoLV, VI, Vn edited by James W. Bright (18, I.; 7.4. 01) 758 

G. G., Ntue Bücher 128 

^¡^. Suc hten . Nachtrag zu Zeitschr. XXV 94 — 109 256 

Berichtigung ^^ 

Bcrichügungen zu SS. 633 — 5 762 

Register 763 



Der liistorìsclie Schwanritter. 

(11. Artikel.») 

In dieser Zeitschrift habe ich vor einiger Zeit darauf aufmerk- 
sam gemacht, dafs wir in dem Schwanritter wahrscheinlich den 
Reflex einer historischen Person zu sehen haben. Eine Familien- 
tradition, die sich um Roger von Toëni, einen normannischen Frei- 
herrn der ersten Hälfte des ii. Jhds., gebildet hatte, habe man 
mit Balduin von Boulogne, dem Gemahl der Enkelin dieses Roger, 
verbunden, und diese Verbindung sei die Ursache geworden, dafs 
Gottfried von Bouillon und seinen beiden Brüdern zur Zeit des 
ersten Kreuzzugs und nachher ein Grofsvater zugeschrieben wurde, 
den ein Schwan in das^ Land gebracht haben sollte. Der Ge- 
dankengang aber, wie er in dem Aufsatz niedergelegt war, berück- 
sichtigte im wesentlichen nur eine Seite des Themas. Er stellte 
nur diesen Roger in den Mittelpunkt der Betrachtung, ging auf 
eine Klarlegung anderer die Herkunft der Sage berührender Fragen 
nicht ein und erfuhr daher eine ablehnende Besprechung von 
G. Paris, indem dieser den hypothetischen Charakter einzelner 
Glieder der Beweisführung hervorhebend die Lösung des Problems 
um keinen Schritt weiter gefördert erachtete.^ Es sei mir gestattet 
noch einmal auf die Sache zurückzukommen. Jetzt freilich etwas 
ausführlicher. Ich glaube, dafs ich zu zeigen vermag, dafs auch 
andere, von der Persönlichkeit des Roger von Toëni vollständig 
unabhängige Erwägungen in die von mir bezeichnete Richtung 
hinüberleiten, und dafs infolgedessen das Resultat dieser Er- 
wägungen in Verbindung mit dem, was wir von Roger von Toëni 
und seinen Nachkommen ermitteln können, von neuem ergiebt, 
dafs die Sage vom Schwanritter eine lothringische Umbildung ist 
der normannischen Familientradition. — 

Die ersten Abschnitte der folgenden Untersuchung beschäf- 
tigen sich mit der Frage, ob es vor Gottfried von Bouillon eine 
lothringische Ueberlieferung von einem Schwanritter gegeben haben 
kann. 

I. 

Wenn je ein mächtiges und weitverzweigtes Geschlecht im 
1 2. Jhd. historisch prädestiniert schien , seine Herkunft mit dem 

» Vgl. Ztschr. 21, 176 ff. 2 Romania 26, 58of. 
Zeitschr. L rom. PhU. XXV. I 



2 J. F. D. BLÖTE, 

Schwanritter in Verbindung zu bringen, so war es das Geschlecht 
der Grafen und Herzoge von Limburg, das von der Mitte des 
II. Jhds. bis an das Ende des 13. eines der angesehensten Häuser 
Niederlothringens war. Unter seine Vorfahren zählte es die gleichen 
Geschlechter wie Gottfried von Bouillon ; ^ zwei Herzoge (Grafen) 
dieses Hauses waren als Herzoge von Niederlothringen die un- 
mittelbaren Nachfolger Gottfrieds.^ In den Ardennen lag ihr Ge- 
biet, und zur Zeit, da die Sage vom Schwanritter blühte, fährten 
sie im Volksmunde und offiziell den Titel * Herzoge der Ardennen',^ 
wie die Herzoge von Niederlothringen des 1 1 . Jhds. aus dem Hause 
der Ardennen genannt wurden und wie der Schwanritter in einer 
Version zu einem Herzog der Ardennen gemacht ward.* Zwei- 
einhalb Jahrhunderte bestand das Geschlecht in ununterbrochener 
Fortdauer und konnte es auf ebenso reiche Verbindungen weisen als 
Brabant, mit dem es rivalisierte. Welche günstigen Umstände, die 
Erinnerung an eine Herkunft vom Schwanritter zu wecken und 
lebendig zu halten, falls der Keim dazu schon vorher in diesem 
Geschlechte bestanden und bis dahin nur geschlummert hätte! 
welche günstigen Verhältnisse für eine Verknüpfung mit der Her- 
kunft, falls diese nur ein willkürliches Gewebe der Volksphantasie 
gewesen wäre, das sich beliebig an den günstigsten Fleck heftete, 
oder von einer Familie aus beliebig auf eine andere hätte über- 
tragen werden können! Wohl reichten die Herzoge ihre Herkunft 
bis auf Karl den Grofsen hinauf.^ Aber zu dem Geschlecht des 
Schwanritters rechneten sie sich nicht, und auch andere rechneten 
sie nicht dazu. Dafs es sich hier nicht um ein zufälliges Fehlen 
irgend welcher Aufzeichnung handelt, zeigt folgendes. 

Das limburgische Haus erlosch zwar 1283 mit dem Tode der 
kinderlosen Ermengardis, aber trotzdem hat kein lothringisches Ge- 
schlecht eine so mannigfaltige genealogische Entwicklung aufzu- 
weisen als Limburg in Verbindung mit Luxemburg (letzteres seit 
12 14). In der Nähe des Stammlandes die Häuser Montjoye, 
Valkenburg, Berg, ReüTerscheid, Wildenberg. Waleran IV. nennt 
in einer Urkunde v. J. 1253 unter seinen Verwandten die von 



^ Der Vater Gottfrieds von Bouillon und die Grofsmuller Heinrichs I. 
von Limburg {+ 1 1 1 9) mütterlicherseits waren Geschwister, Kinder Eustachs I. 
von Boulogne und der Gerberga von Löwen (Brabant). Der Stammvater der 
Herzoge von Niedetlothringen war Wigerich, Graf von Bedgau und Trier, 
unter Karl dem Einfachen Pfalzgraf von Lothringen (+ nach 926). Sowohl 
durch seinen Vater als durch seine Mutter gehörte der genannte Heinrich zu 
dem Geschlcchte dieses Wigerich. 

* Heinrich L (f II19) und dessen Sohn Waleran U. Paganus (+ 1139). 
Auch Heinrichs L Grofsvater, Friedrich von Luxemburg, war Herzog von 
Niederlothringen gewesen, 1048 — 1065, zur Zeit, da Herzog Gottfried aus dem 
Hause der Ardennen, Gottfrieds von Bouillon Grofsvater (+ 1070), sich gegen 
die kaiserliche Gewalt auflehnte. 

3 Zeugnisse bei M. S. P. Ernst, Histoire du Limbourg, Liège 1837 — ^^47, 

tir S. 52, t. ni s. 99. III. 117. 139. 

* Grimm, Deutsche Sagen, No. 545 *Der gute Gerhard Schwan*. 
B Ernst, a. a. O. t II S. 64. 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. 3 

Luxemburg, Berg, Jülich, Wassenberg, Reifferscheid, Montjoye.^ 
Aus der Ehe Walerans III. mit Ermensinde von Luxemburg (12 14) 
ging das luxemburgische Haus hervor, das dem deutschen Reiche 
vier Kaiser gegeben hat, von denen drei auch Könige von Böhmen 
waren, einer König von Ungarn. In Frankreich führten eine Anzahl 
hoher Familien ihren Ursprung auf Limburg zurück.2 Aber bei keiner 
einzigen läfst sich nachweisen, dafs sie sich von der Schwanritter- 
herkunfl betrachteten, es sei denn durch eine spätere Verbindung 
mit Brabant^ Und was vom 1 2. Jhd. an für sämtliche Nachkommen 
gilt, erlaubt den Rûckschlufs auf das Stammhaus: es hielt sich 
nicht von der Abstammung vom Schwanritter, und auch andere 
gaben ihm diese Auszeichnung nicht.^ 

Das Haus Limburg (und Luxemburg) hatte keine Herkunft 
vom Schwanritter. Dieses Ergebnis führt zu folgenden Schlüssen: 

1. Für die Herzoge von Niederlothringen aus dem 
Hause der Ardennen oder Verdun: Die Sage vom Schwanritter 
ist keine von Anfang an ererbte uralte Haussage der Vorfahren 
von Gottfrieds von Bouillon Mutter, denn wäre sie schon mit 
Wigerich (f nach 926), dem Stammvater aller ardennischen Ge- 
schlechter verbunden gewesen — wie die Herkunft von Karl dem 
Grofsen und Troja — so hätte sie sich auch in dem limburgischen 
Haus zeigen müssen, wo alles dem Fortleben der Sage günstig war.* 

2. Für die Grafen von Boulogne: Die Sage stammt auch 
nicht aus dem Hause der Grafen von Boulogne vor Gottfried von 

i Ernst, a. a. O. IV, 238. « Ernst, a. a. O. IV, 76. 

' Im Jahre 14 12 war Edmond von Dynter im Auftrage seines Herzogs 
(Anton von Brabant) bei Wenceslas, König von Böhmen. Dieser führte den 
Gesandten in einen Saal, wo Kaiser Karl IV. (1346 — 1378), Wenceslas' Vater, 
die Bilder aller Herzoge von Brabant bis auf Johann UI. (131 2 — 1355) hatte 
aufhängen lassen, und sagte zu ihm 'quod ilia sua esset genealogia, quodque 
ipse de propagine Trojanorum et signanter sancii Karoli Magni imperatoris 
et inclite do mus Brabancie descendit, et quod Ueinricus de Lucemhurgo 
imperaior, proavus suus, habuit filiam primi ducis Johannis Brabancie, ex 
qua genuit avum suum Johannem Bo hernie et Polonie regem* (Chronique 
des Ducs de Brabant par Edmond de Dynter, publiée par P. F. X. De Ram, 
Bruxelles 1857, t. III p. 74 flf.). — Man beachte die Zusammenstellung * Troja, 
Karl der Grofse, Brabant'. Die Erwähnung von Troja und Karl dem Grofsen 
fuhrt zu der Folgerung, dafs Wenceslas bei dem Namen 'Brabant* an den 
Stammvater dieses Geschlechtes dachte, d. h. an den Schwanritter, um so mehr, 
da die braban tischen Herzoge sich auch schon insbesondere von Troja und 
Karl dem Grofsen rühmten, sodafs dieses besondere Nennen von Brabant 
nicht nötig war. Erwägt man nun, dafs Wenceslas auch Heinrich von Luxem- 
burg erwähnt, und dieser ein Enkel war Walerans von Limburg und Ermen- 
gards von Luxemburg, und Limburg und Luxemburg sich auch schon von 
trojanischer und karolingischer Herkunft hielten, so hat das 'Brabant' einen 
besonderen Sinn. Durch Brabant konnte Wenceslas sich nicht nur auf Troja 
und Karl den Grofsen berufen, sondern auch auf den Schwanritter. Nur 
Brabant kannte er den Ursprung zu, nicht Luxembiu'g oder Limburg. 

^ So gestatten z. B. die Häuser Hessen und Heinsberg Rückschlüsse auf 
Brabant Vgl. Verf., Das Aufkommen des clevischen Schwanritters, in der 
Ztschr. f. deutsches Altertum and d. Litt. 42, 41 ff. 

* Wir finden sie ebensowenig bei den Grafen von Salm, von Bar, die 
gleichfaills von Wigerich stammten. 



4 J. F. D. BLÖTE, 

Bouillon. Denn hätte Gottfrieds Vater Eustach IL sich dieses Ur- 
sprungs gerühmt, wie er sich durch seine Mutter Mathilde von 
Löwen (Brabant) karolingischen Geblütes nennen konnte,^ so hätte 
auch seine Schwester Gerberga, Heinrichs L von Limburg Grofs- 
mutter, die Herkunft in das limburgische Haus hinüber geleitet. 

3. Für die Entstehung der Geschlechtssage: Das Fehlen 
der Herkunft im Haus Limburg trotz der aufserordentlich günstigen 
Verhältnisse zur Aufnahme derselben führt zu der Vermutung, dafs 
die Herkunft von einem Schwanritter in anderen Häusern nicht 
auf willkürlicher Volksphantasie beruht, sondern dafs sie sich auf- 
baute auf irgend einer reellen Grundlage.^ 

Die in dieser Weise gewonnenen Folgerungen haben deswegen 
einen hohen Grad der Wahrscheinlichkeit, i. weil der Ursprung 
von Karl dem Grofsen durch die weiblichen Linien in den ver- 
schiedenen Familien vermittelt wurde, wofür Brabant, Namür, Bou- 
logne Beispiele sind; 2. weil die Geschlechter Brabant, Cleve, 
Heinsberg 3, Arkel nur durch eine ihrer Frauen zu der Abstammung 
von einem Schwanritter gelangten. 

2. 

Im J. 1113 stirbt die Ida, die Mutter Gottfrieds von 
Bouillon. In der Lebensbeschreibung^, die zwei oder drei De- 
cennien nach ihrem Tode abgefafst wurde, wird berichtet, wie sie in 
besonderem Rufe der Keuschheit, Frömmigkeit und Wohlthätigkeit 
stand und Wunder verrichtete während ihres Lebens und sogar nach- 
her. Ihr Mann, Eustach IL von Boulogne, ist * genere nobilùsimusj 
Carolo eiiam regi cansan guinilaie proximus\ Ida selbst wird mit der 
üblichen Formel 'nobilissima exorta prosapia^ bezeichnet. Aber der 
Autor dachte sich die Eltern und die Vorfahren der Ida echt mensch- 
lich: spater ejus supra potentes atque fama majores coram imperatore 
Aleniannorum gradum altiorem et quasi Privilegium dignitatis atque 



^ Autoren aus der ersten Hälfte des 12. Jhds. nennen ihn von karo- 
lingiscber Herkunft. Vita B, Idae, cap. i 'genere nobili s simus. Carolo etiam 
regi consanguinitate proximus* (Migne 155, 439); Ord, Viial. 1. IV c. 3 (ed. 
Le Prévost) 'erat magnae nohilitatis, ex prosapia scilicet Caroli Magni Fran- 
corum strenuissimi regis*, 

^ Eine 4. Folgerung finde hier in der Note ihren Platz. Wenn die 
Redaction der Sage von Gerhard Schwan nach Grimm DS. No. 545 den 
Scbwanritter zu einem Herzog der Ardennen macht, und Albrecht in dem 
*Titurel' zwischen 1260 und 1270 ihn in Luxemburg (so wenigstens nach 
Grimm DS. No. 543; nach ed. K. A. Hahn Str. 5960 *Lizabune\ welches seit 
Lohengrins Tod *Luthringen* hieis; vgl. noch die verwirrten Angaben in 
diesem Gedicht, wie Lohengrin in diesem nämlichen Gebiet als Herzog von 
Kasperie 5918, Basper 5920 erscheint; Belaye ist aus Cornvale ^<^2\) sterben 
läfst, so ist, abgesehen von anderen Gründen, hier nur an die allgemeine 
Richtung des Ardennerwaldes zu denken, d. h. mit Erinnerung an Bouillon, 
welches in den Ardennen lag. 

* Das Aufkommen des devischen Schwanritters, a. a. O. S. 1 8 ff. Ueber 
Brabant handle ich nächstens in einer besonderen Schrift 'Das Aufkommen 
der Sage von Brabon Silvius, dem brabantischen Schwanritter'. 

* Migne 155, 437 ff. 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. 5 

potes iatis obiin ens futi, nomine Gode/ridus, mater vero ejus, nah minus 
egregia^ Do da vocahaiur\ Der um 1136 oder etwas später, jeden- 
falls vor 1153 entstandene Ausspruch spezialisiert für Idas Vater 
nicht weiter, was wir unter dem ^gradum altiorem et quasi privi-' 
legium dignitatis atque potestatis* zu verstehen haben. Aber es ist 
historische Thatsache, dafs Idas Vater, Gottfried mit dem Bart 
(t 1070), zuletzt eine weit gröfsere Macht inne hatte als irgend 
einer seiner direkten Vorgänger: in seiner Hand lag die Herrschaft 
über Nieder- und Oberlothringen und über reiche Gebiete in 
Italien, die er sich durch seine zweite Ehe erworben hatte. Dafs 
in dem *gradum altiorem et quasi Privilegium dignitatis atque potestatis* 
nicht die Andeutung einer besonderen Herkunft verborgen liegt, 
ergiebt sich aus des Autors Mitteilungen: Idas Vater nennt er 
Gottfried, als Gattin giebt er ihm die Doda, die ^non minus 
egregia^ als ihr Mann ist, er erkennt ihm *majores\ also nieder- 
lothringische Vorfahren, zu, was dem Wesen des Schwanritters 
widerstreitet, er fafst ihn auf als einen Fürsten über ererbtes Ge- 
biet, denn die Doda tritt ganz zurück, der Autor weist also auf 
verbürgte historische Verhältnisse hin. Dafs auch Idas Vater nun 
seinerseits nicht von einem göttlichen Ahnherrn abstammte, liegt 
in demselben Satz, denn Gottfried übertraf seine Vorfahren in 
Würde und Macht. Und doch wollte der Autor die Ida besonders 
verherrlichen. Er deckt den Glanz ihrer hohen Herkunft auf, aber 
Wunderbares weifs er nur in den Wundern, die sie verrichtete. 
Was ihm bekannt ist, sagt er von ihr. Er erwähnt sogar zwei 
Züge, die wir nachher in der Sage wiederfinden: sie sollte nach 
göttlicher Verheifsung drei Söhne gebären und stillte diese Kinder 
selbst. Nach ihrem Tode noch heilte sie die Enkelin von ver- 
zehrender Fieberkrankheit. Ihr Grab hat der Autor offen gesehen, 
unversehrt lag sie darin. Trotzdem hat er nichts von einer wunder- 
baren Herkunft zu berichten. Sein Schweigen wird unter diesen 
Umständen beredt: die drei Söhne der Ida und die Ida selbst 
ererbten die wunderbare Abstammung nicht als Familiengut, die 
Herkunft von einem Schwanritter ist ihnen von aufsen her aufge- 
tragen worden. 

3. 
Die zeitgenössischen Aufzeichner der Ereignisse des ersten 
Kreuzzugs schweigen ohne Ausnahme bei Gottfried und seinen 
Brüdern von der wunderbaren Herkunft, ebenso wie frühere Autoren 
davon bei den niederlothringischen Herzogen schwiegen. Aus den 
Berichten, die gleich nachher entstanden und fast noch als zeit- 
genössisch gelten dürfen, hebe ich dennoch eine Notiz über Balduin 
heraus, die durch die Eigentümlichkeit ihrer Vorstellung der Dinge 
und durch den Charakter des Schreibenden mindestens den Schlufs 
erlaubt, dafs Gottfried und seine Brüder sich nicht als Nachkommen 
eines Schwanritters betrachteten, und dafs in den höheren Schichten 
der kleinasiatischen Abendländer die angebliche Abstammung ent- 
weder nicht bekannt oder der Erwähnung unwert erachtet wurde. 



6 J. F. D. BLÖTE, 

Radulf von Caen geht 1107 nach Palästina, dient zwei 
Jahre unter Bohemund, wird darauf Secretar bei Tancred und 
verfafst seine Gesia Tancredi aus den Aussagen derer, die die 
Dinge von 1095 an mitgemacht haben. Die Charakteristik, die er 
in diesen Gesten von Gottfried entwirft, besagt für unseren Zweck 
nichts und ist in wenig Worten zusammenzufassen: Bouillon habe 
ihm Namen und Würde gegeben, diese Würde werde erhöht durch 
göttliche und weltliche Tugenden, in welchen er sich als das Kind 
des tapfern Vaters und der frommen Mutter bewähre (cap. 14). 
Wichtig ist aber der Passus über Gottfrieds Bruder, Balduin I., 
König von Jerusalem. Radulf hält Balduin offenbar für einen 
Mann von höherer Bedeutung als Gottfried. Das Blut Karls des 
Grofsen, den Thron Davids, das Leben Alexanders des Grofsen 
nimmt er für Balduin in Anspruch: *. . . tot vitae intervallis ornart, 
quae a Francorum sceptro lucem ingressa, ab Hierosolymitanorum erat 
egressura; atque liquidius claret, a magno ilio rege Carolo genus 
t rah en s super solium David sessurus divinitus trahebatur. Jure 
ergo ac merito Alexandrum vivebat, cujus illustrabant Carolus or tum, 
David occasum; nee degenerare debebat gladius hebes, cujus sie fulge- 
rent cunae et tumulus^ (cap. 37). Hier wäre doch, sollte man meinen, 
neben Franken und Jerusalem, neben einem Ursprung von Karl 
dem Grofsen, dem Sitzen auf dem Thron Davids, neben dem Leben 
wie Alexander der Grofse, neben der göttlichen Führung, neben 
der glänzenden Wiege und dem glänzenden Grab, ein Hinweis 
auf eine höhere, besondere Herkunft angebracht gewesen. Radulf 
ist freilich ein Skeptiker. Man sieht es aus seiner Stellung zu der 
hlg. Lanze (cap. lOi), die er sogar einen Betrug nennt (cap. 108). 
Hat Radulf geschwiegen von der wunderbaren Herkunft Balduins, 
weil er nicht darum wufste, oder hat er sie übergangen als eine 
unnütze Fabel? Die Lanze, die soviel Aufregung hervorrief, konnte 
er nicht übergehen, sie war ein Stück Geschichte von eingreifender 
Bedeutung, das manche als ein Wunder betrachteten. Die Volks- 
meinung über Balduins Herkunft, falls sie damals schon bestand, 
hatte diesen Wert nicht. Aber eins folgt aus den Worten Radulfs. 
Eine Haussage der Herzoge von Nieder lothringen aus dem Hause 
Verdun war die Tradition nicht. Sie wäre alsdann zur Zeit Gott- 
frieds allen Niederlothringem bekannt gewesen, und lobend oder 
tadelnd hätte Radulf etwas davon in die Charakteristik Balduins 
einfliefsen lassen. 

Und zu dem gleichen Schlufs führt die Chronik Alberts von 
Aachen (um 1125), der wir den ausführlichsten Bericht über den 
Anteil der Lothringer an dem Kreuzzug verdanken. Im Gegensatz 
zu Radulf, für welchen Balduin gröfsere Bedeutung hatte, verherr- 
licht der Aachener Kanoniker den Gottfried übermäfsig, sieht in 
ihm das auserwählte Rüstzeug Gottes, späht nach Zeichen, Wundern 
und Träumen, aus denen sich das Leben und die Thaten seines 
Helden schon vorher ableiten liefsen. Ein Geistlicher Aachens hat 
in einem Traume Gottfried in der Sonne gesehen, unzählige Vögel 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. 7 

aller Art kamen auf den Herzog zugeflogen, von denen sich ein 
grofser Teil ihm zur Rechten und zur Linken setzte; die Sonne 
wurde alsdann durch die strahlende Klarheit des Herzogs ver- 
dunkelt, endlich versank der Herzog mit seinem Stuhl und mit 
ihm fast alles Geflügel (1.VI c. 36. 37). Wurde ein Mann, der 
solches in seine Darstellung aufnimmt und deutet, eine wunderbare 
Herkunft Gottfrieds oder eines seiner Ahnen nicht mit in Rechnung 
gezogen haben, wurde er sie nicht als ein neues Moment auf- 
gegriflen haben, seinen Gottfried über alle anderen hinauszuheben, 
wenn wir in der Abkunft eine alte Haussage der Herzoge hätten? 
Von den Vorfahren der Bruder ist charakteristisch genug bei Albert 
überhaupt nicht die Rede. Eine neue Andeutung, dafs Albert von 
einer alten Haussage nichts bekannt war. 

Gottfried von Bouillon und seine Brüder waren von Haus aus 
keine Nachkommen eines wunderbaren Vorfahren. 

4- 

Die Herkunft war demnach keine den Herzogen von Nieder- 
lothringen oder dem Gottfried von Bouillon ursprünglich ange- 
borene. Dies folgt aus den limburgischen Verhältnissen, aus der 
Lebensbeschreibung der Ida, aus den Berichten eines Radulf von 
Caen und eines Albert von Aachen. 

Der nächste Gedanke ist jetzt wohl der, dafs in Nieder- 
lothringen eine von dem Geschlecht der Herzoge unabhängige 
Volkstradition bestanden habe, sei es als eine in der Tiele des 
Volksglaubens ihr stilles Dasein fristende, sei es als Herkunftssage 
einer anderen lothringischen Familie, so dafs von dort aus die 
Herkunft auf Gottfried von Bouillon übertragen worden sei, ent- 
weder aus hoher Verehrung seiner Person oder aus einem anderen 
uns weiter nicht bekannten Grund. Und von diesem Gedanken 
aus läfst sich dann Weiteres folgern. Wenn um iioo in Lothringen 
die Anschauung bestand, dafs einst ein unbekannter Rittor mit 
einem Schwan erschienen sei und noch erscheinen könne, um wie 
ein Retter in den Geschicken des Landes aufzutreten; wenn da- 
neben märchenhafte Vorstellungen im Umlauf waren, nach welchen 
Kinder in Schwäne und umgekehrt verwandelt werden konnten: 
greift dann eine solche Tradition mit ihren Wurzeln nicht tief in 
die alte heidnische Zeit zurück, liegt ihr Keim dann nicht in der 
bei uncivilisierten Völkern häufig beobachteten Ansicht, die übrigens 
auch ihre deutlichen Spuren in der ägyptischen und in der israe- 
litischen Cultur hinteriassen hat, dafs eine enge Verwandtschaft 
bestehe zwischen Mensch und Tier, die sich u. a. auch bethätige 
in dem gegenseitigen Wechsel der Gestalt vor oder nach dem 
Tode, — kurz, ist dann die Sage vom Schwanritter nicht ein Rest 
von einstigem Totemismus? Und wenn dem so ist, so steht die 
Volkstradition noch unter der Einwirkung einer Zeit, von der aller- 
dings nur spärliche Kunde auf uns gekommen, aber ist sie eben 
deshalb alsdann ein wertvolles Zeugnis von der Macht und Zähig- 



8 J. F. D. BLÖTE, 

keit Uralter Anschauungen, die immer wieder unter günstigen Um- 
ständen durchbrechen, sich anschmiegen an neue Verhältnisse und 
erneuten Beifall finden und begeisterten Glauben. 

Und wirklich scheint einiges diesen naheliegenden Gedanken 
und seine Folgerungen zu stützen. Für die totemische Natur der 
Sage bieten sich als Parallelen das Märchen von den Schwan- 
kindern, das gewöhnlich mit unserer Sage verbunden vorkommt, 
und die Berichte von Menschen und höheren Wesen, die sich nach 
germanischem und keltischem Volksglauben in Schwäne und andere 
Tiere verwandelten. Für eine alte vorgottfriedische lothringische 
Volkssage läfst sich die Art und Weise geltend machen, wie Johannes 
von Alta Silva und der Chronist von Brogne die Sage vom Schwan- 
ritter mitteilen. 

Und dennoch: wie naheliegend der Gedanke, wie folkloristisch 
und modemer Auffassung gemäfs die Folgerungen auch sein mögen, 
Gedanke und Folgerungen stehen auf unsicherem Grunde, noch 
mehr: sie weisen in falsche Richtung. 

Prüfen wir zuerst einmal, ob Johannes von Alta Silva und 
der Chronist von Brogne, welche doch bei all dem stützenden 
Material faktisch die einzigen sind, die sich mit dem Schwanritter 
beschäftigen, in ihren Angaben wohl etwas für eine alte lothrin- 
gische Sage von einem Schwanritter beweisen. 

5. 

Johannes von Alta Silva läfst in seinem frühestens 11 79, 
vermutlich aber ca. 1 1 84 verfafsten ^ Dolopathos einen der Sieben 
Weisen die Geschichte von den Schwankindem erzählen als Bei- 
spiel von einem Fall, der * quondam acciaiti ut mulierìs malitia de- 
iegatur* (ed. H. Oesterley S. 73). Als nun die Geschichte bei dem 
Punkte angelangt ist, dafs einer der Schwäne durch die schadhaft 
gewordene Kette nicht mehr in die menschliche Gestalt zurück- 
kehren konnte, da findet sich der Zusatz Uignus permanens um 
socio rum adhestt fratrum. Hie est cignus, de quo fama in etemum 
perseverai, quod cathena aurea militem in navicula trahat armaium* 
(ebd. 79), worauf dann die Erzählung in wenigen Zeilen (6 in 
Oesterley 's Ausgabe) noch berichtet, dafs der Vater die Kinder 
als die seinen erkannte, seine Gattin in ihrem Rechte wieder her- 
stellte, die böse Mutter aber zu derselben Strafe verurteilte, als 
vorher über die Gattin verhängt worden war. — 

Was sich bei Johann v. Alta Silva von einem Schwanritter 
findet, ist also wenig, und das Wenige sehr unbestimmt. 

Nun ist es allerdings richtig, dafs die Version von den Schwan- 
kindern bei Johann v. A. S. ältere Züge aufweist, als die anderen 
Redactionen ,2 dafs der Dolopathos die einzige von den uns er- 

* H. Oesterley, Johannis de Alta Silva Dolopathos, Strafsburg 1873, 
Einleitung S. XI: 1 184/5; G.Paris, Romania 19,317: vers il 90; G. Gröber, 
Grundrifs der rom. Phil. II, I S. 321: vor 1200. 

' G. Paris, Romania 19, 319 f. 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. 9 

haltenen Fassungen von den Sieben Weisen ist, die das Märchen 
von den Schwankindern erzählt, und dafs mit hoher Wahrschein- 
lichkeit die Benutzung der Schwanensage in dieser Rahmenerzählung 
von Johann herrührt. Es ist ferner richtig, dafs in dem Zusatz 
über den Schwanritter die historischen Bezüge zu den Herzogen 
von Niederlothringen oder zu anderen Häusern fehlen, und dafs 
das Utgnusy de quo fama in eternum perseverai . . .' einen gewissen 
rhetorischen Schwung zeigt. Aber, wenn aus alledem geschlossen 
werden sollte, dafs namentlich in Anbetracht der älteren Züge der 
Version von den Schwankindern das Fehlen der historischen Be- 
züge in den Worten über den Schwanritter doch wohl auf gröfsere 
Altertümlichkeit auch dieser Materie bei Joh. weisen könnte, auf 
eine Periode, da die Sage vom Schwanritter noch nicht mit einer 
historischen Persönlichkeit verbunden war, so schliefst man doch 
wohl etwas voreilig. Zunächst besagen die älteren Züge in dem 
Märchen von den Schwankindern gar nichts für den Zusatz vom 
Schwan ritt er, denn die Verbindung von Schwanritter und Schwan- 
kindem war zur Zeit des Johann v. A. S., d. h. 1179 oder nachher, 
noch sehr jung,^ so dafs von den Schwankindem aus keine Schlüsse 
auf Altertümlichkeit von Johanns weiteren Angaben gemacht werden 
können. Und ferner findet sich in der Redaction der Elioxe- version 
der Schwankinder, die einige gleich alte Züge aufweist und der 
gleichen Zeit angehört,^ nur die Verbindung mit dem Schwanritter 
Bouillons. 

Aber wir kennen aufserdem den klar ausgesprochenen Zweck 
der Erzählung und den Charakter des Erzählers. Wie die anderen 
Erzählungen im Dolopathos geht auch das Märchen von den 
Schwankindern kaum einen Schritt über diesen Zweck hinaus. 
Alles spitzt sich auf ein Umstimmen des Königs, damit er den 
Sohn nicht dem Flammentod preisgebe. Nicht die Mitteilung einer 
in sich abgerundeten Redaction von der Schwanensage ist das 
Ziel des Mönchs von Haute-Seille, obgleich sich an den älteren 
Zügen zeigt, dafs er seine Quelle in den Hauptmomenten genau 
wiedergegeben haben mufs. Sondern: einer der Weisen soll aus 
seiner Erzählung hervortreten lassen, wie es einst geschah, dafs 
die Bosheit einer Frau aufgedeckt wurde, oder wie er nach Be- 
endigung der Erzählung sagt, wie grofs die Bosheit einer Frau sei. 
Nur in dem Märchen von den Schwan kin dem wird die Bos- 
heit der Frau aufgedeckt. Die Geschichte von dem Schwanritter 
hatte für diesen Zweck keinen Werk. Und angesichts dieses Zweckes 
ist es begreiflich, dafs Johann v. A. S. nur wenige Worte für den 
Schwan ri tter hat. Blofs das Allernötigste wird gesagt. Es folgt 
auch sofort in seiner Erzählung nach dieser Andeutung auf den 
Schwanritter die Rückkehr zu den Schwankindem. *Recognovit 
ergo recepitque pater filios ....'. Die wenigen Worte über den 
Schwanritter beweisen also nicht nur nichts für ein älteres Stadium 



* S, unten S. 16 f. ' G, Paris, Romania a, a. O, 



IO J, F. D. BLÖTE, 

der Sage vom Schwanritter, sondern die Haltung der Erzählung 
und ihr Zweck erlauben keinen anderen Schlufs, als dafs Joh. v. 
A. S. mehr von dem Stoff wufste, dafs das Allgemeine, das Unbe- 
stimmte in dem Satz eine Folge ist von der Bedeutung, die Joh. 
V. A. S. dem Märchen von den Schwankindern beilegte. 

Und hier ist, dünkt mich, nicht ohne Bedeutung, dafs Joh. 
V. A. S. durch sein 'cignus^ de quo fama in eiernum perseverai dem 
Zusatz vom Schwanritter einen gewissen rhetorischen Schwung ver- 
leiht Seine Worte weisen darauf, dafs er von einem Factum 
spricht, das auch andere kennen, ihn selbst aber mit Bewunderung 
erfüllt. Und das schliefst ein, dafs der Autor sich nicht an einem 
blofsen Märchen begeistert hat. Sein rhetorischer Schwung deutet 
auf eine Beziehung, an deren Existenz man glaubte, die in den 
Augen des Erzählers etwas Grofses, etwas Ungewöhnliches hatte. 
Und das kann für 1179 oder kurz nachher nur die Beziehung ge- 
wesen sein zwischen dem Schwanritter und Gottfried von Bouillon. 
Denn die Herzoge von Oberlothringen, wie die von Niederlothringen 
seiner Zeit stammten nicht von einem Schwanritter. Aufserdem 
war die Verbindung zwischen Schwan ri tter und Schwankindern 
kaum einige Jahrzehnte alt. Und nur ein dichterischer Kopf voll- 
zog sie, denn es scheint, dafs am Ende des Schwankinder- 
märchens Aenderungen vorgenommen worden sind, damit die Ver- 
bindung möglich sein konnte.* — Was Johann v. A. S. zu dem 
Ausruf *hic est cignus, de quo fama in eiernum perseverai'' brachte, 
ist ihm auch wohl kaum aus Begeisterung für Lothringen ein- 
gegeben. Er war Geistlicher und überall in seinem Büchlein be- 
wahrt er seinen Charakter als Geistlicher: die Hand Gottes greife 
ein, von den Frauen rühre das gröfste Unheil in der Welt Auch 
in der Schwanensage und was mit dieser bei ihm zusammenhängt, 
zeigen sich diese asketischen Züge. Ihn, den Geistlichen, wird 
der Schwan als göttliches Wunder begeistert haben, wie wenige 
Jahre nachher Lambert von Ardres und etwas später der Chronist 
von Brogne den Schwan oder den Ritter als besonders von Gott 
gesandt betonen. Hätten wir es mit landschaftlicher Begeisterung 
zu thun, so wäre es gewifs nicht bei der vagen Andeutung ge- 
blieben, es würde sich wohl ein Hinweis auf Lothringen gefunden 
haben. Und dabei darf nicht vergessen werden, dafs das Kloster 
Alta Silva nicht in dem Gebiet lag, das Gottfried von Bouillon 
einst verwaltet hatte. Und so ist das Präsens nicht mehr auf- 
fallend in ^Hic esi cignuSy de quo fama in eiernum perseverai, quod 
cathena aurea miliiem in navicula ir ah a i armaium\ Nach der Vor- 
stellung Johanns könne der Schwan jeden Tag von neuem er- 
scheinen, das Wunder also sich jeden Tag erneuern. Und eine 
solche Vorstellung konnte der Verfasser aus der Sage vom Schwan- 
ritter gewinnen, wie sie die damaligen französischen Versionen 
boten: noch liefs man den Schwan nicht in scine menschliche 



> G. Paris, a. a. O. 325, 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER« II 

Gestalt zurückkehren, noch wufste man nicht von einem Wieder- 
finden des weggezogenen Schwanritters. Die vage Angabe Johanns 
V. A. S. ist demnach, ebenso wenig als der Bericht des Brogner 
Chronisten, wie wir gleich sehen werden, ein Beweis für die 
Existenz einer uralten lothringischen Version des Schwanritters: 
das Allgemeine der Angabe, der Zweck der Erzählung, zu der sie 
nur ein unbedeutender Zusatz ist, die Zeit, in welcher der Ver- 
fasser des Dolopathos schrieb, der geistliche Charakter des Autors, 
sein rhetorischer Schwung, das Stadium, in welchem sich damals 
die französischen Versionen befanden, das alles weist auf keine 
andere Form der Sage, als die wir aus den französischen Versionen 
kennen, — und diese knüpfen ausnahmslos an Gottfried von 
Bouillon an. — 

6. 

Mit grofsem Feuer spricht ein Chronist des Klosters 
Brogne (oder St. Gérard südlich von Namûr) um 121 1 von der 
Errettung der erhabenen Mutter der Lothringer und ihrer 
Tochter durch einen Ritter, den Gott, alte Wunder erneuernd, 
unter Führung eines Schwanes nach Mainz sandte. Dieser Ritter 
habe an eben diesem Orte den unverschämten Fürsten von Sachsen, 
den Bedränger der beiden Frauen, getötet und die Tochter ge- 
heiratet. Aus dem Samen dieses Ritters seien Gottfried von 
Bouillon und dessen Brüder hervorgegangen , wie auch eine 
Schwester Gottfrieds, die Mutter des Manasses, des Herrn von 
Hierges.* — Wie es um diesen Bericht und die Zuverlässigkeit 
desselben steht, werde ich in einer besondem Arbeit zeigen, da 
die Auseinandersetzung hier zu weit führen würde.2 Ich gebe hier 
nur die Resultate. Die Begeisterung findet bei dem Chronisten 
nicht etwa ihren Grund in der Verehrung des Schwanritters an 
sich, oder in seinem lothringischen Patriotismus, oder in besonderer 
Bekanntheit mit lothringischer Folklore und lothringischer Ge- 
schichte, sondern seine Begeisterung ist nur ein Ausflufs einer be- 
greiflichen Verhimmelung des Manasses von Hierges. Dieser hatte 
dem Kloster Brogne eine wertvolle Reliquie mitgebracht — ein 
Stück des echten Kreuzes — und ihm andere Schenkungen ver- 
macht Und das Kloster hielt dafür den Manasses in dankbarem 
Angedenken, zu urteilen wenigstens nach dem Chronisten. Die 
Chronik handelt nur von Manasses und der geschenkten Reliquie. 
Der Chronist sucht also jedem Vorkommnis in des Manasses Leben 
eine besondere Bedeutung beizulegen. Ob der Lobredner bei 
diesem Verfahren die historischen Thatsachen schief interpretiert. 



^ Die Chronik ist 1780 in Basel herausgegeben von Le Paige in seiner 
Histoire de P Ordre héréditaire du Cygne, Ein Auszug daraus bei Reiffen- 
berg, Chevalier au Cygne, Bruxelles 1846, S. 147 ff. Ergänzende Besprechung 
dazu von Eng. del Marmol in Annales de la Société Archéologique de Namur 
t. V p. 261 ff. 

* In der Ztschr. U deutsches Altertum u. d. Litt. Bd. 4^. 



12 J. F. D. BLÖTE, 

macht ihm wenig Sorgen. Der Himmel und die höchsten welt- 
lichen Mächte stehen in Beziehung zu seinem Manasses. Die 
Jungfrau Maria liefs ihn in einem unbekannten Winkel geboren 
werden und ihn doch der höchsten irdischen Ehren geniefsen. 
Nach seinem Tode greift Gott selbst ein, als des Manasses Sohn 
sich weigerte, die Reliquie herauszugeben, wie sein Vater ihm ge- 
boten hatte. Manasses stammt von dem sagenhaften König Marcus 
und von dem gottgesandten Schwanritter, er ist eines Blutes mit 
den Herzogen von Lothringen, den Vorfahren seiner Mutter und 
der Könige von Jerusalem. Er wird nach Jerusalem gerufen: die 
Königin -Witwe, seine Cousine (einst die Gemahlin König Fulkos), 
hat von seinem Ruhm gehört und bedarf seiner. Er wird ihre 
Stütze in der Regierung und erzieht ihren Sohn. König Lothar 
und König Ludwig loben ihn, als sie nach Jerusalem kommen. — 
Aber der gröfste Teil der Herkunft ist Fabel. Wohl war Manasses 
durch seine Mutter ein Neffe Balduins IL von Jerusalem (i 1 18 — 1 131), 
dieser aber war kein Nachkomme des Schwanritters. Der Chronist 
fafst ferner diesen Balduin II. und dessen unmittelbaren Vorgänger 
Balduin L (iioo — 11 18), den Bruder Gottfrieds von Bouillon, als 
eine Person auf. Und so begreift es sich, wie Manasses bei ihm 
zu einem Nachkommen des Schwanritters wird. Und dafs die 
Herren von Hierges nicht etwa durch sich selbst schon von dem 
Schwanritter abstammten, zeigen des Chronisten Worte, dafs Ma- 
nasses nur durch seine Mutter Schwanritterblut hatte, indem 
diese Mutter eine Schwester Gottfrieds von Bouillon war. — Was 
an Schwanritterstoff geboten wird, gehört also nicht zum Manasses 
und kann nach dem Charakter dieser Chronik nur ein aufge- 
bauschter Nachhall der Sage von dem Grofsvater der drei Brüder 
sein. Ein Zug läfst sich geradezu als falsch erweisen: Mainz als 
Ort der Landung und des Kampfes.^ Wie es scheint, folgte der 
Chronist der sehr verbreiteten Beatrixversion vom Hörensagen (eine 
silberne Kette zieht das Boot, bei Alta Silva und in der Elioxe- 
version eine goldene). Er schrieb 121 1, d. h. ein volles Jahrhundert 
nach Gottfrieds Tod. — Aus seiner Darstellung ¡st demnach kein 
Beweis zu schöpfen für die Existenz einer vorgottfriedischen lothrin- 
gischen Sage oder für ein besonderes Stadium der Tradition vom 
Schwanritter. 

7- 

Wenn aus den soeben behandelten Berichten ein Schlufs auf 
die Existenz einer lothringischen Sage vor Gottfried nicht gestattet 
ist, so berechtigt dies keineswegs das Bestehen einer solchen Tra- 
dition ohne weiteres in Abrede zu stellen. Die Untersuchung ver- 
langt also eine Antwort auf die Frage, ob aus irgend einem Um- 
stand gefolgert werden kann, dafs im 11. Jhd. oder anfangs des 
1 2. Jhds. in Lothringen eine solche Sage vom Schwanritter möglich 



1 Ztschr. f. deutsches Altertum u. d. Litt., a. a. O^ 



DER HISTORISCHE. SCHWANRTITER. 1 3 

oder nicht möglich war. Und dabei sind zwei Fälle zu erwägen. 
Gab es eine lothringische Sage vom Schwanritter vor Gottfried, so 
war sie entweder unabhängig von irgend einem Geschlecht, oder 
sie war eine Haussage irgend einer anderen lothringischen Familie. 
In dem einen wie in dem anderen Falle wurde alsdann die Her- 
kunft zur Zeit des ersten Kreuzzugs oder, was wahrscheinlicher 
wäre, nachher auf Gottfried von Bouillon und seine Brüder über- 
tragen. 

In der Verbindung der Sage mit Gottfried und seinen Brüdern 
haben wir ein Mittel über eine solche vorherige Existenz der Sage 
ins Klare zu kommen. 

Erste Annahme. 

Die Sage bestand zuvor unabhängig von irgend einem Ge- 
schlecht und ward nun um oder nach i loo mit Gottfried von 
Bouillon und seinen Brüdern verbunden. Gottfried allein oder 
einer seiner Brüder oder sie alle zugleich müssen alsdann speziell 
zu der Verbindung Anlafs gegeben haben, denn sonst hätte die 
Verbindung sich an ihnen ebenso wenig vollzogen als an ihren 
nächsten Vorfahren oder als an anderen ihrer lothringischen und 
sonstigen Zeitgenossen. Eine sehr gewöhnliche und verbreitete 
Ansicht ist die, dafs die Lothringer ihrem Gottfried, d. h. dem 
Manne, der das Teuerste, was die Christenheit kannte — Jeru- 
salem und das heilige Grab — , den Heiden entrifs und dann an 
dem heiligen Ort König war, durch die Verbindung eine über- 
natürliche Herkunft verleihen wollten. Und diese Ansicht scheint 
berechtigt zu sein, obgleich ich dafür bis jetzt noch nirgends eine 
ausführlichere Motivierung gefunden habe. Kein einziger der anderen 
Kreuzfahrer kam ja zu dieser Herkunft; Gottfried war der Anführer 
der Lothringer und gelangte durch den Zug zu hoher Bedeutung, 
während er als Herzog von Niederlothringen (seit 1089) keine 
Rolle gespielt hatte; ^ nur lothringische Historiographie fafste ihn 
in den ersten Decennien des 12. Jhds. als einen gottgesandten 
Führer auf;* kein einziges Factum aus dem Leben der nächsten 
Vorfahren Gottfrieds ist bekannt, das zu der wunderbaren Her- 
kunft hätte Anlafs geben können, ja, es läfst sich geradezu zeigen, 
dafs die Herkunft von einem der nächsten Vorfahren nicht her- 
rühren kann;ä und schliefslich: haben wir nicht analoge Fälle an 
den gotischen, angelsächsischen, schwedischen Königen, an den 
griechischen und römischen Heroen, Familien und Fürsten u. ä., 
dafs zu deren Verherrlichung eine ähnliche Verbindung mit der 
Gottheit erfunden wurde? Und so hat es in der That den An- 
schein, dafs die Lothringer Gottfried mit dem Schwanritter in Be- 
ziehung setzten, um ihn in dieser Weise vor allen Grofsen und 



1 H. Pirenne, Geschichte Belgiens Bd. I, Gotha 1899, S. 100. 

* Zuerst bei Albert von Aachen; nicht bei den Zeitgenossen anderer 
Nation. Vgl. H. v. Sybel in AUg. Monatsschrift f. Wissenschaft u. Lilteralur, 
Juli 1851, S.48f. 

' S. unten Anfang des 9. Abschn. S. 26 f. 



14 J. F. D. BLÖTE, 

Fürsten zu erheben, mochten diese nun an dem heiligen Krieg 
teilgenommen haben oder nicht — Eine solche Ansicht von der 
Entstehung der Herkunft schliefst aber notwendig die Voraus- 
setzung ein, dafs die Lothringer vor Gottfried oder zur Zeit des 
ersten Kreuzzugs und noch nachher in dem Schwanritter eine be- 
sondere Persönlichkeit erblickten, dafs speziell die Niederlothringer 
um I IDO zu dem Schwanritter aufschauten wie zu einem Volks- 
heiligen oder zu einem schützenden Landesgenius oder zu einem 
Wesen von ähnlicher hoher Bedeutung, von dem abzustammen in 
den Augen der damaligen Lothringer ein hohes begehrenswertes 
Gut, vielleicht das höchste Ideal ward, ebenso als die angelsäch- 
sischen Könige von ihrem Wodan, die schwedischen von ihrem 
Frey, die gens Julia von Mars und Venus und Kaiser Augustus 
von Apollo 1 abstammten. Denn die Verbindung Gottfrieds mit 
einem landläufigen Märchen liegt aufserhalb der vorausgesetzten 
Verehrung. 

Aber die Bedenken gegen diese Ansicht sind so grofs, dafs 
sie nicht aufrecht gehalten werden kann. Die Lothringer können 
vor Gottfried und in der ersten Zeit nachher in dem Schwan- 
ritter keine besondere, von Gottfried unabhängige Persönlichkeit 
erblickt haben, und infolgedessen Gottfried nicht dadurch haben 
verherrlichen wollen. Die Bedenken sind folgende: 

1. Liegt es wohl in dem Charakter des letzten Jahrzehnts des 
II. und der ersten Hälfte des 12. Jhds. mit ihren Kreuzzugs- 
tendenzen und Kreuzzugserinnerungen, dafs sich in Lothringen 
eine Anschauung Bahn brechen konnte, die einen christlichen 
Helden infolge speziell christlicher Thaten als Nachkommen eines 
Wesens auffafste, dem gegenüber die Kirche als Kirche sich ganz 
neutral verhielt? Neutral, denn Männer geistlichen Standes, wie 
Johann von Alta Silva und der Chronist von Brogne, betrachteten 
mehrere Jahrzehnte nach Gottfried den Schwanritter zwar als ein 
göttliches Wunder, aber der schroffe Helinand erklärte ihn um 
dieselbe Zeit für eine Ausgeburt der Hölle, für ein beweisendes 
Beispiel zu seiner Meinung, dafs der böse Geist einen fruchtbaren 
fleischlichen Umgang mit einem menschlichen Wesen haben könne, 
wie ihm nach Vincenz von Beauvais und sodann die Hexenbücher 
seit dem ausgehenden 15. Jhd.* Und hätte die Kirche den Schwan- 
ritter als besonderes Wesen anerkannt, so würde er gewifs nicht 
mit Gottfried verbunden worden sein, es sei denn dafs Gottfrieds 
Vorfahren schon von dem Ritter ihre Abstammung hergeleitet 
hätten, was aber nicht der Fall war. 

2. Liegt es wohl in dem Charakter einer Gruppe oder eines 
einzelnen ihren gefeierten Helden so kurz nach seinem Tod zu 
einem Nachkommen eines Wesens zu machen, von dem man bis 



^ Nach dem Aegypter Asclepiades von Mendes, bei Sueton, Octav. c. 94. 
' S. für den Schwanrilter als Dämon Verf. Das Aufkommen des cle- 
vischen Schwanritters a. a. O. S. 6 f. Anm. 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTKR. 15 

dahin wufste, dafs es keine Nachkommen hatte? denn Gottfried 
und seine Bruder waren die ersten, die Nachkommen des Ritters 
wurden. Und dies im Widerspruch mit aller germanischen, kel- 
tischen, griechischen und römischen Tradition, die uns lehrt, dafs 
aus der Ehe von unsterblichen Vätern mit sterblichen Müttern 
Söhne geboren werden, so dafs wir erwarten müfsten, dafs die 
Bruder durch ihren Vater Enkel des Ritters wären. 

3. Liegt es wohl in dem Charakter einer sagenbildenden Zeit 
überhaupt, ein Wesen, das bis dahin in nebelhafter Feme lebte, 
fortan als den Grofsvater eines Mannes zu betrachten, der soeben 
erst gestorben war, dessen Vorfahren nicht mit diesem Wesen in 
Verbindung standen? Oder falls in der That ein Wesen existierte, 
das als Landesgenius oder ähnlich aufgefafst wurde, das also nach 
landläufiger Anschauung zu jeder Zeit erscheinen könne, lehren 
uns dann andere Ueberlieferungen nicht, dafs ein göttliches Wesen 
selbst der Vater wird und zwar durch wunderbare Befruchtung 
der Mutter? Der keltische Lug zeugt so den Helden Cûchulainn, 
der römische Mars den Romulus und Remus und nach Ascle- 
piades von Mendes ward Apollo der Vater des Augustus, indem 
der Gott als Drache die Atia überraschte. So dafs es auffällt, 
dafs nichts Wunderbares mit Ida stattfindet und auch die beiden 
anderen Bruder mit in die Verherrlichung gezogen werden. 

4. Kann überhaupt von Erhöhung die Rede sein, wenn die 
französischen Chansons, die die Herkunft Gottfrieds um ihrer 
selbst willen erzählen und die Stimmung bewahren, in welcher der 
erste firanzösische Redactor den Stoff um 11 60 oder etwas später 
vorfand, das Factum von dem Auftreten des Ritters berichten wie 
andere Erzählungen der gleichen Art, nicht den Ritter wie eine 
Wundererscheinung vorführen, die in der höchsten Not von Gott 
gesandt die Entscheidung bringt, sondern ihn begleiten, wie jeden 
anderen Ritter, der in solchen Romanen auf Abenteuer auszieht? 
Ja, sie fassen den Ritter so menschlich auf, dafs er seinen Geg- 
nern kaum gewachsen scheint, ebenso wie die sonstigen Ritter 
dieser Kategorie. Sie betrachten die Sache so wenig als eine 
göttliche und den Ritter so wenig mit der Gottheit in Verbindung 
stehend,^ dafs die ältesten Versionen den Zweikampf des Ritters 
mit dem Bedränger der Frauen als die erste That seiner Jugend 
berichten, und dafs der Ritter aufserdem mit den Schwankindem 
vereinigt wurde. — Ein jedes von diesen vier Bedenken weist 

' Allerdings sagt der Engel, der Ida in der Hochzeitsnacht erscheint: 

'Dex le t'a envoie par son commandement; 

Bien le devés amer, quant vo terre vos rent 

Et il vos a ostée de desentement. 

Il est plus jentiex hom, por voir le vos créent, 

Que ne soit l'emperere, à qui Cologne apent.' 

(éd. Hippeau I, S. 154.) 
Doch wohl nichts Anderes als ein Zusatz vom Dichter unter dem Einflufs der 
Erzählung. In der Handlung selbst tritt von der göttlichen Nalur des Ritters 
nichts hervor. 



1 6 . J. F. D. BLÖTE, 

darauf, dafs eine vorherbestehende Tradition nicht absichtlich mit 
Gottfried zu seiner Verherrlichung verbunden wurde, dafs es ein 
anderes Band gewesen sein muís, ein natürliches, das ihn mit 
einem Schwanritter verknüpfte. 
Es giebt aber noch Anderes. 

5. Mit der hohen Bedeutung etwa als der eines Schutzgeistes 
des Landes ist ferner in Widerspruch, dafs die märchenhafte Vor- 
stellung vom Schwanritter im Verborgenen lebte, denn nirgends 
hat sich eine Andeutung über sie erhalten aus der Zeit vor dem 
letzten Viertel des 12. Jhds., in keiner Chronik des 10. und 11. Jhds., 
sogar nicht in der Geste der Loherains, während von ca. 1 1 80 an 
reichliche Zeugnisse vorliegen. Man halte dagegen die Herkunft 
der germanischen Könige von Wodan und Frey und die Ab- 
stammung der griechischen und römischen Geschlechter und Heroen 
von ihrem Zeus, Apollo u. ä., auch ohne diese Abstammung kennen 
wir die Bedeutung dieser Götter. Und der Schwanritter hat sogar 
keinen Namen, denn Helyas, Loherangrin, Brabon Silvius sind Be- 
zeichnungen späterer Zeit. — Die märchenhafte Vorstellung kann 
femer schwerlich auf die günstigste Gelegenheit gewartet haben 
hervorzubrechen, denn die vorangehenden Herzoge von Lothringen, 
Gozzillo 1 1044, Gottfried der Bärtige f 1070, Gottfried der Höckrige 
t 1076, übertrafen sowohl ihre Zeitgenossen als auch Gottfried an 
Macht und Ansehen, und die beiden letzten fanden aufserdem 
ihren Platz in den französischen Epen vom Schwanritter. Nach 
den Chansons soll der Ritter übrigens erst nach Gottfried dem 
Höckrigen erschienen sein. Und mit der vorherigen Verborgen- 
heit des Daseins des Schwanritters steht denn doch das hohe An- 
sehen in Widerspruch, das der Ritter vor Gottfried genossen 
haben sollte, indem man ihn würdig erachtete ein Vorfahr Gott- 
frieds von Bouillon zu werden, damit man Gottfried vor allen 
anderen verehren könne. — 

6. Während sie so im Verborgenen lebte, bestand neben der 
Tradition von der höheren oder niederen Gestalt des Schwan- 
ritters auch das Märchen von den Schwankindern. Ein oder 
mehrere Jahrhunderte gingen die beiden Stoffe trotz einzelner Be- 
rührungspunkte neben einander her, ohne dafs sie sich gegenseitig 
beeinflufsten. Als aber die Verbindung mit Gottfried stattgefunden 
hatte, schlössen die beiden sich zusammen, und zwar wie mir 
scheint erst nachdem sich die französische Dichtung des Stoffes 
vom Schwanritter bemächtigt hatte. ^ Und dennoch sah ein Johann 

^ Es hat Chansons vom Chevalier au Cygne gegeben, die die Schwan- 
kinder nicht kannten: i. Berner Ms. 627 (vgl. dazu A. G. Krüger, Romania 
23, 445 if.); 2. der französische Dichter, der die Version von den Schwan- 
kindern, in welcher die Mutter dieser Kinder Beatrix heifst, verbunden brachte 
mit der Geschichte vom Schwanrilter, glaubte der erste zu sein, der erzählen 
könne, woher der Schwanritter kam: 

'Signor, or escoutés, franche gent assolue, 
S'orés bone chançon qui n*est mie seiie . . . 
Del chevalier au chisne avés chançon oiie: 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. I7 

von Alta Silva in dieser Vereinigung nichts Auffallendes, denn die 
Verbindung war für ihn etwas Unzweifelhaftes. Gerade er, der 
Lothringer, hätte sich beleidigt fühlen müssen, dafs man den alten 
von ihm hoch gehaltenen Schwanritter ^ mit einem Ammenmärchen 
zu verbinden wagte. — Da die Anschauung, dafs Kinder, Frauen 
und höhere Wesen sich in Schwäne verwandeln können, uralt ist 
und bezeugt wird in der keltischen und germanischen heidnischen 
Zeit, so muís das Märchen vom Schwanritter zur Zeit der Ver- 
bindung mit den Schwankindem das Neue gewesen sein, das Alte 
schlofs sich an das Neue, Kräftigere an und muíste sich deswegen 
eine Aenderung^ gefallen lassen. 

Die höchste Ehre für ein niederlothringisches Geschlecht des 
II. und 12. Jhds. und nachher war zu stammen von Troja und 
von Karl dem Grofsen, der höchste Titel war von königlichem 
Geblüt genannt zu werden. Erst um die Wende des 12. und 
13. Jhds., als der Schwanritter als Ahnherr Gottfrieds von Bouillon 
allgemein gefeiert wird, fängt Brabant, das durch eine Vermählung 
mit Boulogne das Recht auf diese Abstammung erworben hatte, 
an, sich auf diese Herkunft zu berufen. Um dieselbe Zeit er- 
hebt Lambert von Ardres das Haus Boulogne wegen eben dieses 
Ursprungs, aber Flandern, sagt er, reiche nicht an diesen gött- 
lichen Ursprung, obgleich es seine Abstammung von Kaisem und 
Königen ableite. So wenig willkürlich war die Verbindung. — 
Ein schwebendes Märchen — denn dies wäre doch am Ende die 
Sage vom Schwanritter gewesen, wenn wir ihre geschlechtslose 
Existenz vor Gottfried voraussetzen — konnte nicht zur Erhöhung 
irgend einer Persönlichkeit beitragen. Bestand in Lothringen um 
iioo eine Sage vom Schwanritter, unabhängig von irgend einem 
Geschlecht, so hat man diese Sage nicht als Herkunft für Gottfried 
benutzt, um damit Gottfried verherrlichen zu wollen. Bestand 
in der That eine solche Tradition vorher, so war der Grund der 
Verbindung ein anderer. 

Wer übrigens eine absichtliche Verbindung annimmt, wird wohl 
immer geneigt sein, von der Hoheit des Schwanritters auszugehen. 
Und dennoch: wenn wir seit dem letzten Viertel des 12. Jhds. in 
einigen unserer Quellen den Schwanritter als höheres Wesen ge- 
feiert fìnden, welche Bürgschaft haben wir, dafs sich diese Ver- 
ehrung nicht erst bildete, nachdem die Verbindung mit Gottfried 
sich vollzogen hatte? Denn die Begeisterung, mit der um 1184 
ein Johannes von Alta Silva, um 1198 ein Lambert von Ardres, 
um 1 2 1 1 ein Brogner Chronist von der Erscheinung sprechen , ent- 



II n'i a si vieil home ne feme si chenue 
Qui onques en oïst la premiere venue, 
De quel terre il ert nés; mais or sera seue: 
Je le vous dirai bien, se Dieu piaist et s'aiue. 

(G. Paris, Romania 19, 323.) 
^ S. oben Abschnitt 5, S. io. 
« G. Paris, a. a. O. S. 325. 

ZdtKhr. £ rom. Phfl. XXV. 2 



1 8 J. F. D. BLÖTE, 

scheidet doch nichts für die Frage, ob die Verbindung zur Er- 
höhung Gottfrieds geschaffen wurde. Die Entwicklungsjahre dieser 
Männer liegen in einer Zeit, da die Verbindung schon Thatsache 
war, Sie vernahmen das Wunderbare, Unglaubliche und gaben es 
wieder, jeder nach seiner Auffassung. Ihre Begeisterung erlaubt 
nicht den mindesten Rückschlufs darauf, dafs man Gottfried zu 
ehren, diesen mit dem Schwanritter verbunden hätte, abgesehen 
noch davon, dafs ihre Vorstellungen, namentlich die Lamberts und 
des Brogner Chronisten, uns zu unrichtigen Anschauungen führen, 
und Helinand den Ritter um dieselbe Zeit einen Dämon nennt. 

Weim die Verbindung von Gottfried mit einer vorherigen von 
ihm unabhängigen lothringischen Volkstradition nicht auf einer be- 
absichtigten Verherrlichung Gottfrieds beruht, so mufs — voraus- 
gesetzt, dafs es vorher eine von jedem Geschlecht unabhängige 
Tradition von einem Schwanritter gab und diese auf die Brüder 
übertragen wurde — durch irgend welchen Umstand in dem Leben 
der drei Brüder oder ihrer nächsten Vorfahren die Volksphantasie 
oder die Phantasie eines einzelnen dazu angeregt sein, sie mit 
dieser Tradition zu verbinden. Wir hätten alsdann einen ähnlichen 
Fall wie bei Beowulf, der nach dem angelsächsischen Epos mit 
seinem Onkel Hyjelác sich an einem Kriegszug nach Hattuarien 
beteiligte, einem Zug, der sich durch eine Nachricht von Gregor 
von Tours u. d. J. 5 1 5 als historisch erweist, so dafs Beowulf sehr 
wahrscheinlich eine historische Persönlichkeit ist, die in der Er- 
innerung der Juten und Dänen frühzeitig mit dem mythischen 
Beówa, dem Besieger Grendels und des Drachen, verschmolzen 
ward.* Einen ähnlichen Fall also wie in der Nibelungensage, in 
welcher die drei burgundischen Brüder mit ihrer ihnen von der 
Ueberlieferung gegebenen Schwester Ildico, der Gattin Attilas, für 
dieselben gehalten wurden als die mythischen Nibelungen mit ihrer 
Schwester.2 Haben wir bei einem Vorfahren Gottfrieds eine ähn- 
liche Identifizierung? 

In der vorauszusetzenden vorgottfriedischen Tradition selbst 
war der Schwanritter zeitlich unbestimmt. Die Festlegung in dem 
nahen verwandtschaftlichen Verhältnis eines Grofsvaters war nur 
möglich unter zwei Bedingungen, die sich genau angeben lassen. 
I. Einer der nächsten Vorfahren mütterlicher- oder väterlicherseits 
erinnerte durch irgend einen Zug an die Persönlichkeit des Mär- 
chens und gab so zu einer Uebertragung Anlafs. Dieser überaus 
günstige Fall liegt nicht vor. Denn a) der Schwanritter ist in der 
Herkunftssage Gottfrieds ein namenloser Ritter oder heifst nachher 
Helyas, nicht Gottfried oder Eustach, und die Namen dieser Vor- 
fahren lebten ja in Lothringen fort, sogar in zwei der Brüder 
selbst; b) die Herkunftssage würde gewisse Züge nicht aufweisen, 
da jeder der nächsten Vorfahren sich als Nachfolger seines Vaters 



^ B. Symons, Germanische Heldensage, in Pauls Grundrifs der germ. 
Phil.« m S. 645 flf. (SA. S. 40 flf.). « ebd. S. 658 flf. (SA. S. 53 fif.). 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. IQ 

betrachtet hatte und nicht wie ein Fremder im Lande erschienen 
war, der die Tochter des verstorbenen Landesfürsten heiratete. — 
2. Der nächst günstige Fall, und sonst giebt es keinen anderen, 
so weit ich zu sehen vermag, der zu einem Grofsvater hätte führen 
können, wäre, dafs die Gattin eines der drei Brüder einen nahen 
Vorfahren gehabt hätte, von dem man Aehnliches, wie von dem 
Helden der Volkstradition erzählte, und man hätte nun in Lothringen 
das, was von der Gattin galt, auf den Gatten und sodann auch 
auf die anderen Bruder übertragen und zugleich die lothringische 
Landessage oder das lothringische Märchen zu weiterer Aus- 
schmückung oder unwillkürlich mit der Tradition von einem der 
nächsten Vorfahren oder dem Grofsvater vereinigt. 

Gab es einen solchen günstigen Umstand, so fällt nicht weiter 
auf, dafs der Bericht über diesen Grofsvater weiblicher sei ts lothrin- 
gische Lokalfarbe annahm, so dafs von dem fremdartigen Ur- 
sprung nichts für uns Erkennbares übrig blieb. Aber, so müssen 
wir gleich hinzufügen: da die vorgottfriedische geschlechtslose 
lothringische Volkstradition oder ein solches Märchen keine er- 
wiesene Thatsache ist, sondern nur eine Annahme, weil sich sonst 
keine Lösung für die seltsame Herkunft zu bieten scheint, ganz 
anders also wie etwa bei dem mythischen Beówa in dem Beowulf, 
welche Bürgschaft haben wir, dafs eine Contamination dieser Art 
einst vor sich hat gehen können, und dafs die Herkunft sich nicht 
vielmehr aus Erinnerungen an eben solchen Vorfahren der Gattin 
entwickelte? 

Die Bürgschaft haben wir nicht. Im Gegenteil. Die Bedenken 
sind auch hier wieder zu grofs, als dafs wir auch in diesem zweiten 
günstigen Fall noch ferner auf der Existenz einer vorherigen lothrin- 
gischen Landessage oder eines vorherigen lothringischen Märchens 
bestehen dürften. 

Falls es vor Gottfried eine Tradition unabhängig von irgend 
einem Geschlecht gab, so mufste auch nach dem Bekanntwerden 
der durch den Vorfahren weiblicherseits aufgekommenen wunder- 
baren Herkunft Gottfrieds und seiner Brüder die lothringische 
Tradition noch eine Zeitlang ohne Gottfried fortbestanden haben. 
Gerade die Aehnlichkeit einzelner Züge dürfte die von altersher 
bekannte Tradition um so lebhafter haben hervortreten lassen. 
Was nun aus dem Nebeneinandergehen beider Traditionen in den 
wenigen Decennien nach Gottfrieds Tod durch gegenseitige An- 
passung geworden wäre, läfst sich unschwer ermitteln. Die fran- 
zösischen Chansons zeigen, dafs ihr erster Autor den Stoff aus 
Lothringen bezog, vielleicht selbst ein Lothringer war. Wenn der 
erste französische Redactor (oder dessen lothringische Quelle schon) 
den sagenhaften Grofsvater Gottfrieds nach Gottfrieds wirklichem 
Grofsvater, nach Gottfried mit dem Bart und nach dessen Sohn 
Gottfried dem Höckrigen auftreten läfst, so weist das nicht nur 
darauf, dafs der sagenhafte Grofsvater damals schon unlösbar mit 
Gottfried von Bouillon verknüpft war, sondern auch, dafs eine in 

2* 



20 J. F. D. BLÖTB, 

Lothringen auf der Hand liegende Identifizierung mit dem wirk- 
lichen Grofsvater nicht stattgefunden hatte. So fest war das sagen- 
hafte verwandtschaftliche Verhältnis geschmiedet, dafs der wirkliche 
Grofsvater nicht identifiziert, sondern kurzweg um zwei Stufen 
hinaufgeschoben, d. h. zum Grofsvater der Gemahlin des Schwan- 
ritters gemacht wurde, und nachher das Märchen von den Schwan- 
kindern sich ein paar äufserliche Aenderungen mufste gefallen 
lassen, um dann vor das Ganze gesetzt zu werden, als ein wei- 
teres Ausspinnen der Herkunft, ohne dafs eine innere Verkettung 
angestrebt wurde, so dafs die Verbindung auf den ersten Blick in 
die Augen fällt. Und das giebt uns einen Hinweis, wie die Ver- 
einigung zwischen einer etwaigen vorgottfriedischen Tradition und 
der Herkunft eines Grofsvaters von weiblicher Seite innerhalb des 
kurzen Zeitraums von etwa 50 Jahren ausgefallen wäre: nicht eine 
Mischung, sondern eine Aufeinanderfolge, nicht zum Grofsvater 
wäre der Schwanritter irgend einer vorgottfriedischen lothringischen 
Sage geworden, sondern auch in der Verbindung hätte er eine 
selbständige Rolle bewahrt Und dafs er diese selbständige Rolle 
nie gehabt hat, zeigt die Vorsetzung des Märchens von den Schwan- 
kindern. — Und gesetzt, es hätte eine energischere gegenseitige 
Anpassung stattgefunden, sollte da die Concurrenz zwischen der 
Landessage einerseits, die keine Nachkommen gekannt hatte und 
von der wir anzunehmen haben, dafs sie lange vor Gottfried bekannt 
war und auch nach ihm bekannt blieb, und der Herkunft Gottfrieds 
von einem Grofsvater andererseits, von welchem er ein Nachkommen 
genannt wurde, und welcher an sich ein Grofsvater einer der 
Gattinnen der Brüder war, den man aber für einen wirklichen 
Grofsvater der Brüder hielt, sich um 1 150 schon so ganz zu Gunsten 
des übertragenen Grofsvaters entschieden haben, dafs man die 
wirklichen Vorfahren Gottfrieds nur um einige Stufen hinauf ge- 
schoben hätte, um dem sagenhaften Grofsvater Platz machen zu 
können? Von dem man doch nach der alten Landessage wufste, 
dafs er lange vor diesen Gottfirieden erschienen war. Wie lehr- 
reich sind hier die oben schon angeführten Genealogien! ohne die 
Abstammung von Wodan, Frey, von Zeus, Apollo u. s. w. in ge- 
wissen Familien, würden wir doch die Bedeutung dieser Wesen in 
dem einstigen Götterglauben kennen. Von dem Schwanritter weifs 
man nichts als durch Gottfrieds Abstammung. Und ein uraltes Wesen 
hätte gewifs einen Namen gehabt, und der Ritter ist anfangs 
namenlos. Auch bei energischerer Anpassung wäre das Produkt 
in dem kurzen Zeitraum Aufeinanderfolge gewesen und nicht Iden- 
tifizierung. — Und noch einmal: keine einzige Version aus der 
Zeit bis etwa 1250 läfst sich anführen, die die Sage zweifellos un- 
abhängig von Gottfried von Bouillon giebt — Und auch hier 
spricht die Verbindung mit den Schwan kin dem gegen eine Con- 
tamination von einer Ursage mit den Erlebnissen einer historischen 
Person. Die Verbindung scheint mir, wie ich oben angab, ein 
Erzeugnis aus der Zeit, da der Schwanritter schon in der franzö- 



DAR HISTORTSCHR SCBWANRITTBR. 



21 



sischen Litteralur seinen Dichter gefunden hatte. Wäre eine Tra- 
dition von einem Schwauritter uralt gewesen, so hätte sich die 
Verbindung mit den Schwankindem, d. h. mit einem Märchen von 
bohetn Alter, nicht erst so spät vollzogen. — Die Ansicht, dafa 
die sagenhafte Herkunft der Brüder eine Contamination wäre aus 
dem, was man etwa von einem Grofsvater weibücherseits erzählte, 
und einer voran szu setzen den allen lothringischen Tradition, die un- 
abhängig von irgend welchem Geschlecht bestand, ¡st unhaltbar, — 

Wir waren von der Annahme ausgegangen, dafs es eine ge- 
schlechtslose vorgoltfriedische Sage vom Schwanritter 
könnte gegeben haben. Diese Annahme hat zu dem Resultat ge- 
führt, dafs es eine solche Sage nicht gegeben hat. 

Zweite Annahme. 

Die Sage war vielleicht eine Haussage irgend welcher lothrin- 
gischen Familie und wurde jetzt zur Zeit dos ersten Kreuzzugs 
oder kurz nachher auf Gottfried von Bouillon übertragen. — War 
CS wiederum eine absichtliche Verbindung, so denken wir dabei 
zunächst daraa, dafs ein solcher wunderbarer Ursprung für höher 
als jegliche andere Abstammung gehalten wurde. Da die vor- 
nehmen Familien Lothringens um diese Zeit ihren höchsten Stolz 
in Abstammung von Kaisera und Königen setzten und womöglich 
auf Troja und Karl den Grofsen sich beriefen (Flandern, Urabant, 
Namür, Limburg, Hennegau, Holland), Brabants und Namürs An- 
sprüche auf den Schwanritter erst im 13. Jhd, sich entwickelten, 
so muís es also eine lothringische Familie von geringerem Ansehen 
gewesen sein, in welcher die Sage lebte und aus der man den 
Ursprung für Gottfried schöpfte. 

Aber: ein Volk, das seinen Helden wirklich ehren will, und 
ein einzelner, der seinen Liebling besonders auszu zeichnen begehrt, 
greifen nach dem Höchsten, was sie kennen, und das konnte doch 
nicht die an sich dunkle, auch für jene Zeit (man denke an die ab- 
iebnende Haltung sämtlicher Chronisten des lî. Jhds., etwa Lambert 
von Ardres von ca. 1200 ausgenommen) sehr problematische Her- 
kunft eines Geschlechtes sein, das von weitem nicht an das Ansehen 
eines Gottfried von Bouillon auf und nach der Kreuzfahrt reichte. 
Gerade die Sonderstellung Gottfrieds in den Augen der Lothringer 
steht im Wege, wie wir sie aus Albert von Aachen ca. 1 125 kennen 
lernen. — Und femer, wenn diese willkürlich übertragene Ver- 
bindung, nachdem sie einmal erfunden worden war, ¡m 12. Jbd. 
so leicht allgemeinen Glauben fand, warum gingen dann Limburg, 
Hennegau, die Könige von Jerusalem seit Balduin II., d. h. seit 
1118, und Robert von Flandern leer aus? Das mit Brabant riva- 
lisierende Limburg, von welchem zwei Grafen, wie wir oben 
sahen, in der ersten Hälfte des 12. Jhds. den Titel Herzog von 
Niederlothringen führten und unmittelbare Nachfolger Gottfrieds in 
Niederlothringen waren oder sich als solche betrachteten. Henne- 
gau mit seinem in den Kreuzzug gesandten Balduin iL, der im 
hlg. Land spurlos verschwand, aber nachher eben deswegen "von 



22 J. F. D. BLÖTE, 

Jerusalem' genannt wurde. Die Könige von Jerusalem nach 
Balduin I. (f 1118), die so recht doch als Nachfolger Gottfrieds 
und Balduins sich ohne weiteres die Herkunft hätten beilegen 
können. Robert II. von Flandern (1093 — im), der «durch 
religiöse Begeisterung in den ersten Kreuzzug getrieben' «ruhm- 
bedeckt' aus Palästina zurückkehrte, der in dem Gesang von An- 
tiochien in den Mittelpunkt gerückt wird, dessen Vater Robert der 
Friese 1083 schon durch seine Fahrt nach dem hlg. Land und 
dann durch andere Thaten eine gefeierte und sogar gegen Ende 
seines Lebens sagenhafte Persönlichkeit geworden war,i und dessen 
Nachkommen trotzdem, wie Lambert von Ardres ausdrücklich be- 
tont, von keinem Schwanritter stammten. Man füge hinzu, was 
ich schon oben bemerkte, dafs erst Gottfried und seine Brüder 
dieser Ehre teilhaft wurden, und nicht einer ihrer Vorfahren; dafs 
uns von einem Schwanritter erst mit Gottfried von Bouillon be- 
richtet wird; man erwäge, dafs bei den Familien, die sich seit dem 
13. Jhd. gleichfalls vom Schwanritter nannten (Brabant und Cleve), 
die Herkunft durch eine Vermählung entstand, ebenso wie bei 
anderen von Karl dem Grofsen, — und es läfst sich keine andere 
Folgerung ziehen, als dafs Gottfried nicht durch irgend welche 
willkürliche Uebertragung aus einer oder der anderen lothringischen 
Familie zu seiner Herkunft von einem Schwanritter gekommen ist. 
Aber hat das Lothringen des 12. Jhds. angesichts der ins 
Ideale sich hebenden Gestalt Gottfrieds seinem geliebten Helden 
nicht um jeden Preis eine wunderbare Herkunft geben wollen? 
Was fragte es denn danach, ob die Herkunft anfangs nur ein 
schwebendes Märchen war, oder eine Haussage eines anderen Ge- 
schlechtes? Zur Not schleppte es eine Tradition von auswärts 
herbei, erdachte sich vielleicht selbst diesen einzigartigen Ursprung, 
wenn die Herkunft nur wunderbar war und sich dadurch der 
Schein einer Verbindung zwischen der Gottheit und Gottfried oder 
überhaupt etwas Fremdartiges herstellen liefs. — Gegen dies alles 
spricht zunächst schon der Zweck. Wer verehrt, greift nicht nach 
dem ersten Besten, sondern nach dem, was in der Umgebung als 
etwas Hohes betrachtet wird. So wurden Germanen und Römer 
mit den Göttern verbunden, setzten Franken ihren Stolz in troja- 
nische Abstammung. Sodann ist immer das eigentümliche ver- 
wandtschaftliche Verhältnis zwischen dem Schwanritter und den 
drei Brüdern im Wege. Bei allen anderen Geschlechtern, die 
später einen autochthonen Schwanritter besafsen, wird das Auftreten 
des Ritters veriegt in weite Vergangenheit, in das 8., 7., 6. Jhd. 
n. Chr., sogar einmal in die Zeit J. Cäsars. Der brabantische, cle- 
vische, arkelsche Ahnherr steht fast an der Spitze des Geschlechtes. 
Nicht anders in dieser Beziehung die Abstammung anderer histo- 
rischen Persönlichkeiten. Absichtliche genealogische Familiendichtung 
führt in die Feme, oder macht das göttliche Wesen zum Vater 



* H, Pirenne, a. a. O. S. 115 f. 



DER HISTORISCH« SCHWANRITTER. 2^ 

der historischen Person. Gerade der Schwanritter als Grofsvater 
und zwar durch die Mutter, gerade dafs auch die beiden anderen 
Brüder mit in die Verherrlichung gezogen wurden, am auffallendsten 
Eustach, der in Lothringen fremd war, mahnt daran, dafs an eine 
absichtliche Verbindung von welcher Art auch nicht zu denken ist. 

Eine absichtliche Verbindung mit irgend welcher vorher 
schon bestehenden lothringischen oder fremden oder erfundenen 
Tradition ist ausgeschlossen. Eine unwillkürliche Uebertragung 
einer lothringischen Landessage oder eines lothringischen Märchens 
auf Gottfried hat nicht stattgefunden. Es gab vor Gottfried eine 
solche Tradition in Lothringen überhaupt nicht. Dies Resultat ist 
im Einklang mit dem Schweigen der Berichte von einem Schwan- 
ritter vor ca. II 80 und mit der Thatsache, dafs es in der germa- 
nischen und keltischen Mythologie kein göttliches Wesen gab, 
dessen charakteristisches Attribut oder Merkmal ein Schwan ist.^ 

Ein ganz bestimmter Umstand mufs unwillkürlich dazu Anlafs 
gegeben haben, dafs den Brüdern ein Schwanritter zum Grofsvater 
mütterlicherseits gegeben wurde. Aus einem historischen Factum 
mufs ihnen die Herkunft erwachsen sein. 



8. 

In dem vorhergehenden Abschnitt habe ich wiederholt den 
Schwanritter als Grofsvater der drei Brüder betont Ich schalte 
hier eine kurze Erörterung über diesen Punkt ein. 

Die französischen Chansons führen den Schwanritter nur als 
Grofsvater Gottfrieds auf. Andere Fassungen — freilich nur 
kurze, oft sind es nur Andeutungen — geben das genauere Ver- 
wandtschaftsverhältnis zwischen dem Ritter und Gottfried nicht an. 
Weist das Nichtangeben der engeren Verwandtschaft nicht etwa auf 
ein ursprünglicheres Stadium? 

Bei dieser Frage läfst sich eins schon gleich constatieren. Aus 
nicht einem Zug der Fassungen und Andeutungen mit der fehlenden 
Bezeichnung der Verwandtschaft zeigt sich, dafs das Fehlen seinen 
Grund hat in einer von den Chansons verschiedenen Vorstellung des 
Grades der Verwandtschaft: alle heben andere für ihre Darstellung 
wichtigere Züge hervor und berücksichtigen infolgedessen den ge- 
nauen Verwandtschaftsgrad nicht. Von Johannes von Alta Silva 
war oben die Rede. Er hat nur ein paar Worte für das weitere 
Schicksal des Schwans, der nicht mehr in seine menschliche Ge- 



^ Ich habe 1894 i^ ^^^ Ztschr. f. deutsches Altertum u. d. Litt. 38, 280 f. 
die Vögel, welche Lug nach einer irischen Legende vorausschickt, als er den 
Helden Cûchulainn erzeugen wollte, als Schwäne gedeutet. Wenn die da 
geäufserte Vermutung über diese Vögel richtig ist, so bleibt noch die schwie- 
rige Frage, ob die Legende eine irische Erfindung ist oder ob sie auf einer 
allgemein kellischen Ansicht beruht. Die Aufzeichnung dieser Legende soll 
dem Ende des li. Jhds. angehören. Lug erscheint sonst immer ohne Vögel. — 
Die Erzählung von dem faröischen Höni (übersetzt bei K. Simrock, Handbuch 
d. deutschen Mvth." S« 103 ff.) gehört nicht hieher. 3, Verf. a, a. O. 287 f. 



24 J. F. D. BLÖTE, 

stalt zurückkehren konnte. Von einem Verwandtschaftsverhältnis 
zu Gottfried oder zu einem anderen Geschlecht spricht Joh. v. A. S. 
nicht Zweck seiner Darstellung war ja, die Bosheit einer Frau 
zum Ausdruck zu bringen, und dazu genügte das Märchen von 
den Schwankindern. — Sein französischer Uebersetzer Herbert 
hebt um 12 lO den Ritter hervor, aber hat von diesem nur den 
Zusatz 'Puis tint de Boulon la duchié\ Von Nachkommen ist auch 
bei ihm nicht die Rede. — Wilhelm von Tyrus geht ca. 1184 
in seiner Historia IX, 6, nachdem er von Idas Prophezeiung von 
den zukünftigen Titeln ihrer drei Söhne gesprochen hat, geflissent- 
lich nicht auf die Fabel von dem Schwan ein, 'licet id verum fuisse 
plurimorum astruat narration und darum lag es ihm fern von dem 
Verwandtschaftsgrad zu sprechen. — Lambert von Ardres sieht 
ca. II 98 in seiner Begeisterung für den Ursprung seiner Grafen 
von Guiñes in dem boulognischen Haus des 10. Jhds. sogar schon 
göttliche Herkunft durch den Schwanritter, entgegen dem wirk- 
lichen Thatbestand (Boulogne kam« erst durch Fustach III. zur 
Sage), entgegen aller Tradition, entgegen der Ankündigung seines 
Prologs, dafs er nur Wahrheit berichten wolle. Seine Mitteilung 
hat er freilich nicht aus einer Chanson, sonst würde er den Ana- 
chronismus und den genealogischen Fehler nicht gemacht haben: 
er glaubte, indem er über das wahre Verhältnis nicht genauer Be- 
scheid wufste, dafs die Herkunft des Hauses Boulogne seiner Zeit 
schon einem früheren Zeitraum angehörte. Von dem Schwanritter 
berichtete er auch nur, dafs er vom Himmel kam: *Cicni non phan^ 
tastici sed veri et divini ducatu celitus advectus^ (MG. SS. 24, 570). — 
H el in and ist ca. 1200 derart von dem Zweck, zu welchem er den 
Schwanritter in seine Weltgeschichte (sie ging bis 1204) aufnimmt, 
erfüllt, dafs er nur die Züge, die er für diesen Zweck geeignet 
glaubte, erwähnt Der weltverachtende Geistliche war einst ein 
weltfroher Sänger gewesen, der bei keiner Festlichkeit gefehlt hatte. * 
Die Lieder über den Schwanritter fallen in die Zeit seines Sänger- 
tums. Wenn Helinand auch selbst nicht davon gesungen hatte, 
der Stoff war ihm bekannt Jetzt, da dieser Sänger fromm ge- 
worden, ist ihm der Ritter gerade noch gut genug, um mit aufge- 
führt zu werden unter einer Gruppe von Beispielen, durch welche 
gleichsam ad oculos demonstriert werden soll, dafs auch Dämonen 
Menschen von Fleisch und Blut erzeugen können. Daher die Her- 
vorhebung des Beglaubigten (viele Fürsten seien in einem grofsen 
und berühmten Schlofs am Rhein, Juvamen geheifsen, zugegen ge- 
wesen und kannten dennoch den Fremden nicht), daher die Erwäh- 
nung, dafs der Fremde sich später eine edle Gattin nahm, bei 
der er Kinder gewann, die Betonung des Dämonischen in seiner 
Ankunft und wie er endlich zufällig wiederum in dem Schlofs ver- 

^ In der Epistola ad Galterum clericum (Hb. de reparatione lapsi), Migne 
212, 748, sagt Helinand von seinem welllichen Leben: 'non scena, non circus, 
non theatrum, non amphitheatrum, non amphicircus, non forum, non platea, 
non gymnasium, non arena sine eo (5c. HeliQapdo) resonábate 



DER HISTORISCHE SCHWANRTTTBR. 

weilend den Schwan mît Boot und Ketle wiedersah und sich sofort 
in das Boot stürzte, daher die Allgemeinheit des mit Rücksicht auf 
den Zweck für HeUnand und seine Leser wichtigen Schlusses 'pro- 
gtm'es eius usçut hodie pirsevcraf.^ —~ Wolfram von Eschenbach 
hat eine Verwandtschaft, die ganz deutlich weit über den Grorsvater 
hinansreichl. Aber irgend welche beweisende Kraft liegt in seiner 
Darstellung nicht dafür, dafs er das ursprüngliche Verhältnis wicder- 
giebt. Infolge der Composition seines Parzival brauchte der bairische 
Dichter oder seine Vorlage einen Ritler, der nach Vorschrift des 
Grals geheimnisvoll in einem Land erscheint, wo man seiner bedarf, 
wo er sich eine Gattin nimmt, Kinder zeugt und dem Lande zum 
Segen wird. Die Sage vom Schwanritter ist demnach bei Wolfram 
in den Dienst des Ganzen getreten. Sein Schwanrilter mufste ein 
Gralritter sein, und so machte er ihn zum Sohne Parzivals und 
somit ïum Zeitgenossen König Arthurs. Aufs erde m verdunkelte 
Wolfram das verwandtschaftliche Verhältnis, indem er für das 
oberlieferte Bouillon Brabant einsetzte.^ — Der Chronist von 
Btogne nennt ca. 1211 die drei Brüder von dem Samen des 
Schwanritters. Aber auch er verfolgt einen Zweck. Dieser Zweck 
beherrscht ihn vollständig: die Verherrlichung des Mariasses von 
Hierges, des Wohlthäters seines Klosters. Indem er Balduin II. 
von Jerusalem verschmilzt mit Balduin L, lafst er Manasses von 
einem Schwanritlur stammen. Seine schwulstige Version mufs der 
Nachklang irgend einer französischen Version sein, ein Nachklang, 
der, wie ich oben im 6. Abschnitt schon andeutete, der Gewissen- 
haftigkeit des Chronisten wenig Ehre macht. Das Verschweigen 
des genaueren Verwandtschaftsgrades erlaubt bei ilim demnach 
keine Schlüsse. — Philippe Mousket sagt mit seinem 's'en fu 
Gode/roií, et sti-on, ki fu dt Jkért4sakm rois'^ zwar nicht ausdrück- 
lich, dafs Gottfried der Enkel des Schwan ritler s war, aber erstens 
weisen die Jahre, in welche er die Krscheinung fallen läfst {um 1025), 
und sodann die Neb en umstände, die Mousket erwähnt, auf das- 
selbe Verhältnis wie in den Chansons. — 

Das also sind die frühesten Versionen,* die von dem genauen 
Verwandtschaftsgrad schweigen, obgleich ihnen der Schwanritter 



I 



S, 6 — 8. 

* Bei Gerbert, der den -Schwanrilter auth mit Percheval in BezichuDg 
liringt, iil der Ritter ein ferner Nacbkomme PerchevaU. Gerbert ball aber 
fesl 411 dem Giofsvaterluni des Scbwuiritlers in Bezug auf Galtfried v. B. — 
Vgl. über Wolfram v. E. und aber Gerbert Verf. a. a. O. S. 18 IT. 47 ff. 

" Reiffenberg, Chivaiier au Cygnt, Bruxelles 1846, S. 150. 

* Einer späteteo Zeil angehörig ist die Prosaeialeilung zum Sone von 
Nausajr. Diese kennt den Sehwanritter als Geraahi der Beatrix nach der 
TÔtoDg des Sachsen i:u Nimwecen und als Vater der Ida, läfst ihn aber nach 
der Frage nach Klcinasien ziehen, wo er an einer zweiten Gemahlin, der 
Henin von Bamch, drei Sühne gewinnt (M. Goldscbmidt, Snne von Nausay, 
316. Pubi. d. I.ilt. Vereins, Tübingen 1S99. S. SS4. wo in 'Etyas ochiil le 
äesne Animale' lùr 'Animaye' zu Invìi ist 'a Niiiiaye' d. h. 'zu Nimwegcn'). 



20 J. F. D. BLÖTE, 

als Herzog von Bouillon vorschwebte. Sie sind sämtlich entstanden 
nach 1 1 79, d. h. nachdem die französische Dichtung sich schon 
des Stoffes bemächtigt hatte. Sieht man ab von Herbert und 
Ph. Mousket, deren Meinung in unserer Frage wohl ohne weiteres 
auf das Verhältnis in den Chansons hinweist, so erzählt kein ein- 
ziger der besprochenen Berichte die Sage um ihrer selbst willen. 
Alle betonen nur die für ihren Zweck wertvolleren Züge, so dafs 
sie unwillkürlich (Wolfram allerdings absichtlich) den genaueren 
Verwandtschaftsgrad nicht zum Ausdruck bringen. Und kein anderer 
Zug berechtigt bei ihnen zu der Annahme, dafs sie ein Stadium 
der Sage vertreten, welches im 12. Jhd. den Schwanritter anders 
denn als den Grofsväter Gottfrieds kannte. Sie stehen in Bezug auf 
diesen Punkt in keinem Widerspruch zu der Angabe der Chansons. 
Damit ist freilich nicht ausgemacht, dafs die Angabe der 
Chansons ursprünglicher ist. Aber es ist zweifellos, dafs der Re- 
dactor, der zuerst den Stoff französisch in der Gestalt behandelte, 
wie wir ihn aus den Chansons kennen lernen, das Verhältnis vom 
Grofsväter zum Enkel hatte, denn alle ausführlichen Redactionen, 
die nach ihm entstanden und sämtlich im letzten Grunde auf seine 
Bearbeitung zurückgehen, haben das Verhältnis. Da ferner nur 
in Lothringen Gottfried schon früh als gottgesandter Führer auf- 
gefafst wurde, während er bei den Berichterstattern anderer Ge- 
genden ein gewöhnlicher, wenn auch tüchtiger Anführer ist, und 
andere Völkerschaften andere Helden des Kreuzzugs feiern,^ wie 
z. B. Flandern den Grafen Robert, so stammt der Stoff aus Lo- 
thringen, worauf auch ohnedies das Historisch -Locale weist. So 
fest nun mufs das Verhältnis von Grofsväter zu £nkel gewesen sein, 
dafs der erste französische Redactor oder dessen Quelle schon den 
historisch überlieferten wirklichen Grofsväter Gottfried den Bärtigen 
um zwei Grade in der Verwandtschaft hinaufrückte, damit der 
sagenhafte Grofsväter seinen Platz fände. Ein Zug, wie der eines 
Grofsvaters, und zwar von der mütterlichen und nicht von der 
väterlichen Seite, ist übrigens, wie wir schon im vorigen Abschnitt 
sahen, zu charakteristisch, als dafs er beliebig statt eines willkür- 
lichen Vorfahren eingesetzt worden wäre. Der Redactor der ersten 
französischen Chanson vom Schwanritter hat demnach nur ein Ver- 
hältnis wiedergegeben, das er vorfand. 

9- 
Die Erlebnisse des Vorfahren der drei Brüder, der zu der 
Sage Anlafs gab, müssen unwillkürlich in den Gesichtskreis der 
Lothringer des 1 2. Jhds. getreten sein, mag dieser Vorfahr nun ein 
Grofsväter gewesen sein oder nicht. Und dennoch scheint diese 
Erwägung uns um keinen Schritt weiter zu führen. Denn weder bei 
den Vorfahren väterlicherseits noch bei denen mütterlicherseits des 
II. Jhds. finden wir etwas berichtet, woraus sich die wunderbç^re Vor- 



* S. S. 13 Anm. 2, 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. 2^ 

Stellang von einem Schwanritter hätte ent^vickeln können. Ununter- 
brochen schreiten aufserdem die Geschlechter Verdun (dieses bis 1076) 
nnd Boulogne von Vater auf Sohn, ein einziges Mal auf den Bruder. 
Eine Frauenregierung kommt nicht vor. Kein Fremder drangt sich 
hinein, der sich vermählt mit der Tochter des Fürstenhauses und 
fortan Herr des Landes ist Und zudem: in keiner Version führt 
der Sch\vanritter einen Namen, der an einen Fürsten aus einem 
der beiden Häuser erinnert, wie man doch erwarten dürfte, wenn 
einer der Vorfahren den Schwanritter abgegeben hätte. Die 
Chansons bewahren manches Historische. Sie nennen Gottfried 
den Bärtigen, Gottfried den Höckrigen, Eustach IL von Boulogne, 
die Ida, die drei Brüder. Sie scheiden genau in den Titeln 
zwischen einem Grafen von Namür, einem Herzog von Löwen, 
von Limburg, von Lothringen. Sie wissen, dafs Löwen und 
St Trond zusammengehören. Nur der Schwanritter und die be- 
drängte Witwe sind namenlos, oder haben später einen Namen, 
der in dem Haus der Ardennen und in dem Geschlecht der Grafen 
von Boulogne nicht vorkommt, nicht vorher und nicht nachher. 

Eine Betrachtung der Vorfahren der drei Brüder führt zu 
keinem Ziel. Und doch mufs die Tradition sich aus Vorstellungen 
entwickelt haben, die an sich nicht so ganz weit von den Brüdern 
abgelegen haben können. Waren auch die Thatsachen, welche 
diese Vorstellungen erzeugten, den Zeitgenossen und denen nach 
ihnen unklar, es war doch soviel davon bekannt, dafs dadurch die 
Phantasie der Masse oder des einzelnen angeregt wurde. Es mufs 
ein Fall gewesen sein, wie er in ähnlicher Weise bei Lambert von 
Ardres und dem Chronisten von Brogne begegnet Man — um 
dieses allgemeine Wort zu gebrauchen — wollte nicht absichtlich 
fälschen; man deutete aber falsch. 

Da wir also bei den Verwandten der Brüder bleiben müssen, 
so giebt es nur noch als letzte Möglichkeit, dafs die Abstammung 
einer Gemahlin eines der drei Brüder eingewirkt hat Man — 
mehrere oder ein einzelner — hätte alsdann irrtümlich dem Gatten 
zuerkannt, was rechtens nur der Gattin gehörte. Die Verwechs- 
lung mufs aus irgend einem Grunde leicht gewesen sein. Von da 
aus erfolgte dann die Uebertragung auf die drei Brüder zusammen. 
Wir hätten also etwas Aehnliches wie bei Wolfram von Eschenbach, 
der dem Haus Brabant einen Schwanritterursprung zuschrieb, der 
erst für die Herzogin von Brabant seiner Zeit, eine boulognische 
Gräfin, gelten konnte, oder aus der Verwechslung zwischen den 
Herzogen von Niederlothringen aus dem Haus Verdun mit denen 
aus dem Haus Löwen hervorging.^ 

Gottfried von Bouillon selbst war nie verheiratet. — Eustach 111., 



^ Ueber das Aufkommen und die Entwicklung des brabantischen Schwan- 
ritters wird eine besondere Arbeit erscheinen. Für jetzt gestatte ich mir zu 
▼erweisen nach Verf/s Das Aufkommen des clçvischen Schwanritters a. a. O, 
S. 18 ff. 



28 J. F. D. BLÖTE, 

der älteste der drei Brüder, Graf von Boulogne nach dem Tode 
seines Vaters, hatte Marie, die Tochter Malcolms IIL, Königs von 
Schottland, zur Frau. Aber auch wenn die Könige von Schottland 
eine wunderbare Herkunft gehabt hätten, so wäre das alles doch 
ohne Wert für den Ursprung unserer Sage gewesen: denn £ustach IIL 
stand den Lothringern fem, er machte den Kreuzzug nicht mit 
ihnen mit, er brach später auf mit den französischen Herren und 
gelangte über Italien vor Antiochien. Und was jegliche Möglich- 
keit abschneidet: erst nach seiner Rückkehr aus dem hlg. Land 
heiratet £ustach III., im J. 1102. So dafs speziell die Lothringer 
keinen Anlafs gefunden haben können, eine etwaige Herkunft von 
seiner Gattin auf ihn und seine Brüder zu übertragen. 

Bleibt übrig der jüngste Bruder, Balduin, der nach dem Tode 
Gottfrieds König von Jerusalem wurde (iioo — 11 18). 

Balduin war dreimal verheiratet. Mit der ersten Frau — 
Godehilde von Toëni — hatte er sich, kurz bevor er zum Kreuzzug 
aufbrach (August 1096), vermählt. Sie begleitete ihn auf der Fahrt, 
starb aber nach monatelanger schmerzlicher Krankheit bei Maresia 
in Lykaonien (Juli 1097), noch ehe das Hauptheer vor Antiochien 
gelangte. — Das zweite Mal heiratete Balduin in Fdessa eine arme- 
nische Fürstin, von der er sich aber wiederum trennte, obgleich 
ein Grund der Trennung, der ihn dazu berechtigte, nicht vorlag. 
Einige sagen — fahrt Wilhelm von Tyrus XI, i fort — , dafs der 
tiefverschuldete König eine reichere Frau nehmen wollte; andere, 
dafs sie ihre weibliche Ehre nicht genug wahrte. Balduin steckte 
sie in ein Nonnenkloster in Jerusalem; als sie durch List entkam, 
floh sie aus dem Reiche und soll weiter ein gemeines schlechtes 
Leben geführt haben. — Die dritte Gemahlin war die Gräfin von 
Sicilien, eine edle und mächtige Frau, die Witwe des Grafen Roger 
Bursa, eines Bruders von Robert Guiscard. Dreizehn Jahre lang 
lebte sie mit Balduin in kinderloser Ehe. Dann liefs er, in seinem 
Gewissen geängstigt wegen seiner Ehe mit der zweiten Frau, sich 
von ihr scheiden. Dieses Unrecht war zur Zeit des Wilhelm von 
Tyrus noch unvergessen bei den Erben ihres Sohnes, der nach 
dem Vertrag König von Jerusalem hätte werden müssen, weil seine 
Mutter kinderlos geblieben war (Wilh. v. Tyrus XI, 29). 

Die Ehe mit der dritten Frau fallt in eine Zeit, da die welt- 
erschüttemden Ereignisse vollbracht sind. Gottfried ist gestorben, 
die meisten Abendländer sind wieder nach der Heimat zurück- 
gekehrt, Balduin ist seit einigen Jahren König in Jerusalem. Die 
Wogen der Begeisterung haben sich gelegt und mit nüchternem 
Auge werden die Dinge im Morgenlande betrachtet. Und auch 
wenn die Gräfin von Sicilien eine fremdartige Familientradition 
gehabt hätte, — so manches Jahr hat die Umgebung Balduins 
und die anderen den Balduin ohne eine seltsame Herkunft ge- 
kannt, dafs eine etwaige Uebertragung auf ihn nicht mehr statt- 
gefunden haben kann. Zudem weisen die unvergessenen An- 
sprüche der Erben des Sohnes aus dçr ersten Ehe der Grafìa 



DBR mSTOHlSCHE SCHWANKITTBR. 



29 



darauf, dafs die Abkunft der sicilischeo Gräßn und die Balduins 
nicht vermiscbl wurden. 

Schwieriger ist eine Entscheidung für die zweite Ehe, denn 
die Vermählung mit der armenischen Prinzessin fällt noch io die 
Zeil der Aufregung, Allerdings darf man auch hier geltend machen, 
dafs, wenn bis dahin auf dem Zuge niemand aus der lothringischen 
Umgebung von einem fremdartigen Ursprung Balduins gehört hatte, 
auch jet« nach zweijährigem Zusammensein eine fremdartige Ab- 
kunft der zweiten Gemahlin auf Balduin nicht mehr übertragen 
worden wäre. Man darf ferner geltend machen, dafs die Ver- 
bindung mit der armenischen Prinzessin für Baiduin eine rein 
äuTserliche gewesen zu sein schein!, weil er sich dadurch einen 
festen Halt in seinem neuerworbenen Gebiet zu verschaffen hoflle, 
Sodann, dafs eine Uebertragung einer klein asiatisch en Abkunft, die 
die neue Gemahlin mitbrachte, bei der abendländischen Umgebung 
keine feste Wurzel geschossen hätte, besonders nicht, da diese 
Frau zuletzt zur Zeit, da Baiduin schon König war, von ihm ver- 
stofgen wurde. Aber das alles macht eine Uebertragung wohl 
sehr zweifelhaft, an sich aber doch nicht ganz unmöglich. Wir 
werden zu dieser zweiten Ehe zurückkehren müssen, falb die Ehe 
mit der Godehilde von Toeni keine wichtigen Folgerungen ge- 
stattet — 

Das, was sich gegen eine Uebertragung einer Herkunft der 
zweiten und dritten Gattin anführen läfsl, ttiflt bei der ersten nicht 
zu. Godehilde und Baiduin treten gleich am Anfang des Kreuz- 
zags beide vereint in den Gesichtskreis der grofsen Masse der 
Lothringer. Nur wenige Lothringer mögen die beiden getrennt 
gekannt haben.' Ihre kurze Ehe durchleben Baiduin und Gode- 
hilde auf der Reise von Lothringen aus in der Zeit, da ihre Um- 
gebung und sie selbst sich an den Thalen der Vergangenheit be- 
geistern für die Thaten der Zukunft. Hatten Godehildens Vorfahren 
einst gegen die Heiden gekämpft, so erfuhr die Umgebung davon. 
Binnen Jahresfrist verschwindet Godehilde nach langem Kranken- 
lager. Baiduin macht bei seinem Eintritt in Kleinasien mit seiner 
Schar eine Unternehmung auf eigne Faust Getrennt von dem 
Hauptheer sucht er sein eignes Glück. Und dann kommt der 
Strom der grofsen Ereignisse, an deren Hauptmomenten auch 
Baiduin sich wiederum beteiligt, mit ihren Perioden der Verzagung 
und der Aufrichtung, wo das Heer der Chrinten die Gottheit sicht- 
barlich eingreifen sieht. In solchen Zeiten tritt die Vergangenheit 
rascher als sonst in weite Ferne zurück. Die Massen, wie die 
Einzelnen, leben durchweg in einet geistigen Atmosphäre, die fast 
zu jeder Zeit Gelegenheit giebt, dafs unklar aufgenommene Vor- 
stellungen sich zu eigentümlichen wunderbaren Gebilden abrunden, 

' Nach WUhelm van Tyrus X, I war Baiduin fcüher ein Geistlicher ge- 
wesen, lier vegim seiner edlen Geburt PtabendeD in Rbeims, Cambrai und 
Lüllich erhielt, dunn aber aus unbckannttn Gründen Ktiegsmann wurde. An- 
fangs der 90-ger Jahre war er schon kein Geistlicher mehr. 



30 J. F. D. BLÖTE, 

die ihre Gläubigen finden. Und hier sind aufserdem die verschie- 
densten Völker wiederholt zusammen. Ein jedes sieht in seinem 
Anführer den trefflichen Helden. Es lassen sich kaum günstigere 
Umstände zu einer Sagenbildung denken : die mit Balduin zugleich 
auftretende Godehilde, ihr baldiger Tod, die darauf folgende Sonder- 
existenz Balduins, seine Beteiligung an den grofsen Ereignissen, sein 
neues Zurücktreten bis zu seinem Königtum. — 

Was wissen wir von Godehildens Vorfahren? 

Das Geschlecht der Toeni fangt an mit Radulf I., f ca. 1020. 
Es rühmte sich im ii.Jhd. abzustammen von Rollos Vaterbruder. 
Von Radulf 1. erfahren wir nur einige seiner Streitigkeiten, Etwas 
mehr aber von seinem Sohn, Roger 1., dem Grofsvater Godehildens, 
den Balduin nach üblichem Sprachgebrauch auch seinen Grofsvater 
genannt haben wird. Was wir wissen, ist eine Combination von 
dem, was der Aquitanier Ademar von Chabannais, die normannischen 
Chronisten Orderic Vi talis und Wilhelm von Jumièges oder dessen 
Fortsetzer berichten, verbunden mit einzelnem aus ein paar Ur- 
kunden.^ Dies ist alles. Aber merkwürdiges Factum! Dieser 
Grofsvater macht eines Tages Erlebnisse durch, die einigen dem 
Schwanritter der Sage eigentümlichen Zügen entsprechen. Nur ist 
alles in ganz anderer Umgebung, an ganz anderer Oertlichkeit, 
in ganz anderer Beleuchtung. Auch fehlt diesem Grofsvater das 
Elegische des Schwanritters der Sage. Er ist ein wilder, gegen 
seine Feinde erbarmungsloser normannischer Krieger. Und damit 
wir schon das Wichtigste vorwegnehmen: in den Quellen, die im 
II. und in der ersten Hälfte des 12. Jhds. von ihm berichten, 
findet sich nichts von einem Schwan. 

Dieser Roger von Toeni, der erste seines Namens, dieser ver- 
wegene, unruhige, stolze normannische Freiherr, zieht 1018 an der 
Spitze einer Schar Normannen nach Spanien mit dem Zweck die 
Saracenen zu bekämpfen.^ Es ist die alte normannische Thaten- 
lust, die zu gleicher Zeit einen anderen Haufen dieses Stammes 
nach Italien und Sicilien treibt. In gröfster Bedrängnis ist in 
diesem Jahre die Grafschaft Barcelona. Graf Raimund -Borre! ist 
kurz zuvor (10 17) gestorben, und die Mauren stehen bis vor die 
Stadt. Ermessinde, die Witwe, ist nach dem Willen ihres Gemahls 
Herrin des Landes. Sie ist Mutter von wenigstens drei Kindern, 
von denen zwei Töchter sind, auch das älteste. Da erscheint 
Roger mit den Seinen, rettet das Land von dem Untergang und 
vertreibt die Heiden , so dafs das Land auf Jahre hinaus in Sicher- 
heit ist. Zum Lohne und wohl auch um ihn zu fesseln, giebt 
Ermessinde ihm ihre Tochter Godehilde zur Frau. — 1035 bei 



^ Für die Zusammenstellung dieses Materials s. Ztschr. 21, 181 ff. 

^ So nach dem Zeitgenossen Ademar von Chabannais (f ca. 103 1). Seine 
Geschichte entstand wahrscheinlich 1028. Der Zug machte von sich reden, da 
Ademar ihn besonders verzeichnete. Nach Wilh. v. Jumièges VII, 3 scheint 
Roger später mit Herzog Robert (1028 — 1035) noch einmal in Spanien ge- 
kämpft zu haben. 



DER HISTORISCHE SCHWANKIITER. 3I 

dem Tode des Herzogs Robert von der Normandie ist Roger 
wieder in seiner Heimat und findet den Tod in den Parteikämpfen 
bei der Thronbesteigung von Richards minderjährigem Sohn, dem 
späteren Eroberer von England. — Seine Unternehmung und sein 
Aufenthalt in Spanien brachten ihm in der Normandie den Zu- 
namen des Spaniers ein, wie wir aus Orderic Vitalis an mehreren 
Stellen erfahren. Die Nachkommen fingen im 1 2. Jhd. mit ihm 
das Geschlecht an, und die Mönche des Klosters Conches in der 
Nähe seines Schlosses hielten ihn als den Gründer ihres Hauses 
in hohen Ehren.* Soweit das Thatsächliche, für soferne wir es 
erreichen können. 

Vergegenwärtigen wir uns nun die Umgebung und die Züge, 
unter welchen in Conches, der normannischen Residenz der Toëni, 
die Erinnerung an diesen Roger den Spanier gegen Ende des 
II. Jhds., als Balduin von Boulogne um die Godehilde warb, gelebt 
haben muís. Herr von Toëni war damals noch der älteste Sohn 
dieses Roger aus der Ehe mit Godehilde von Barcelona, Radulf IL 
(t 1 102/3). Minderjährig als sein Vater fiel, hat er sich dennoch 
entwickelt wie ein Sohn seines Vaters: unruhig, kühn in Aben- 
teuern, freigebig in Schenkungen an die vom Vater gegründete 
Abtei Conches.2 Wie sein Vater heiratet er erst spät, und auch 
seine Gattin übertrifft in ritterlichen Spielen und ritterlicher Unter- 
nehmungslust ihre Umgebung.3 Und wohl mag er sich den Vater 
zum Muster genommen haben: der Name des Spaniers hielt ja 
die Erinnerung an die Thaten Rogers wach, nicht nur in der 
Familie, sondern auch auswärts. Und mit den Thaten und dem 
Namen deckte sich in der Familie die Ueberlieferung, wie einst 
der Vater sich seine Gattin erwarb. Eins gehörte untrennbar zum 
andern. Und so müssen in der Familientradition der Toëni wenig- 
stens folgende Züge gelebt haben: i. Radulfs Vater zog einst nach 
Spanien zur Vernichtung der Saracenen, 2. er rettete die bedrängte 
Witwe von Barcelona und die Ihrigen, 3. er erhielt die Tochter 
zur Frau, 4. er zog wieder in die Heimat zurück. Dafs noch 
mehrere andere Züge dazu gehört haben, ist selbstverständlich. Die 
Ueberlieferung aber läfst uns darüber in Zweifel, von welcher 
Natur sie waren. 

Und in diesem Kreis wird Balduin von Boulogne der Gemahl 
der einzigen Tochter. Es folgen die Vorbereitungen zum Kreuz- 
zug. Balduin tritt durch seine Fahrt nach dem hlg. Land in 
Parallelismus zu dem Ahnherrn der Toëni. Godehilde hiefs nach 
der Godehildis von Barcelona, ihrer Grofsmutter, und Balduin stand 
im Begriff aufzubrechen um zu kämpfen gegen die Heiden, wie einst 
Roger. Soeben hatten die Toëni den ältesten Sohn durch den 
Tod verloren, jetzt sahen sie ihre einzige Tochter davonziehen. 

1 Gallia ChrUt, t. XI, (1874) S. 637 ff. 

• S. namentlich Ord, Vital, (cd. Le Prévost) t. II S. 121. 148. 297. 401; 
t. Ill, 25. 238. 262. 296. 346 ÍF. ; t. IV, 67. — WilL Gemm, 1. VII cap. 24. 

• Ord. Vuoi. t. m S. 345. 



3 2 J. F. D. BLÖTE, 

Wohl mag da an den berühmten Spanier erinnert worden sein. 
Sollten die jungen Leute, Balduin und Godehildis, nicht von ähn- 
lichem Ruhm geträumt haben? Müssen nicht Balduin und Gode- 
hilde auf der langen Fahrt zu ihrer Umgebung gesprochen haben 
von dem kühnen Vorfahren? Nachricht von diesem Grofsvater 
der Godehilde mufs auf jeden Fall in die Menge der lothringischen 
Kreuzfahrer gekommen sein. 

Der Gang unserer Untersuchung führte uns zu einem Vor* 
fahren der Godehilde von ToënL In Roger von Toeni, dem Grofs- 
vater der Godehilde, lernten wir eine Persönlichkeit kennen, deren 
Erlebnisse ihre Entsprechung finden in einigen Zügen des Schwan- 
ritters, den die Sage den Grofsvater Balduins und seiner Brüder 
nannte. Die Familienerinnerung der Toeni — denn von Balduins 
zweiter Gemahlin dürfen wir jetzt wohl absehen — war also der 
Same, der unter die treibende Kraft der wunderbaren Verhältnisse 
der Jahre seit 1096 kam. Und wenn dem so ist, so mufs Roger 
etwas mit einem Schwan zu schaffen gehabt haben. Denn der 
Schwan bildet in der Sage vom Schwanritter ein Hauptmoment 
Ohne den Schwan würde die ganze Herkunft unbemerkt vorüber- 
gegangen sein. Aber die Chronistik des 1 1 . und 1 2. Jhds. schweigt 
von einem Schwan, mit dem Roger verbunden war, ebenso wie 
die Historiographie des 12. Jhds., mit einer einzigen Ausnahme, 
auch das Schweigen bewahrt über die wunderbare Herkunft Gott- 
frieds von Bouillon. 

IG. 

Ich habe in dieser Zeitschrift 21, 177 ff. auf zwei Stellen bei 
englischen Autoren gewiesen, in welchen die Toeni, die seit der 
Eroberung (1066) mächtige Grundbesitzer in England waren, mit 
dem Schwanritter oder mit Rittern, die Schwan hiefsen, in Ver- 
bindung gebracht werden. Ich bringe diese Stellen noch einmal 
zur Sprache, da sie durch das Vorhergehende in ein anderes Licht 
treten und auch aus sich selbst heraus, namentlich die zweite, 
wichtigere Folgerungen gestatten, als mir in dem früheren Artikel 
deutlich war. — Die eine Stelle — sie ist vom J. 1300 und findet 
sich in einem Gedicht von vorzugsweise heraldischem Inhalt, das 
die Edeln aufführt und charakterisiert, die mit Edward I. im Juli 
1300 den Kriegszug nach Schottland mitmachten — besagt von 
Robert von Tony (er war der letzte des Geschlechtes), dafs dieser 
durch die Farbe seiner Rüstung *gut zeige, dafs er vom Schwan- 
ritter sei*.* Wir dürfen diesem Passus wohl ohne weiteres ent- 

^ 'Blanche cote et blanches aleltes, 

Esca blanc et baniere blanche 
Avoit o la vermeille manche 
Robert de Tony, ki bien signe 
Ke il est du chevalier a eigne.' 

N. H. Nicolas, The Siege of Carlaverock, 
London 1828, S. 42. Vgl. ebd. S. 369 f. 



\ 



DER HISTORISCHE SCHWANR1TT£R. 33 

nehmen, dais nicht blofs der anglonormannische Dichter, der als 
Augenzeuge berichtet, meinte, der Tony, von dem er spreche, leite 
seine Herkunft ab von dem sagenhaften Grofsvater Gottfrieds von 
Bouillon. Auch dieser Tony selbst, so scheint es nach den wenigen 
Zeilen des Gedichts, muís der Ansicht gewesen sein, er stamme 
von dem in den Liedern gefeierten Helden. Er galt nach eigner 
und anderer Meinung für einen Nachkommen des Schwanritters. 
Aber zu keiner Zeit hatte sich einer der Barone von Tony mit 
einer Tochter aus dem Hause Boulogne vermählt, wodurch sich 
die Herkunft erklären liefse, wie sich aus der Genealogie des 
Hauses Boulogne leicht ergiebt Gleichfalls mit keiner Tochter 
aus den Häusern Brabant oder Cleve, obgleich diese und andere 
Häuser für diesen Zeitraum noch nicht in Frage kommen können. 
Dafs die Tony, weil Godehilde sich mit Balduin von Boulogne 
vermählte, sich dadurch die Abstammung beigelegt haben sollten,^ 
ist deshalb nicht anzunehmen, da in keinem Lande die ehelichen 
Verbindungen durch die £rblassungen und Schenkungen urkund- 
lich so fest bewahrt blieben und dadurch Recht oder Unrecht auf 
einen Titel so festgehalten wurde als bei den Normannen in Eng- 
land. Auf dem Kontinent sieht man die Abstammung vom Schwan- 
ritter oder von Karl dem Grofsen nur dann auf ein Geschlecht 
übergehen, wenn wirkliche Verwandtschaft bestand. Einen Schwan 
im Wappen hatten die Tony seit dem Aufkommen der erblichen 
Wappen nicht,^ wodurch sie, wie die Bohun in England im 14. Jhd., 
zu der Abstammung gelangt sein könnten. Aus unserer Stelle 
würde also dieses folgen: die Herkunft der Tony geht nicht auf 
Gottfrieds sagenhafte Abstammung zurück; es bestand ursprüng- 
lich unabhängig von Boulogne und Gottfried bei den englischen 
Tony eine verwandtschaftliche Beziehung zu einem Schwanritter in 
irgend welcher Gestalt; im Laufe der Zeit verblafste die richtige 
Vorstellung davon in der Familie, die Erinnerung aber blieb; 
diese Erinnerung lebte wiederum auf, als Gottfrieds Grofsvater zu 
dem gefeierten Ritter gemacht ward, und es allmählich dann für 
ruhmvoll galt, von diesem Schwanritter abzustammen. — So weit 
die Deutung aus der Stelle von 1300. — 

Die zweite Stelle findet sich bei Matthaeus Paris in der 
Lebensbeschreibung der Aebte seines Klosters, die er um 1250 
ausarbeitete. Bei Leofstan, dem 12. Abt von St Alban (nach 
1046 — 1064), wird erzählt,^ wie dieser Wege zum Kloster anlegen 



* G. Paris, Romania 26, 58 í. 

• Sic führten einen roten Aerrael in Silber. 

» Ed. Guill. Wats, London 1639, S. 45 f. Durch H. Th. Riley's Ausgabe 
der Gesta Abbatum Monasterii Sancii Albani a Thoma WaUingham Vol. I, 
A. D. 793 — 1290, London 1867, in welcher der Herausgeber den dem Matth. 
Paris gehörigen Teil nach Cott. Ms. Nero D. I bezeichnet, auch mit steter 
Verglcichung von Wats* Ausgabe, ist für unseren Zweck ein Hinweis auf 
diese handlichere Ausgabe genügend. Der uns angehende Teil findet sich 
daselbst S. 39—41. 

Zitodtf. £ KB. PhiL XXV. % 



32 J. F. D. BLÖTE, 

Wohl mag da an den berühmten Spanier erinnert worden sein. 
Sollten die jungen Leute, Balduin und Godehildis, nicht von ähn- 
lichem Ruhm geträumt haben? Müssen nicht Balduin und Gode- 
hilde auf der langen Fahrt zu ihrer Umgebung gesprochen haben 
von dem kühnen Vorfahren? Nachricht von diesem Grofsvater 
der Godehilde muís auf jeden Fall in die Menge der lothringischen 
Kreuzfahrer gekommen sein. 

Der Gang unserer Untersuchung führte uns zu einem Vor- 
fahren der Godehilde von Toëni. In Roger von Toëni, dem Grofs- 
vater der Godehilde, lernten wir eine Persönlichkeit kennen, deren 
Erlebnisse ihre Entsprechung fìnden in einigen Zügen des Schwan- 
ritters, den die Sage den Grofsvater Balduins und seiner Brüder 
nannte. Die Familienerinnerung der Toëni — denn von Balduins 
zweiter Gemahlin dürfen wir jetzt wohl absehen — war also der 
Same, der unter die treibende Kraft der wunderbaren Verhältnisse 
der Jahre seit 1096 kam. Und wenn dem so ist, so mufs Roger 
etwas mit einem Schwan zu schaffen gehabt haben. Denn der 
Schwan bildet in der Sage vom Schwanritter ein Hauptmoment 
Ohne den Schwan würde die ganze Herkunft unbemerkt vorüber- 
gegangen sein. Aber die Chronistik des 1 1 . und 1 2. Jhds. schweigt 
von einem Schwan, mit dem Roger verbunden war, ebenso wie 
die Historiographie des 12. Jhds., mit einer einzigen Ausnahme, 
auch das Schweigen bewahrt über die wunderbare Herkunft Gott- 
frieds von Bouillon. 

IG. 

Ich habe in dieser Zeitschrift 21, 177 ff. auf zwei Stellen bei 
englischen Autoren gewiesen, in welchen die Toëni, die seit der 
Eroberung (1066) mächtige Grundbesitzer in England waren, mit 
dem Schwanritter oder mit Rittern, die Schwan hiefsen, in Ver- 
bindung gebracht werden. Ich bringe diese Stellen noch einmal 
zur Sprache, da sie durch das Vorhergehende in ein anderes Licht 
treten und auch aus sich selbst heraus, namentlich die zweite, 
wichtigere Folgerungen gestatten, als mir in dem früheren Artikel 
deutlich war. — Die eine Stelle — sie ist vom J. 1300 und findet 
sich in einem Gedicht von vorzugsweise heraldischem Inhalt, das 
die Edeln aufführt und charakterisiert, die mit Edward I. im Juli 
1300 den Kriegszug nach Schottland mitmachten — besagt von 
Robert von Tony (er war der letzte des Geschlechtes), dafs dieser 
durch die Farbe seiner Rüstung *gut zeige, dafs er vom Schwan- 
ritter sei'.^ Wir dürfen diesem Passus wohl ohne weiteres ent- 



' Blanche cote et blanches alettes, 
Esca blanc et baniere blanche 
Avoit o la vermeille manche 
Robert de Tony, ki bien signe 
Ke il est du chevalier a eigne.' 

N. H. Nicolas, The Siege of Cdrlaverock, 
London 1828, S. 42. Vgl. ebd. S. 369 f. 



DER mSTORISCHB SCHWANRITTËR. 35 

/turai, servìens et, ei ipsum roiulum sibi retintäi, de scripits suis hoc 
solum eligens^A Daher kommt es Wats, der in seiner Ausgabe das- 
jenige, was in Ms. Spelman nicht gefunden wird, eingeklammert 
hat, und nach ihm auch Riley, dem Herausgeber der Gesia Ahhatum 
Si. Albani Walsinghams, wahrscheinlich vor, dafs die Hs. Spelman 
sich in der älteren Partie näher als die anderen Hss. an die alte 
Rolle anschlofs. Von allem, was sich nun beim Abt Leofstan in 
den anderen Hss. findet, fehlte in dem Ms. Spelman nur der Satz 
*Sed haec suo loco plenius conscriheniur^ am Schlufs des Kapitels 
über die ursprüngliche Beziehung zwischen Leofstan und Flamstead. 
Dieser im Ms. Spelman fehlende Zusatz bezieht sich aber auf die 
Erzählung von der Empörung der Engländer gegen den Eroberer 
und ihrer Niederwerfung, wie sich aus der Viia des folgenden 
Abtes Frethericus ergiebt, denn von dieser in der ed. Riley 5 Seiten 
umfassenden Erzählung (S. 44 — 49) ist wiederum im Ms. Spelman 
nicht die Rede. So dafs nach dem vermutlichen Verhältnis der 
handschriftlichen Ueberlieferung die Viia des Abtes Leofstan schon 
auf der alten Rolle stand, und zwar — mit einer kleinen Ab- 
weichung durch den Zusatz *Sed haec etc.' — in der Gestalt, wie 
sie Matthaeus Paris bietet Und somit auch die Charakteristik 
Rogers von Thoni, da der Einschalter des ^Sed haec etc.' diesen 
Passus erst nach der Charakteristik setzte, d. h. an das Ende des 
Kapitels, während der Zusatz doch faktisch hinter die Mitteilung 
von dem Aufenthalt in den Wäldern um Flamstead hingehört. 

In die gleiche Richtung weist eine Prüfung des überlieferten 
Textes, der von Leofstan und im besondern von der Herkunft 
Rogers von Thoni handelt 

1. Matthaeus Paris sagt in seiner Hisioria major, dafs König 
Edward 1066 '/*« vigilia Epiphaniae Domini, feria quinia, pro regno 
temporali commuiavii aeiernum\ Obgleich es nun in den Vitae heifst, 
dafs der Abt Leofstan ^biennio anie Conquaesium\ also 1064, und 
^annis duodecim ei amplius^*^ vor dem Tode seines Nachfolgers (1077), 
d. h. vor 1065, stirbt, lassen die Viiae ihn trotzdem Uiio posV^ 
nach König Edward, also 1066, aus dem Leben scheiden. Und dieser 
Widerspruch ist um so auffallender, als die Vitae Ahhatum als eine 
Ergänzung zur Historia major bestimmt waren und ursprünglich in 
den gleichen Band mit dieser aufgenommen werden sollten.'* Wir 
lernen daraus, dafs diese Daten nicht das selbständige Werk von 
Matthaeus Paris sind und dafs er sie unrevidiert aus einer anderen 
Arbeit aufnahm: diese andere Arbeit war aber nach der Bemerkung 
in zwei Hss. die alte Rolle Adams des Kellermeisters. Für uns 
aber ist von Wichtigkeit, dafs dieser Widerspruch beim Abt Leofstan 
begegnet, in dessen Leben sich der Passus von dem Thoni findet 

2. Das einzelne, was bei Leofstan von dem Verhältnis zwischen 
dem Kloster St Alban und dem Hof Flamstead berichtet wird, 



1 Rüey, a. a. O. S. 4. Vgl. ebd. S. XIV. 

« ebd. S. 44. » ebd. S. 41. * ebd. S. XI £ 



36 J. F. D. BLÖTE, 

muís auf mündlicher Klostertraditíon beruhen, es kann nicht aus 
zeitgenössischer Aufzeichnung oder aus Urkunden hervorgegangen 
sein. Darauf weist, dafs sowohl die Namen des Tumothus und 
seiner Genossen, die kurz vor der Eroberung Flamstead besafsen, 
als auch das Kloster St. Alban als frühere Eigentümer Flamsteads 
im Domesdaybook fehlen. Femer, dafs Rogerus de Thoni als 
erster normannischer Besitzer Flamsteads aufgeführt wird, statt 
Radulf US de Thoni, wie das DB. angiebt.^ Endlich die allge- 
meine Erscheinung, dafs die älteren Aebte, unter welchen auch 
Leofstan, ohne Regierungsjahre behandelt werden, während erst 
nach der Zeit der Eroberung die Daten eintreten ; wir sahen soeben, 
wie zweifelhaft noch die Zeitangabe des Antritts der Verwaltung 
durch Leofstans Nachfolger war. Nun war allerdings niemand mehr 
als Matthaeus Paris in der Lage sich das meiste und zuverlässigste 
historische Material zu verschaffen. Das Kloster war ein Centrum 
geschichtlicher Bildung der damaligen Zeit und Matthaeus Paris 
der Mittelpunkt in diesem Centrum. Eine reiche Bibliothek stand 
ihm zur Verfügung. Er überragte seine Zeitgenossen an Kennt- 
nissen und in der Kunst die Ereignisse ansprechend mitzuteilen. 
Mit den Grofsen seiner Zeit stand er in lebhafter Beziehung. Aber 
schon vor Matthaeus wurde im Kloster St. Alban schriftstellerisch 
Tüchtiges geleistet, und durch seine Historia major haben wir einen 
Einblick in die Methode seines Schaffens: bedeutend ist Matthaeus, 
wo er als Berichterstatter des Selbsterlebten auftritt, oder wo er 
aus dem Urkundenschatz mitteilt; für die ältere Zeit copiert er 
eine vorhandene Chronik, nennt den Namen ihres Verfassers nicht, 
betrachtet sie vielmehr als klösterliches Eigentum, macht aber Zu- 
sätze, die er wiederum anderen Quellen entnimmt. — Nun gab 
es vor seinen Vitae eine alte Rolle, die von den ältesten Aebten 
handelte, zwei Hss. weisen mit ausdrücklichen Worten auf die Be- 
nutzung derselben hin ; von der Entwicklung des Verhältnisses, das 
einst zwischen Flamstead und St Alban bestand, war zur Zeit des 
DB. schon nichts mehr urkundlich bekannt. Es liegt also auf der 
Hand, dafs die alte Rolle die mündliche Ueberlieferung schon ver- 
zeichnet hat und somit auch die Mitteilung über den Thoni ent- 
hielt, die notwendig zu dieser mündlichen Ueberlieferung ge- 
hörte. — 

3. In Verbindung mit diesem allgemeinen Charakter der Vita 
Leofstans hat nun ein spezieller Zug in dem uns näher angehenden 
Passus besondere Bedeutung: die in der Charakteristik Rogers 
(1. Radulfs) von Thoni gegebene Vorstellung von der Herkunft ist 
im Widerspruch mit den Anschauungen, die um die Mitte des 
13. Jhds. in der litterarischen Welt und bei den Tony um 1300 
über den Schwanritter hen'schten und demnach auch im Wider- 
spruch mit dem, was wir von Matthaeus Paris voraussetzen müssen. 
Sie ist — und darin liegt ihre besondere Bedeutung — überhaupt 



^ Ztschr. 21, 179 f. 



DER HISTORISCHB SCHWANRITTER. 

im Widerspruch mit einer Auflassang, die von dem Schwanritter 
der Sage ausgeht. 

'Ab Ulis famosis mililibus Irahtns propaginem, qui a Cygni 
iiçtnitie inlitttlanlur.' Es heifst nicht, dafs der erste nor- 
raannische Besilser Flamsteads von einem berühmten Vorfahren 
stammle, sondern er leitete seine Herkunft ab von einer Gruppe 
berühmter Rilter. Und der Wortlaut des 'mi/i/iÒus, gut a Çygni 
nomine inliliilantur' weist an sich nicht auf Ritter, die einst Schwäne 
waren, wie man sich die Sache zurechtlegen möchte, sondern 
auf solche, die eben aus irgend einem Grunde 'mit dem Namen 
des Schwanes genannt, bezeichnet, betileit, angeredet werden ',t 
aualog etwa einem ''miÜlibus, qui a Plaiilagcnisla: nomine iniitU' 
/(tnlur' für die englischen Könige aus dem Haus Anjou. Und 
doch mufs auch in England zur Zeit des Matlhaeus Paris der StoiF 
vom Schwanritter verbreitet gewesen sein, und mufs es auch da 
für eine besondere Ehre gegolten haben, sich von dem wunder- 
baren Ursprung nennen zu können, wie aus unserer ersten Stelle 
und aus der Aufnahme der Herkunft ¡m Geschlecht der Bohuns 
um oder nach 1300 hervorgeht, und nicht anders möglich ist 
durch die Berührungen zwischen aoglonormannischer und franzö- 
sischer litterarischer Bildung. Von mehreren Schwanrittern im 
Sinne der Sage war damals nichts bekannt: die Entstehung auto- 
chthoner Sagen in Brabant und Cleve gehört späterer Zeit an.^ 
Also der Wortlaut des Passus schon macht es bedenklich, den 
Zusatz dem Matthaeus Paris oder einem solchen Vorgänger des- 
selben lu KU schrei be n , der zur Blütezeit der Sage lebte, als hätten 
sie im allgemeinen Sinn die Herkunft vom Schwanritter der Sage 
bezeichnen wollen und unter den berühmten Rittern Helyas und 
seine Brüder verstanden. Dazu kommt, dal's Matthaeus in seinen 
anderen Werken kein Wort verliert über die alsdann gleiche Het- 
knnfl Gottfrieds von Bouillon und die der Königin Mathilde, wäh- 
rend er bei Roger von Thoni den Zusatz halte für nötig erachten 
sollen. Dafs Matlhaeus Paris gerne alles berichtete, was er von 
den Thoni in Erfahrung bringen konnte, kann man gar nicht 
sagen: ein bei Wats vorkommender und von diesem vermutlich aus 
Ms. Spelman genommener Passus über einen Robert von Thoteneio, 
der die Kirche 'Celtae de Bealvero' gründete und 1088 starb,^ 
findet sich femer bei Matthaeus Paris nicht. Erst von den Thoni 
des 13. Jhds., seinen Zeitgenossen, meldet er einiges in seinen 
beiden gröfseren Werken. 

< Da Gange hat (iir die Bedeutung von •intitulare' noi eine anf unsere 
Stelle passende Bedeutung: 'intHuìari' ^ 'titulo dtcerari'. 

* Das AurkommeD des clevischen Schwanntters a. a. O. — Auch die 
Romane von Balduin von Sebouig und ilem Bastard von Bouillon gehÖien 
dwn 14. Jhd, an. Alkrdingi spricht der ScUufs der Elioie -Version der Schwan- 
kinder davon, difs alle Brüder auf Abenteuer ausziehen (La njiitance du 
Chevalier au Cygne, ed. H. A, Todd, Baltimore 1 8S9, S. 91), Die Angabe 
cheint mir aber eine Phrase des Dichters lu sein. 

» Riley, a. a. O. S. 66. 



38 J. F. D. BLÖTE, 

Wie man sieht: in Verbindung mit der vermutlichen hand- 
schriftlichen Ueberlieferung, mit dem altertümlichen Charakter des 
sonst über Leofstan Mitgeteilten, kann Matthaeus Paris der Urheber 
der Charakteristik Rogers (d. h. Radulfs) von Thoni nicht sein. Die 
Charakteristik mit ihren Rittern *qui a Cygni nomine iniitulaniur^ 
scheint einer Zeit anzugehören, da eine andere Auffassung als die 
unserer Sage bestand. 

1138 war Adam der Kellermeister, der Besitzer und wahr- 
scheinlich auch Verfasser der alten Rolle, schon Mönch des Klosters 
St. Alban. Zum letzten Male wird er 11 66 handelnd erwähnt ^ 
und unter dem 20. Abt (i 183 — 1 195) werden Vorschriften ge- 
geben zur Feier des Erinnerungstages seines Todes. Während 
seines Lebens — obgleich von ihm vielleicht unbemerkt — geht 
die litterarische Entwicklung der Sage vom Schwanritter vor sich. 
In dem ersten Decennium seines Klosterlebens und noch manches 
Jahr nachher war die Welt noch nicht voll von dem Grofsvater 
der drei Brüder, am allerwenigsten in England, obgleich doch 
damals das einzige Kind eines der drei boulognischen Brüder, 
Mathilde, die Gattin König Stephans, auf dem englischen Thron 
safs. Erst um die Mitte des Jahrhunderts, eher später als früher, 
tritt der Stoff von den Vorfahren Gottfrieds von Bouillon in die 
französische Litteratur ein und mag darauf bald nach England 
gelangt sein. Da also die Sage von dem Grofsvater Gottfrieds 
erst nach 1 1 50 in England aufgetreten sein kann, und die Familie 
Toëni durch die Nähe Flamsteads und das Verhältnis, das zwischen 
Flamstead und St. Alban einst bestanden hatte, im Kloster be- 
sonders bekannt war, so hätte Adam, falls die Herkunft der Toëni 
im Sinne der continentalen Sage erst mit dieser aufgekommen 
wäre, doch eine längere Periode erlebt, in welcher die Toëni 
keinen Ahnherrn dieses Charakters kannten. Da femer die Toëni 
in der zweiten Hälfte des Jhds. allem Anschein nach der Herkunft 
gar keine Bedeutung beilegten — denn beim Aufkommen der 
erblichen Wappen nahmen sie nicht einen Schwan, sondern einen 
Aermel als unterscheidendes Zeichen an — , so kann der Verfasser 
der Rolle nicht durch die festländische Sage oder durch die zeitge- 
nössischen Toëni beeinflufst worden sein.^ Und schliefslich : da wir 
in der Vita Leofstans nur mündliche Klostertradition constatierten, 
so beruhen demnach auch die Worte ^qui a Cygni nomine iniiiu' 
lantur^ auf mündlicher Ueberlieferung. Und so können diese Worte 



^ ebd. S. 182. 

' Aufserdem scheint die alte Rolle anfangs nur bis zu dem Tode des 
15. Abtes (Richard 1097 — 1119) gereicht zu haben, weil das Ms. Spelman 
— zu urteilen nach Wats* Bezeichnungen — nur bis zur Regierung dieses Abtes 
Auslassungen hat. Die Abfassung der ersten Vitae dürfte also in die erste 
Klosterzeit Adams fallen, vermutlich unter den 16. Abt Gaufridus (1119 — 1146). 
Nachher wird Adam Fortsetzimgen gemacht haben, die seinem Ms. hohen Wert 
verliehen. Auf ihn als Autor weist vielleicht auch der ausführliche Bericht 
über die Küche imter dem soeben genannten Abt Gaufridus (Riley, a. a. O. 
S. 73 flf.). 



DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. 39 

keine andere Bedeutung haben, als dais nach eben dieser Ueber- 
liefening der erste normannische Besitzer Flamsteads sich verwandt- 
schaftlich zu den Rittern rechnete, die aus irgend einem Grunde 
'Schwan' hiefsen und durch ihre Tapferkeit unter dem anglo- 
normannischen Adel einen besonderen Ruf hatten. Nun liebten 
die Normannen Zunamen. Häufig spottend. Hugo von Avranches 
nannte man *Wolf'*, Radulf von Gacé * Eselskopf* 2, Wilhelm von 
Poitiers sogar * Wergkopf* ^ Herbert I. Graf von Maine t 1036 
* Hundewecker' 4 u. s. w. Vergleichen wir aber die Plantagenets, so 
kann das *a Cygni nomine* nichts anderes besagen wollen, als 
dafs der erste englische Toëni von Rittern abstamme, die sich 
durch ein Schwanzeichen von anderen unterschieden und dadurch 
'Schwan' hiefsen. Vermutlich führte er mit seinen Leuten auf 
seinen vielfachen Kriegszügen dieses Zeichen auch selbst,^ und war 
dies die Ursache, dafs die Ueberlieferung in St Alban gerade 
diese Eigentümlichkeit bewahrte und hervorhob. Es war also ein 
Fall, wie bei Thomas von Woodstock t i397 und Humphrey Plan- 
tagenet t 1446, die nach ihrem Abzeichen (badge) Schwan genannt 
wurden,^ und andere anders.^ — So aufgefafst, bewahrte die noch 
zur Zeit König Stephans (1135 — 115 4) oder vielleicht zur Zeit 
Heinrichs II. (1154 — 1189) entstandene Rolle eine ursprüngliche 
Bezeichnung für die Toëni, die allmählich verloren gegangen war.^ 

Sollte ich etwa zuviel aus den Stellen von 1300 und 1250 
geschlossen haben? 

Da greift nun zu endgültiger Entscheidung nicht nur dasjenige 
ein, was wir von Roger dem Spanier wissen, sondern in erster 
Linie das Hauptresultat unserer Untersuchung in den vorangehenden 
Abschnitten. Dieses liefs uns — wir dürfen von Balduins zweiter 
Gemahlin, der armenischen Prinzessin, absehen — keinen anderen 
Weg offen, als dafs von Roger dem Spanier die Sage von dem 



^ Pluquet, Roman de Rou, t. II S. 242 Anm. 2. ' ebd. S. 252 Anm. 2. 
» ebd. t. I S. 115. * Ord. Vital, t. n S. 102. 252. 

* Eine ähnliche Auffassung hatte vor 75 Jahren Aug. Thierry, als er 
den neuen Besitzer Flamsteads mit einem Schwan auf dem Schild sein Gut in 
Besitz nehmen läfst. Ht'st. d. l. Conquête de V Angleterre t. Il S. 23 (ed. 1839). 

• Für Thomas von Woodstock: *Thorw the bush a swan was sclayn* 
{Political Poems and Songs» ed. by Th. Wright, Vol. I, London 1859, p. 363); 
*The Swan failed* {Richard the Redeless, ed. by W. Skeat, Oxford 1886, 
Vol.1 p. 617) a. s.w. — Für Humphrey Plantagenet: 'The Swanne is 
goone* {Political Poems o. c. Vol. II, 1 861, p. 221). 

' ebd. an anderen Stellen. 

® Ich habe bei dieser Untersuchung eine Stütze nicht berücksichtigt, da 
sie sich in zweierlei Weise deuten läfst und ihre Documentierung erst spät 
aufh-itt. Roger der Spanier hatte noch einen zweiten Sohn, Robert, welcher 
als Robert von Stafford der Begründer des Geschlechtes der Stafford wurde. 
Edward von Buckingham nun, Herr von Stafford, nannte sich ca. 1500 
* lineally descended* von Helyas dem Schwanritter. Als die Staffords von 
Stafford einen Helmschmuck annahmen (das älteste uns erhaltene Siegel ist 
allerdings erst v. J. 1403, wie Hr. E. Maunde Thompson vom Brit. Mus. mir 
gütigst berichtete), war derselbe ein Schwan. — Eine Studie über den Schwan- 
ritter in englischen Häusern hoffe ich nächstens vorlegen zu können. 



40 J. F. D. BLÖTE, 

Grofsvater der drei boulognischen Brüder ihren Ausgang nahm. In 
den Berichten, die von diesem Roger handeln, fanden wir freilich 
keinen Schwan erwähnt. Aber: wenn die energische That des ver- 
wegenen Mannes, die ihm die Gattin und bei den Zeitgenossen 
und Chronisten den Namen des Spaniers einbrachte, ihre Ent- 
sprechung findet in charakteristischen Zügen des Schwanritters 
der Sage; wenn dieser Roger der Grofsvater ist der Godehilde von 
Toëni, wie der Schwanritter der Grofsvater Balduins von Boulogne; 
wenn die Sage keine Erinnerung oder Modifizierung einer vor- 
gottfriedischen lothringischen Landes-, Familien- oder Volkssage 
sein kann; wenn der erste Kreuzzug eine Zeit der Erregung herauf- 
brachte, in welcher aus unklar aufgenommenen Vorstellungen ein 
sagenhaftes Gebilde ein üppiges Wachstum finden konnte: so folgt 
schon daraus, dafs Roger der Spanier das Urbild des Schwanritters 
war, und legt es den Schlufs nahe, dafs Roger etwas mit einem 
Schwan zu schaffen hatte. Wenn nun gar in einem von Matthaeus 
Paris fortgesetzten Werk berichtet wird, dafs der erste Besitzer 
Flamsteads, der wie wir wissen der Sohn des Spaniers war, seinen 
Ursprung von Rittern ableitete, *qui a Çygni nomine mitiulantur* f und 
dafs mehrere Anzeichen darauf schliefsen lassen, dafs diese Aussage 
sich auf einer alten Rolle vorfand, die zur Zeit König Stephans 
oder König Heinrichs geschrieben ward; wenn femer ein Tony von 
1300 sich des Ursprungs vom Schwanritter rühmte und kein Zu- 
sammenhang mit einem sonstigen Geschlecht vom Schwaniitter der 
Sage besteht, wie sich für Brabant, Cleve und Arkel nachweisen 
läfst: so sehen wir unsere Schlufsfolgerung bestätigt, dafs Roger der 
Spanier in irgend welcher Weise mit dem Schwan verbunden war, 
und dafs die Berufung der englischen Tony ursprünglich unabhängig 
von der Herkunft der drei boulognischen Brüder war und bis in 
die Zeit vor der Eroberung hinaufreichte, wie auch der Passus des 
Matthaeus Paris zum Ausdruck brachte. 

So erhellen die Stellen des Matthaeus Paris und des Wappen- 
dichters, die Berichte über Roger von Toëni und die Sage vom 
Schwanritter sich gegenseitig und greifen für unsere Erkenntnis 
ergänzend in einander ein. Die Erinnerung an Godehildens von 
Toëni Grofsvater ist also in der That der Same, aus welchem zur 
Zeit des ersten Kreuzzugs auf dem Kontinent die Sage vom Schwan- 
ritter hervorsprofs. — 

Ich sprach oben im Anschlufs an die Plantagenets die Ver- 
mutung aus, dafs Roger und wohl auch sein Sohn Radulf auf 
ihren Kriegszügen sich und die Ihrigen durch ein Schwanzeichen 
unterschieden oder ein Schwanzeichen führten. — Roger von Toëni 
war wie sein Sohn Radulf *sigmfer ioiius Normanmae\^ Wir be- 
gehen also keinen Anachronismus, wenn wir annehmen, dafs ent- 
weder Roger in seinen Privatunternehmungen auch seinen signifer 



1 Ord, Vital, t. II S. 401. II, 12 1; Will, Gemmet, VII, 3; Roman de Rim, 
ed. Pluquet, 1. 11 S. 195. 



DER niSTORISCHB SCHWANRITTBB. 



4' 



I 



hatte oder dafs er tind seine Leute ao einem besondem Zeichen 
erkennbar waren.' Wir haben uns den Schwan bei Roger von 
Toeni also ais ein Kiiegszeichen vorzustellen. 

Und auf einen Schwan als Rriegszeichen weist noch etwas 
Anderes. Ich wiederhole hier die Vermutung, die ich schon in 
dem ersten Artikel S. 158 fT. als eine sehr berechtigte angeführt 
habe. Balduin von Boulogne wurde vor seinem Königtum an 
einem besondem Zeichen, das leider nicht beschrieben wird, er- 
kannt.^ Nun hatte er bei seiner Fahrt nach dem Orient einen 
ähnlichen Zug angetreten wie der Grofsvater seiner Frau; bei 
beiden war der Zweck und das Ziel Kampf gegen die Heiden. 
Balduin war der jüngste Sohn des Hauses Boulogne, er hatte sich 
soeben erst mit der einzigen Tochter der Toeni vermählt, die ihn 
auf der Reise begleitete, und kein Toeni nahm an dem Kteuzzug 
teil: allea Grund genug, das Zeichen des gefeierten Spaniers als 
einen gliickanbringenden Talisman gleichfalls als unterscheidendes 
Zeichen anzunehioen. Und ferner: die einfache Erzählung, dafs 
der Grofsvater ein Schwanzeichen geführt hatte, wäre wohl in den 
bewegten Zeiten des Kreuzzugs verschollen, wenn nicht etwas An- 
lafs gegeben hätte, den Gedanken daran in der Umgebung und 
in weiteren Kreisen festzuhalten. Und dazu eignete sich vor allen 
Dingen ein sichtbares Schwan zeich en. Der Grund, weshalb Bal- 
duin gerade dieses Zeichen gewählt hatte, wurde gleich anfangs 
bei seiner Umgebung bekannt. Und als Godehilde nun durch 
Siechtum zurücktrat und binnen einem Jahre starb, war die Ver- 
wechslung zwischen Balduins und Godehildens Grofsvater ein 
Leichtes, wenn dieselbe nicht schon eingetreten war. Dadurch 
erklärt sich auch, dafs gerade nur das Allgemeine aus der Familien- 
traditioQ der Toeni festgehalten wurde: wie der Grofsvater mit 
seinem Schwan rettend in dem Lande erschien, der Witwe zu 
ihrem Rechte verhalf, die Tochter zur Frau nahm. Das genauere 
Locale drang nicht in die Menge, oder wurde bald spurlos ver- 
wischt. Und so nahm der Stoff, als der Schwanritter als Grofs- 
vater Balduins und nicht seiner Gattin aufgefafst wurde, leicht 
lothringische Färbung an. 

Dafs die normannischen Chronisten \on Rogers í^icben 
schweigen, ¡st nicht auffallend. Wilhelm von Poitiers, der aller- 
diogs der Einzelnheiten wenige bietet, Wilhelm von Jumiègea, 
Orderic Vita!, Robert von Monte schweigen sogar von den Zeichen 
und Farben der normannischen Reichsfahne. Aus ihnen und den 
sämtlichen Chronisten des 12. und 13. Jhds., Wilhelm von Tyrua 
ausgenommen . erfährt man gleichfalls nichts von der wunderbaren 
Herkunft Gottfrieds von Bouillon und seiner Brüder. Noch mehr: 
aus den normannischen Chronisten vernehmen wir über Rogers 



T Zeit der Erol>eruEig und vorher UDtericbeideade Kriegt- 
: haben sieb Beneble erhalten. Vgl. Ztscbr. ». a. O. S. ]8c, 
Aachen IX, 9. Wilhelm von Tyrai m, 30. 



1 Dais es 1 

leicben gab, davc 
» AJben ÏO 



42 J. F. D. BLÖTE, 

Fahrt nach Spanien nur, dafs er in Spanien gewesen ist und dafs 
er seitdem den Namen des Spaniers hatte. Hätten wir den mit 
Roger gleichzeitigen Bericht Ademars nicht, wir würden auch für 
die Erlebnisse Rogers in Spanien vollständig im Dunkeln tappen. 

Und so wissen wir von Roger dem Spanier auch zu wenig, 
um feststellen zu können, ob die beiden merkwürdigen Züge der 
späteren Sage — der Zweikampf und das Verbot der Frage — 
nicht schon in der Tradition, die sich um seine Person in der 
Familie Toeni entwickelt hatte, vorkamen. Dafs diese Züge aus 
altertümlichen Anschauungen hervorgegangen sein müssen oder be- 
liebige dichterische Zusätze sein sollten, ist ebenso wenig notwendig, 
als dafs die Sage vom Schwanritter aus alten heidnisch-mythischen 
oder gar ursprünglich totemischen Anschauungen hervorgegangen 
wäre. Nur in der Gestalt, wie wir sie in den Aufzeichnungen seit 
den Chansons kennen lernen, sind sie uns auffallend. Roger kann 
einen Zweikampf in Spanien bestanden haben und so besonders für 
das gute Recht der Witwe ^ eingetreten sein. Roger kann aus irgend 
einem Grunde auf diesem Zuge oder sonst verboten haben, nach 
seinem Namen zu fragen, er war ja zu Sonderbarkeiten geneigt. 
Auch Erlebnisse verschiedener Zeiten können sich zu dem Gesamt- 
bild vereinigt haben. Die Familientradition kann unserer Sage in 
diesen Zügen schon ähnlich gewesen sein. Aber Material zu sichern 
Schlüssen ist nicht auf uns gekommen.2 — 

Die Erinnerung an den Spanier und sein Zeichen machte in 
der Familie Toeni im Laufe der Zeit verschiedene Phasen durch, 
die sich aus gewissen Kennzeichen bestimmen lassen. Unter seinem 
Sohn Radulf IL, f 1102, lebte die Familientradition in ihrer ganzen 
Klraft, wie Roger den Namen des Spaniers erwarb, wie er zu seiner 
Gattin kam, mit welchem Zeichen er damals und sonst auszog. 
Die Uebertragung der Familientradition der Toeni auf Balduin 
weist darauf, dafs Balduin vermutlich dieses Schwanzeichen annahm. 



* Sie war die Erbin , s. Ztschr. a. a. O. 

* Was ich in Ztschr. a. a. O. S. 183 f. aufstellte, waren Vermutungen. — 
Ob wir, um das Verbot der Frage und das Wegziehen des Ritters zu ver- 
stehen, an einen (oder zwei) der keltischen Heldensage entnommenen ¿"ess zu 
denken haben (Ed. Wechssler, Die Sage vom beiligen Gral, Halle 1898, S. 131), 
kommt mir angesichts der Entstehung der Sage vom Schwanritter sehr un- 
wahrscheinlich vor. Nachdem das Rohmaterial unserer Sage in die dichte- 
rische Sphäre gerückt war, konnte sich freilich bei der Weiterbildung manches 
anschliefsen, und das Märchen von den Schwankindem ist dafür ein charakte- 
ristisches Beispiel, obgleich bei diesem Märchen zu betonen ist, dais es durch 
die Schwäne etwas Verwandtes hatte. — Das Verbot der Frage und das 
Wegziehen des Ritters lassen sich übrigens verstehen als eine Weiterentwick- 
lung der lothringischen Auffassung von einer geheimnisvollen Ankunft des 
Ritters: eine geheimnisvolle Ankunft bedingte bei weiterer Abrundnng der 
Sage ein geheimnisvolles Wegziehen; das geheimnisvolle Wegziehen verlangte 
sodann eine Motivierung, und dafür lag die Verwendung des alten Motivs auf 
der Hand, dafs ein wunderbares Wesen eine Frage nach seinem Ursprung 
nicht gestattet. Ebenso entwickelte sich nachher, jetzt aber wahrnehmbar, 
der willkürliche Zusatz von einem Wiederñnden des Ritters. — 



DER mSTORISCHB SCHWANRITTBR. 43 

Nach Radulfs U. Sohn, Radulf m. f 1126, muís eine allmähliche 
Verdunklung in der Erinnerung eingetreten sein, die bis nach der 
Entstehung der englischen Familienwappen gedauert hat, denn 
wäre in der zweiten Hälfte des 12. Jhds. in der Familie die Er- 
innerung an die Thaten Rogers in voller Lebendigkeit gewesen 
wie im II. Jhd., oder hätten die Tony aus dieser Zeit auf die 
Tradition mit dem Schwanzeichen besondem Wert gelegt, so hätte 
das Geschlecht wohl einen Schwan in sein Wappen aufgenommen, 
nicht einen Aermel. Die in dem Kloster St. Alban entstandene 
Rolle verzeichnete um 11 50 die Erinnerung an das einst gefeierte 
Zeichen. — Als nun die französische Dichtung sich des Stoffes 
bemächtigt hatte, und der Stoff dann nach England drang, mag 
auch zuletzt bei den Tony wieder lebendig geworden sein, was 
nur noch als dunkle Tradition in ihrer Familie lebte, d. h. dafs 
einst einer ihrer Vorfahren und die Seinen einen Schwan als 
Kriegszeichen fährten. Und was Wunder, dafs unter dem Einflufs 
der bedeutenderen Tradition von dem Schwanritter der Sage die 
Erinnerung der Tony sich der glänzenderen Vorstellung der Her- 
kunft assimilierte, als eine Folge der nur unklar fortlebenden Er- 
innerung an ihren einstigen Vorfahren. — 

Für den Anfang der litterarischen Entwicklung der Herkunfts- 
sage der drei Brüder scheinen mir die Daten nicht unwichtig, die 
wir durch Radulf von Caen, Albert von Aachen und den Verfasser 
des Lebens der B. Ida erhalten. Der Keim der Herkunft wurde 
zur Zeit des ersten Kreuzzugs gelegt; nur für die Lothringer hatte 
es Bedeutung sich gerade mit der Herkunft Gottfrieds und Balduins 
zu beschäftigen, und die nachherigen Gedichte vom Schwanritter 
verraten niederlothringische Quelle. Wenn nun um 11 25 Albert 
von Aachen die Herkunft nicht erwähnt, wiewohl er nach pro- 
phetischen Zeichen für seinen Gottfried spähte, so sind wir sicher, 
dafs es um diese Zeit noch keine ausführliche litterarische Behand- 
lung der Herkunftssage gab, welche etwaige Angaben Alberts in 
dieser Materie hätte documentieren können. Auch nicht im hlg. 
Lande, wie Radulf von Caen 11 18 zeigt. Vermutlich noch nicht 
um 1136 in Lothringen, da ein Verherrlicher der Ida nach geeig- 
netem Material ausgeschaut haben mufs. Nach den angeführten 
Daten kann die litterarische Entwicklung der Sage also frühestens 
in dem zweiten Viertel des 12. Jhds. ihren Anfang genommen 
haben. Es gab demnach in Lothringen eine Periode mündlicher 
Tradition, die mindestens ein Vierteljahrhundert, vermutlich aber 
länger dauerte. 

Dies sind die Gedanken, die ich über den Gegenstand vor- 
lege. Ich glaube die Resultate in folgenden vier Sätzen zusammen- 
fassen zu dürfen: 

I. Die Sage vom Schwanritter ist keine alte vorgoltfriedische 
lothringische Tradition oder ein Ausflufs einer solchen. 



44 J- F- !>• BLÖTE, DER HISTORISCHE SCHWANRITTER. 

2. Sie ist die Umbildung und Ausschmückung der Erlebnisse 
Rogers von Toëni, des Grofsvaters der Godehilde, welche die Ge- 
mahlin Balduins von Boulogne wurde. 

3. Diese Umbildung ist von Lothringern während und kurz 
nach dem ersten Kreuzzug vollzogen worden. 

4. Die französischen Chansons bewahren im gewissen Sinn das 
richtige verwandtschaftliche Verhältnis, nach welchem der Schwan- 
ritter Grofsvater der drei Brüder war. 



J. F. D. Blöte. 



Berichtigung. 
Auf S. 1 1 Anm. 2 ist zu lesen Bd. 44. 



lieber die Sprache des Skizzenbuclies von 
Yilard de Honnecourt. 

In der Galene Mazarine der Nationalbibliothek zu Paris wird 
das den Archäologen und Architekten wohlbekannte Skizzenbuch 
eines Baumeisters des 13. Jahrhs., Villard de Honnecourt, ^ auf- 
bewahrt Mit sicherer Hand hat der alte Meister auf seinen Kunst- 
reisen einzelne Bauteile berühmter Kirchen, Kirchengeräte, Statuen, 
Freskenbilder kopiert, Zeichnungen nach lebenden Tieren, einem 
Löwen, Bären, Schwan, einer Heuschrecke, gemacht, Gewandstudien 
von auffallender Schönheit gezeichnet Diese zum eigenen Ge- 
brauch ausgeführten Skizzen wird er nachträglich zusammengestellt 
haben mit der Absicht eine Art Lehrbuch etwa fur seine Mit- 
arbeiter und Schüler daraus zu bilden; die Zeichnungen wurden 
mit einem erläuternden Text versehen. Aus der einleitenden Be- 
merkung geht hervor, dafs das Skizzenbuch ein Traktat über 
„maconerie", „carpenterie" und „portraiture" (Zeichenkunst), „ensi 
come li ars de iometrie le commande et ensaigne" werden sollte. 
In der That finden wir nach einer Reihe von Zeichnungen, welche 
dieser Definition nicht entsprechen, einige Blätter mit Skizzen von 
Maschinen (engiens), verschiedenen Gebälksystemen und eigentüm- 
lichen Versuchen Menschen- und Tiergestalten in geometrische 
Figuren einzuzeichnen und zu schematisieren. Ein späterer Schreiber 
(s. unten) hat diese Zeichnungen z. T. mit Erklärungen versehen, 
vielleicht sind einige Maschinenzeichnungen sogar diesem jüngeren 
Bearbeiter zuzuschreiben. Den Schlufs des Buches bilden wieder 
Zeichnungen, die rein künstlerischen Absichten ihre Entstehung 
verdanken. Schon diese eigentümliche Anlage zeigt, dafs die 
Handschrift nicht in der ursprünglichen Gestalt erhalten ist. Wenn 
vrir femer bedenken, dafs die einzelnen Hefte, aus denen das 
Buch zusammengesetzt ist, von sehr ungleichem Umfange sind und 
z. T. aus losen einzelnen zusammengenähten Pergamentblättern be- 
stehen, so werden wir annehmen, dafs Villard ein Handbuch aus 
seinen Studienblättern zusammengestellt hatte, dafs dann etwa nach 



^ Album de Villard de Honnecourt, architecte du XIII. siede, manuscrit 
publié en fac-similé annoté, précédé de considérations sur la renaissance de 
l'art français au XIX. siècle et suivi d*un glossaire par J. B. A. Lassus, 
ouvrage mis au jour, après la mort de M. Lassus et conformément à ses manus- 
crits par Alfred Darcel. Paris, Imprimerie impériale. 1858. XVIII, 232 p. 



46 F. ED. SCHNEEGAKS, 

seinem Tode die Blätter getrennt, z. T. zerschnitten worden sind, 
um als Zeichenvorlagen zu dienen und dann aus den Trümmern 
die uns erhaltene Handschrift wiederhergestellt wurde; viele Blätter 
waren aber verloren gegangen. Die Reste des Traktats über „car- 
penterie", „maconerie" und „portraiture" wurden mitten unter andern 
Zeichnungen untergebracht. Noch im 13. Jahrb., wie der Heraus- 
geber Lassus richtig bemerkt hat, wurden die ersten Blätter durch 
Buchstaben auf i^ und \^ bezeichnet, nach fol. 8r® hört diese Pagi- 
nation auf; fol. g, h ist nach dieser Seitenbezeichnung spurlos ver- 
schwunden, vor einer spätem Seitenbezeichnung aus dem 15. Jahrb., 
die nur r^ der einzelnen Seiten mit Buchstaben bezeichnet und 
die Lücke fol. g, h nicht berücksichtigt. Diese zweite Zählung geht 
ohne Störung bis T (entsprechend unserm fol. igT% ist dann unter- 
brochen und fol. 20 r^ mit römischen Ziffern VI bis XVllII fortge- 
setzt; zwischen fol. 32 r« (bezeichnet XVlllI) und foL33rO (= XXVII) 
fehlen wenigstens 7 Seiten. Ueber die Lücke zwischen fol. igr® 
und fol. 20 r® (T und VI) läfst sich nichts Bestimmtes sagen. Ein 
späterer Besitzer J. ManceU bemerkt auf der letzten Seite der Hs. 
„En ce livre a quarante et i feuillet"; da der jetzige Text nur 
33 Seiten zählt, sind seit dem 15. Jahrh. 8 Seiten, nämlich die jetzt 
fehlenden S. XX — XXVI und eine Seite wohl nach fol. 33 v® ver- 
schwunden. Aufserdem sind vor der zweiten Zählung mehrere 
Seiten ausgeschnitten worden, deren Reste noch vorhanden sind, 
im ersten Heft i Blatt (zwischen 6\^ und 7r®), im zweiten Heft 
5 Blätter (zwischen 8 und 9, 10 und 11, 12 und 13), im dritten 
Heft 2 Blätter (zwischen 14 und 15 und 17 und 18; Lassus nimmt 
ein drittes fehlendes Blatt an, von dem ich keine Spuren gefunden 
habe), im vierten Heft 2 Blätter (vor fol. 18), im fünften Heft 1 Blatt 
(zwischen 30 und 31, Lassus nimmt eine Lücke am Anfang dieses 
Heftes an, die ich nicht bemerken konnte); mit der oben nach- 
gewiesenen Lücke von 8 Seiten würden vor der letzten Seiten- 
bezeichnung im 15. Jahrh. 19 Seiten (nach Lassus 21) verschwunden 
sein. Dazu kommt ein Blatt, das bereits im 13. Jahrh. fehlte, und 
die Lücke von etwa 10 Seiten, die wir zwischen der Seitenbezeich- 
nung nach Buchstaben und der nach römischen Ziñern annehmen 
müssen. Es würden somit etwa 30 Seiten fehlen. Die Verluste 
waren aber offenbar viel gröfser, denn 1 1 einzelne lose Blätter und 
2 Fragmente lassen das Fehlen von weiteren 13 Seiten annehmen, 
also zusammen etwa 40 Seiten. 

Lassus hat die Handschrift eingehend und sorgfältig be- 
schrieben, nur in der Verteilung der Blätter auf die einzelnen 
Hefte stimme ich nicht mit ihm überein. Ich entnehme seiner Be- 
schreibung folgende Angaben; „L'album de Villard de Honnecourt, 



^ J. Mancel kann nicht die Zahlung der Seiten zugeschrieben werden, 
wie Lassus annimmt, wegen der Unterbrechung der Zählimg nach T; die 
fehlenden Seiten müssen verschwunden sein, bevor er die Seitenzahl auf 41 
berechnete. 



SKIZZENBUCH VON VILARD DE HONNECOURT. 47 

conservé à la Bibliothèque impériale avec les manuscrits qui pro- 
viennent de Tabbaye de Saint-Germain des Prés et coté S. G. latin 
II 04, est composé de 33 feuillets de parchemin de qualité infé- 
rieure, noircis par l'usage et irrégulièrement coupés. Ces feuillets, 
qui mesurent 0^,232 à o "",240 de hauteur sur o°*,i55 de lar- 
geur en moyenne, formés d'une feuille de parchemin pliée en 
deux, sont protégés par une peau de truie dont Fun des côtés se 
rabat sur Tautre, et reliés en six cahiers solidement cousus aux 
nervures qui garnissent le dos du volume. Cette reliure, sous la 
garde de laquelle on a inscrit la date de 1560, doit être du 
XIII. siècle, mais postérieure aux dessins qu'elle conserve, car, bien 
que chaque feuillet serve de champ à un ou plusieurs dessins 
complets, il en est un qui gagne d'une page sur Tautre. Ainsi 
Ton peut voir près de la tête de l'un des deux personnages assis, 
planche XXVI (der Ausgabe = fol. I4r^), les fers des lances que 
portent les cavaliers de la planche XV (fol. 8r^) qui, dans l'Album, 
fait partie de la même feuille de parchemin" (Einl. S. 55). 

Die wertvolle Handschrift ist bis jetzt nur von Künstlern und 
Archäologen untersucht worden, die für die Erklärung des oft 
schwierigen Textes und die Deutung der Zeichnungen wertvolles 
Material geliefert haben. Der Text hat aber für die Erforschung 
der Sprache des Mittelalters den seltenen Vorzug ein Originalwerk 
zu sein, entschieden dialektisch gefärbt, genau lokalisiert und datier- 
bar und ausführlich genug zu sein, um Stoff zu einer sprachlichen 
Untersuchung zu bieten. Er verdient also wohl auch in der Be- 
ziehung bearbeitet zu werden. Ein Vergleich der Handschrift und 
die Untersuchung der Sprache lassen aufser Zweifel, dafs wenig- 
stens drei zeitlich und ihrer Bildung nach verschiedene Schreiber 
an dem Texte gearbeitet haben, eine Beobachtung, die merk- 
würdigerweise den bisherigen Bearbeitern des Textes entgangen 
zu sein scheint, für die Beurteilung der Leistungen Villard's 
aber nicht ohne Wichtigkeit ist. Leicht erkennbar ist die Schrift 
Villard's (ms. i), schöne, sorgfältig geformte Buchstaben, mit cha- 
rakteristischem keilförmigem oberm Ansatz der Zeichen /, h, b, 
Schriftzüge, die von der hohen Bildungsstufe des Schreibers zeugen. 
Die Schrift ist sehr gleichmäfsig ebenso wie die Orthographie, am 
Schlufs fol. 33 ro (dem medizinischen Rezept) ist sie etwas gröfser 
als gewöhnlich. Die Inschrift fol. 3v<* „orgieus si cume il tribuche. 
humilité'' ist von einer andern Hand (ms. 2); die Buchstaben sind 
mehr gerundet und schmaler, der Ansatz des ^, des / ist ver- 
schieden, auch das Abkürzungszeichen für et. Derselben ms. 2 
möchte ich auf fol. ijr® die Inschrift „ce est un imaie de iu si 
cume il est cheus", sowie fol. 2 1 v^ die beiden Rezepte für die Zu- 
bereitung von Töpfererde und eines Enthaarungsmittels („on prent 
kaus et tyeule mulue de paiens" etc., „on prent vive kaus bolete" 
etc.) und auch den erklärenden Text zu fol. 31VO zuschreiben. 
Der gröfste Teil des Textes stammt von ms. i. Sehr verschieden 
von ms. I und ms. 2 ist die viel nachlässigere, auch rundere Kursiv- 



48 F. ED. SCHNEEGÂNS, 

Schrift (ms. 3) des Textes zu den Skizzen der „force de le maco- 
nerie" fol. 20r<^, 20 v®, 2ir^ und gelegentlich zu andern Skizzen, 
die ms. i bereits mit Erklärungen versehen hatte, so fol. I5r®, lór^. 
Es ist offenbar die Schrift eines Mitarbeiters Villard's oder eines 
späteren Besitzers seines Skizzenbuches, den besonders die archi- 
tektonischen und rein technischen Zeichnungen interessierten, also 
wohl eines Werkmeisters. Diese Schrift (ms. 3) wird gröfser und 
derber, da wo der Raum es gestattet, so fol. 22 v®, 23 ro, 6v® („cest 
li masons don orologe"). In dem folgenden Abdruck des Textes 
nach dem Original der Nationalbibliothek sollen ms. 2 durch ge- 
sperrten Druck, ms. 3 durch Kursivschrift unterschieden werden. ^ 

1. fol. I v°. Ci poeis v(os) trover les agìes des .XII. apostles en séant. 
Wilars de honecort v(os) salue et si proie a tos cens qui de ces engîens 

ouverront, c*on trovera en œst livre qu'il proient por s'arme et qu'il lor so- 
viengne de lui. Car en cest livre puet o(n) trover grant* consci de le grant 
force de maconerie et des engiens de carpenterie, et si troveres' le force de 
le portraiture, les trais ensi corne li ars de iometrie le (co)ma(n)de^ et ensaigne 

2. fol. 2r®. (sehr verblafst) de Honnecor cil qui fut en Hongrie. 

3. fol. 3vo. ms. 2. orgieus* si^ cume il tribuche. humilité. 

4. fol. 5 r^. Maint ior se sunt maistre despute de faire torner une ruée 
par 11 seule; ves ent ci c'o(n) en puet faire par mailles nonpers u par vif- 
argent. 

5. fol. 6r°. De tel maniere fu li sepouture d'un Sarrazin q(ue) io vi 
une fois. 

6. fol. 6 v*>. âest li masons d*on orologe, 

Ki velt faire le maizo(n) d'une ierloge ves ent ci une q(ue) io vi une 
fois. Li p(re)miers^ estages de desos est quares a .IIII. peignondaus. Li 
estages deseure est a .YIII. peniaus, et puis covertic, et puis .IUI. peignon- 
ciaus; entre .11. peignons .L espasse wit. Li estages tos deseure s'est q(ua)re8 
a .un. peignonciaus®, et li co(n)bles a .VIII. costes. Ves aluec le portrait 

7. fol. 1^, Ki velt faire .1. letris por sus lire evangille, ves ent d le 
mellor maniere que io sace^: premiers a p(ar) tierre .III. sarpens et puis une 
ais a .III. conpas deseure et par deseure .III. sarpens d'autre maniere, et co- 
lonbes de le haulure des sarpens, et p(ar) deseure .1. tria(n)gle. Apres v(os) 
vees^° bien de confaite maniere li letris est: ves ent ci le portrait; en mi liu 
des .III. colonbes, doit avoir une verge q(ui) porte le pumiel sor coi li 
aile siet. 

8. fol. çr**. Ves ci une cantcplcurc c*o(n) puet faire en .1. henap e(n) 
tel maniere, q^ens en mi le henap doit avoir une torete et ens en mi liu de 
le tourete doit avoir .1. behot q(ui) tiegne ens el fons del henap, mais q(ue) 
li bebos soit ausi Ions co(n) li benas est p(ar)fons, et ens en le torete doit 
avoir .m. travecons p(ar) soutre le fons del henap, si q(ue) li vins del henap 



* Die Interpunktion des Originals, die die Pausen des gesprochenen 
Satzes getreu wiedergiebt, wurde beibehalten, nur wurden die Punkte durch 
die entsprechenden modernen Zeichen ersetzt. 

Abweichungen von dem Text in Lassus' Ausgabe: * grand ^ troueres 
* comand * orgieul * Hs. csi ^ premierz * peignondauz * face *" vcc* 



SKIZZBNBUCH VON VILARD DE HONNECOURT. 49 

pnist aler al behot, et p(ar) desear le torete doit avoir .1. oiziel^ q(ui) doit 
tenir so(n) biec si bas q(ue) qant' li henas iert plai(n)s qu'il boive; adont s'en 
corra li vins p(ar) mi le behot et p(ar) mi le piet del henap q(ai) est dobles; 
et s'entendes bien q(ue) lî oiziaus' doit estre crues. 

9. fol. 9t®. Et se v(os) voléis faire .1. escaufaile de mai(n)s vos fereis 
ausi come une pume de keuvre de JI. moitiés clozeice. Par dedens le pume 
de keuvre doit avoir .VI. ciercles de keuvre, cascuns des cierdes a .II. to- 
reillons et ens en mi liu doit estre une paelete a .II. toreillons. Li torello(n)^ 
doivent estre cangiet en tel maniere, q(ue) li paelete al fu demeiirt ades droite. 
Car II uns des toreillons porte raut(re) et se v(os) le faites a droit si (co)me 
li letre le v(os) devize* et li portraiture, torner le poes quel part q(ue) v(os) 
voléis ia U fus ne s'espanderà. Cis engiens est bons a vesq(ue), h(ar)diement 
puet estre a grant messe car ia ta(n)t com il tiegne cest engieng entre ses 
mains froides nés ara, ta(n)t co(m) fus puist durer en cest e(D)gieg n'a p](us). 

Cis engiens est fais p(ar) tel maniere quel p(ar)t q(u'i)l tort ades est li 
paelete droite. 

10. fol. 9v®. J'ai este en m(o)lt de tieres si co(d) v(os) pores* trover 
en cest liv(re); en aucim liu, onques tel tor ne vi co(m) est cele de Loo(n): 
ves ent ci le prem(ier) esligement, si con des p(re)mieres fenestres. A cest 
esligement est li tors tornee a .VIII. arestes, s'en s(un)t les .IIII. fìUoles 
quarees, seur colonbes de trois. Puis si vienent arket et entaulemens se 
resunt les filióles p(ar)ties' a .VIII. colonbes, et e(n)tre .II. colonbes saut uns 
bues. Puis vienent arket et entaulemens; p(ar) deseure sunt li conble a 
.VIII. crestes; en cascune espase a ime arkiere por avoir clarté. Esgardes 
devant v(os) s'en vereis^ m(o)lt de le maniere et tote le montee, et si co(n) 
les filióles se cangent; et si penseiz car si v(os) voles® bien ovrer de tor*° 
grans pilers forkies v(os) covient avoir q(ui) ases aient col. Prendes garde ^^ 
en vostre afaire si feres q(ue) sages et q(ue) cortois. 

11. fol. 10 v**. Ves ci une des formes de Rains des espases de le nef 
teles com eles sunt entre .II. pilers. J'estoie mandes en le tierre de Hongrie 
qant io le portrais por co l'amai io miex. 

12. fol. I2r0. Ves ci l'une des .II. damoizieles de q(ue)^* li iugemens 
fu fais deva(n)t Salemon de leur enfant, q(ue) cascune voloit avoir. 

13. fol. I4v<>. Ves ci une glize desquarie ki fu esgardee a faire en l'or- 
dene de Cistiaus*^. 

Ves ci l'esligement del chavec me dame Sainte Marie de Canbrai, cnsi 
com il ist de tierre. Avant en cest livre en trouvères les montees dedens et 
dehors, et tote le maniere des capeles et des plains pans autresi, et li maniere 
des ars boteres. 

14. fol. I5r®. ms. 3 Istud bresbiteriu(my^ invener(un)ù Ulardus de Hune' 
cort et Petrus de Corheia t\n)t (sic!) se disputando, 

Istud est preshiteriu^rn) S{an)c{ii) Pharaonis in Miaus^. 

ms. I Ves ci l'esligement de le glize de Miax de Saint Estienne. — De- 
seure est une glize ^* a double charole, k(e) Vilars de Honecourt trova et 
Pieres de Corbie. 

Lassus: ^ oisiel * quant ' oisons * toreillon ^ devise * porez ^ porties 
• vereiz ^ volez ^^ de toz ^^ gard " qui ^^ Cisliaux ** presbilerium 

faite IA crlicA 



** Maus ^ glise 

Zeîtschr. t rom. Phfl. XXV. 



50 F. ED. SCHNBBGANS, 

15. fol. I5v<>. ms. 3 Chi prennes matere d*on piler metre a droite 
toisons. 

ms. I J'estoie une fois en Hongrie la u îe mes maint jor la vi io le pa- 
vement d'une glize de si faite maniere. 

ms. 3 Ista est fenestra in te(m)plo s[an)c(t)e Marie Carnoti, 

16. fol. i6r<*. ms. i C'est une reonde veriere de le glize de Lozane. 
ms. 3 Ista est fenestra in Losana eccl(es)ia, 

17. fol. lyr**. ms. 3 Istud est presbiterium beate Marie Vecellensis 
ecci{es)ie ordinis Cisterci{e)n{sis). 

ms. 2 Ce est un imaie de J(es)u^ si cume il est cheus. 

18. fol. 17V«. Or poes veir .1. bo(n) conble leg(ier)*, por hierbegier de- 
seur une chápele a volte. 

Et se v(os) voles veir .1. bon conble legier a volte de fust prendes 
aluec garde'. 

Ves d le carpenterie d'une forte acalnte. 

Ves ci une esconse q(ui) bone est a mones por lor candelles porter 
argans; faire le poes se v(os) saves torner. 

19. fol. i8ro. ms. 3 Cài commence le mate de la portraiture. 
Incipit materia porturature, 

20. fol. iSv^ ms. I Ci comencé li force des trais de portraiture si con 
li ars de iometrie les ensaigne, por legierem(en)t ovrer, et en l'autre fuel s(un)t 
cil de la maconerie. 

21. fol. I9v^ En ces .1111. fuelles a des figures de l'art de iometrie, 
mais al conoistre covient avoir g(ra)nt esgart ki savoir velt de q(ue) cascune 
doit ovrer. 

22. fol. 20 r®. ms. 3 a) Par eu pre{n) um la grosse d*one colonbe que 
on ne voit mie tote, 

b) [^Pyir chu trov*om le point en mi on canpe a conpas, 

c) \P^ar chu tail*om le mole d*on grant arc dedens ,111, pies de tere, 

d) \P^ar chu fait om on cavece a ,XII, vesrires. 

e) [P]ar chu vos^om une arc le cintreel devers le ciel, 

f) \P'\ar chu taiVom erracenmens, 

g) {P'^ar chu fait om cheir deus pires a un point si Ions ne seront, 
h) \P'\ar chu taiVom vosure d^estor, de machonerie roonde, 

i) \P^ar chu taiVom vosure besloge, 

j) \P^ar chu fait om on pont desor one aive desus^ de ,XX, pies 
de^ Ione, 

k) \P'\ar chu fait om on clostre, autre tant es voies com el proel, 
1) \P^ar chu prent on la largece d*one aive, sens paseir, 

m) [Py^r chu prent om la largece d^one fenestre ki est Ions, 

n) [Pyir chu assiet om^ les ,1111, coens d*on clostre sens pione e 
ssens linei, 

o) \P'\ar chu partis om one pirre que les ,11, moitiés sont q(ua)reies'', 

P) L-^]^^ ^^'^ ^^^^ ^f** ^^ "^^^ ^*^^ persoir, 

^) U*y^^ ^^« f^^^ Of* *^^* vassias, que li ons tient JI, tans quo^ 
li atres. 



Lassus: ^ Deiu ' leger ' gard * fus ' d ^ am ^ a queres * qae 



SKIZZENBUCH VON VILARD DE HONNECOURT. 5I 

r) [P']ar chu tail'on vosure riuleie, 

s) Totes ces figures sunt estraites * de geometrie, 

23. fol. 20 V®. a) Par chu tatVon pendans^ riules, metes le bas el haut, 

b) En si prendes^ one roonde, en on agle s* en ares le grase, 

c) Par chu fait on one clef del tijrc* et justice one scere, 
à) Par chu tail'on one clef del quint point, 

e) Par chu fait on on piler de quatre cuins venir a loison, 

f) Par chu tail'on vosors par esscandelon, 

g) Par ceste raison mont'om^ Vaguile d'one toor et taille les moles, 
h) Par chu taiVom vosure pendant. 

i) Pa chu p{re)nt om^ le hautece d*one toor, 

j) Par chu mont*om * dous pilers d*one hautece sens plom et sens Uvei, 

24. fol. 21 r*>. a) Pa chu met om on capitel d*uit colohbes a one S0le 
s'en n'est mie si en conbres, s*est li machonerie bone, 

b) Par chu tnet om on oef dessos one poire par mesure, que li poire 
chice sor l'uef, 

c) Par chu portrait om one toor a chine arestes, 

d) Par chu trov'om"^ les poins d*one vosure taillie, 

e) Par chu don'om on vosoir se tumeie, sens molle, 

f ) Par chu bev*um erracement jagijs sens molle, par on membre, 

g) Pa chu taiVom vosure engenolie, 

h) Par chu fait om trois manir es d^ars, a conpas ovrir one fois, 

25. fol. 21 v®. Ves la .II. testes de fuelles. 

Ves ci desos les figures de le mee de fortune, totes les .VU. imágenes". 

On prent kaus et tyeule mulue de paiens, et feres kume 
autretant deTune cu(d) de l'autre, et un poi plus del tyeule de 
paiens taunt come ses color vainke les autres. Destemprez" ce 
ciment d'oile de linuse, s'en poez faire un vassel pur euge tenir. 

On prent vive kaus bolete et orpieument se le met on en 
euge bollans et oile. Cist unnemens est bon por pail ostier. 

26. fol. 22v°. Par chu fait om une soore soir par H sole. 
Par chu fait om une arc ki ne faut. 

Par chu fait om un angle tenir son doit ades vers le solel. 
Par chu fait om on des plus fors engiens ki soit por fais lever. 
Par chu fait om dorner la teste de l'aquile vers le diachene kant list 
la vengile, 

27. fol. 23 r°. Par* cest engien recop'on estaces dedens une aie por une 
sole asir sos. 

Par chu fait om l*enbraceme{n)t d'one roe sens V arbre endamer. 
En si poes ovrer a one tor u a one maison de bas si sunt trop cor. 
Par copre s se de ceste manine poes redrescir une maison ki pent d*one 
part ja si pesans ne sera, 

28. fol. 24 r°. De l'ensaignement del lion v(os) vel ge p(ar)leir. Cil q(ui) 
le lio(a) doctrine, il a .II. cbaiaus;^ quant il velt le lion faire faire aucune coze 
se li comande; se li lions groigne, il bat ses kaiaus, dont a li lions g(ra)nt 



Lassus: * estrasces * Hs. pen'dans ' prendez * tijre * Hs. montom 
p^ntom ^ Hs. trouom ^ imagene " destemprei ^^ ; fehlt in der Hs. 



^ Hs. p^ntom 



52 F. ED. SCHNEEGANS, 

doutance qant il voit les kaiaus batre ; se refraìnt so(d) corage et fait co c*o(n) 
li comande \ et s'il est corecies sor co ne paroil mie, car il ne feroit por neloi 
ne tort ne droit. Et bien sacies q(ae) eis lions ni contrefais al vif. 

29. fol. 24 v^. Ves ci .1. lion si com on le voit p(ar) devant et sacies 
bien q(u'i)l fu contrefais al vif. 

Ves ci .1. porc espi, c'est une biestelete, q(ui) lance se soie qant de 
est corecie. 

30. fol. 27r<*. Ves ci le labitement Saint Come, et saint Domijen. 

31. fol. 27 v^ Ves ci une legiere poupée d'uns estaus a .1. entreclos a 
tote le clef. 

32. fol. 29 r°. Se v(os) voles bien ovrer d'une bone poupée a uns estaus 
a cesti v(os) tenes. 

33. fol. 30 r®. Se v(os) voles faire le fort engieng c'on apiele trebucet 
prendes d garde'. Ves ent ci les soles si com il siet sor tierre. Ves la de- 
vant les .II. windas et le corde ploie a coi on ravale le verge. Veir le 
poes en cele autre pagene. H i a grant fais al ravaler, car li co(n)trepois est 
m(ou)t pezans. Car il i a une huge plainne de tierre, ki .II. grans toizes a 
de Ione et .Villi, pies de le, et .XII. pies de p(ar)font. Et al descocier de 
le fleke penses et si v(os) en dones ^ garden Car ille doit estre atenue a cel 
estancon la devant. 

34. fol. 30 v^'. Ves d le droite mo(D)tee des capeles de le glise de Rains 
et toute le maniere, ensi com eles sunt p(ar) dedens droites en lor^ estage. 

Ves ci les voies dedens et les orbes arkes. 

Et en cele autre pagene poes v(os) veir les montees des capieles de le 
glize de Rains par dehors, tres le comencement desci en le fin ensi com eles 
s(un)t. D'autretel maniere doivent estre celes de Canbrai s'o(n) lor fait droit. 
Li daerrains entauleme(n)s doit faire* cretiaus. 

35. fol. 31V0. Entendez bien a ces montees: devaunt le covertîz 
des accaintes doit aver voie, sur l'entaulement et desur le combe 
des acaintes redoit aver voie, devant les v(er)reres et un bas cre- 
teus si cume vos veez, en le purtraiture devant^ vos, et sur le mors 
de vos piliers dait aver^ angeles, et devant ars buteret. P(ar) 
devant le g(ra)nt conble en haut redoit* aver voies, et creteus 
desur l'entauleme(D)t, k'en i puit aler pur peril de fiu, et en 
l'entaulem(en)t ait® nokeres por l'ève getir; pur les capeles 
le vos di^o. 

36. fol. 32 r*'. Ci poes v(os) veir l'un des pilers toraus de le glize de 
Rains, et .1. de ceus d'entre .II. capieles, et s'en i a .1. del plain pen, et 
.1. de ceus de le nef del moustier; par tos ces pilers sunt les loizons tdes 
com eles i doive(n)t estre. 

Ves ci les molles des chapieles de cele pagne la devant, des formes et 
des verieres, des ogives et des doubliaus, et des sorvols p(ar) deseure. 



Lassus: ^ comand ' Rabelais (Gargantua cap. 11) zahlt unter den Jugend- 
spielen seines Helden auf: „battoyt le chien devant le lyon". ^ gard * donez 
* los ^ Hs. scheint devant zu haben, 1. devaüt? ' piliers doit ■ conble bis 
doit stark verwischt. Das h von haut aus a corrigiert. ® ait unter cancel- 
liertem des, Lassus 1. ait des ^0 pur bis di auf fol. 32 r^. 



SKIZZBNBUCH VON VILARD DE HONNECOÜRT. 53 

Ves ci les montees de le glîze^ de Rains et del plain pen, dedens et 
dehors. Li premiers estaulemens des acaintes doit faire cretiaus si q(u'i)l puist 
avoir voie devant le covertic. Encontre ce cov(er)tic sunt les voies dedens, 
et qant ces voies sunt volses et entaulees adont revienent les voies dehors 
c*o(n) puet aler devant les suels des verieres; en rentauleme(n)t daerrai(n) doit 
avoir cretians' c'on puist aler devant le covertic. Ves aluec les manieres de 
totes les montees. 

37. fol. 33 r®. Retenéis co que io v(os) dirai: prendes' fuelles de col 
roges, et sanemonde — c'est une erbe c'on clainme galio(n) filate — prendes une 
erbe c*on clainme tanesie et caneuvize — c'est semence de canvre — , estanpes 
ces .IIII. erbes si qu'il n'i ait nient pl(us) de l'une, q(ue) de l'autre. Apres si 
prendéis warance .II. tans q(ue) de l'une des .IIII. erbes et puis si Festanpes 
puis si meteis ces .V. erbes en .1. pot et si meteis blanc vin al destenprer 
le meillor q(ue) v(os) poes avoir auq(ue)s tenpreement q(ue) les puizons ne 
soient trop espesses* si c'o(n) les puist boire; n'en beveis^ mie trop en ime 
escargne d'uef en ares* v(os) aseis^ por q(u'e)le soit plainne; quel plaie q(ue) 
v(os) aies v(os) en garires. Tergies vo plaie d'un poi d'estoupes metes sus 
une fuelle de col roge, puis si beveis des puizons al matin et al vespre JI. fois 
le ior, eles valent miex destemprees de moust doue q(ue) d'autre vin, mais 
q(u'i)l soit bons si paerra li mous avec les erbes; et se v(os) les destenpres 
de vies vin laissies les .11. iors ancois c'o(n) en boive. 

Cueilles vos flors au mati(n) de diverses colors ke l'une ne touce a 
l'autre, prendes une maniere de piere c'o(n) taille a ciziel, q(u'e)le soit blance 
molue et deliie ; puis si meteis vos flors en ceste poure, cascune maniere p(ar) 
li si duerront vos flors en Ior colors. 

Honnecourt, der Heimatsort Vilard's, liegt zwischen Cambrai 
und Vaucelles und gehörte zur Grafschaft Vermandois, zum Amts- 
bezirk St. Quentin (cfr. P. Bénard, Recherches sur la patrie et les 
travaux de Vilard de Honnecourt in den Travaux de la société 
académique des sciences, arts, belles-lettres, agriculture et industrie 
de St Quentin, 3* série. Tome VI, 1864 — 6, p. 260 — 80). Ueber 
die Lebenszeit und Thâtigkeit Vilard's erfahren wir aus seinem 
Skizzenbuch und den Untersuchungen namhafter Archäologen, be- 
sonders Quicherat's,^ folgendes: Alle Zeichnungen Vilard's, soweit 
sie sich auf Denkmäler beziehen, deren Entstehnngszeit bekannt 
ist, verweisen uns auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Eine 
Bemerkung fol. 31 r® beweist, dafs V. irgendwie an dem Bau de« 
Chores von Cambrai beteiligt war (Lassus, Ausgabe des Album, 
Notice p. 45ff. nimmt an, dafs V. den Bau als Architekt leit/rt/;j: 
zu einer Zeichnung des Chors der Kathedrale von Reims bemerkt 
der Künstler, dafs die Kapellen von Cambrai denen von Kfrttwt 
gleichen sollen „s'on lor fait droit^; der Chor von Cambrai war^j/; 



' aseu 



Lassus: * glise * crenaus » prendez * ttpesêtz * berdz • *r^Ä 



" Quicherat, Notice sur ralbain de V. de H. Reroe arcli^/]oj|^|«jç 1^4// 
A VI, 65— 80, 164 ff., 211—26. Viollet-le-Doc, Reme zrch^jl th6% M, Wii, 
E. Renan, Hist. Utter, de la France XXV, 1—9. Ettelberger, MiiiMl ái:f 
k. k. Central-Commission zur Erforsch, n. Erhalt, der Bandnkaähr IV (f^^jf» 



54 P* ED. SCHNEEGANS, 

zwischen 1230 und 1250 gebaut; die auffallende, von Lassus (ib. 
p. 46) nachgewiesene Âehnlichkeit der Choranlagen von Reims und 
Cambrai macht es wahrscheinlich, dafs V. die betreffende Zeichnung 
fol. 31 r® vor 1250 und wohl schon vor Beginn der Arbeiten in 
Cambrai, also vor 1230, auf einer Studienreise in Reims gemacht 
hat Später, zwischen 1241 und 1257, der Bauzeit des Schiflfes 
der Kathedrale von Reims, wurde eines der Fenster „por co l'amai 
io miex" skizziert: damals war V. auf einer Reise nach Ungarn 
begriffen, wohin er als Architekt berufen war „j'estoie mandes en 
le tierre de Hongrie"; er genofs also schon einen guten Ruf als 
tüchtiger Architekt und stand wohl in vollem Mannesalter. Man 
hat versucht die Zeit dieser Reise nach Ungarn genauer zu be- 
stimmen. Quicherat, der Vilard an dem Bau von Cambrai als 
Architekt arbeiten läfst, setzt diese Reise zwischen 1244 und 1247 
an, während einer Unterbrechung der Arbeiten in Cambrai, und 
bringt sie mit der Thatsache zusammen, dafs mehrere im I3.jahrh. 
entstandene ungarische Kirchen nordfranzösischen Einflufs zeigen 
und die Beziehungen der heiligen Elisabeth von Ungarn mit Cambrai 
die Berufung Vilard's nach Ungarn erklären könnte. * Für die An- 
nahme, dafs V. vor 1 230 in Reims zeichnete, sprechen Abweichungen 
seiner Zeichnungen von dem späteren Bau, der ca. 1230 bei der 
Wiederaufnahme der Arbeiten in Einzelheiten umgestaltet wurde. 
In Ungarn blieb Vilard „maint ior" (fol. 15V®). Nach seiner Rück- 
kehr zeichnete er „le pavement d'une glize", gemusterte Backstein- 
fliese, die er dort gesehen hatte. Der Ausdruck „j'estoie une fois 
en Hongrie la u ie mes maint jor" läfst darauf scbliefsen, dafs er 
die Mitte des 13. Jahrhs. überlebte und im Alter diese Skizze und 
wohl noch andere aus dem Gedächtnis zeichnete oder sein Skizzen- 
buch damals revidierte und z. T. mit dem erklärenden Text versah. 
Weitere Skizzen von Teilen der Kathedralen von Laon, Lausanne, 
Vaucelles, Chartres zeigen Vilard mitten in der künstlerischen Be- 
wegung in der Zeit der höchsten Blüte der Gothik, wohlbewandert 
in der Bautechnik und in den Hülfswissenschaften, besonders der 
Mechanik. 

Der Text seines Skizzenbuches, ein Denkmal der Sprache von 
Vermandois in der ersten Hälfte des 13. Jahrhs. (ca. 1230 — 1260), 
soll im Folgenden derart untersucht werden, dafs die Sprach- 
eigentümlichkeiten der drei Schreiber unterschieden und, da es 
sich um einen Originaltext handelt, besonders bei ms. i auch auf 
orthographische Erscheinungen hingewiesen wird. 

LAUTLEHRE. 
Vokalismus. 
/. 
Vortoniges i -{-gm wird ieu in orpieument (ms. 2) 25. 



^ Renan und Eitelberger 1. c. setzen die ungarische Reise zwischen 1260 
und 1270 an. 



SKIZZENBUCH VON VILARD DB HONNECOURT. 55 

E. 

m 

ms. I. Freies f wird zu ot: avoir 7. 8. 12. 21. 36. 37; doit 
7. 8. 36; doivent 34. 36; soit 8. 37; hovoe 8. 37 u. s. w. 

Vor Nasal: plains 8. 13. 36; plainne 34; ^<)fj 11. 34. 36. 
Dieselbe Schreibung vor ñ: ensaigne i; ensaignement 29. 

Vortonig dagegen: pdgnon 6; prìgnonciaus 6. 

^ vor epenthetíscbem /: fois 5. 6; </rM/ 9. 28; droite 34; 
froide 9; ^/wV 33. — Vor Nasal: acainte 19. 36; refraint 2^. — 
Vor /: consel i. 

p vor gedecktem Nasal ist von a + ged. Nasal geschieden: 
lahitement 30; dedens 34; dedens 34; comencement 34; entaulemens 34 
und immer ^;f/. 

Die Entwickelung von .^/+Kons. zu ¿2» ist unserem Texte 
unbekannt: cens i. 31. 

Vortoniges freies .^: peniaus 6; ¿^^'s 37; tvir 18. 36; — vor 
epenthetischem i\ damoizieles 12; loizons 36. 

ms. 2 bat neben ¿^/Z und voie 35 fur betontes freies e\ cd 
und ^ in: dait 35; /0// 25; aver (2 mal) 25. 

Vor Nasal in gedeckter Silbe: unnemens 25; orpieument 25; 
entauiement 35. — e -{-net ergiebt -ain: accointes 35. — tegula wird 
iyeule 25. 

ms. 3 hat in freier Silbe: poire 24; voit voies 22. 
In gedeckter Silbe vor Nasal: sens 23. 24; dedens 9. 27; ens g; 
entre 6; embracement 27; /r«»/ 22. 

Vor epenthetischem i: droite 15; vortonig /c^if«?/! 2^. 
regula wird riules 23, davon riuleie 22 x, 

E. 

€ 

ms. I. Freies betontes f wird ie: siet 7. 33; iert 8; //>/ 8; 

/«^^ 33* pi^r^ 37; ^^'^''^^ 14- 

f in gedeckter Silbe erscheint in doppelter Gestalt als e\ 

f enes tres io; capeles 13; chápele 18; candelles 18; /¡fj/^x 25; ^r¿^ 37; 

íj/r^ 9. 34. 36; vespre 37; 

ais i>: pumiel 7; (722/V/ 8; ¿/Vf 8; denies 9; //Vr^x 10; tierre 
"• 13- 33; ^'A'f^^ 33; capieUs 34. 36; chapieles 36; ¿7âr/>/ 37. 

-///»x wird "ictus', peignonciaiís 6; peniaus 6; oiziaus 8; kaiaus 
chaiaus 28; cretiaus 34. 36; doubliaus 36; Cistiaus 13; il//Ar 14. 

Gedecktes / vor Nasal: destemprez 37. 

/ vor epenthetischem / erscheint als ¿f in engiens i ; ^;i¡^>» 9. 33 
{engieg 9 s. Aiol ed. Foerster p. LI); »i¿fj; n« 37 und natürlich in 
den analogischen Bildungen: soviegne i; //if^'xr^ 8 (nach den endungs- 
betonten Formen sind gebildet proie^ pr oient i neben lire 7, glize 
14 u. s. w.). 

Vortoniges ç vor r wird zu a in sarpens 7. 

ms. 2 scheint die Diphthongierung des f in gedeckter Stellung 
unbekannt zu sein: vassel 25; capeles 36 (Ende der Notiz 35). — 
'tüus ist einmal durch "tus wiedergegeben in creteus 35. 



56 F. ED. SCHNEEGANS, 

ms. 3 entwickelt in oiFener Silbe ie zu i: pires 22; pirre 22; 
ebenso itjrc 2^, 

In geschlossener Silbe kennt ms. 3 nur e: teste 26; tere 22; 
vers 22, 2b\ fenestre 22\ scere 23; prael 23; capitel 24; cintreel 22. 

-ellus zu iaus geschrieben ias in vassias 22. 

vor epenthetischem /: engiens 26; engien 27 neben list 26. 

gedecktes p vor Nasal: pendant 23; pent 27. 

/ vor epenthetischem / in vortoniger Silbe: soir (secare), soore 
(secatona) 26. 

Der centralfranzösische Diphthong ie erscheint in ms. 3 oft 
vereinfacht, meist zu /' (vgl. oben / aus p in pires u. s. w.), mag der 
Laut aus lateinischem a nach Palatal entstanden sein: soir 26; 
redrescir 27 oder aus dem Suffix -a riusi vesrires 22; manir es 24; 
manine 27 neben einmaligem mater e 15 und verstümmeltem mate 19 
(die vielleicht als Latinismen aufzufassen sind nach materia), ebenso 
wird ai vortonig zu a in masons 6; vassias 22qf neben maison 2j; 
raison 23. 

O. 

c 

ms. I. Freies ç wird ue: puet i; ruee 4. 25; aluec 6; crues 8; 
hues io; ebenso q vor I\ fuel 20; fuelles 21. 25. 27; suels 36; vor- 
tonig cueillies 37. — Vorhergehendes v absorbiert den c^-Laut in 
velt t, 7. 21. 2.'^\ vel 28 (vgl. die Schreibung wel in Tailliar, Actes 
wallons n® 47 Urkunde von Preux-au-Bois bei Avesnes, wellent in 
dem Livre Rouge de St. Quentin ed. Bouchot et Lemaire, St. Quentin 
1881, s. F.Neumann, Zur Laut- und Flexionslehre S. 48). 

locus, focus werden liu 7. 10, aber yw 9. 

Ç in gedeckter Silbe vor Palatal wird ui: puist 8; puizons 37; 
wit (vocitum) 6, wo der anlautende konsonantische Laut durch 
Assimilation an den ersten Bestandteil des Diphthongs halb- 
vokalisch wird. 

Für p/+Kons. = au fehlen Beispiele, volet wird velt. 

monachus wird mones 18; orologium: ierloge 6. 

In ms. 2 wird çlea zu oile 25; focus zu flu 35. 

q vor / + J wird ieu\ orgieus 3. 

ms. 3 hat für freies p bald ue bald oe', uef 24. 37; oef 24; 
roe 28. In gedeckter Silbe vor Palatal: uit 24. 

O. 

• 

ms. I hat für freies die Zeichen und ew: seule 4; seure 
6. 36; cantepleure 8; seur 8; keuvre 9; demeurt g neben Jör 28. 33; 
mello r 7; /fori, fö/^rj 37. 

Vor Nasal schreibt ms. i u\ pume 9, vortonig pumiel 7 (neben 
maizon 6) ; sunt (aber ¿:<7i«^ i . 9), wodurch wohl der nasalierte Laut 
ausgedrückt wird (in den von Raynaud herausgegebenen Urkunden 
von Ponthieu wechseln die Schreibungen -omm^ -oum, -umm, 'un, 
'On ab. In Gui de Cambrai's Barlaam reimt pume mit omme. Die 
Urkunden von St Quentin, Bibl. de l'école des Chartes XXXV, ce- 



SKIZZENBUCH VON VILARD DE HONNECOÜRT. 57 

brauchen neben -«» überwiegend die Schreibung 'oun: tnaizoun, 
sount, founs u. s. w.). 

Vor ñ wird ç zu oi\ gr oigne 28, 

In gedeckter Stellung wird ç durch 0, seltener durch ou, nie 
durch u wiedergegeben: tos i; iorn 4; dobles 8; tor io; formes 
I. 36; sorvols 36; ro¡g^^ 37 u. s. w. neben Honecourt 14; double 14; 
/í?tt/^ 34; estoupe 37; moust, touce 37. 

0/+ Kons, wird ö« in </í?«í 37; daneben die Schreibungen sor- 
vols ^ volses 36. 

ms. 2 hat nur io/^r 25. In geschlossener Silbe steht u: cume 
17. 25; a/w 25 neben f^zw^ 25. 

ms. 3 hat für freies ç o und ou\ color 26; desor 22; sole (solam) 
24. 26; dous 2y 

Für p in gedeckter Silbe steht o\ grosse, 22, 23; mole 22, 23; 
ioiey tort (tort om), /a?»í 2^, 00 in /öör 23. 24 soll wohl den 
Doppellaut ausdrucken. 

Der Diphthong oí wird von dem ungebildeten Schreiber durch 
und a wiedergegeben: vosor 2^; soore 26; bas 27, bleibt aber 
vor Nasal coens 22; cutns 23; potns 24. 

Im Vorton wird der aus und ç entstandene Laut in ms. i 
mit <7 ausgedruckt: poeü trover trovera i; cover tic 6; voléis 9; tor ne r 
4. IO. 19; torete 8; clozeice 9; cortois io u. s. w. 

Vor z^ findet sich auch <?«: trouvères 13; ouverront i; ebenso 
in poupée 31; mous tier 36. 

ms. 2 hat (? und «: /«r ¿0/1?/^ i«///w^ unnemens 25; ebenso ms. 3 
vosure 22\ ovrer 27; trov^om 22 neben cu (ecce-hoc) chu 22. 2^. 24. 
Für öw hat ms. 2 ^« (wohl = ä) 35, ms. 3 auch um 22. 

Vilard zeigt also auch in diesem Punkte sein Bestreben 
eine konsequente Orthographie durchzuführen und scheidet scharf 
zwischen dem Zeichen u (für ü und für vor Nasal) und anderer- 
seits dem ihm wohl weniger geläufigen Zeichen ou und 0, Die 
Schreiber von ms. 2 und ms. 3 behelfen sich mit den unvollkom- 
menen Zeichen und u. 

A. 

ms. i. Freies betontes a wird bald durch e bald durch ei 
wiedergegeben: 

e: tel 5. 8. 9; quel g; autretel ^¿[; aler 8; guares 6; guar ees io; 
esgardes io; torner 4; trover i; prendes 18. 34; poes 18. 33. 34; 
poupée 31 u. s. w. 

. «': poeis i; w/rt> 9; /irrm 9; penséis 10; parleir 28; retenéis 
prendéis meteis beveis aséis meteis 37. 

-wAi wird />: corecie 29; ^/i?/> 33; í/(f/«> 37. 

fireies a vor Nasal: mains 9; clainme 37; daerrain 36; hinter 
Palatal Domiien 30. 

gedecktes a vor Nasal: espanderà 9; ^a;;x 13; comande doutance 
quant 28; /í7«f^ 29; ¿/<7;;r 37; vortonig estancon 38; esianpes 37. — 
Panebep steht zweimal /^/i 36. 



58 F. ED. SCHNEEGANS, 

a vor epenthetîschem /*: ais 7; Canbrai 13; contrefais 28. 29; 
plaie ^7. 

Das Suffix -ariuSf -aria wird -/Vr, -/>r^: premier 10. 36; ^^- 
w/Vrí io; maniere 13. 15. 34. 36; ve rie re 16. 36. 

Vortoniges a ist erhalten in paelete 9. 

Für aquila hat ms. i die interessante Form aile, wohl nur eine 
orthographische Variante (s. unten /) zu dem oft übedieferten aiUe. 

ms. 2 scheint ei für freies betontes a fremd zu sein: destemprez 
poez 25; entendez vecz a 1er 35. 

Für freies a vor Nasal nach Palatal hat ms. 2 iens\ paiiens 25. 

Für j in gedeckter Silbe vor Nasal schreibt ms. 2 au m taunt 
25; devaunt ^^y neben au/re/ant 2^; devant (3 mal, á?a,\x devaut, viel- 
leicht für devau{n)t) 35. 

-aria wird -ere in ver rere s 35. — aqua erscheint als euge 25 
(2 mal) und eve 35. 

vortoniges ai zu ö in vassel 25. 

ms. 3 schwankt wie ms. i zwischen e und ei für freies be- 
tontes a\ paseir quareies riuleie 22; iumeie 24, neben riules prendes 
ares clef piler linei 22i\ ovrer poes 27. iata = ie: engenolie 24, 

Für gedecktes a vor Nasal hat ms. 3 nur an: canpe (campus) 
22 b; tant 22; angle 26. — aqua wird aive 22; aie 27. 

U. 

ms. 3 hat für unus una on one neben une. sursum wird sos 27. 

Konsonantismus. 

Die wichtigste Erscheinung betrifft die Palatallaute, 

ms. I hat c vor a meist erhalten: carpenterie i. 18; cantepleure 8; 
escaufaile cascuns cangiet 9; Canbrai 13; capeles 13. 35. 37; can^ 
délies 18; kaiaus coze 28; arkes 34; capici es 37; col caneuvize canvre 
escargne touce blance 37. 

vor e, ie aus a\ arkiere for kies 10; descocier 33. Die wenigen 
Ausnahmen sind technische architektonische Ausdrücke, die Vilard 
auf seinen Reisen mit der centralfranzösischen Aussprache hörte: 
chavec 13; charole (Chorumgang) 14; chápele 18; chapieles (mit picar- 
discher Behandlung des ¿) 36. Auffallend ist chaiaus zS neben 
kaiaus, 

ms. 2 scheint zwischen c-^-a und ch vor e, ie aus a zu scheiden : 
kaus 25, aber cheus 17; tribuche 3. 

ms. 3 canpe cavece 22; esscandelon 23; capitel 24; estaces 27; 
erracenmens 22, 24, neben ¿-^/r 22; f^^/V^ (Kj, Praes. mit dem auch 
sonst aus ie entstandenem ;') 24. 

Schwierigkeit bereiten die Laute c-^e, i und //*+ Vokal, ms. i 
gebraucht für beide Laute anlautend und hinter Konsonant aus- 
schliefslich c: c-{'i, e: ci ceus ces cest i; maconerie i. 20; clozeice 
(Adj.) 9; CO II. 28; acainte 19; lance 29; cesti 32; eel 33. — /i + 
Vokal: travecons 8; comencé 21; force i. 20; coréeles 2^\ estancan 
33; comencement 34; warance semence ancois 37; einmal <r<r: espasse 6. 



SKIZZENBUCH VON VILARD DE HONNECOURT. 59 

Auslautend wird der Laut mit c bezeichnet in covertic 6. 36; 
chavec 13; doue 37; sìber /oís. 

ms. 2 hat ebenfalls c in ameni eis i 25; ces acaintes 35; einmal 
auslautend z in coverta 35. 

ms. 3 schreibt c und ch\ âest 6; conmence ig\ cu (= co) cavece 
Cini ree I ciel 22) cesie justice 23; c'est redrescir 27; chice 24 neben 
chi 14. iq; machonerie 22\ chu, stets in der Formel /ar chu, chine 24. 

Im Auslaut s\ jctgjis 24. 

Dasselbe Zeichen c findet sich ms. i für ^/+ Vokal in sace 7; 
sacies 28. 29. 

Erwähnt sei noch die picardischer Orthographie entsprechende 
Form argans 18, wo ¿^ lateinisches di darstellt (cfr. Suchier, Aue. 
und Nicola S. 66). 

/ im Auslaut nach Vokalen ist meist abgefallen: le 33, auch 
in der 3. Sing. Per f. y« 5. 13. 29. fut steht einmal in der ganz 
verblafsten, sicher nicht von ms. i stammenden Inschrift zu fol. 2 r^ 
/ ist erhalten in cangiet (Part.) 9 ; piet 8. Nach Konsonant ist / ab- 
gefallen in ms. 3 cor 27. 

Für das dem Picardischen eigentümliche Fehlen der Hûlfs- 
laute d, h zwischen / — r, // — r, m — / findet sich nur ein sicheres 
Beispiel: poure (polVe) 37; daneben conbles 6. 10. 18. 35 (ms. 2) 
und conbe 35 (ms. 2). 

t + s im Auslaut ist in ms. i meist nach picardischer Art zu s 
geworden: tos i. 6. 36; ars i; poeis i; trais i. 19; ves ^ (so immer); 
mailles 4; guares 6; costes 6; sarpens 7; vees 7; ens entendes fons 
hehos 8 u. s. w. {ya penséis io, aséis beveis 37 ist für s ein ^- ähn- 
liches Zeichen gebraucht, das aber auch in premiers 6 und espesses 
puizons 37 angewandt ist). 

ms. 2 hat auslautendes s in feres unnemens 25 neben z in 
destemprez poez 25, entendez veez 35. 

ms. 3 kennt nur s\ prennes 15; erracemens 22\ ares 2 y, pesans 
27; fors 26. 

'Sts wird s im Auslaut: eis 9. 28; mous (== mousts) 37. 

Vor Flexions-j fallen die Konsonanten c, p aus in Ions 8, 22 
(ms. 3); ars 13. 24 (ms. 3); henas 8. engieng-^-s wird engiens i. 

s verstummt vor Konsonant in cretiaus 36; puit creteus 35 (ras. 2); 
erracenment 22 f. 24 f. (ms. 3). 

r verstummt mehrmals im Auslaut in ms. 3: pa chu 24. 

In ms. 3 fallt / vor Konsonant aus in vosure 22\ vosor 2^; vo- 
soir 24; aires 22\ neben haut 23. 

Der mouillierte ^Laut wird im Wortinnem in ms. i durch ill 
oder // ausgedruckt: mailles 4; mellor 7; toreillons torellon 9; filióles 
\Q\ fuelles 21. 25. 37; meülor 37. 

ms. 2 hat boüans 25; ms. 3 taiVon 22\ taille 23; /<7/7//> 24; 
engenolie 24. — Im Auslaut haben die drei Texte einfaches /: 
consci i; ftul 20; vel 28; /^r// 35 (ms. 2); Xi?/f/ 26 (ms. 3). 

Germanisches iü ¡st erhalten in Wilart i; windas 33; war anee 
37; neben garde. 



6o F. ED. SCHNBEGANS, 

Folgende Einzelheiten seien noch erwähnt: 

b für / in dem gelehrten Worte lahitement 30 (ms. i), die 
merkwürdigen Schreibungen dorner 29, endamer 30 in ms. 3, aus 
denen man schliefsen möchte, dafs der Schreiber von ms. 3 kein 
geborener Franzose ist, was seine unbeholfene Sprache und tastende 
Orthographie erklären würde; freilich finden sich ähnliche Formen 
(enireconderent) in der Handschrift des Chevalier as deux espees 
(s. Ausg. von Foerster p. LI). 

FORMENLEHRE. 
Für den bestimmten Artikel weist ms. i folgende Formen auf: 

Masculinum. Femininum. 

Sing. Nom. // Sing. Nom. // 

Acc. le Acc. le, einmal // 13 

Plur. Nom. // Plur. les. 

Acc. les {des) 

In ms. 2 finden sich die Formen: Masculinum Sing. Acc. le, 
Plur. Acc. les\ Femininum Plur. les. Für Sing, im Femininum ein- 
mal del 25 (cfr. Meyer -Lübke II S. 126). 

ms. 3 hat: 

Masculinum. Femininum. 

Sing. Nom. //" 22 Sing. Nom. //, le {le mate 20) 
Acc. le Acc. Ä7, le, 

ms. 1 führt die Regeln der Deklination mit Konsequenz durch: 
Nom. Sing, der Masculina hat immer das Flexions -i bei Substan- 
tiven und Adjektiven (sowohl in prädikativer wie in attributiver 
Stellung). Im Accusativ steht einmal irrtümlich /«^//fj de col roges 37 
neben richtigem col rogé. Der Nominativ Pluralis der Masculina 
steht regelmäfsig ohne s {sages io wird wohl als Nom. Sing, auf- 
zufassen sein). 

ms. 2 hat 
Mase. Sing. Nom. cheus 7 unnemens 25 neben bon 
Acc. le cover Hz 35 
Plur. Nom. angeles 35 

Acc. ars bu ter e I 35 un (wohl für uns) bas creteus 35 
Fem. Sing. Nom. un imaie 17 ses color 25 
Acc. kaus 25. 

ms. 3 hat im Nom. Sing. Mase. // ons^ U atres 27, im Nom. 
Plur. der Masculina cor (von curtus) 27, im Fem. Sing. Nom. li 
masons t^pesans 27, im Plur. Nom. Ions, Acc. a droite toisons 15. 

Der Text bietet folgende Pronominalformen: 

Personalpronomina: 
I. Pers. Sing. Nom. io 5. 6. 7. 11 
3. Pers. Nom. Fem. Ule 33 Plur. êtes 34 

Dat. Mase, lui i (satzunbetont // 28) 
Fem. li 4. 26 (ms. 3). 



SKIZZENBUCH VON VILÂRD DE HONNECOURT. 6l 

Possessivpronomen : 
3. Pers. Fem. Sing. s*arme i se soie 29. 
I. Pers. Fem. (Mehrzahl) vo plaü 37. 

Demonstrativpronomen : 
Mase. Sing. Nom. cil 2 (ms. 2?). 28 Aca cel 33 
Fem. Sing, cele 34. 
Plnralis ceus i 

Mase. Sing. Nom. eis 9. 28 m 25 (ms. 2) Acc. cesi i 
Fem. ceste 27 (ms. 3) Dat. cesii $2 
Pluralis ces, 

ecce-hoc wird co ^7 (chu, cu in ms. 3) und ce 2^ (ms. 2). 36. 
Von nul findet sich die Obliquusform nelui 28, 

Konjugation. 

Indie. Praes. i. Pers. Sing, pareil 28 zeigt Anbildung an die 
/-Verba. 

In ms. 3 ist die Behandlung der 3. Pers. Sing. Praes. Indie, vor 
dem unpersönliehen on, om, um beaehtenswert. Formen wie irov om 
21. 22, tail om 22. 24, tort om (Hs. tor torn) 22, mont om, don on, 
bev um 24 geben die Ausspräche [tor tom) des litterariseh unge- 
bildeten Schreibers wieder mit Ausfall des Schlufs-^ und Behand- 
lung des Stammvokals und Stammkonsonanten wie in endungs- 
betonten Formen und im Inlaut {trov om), 

ms. I hat einige Futura von Verben L auf Kons. + r und r mit 
Umstellung des p: ouverront i, duerront ^J und Futura mit Hûlfsvokal 
espanderà 9 und zugleich Umstellung paerra 37 (neben corra 8). 

Erwähnt sei Imper. 2. Pers. PI. prendes 18. 33. 37, während 
ms. 3 prennes 15 hat. 

ms. I hat stets den Infinitiv veir 18. 33. 34. 36; ms. 2 neben 
aver, getir und ostier\ ms. 3 cheir. 

Besondere Erwähnung verdient das Participium argans von 
ardere analogisch nach Konj. arge, Aehnliche Uebertragungen finden 
sich auch sonst in picardischen Texten, so arg oit (Tail liar, Textes 
wallons nO 164, Urkunde der Abtei Auchin). Die artesische Chronik, 
ed. Funck- Brentano (Collection de Textes pour renseignement de 
l'histoire 1899) hat neben Konj. Praes. argent S. 57 argoient S. 68, 
die Chansons et dits artésiens ed. Jeanroy XXI, 64 argans ent- 
sprechend torjant, s. W. Kirsch, Zur Geschichte des co nso nautischen 
Stammauslauts im Präsens S. 38, 68. 

Für die Sprache Honnecourt's ergiebt die Untersuchung des 
Skizzenbuches folgende dialektische Züge, die wir kurz zusammen- 
stellen: 

1. e, p vor Nasal und a vor Nasal werden auseinandergehalten, 
zweimal aber an durch en ersetzt (peri), 

2. Freies e und a vor Nasal fallen in ain zusammen. Die 
Schreibungen plainne, clainme, die den ursprünglichen Nasalvokal 
treu wiedergeben, finden sich mit ziemlicher Konsequenz in picar- 



02 F. ED, SCHNEEGANS, 

dischen und wallonischen Texten, so in Gui de Cambrai's Barlaam 
und Josaphat, in den Urkunden des Livre rouge de St Quentin 
{c/atnme, clatmme n® 34), in den Urkunden von Ponthieu {avainne, 
mat'nne), im Poeme moral. 

3. Gedecktes / wird bald durch e bald durch te bezeichnet. 
Die Sprachgrenze ist für diese Erscheinung durch Suchier 

(Grundrifs I S. 602) bestimmt worden. Er giebt als äufserste Vor- 
posten des Gebietes Aire, Lille, Douai, Cambrai, Avesnes, Mau- 
beuge an. Das Vorkommen des ie in Honnecourt erlaubt uns 
die Grenze etwas genauer zu bestimmen. Da St. Quentin den 
lif-Laut nicht kennt, ^ wird die Grenze in der Gegend von Honne- 
court sich hinziehen, vielleicht z. T. mit der südlichen Grenze des 
Erzbistums von Cambrai (zu dem Honnecourt gehört) überein- 
stimmen. Von da scheint sie sich stark nach SW. zu wenden, 
denn der Laut ie ist in Cappy (Arrondiss. Perronne) bezeugt durch 
eine Urkunde von 1 202 (Tailliar, Actes wallons n® 6). Den älteren 
Texten von Arras ist ie unbekannt. Ein weiterer Grenzort ist 
Hénin-Liétard (Charte communale et serment des échevins de H.-L., 
Tailliar S. 387 ff.). 

4. .^/+Kons. wird eu, nicht iau. Die einzige Form ceus"^ wird 
als individuelle Ansprache W.'s aufzufassen sein, denn die Texte 
von St. Quentin und Cambrai führen den picardischen Laut durch. 

5. ^ + epenthetischem / wird ie. 

6. Freies a wird zu e und ei (cfr. Grundrifs I S. 602). 

7. -arius wird -ier\ -iala wird ie, 

8. Freies ^ diphthongiert zu ue, 

9. 'ieu in locus, focus wird zu iuj u (cfr. Suchier, Aue und 
Nie* S. 70), daneben ieu, 

10. Beispiele des Wandel von p/+Kons. zu au fehlen. 

11. Freies erscheint als und eu, g vor Nasal wird durch 
u wiedergegeben. 

12. ¿- + (2 ist erhalten. 

Í + ;*, e^ //'+ Vokal sind stets durch c ausgedrückt, das den 
r^-Laut bezeichnet, ebenso wie in sace^ sacies. Den Beobachtungen 
O. Siemt's (Ueber lat. c vor e, i im Picard. S. i8flf.) entsprechend, 
schreibt Vilard einmal espasse, fois hat auch sonst in picardischen 
Texten -s (s. Siemt S. 17). 

I3» ^-ih-f im Auslaut wird durch s wiedergegeben, ebenso -j/x. 

14. /im Auslaut ist z. T. noch erhalten. Die Texte der dia- 
lektisch Honnecourt nächstliegenden Orte Cambrai und St. Quentin 



^ Die Durchsicht der genauen Urkunden des Livre rouge de St. Quentin 
(ed. Bouchot et Lemairc, St. Quentin 1881) und der Archives anciennes de la 
Villo de St. Quentin {ed. Lemaire I a. 1076— 1328, St. Quentin 1888) bestätigt 
die Tbatsache. Im Livre rouge finde ich nur einmal quarriel n^ 53 und den 
„lieu dit": au fierge de Venevilar, wo gedecktes f vorzuliegen scheint. 

^ Formen auf -eu kommen gelegentlich auch sonst in picardischen Texten 
vor, s. Haas, Zur Geschichte des / vor folgendem Consonanten im Nordfran- 
zösischen, Freiburger Dissert. 1889, S. 67 f. 



SKIZZENBOCH TON VILAKD DE HONNECOITRT. 63 

zeigen ziemlich konsequent Erhaltung des l (besonders das Livre 
rouge de St Quentin und die Archives anciennes ed. Lemaire). 

15. Das mouillierte / im Auslaut ¡st durch einfaches / wieder- 
gegeben. 

16. Der Hülfslaut d fehlt zwischen Ir in paure, l findet sich 
dagegen in comble, das wohl als technischer Ausdruck der Bau- 
kunst die central französische Form aufweist. 

Texte aus den verschiedenen Gegenden der PicEU'die zeigen 
eine auffallende Konsequenz in der Auslassung des Hülfslautes, 
der nur in bestimmten Wörtern vorkommt: in Cambrai' (Tailliar 
r" Zl¡). 2bo. 268. 108), in SL Quentin Î finden sich neben den 
Formen ohne Hülfslaut samlilabU (Livre Rouge LXI), apparltndroü 
(ib. LXIV), ensambk (ib. LXXHl). In der Charte communale de 
Phi lippe- Au guste für St. Quentin (Anf. des XIU. Jahrhs. Livre Rouge 
Appendice nach einer Abschrilt des XllL Jahrhs.) stehen nur 
Formen ohne Hülfslaut.^ Arras, Douai, Valenciennes, Lille, SL Orner 
(z. B. /iHffií/cOTín/'), Aire und die Texte von Ponthieu (ed. Raynaud) 
weisen ebenfalls nur Formen ohne den Hülfslaut auf, aufser den 
Vertretern von insimul und simulare, denen zugleich die Aussprache 
3 und entsprechende Schreibung mit an, am eigentümlich ist. 

17. Die Artikelformen sind Mase, li — It, H — Us, Fem, 
ti — le, les. 

18. Die Dekhnationsregeln sind noch konsequent durchgeführt 
ig. Das Possessivpronomen weist die picardische Form se 

(Fem. Sing.) und die verkürzte Form im Fem. no. 

20. ms. I weist folgende Erweiterungen der t-Verba auf: paroH, 
organs. 

Der Infinitiv von videre lautet veir. 

Das Futurum zeigt Formen mit Umstellung des e bei Verben I 
auf Kons. -|-r und Eintritt des Hülfsvokals in espanderà, paerra. 

Die angeführten Beispiele zeigen, mit welcher Genauigkeit 
und Konsequenz Vilard de Honnecourt die Laute seines ange- 
borenen Dialektes wiedergegeben hat im Unterschied zu den beiden 
andern Schreibern, Erwähnt sei noch die Anwendung des Zeichens 
s zum Ausdruck des tönenden inlautenden s^ in Sarrazin 5, maiton 6, 
citiel 8, doteiee devite g, glize öfters (einmal glise 34), eese 28 u. s. w. 
neben espasse 6, espesses ases laissüs 37. 

' s. auch Droits seigoeui 
F i not (Bull e lin archi ologìque 
fiques 1891 S. 4jlff.). 

' Livre rougB de St. QuentÎD und Archives 
Charles du Vermandois in Bibl. de l'école des charles XXXV. 

' Dagegen in einer Urkunde von Herben, Graf von Vermandois (+ 1081) 
nur Formen mit Hülfslaut. 

' Mém. de la Sodélé des Antiquaires de U Morioie XIX, 1884 — 5, 
S.jzjf. (Coutumes de St Omer). 

^ 1 für lönend» i erscheint in <Ien von Raynaud behandelten Urkundea 
seil 1183. 



64 F- ED. SCHNEBGANS, 

ms. 2 weist folgende dialektische Züge auf: 

1. der Diphthong "im ist erhalten in orgüuSt orpieument, tyeule\ 
focus wird aber fiu. 

2. .^ in offener Silbe wird zu ot und at\ e. 

3. gedecktes f und gedecktes a vor Nasal sind geschieden. 

4. gedecktes f diphthongiert nicht 'g/Ius wird -eus. 

5. gedecktes a vor Nasal ist öfters durch -aun wiedergegeben. 

6. -anus wird -ere. 

7. vortoniges at wird zu a. 

8. für aqua finden sich die Formen eve, euge. 

9. olea wird oz'ie, 

10. c bleibt vor a, wird vor dem aus a entstandenen e durch 
ch ausgedruckt, 

11. c-{-e,t\ //'+ Vokal werden durchs wiedergegeben, im Aus- 
laut in dem einzigen Beispiel durch z, 

12. Der Artikel lautet im Mase, ¡e, im Femininum ist del über- 
liefert (cfr. Meyer-Lûbke II § 104). 

Folgende Inñnitivformen sind erhalten: aver, getir, outer. 

Soweit aus den wenigen Formen ein Schlufs zu ziehen ist, 
läfst sich vermutungsweise als Heimat des Schreibers von ms. 2 der 
Süden des picardischen Gebietes bezeichnen, ms. 2 schreibt aufser- 
halb des Gebietes, auf dem gedecktes p zu ie wird. Für die Nähe 
der Champagne spricht der Wandel von ai zu a (s. Wilmotte 
Romania XX 479 ff.). Die Schreibung aun für gedecktes a vor 
Nasal ist nicht mafsgebend ; sie findet sich nicht allein in der Nähe 
des normannischen Gebietes.^ Auch die Behandlung von ieu bietet 
keinen Anhalt.^ 

Ziehen wir die Behandlung von freiem e, das ai und oi wird 
und auf die Nähe der Ile de France hinweist, hinzu, so läfst sich 
als Heimat des Schreibers von ms. 2 die Gegend bestimmen, wo 
Ile de France, Champagne und Picardie zusammenstofsen.^ 

Die Form euge ist wohl identisch mit dem auf picardischem 
und flandrischem Gebiet weitverbreiteten euwe aus aqua, wo w 
den Uebergangslaut zwischen dem aus eua entstandenen Diphthong 
eu und 9 darstellt.* Das g von euge könnte entweder aus einer 
Kreuzung von euwe und aigue entstanden sein oder ist aus dem 
auch sonst in picardischen Urkunden bezeugten Wechsel der 



^ So z. B. Oorkondenbock van Holland en Zeeland ed. Van Den Bergck 

S. 357- 

* ieu und lu begegnen nebeneinander auch in den von F. Neumann be- 
handelten Urkunden, so dafs ieu als eine jüngere Form anzusehen ist (s. Zur 
Laut- und Flexionslehre des Altfranzösischen S. 42). 

3 In Cambrai finden sich neben Formen auf oi, oe und o auch Beispiele 
von ai, ei aus e (s. Tailliar n^ l Arethoes, ouvoet = habebat, mo es mensis, 
n^ 18 estait, deit. In den Briefen des Bischofs Wilhelm von Cambrai (Perts 
M. G. SS. VII, no CXXI) estait. 

* Vgl. euwes (habutas) in „Etablissement d'une franche fête à Douai par 
la Comtesse Marguerite de Flandres et de Hainaut" (Tailliar n** 1 77), auwes 
(auca) Urk. von Douai ib. n<'i23. 196. 



SKIZZENBUCH VON VILARD DE HONNECOÜRT. 65 

Zeichen w und ¿^^ zu erklären; es hat wohl sicher nur ortho- 
graphischen Werth (vgl. die Verkürzung eve 35). Die Form enge 
könnte gegen die eben vorgeschlagene Lokalisierung des Textes 
ms. 2 angeführt werden. Denn euwe scheint besonders in einer 
nördlichen Zone des picardisch-wallonischen Gebietes, zu dem Cam- 
brai nicht mehr gehören würde, und in Flandern vorzukommen.^ 

Für ms. 3 ergeben sich folgende Spracheigentümlichkeiten: 

1. ieu wird tu. 

2. ie aus freiem /, aus a nach Palatal und -artus wird Û 

3. in geschlossener Silbe unterbleibt die Diphthongierung von /. 

4. vortoniges ai und betontes und vortoniges ot werden zu a 
und (einmal a) vereinfacht. 

5. e und a in gedeckter Silbe vor Nasal sind geschieden. 

6. freies ç wird nicht zu eu diphthongiert. 

7. freies a wird bald durch e bald durch ei wiedergegeben. 

8. {/ in unus, una, sursum wird zu 0. 

9. c bleibt vor j, wird durch ch wiedergegeben vor e, ie aus, a. 
IG. c-^e, i und //+ Vokal werden ch (in der Schrift bald c 

bald rÄ), im Auslaut zu s, 

11. t-^-s im Auslaut werden zu s, 

12. l verstummt meist vor Konsonant. 

13. silbenanlautendes / wird zweimal zu d. 

14. ms. 3 kennt die Artikelform U für das Femininum. 

Auch der Schreiber von ms. 3 gehört dem picardischen Sprach- 
gebiet an. Nach dem Osten weisen 2 und 6 hin. 

D'iQ Behandlung von u in ort, one ist im Norden weit verbreitet. 

ANMERKUNGEN.» 

IG. Dem Texte sind drei Zeichnungen beigegeben: eine 
Fensterskizze, der Grundrifs des Turms im ersten Stockwerk mit 
den vier Vorbauen, die jeder je zwei Ecktürme haben (die .VI IL 
aresies und ,IIIL filiales). Die colonbes de Irois sind Säulenbündel, 
deren Querschnitt auf der Zeichnung zu sehen ist und die das 



* Vgl. lanwe neben langhe in den Chansons et dits artésiens éd. Jean- 
roy 3. 5- 

* Hénin • Liétard (Tailliar p. 432), Douai: euwe, euwage {ib. 145. 146), 
Arras: Euwillerie (ein Quartier der Stadt Arras: Chansons et dits artésiens 
XV, 26), Lille: euwe (Tailliar n^ 208 und 262). Für Flandern ist die Form 
bezeugt durch Tailliar n° 206. In einer Urkunde von Cappy (Somme) finde 
ich aige» aigue, in Cambrai bei Gui de Cambrai, Bari, und Jos. ewe, eve, 
euue, aighe, in den Gesta episcoporum Cameracensium (Pertz M. G. SS. VII) 
yauwes, ebenso in St. Quentin (Livre Rouge: Passelyaue 53, lauve 196. 197; 
in den Archives anciennes: yaus)^ in Valenciennes aiuwes (Charte de la frairie 
de la halle des draps de Valenciennes ed. Caffiaux, Mém. de la Soc. des anti- 
quaires de France 38 p. i ff.). 

3 Es sei audrücklich auf den trefflichen technischen Kommentar und das 
Glossar der Lassus'schen Ausgabe hingewiesen, die für die obigen Erklä- 
rungen, die nur das Verständnis einiger Stellen erleichtern sollen, reichlich 
benutzt wurden. 

Zeitschr. 1 rom. Phil. XXY. c 



66 F. ED. SCHNBEGANSy 

Gewölbe der Vorbaue tragen. Das zweite Stockwerk ist in zwei 
Abteilungen geteilt, die Vorbaue der unteren sind als arket et ert" 
taulemens, die der oberen (offen, auf acht Säulen und mit vor- 
springenden Ochsenleibern verziert) als filióles bezeichnet Die 
arkei ei eniaulemens (oberer Abschlufs des Stockwerkes) tragen die 
,Vin. cresies, zwischen denen sich die schmalen Fenster befinden 
(arkiere, eine ist auf der Zeichnung sichtbar). 

15. (Ton piler metre a droite toisons = „mit richtigen, passenden 
Fugen", gemeint ist die Verbindung der dem Pfeiler angefügten 
Säulen zu einem Säulenbündel. 

22 b) „par ce moyen trouve-t-on le milieu d'un champ décrit 
au compas" L.; Ergänzung von 22 a. In beiden Problemen handelt 
es sich um die Auffindung des Mittelpunktes eines Kreises (in 22a 
des Querschnittes durch eine Rundsäule) mit Hülfe zweier Punkte 
der Peripherie. 

22 g) L., der auf die Erklärung des Problems verzichtet, über- 
setzt „Par ce moyen fait-on arriver deux pierres à un point, si 
elles ne sont pas éloignées"; es heifst doch eher „mögen sie auch 
entfernt sein". 

24 f) „Par ce moyen on biaise les arrachements jaugés pour 
chaque membre sans modèle" L. Nach Quicherat's geistvoller Er- 
klärung, der sich L. anschliefst, handelt es sich um einen Bogen- 
träger, von dem die verschiedenen Gewölberippen (memore) in 
spitzen Winkeln (òev*om) ausgehen und um ein Mittel die Form 
des Trägers zu bestimmen. Die Zeichnung stellt einen Querschnitt 
durch einen Träger dar. 

25. vive kaus bótete et orpieument: hoUte (von hole, Kugel) kann 
nicht gemeint sein; zu diesem „teigartigen" Schönheitsmittel gehört 
„gestofsener Kalk (kein Stückkalk, den das Wasser nur zerbröckeln 
würde)", „ungelöschter Kalkstaub" oder „Kalkmehl". Man denkt 
an huleter (nfr. bluter), holete et könnte irrtümlich für buletée et stehen. 
Schwierigkeit bereitet aber der i?-Laut, da sonst ms. 2 nicht für 
lat. ü kennt und altfr. nur huleter vorzukonmien scheint; vgl. aber 
wallon, hoti = bluter (Grandgagnage). 

31. Das Blatt weist zwei Zeichnungen auf, einen einfachen 
Kirchenstuhl oben, unten einen mit Rankenwerk verzierten, der 
auf einem der folgenden Blätter in noch reicherer Schnitzarbeit 
wiederholt und als hone poupée ^2 bezeichnet wird. L. möchte den 
ersten Teil der Inschrift 31 auf die untere Zeichnung beziehen 
und erklärt poupée als „rinceau, enroulement, espèce de cloison 
feuillagée, quelquefois avec figures terminant un rang de stalles"; 
den Rest der Inschrift a ./. entreclos a tote le clef bezieht er auf 
die obere Zeichnung, die einen Kirchenstuhl in der Mitte der 
Reihe, zu der die untere poupée den Abschlufs bildet, darstellt; 
denn die reichverzierte poupée kann nicht die Scheidewand zwischen 
zwei Stühlen bezeichnen, die immer einfach ist nach Art der oben 
skizzierten. Er erklärt clef als „accoudoir assemblé avec la pièce 



SKIZZBNBUCH TON VILARD DE HONNECOURT. 



67 



courante qui forme le dossier**. Ich würde lieber unter clef einen 
auf der oberen Zeichnung sichtbaren Stift verstehen, der den be- 
weglichen Sitz mit der Rückwand des Stuhles verbindet. 

34. orhes arkes sind innere gewölbte Gänge längs den Fenstern 
des ersten Stockwerkes, welche die weit vorspringenden Gewölbe- 
pfeiler durchbrechen. 

36. Ves ci les molles des chapules de cele pagne = „Das sind 
die Modelle (Querschnitte), die in der hier behandelten Kapelle 
vorkommen**. Mit loizons ist die Verbindung der Halbsäulen mit 
dem Pfeiler zum Säulenbundel gemeint. 



GLOSSAR. 



acainte, accainte: Schirm dach 18; 

Seitenschiff einer gothischen Kirche 

35 ; s. Du Gange s. v. accincta. 
agies'. Haltung, Bewegung i; s. Gode- 

froy s. V. agies, agiez. 
aguiU: Turmspitze 23 g. 
aile: Adler 7; aquile 26. 
aive: Wasser 22 j. 1; aü 27. 
angle: Winkel 23 b. 
arbre: Radachse 27. 
arc: Bogen 22 c. 24 h; arc boterei: 

Strebebogen 13. 35. 
arke: Gewölbebogen, gewölbter Gang 

34- 

arkiere: Schiefsscharte, schmales Fen- 
ster 10; s. Godefroy s. v. archiere. 

art: Kunst i. 20. 21. 

atenir: festhalten 33. 

autre tant — com: sowohl — als 
auch 22 k. 

bas: Holz, Holzbalken 27. 
behot: Röhre 8. 
bever: schräg ansetzen 24 f. 
bolete: s. Anm. zu 25. 
boterei, buter et s. arc, 

Canbrai 1 3. 

caneuvize: Hanfsamen 37; s. Godefroy 
s. V. canebuise (bezeichnet den Hanf- 
samen in der Gegend von Douai). 

cangier: abwechseln lassen 9. 

canpe: Feld, Flache 22 b. 

cantepleure: „robinet quelconque lais- 
sant écouler l'eau peu à peu ; arro- 



soir" L. ; s. Du Cange s. v. canta- 
plora. 

capitel: Saulenkapitäl 24 a. 

Car noti (5. Maria); Chartres 15. 

carole, charole: Chorumgang; s. Du 
Cange s. v. carola (clathros seu co- 
lumellas fabrefactas, olim in quibus- 
dam Galliarum provinciis in Nor- 
mandia saltem, dictas Caroles) und 
Godefroy. 

carpenterie: Zimmerhandwerk i; Bal- 
kenwerk 18. 

chavec, cavece: Chor 13. 22. 

ciment: Cement 25. 

cintreel: Bogen 22 e. 

ciziel: Meifsel 37. 

Cisterciensis ordo 17. 

Cisitaus 13. 

clef: Schlufsstein des Spitzbogens 
23 c. d. — Teil eines Kirchenstuhles 
s. Anm. zu 32. 

clozeic adj.: verschlossen 9; s. Gode- 
froy s. V. closeis. 

clostre: Kreuzgang 22 k. 

co (por)i deswegen weil li. 

col: „saillie du contre-fort" L. 10. 

col roge: Rotkohl 37. 

colonbe: Säule 7. 22. 

conbU: Dachstuhl, Gewölbe io. 18. 25. 

Come (5.) 30. 

conpas: Zirkel 22. 24h; Kreis (une 
ais a ,11 L conpas: Dreipafs) 7; cfr. 
Du Cange s. v. compassus; Gode- 
froy. 

consel: Anleitung i. 

s* 



68 



p. ED. SCHNfiBGANS, 



contrefaire: abzeichnen {al vif: nach 

dem Leben) 28. 29. 
copres se: Stütze 27. 
Corbie (Pieres de) 14. 
covertic: Dach 6. 35. 36. 
creste: Spitztürrachen 10. 
cretiel: Zinne, zinnenartige Brüstung 

34. 35. 

descoscier: abschitfsen 33. 

desputer (se) de: konkurrieren um 4. 

desquari: eckig 13. 

destenprer: mischen mit 25. 

devizer: erklären 9. 

doctriner: abrichten (einen Löwen) 28. 

Domijen (5.) 30. 

douhiiel: Pfeilergurt 36. 

droit (a) adv.: richtig 9. 

enhracement : Vierpafe (vierteiliger 

Rahmen um eine Radachse) 27. 
enconhre: Häufung 24 a. 
endumer: anschneiden 27. 
engenolie (vosure): „voussoir profilé 

suivant une courbe*' L. 24. 
engieng: Baumaschine l. 26; Wurf- 

maschine 23. 
entauletnent : Stockwerk 10. 34. 35. 
entaulé adj.: gepflastert 36. 
entreclos: Scheidewand (zwischen zwei 

Chorstûhlen) 32. 
erracenment : Träger, Gewölbeansatz 

22 f. 24 f.; s. Godefroy s.v. esrache- 

ment. 
esscandelon: Stufe 23 f. 
escaufaile: Wärmer, Händewärmer 9. 
esconse: Blendlaterne 18. 
esligement: Grundrifs 10. 13. 14. 
espandre: ausgiefsen 9. 
espasse f.: Säulenzwischenraum 10. 
estace: Grund pfahl 27. 
estancon: Stützbalken (Teil einer 

Wurfmaschinc) 33. 
estanper: zermalmen, zerstampfen 37. 
Estienne 14. 
e stör: Fenster 22 h. 
estoupe: Werg 37. 
euge: Wasser 25. 



fiUole: Türmchen, s. Godefroy. 

force Technik einer Kunst l. 19. 

f or kiet {piler) i Strebepfeiler 10 („con- 
tre-forts d'angle faisant la fourche** 
Lassus). 

forme: Fensterform il. 36. 

fust: Holz 18. 

galion filate: Levkoje 37; s. Du Gange 
s. V. gariofìlata, fr. giroflée; Gode- 
froy s. v. gariofìlee. 

getir: werfen, ausgiefsen 35. 

grosse: Dicke 22 a. 23 b. 

hautece: Höhe 23 i. 

hauture: Höhe 7, 

hierhegier: auf der „herberge**, dem 

oberen Abschlufs einer Scheidemauer 

zwischen zwei Nachbargebäuden, 

aufbauen 18. 
Honecourt I, Honnecor\f\ 2, Hüne' 

cort 14. 
Hongrie II. 15. 
huge: Kasten 33. 
Humilité: Demut (als personifizierte 

Tugend) 3. 

jagijs adj.: ausgemessen 24 f. Gode- 
froy hat ein Beispiel von jaige s,f 
(„pour ung pié et une jaige de 
grans voulseurs** aus einer Quittung 
eines Werkmeisters in Dijon, j'cäge 
scheint hier eine Längenmafsbe- 
zeichnung zu sein). 

ierloge, orologe: Uhr 6. 

iometrie: Geometrie l. 20. 21; geo' 
metrie 22 s. 

justicier: richtigstellen 23c. 

kaiel: Hündchen 28. 
kaus: Kalk 25. 

labitement: Steinigung 30. 

largece: Breite 22 1. 

letre: Text, Beschreibung 9. 

letris: Lesepult 7; s. Du Gange s. v. 

lectricium. 
linei: Lot 22 v. 



SKIZZENBUCH VON VILARD DE HONNECOÜRT. 



69 



Uvei: 23 j.; Lassus übersetzt ,,niveau, 
ligne, cordeau à diviser*'. 

¡oison: Fuge 23c. 36. 

ione: entfernt 22 1. 

Loon IO. 

Lozane 16. 

machonerie: Baukunst I. 19; Bauart 
22h. 24 a. 

maillet: Hammer 4. 

maizon: Behausung, Behälter 6. 

maniere: Bauart 5. 7. 8. IO. 13. 34; 
manine 27. 

menare: architektonisches Glied 24 f. 

mesure que {Par): auf die Art dafs 
24 b. 

matere: Stoff, Anleitung 1 5. 19. 

Miax 14. 

mole: Modell 52. 23 g. 24 c. 36. 

montee: Aufrifs lO. 13. 34. 35. 36. 

mors: Krönung, Abschlufs, nfr. amor- 
tissement 35. 

moustier: Kirche 36. 

nokeret: Dachrinne oder Wasserspeier 
35 ; s. Godefroy s. v. nochiere, no- 
kière, nochere. 

*cgive: Spitzbogen 36. 
orbe: dunkel, verborgen 34. 
Orgieus: Hochmut (Personifikation) 3. 
orpieument: Operment 25. 

paelete: Pfanne 9. 

pan (plain): Mauer 13. 36. 

pavement: Fliese 15. 

peignon: Giebel 6. 

peignonciel: Giebel 6. 

pendant: Hängebogen 23 a. 

peniel: Fläche 6. 

per soir: Presse 22 p. 

Pier es de Corine: ein Architekt, der 

mit Vilard konkurriert 14. 
piler forkiet: Strebepfeiler 10. 
Pharao {S.) : die Farokirche in Meaux 

14. 

plom: Senkblei 23 j. 

Point: Mittelpunkt 24 d. 
porc espi: Stachelschwein 29. 



portraire: zeichnen, skizzieren ii. 24 c. 

portrait: Zeichnung 6. 

portraiture: Zeichenkunst i {por tu- 

ratura 19) 20; Zeichnung 9. 35. 
poupée: Ranken Verzierung an einem 

Kirchenstuhl 31. 32. 
pour e : Pulver 37. 
prael: Klosterhof 22 k. 
pumiel: Knopf, Knauf 7. 

quint point: „arcade qui a pour 
centre de chacun de ses arcs un 
des points divisant sa base en cinq 
parties égales, ce point étant le 
cinquième à partir de la naissance 
de Tare" L. 23 d. 

recoper: Pfahle unter Wasser absägen, 

nfr. receper 27. 
redevoir unpers. : wieder, ebenfalls 

sollen 35. 
redrescir: aufrichten 27. 
roonde: runde Säule 23 b. 

Salemon: König Salomon 12. 

sanemonde: Levkoje 37; s. Godefroy. 

Sarrazin: Sarrazene 5. 

scere: Winkelmais 23 c. 

soie: Borste 29. 

soir: sägen 26. 

sole: Terrasse 27. 33. 

Soor e : Säge 26. 

sorvols: Rippe (an einem Gewölbe) 36. 

soutre {par): unten 8. 

tanesie: Rainfarn (tanacetum) 37; s. 
Godefroy s. v. tanisie. 

tergier: bestreichen 37. 

tyeule: Ziegel 25. 

tijrc: Spitzbogen, nfr. tiers-point, 23 c. 

toize: Klafter 23. 

toral: zum Turm gehörig 36. 

toreillon: Drehzapfen 9. 

torete: Türmchen, turmartige Verzie- 
rung 8. 

torner: drechseln 18. 

trait: Linienführung i. 19. 

travecon: Querstab 8, 



70 F. ED. SCHNBEGANS, SKIZZENBUCU VON VILARD DE HONNECOURT, 



trebucet: Wurfmaschine 33. 
tribucher: zu Falle kommen 3. 
tutneie s. f.: Schnitt 24c. 

unnement: Salbe 25. 

Vecellensis {S. Afana) Vaucelles 17. 
"verge: Stab 7; Stange (Teil einer 

Wurfmaschine) 33. 
vertere: Glasfenster 16. (vesrtre 23.) 

35. 36. 
vif {ai): nach dem Leben 28. 29. 
vty argent: Quecksilber 4. 



vis: Schraube 22p. 

vote: Gang 22 k. 34. 35. 

vols: gewölbt 36. 

volte: Gewölbe 18. 

vosor: Gewölbstein 23 f.; vosoir 24e. 

vosure Schlufsstein 22 h. L 24 d. g. 

war ance: Färberröte, Krapp 37. 

Wilart de Honnecourt i; Ulardus I4. 

windas: Winde, Feder (zum Spannen 
einer Wurfmaschine; mehrere Bei- 
spiele dieses Gebrauchs bei Gode- 
froy s. V. guindas) 33. 



F. Ed. Schneegans. 



Ëtades sur la poésie burlesque française de la Benaissance. 

Cest une vérité démontrée désormais à l'évidence que la litté- 
rature française du XVI* siècle, naquit et se développa sous la 
double influence classique et italienne. On peut ajouter aussi, 
sans crainte d'exagérer, que cette dernière l'emporte de beaucoup, 
au moins dans la plupart des genres, sur les inspirations puisées 
directement aux chefs-d'œuvre de la Grèce et de Rome, ces 
chefs-d'œuvre que tout le monde déclarait bien vouloir suivre de 
près, mais dont l'imitation paraissait en effet difficile, à une époque 
où l'art et la langue étaient encore dans leur enfance. On ne 
saurait donc parler de poésie burlesque ou bernesque, sans que 
ces noms mêmes, qui n'ont pas d'ailleurs identité de sens, ne nous 
indiquassent leur patrie d'origine. C'est là une production tout-à- 
fait italienne, mais les poètes français burlesques, loin d'avouer 
franchement leurs emprunts, les dissimulent avec art, préférant se 
déclarer redevables de leurs inspirations, à des auteurs grecs ou 
latins, dont ils ne connaissaient fort souvent que le nom. Ce fait 
que j'ai eu l'occasion de constater autre part pour la comédie est 
évident ici encore et d'ailleurs bien naturel. Les classiques for- 
maient, pour ainsi dire, un patrimoine commun, sur qui tout le 
monde pouvait vanter les mêmes droits et que l'école de Ronsard 
ne cessait de recommander à l'imitation, tandis que les Italiens 
étaient des contemporains, que l'on n'aurait pu piller librement 
sans s'exposer à l'accusation de plagiat. 

L'imitation italienne, dont je parle, n'est pas d'ailleurs toujours 
servile ou littérale. Elle consiste plutôt dans la répétition des 
mêmes sujets, que dans la dépendance de la forme; les français 
chantent ce que les italiens avaient chanté avant eux, la goutte, 
par exemple, la fièvre, la galère et pis encore, mais les modèles 
ne sont, que fort rarement, suivis à la lettre et l'on peut même 
parfois croire à une simple réminiscence. C'est là ce que nous 
allons constater dans les chapitres, qui suivent et que j'ai divisés 
selon les genres (une division quelque peu vague, mais la seule 
qui soit possible), afin que les types caractéristiques de la poésie 
burlesque se trouvent en plein jour. 

Mais c'est sur ce nom de poésie burlesque qu'il faut faire 
tout d'abord quelques restrictions. J'écarte les poèmes burlesques, 
parce que l'étendue de leurs sujets et le caractère de parodie, en 



72 p. TOLDO, 

font un genre à part. Et la parodie paraît évidente. Didon par- 
lant le langage des halles, Énée transformé en bon bourgeois 
„gras et fleuri", les vers héroïques de Tépopée du peuple romain 
appliqués à des situations plaisantes ou ridicules, enfin la vulgarité 
la plus plate, s'opposant à la grandeur du modèle classique, voilà 
ce qui constitue le burlesque de ce genre, tel que nous le retrou- 
vons chez le Lalli en Italie et chez Scarron en France et qui con- 
siste dans la dégradation ou la caricature des héros. Je laisse de 
côté aussi les canti carnascialesche bien que le burlesque y joue 
parfois un certain rôle, de même que la poésie à la burchia, qui 
eut en France beaucoup de succès, j'écarte enfin avec soin tout 
ce qui ne rentre par directement dans ce sujet, si riche, si varié 
et que Ton n'a pas encore étudié, dans son ensemble, d'une ma- 
nière satisfaisante. 

L'amour et les femmes. 

C'est à elles la place d'honneur, mais il faut le déclarer tout 
de suite, la place que les poètes burlesques leur ont assignée ne 
mérite pas du tout ce titre. Des courtisanes, des maquerelles, des 
femmes, vendant leurs baisers ou ceux de leurs amies, avides, mé- 
chantes, sales et souvent grandes sorcières, voilà ce qui se pré- 
sente d'abord à notre vue. Mais ce sont surtout les vieilles, 
hideuses, repoussantes, cachant leur laideur sous le fard ou l'éta- 
lant avant cynisme, celles qui sont en butte aux plaisanteries fort 
outrées et fort indécentes de ces poètes. Le mépris des vieilles est 
sans doute issu de l'imitation classique; on n'avait qu'à ouvrir les 
œuvres d'Horace, d'Ovide et de Martial, pour en trouver des modèles 
plus ou moins achevés. Mais il y a là aussi une conséquence du 
mépris qu'on avait pour la femme au moyen âge, mépris dû à des 
préoccupations religieuses de chasteté, se mêlant ensuite, d'une ma- 
nière étrange, aux souvenirs épicuriens du classicisme. La femme, 
étant pour les uns une tentation obsédante et diabolique et pour les 
autres un simple instrument de plaisir, ne pouvait s'élever pour la 
plupart des gens de cette époque à la dignité de mère et de com- 
pagne fidèle de l'homme. Le printemps de la vie passé, sa mission 
était finie et l'on assistait en riant à sa dégradation. Chez le Bemi 
et chez plusieurs poètes formés à son école il y a aussi une vive 
réaction contre les pétrar quistes et sous ce rapport les vieilles re- 
présentent une parodie de la lyrique amoureuse, de même que les 
poèmes burlesques nous offrent, à leur tour, une parodie de l'épopée 
classique et chevaleresque. Mais avant le Bemi, on avait déjà 
chanté maintes fois les grimaces de la vieillesse.^ Il suffit de rap- 
peller ce qu'on lit dans un recueil publié par M' Casini,^ les sonnets 

* cfr. Tarticle de M»" Cian „Un codice ignoto di rime volgari appartenuto 
a B. Castiglione" dans le Giorn. Stor. della leti, ital. XIII p. 3 IO — 316. Voyez 
aussi un article de M' Vittorio Rossi dans le même journal (XXVI p. 39) 
sur le poète Strazzola. 

* dans les „Rime dei poeti bolognesi del sec. XIIP" dans la Scelta di 
curiosità letterarie, disp. CLXXXV p. 42, 



POÉSIB BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 73 

attribués à Cecco Angiolieri et cités par M' Cian^ et ceux de 
Rustico di Filippo, écrivain de la première moitié du XIII® siècle.^ 
Ce dernier est le représentant le plus accompli de ce genre, 
dans la littérature italienne des premiers siècles. On n'a qu'à lire 
ce sonnet, où le tableau est déjà achevé: 

„Dovunque vai con teco porti il ciesso, 

oi bugieressa vechia puzolente, 

che qual umque persona ti sta presso, 

si tura il naso e fugie jnmantenente. 

Li denti le giengie tue menar gresso, 

che li tasena V alito putente : 

le selle paion lengue d* allcipresso 

jn ver lo tuo fragor, tant* è repente: 

Che par che s' apran mille monimenta 

quand' apri il ciefFo; perchè non ti spolppe? 

o ti rinchinde ssi e' ôm non ti senta? 

Però che tuto '1 monddo ti paventa; 

jn corppo credo filglinti le volppe, 

ta 'lezo n* escie fuor, soza giomenta!" 

Ailleurs il parie de sa belle „la donna mia", qui montre ses 
trésors consistant en „cispa d' occhi" poux, punaises, gale et autres 
merveilles de ce genre. Cene de la Chitarra d' Arezzo î* peint, à 
son tour, una „vegla nera vizza e rancha"; Franco Sacchetti s'amuse, 
à ce sujet, dans des ballades bien connues et le Pistoia* a un 
sonnet d'une beauté merveilleuse sur une dame de quarante-sept 
ans, qui n'a pas encore renoncé à la coquetterie: 

„Lei pare un carboncin mezzo di foco; 
O che bel donnellin creato in fretta! 
Che belle carni purpurine e ranee!" 

Bernard Bellincioni, le poète courtisan de Laurent le Magni- 
fìque, se moque d'un amoureux d'une femme borgne '' et il pré- 
lude par là à une foule de compositions pareilles, savoir l'amant 
d'une bossue, l'amant d'une négresse etc., qui eurent beaucoup 
de vogue, dans les siècles suivants. C'est en parlant de sa propre 
maigreur, que le Bellincioni se sert d'une image, que nous retrou- 
verons ensuite chez le Bemi et chez beaucoup de poètes français: 

„Chi vuol /ar notomia 
Di muscoli, di nervi e poi del drento, 
Di fuor mi guardi, e resterà contento." 

On ne s'en rappellera que trop et l'anatomie burlesque nous pré- 
sentera des modèles afíireux et vivants d'histologie et de momi- 



* ibidem p. 312. 

* cfr. bibl. stor. letter, ital. Bergamo, 1899, édit. Federici, p. 30, 33. 
' cfr. vol. CLXXII de la scelta di curiosità letterarie, son. 2. 

* / sonetti del Pistoia éd. Renier, Torino, 1888, p. 106. 

* cfr. scelta di curiosità lett, livr. XXIV »on. 171«, 34«. 



74 P« TOLDO, 

fìcation. Dans „la istoria della Beca", attribuée à Louis Pulci, 
nous avons affaire à une paysanne, dont les appas ne sont gâtés, 
que par quelques petits défauts: 

„La Beca mia è solo un po' piccina, 

£ zoppica eh' appena te n' adresti. 

Neir occhio ha in lutto una tal magliolina, 

Che stu non guardi, tu non la vedresti, 

Pelosa ha intomo quella sua bocchina, 

Che proprio al barbio 1' assomigliaresti, 

E come un quattrin vecchio proprio è bianca.*' 

D'autres invectives qui n'ont pas toujours un caractère burlesque 
et plaisant, sont lancées contre les vieilles, ayant le tort de ne 
vouloir pas servir ces poètes dans leurs amours, ou veillant sur la 
vertu des jeunes filles confiées à leur garde. Pour ces auteurs, les 
femmes n'ayant plus les charmes de la jeunesse, sont obligées à 
un autre métier; courtisanes ou maquerelles voilà leur destinée. Et 
les maquerelles ne sont épargnées non plus, car ces poètes sont 
vraiment incontentables. Rappelons ce que le Politien écrit m anum^ 
TArioste in lenaniy le Mol za in anum importunant^ et la description 
d'une vieille entremetteuse, due à la plume du Burchiello.^ 

C'est là le genre où TArélin occupe le premier rang. Nous 
venons de constater l'existence de la description burlesque de la 
vieille avant le Bemi, mais ici, comme dans toute sorte de com- 
position burlesque, il faut bien lui donner la première place. Son 

sonnet sur les 

„Chiome d' argento fine, irte ed attorte 

Senz* arte, intorno ad un bel viso d* oro" 

devint bientôt le modèle de tout portrait d'une femme laide et 
vieille aux dents d'ébène et aux „luci torte" et on lui emprunta 
aussi, pour l'appliquer aux beautés fanées, ce qu'il avait chanté 
d'un certain messere, qu'il appelle „una lanterna viva" un „carcame", 
un sujet sur qui, comme Bellincioni, il invite à étudier la „notomia". 
Que Ton ajoute ce que le poète chante de sa servante: 
„Balia del Turco, e suocera del boia" 

décrite depuis les pieds jusqu'à la tête et ressemblée à une 
„cosmografia" 

„Pien d' isolette d' azzurro, e di bianco, 
Commesse dalla tigna di tarsia." 

Rappelons aussi ce qu'il dit de son „innamorata", dont les grands 
pieds avaient touché son cœur. 

Dans son mépris pour la vieillesse, le poète italien s'en prend 
aussi, avec son manque de sentiment moral et filial, à sa mère, à 
ses tantes et à ses oncles: 

„£ dicon, che non voglion mai morire, 

La morte chiama, ed ei la lascian dire." 

1 éd. de X^ondres, 1757, p. 112, 147. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 75 

Le Mauro dans ses „donne dì montagna", que Peau n'a jamais 
connues et qui obligent TAmour de courber la tête, ajoute d'autres 
traits mais plus vulgaires à ceux de son maître: 

,ȣ i capei folti, bosco da pidocchi, 

E gli denti smaltati di ricotta, 

£ le poppe, che van fin* a i ginocchi." 

Lo Strascino da Siena nous fait admirer sa dama, décrite elle 
aussi dans les moindres détails, Messer Agnolo Firenzuola com- 
pose un capitolo „sopra le bellezze della sua innamorata" et il 
commence des cheveux, des oreilles et des yeux pour arriver 
jusqu'où je ne dirai pas. Enfin le Lasca a de même que le 
Bemi, une servante, qui ferait perdre la patience à Jacob, à Isaac 
et à lob, lui-même: 

„L' Ancroia e l' Arpalista 

Ebber men brutta cera. 

L' è lunga, vecchia, secca, grinza e nera, 

Ch' ella par la versiera. 

Anzi una furia, una strega, un' arpia.*' 

G. F. Ferrari, dans ses rimes burlesques (réimpression de Ve- 
nise, 1570) et suivant les Paradossi d'Ortensio Lando, aborde une 
autre forme du même sujet. Il chante les louanges de la femme 
laide, parce que la beauté de la femme forme le désespoir des 
maris; en outre le temps détruit cette beauté trompeuse, tandis 
que la laideur ne saurait empirer. Que Ton ajoute les souvenirs 
de tous les malheurs causés par les belles femmes, depuis Hélène 
jusqu'à nos jours, tandis que les femmes laides restent tranquilles 
à leur place et se contentent de fort peu.* Ce sujet tel que le 
Ferrari Ta développé se trouve en rapport direct avec un autre 
bien plus connu encore de l'antiquité classique, celui des malheurs 
de la vie conjugale, sujet qui est, il est vrai, surtout satirique, 
mais que la poésie burlesque sait exploiter à son tour. Lorsque 
le Bemi, par exemple, dans son sonnet, qui commence: 

„Canchen, e beccafichi magri arrosto" 

nous fait rénumération de tous les malheurs possibles, pour con- 
clure que le pire de tous est celui „d'aver moglie" il a évidemment 
l'intention de tenir en suspens l'attention du lecteur, jusqu'au der- 
nier vers, dans un but tout à fait plaisant et la satire passe en 
seconde ligne. Il en est de même du Lasca, qui dans un sonnet, 
dont le début est moins plaisant que celui du Bemi, mais dont 
la méthode et le but rappellent de près ceux de son prédécesseur, 
résume, à son tour, tout ce qui peut rendre malheureux un homme 
pour conclure que: 



^ Pour les louanges de la vieille femme voyez le secentista Murtola, 
qui se propose cependimt un but différent; cfr. Belloni: // Seicento, p. 66, 



76 p. TOLDO, 

„Chi vuol matar costumi, opere e voglie, 
Chi vuol d* ogni error suo far penitenza, 
E d' ogni ben privarsi, tolga moglie.** 

Sous un autre point de vue César Bentivoglio, suivant de près 
Horace et se moquant de ceux, qui font de la femme le but de 
tous leurs désirs, sujet développé déjà, entre autres, par Cecco 
Angiolieri,^ conclue que le mieux qu4l a trouvé c'est de se con- 
tenter de sa propre servante, très simple et qui ne se fait pas trop 
prier, ainsi que les dames de la cour. Cette inspiration classique 
et italienne nous la retrouverons fort exploitée par les poètes 
français. Parfois les écrivains de la Péninsule préfèrent à celui 
des femmes un autre amour, dont ils ne font aucun mystère; 
Berni, Dolce et plusieurs autres de ces poètes burlesques avouent, 
avec un cynisme repoussant, et pas seulement pour plaisanter, leurs 
passions honteuses; on chante le ragazzo, sans le moindre voile, 
lorsqu'on ne croit plus convenable, de faire un tour au bordello et 
de suivre de près l'inspiration de Pétrone. 

C'est par l'amour de la servante opposé à celui des dames, 
que nous pouvons aborder l'examen de la poésie burlesque de la 
France. Ronsard est là sur le seuil de la Renaissance, avec son 
bagage pétrarquesque, chantant la beauté de la femme, sur tous 
les tons, mais on aurait tort de prendre trop au sérieux cet en- 
thousiasme d'emprunt. En d'autres compositions, en évident con- 
traste avec sa lyrique amoureuse, il s'en prend à ce sexe si volage, 
qui ne sait apprécier au juste ses grands mérites et ses ardents 
soupirs et il arrive par là à conclure que l'amour le plus commode 
est encore celui chanté par Horace et par le Bentivoglio. 

„Mon Dieu que sert d'aimer à la cour ses princesses? 

Jamais telle grandeur n'apporte que tristesses, 

Que noises que débats; il faut aller de nuit, 

Il faut craindre un mari, toute chose leur nuit . . . 

Quant à moy, bassement je veux toujours aimer." 

Et en effet, dans une de ces odes (23*), il se déclare épris de sa 

servante, sans qu'il y ait dans cette sorte de passion, aucune idée 

élevée ou poétique: 

„Si j'ayme depuis naguiere 

Une belle chamberiere 

Hé, qui m'oseroît blasmer? 

De si bassement aimer?** 

Il appelle à son secours, n'oubliant pas les préceptes de son école, 
une foule d'exemples, tirés de la mythologie et il ajoute: 



^ cfr. le sonnet qui commence: 

„I' sono innamorato, ma non tanto. 

Che non men passi ben leggieremente : 

Di ciò mi lodo, e tegnomi valente, 

Che all' Amor non son dato tutto quanto,** 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 'J^ 

»»L'amour des riches princesses 
Est un masque de tristesses; 
Qui vent avoir ses esbats 
Il faut aimer en lieu bas/' 

Le bas et la bassesse triomphent donc chez lui et sa décla- 
ration ne sera pas perdue pour ses contemporains et pour ses 
imitateurs. On n'a qu'à ouvrir le Cabinet satirique pour y retrouver 
Tapologie »»du plaisir d'une servante'* due à la plume du cadet 
Angoulevent: 

„Fasse qui voudra Tamour 
A ces maistresses de cour, 
Quant a moi je me contente 
De caresser nuict et jour 
Le tèton de ma servante . . .'' 

Qu'il me soit permis d'interrompre tout de suite notre poète, 
qui pousse trop loin sa plaisanterie, pour passer à une autre com- 
position, sur le même sujet du même cadet Angoulevent ^ et 
qu'on lit dans ses satires bastardes (1615), pêle-mêle étrange, où 
Ton rencontre parfois aussi de beaux vers. Ici, par exemple, dans 
„l'Amour des chambrières" après avoir loué 

„La beauté qui point ne se farde" 

il conclue avec beaucoup d'inspiration poétique: 

„Estant au village nourrie, 
Elle se laisse apprivoiser, 
Et sans me causer fâcherie, 
Me fait près d'elle reposer. 
Follastrement dedans ma bouche. 
Depuis le soir jusques au matin, 
Je me rends maislre de sa couche. 
De ses flancs et de son tetín. 
Ore dessoubs le verd boccage, 
Ore dans un pré fleurissant, 
Au son du rossignol sauvage, 
La belle me va chérissant." 

Maynard, un contemporain d'Angoulevent (16 13), déclare à son 
tour, qu'il se rend avec plaisir à la campagne, où il pourra jouir 
à son gré des beautés champêtres et salue avec mépris „les pom- 
peuses demoiselles" cachées sous le fard. Mais le cadet d'Angou- 
levent ne s'est pas borné à chanter l'amour des „chambrières". Il 
a abordé aussi le sujet de la vieille femme; une femme que l'âge 
a rendue affreuse, mais avec laquelle il vit en rapports intimes, à 
cause de ses richesses, déclaration qui n'est pas faite pour lui 
captiver notre estime bien qu'il l'expose avec un sans-gêne ad- 
mirable. Enfin s'il se moque en vers de cette maîtresse, toujours 



^ Nicolas Joubert sieur d'Angoulevent. 



70 p. TOLDO, 

est-il qu'il la caresse en prose, ce qu'il avoue dès le début de 

la pièce: 

„Tmage de la mort, vieille sempiternelle, 

Que vous sert-il d'user tant de cruautez. 

Ma foy vous vous trompez de faire la cruelle, 

Car j'aime vos escus et non pas vos beautez** 

et il conclue fort galamment: 

„Un bois vieil et trop sec n'est bon que pour brûler"* 

Le cadet d'Angoulevent, que nous venons de citer, excelle dans la 
description des vieilles et ce qui rend plus piquants ces récits, 
c'est qu'il se met en scène, lui-même, à côté d'elles. Ainsi après 
avoir présenté dans la Poriraicture d*Isabeau une des variétés in- 
finies du sonnet du Berni, après avoir dédié soixante-neuf vers à 
une autre vieille sempiternelle^ des vers, tous commençant par ce 
mot de vieille, qui les inspire, dans Vadveniurt de Polidore^ il nous 
expose comment il se trouva entre les bras d'une megère épou- 
vantable, qu'il avait crue tout d'abord une fille jeune et charmante. 
Ce quiproquo est une source de burlesque, très exploitée à cette 
époque.2 Mais la poriraicture de la vieille commence en France 
bien avant notre cadet, et en laissant de côté la représentation 
de la vieille au moyen-âge,3 celui qui aborde, le premier, d'une 
manière nette ce sujet c'est Villon dans une ballade en viel langage 
oil il chante que „toujours vieil singe est desplaisante". Clément 
Marot dans des vers assez connus, répète ces injures: 

, „Veux-tu vieille ridée entendre 

Pourquoy je ne te puis aimer? 
Amour, l'enfant mol, jeune et tendre, 
Tousjours le vieil sang trouve amer . . ." 



* Tout cela ne lui empêcha point de chanter ["sérieusement ainsi que 
Murtola la belle vieille, sujet développé ensuite par Ménage {Aeg. Menagii 
poemata éd. de Paris, 1658). 

* Za poriraicture d^Isabeau s'inspire évidement aux modèles italiens, 
que nous venons de citer. En voici le début et la conclusion: 

„Jeune beauté qu'en rougeur surpasse. 
Le fond vermeil d'une vineuse tasse, 
Qui as les dents plus belles qu'un rasteau 
Et le nez iaict tout ainsi qu'un marteau . . . 
Hé donc pourquoy ne pourra-t-elle plaire 
A mes doux yeux qui en sont plus espris, 
Que tous les chats des rats et des souris?'* 

Voici encore le début de la vij^ sempiternelle: 

„Vieille ha ha, vieille ho, ho. 
Vieille chouette, vieil hibou. 
Vieille grimasse de marotte 
Vieille gibecière de Juif ..." 

Pas trop d'esprit, ou le voit bien, dans ce débordement d'injures. 

* cfr. G.Paris: La litt, franc, au moyen âge, Paris 1888, p. 168 et 
Gorra dans sa préface à la réimpression du Fiore (Voyez Mazzatinti, Mss. 
ital, delle bibl, di Francia, Vol, III). 



POéSIB BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 79 

Après Marot, c'est Ronsard qui s'en prend aux vieilles au moins 
si c'est bien dû à sa plume la satire sur la belle Catín 

„Chancreuse et noire les dents" 

qu'on lit dans le cabinet satyrique (éd. 1859 — 1860), et après Ron- 
sard, ou peut-être dans le même temps, Joachim du Bellay, qui 
dédia à ce sujet des vers dont l'ispiration italienne paraît évi- 
dente. Je n'ai qu'à citer le sonnet qui commence: 

,,0 beaux cheveux d'argent mignonnement retors! 

O front crespe et serein: et vous face dorée! 

O beaux yeux de coral! ô grand bouche honorée 

Qui d'un large replis retrousses tes deux bords", 

pour que le type du Bemi se présente à nos yeux. Il y avait 
évidemment en Du Bellay, aussi bien que chez son prédécesseur 
italien, une réaction plus ou moins vive à la lyrique amoureuse 
de son époque, car, dans une autre composition, il s'en prend 
aux Petrarquistes, oubliant, pour le moment que c'était là, où son 
maître Ronsard avait fait cueillette de lauriers. Il s'y plaint de 
ce qu'en France l'amour, dans sa représentation littéraire, a pris 
„Thusque nature" et que les poètes ne savent chanter autre chose 
que le fin or, les perles „le crystal, le marbre, Tyvoire, les fleurs, 
lis, oeillets et roses" de celles qu'ils supposent d'aimer, peinture, à 
ce qu'il ajoute à faire „rougir la carte blanche". Pour moi déclare- 
t-il j'aime un amour plus positif et je me moque de tous ces 
vains soupirs.^ 

Je rappelle encore que dans le sonnet cité. Du Bellay n'oublie 
pas les belles dents d'ébène, les ongles dorées et les membres de 
glace; et que Melin de Saint Gelais se plut à son tour à la 
peinture des: 

„cheveux d'argent refrangés et retorts, 
Espars autour d'un visage doré." 

Saint Gelais ajoute l'énumération des appas de celle qu'il aime, 
savoir : 

„Le front refronci qui m*as decoloré 

Te voyant butte et d'Amour et de Mort" 

les dents toujours d'ébène, l'oeil qui fuit „à grand tort" le nez 
de porphire et d'autres merveilles de ce genre. Cette imitation 
directe devait continuer assez longtemps et Desmarets dans ses 
Visionnaires (A. I S. IV) chantera, à une époque plus rapprochée 
de nous, le coral des yeux, l'azur de la bouche, l'or du teint, 



^ Un autre écrivain du XVIc siècle, Nicolas Le Digne composa un 
„Discours salyríque de ceux, qui écrivent d'amour" où il se moque ainsi que 
son confrère de ceux, qui chantent des maîtresses imaginaires: 

„(Ils) ont fort peu, ce me semble, ou n'ont jamais aimé, 

Mais se fantasians une dame en idée 

Sur un sujet en l'air leur amour est guidée, 

Qui n'estant rien de soy qu'imagination 

Ne peut monstrer le vray de leur affection." 



8o p. TOLDO, 

Targent des cheveux et Tébène des dents de la jeune beauté qti'un 
de ses personnages adore. Mais entre Du Bellay et Desmarets il 
y a une foule d'autres compositions inspirées à la même pensée 
et dont nous allons bientôt faire la connaissance. 

D'après Martial (X livre, épîgr. 75*), Du Bellay se moque aussi 
d'une „vieille affectée" dont il n*a pas toutefois Pair de repousser 
Tamour. Ailleurs il fait conter à une vieille courtisane les aven- 
tures de sa vie, les arts de sa toilette, ses charmes passés et ses 
repentirs inutiles. Un jour, du temps de Pâques elle éprouve toute 
rhorreur de sa condition, se jette au pied d'un autel, prie le bon 
Dieu de lui pardonner tout son passé, vend ses biens, les donne 
à l'église et se fait religieuse, mais, peu de temps après, l'amour 
de sa vie libre renaît dans son âme, et ayant quitté le convent 
roule de vice en vice, de corruption en corruption. Pour surcroît 
de malheur elle s'éprend d'un amour passionné pour un jeune 
homme, et Du Bellay lui met dans la bouche les expressions les 
plus tendres les plus vives de ce sentiment, qui la soulève à 
une idéalité, dont sa vie de débauches paraissait avoir dû tarir la 
source pour toujours. On voit la malheureuse rôdant autour de 
la maison de celui qu'elle aime, en proie à la jalousie, qui l'aveugle; 
on voit cette main qu'elle voudrait saisir, pour se sauver de l'abîme, 
la repousser durement et cette âme qui n'a éprouvé qu'un seul 
amour, dans un corps souillé par mille hontes, se replie sur elle- 
même et la vie hideuse recommence, pour aboutir à la honte extrême. 
La voilà fouettée par le bourreau, dans les rues de Rome, la voilà 
en proie à cette maladie affreuse, dont Vénus punit ses adorateurs 
et la jeunesse qui s'en va, fait le désert autour d'elle. Cette cour- 
tisane, dont nous parle le poète français avec son esprit supérieur, 
est bien celle, qui paraît dans la vie et dans la littérature de la 
Péninsule. Je ne rappelle pas même en passant, les courtisanes 
célèbres de l'Italie, poètes elles-mêmes et dont des écrivains 
illustres ont chanté les chai mes; je remarque seulement que Du 
Bellay représente son héroïne à cheval, splendidement ornée, la 
fait chanter, jouer de divers instruments et lui fait dire 

„Et ne se fust nul autre peu vanter 

De sçavoir mieulx le Pétrarque chanter." 

La vieille courtisane de Du Bellay, se détachant des compositions 
plates des poètes de son temps, et où la dégradation de la femme 
n'offre aucun élément de burlesque, nous a quelque peu éloignés, 
de notre sujet, mais il fallait en faire la connaissance pour faire 
saisir la différence des genres chez le même poète et sur le même 
thème. Jacques Tahureau avec sa vieille tnaquerelle^ contre laquelle 
il lance les injures les plus vulgaires et Jean de la Jessée avec 
plusieurs compositions dans ce goût, vont nous remettre en route. 
Ce dernier dans La bigoiie nous peint une „infame maquerelle" qui 
lui a enlevé celle qu'il aime: 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 8l 

„On peut voir son liydeus visage 
Plus défiait qu'une vieille image, 
Noires ses dentz, puant son nez . . ,** 

et je fais grâce aux lecteurs de ce qui s'ensuit Le vérisme le 
plus outré de nos jours, se trouve souvent dépassé par ces poètes. 
Antoine de Baïf chante par exemple une „vieille carcasse saupou- 
drée" et une autre „que le vieil âge a minée et pourrie" et dont 
il repousse les tendres sentiments. Dans ses „nouveaux satires et 
exercices gaillards", Angot l'Épéronnière s'en prend à son tour à 
une certaine Jacqueline qu'il appelle Timage de la mort et qu'il 
gratifie d'une foule de titres savoir „vieil gouffre infame, usurière 
execrable" etc. Il y a, dans cette composition, un certain mouve- 
ment lyrique, lorsque le poète nous peint cette malheureuse, qui, 
avant de mourir, adresse ses adieux aux biens qu'elle doit quitter 
pour toujours: 

„Chères vaches à lait que j'ay si hîen nourries! 
Vous moutons bien-aimés! mes brebis plus chéries! 
Petits cochons niquets, qui grondiez après moy, 
Lors qu'à votre besoin je vous portois de quoy, 
Poulies, poullets, poussins, vous mes autres volailles 
Que ma main nourrissoit et de grains et de pailles . . . 
Terrines, pots à beurre, et vous pots pleins de miel, 
Lard, sidre, blé, lanfaiz, vous mes chères cotelles . . . 
Adieu meubles, adieu, dont le soud me blesse. 
Puis qu'en laissant le monde, il faut que je vous laisse." 

Les vieilles hideuses, repoussantes, à l'haleine infecte, pullulent 
dans les œuvres de ce poète aussi bien que dans celles de Claude 
de Pontoux, son prédécesseur (Lyon, 1579) et de Pierre Le Loyer 
maître, dans ce genre (Paris, 1579). 

Qaude de Pontoux avait décrit le malheur qui lui était arrivé, 
se laissant surprendre par une vieille femme, dont il n'avait pas 
connu l'âge fort respectable, à cause du fard, qui la rendait „plus 
vermeille qu'une rose".^ Pierre Le Loyer, l'auteur de la Nephélo^ 
cocugie, où il s'inspira à Aristophane, nous peint, avec beaucoup 
de verve, une dame de son époque fort peu jolie et encore moins 
respectable, dans un sonnet qui commence: 

„D'une audace superbe aller guydant ses pas, 
Monstrant dessus le front sa perruque retorte*' 

et où il l'accuse de s'abandonner à toute sorte de voluptés. 11 
célébra aussi, en deux odes distinctes et contraires, V amour des 
vieilles. Dans la première, il déclare qu'il n'y a rien de plus hon- 
teux et de plus repoussant, que de s'abandonner entre les bras 
d'une vieille femme; dans la seconde il exalte ce qu'il vient de 
blâmer, toujours avec la même convinctîon et c'est le cas de voir 



^ Ce sujet lui fit répandre des torrents de larmes et d'injures en français 
et même en italien, dans un sonnet d'ailleurs fort faible. 

Zdtschr. £ rom. PhiL XXV. 6 



è 2 P. TOLDO, 

après un flot de mots grossers contre les cheveux que Tage a 
blanchis, ce que ce poète, d'un mérite assez distingué, sait dire 
en leur honneur. Le Loyer commence par apaiser la colère des 
„bonnes vieilles", que sa muse vient d'offenser et ensuite il s'aide 
de souvenirs mythologiques. De là il passe à la description de 
ce qui constitue le charme de cet âge: 

,,La vieille à la pomme ressemble 

Qui est douce et salubre ensemble 

Quand plus est ridée sa peau, 

Estant pour un metz delectable, 

Plutost mise dessus la table 

Que ne seroyt un iruict nouveau." 

Personne ne saurait mieux que notre bonne vieille s'entendre aux 
plaisirs de Vénus, dont elle a fait si souvent les épreuves: 

,,Qui avec elle se marie 
N'est point espris de jalouzie, 
Et le nom de Cocu ne craint." 

£lle a soin du menage, aime celui qui la rend heureuse, épargne 
son argent, se contente en tout et partout de bien peu de chose; 
enfin c'est un trésor qu'on a tous les torts de mépriser. ^ C'est là 
le sujet du Ferrari, mais développé d'une manière fort différente. 

Qu'il me soit permis, puisque mon sujet paraît l'exiger, de 
donner un coup d'oeil aussi à Vé/oge de la laideur, tel que nous 
le retrouvons, dans la littérature burlesque en prose. „La laideur 
et déformité du visage" inspire une des fantaisies de Bruscambille 
(Paris, 1612) et c'est toujours la même méthode, c'est-à-dire l'ex- 
position des maux que la beauté a causés, pour en tirer une con- 
clusion favorable à ce qui lui est opposé. 

„C'est grand pitié que d'estre beau et parfaict de tous ses 
membres; car on dément ces anciens proverbes, qui contiennent 
vérité par ces mots: Non omnia possum us omnes. Et encores: 
NuUus ubique potest felici ludere dextra, aut nihil est ex omni 
parte beatum. II n'y a rien de parfait de tout poinct. Tel aura 
le visage beau faict, qui aura le corps mal faict, les jambes droictes, 
et les cuisses esbauchees . . . bien heureux sont ceux qui sont 
imperfectignnez en toutes les parties de leurs corps. Car il n'y 
a rien que la beauté qui nous soit dommageable, et qui engendre 
plus de dissentions, querelles, meurtres et violances. La laideur 
est ferme rempart de chasteté; la laideur conserve les femmes en 
leurs pudicitez et les filles en leurs virginitez", et ici l'auteur appelle 
à son secours tous les souvenirs des légendes anciennes, Hélène 



^ Toujours, dans le même goût, après avoir combattu dans une ode 
plusieurs sortes d'amour, dans Vode au contraire. Le Loyer loue ce qu'il 
vient de blâmer, savoir Tamour de la „paillarde**, de „la pucelle**, des filles 
„de bas âge", des servantes, et surtout des veuves. C'est à ce dernier sujet 
que Pierre Le Brach venait de s'inspirer, vers la même époque (Bordeaux, 
1576), dans son amour des ve f ves. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. $3 

et Paris, qui causent la ruine de Troie et il exalte la laideur de 
Socrate, accompagnée par la vertu. 

Il y a évidemment dans cette apologie des souvenirs directs des 
Paradoxes du Lando, dont nous ferons sous peu la connaissance. 
Il en est de même du „blâme de la beauté*' d'un contemporain 
de Bruscambille, Bertrand Harduin de Saint Jacques, mieux connu 
sous le nom comique de Guillot Gorgeu, débitant lui aussi des 
prologues facétieux sur le théâtre, pour amuser le public et lui 
faire prendre en patience le retard de la représentation. ^ Parmi 
ces prologues, on trouve „son blâme de la beauté", où Gorgeu 
ajoute de nouvelles raisons à celles de son camarade; il fait, par 
exemple, Téloge de la bosse, parce que c'est là la forme de la 
terre, il trouve que la laideur indique le mérite parce que les 
animaux les moins beaux sont aussi les plus utiles et d'après 
Ferrari il déclare que la laideur en vieillissant augmente son prix, 
tandis que le temps détruit toute beauté.^ D'ailleurs est-ce parmi 
les belles qu'on pourra retrouver la vertu? Ne sied -elle pas 
„parmy les halliers, parmy les buissons"? 

Revenons maintenaint sur nos pas, car Régnier est là en 
pleine Renaissance, étalant sa galerie de femmes affreuses, où 
quelques types nouveaux vont se présenter à nos regards. D'après 
Ovide,^ il avait déclaré, dans sa septième satire, qu'il ne repoussait 
l'amour d'aucune femme, tout en gardant une antipathie extrême, 
de même que ses devanciers, pour les rides de la vieillesse. Il 
en a donc aux vieilles, mais là où il excelle le plus c'est dans la 
représentation des maquerelles hypocrites. Tout le monde connaît 
sa Macette, qui n'ayant eu, dans sa jeunesse 

„Aatre ciel pour objet, que le ciel de son liet" 

s'est, dans son âge avancé, tournée à la dévotion: 

„Son oeil tout pénitent ne pleure qu'eau heñiste." 



^ cir. Recueil des pièces du temps ou divertissement curieux etc., La 
Haye 1685. 

' Un anonyme en 1731 (éd. de Paris) dédia à une certaine demoiselle 
Honesta, V Eloge de la méchante femme, composition conçue toujours dans 
le même goût. „On entend, dit-il, ordinairement par méchante femme, ime 
femme emportée et d'un aspect acariâtre, un dragon de vertu, une honnête 
diablesse qui gronde et tempête depuis le matin jusqu'au soir qui bat tous les 
jours ses domestiques et ses enfans, qui querelle à tout moment ses voisins, 
qui tient la bride courte à son mari, qui ne lui passe rien, qui le prêche à 
table, qui le damne au lit, qui même dans l'occasion lui jette un chandelier 
à la tête ..." £h bien! une femme pareille loin d'être un malheur forme la 
bénédiciion de l'homme qui l'a eue en partage et qui doit partant remercier 
la providence de ce cadeau si précieux. C'est elle en effet qui guérit les dé- 
fauts de son mari le rendant humble, et patient par ses réprimandes, libéral 
par ses demandes, chaste le faisant fuir du lit et sobre, lui empêchant de 
manger et de boire. Dans le Cabinet satirique on lit „la louange de la bosse 
en faveur d'une maîstresse"; c'est là un sujet que nous connaissons déjà et 
l'on chante en France, de même qu'en Italie, ces louanges ironiques des dé- 
fauts physiques des femmes. 

' L'élégie du 1 1« livre des Amours» 

6* 



84 p. TOLDO, 

Ses arts la rapprochent de la Célestine espagnole, mais elle garde 
aussi une physionomie bien italienne, celle des héroïnes de TArétin 
et de la comédie de la Péninsule, en laissant de côté ce qu'Ovide 
avait déjà chanté à ce propos.^ Dans sa onzième satire, Régnier 
nous mène dans une maison suspecte, où il rencontre trois mé- 
gères, maquerelles de la pire espèce et réduites dans un tel état 
de maigreur que Michel-Ange, lui-même, selon la déclaration de 
Fauteur, ne saurait composer un corps entier en réunissant tous 
leurs membres. L'une de ces vieilles rappelle de près le portrait 

du Bemi: 

,,(£lle) ressembloit transparente une lanterne vive" 

et la description du cabinet de toilette est en rapport direct avec 
le caractère de ces sorcières. On attribue à Régnier une autre 
poésie, adressée encore à Macette et ici Macette étale sous les 
yeux du lecteur ses cheveux ressemblant „à des mèches d'arque- 
buse" et sa voix aussi douce que „les cordes d'un rebec". Ailleurs, 
en s'adressant à une autre pécheresse, dont l'âge a détruit tous 
les charmes, Régnier ajoute: 

,,De moy tu n'auras paix ny tresve 

Que je ne t'aye veue en Gresve . . ." 

La vieille est pour lui de la souche de Tartufe et apparentée au 
roi des ténèbres. 

La description minutieuse du corps de la vieille forme une 
des inspirations les plus communes de notre poète et de ses 
camarades. Les contemporains de Régnier rafíblent de ce genre. 
Voici tout d'abord Sigognes, dans Le cabinet satirique avec ses 
pièces, portant pour titre: la vieille ridée, la vieille décrépitée, la por- 
traicture d^une vieille etc., et c'est toujours le même type, décharné 
et momifìé: 

„Elle a beaucoup de l'air d'une antique Marotte, 

Son teint est délicat, comme im vieil brodequin, 
Son corps est embonpoint autant qu'un mannequin, 
Et chemine aussi gay, comme un lièvre qui trotte . . • 
Bref, c'est un marmouset habillé d'un rabat, 
Un balay escourté d'une vieille sorcière 
Car qui la monteroit iroit droict au sabat." 

En parlant d'une „respirante momie" et de son „cuir transparent", 

Sigognes se propose d'en faire „l'anatomie", et il commence par 

sa prunelle „louche et liserne", sans épaigner aucun détail de 

ses horreurs. On reste étonné d'ailleurs lorsqu'on apprend qu'il 

a pu, de même que la cadet Angoulevent, devenir la dupe de 

cette mégère et céder à des appas si fanés. C'est que les jeunes 

femmes demandent et que les vieilles donnent. 

Ailleurs, Sigognes écrit contre une dame sale, contre une dame 

maigre 

„Esquelette de peaux et d'os" 

^ livre XTTT des Amours. 



POéSIB BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 85 

et se plaît à la description d'une certaine Perretie maquerelle, véri- 
table sorcière, qu'il suit dans les cimetières et dans les caveaux. 
La scène cesse d'être burlesque pour dévenir tout-à-fait lugubre: 

„Souvent pour exercer Part de ton sorcelage, 

Tu vas changée en louve au carrefour d'un village. 

Cruelle dévorant les petits et les grands. 

Du tout inexorable aux pleurs et à la plainte, 

Puis la panse remplie et ta mâchoire teinte 

Tu dcspouilles ton charme et ta forme reprens. 

Ou bien des trespassez ouvrant les sépultures, 

Tu te formes un corps de leiu-s vaines figures . . ." 

Voici, toujours dans le Cabinet sait'rique, le sieur Maynard avec ses 
pièces contre une vieille ridée et contre une vieille courtisane (voyez 
édition de ses œuvres, 1613) 

„Ton lict, Margot, a perdu ses chalans; 
Et tu n'es plus qu'un misérable reste 
Du premier siècle et des premiers galans" 

voici encore une pièce anonjrme contre une vieille décrépitée^ où il y 
a, de même que dans celle du cadet Angoul event, soixante -sept 
vers, commençant par le mot vieille, voici la description de Macette 
„plus claire qu'une lanterne", les malheurs de Perrette devenue: 

„^iaigre, laide, pauvre et nue 
N'ayant ny cheveu, ny dent" 

voici enfin le hordeau de Louisen qui: 

„A plus exercé de mestiers 
Que l'Arétin n'a de postures. 
Que l'Espagne n'a de doublons, 
Que l'AíTríque n'a de sablons. 
Et que le diable d'impostures." 

Tous ces collaborateurs du Cabinet^ Motin, Sigognes, Maynard, 
Berthelot etc. (éd. 1859 — 1860), dédient à l'envi leurs vers à ce 
sujet et leur exemple est suivi par le sieur d'Esternod, qui, dans 
son Espadon satyriqtu^ nous présente plusieurs variétés de la même 
inspiration. Je rappelle, en passant, Le paranymphe de la vieille 
qui fait un bon office et dont les arts magiques ont une telle 



puissance, que: 



„Si dessus un troupeau de chèvres 
Quelques mots sortent de ses lèvres, 
En humeur sont tous les bouquins." 



Il s'en prend aussi à une vieille fille du Languedoc, avec laquelle le 
poète déclare avoir fait pénitence de tous ses péchés et dont il 
nous décrit la laideur, et les compositions de ce genre s'ensuivent 
dans son œuvre, V ambition d^une fille exempte de tout mérite, la belle 
Magdelaine, Vhipocrisie d^ une femme qui feignoit d^estre devote et fut 
trouvée p ,, .,, Vode satirique d'un amoureux à sa maistresse, le di- 



86 p. TOLDO, 

vorce du mariage etc. Dans cette dernière pièce on entend un 
dialogue fort peu aimable entre un mari et sa femme, et le mari 
en la quittant, cite deux vers italiens que je n'ose reproduire. Le 
caractère de ce débat peut se comprendre par les vers suivants: 

(la femme) (le mari) 

„Mais vous avez de ma jeunesse Ronger les os ja ne m'advienne, 

Mangé la chair, si qu'en détresse Madame, si vous estes chienne, 

Ronger les os il vous convient." Ne croyez pas que je sois chien."* 

Desportes, lui aussi {Cabinet satirique)^ s'adresse plus tard à une 
vieille pour lui rappeler son beau temps passé et la misère, qui 
l'attend : 

„Qu'est devenu ce premier âge, 
Où sont les fleurs de ton visage?" 

Hors de ces portraidures, mais toujours dans un but burlesque, ces 
gais confrères du Cabinet nous font assister à des scènes erotiques 
et aux combats entre des courtisanes plus ou moins fanées. Tels 
sont „le combat d'Ursine et de Perrette aux Augustins" composé 
par Sigognes, „La réponse de Motin", „Le combat de deux courti- 
sanes" dû à la plume d'un anonyme et il va sans dire que ces 
luttes commencent par des îlots d'injures et finissent, le plus sou- 
vent, à coups de poing. 

Avec De La Croix (Paris, 1629), nous sommes déjà en plein 
XVII® siècle, mais l'inspiration demeure toujours la même. Nous 
avons affaire à un disciple très fidèle de Régnier, qui nous offre 
une portraicture d'une vieille femme, copie assez plate de ses de- 
vanciers.^ Cette vieille est vierge de corps, ayant été répoussée 
de tout le monde, mais son âme est un abîme de corruption. 
Ses dehors sont ceux de Macette, sa maison celle des trois mégères 
de Régnier.3 Les articles de sa toilette nous sont aussi bien 
connus. Il y a là: 

„De toutes sortes d'eaus, pour empescher les rides 
Pour nettoier la face et teindre les cheveus, 
Pour donner quelquefois un breuvage amoureus. 
Pour endurcir le sein, et Tempecher de crobtre. 
Pour composer un fard, qui ne puisse paroistre. 
Pour faire choir le poil, pour le faire tenir", 

et la description continue longtemps et l'on comprend, d'après ce 
que nous venons de voir, que ce n'est pas pour elle que la vieille 

^ Tout cela rappelle les débats nombreux et très anciens sur le mariage. 
' Je rappelle „le teint d'une noire teinture" ^„ancienne Idole", la des- 
cription de son front, de son nez, de ses yeux, de sa bouche etc. toujours 
dans le goût du Bemi. 

3 Dans cette chambre, on voit: 

„un lict sans couverture. 
Sans rideaux et sans draps, confit en pourriture" 
et 

„Un escabeau tout seul près de la cheminée 
(qui) Achevoit à trois pieds sa dure destinée." 



POésiB BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 87 

sorcière travaille à sa chimie. Ce sont là les mistères de la toi- 
lette des jeunes femmes, qui ont le malheur de lui prêter oreille. 
Une troisième description est celle de la bibliothèque de la 
m^ère. On y voit les œuvres de Saint François à côté de 
TÂmadis : 

„Un livre d'oraisoDs pour le soir et le matin, 
Avoit choisi sa place avecque l'Aretin. 
Le triste de Bändel, et le second d'Astrée, 
Retenoient entre eus deas la Legende dorée. 
Le Marchand converty, Rabelais, Tabarin, 
Un recueil de sermons de Garasse et Guerin, 
Les fìdeles amours de la bergere Aminte, 
Les devoirs du chrestien en la sepmaine saincte, 
L'Arioste, Marot, le Romant des Romans . • »** 

C'est toujours, on le voit, la souche de Tartufe. 

Dans les mes/anges Juroïques et burlesques du chevalier de l'Her- 
mite, on lit, ì la même époque, d'autres stances sur la vieille laide: 

„Vieille carcasse décharnée 

Qui n'as rien d'humain que la voix ... 

Ton corps a plus vescn que le ciel ne vivra; 

Et lors que Noé s'enyvra. 

C'est ta main qui versoit à boire." 

Cest là le commencement, mais on ne saurait suivre Pâuteur dans 
Tanatomie qu'il fait des horreurs de ce pauvre corps. 

Il faut faire une place à part à Brébeuf, qui nous laissa cent 
cinquante épigrammes contre une femme fardée, où il y a des 
souvenirs de Catulle et de Martial, mais où il y a aussi une cer- 
taine originalité, au moins dans retendue qu'il donne à son sujet. 
La belle qu'il chante emprunte ses appas de tous les pays de 

l'Europe: 

„Rome a fait les gands qu'elle porte . . . 

Londres son habit de campagne. 

Le Gange a vu naître ses dents 

Et son teint brillant vient de l'Espagne." 

Un jour Alizon en sortant à la hâte, oublie sur la toilette „ses 
gands, ses dents et son visage"; une certaine Lis a vingt ans le 
jour et cinquante la nuit; le fard se charge de tout transformer et 
de tromper les amants, mais le poète se charge à son tour d'ar- 
racher ce masque et d'en représenter la laideur repoussante. Et 
le défilé des vieilles continue. 

Dans le Parnasse des poètes satyriques par Théophile (1625), 
on lit le testament d'une courtisane et une foule de pièces diri- 
gées contre des vieilles ou des courtisanes avides. Théophile 
se détache de ses prédécesseurs en ce qu'il chante une vieille 
grasse et trapue, mais le tableau n'est pas plus joli que celui de 
la maigreur la plus désespérante. Et Théophile, sans oublier pas 



88 p. TOLDO, 

pourtant les dents d'ébène, se plaît à décrire les couches de la 
graisse, retombant les unes sur les autres: 

„Le menton qui pend sous un autre 
Dessus le sein flac vous descend, 
Ce sein sur le ventre vous pend. 
Et dessus les genoux le ventre." 

Théophile ne fit pas école. Maître Adam, le menuisier de Nevers, 
dans son Villehrequin et dans ses Chevilles^ revient à la représen- 
tation d'un „fantosme d'ossemens" et le sieur Auvray nous offre 
ensuite une autre carcasse d*os, qui a toutefois assez d'attraits, 
pour qu'il n'en dédaigne pas Tamour. C'est que le sieur Auvray 
appartient lui aussi au groupe de ces poètes, qui sont la dupe du 
fard de ces femmes rusées, si ce n'est l'intérêt qui lui fait prendre 
son cœur à deux mains. Ses idées deviennent, entre le bras de 
cette belle, on ne pourrait plus lugubres: 

„Dès la premiere nuîct de nos embrassements 
J'imaginay sa chambre estre un grand cimetière. 
Son corps maigre sembloit un monceau d'ossements 
Son linceul un suaire et sa couche une bière!*' 

Les paroles qu'il adresse à cette amoureuse séculaire, dans la nuit 
qu'ils passent ensemble, sont toutes, dans le même goût II assure 
que sa mère dut la mettre au monde en disant son chapelet, car 
son corps „n'est que de patemostres" et il déclare reconnaître sa 
beauté „au cliquetis des os", sur lesquels un barbier pourrait 
étudier „l'anatomie". 

Il paraît que le poète était persécuté par les vieilles. Il s'en 
prend à une autre, qui médit de lui, auprès de celle qu'il aime 
et il en décrit une troisième, qui a le malheur de s'éprendre de 
lui, et dont il ne manque pas de faire la portraicture\ 

„Un oeil de chahuan, des cheveux serpentins, 

Une trongne rustique à prendre des coppies, 

Un nez qui au mois d'aoust distille les roupies, 

Un riz sardonien à charmer les lutins. 

Une bouche en triangle ou comme à ces mastins 

Hors œuvre où (l'on) voit pousser de longues dents pourries, 

Une lèvre chancreuse à baiser les Furies, 

Un front piastre de fard, un boisseau de tetins, 

Sont tes rares beautés execrable Thessale . . .<' 

Ailleurs il écrit des jambes contre une médisante 
„Rouge menade à la vineuse trongue*' 

et contre une foule de courtisanes et de maquerelles, ce qui ne 
donne pas une idée favorable des mœurs de notre poète et du 
milieu où il vivait 

Mais j'ai hâte d'en finir avec cette peinture si écœurante de 
la femme. Je laisse de côté partant d'autres descriptions pareilles 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 89 

et j'arrive à la vieille dame campagnarde^ de celui qu'on appelle le 
prince des poètes burlesques de la France. Ici toutefois le genre 
parait déjà trop épuisé, pour que Scarron puisse y trouver des 
inspirations nouvelles. Nous sommes toujours à la présence d'un 
membre de cette nombreuse famille, ridée, grise, maigre et puante 
et il en est de même d'une autre vieille, que le poète nous pré- 
sente dans un de ses sonnets, aux „dents noires comme de Tébène", 
appelée pour la rime Hélène, mais qu'on pourrait appeler Macette 
ou Perette, et sur qui on peut étudier cette „anatomie" mise à la 
mode par le Berni. Ce mépris pour celles, qui s'approchent du 
couchant de la vie est bien peu noble et généreux, il faut en 
convenir et il faut reconnaître en même temps que Tart, s*amusant 
à la représentation de la grimace et de la laideur, porte en lui- 
même les germes de sa décadence. Cette sorte de muse burlesque, 
peu d*années après sa naissance, était aussi hideuse et décrépite, 
que les vieilles qu'elle peignait et le tableau des vices de l'époque, 
des courtisanes et des maquerelles, était lui aussi vicieux et cor- 
rupteur, ne laissant presque jamais paraître, sous la plaisanterie, 
et sous les apostrophes, la noble indignation qui naît au cœur de 
l'homme vertueux. Tous ces écrivains nous promènent dans les 
hourdeaux et dans les compagnies les plus honteuses et lorsqu'on 
n'a pas devant soi les rides de la vieillesse, on est sûr de voir 
toujours celles bien plus repoussantes de la débauche. 

A cette description des femmes se rattachent d'autres com- 
positions contre l'amour, les plaisanteries sur les mésaventures 
conjugales, et les éloges du maquerellage. Voici, par exemple, 
Amadis Jamyn, chantant V Inconstance, Comme s'écrie-t-il toutes 
les choses naturelles varient, les saisons, les plantes et tout ce qui 
a été créé, il n'y rien d'étonnant si nos goûts varient de même: 

„Hé! comment nostre amour seroit elle immortelle 
Quand mesrae en Jupiter amitié n'est pas telle, 
Qui ne monstre en ses faits rien que mutation?" 

Et le poète conclut en invoquant ces lois de nature, qui servent 

si à propos à la plaisanterie de nos poètes: 

„Qui ne veut point faillir doibt suivre la nature. 
On ne paist toujours d'une mesme pasture: 
Rien ne donne plaisir tant que la nouveauté.*' 

Mais le fort de notre poète c'est plutôt le contre. Aussi écrit-il contre 
la Rigueur et contre V Amour, dont les titres rappellent d'autres 
compositions italiennes sur les mêmes sujets que nous verrons bien- 
tôt, mais tout se borne au titre et à quelques rencontres dues pro- 
bablement à l'identicité du thème. Sa pièce contre la Rigueur n'est 
que l'éloge du contraire c'est-à-dire l'apologie de la douceur, récom- 
mandée surtout aux dames; celle contre V Amour n'est à tout prendre 
qu'une élégie, où le poète, après avoir fait l'éloge de l'inconstance, 
se plaint de celle de sa belle. Selon lui l'amour est la cause de 
tous les malheurs de l'humanité: la raison, à son approche, est 



90 p. TOLDO, 

forcée de déménager et personne ne saurait se fier à ce Prothée 
changeant. De lui naissent la jalousie, la haine, et il résume 
toutes les misères de la vie: 

„Ensemble fuir et pursuivre, 
Ensemble en un mourir et vivre, 
Ensemble espoir et desespoir, 
Ensemble crainte et assurance. 
Ensemble joye et doleance, 
Ensemble tenir et n'avoir . . ." 

Véloge des Cornes (c'est là le titre choisi par nos poètes) se 
prête davantage à la plaisanterie et se trouve répété par maint 
poète. Le Lando avait déjà célébré la femme infidèle lorsque 
Remy Belleau entreprit de passer en revue tous les exemples 
mythologiques, pour démontrer que les Sganarelles de son temps 
ont beaucoup de tort lorsqu'ils se plaignent de cet ornement de 
leur front. Jupiter ne s'est-il pas transformé en taureau? 

„Et la Deesse qui respand 
Et verse aux hommes la richesse 
D'une tant prodigue largesse, 
Tient-elle pas entre ses dois 
La riche corne d'Achelois?" 

Et dans cette galerie très riche de maris malheureux nous voyons 
passer aussi sous nos yeux, le capricorne et le taureau célestes, 
les faunes et les satyres au front armé de bois, le bouc honneur 
de la tragédie, les cornes des armées: 

„L'Itale en desrobe son nom, 
La mer Aegee son surnom, 
Et son nom la pecune sainte 
Des animaux qui ont emprainte 
La corne sur leur iront chenu . . . 
Les bouts sont encornez des arcs 
Les bouts sont encornez des dars, 
La lanterne en est encornée, 
Le paternostre en est tournee . . .** 

On voit que tout l'esprit du poète consiste dans une enumeration 
minutieuse et ennuyeuse. 

Jean Passerat, à peu près vers à la même époque, avait chanté 
la Corne d'abondance, où il s'agit toujours du même sujet développé 
toutefois avec plus d'érudition mythologique et se prêtant bien 
entendu à Téquivoque. Outre les exemples que nous venons de 
voir, Tauteur nous présente Bacchus changé en bouc, le dieu Apis 
des Egyptiens, la corne d'isis et de Diane et Neptune se transfor- 
mant en animal cornu pour ravir Proserpine. Ulysse, si Ton veut 
ajouter fois à Passerat, assiégeait Troie, pour venger le dés- 
honneur d'un de ses ^mis; 



POéSIB BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. QI 

„Pendant que des muguetz la courtizane trope 
Entretenoit sans lay sa bonne Penelope." 

Quant au mari d'Hélène, il devait être bien aise de son état si 

„desireus de ses cornes monstrer 
Feit dedans mille nefs toute la Grece entrer.'* 

Et il continue cette sorte de travestissement de l'histoire ancienne, 
que la lecture d'une foule de badinages italiens de ce genre, 
pouvait lui suggérer, mais où toutefois il n'y a rien qni soit imité 
à la lettre et où Ton trouve en revanche, indépendamment de la 
frivolité du sujet, beaucoup de verve et d'esprit. Pour toute con- 
clusion, Passerat nous assure que: 

„Par cornes on acquiert et credit et richesses, 
Accolades, bons jours et tres humbles caresses*', 

et c'est là souvent la meilleure des méthodes pour parvenir à la 
fortune. 

Comme il a présenté cette sorte de capitolo sous la forme 
d'une vision, il conclue plaisamment: 

„L'Aurore se levoit, lors que je suis venu 
A la trop courte fìn de mon songe cornu, 
Par la porte de corne: et qui ne le veut croire 
Il prent l'autre chemin de la porte d'ivoire." 

Dans les Muses françoises ralliées (Paris, 1599, par Despinelle), un 
anonyme revient sur ce même sujet, en employant à peu près les 
mêmes argumentations de ses prédécesseurs. Dans cette „con- 
solation pour les cocus", il n'oublie pas les rayons lumineux du 
front de Moïse et il donne un caractère nouveau et gai à sa 
pièce en feignant d'adresser ses vers à un de ses amis: 

„Vous souvient-il pas, mon Compere 
Lors qu'estiez en si grand' colere?" 

vous aviez tort, ajoute-t-il, de vous plaindre des équipées de votre 
femme et quand même tout le monde se moquerait de vous, la 
corne de l'abondance saurait vous dédommager des autres: 

„Bref, Compere, si les escus . . . 
Nous avions de tous les cocus, 
Au Turc pourrions faire la guerre." 

Vers la même époque, Passerat revient à la charge (Muses Gail- 
lardes, Paris, 2"® éd., 1609) et son exemple est suivi par d'autres 
poètes, en plein XVII® siècle. Dans un autre recueil, le Cabinet 
satyrique (éd. de Paris, 1859 — 1860), Mo tin aborde un sujet non 
moins vulgaire. Son „hymne au maquerellage" est un vrai fatras 
mythologique et ennuyeux. 

Jupiter aurait été, au dire de Motin, l'inventeur de ce „sage 
mestier" et Junon donna elle aussi des preuves de son penchant, 
pour ce genre d'affaires. Et les exemples mythologiques ne se 
bornent pas là. Ils sont suivis par ceux des médecins, qui 



g 2 p. TOLDO, 

ont ennobli ce métier, devant employer „en leurs receptes" tout 

ce qu'il faut: 

„Pour eschauffer, pour concevoir, 

Pour estressir, pour faire avoir 

Le teint plus beau, les dens plus nettes . . ." 

Les avocats, les prêtres, les magistrats, les musiciens, enfin tout le 
monde, y joue un rôle plus au moins important: 

„Parfumeurs, pcrruqueurs, orfèvres, 

Faiseurs de miroirs, emailleurs, 

Gantiers, barbiers, brodeurs, tailleurs, 

Tous artisans qui par leurs œuvres 

Servent aux délices humaines, 

A l'Amour consacrent leurs peines." 

Le ciel lui-même, couvrant à la nuit de son ombre et de son 
mystère les couples amoureux, paraît aussi se plaire à ce rôle, 
mais ceux qui l'emportent sur tous, ce sont les courtisans: 

„Qui sans foy, sans ames et sans honte. 
Du m acquerei! age font gloire 
Comme les Allemans de boire." 

Dans cette conclusion on pourrait retrouver une intention de sa- 
tire, mais que l'on ne prenne pas trop au sérieux cette apostrophe 
plus ou moins violente aux courtisans „sans âme et sans honte". 
Les poètes de Tépoque, vivant à la cour, tiraient bien souvent de 
ce genre de services plus de gain que de leurs vers et dans cette 
longue enumeration, Motin a eu tort de les oublier. 

Un de ses amis, par exemple, le sieur de Sigognes, accusé 
de servir aux amours de son maître n'essaye pas même sa défense, 
et il se borne à accuser ses accusateurs des vices les plus honteux: 

„Pourceau le plus cher d'Epicure, 
Qui contre les loix de nature 
Tournez vos pages à l'envers . . . 
Vous dites que j'ai fait la poule. 
Et des dames fendu la foule. 
De mon maistre le messager . . . 
Si s*ay /atei d'amour le message, 
Je n'ai point violé l'usage 
Ny la coustume de la cour . . ." ^ 

La déclaration est, on ne pourrait plus, claire, et rappelons, pour 
en finir, la „louange satirique en l'honneur du maquerellage" due 
à la plume d'Angoulevent et renfermant l'apologie des bâtards: 

„Adiousté qu'on engendre aux larcins de Cipris, 
Des enfans mille fois mieux nez et mieux appris 
Qu'on ne fait soubs himen, pour autant qu'on espreuve 
Cent fois plus de plaisir en une chose neuve." 



1 On trouve dans le même recueil une autre ^louange du ms^querellage". 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 93 

Vieilles, courtisanes, entremetteuses, femmes infidèles et effron- 
tées ce sont là les sources auxquelles puisent les burlesques et 
auxquelles puisent aussi, froidement et sans conviction, les poètes 
satiriques de l'époque. Souvent le même poète compose dans les 
deux genres et lorsqu'il ne s'inspire pas directement à son temps, 
il répète à l'ennui, comme un pur exercice de rhétorique, ce que 
Ju vénal avait dit de Messaline et de ses contemporaines. Aussi 
la satire et le burlesque paraissent-ils parfois se compléter entre 
eux, surtout lorsqu'il est question d'amour et de mariage et mal- 
heureusement les deux genres se ressemblent aussi dans la pauvreté 
et dans la monotonie de l'inspiration. 

A suivre. 

P. Toldo. 



lieber das alt&anzösisclie Gedicht von der Zerstörung 
Jerusalems (La Yei\jance nostre seigneur). 

(Schlufs; s. Ztschr. XXIV l6l ff.) 

ni. ABSCHNITT. 

Die Quellen. 

Seinem Inhalte nach zerfallt das Gedicht in drei Teile. Der 
erste (Strophe i — 34) behandelt die Heilung Vespasians, der mitt- 
lere (Haupt-) Teil die Belagerung und Zerstörung Jerusalems 
(Str. 35 — 102), der letzte die Bestrafung und den Tod des Pilatus 
(Str. 103 — 107). Es ist nun die Frage, ob der Verfasser diese 
Stücke schon in einer einzigen Quelle vereinigt vorgefunden hat, 
oder ob er selbst verschiedene Vorlagen kombiniert hat. Wenn 
er von einer Quelle spricht, so thut er dies doch nur so allgemein, 
dafs man daraus nicht entscheiden kann, ob diese ihm nur für 
den betreflfenden Teil, oder für das ganze Gedicht vorgelegen hat. 
So lautet z. B. K. T. I V. 1 2 : 

Quarante anz en apres, ce trovons nos lisant; 

V. 34— 35-* 

Ens en Costantinoble devant Sainte Sofìe 
Poés trover l'escrit, que que nus vos en die.* 

In Str. 96 heifst es: 

[La chançon . . .] 

Ele n'est pas de fable ne faite de folie, 

Ains est traite d*estoire de grant anciserie; 

und in der letzten Laisse (K. T. II 75): 

Ce conte l'escripture, dont la raisons est voire. 



^ Einer nachträglichen Auskunft, die ich einem türkischen Freunde ver- 
danke, entnehme ich, dais die Hagia Sofìa in Konstantinopel wirklich eine 
Bibliothek mit Handschriften besitzt; diese enthält aber nur persische, ara- 
bische und türkische Werke, indem die sonstigen Handschriften, wie z. B. die 
griechischen, in die Privatbibliothek des Sultans überführt worden sind und 
sich jetzt im Palast Top-Kapou befíndcn. Man könnte nun daran denken, 
dafs mit obigem escrit vielleicht irgend eine Handschrift des Josephus gemeint 
wäre, die der Dichter, der ja, wie schon Ztschr. XXIV 165/6 bemerkt, wohl 
Beziehungen zum Orient gehabt hat, etwa in Konstantinopel benutzt haben 
könnte. Eine Bestätigung für diese vage Vermutung, welche dann die ebenda 
S. 163 versuchte Erklärung umstofsen würde, dürfte kaum zu erhoffen sein; 
wenigstens habe ich von dem Bibliothekar jener Palastbibliotbek keine Aus- 
kunft über eine derartige Handschrift bekommen können. 



AFRZ. GEDICHT VON DER ZERSTÖRUNG JERUSALEMS. 95 

Wie nun später gezeigt werden wird, nennt das Gedicht an ver- 
schiedenen Stellen den Geschichtsschreiber Josephus als Quelle, 
und gehen in der That die Angaben des mittleren Teiles auf 
diesen zurück. Zu der Annahme, dafs eine Kombination der drei 
Teile etwa unter dem Namen des Josephus gegangen sei, liegt 
kein weiterer Anhaltspunkt vor. Folglich mufs das Gedicht noch 
andere Vorlagen benutzt haben. Die oben gegebenen Zitate würden 
dann entweder verschiedenen Texten gelten, oder man müfste auch 
sie auf den mittleren Teil, und damit auf Josephus beziehen. Dem 
Zusammenhange nach würde dies ganz gut möglich sein, und wenn 
er dann auch so im Allgemeinen, und scheinbar in Hinsicht auf 
das ganze Gedicht, als Quelle genannt würde, so wäre dabei doch 
zu berücksichtigen, dafs das Mittelstück gerade der gröfste und 
wichtigste Teil der Venjance ist 

P. Meyer scheint in dem schon öfter genannten Bulletin anzu- 
nehmen, der Dichter hätte seinen Stoflf schon in einer lateinischen 
Vorlage vereinigt gefunden. Er forderte diese mit Rücksicht auf 
die verwandten, besonders altfranzösischen Prosatexte, doch ist das 
wohl nicht nötig, da diese Fassungen teils auf dem Gedicht selbst 
beruhen (vgl. den IV. Abschnitt), teils zu sehr davon abweichen, 
um die Annahme einer gemeinsamen Vorlage gerechtfertigt er- 
scheinen zu lassen. Dazu ist, wie Meyer selbst sagt, von einer 
solchen nicht das Mindeste bekannt. 

Man mufs also für den ersten und letzten Teil besondere 
Vorlagen ansetzen, oder vielmehr wohl nur eine. Denn die in 
diesen Stücken enthaltenen Legenden von der Veronika und von 
Pilatus kommen schon seit etwa dem 7. Jahrhundert verbunden 
vor, wie Schönbach im Anzeiger f. d. A. II 165 annimmt. Was nun 
die als benutzt in Betracht kommende Fassung dieser Legende 
betrifft, so scheint Schönbach nach dem Stammbaum auf S. 170 
die in Rede stehenden Teile des Gedichtes von der Cura sanitatis 
Tiberii ableiten zu wollen. Da aber dieser Text verschiedene Er- 
weiterungen enthält, die das Gedicht nicht hat, und dieses sich 
keiner der bekannten Formen der Sage näher anschliefst, so möchte 
ich eher vermuten, dafs die anzunehmende Vorlage ohne Vermitte- 
lung einer der erhaltenen Versionen auf die ursprüngliche 
Fassung zurückgeht, wie sie Schönbach a. a. O. S. 1 65 für die ver- 
bundene Veronika- und Pilatussage aufstellt: „Der Kaiser in Rom 
ist krank. Er hört von dem grofsen Arzte Christus in Jerusalem. 
Er sendet um ihn einen Boten an den Landpfleger Pilatus. Dieser 
berichtet vom Tode Christi. Es gelangt zur Kenntnis der Boten, 
dafs in Jerusalem Frau Veronika sich aufhalte, welche ein Bildnis 
Christi auf einem Tuche (den Repräsentanten des nicht mehr 
lebenden) besitze, dem Heilkraft inne wohne. Sie veranlassen, dafs 
Veronika mit der Reliquie nach Rom fahrt. Der Kaiser wird ge- 
heilt Pilatus, den man zur Verantwortung nach Rom gebracht 
hat, wird hingerichtet" 

Zu diesem Kern sind dann im Gedicht, oder vielleicht schon 



QÔ WALTHER SUCRIER, 

zum Teil in dessen Vorlage, im wesentlichen folgende Episoden 
hinzugefügt. 

Der Aufenthalt Gais im Hause Jakobs. Nach Heinzel, Ueber 
die französischen Gralromane, Wien 1891, S. 106 ist dieser Jakob 
wohl der Bruder Christi, Jacobus minor, der „als Bischof von 
Jerusalem seiner Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Güte wegen einen 
grofsen Ruf erwarb und auch von den Juden verfolgt wurde". 

Verschiedene Angaben des Gedichtes erklären sich daraus, 
dafs der Verfasser unter Einflufs der Geschichte die Ereignisse 
40 Jahre nach Christi Tod vor sich gehen läfst Daher ist Vespa- 
sian der kranke Kaiser, während es in den älteren Fassungen 
Tiberius ist. In eben diesen ist auch der Tod Christi noch nicht 
in Rom bekannt, im Gegensatz zu unserer Venjance, wo der Sene- 
schal mit dem Auftrag eine von jenem hinterlassene Sache, und 
nicht ihn selbst, zu holen nach Jerusalem geht. In den verwandten 
Berichten wird Pilatus wegen der Kreuzigung Christi bestraft, im 
Gedicht aber ist davon gar nicht die Rede, vielmehr wird den 
Juden allein die Schuld daran zugeschoben. Wenn nun Vespasian 
dem Pilatus einen Tribut auferlegen läfst, den dieser aber ver- 
weigert, so ist wohl eine derartige Erzählung aus dem Bestreben 
deS" Dichters zu erklären, dem Landpfleger eine Schuld gegen 
den Kaiser aufzubürden, die seine schliefsliche Bestrafung recht- 
fertigte. 

Die Krönung des Titus. 

Die Episode des Klemens in Rom. Hierfür liegt wohl eine 
Legende zu Grunde, die an Klemens L, Romanus, einen der sogen, 
apostolischen Väter angeknüpft hat. Er ist nach altkirchlicher An- 
sicht ein Schüler des Petrus und von diesem als Bischof von Rom 
eingesetzt worden (vgl. Langen, Die Klemensromane, ihre Ent- 
stehung und ihre Tendenzen, Gotha 1890). 

Die Versiegelung des Tuches durch Klemens im Altar des 
heiligen Simeon. „Das älteste Zeugnis für die Anwesenheit der 
Reliquie in Rom fällt in das Jahr 705, in welchem Jahre Papst 
Johann VII. in der Peterskirche vor der Kapelle der Maria" [nach 
Zöckler in Herzogs Realenzyklopädie für protestantische Theologie 
und Kirche, 2. Aufl., XVI 362 S. Maria Maggiore] „ein Tabernakel 
zur Bewahrung des Schweifstuches errichtete" (Creizenach, Legenden 
und Sagen von Pilatus, Paul und Braunes Beiträge I 96). 

Das Schicksal des Pilatus ist infolge verschiedener Einflüsse 
umgestaltet. Er wird nicht hingerichtet, sondern nach Vienne in 
Südfrankreich verbannt. Dasselbe Geschick hat als geschichtliches 
Faktum den jüdischen König Archelaus getroffen, und ist von 
Flavius Josephus in dem zweiten Buche seines Werkes „Ueber den 
jüdischen Krieg" (in der Ausgabe von Naber Kap. 7 Abs. 3 §111) 
erwähnt Dafs Pilatus an jenem Orte in einem Brunnen gefangen 
gehalten wird, beruht wohl auf Einflufs der Mors Pilati (Tischen- 
dorf, Evangelia Apocrypha S. 458), die als Endschicksal seiner 
Leiche die Versenkung in einen Brunnen in den Alpen erzählt 



'.. GBDICUT VON UER ZBKSTÖHUNG JERUSALEMS. 



97 



(vgl, Schönbach, A. f. d. A. II 198 und Du Méril, Poésies populaires 
du moyen âge, Paris 1847, 8,356 Anni. 7). 

Es wäre nicht ausgeschlossen, dafs in der anzunehmenden 
Vorlage auch schon in aller Kürze, etwa ähnlich wie in der Vin- 
dicta Salvaloris (Tischendorf, Ev. Ap. 471^486) von der Zerstörung 
Jerusalems die Rede gewesen ¡st, wodurch dann der Dichter ver- 
anlafst worden wäre, das Werk des Josephus heranzuziehen. 

Für den mittleren, die Belagerung und Zerstörung Jerusalems 
behandelnden Teil ist also das Werk des Flavius Josephus „Ueber 
den jüdischen Krieg" benutzt. An verschiedenen Stellen wird 
darauf hingewiesen, so heifst es in Str. 60 von seinem Verfasser: 

II est mout sages cicis, cesie estolle escrìra; 
imd in der Schlufslaisse (K. T. U 93): 

Ich vermag nicht zu entscheiden, ob dem Dichter das Werk selbst 
vorgelegen hat, also auch nicht, ob er es etwa in der lateinischen, 
gewöhnlich dem Ku&nus zugeschriebenen Uebefsetzung, oder viel- 
leicht in der freieren, vielfach unter dem aus Josephus entstellten 
Namen Hegesippus gehenden lateinischen Bearbeitung vor sich 
gehabt haL Jedenfalls ist die Benutzung eine sehr freie. Nur die 
Hauptereignisse des Feldzugs und der Belagerung sind daraus ent- 
nocmieD, daneben noch einzelne Episoden. Ich steile alle diese 
Funkte im Folgenden zusammen, indem ich dabei auf die ent- 
sprechenden Abschnitte des griechischen Originals nach der Aus- 
gabe von Samuel Adrianus Naber, Flavii Josephi Opera omnia, 
vol. V et VI, Leipzig 1895/6 verweise. Die Anordnung der folgenden 
Stellen ist die des Gedichtes; aus den Verweisungen läfst sich er- 
sehen, dafs es die Thatsachen verschiedentlich umgestellt hat. 

Einnahme von Acre ohne Kampf: Buch 111 Kap. 2 Abs. 4 
§ 30 — 32, wo das Gleiche von der Stadt Sepphoris erzählt wird. 

Die Eroberung von Jafes durch Titus bildet eine Kombination 
der Eroberung von Japha durch Titus (Buchili Kap. 7 Abs. 31) 
und der von dem dabei gelegenen Jotopata durch Vespasian 
(Buch III Kap. 7 Abs. 3^ — 30). 

Die Gefangennahme des Jafel in einem Keller bei der Erobe- 
rung von Jafes imd seine Begnadigung: Buch 111 Kap. 8 (Gefangen- 
nahme des Josephus in einem Brunnen bei der Eroberung von 
Jotopata) und Buch IV Kap. 10 Abs. 7. 

Zweimalige Aufforderung Vespasians an Pilatus, sich zu er- 
geben, worauf dieser ihn herausfordert: Buch V Kap, 9 (Titps er- 
mahnt die Juden zur Ergebung und läfst sie dann noch einmal 
durch Josephus dazu auffordern, worauf die Juden in Schmähungen 
ausbrechen}. 

Tod des seit 20 Jahren Wehe schreienden Verrückten: Buch VI 
Kap. 5 Abs. 3 §300—309. 

Einächliefsung der Stadt durch einen Graben, um sie aus- 

Zdudu. L rem. PbiL XXV. 7 



gè WALTHER SUCHIER, 

zuhungem: Buch V Kap. 12 Abs. i, 2 (Einschliefsung durch eine 
Mauer zu dem gleichen Zweck). 

Ausfall der Juden, bei dessen Zurückweisung sich Vespasian 
auszeichnet: Buch V Kap. 11 Abs. 4 — 6 (Titus wirft an der Spitze 
seiner Soldaten die ausgefallenen Juden zurück). 

Der auf Seiten der Juden am Ausfall beteiligte Joseph wird 
dabei verwundet: Buch V Kap. 13 Abs. 3 (Josephus, der vor der 
Stadt die Juden zum Frieden ermahnt, wird durch einen Stein- 
wurf verletzt). 

Hungersnot in der Stadt: BuchV Kap. 12 Abs. 3. 

Vor Hunger essen die Juden Leder: Buch VI Kap. 3 Abs. 3. 

Pilatus gestattet seinen Leuten sich Nahrung mit Gewalt zu 
verschaffen. Marie ifst, nachdem sie durch einen Engel im Namen 
Gottes dazu aufgefordert worden ist, ihr verhungertes Kind. Pilatus, 
der nach dem Gebratenen forschen läfst, erfahrt durch seine ent- 
setzten Boten den Sachverhalt: Buch VI Kap. 3 Abs. 4 (Eis fehlt 
hier die Person des Pilatus, die Aufforderung durch den Engel 
und der Name der Mutter; diese tötet auch selbst ihr Kind). 

Vespasian schlägt eine Bitte der Juden um freien Abzug ab: 
Buch VI Kap. 6 Abs. 3 (hier Titus an Stelle Vespasians). 

Essen des Goldes. Diese Episode ist hervorgerufen durch 
Buch V Kap. 1 3 Abs. 4 (Die syrischen Truppen des Titus bemerken, 
wie ein Jude aus seinen Exkrementen Gold holt, und schneiden 
daher 2000 Juden auf). 

Ueber das Schicksal der gefangenen Juden ist Buch VI Kap. 9 
Abs. 2 nur gesagt, dafs sie teils getötet, teils als Sklaven verkauft, 
teils zum Triumph aufbewahrt, teils nach Aegypten zur Arbeit ver- 
schickt werden. 

An Erweiterungen und Aenderungen, die z. T. auf andere 
Quellen zurückzuführen sind, weist der mittlere Teil des Gedichtes 
folgende auf. 

Die Ueberleitung von dem ersten Teil zum folgenden bildet 
in der 35. Laisse die Prophezeiung Christi über Jerusalem (frei 
nach Lukas 19, V. 43 und 44). 

Abfahrt der Römer von Rom, resp. Barlet : bei Josephus bricht 
Vespasian von Antiochia aus gegen Galiläa auf (Buch III Kap. 2 
Abs. 4 § 29). (Vgl. noch Ztschr. XXIV 165/6). 

Wasserbeschaflfung. In Bezug auf diese Episode sagt Paulin 
Paris in der Histoire littéraire: „Peut-être cette imagination vint- 
elle aux pèlerins à la vue des ruines de quelque aqueduc qui 
traversait la vallée de Josaphat, et fournissait anciennement d'eau 
filtrée la ville de Jérusalem**. In der That findet oder fand sich 
im Josaphatthale ein „Teich der Leitung" (Siloahteich), in den der 
Siloahkanal von dem oberen Gilion (Marienquelle) her Wasser zu- 
führte. Da dieser Kanal auf einer Karte in Meyers Konversations- 
lexikon 5. Aufl. IX 545 als „Tunnel" bezeichnet ist, war er viel- 
leicht unterirdisch. 



AFRZ. GEDICHT VON DER ZERSTÖRUNG JERUSALEMS. 



90 



» 



Die ErEählung von der G e fangeuse tzung und wunderbaren 
Befreiung Josephs beruht, wie schon in der Histoire littéraire ge- 
sagt ist, auf Stellen der Acta Filati, in der Ausgabe in Tischen- 
dorfs Evangelia Apocrypha auf Kap. 12 g i und Kap. 15 § 6 der 
Fassung A (S. 2 10 ff., in B, S. 287 ff., Kap. 12 § i und Kap 15 § 5), 
wo das Schicksal Josephs von Arimathia behaodelt ist. 

Das Gelöbnis des Vespasian bei dem Ausfall der Juden, er 
wolle Christ werden, wenn ¡hm Gott den Sieg verleihe, erinnert 
an das ähnliche -Verhalten Chlodwigs in der Schlacht gegen die 
Alamannen vom Jahte 496. Vielleicht war dem Verfasser unseres 
Gedichtes dieses Ereignis bekannt 

Die Angabe, dafs bei der Verfolgung der Juden nach ihrem 
Ausfall die Sonne gewartet habe, geht zurück auf eine Stelle im 
Buch Josua 10, V. 12 — 13. 

Ueber die Herkunft des langen Gesprächs zwischen Jakob und 
Joseph vermag ich nichts zu sagen. Es wäre nicht ausgeschlossen, 
dafs es der Dichter erfunden hätte. 

Für den Selbstmord des Archelaus fehlt mir eine Quelle. 
Er findet sich auch in der Vindicta Salvatoris (bei Tischendorf 
S.471 — 486, ä 12), doch weicht diese sowohl in der Angabe der 
näheren Umstände der That wie auch im übrigen stark von 
unserem Gedichte ab, sodafs ich auf diese Uebereinstimmung hin 
nicht ohne weiteres eine Benutzung der Vindicta durch die Ven- 
jance annehmen möchte. Uebrigens ñndet sich in § 17 der ersteren 
die gleichfalls im Gedicht vorhandene, auch anderwärts vielfach 
begegnende Angabe des Preises von einem Denar für je 30 ver- 
kaufte Juden. 

Die Ergebung der Juden, die ja unter Pilatus' Führung dem 
Kaiser vor die Stadt entgegenziehen, steht im Gegensatz zu dem 
Beriebt bei Josephus {Buch VI Kap. 8 Abs. 4, 5). wonach die Sladt, 
oder vielmehr nach der allmählichen Eroberung aller übrigen Stadt- 
teile die Oberstadt von den Römern erstürmt wurde. 

Ebenso widerspricht die im Gedicht erzählte Verschonung des 
Tempels (neben der des heiligen Grabes und des Turmes Davids) 
der Mitteilung in Buch VI Kap, 4 Abs. 5— 8 von dem Abbrennen 
des Tempels. Allerdings war es gegen die Absicht des Titus ge- 
schehen, der auch vergeblich Löschversuche machen liefs. Nach 
Buch VI Kap. q Abs. 1 blieben aber drei Turme, darunter nach 
Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes Bd. I, Leipzig i8go, 
S. 533 Anra. 122 der später sogenannte Davidsturm, bei der Zer- 
störung stehen. 

Die Nachricht von der Aussetzung der verschonten Juden 
durch Vespasian in drei Schiffen geht zurück auf eine alte jüdische 
Sage, welche die Entstehung eines gewissen Bufsgebetes erklären 
will und aus den Rechlsbescheiden der Gaonen stammen soll. Als 
Landungsorte nennt sie Lyon, Arles und Bordeaux (vgl. Zunz, Lite- 
rat Digeïch ich le der iynagogalen Poesie, Berlin 1865, S. 17). Woher 
der Verfasser der Venjance sie kennen mag, bleibt ungewifs. 



lOÛ WALTHER SUCHlER, 

Auch die schliefsliche Taufe der Römer scheint Eigentümlich- 
keit unseres Gedichtes zu sein. 

Ueber das Personenverhältnis betreffende Verschiedenheiten in 
Gedicht und Vorlage ist Folgendes zu sagen. Während im Josephus 
Vespasian nur den Anfang des Krieges leitet, später aber dem 
Titus den Oberbefehl ûbergiebt, fuhrt im Gedicht der Kaiser den 
Feldzug durch, Titus tritt fast ganz zurück. Die historische Person 
des Josephus auf Seiten der Römer vertritt im Anfang Jafel, bis 
dann Jakob nach seiner Flucht aus der Stadt diesen Platz ein- 
nimmt. Nach der Zerstörung der Stadt tritt auch er in den Hinter- 
grund vor Joseph. Während ihres Aufenthaltes in der Stadt sind 
Jakob und Joseph wenig hervorgetreten. (Vgl. Heinzel, Ueber die 
französischen Gralromane S. loö.) 

Schwer ist zu entscheiden, ob man auch für die beiden Führer 
der Juden, Pilatus und Archelaus, nach Entsprechungen aufserhalb 
des Gedichtes suchen soll. Mit den beiden historischen Tyrannen 
Jerusalems während der Zeit der Belagerung, Johannes von Gis- 
chala und Simon Bar-Giora (vgl. Schûrer, Geschichte des jüdischen 
Volkes I 525) wird man sie wegen des Fehlens übereinstimmender 
Handlungen und Schicksale nicht identifizieren dürfen. In jedem 
Fall ist natürlich das Auftreten des Pilatus leichter zu verstehen 
als das des Archelaus. Sollte vielleicht der im Neuen Testament 
verschieden neben Pilatus erwähnte Herodes (Agrippa 1.) mit He- 
rodes dem Grofsen verwechselt worden, und mit Rücksicht auf die 
seit Christi Tod verflossenen 40 Jahre dessen Sohn Archelaus an 
diese Stelle gesetzt sein? Sein Selbstmord bliebe allerdings auch 
dann noch unerklärt, und ebenfalls würde noch die ganze Parallele 
mit der Vindicta Salvatoris des Aufschlusses bedürfen. 



IV. ABSCHNITT. 

Die ProsaauflöBung. 

Unter den verschiedenen altfranzösischen Prosaschriften, die 
ähnliche Stofife wie das Gedicht behandeln, findet sich auch eine 
Prosaauflösung des letzteren. Mir sind die folgenden Handschriften 
davon bekannt 1, sämtlich aus dem 15. Jahrhundert, nur 13) aus 
dem vierzehnten. 



^ Um Irrtum zu vermeiden, führe ich an, dafs das unter ähnlichen Titeln 
in den Handschriften B. N. fr. 969, 12445, ^5549» ^SSSS* Ars. 5366 enthaltene 
Werk ein anderes ist, wenn auch verwandten Inhalts. Die wenigen mir davon 
vorliegenden Textproben lassen es möglich erscheinen, dais diese Prosa mit 
einem in der sogen. Bible en françois des Roger d'Argenteuil enthaltenen 
Stück identisch ist. Näheres über das Verhältnis der beiden Stücke zu ein- 
ander vermag ich nicht anzugeben. Ueber Rogers Werk vgl. Paul Meyer, 
Notices et Extraits XXXIII ir« partie S. 71 — 75, der davon die drei Hand- 
schriften B. N. f. Moreau 1715 — 1719, fr. 1850 und Bibl. roy. de Belg. 10578 
angiebt. — Nichts mit der Prosaauilösung zu thun haben auch die ähnlich 
betitelten Stücke, wie sie in den Handschiiñen B. N. fr. i8i| 187, 413, 1555 



•• •• ••• . • • 

* • r • • • • • 

• • • 



AFRZ. GEDICHT VON DER ZERSTÖRUNG JBRIJSAI.FMS. 



Bibl. Nat. fr. 979 

2) Bibl. Nat. fr. 980—981 

3) Bibl. Nat. fr. 1370 

4) Bibl. Nat, fr. 2273 

5) Bibl. Nat. fr. 17061 

6) Bibt. Nat. fr. 24438 

7) Bibl. Nat. n.a. fr. 1357 (im. 

vollständig) 
8} Bibl. de l'Ars. 2114 
9) Bibi. de Lyon 864 

10) ßibl. de Lyon 918 21) 

11) Bibl. de Lyon 1235 
Bei drei weiteren Handschrißen, 

G. Paria et L. Paonier, La Vie de S. Alexis, 



12) Bibl, de Carpentras 464 

13) Bibl. de Grenoble 50 

14) Bibl. de Salins 12 

15) Bibl. de Valenciennes 541 

16) Bibl. in Bern A 260 

17) Bibl. Nai. di Torino L IV io 
i8ì Vatik. Bibl. Reg. 1728 
ig) Brit Mus. Add. 32090 
20) Bibl. des Sir Th. Phillipps 

Cbeltenham 3657 
21] Flandschrift im Besitz meines 
Vaters Hermann Suchier 
Besanv'on {vgl, 
Paris 1872, S. 33Ò), 




Zeit im Besitz Panniers befindlichen (vgl. ebenda 
5,339) und einer aus Oxford, Douce 337 (vgl. Stengel Mitteilungen 

5. 24) habe ich nicht feststellen können, ob das darin enthaltene 
Stück wirklich die in Rede stehende Prosafassung ist. 

In provenzalischer Fassung steht der Roman in der Hand- 
schrift B. N. fr. 25415, vom Jahre 1373 (Beschreibung durch P. Meyer 

6. im angeführten Bulletin S. 50 ff. Der Text ist gedruckt von 
Chabaneau in der Revue des langues romanes XXXÍI 581 — 608, 
XXXIU 31—46, 600 — 609). 

Eine katalanische Version ist gedruckt von Prospero de Bo- 
faniU in der Colleccion de documentos inéditos del archivo general 
de Aragon XIII i — 52 (vgl. auch O. Denk. Einführung in die Ge- 
schichte der altkatalaniscben Litteratur, München 1893, S. 149 — 152). 
Sie ist nach einer Annahme P. Meyers im Bulletin wohl eine Ueber- 
setznng des provenzali seh en Textos. Der Druck beruht auf der 
Handschrift 155 des Klosters Ripoll. Nach Morel-Fatios Angabe 
in Gröbers Gmndrifs der romanischen Philologie Hb 88 enthält 
anch die Handschrift B. N, Esp. 509 die katalanische Fassung. 

Eine englische Version soll nach Stengel a. a. O. S, 24 in der 
Handschrift Oxford Laud 602 enthalten sein. 

Später ist der französische Roman öfter gedruckt worden, 
meist unter dem Titel; Dtstruiiion de Jerusalem. Brunei, Manuel 
du libraire U col. 654 — 656 zitiert neun verschiedene Drucke. Ein 
Exemplar der zweiten von den drei ersten Ausgaben ohne Jahres- 
nnd Ortsangabe ist auch erwähnt und beschrieben in Picots Cata- 
logue des livres composant la bibliothèque de feu M. le Baron 
James de Rothschild II 17g. Von der an fünfter Stelle genannten, 
1 Denis Mealier 1491 in Paris gedruckten Ausgabe befindet sich 
ein Exemplar auf der Bibliothèque de l'Arsenal, Histoire i: 

sïth finden. ■" Dafs die fo^^den 21 HondEchririen dcD gleichen Text ent- 
hallcD, schliefe icti aus dem ibnen gemeinsamcD Anfang: Aprts 
tm jue Jktsucrist fut mis en croix ih JherusaUm u, s. w. 





I02 WALTHER SUCHIER, 

Ein Exemplar der sechsten dort angeführten Ausgabe befindet sich 
in der jetzt dem Institut de France gehörigen Bibliothek des Her- 
zogs von Aumale in Chantilly, fol., signiert C III. Einen weiteren 
Druck habe ich in Bernard Quaritch's Catalogue: Monuments of 
printing, comprising books produced by the earliest presses in Ger- 
many, the Netherlands, Italy, France, Spain, and England from 
1455 to 1500, London 1897, S. 214 gefunden: La destruction de 
iherusalem u. s. w., gedruckt in Lyon 1 504 von Jaques Amollet 

Eine kastilianische Uebersetzung ist nach der Angabe Morel- 
Fatios in Gröbers Grundrifs IIb S. 88 in Sevilla 1498 gedruckt 
worden. Vgl. dazu Sachs, Beiträge S. 71. Der in Gröbers Grund- 
rifs IIb 88 erwähnte und S. 214 besprochene portugiesische Druck 
vom Jahre 149Ò, Lissabon, scheint den ursprünglichen Prosatext 
mit Momenten aus einem Gralroman vermischt zu haben. 

In einer niederländischen Fassung liegt mir unsere Prosa als 
Volksbuch vor: De Historie van de Deerlyke Dtstructie en Ondergang 
der S tad Jerusalem Door den Key ser Vespasiaan, Amsterdam, Hendrik 
Rynders, ohne Jahreszahl. Der von van den Bergh, De Neder- 
landsche Volksromans, Amsterdam 1837, S. 65 — 69 behandelte 
Druck scheint eine andere Ausgabe desselben Textes zu sein. 

Um das Verhältnis der Prosa zum Gedicht festzustellen, habe 
ich für erstere die provenzalische Fassung als die zugänglichste zu 
Grunde gelegt. Ob diese oder der altfranzösische Text ursprüng- 
licher ist, das zu entscheiden würde eine genaue Untersuchung 
der beiden erfordern, was hier nicht meine Aufgabe sein kann. 
Doch habe ich durch Vergleichung mit der Handschrift meines 
Vaters die wesentliche Identität des provenzalischen und altfran- 
zösischen Textes festgestellt. 

Die Abhängigkeit der Prosa von der Venjance erhellt daraus, 
dafs sie bis auf einige später zu erwähnende Ausnahmen sich 
genau dem Gedichte anschliefst. Der in der ursprünglichen Gestalt 
vorhandene Schlufs läfst erkennen, dafs als Quelle nur eine Hand- 
schrift des Grundtextes oder der ersten Bearbeitung in Betracht 
kommen kann. Sehr auffällig ist eine Uebereinstimmung mit der 
Handschrift A des Gedichtes. Es findet sich nämlich in der Prosa 
(Rev. d. l. r. XXII 597) ein Hinweis des Archelaus auf den den 
Römern drohenden Wassermangel, wofür sich einzig in der nur 
in A enthaltenen Laisse venir (nach der 41. Strophe eingeschoben) 
eine Parallele findet (vgl. Ztschr. XXIV S. 189/90). 

Die wesentlichsten Eigentümlichkeiten der Prosa sind die 
folgenden: 

Klemens wird gleich im Anfang als in Rom befindlich er- 
wähnt, und die Kenntnis Gais vom Propheten, die im Gedicht 
nicht näher motiviert war, wird bestimmt auf die Wirksamkeit des 
Klemens zurückgeführt (Rev. XXXU 583). 

Die den Tod des Verrückten behandelnde Episode ist ver- 
schoben und in die Schilderung des Ausfalls eingefugt worden 



AFRZ. GEDICHT VON DER ZERSTÖRUNG JERUSALEMS. IO3 

(Rev. XXXII 607), doch entspricht auch diese Stellung, ebenso 
wenig wie die im Gedichte, der Anordnung bei Josephus. 

Das in der Venjance die Strophen 68 — 71 umfassende Ge- 
spräch zwischen Jakob und Joseph fehlt. 

Die Königin von Afrika ifst ihr Kind erst, nachdem vorher 
das ihrer Gefährtin von dieser und Marie gegessen worden ist 
(Rev. XXXIII 34). 

Als die Stellen, wo die ausgesetzten Juden landen, werden 
Narbonne, Bordeaux und England angegeben (Rev. XXXIII 42). 
Hiermit stimmt die Prosa besser zu der auf S. 99 angeführten 
Grundlage dieser Sage, als das Gedicht 

Die in den zwei Laissen 10 1 und 102 erzählte Taufe Josephs 
fehlt der Prosa. 

Als Quelle wird Jafel (im Gedicht Joseph) genannt, der per 
cosselh de Jacob e de Joseph geschrieben habe (Rev. XXXIII 46). 

Ich möchte noch erwähnen, dafs die behandelte Prosaauflösung 
auch zu einer Art Bilderbuch umgestaltet worden ist Mermet, 
La Vie de Thomme, poëme de 1509, etc.. Vienne 1838, giebt 
einen Neudruck des folgenden livre d'heures: Heures à lusaige de 
Romme tout au long sans riens requerir^ avec les figures de la vie de 
Ihomme: et la destruction de hierusalem, gedruckt 1509 in Paris von 
Gillet Hardouyn. Dies Buch enthält also in seinem zweiten Teile 
einen kurzen Auszug aus dem Prosaroman, und zwar bildet jeder 
der 43 kurzen Paragraphen, die den Text ausmachen, die Erläu- 
terung zu einer jedesmaligen darunterstehenden Vignette. Daher 
beginnen fast alle Paragraphen mit Comment . . ., z. B. lautet der 
zweite in der von Mermet modernisierten Orthographie: 

Comment l'Empereur devint Mesel et manda son conseil, lequel ordonna 
qu'il envoyât en Jérusalem pour trouver aucunes choses qui ont touché au 
saint prophète Jésus-Christ, et demander le tribut à Pilate. Gay, son séné- 
chal, en fut messager. 

Das dazu gehörige Bild stellt dann Vespasian in seinem Bett, von 
seiner Dienerschaft* umgeben, vor. Näheres s. in der Einleitung 
zu Mermets Buch. Bei der Kürze des Textes sind natürlich viele 
Episoden fortgelassen, doch ist zuweilen auch einmal eine hinzu- 
gefügt. Gleichwohl zeigt die Anordnung des Ganzen und die Be- 
wahrung verschiedener Einzelheiten, dafs der Prosaroman direkt 
oder indirekt die Quelle sein mufs. 

Zum Schlufs habe ich noch an verschiedene Gelehrte meinen 
Dank zu richten. Herr Prof. Trautmann in Bonn hatte mir eine 
vollständige Abschrift der londoner Handschrift zur Verfügung ge- 
stellt, Fräulein Pellechet in Paris verdanke ich Auskunft über einige 
Drucke des altiranzösischen Prosaromans, der Vermittlung des Herrn 



^ Ich übersetze Mermets Ausdruck , serviteurs', der aber, da im Text 
ja von , conseil' die Rede ist, nicht recht zu passen scheint. 



I04 WALTHER SüCHIBR, 

Prof. Kautzsch in Halle Angaben über die Episode von der Aus- 
setzung der Juden, Herrn Prof. Gröber in Strafsburg den Hinweis 
auf die Vatikanische Handschrift des Prosaromans, Herrn Oliver 
Prior in London Mitteilungen über die Handschrift 3657 aus 
Cheltenham. 

Anhang zum kritischen Text 
L G. (Zu K. T. I Str. i.) 

Signour or mentendes nel deues contredire 

q onques ot chanter ceste chancon ou lire 

On len doit ascouter uolentiers le roatire 

Car cest coument juis furent mis a martire 

Par lempereur de roume qui leur moustra son ire 

Il et titus ses fis et cil de son empire 

Pour uengier dameldieu qui se laisa despire 

Pour coi esmeut chou a sauoir le desire 

Pour cou que lempereres cant vous en uoel descrire 

Estoit adone malades ne pooit trouer mire 

Que li peust aidier si sen tint bien de rire 

li maus molt langoussoit toute jor a tire 

Che mal lì a fait diex quii uoloit quii se mire 

Auant ou uironique dont en cor nertespire 

lempereres de romme qui li mais fist defrîre 

Son cors et son baudrier come li feus la cire 

Ot un urai senescal qui damour uraie entire 

Amoit lempereor et pour samour souspire 

Maint jor et mainte nuit pour luj ses cauiax tire 

Pour cou que cascun jor ce li sambloit empire 

Au senescal sanloit par nuit quii aloit gire 

Dedens jhil'm la uit de nostre sire 

Sa fourme et la portoit sen garisoit son sire 

Diez a cuj on offri or et echeus et mire 

Sana lempereour ensi com mores dire 

Dont joie ot lenpereres et pour cou desoonfire 

les faus juis manuals nule gen ne sont pire 

n. B. (Zu K. T. I Str. i.) 

Signor piaist uous oir une bonne canchón 
toute est de uraie estoire si com dist la leçon 
ni a mot de mencoigne ne de controuison 
ja mais nores parler de plus tres urai sermon 
au tans dauid et au tans salemon 
furent juif em pris et de molt grant renon 
ki or sont en seruage et en chaitiuison 
pour le fil diu kil prisent par nuit en trahison 
pour chou le deseruirent li encriesme felon 
car vilment le trahirent asses plus cun larron 



AFRZ. GEDICHT VON DER ZERSTÖRUNG JERUSALEMS. IO5 

ja mais ne sera iors nen aient retracon 
apríes li escopirent el vis et el menton 
puis le misent en crois par molt male raison 
tytus lala vengìer ke défit le set on 
cil mist eus en la terre a feu et a carbon 
onques ne daigna prendre auoir ne raencon 
ensi com vous ores es vers de la canchón 

m. G. (Zu K. T. I Str. i.) 

Tout chil et toutes celles aient beneicon 

Qui uorront ascouter de moi ceste chancon 

Ou il na mot de faus ne de controuuison 

Toute est de uraie estore il ni a se uoir non 

Et pour chou en doit on bien entendre le ton 

De celui qui le dist et en fait mention 

Plus doit plaire a oir ne face de charlon 

Qui espaingne conquist ensi que bien set on 

Par ses bons cheualiers dont il auoit iuision 

Rolant et oliuier et ogier le baron 

Et turpin lacheuesque et le c5 namlon 

Plus furent de ualeur que dire ne puet on 

Chil qui sont ore endroit ne ualent un bouton 

De lor panche encrassier a chescuns henguison 

Solas de dames chier en ont labandon 

Or larai diaus ester car auenir uoit on 

Que par les defallîs maintes fois a noion 

Et pour chou que je sui de chou en soupechon 

Canoie ne nous aie de ma prologuison 

Vous dirai chou dont mest sans nule arestison 

Au tans le roi dauid et au tans psallemo 

Furent juis em pris molt les honneroit on 

Or sont il en seruage et en chaitiuison 

Car il le deseruîrent li encrieme felon 

Pour le fil dieu qui prisent par nuit en traison 

Molt vilment len menèrent a guise de laron 

Ja mais ne sera eure nen aient retracon 

De chou quii lescopirent el uis et u menton 

Puis le mirent en crois il firent mesprison 

Titus lala uengier cores en la chancon 

Et mist jaus et lor terre en fu et en carbon 

Onques nen daigna prendre auoir ne raecon 

Ains les fis trestous metre a grant destruction 

IV. B. (Zu K. T. I21.) 

toute est de vraie estoire nient de mencoignerie 
de la mentación et de la pphesie 
en deuine escriture le demostre yzaies 
moyses li prophètes helyas geremies 



I06 WALTHER SüCHIER, 

cil jougleour en cantent mais il nen seuent mie 
vos lais bom les muet primes qui lestore ot oie 
vns clers connut lestoire ki molt la enmieudrie 

V. G. (Zu K. T. I 21.) 

Il nest nus qui en doiue faire sa moquerie 

Qui conques le feroit ce seroit musardie 

Il naroit mie en luj gaires de courtoisie 

Il me sanio une grans asnerie 

De disconter a ceus qui m prestent oie 

Diaus larai je nai cure dantre leur ruserie 

A ceus dirai ma rime qui béent uilonnie 

Qui nont cure dorguel ne mainnent gloutenie 

Mais plus cbier a oir ont ceste propbesie 

Con truene en escriture si le dist ysaye 

Moyses li propbetes eliot et elye 

Chis jougleor le chantent nen dient la moitié 

Un lais boms les mut primes la matere a laisie 

Ne le sot ordener or la apropriie 

Un clés qui pas ne voet lestore soit perie 

VI. B, (Zu K. T. I 36.) 

Signor or faites pais si me laissies parler 
canchón qui de diu est doit on bien escouter 
en un saint euuangile lai oi raconter 
li hom ki bien velt diu seruir et honerer 
de lui et de ses oeures ot volentiers parler 

VIL G. (Zu K. T. I 36.) 

Signour qui set bien dire il le doit demoustrer 
iiij. mos vous dirai ne font a oublier 
li primiers est que drois doit tort arier bouter 
li secuns com ne doit le poure houme gaber 
Pour lamiste dou rice ce vous uoel enorter 
li tiers que nus ne doit mais auoir goulouser 
Si comme de lautruj ne tolir ne reuber 
Pour acroistre le sien la ne doit nus viser 
lì quars est que tout dis deuons dieu reclamer 
£n la sainte ewangille ai oi recorder 
li homs qui en son euer voet dameldieu amer 
De luj et de ses oeures ot uolentiers parler 
Ne puet ens en sa fin maise uoie trouuer 

Vm. H. (Zu K. T. I 39.) 

Mais puis le volt Jhesus par son digne commant 
Atourncr a no loy par vng malage grant 
Ainsy que vous ores recorder ou romant 



AFRZ. GEDICHT VON DER ZERSTÖRUNG JERUSALEMS. IO7 

Seigneurs or faittes paix pour dieu le droiturier 
Chelui Vaspasien dont vous moez plaidier 
Fut empereur de Rome se leut a gouuemer 
Moult Ione temps fut payens mais dieu le volt amer 

IX. Ä (Zu K. T. I 40.) 

Mais anchois le conuint moult grant paine endurer 

Par vne maladye que vous morez nommer 

Le liepre lappellent sergant et baceller 

Ce est meselerie au iustement parler 

Ainsi volt Jhesucrist qui tous nos volt sauner 

X. H. (Zu K. T. I 50.) 

Nest nuls hoins qui ia mais sánete vous pulst donner 
Non pourquant ie me suis pris a pourpenser 
Je ne scay senuers moy vous en vauries yrer 
Mais ie le vous diray se voilez escoutter 

XI. F. (Zu K.T. I51.) 

.Qui descendit du del et se uint ombraer 
En la uirge marie ainsi loi nommer 
£t puis nesqui de H a un ior de noer 
Vne estolle aparut en oriant sor mer 
.iij. rois qui lo conurent lalarent uisiter 
Offerande aportarent cest por lui presanter 
Ou flun iordain se fìt baptisier et lauer 
Et puis après .xxx. anz laissa son cors pener 
A ce felons iuef qui ne voudrent amer 
Mais ce fìt il por nos que il nos uot saluer 
Et des poinnes denfer nos uot toz racheter 
Je sai que il est uoirs se lo volez amer 
Il nos guerra trestot se vos fera sauner 
Car iai par nul auoir que vos saichoiz doner 
Ne vos uarez garir ne de mal repasser 
Se cil ne vos garit don vos moez parler 

XU. Ö. (Zu K. T. I 57.) 

Ains nus hons ne senti je croi plus tres crual 
Not cure desgarder a celuj point nul bal 
Ne destrument oir cains pourpensast juual 
Qui soit toute musique fìx fu u nies noal 
lempereres de roume qui not euer liberal 

XIU. G. (Zu K. T. I 68.) 

De ma court te ferai tout maistre principal 
Plus te ferai signour cains ne fust perceval 
Qui ot de proimete descange le greal 
Nies ert al roi peskeur sa terre tint roial 



I08 WALTHER SUCHIER, 

Apres cou quii fust mors par son frere agloual 
Manda le roy artu li rois de son ostai 
I mena les plus près feste 1 ot fait ioial 
Cou disoit lenpereres qui al uis dun portal 
Estoit estans tous drois de iai fist apoial 
Sor son col son brac destre encor disoit tout al 

XIV. G. (Zu K. T. I 77.) 

Nensoingne ne dois querré que errant sans detrier 
Ne voises mon confort v que soit encerkier 
Car on doit tenir lomme pour fol et pour lanier 
Ki faut son bon signour sil a de lui mestier 

XV. G. (Zu K. T. I 80.) 
Ne se le gis souuins souffrir le redreder 
Dame ne damoisele naimme nient desuoier 
Nés vne ce voi ion nen vuet a moi plaidier 
Mais lues que mont veu sen retraient arrier 

Quant cou font molt feroient durement grant dangier 
Se iou vne en voloie acoler v baisier 
Nés li plus de mes hommes selonc le mien cuidler 
Se eis mais me tient longes me lairoient effraier 
Droit aront bien ce puis pour verte tesmoignier 

XVL H. (Zu K. T. n Str. 105.) 
Car la coustume estoit en ce temps ce sachies 
Que nuls homs ne moroit mais il estoit iugies 
En la fosse en Vianne estoit mis et muchies 
Ensi le tenoit on a Romme et ens es fies 
Et lempereur si est volentiers ottriies 
Par trente cheualiers y fu tost enuoyes 
De karkans et de fiers fu il tres bien lyes 
La ne veoit clarté de nului nest aidies 

XVIL (Zu K. T. n 74.) F. 
Or prions tuit a deu qui tot forma le mont 
De la dolor denfer et des poinnes qui sont 
Nos deffende trestoz et la ioie nos dont 
Que il done a ces qui son seruise font 
Deuant lui en lau ciel ou toz ior permaindront 
Ensamble toz les anges don ie mais nan istront 

K. 

Or prion tuiz a deu si corne il fist le mont 

De la dolor denfer. des peines ou il sont 

Nos defende trestoz. et la ioie nos doint 

Quii a done a ciaus qui son seruise font 

Deuant lui enz el del a toz iors permaindront 

En la compaignie as angels dont ia mais nen istront 



AmZ. GBDICHT VON DER ZERSTÖRUNG JERUSALEMS. lOQ 

XVm. F. (Zu K. T. n Str. 107.) 

Li romanz faut ici qaest de la uangison 
que nostre sires prist de maint iues felon 
Vaspasiens de rome et tytus li baron 
A rome remestrent en la lor region 
De ihesu lo prophe lo romant dit auons 
Or li deprions tuit qui nos face pardon 
Et nos mate a sa destre en laute region 
Ou pais et gloire ai et habitación 

Walther Suchier. 



Nachträge und Berichtigungen zum ersten Teil 

(Ztschr. XXIV 161 flf.). 

S. 166 Z. 5 V. u. ist nachzutragen eine neue Beschreibung der Handschrift 
Bibl. Nat. fr. 20039 in : Henri Omont, Bibliothèque Nationale, Catalogue géné- 
ral des manuscrits français, Ancien Saiot-Germain français t UI, Paris 1900, 
S. 467 — 468. 

S. 174 in den Lesarten za K. T. I 78 tilge: G plus. 

S. 191 Z. 13 lies 320 statt 310. 

Zu S. 193 Z. 26 vgl. noch die kritische Ausgabe der Cura sanitatis Ti- 
berii in: £. von Dobschütz, Christusbilder, Untersuchungen zur christlichen 
Legende, Leipzig 1899, 2. Hälfte, Beilagen, S. 163** — 189**. 

Auf S. 195 hatte die Drudcerei meine Korrekturen der Verweisungen: 
S. 188 statt S. 28 auf Z. 6, und: S. 193 statt S. 33 auf Z. 14 v. u., nicht aus- 
geführt. 



VERMISCHTES. 



I. Zur Textkritik. 

Zur Karlsreise/ 

V. Ii8. Hs.: karl' i entrât ben out al queor g^nt tote. Der 
Herausgeber setzt Et Charles i entrât) Suchîer schlug vor Cum 
Charles i entrât. Allein das fehlende Wort scheint mir eher Quant 
zu sein; dieses konnte vom Kopisten vor karP leicht vergessen 
werden, zumal wenn es nicht wie gewöhnlich Quant oder Q^ni, 
sondern etwa wie V. i6 Kaunt geschrieben war. 

V. 164. Hs.: E le chef saint lazare uuf frai aporter. Der 
Herausgeber schreibt mit geringer Aenderung Et le chief saint La^ 
zare vos ferai aporter. Dies ist sicherlich nicht die ursprüngliche 
Lesart, denn der Name Lazarus liegt hier in einer Form vor, die 
zwar ins Neu französische Eingang gefunden hat (sie ist mit Ver- 
letzung des Accents zu Stande gekommen wie Asie, Arabie, Italie, 
origine, hostie, altfr. Aise, Arabe, Italie, auch Itaire, orine, oisté), 
aber fur ein altfr. Denkmal nicht angenommen werden darf. Hier 
lautet der Nominativ Ladres Rendus de Moiliens I S. 50, II, 155, 
der c. obi. Lasare Atre perill. S. 168, Ladre Amis et A. 2879, öfter 
Lazaron*^ Roland 2385, G. de Viane 2403, Gui de Bourgogne S. 30, 
121, Renaus de Montauban 277, 10, dritte Redaktion der Alexius- 
sage S. 29g, Rendus de Moiliens II, 156, G. de Coincy 176 V. 612, 
Chanson des Saxons II, 3 2.3 Eine ältere Form von Ladre ist 
Lazere in einer pikardischen Urkunde, die Neumann, Zur Laut- 
und Flexionslehre des Altfr. S. 105 anführt, Lazre ebd., Leben des 



* hrsg. von E. Koscbwitz. 3. Auflage. Leipzig 1895. 

* Mit Flexions-J begegnet Lazarons als Nominativ im Rendus de Moiliens 
II, 157, 158; auch das unveränderte Lazarus kommt vor (: y^esus)^ z.B. in 
der Vie de Madeleine des Guill. Ic Clerc (Herrigs Archiv 64, 87). 

' Die Form Ladre (als Eigenname ; als Adjektiv hat sich ladre bis zum 
heutigen Tage erhalteo) ist noch im 15. Jahrhundert üblich: Ladre won f rere 
point ne lieve, Jubinal, Mystères inédits du quinzième siècle II» 150, Ladre, 
vien hors! ebd. 154, Ladre, car nous conpte la peine D"^ enfer ebd. 170. 
Andrerseits läfst sich beobachten, dais Amoul Greban in seinem grofsen 
Mystère de la Passion (p. p. Gaston Paris et Gaston Raynaud, Paris 1878) 
diese Form nicht mehr anwendet; er gebraucht vielmehr für beide Casus nur 
die Form Lazaron; so 14027 (: obligeront vgl. Lazaron, vien hors! 15072, 
Lazaron 15592 {;, SQVon)^ 1 6 109 (: resurrection), 2CX)52 (: demonstraa'on). 



HUGO ANDRESEN, ZUR KARLSREISE. Ill 

heil. Thomas hrsg. von I. Bekker S. 28. Allein bei Einsetzung der- 
selben wäre der Vers noch um eine Silbe zu kurz, während Le 
chief Saint Lazaron der Silbenzahl genügen würde. 

V. 196. Hs.: Ore ueit li pat'archef ¿Leu/ i fait uertut, Text: 
Or veit li patriarches Deus i fait granz vertuz. Näher liegt es an- 
zunehmen, dafs nach patriarchef der Schreiber ein que ausgelassen 
hat ; also vermutlich : Or veit li patriarches que Deus i fait vertut, 

V. 231. Hs.: Si fift il puf car hen en gardât fa feù Der 
Herausgeber setzt Si fist il puis encore^ bien en guardai sa feit. Das 
Wörtchen car zu unterdrücken und andrerseits das steife encore 
einzufügen empfiehlt sich nicht. Statt car hat wahrscheinlich carV 
in der ursprünglichen Ueber lieferung gestanden = Carlemaignes, 
wie 365 und 400, und es wird zu lesen sein: Si fist puis Charle^ 
maignes, bien en guardai sa fei, 

V. 238. Hs.: Cu il lût entendut fi orent le queref mVt leez\ 
Text: Com il Vont entendut^ liez ont les coers assez. Eine so starke 
Aenderung der überlieferten Lesart geht nicht wohl an. Die Besse- 
rung mufs sich zunächst auf das in der Assonanz stehende Wort 
beschränken und von der Frage ausgehen, ob leez nicht aus einem 
andern ähnlichen Worte entstellt sein kann. Dies Wort scheint 
nur levet zu sein, und der Vers könnte gelautet haben: Com il 
Vont entendut s^ orent les coers levez. Vgl. Auberi (Toblers Mitteilungen) 
60, 29 : Li portiers Voit^ li euer s li est leves, 

N.2^22, Hs.: Si fenz garde remaint io creim q ele foit ^due, 
Text: Se senz guarde remaint, criem qu*ele seit perdue. Diese Emen- 
dation wird deshalb abzuweisen sein, weil das jo im Nachsatze vor 
criem kaum fehlen darf. Andrerseits ist aber das Pronomen ele 
nach altfr. Sprachgebrauch entbehrlich, daher zu lesen: Se senz 
guarde remaint jo criem que seit perdue, 

V. 381. Wegen brasme s. Ztschr. XXII, 84 Anm. 

V. 384. Hs.: Mrt fut gref H oragef 7 hiduf 7 coftif. Sollte 
vielleicht in coftif mit dem nichts zu machen ist, restis „unbändig** 
stecken? r und e in reftif brauchten nur schlecht geschrieben zu 
sein, um die Verderbnis hervorzurufen. 

V. 430. In dem Namen der Fee Mafeuz sieht Suchier das altfr. 
Mahelz oder Maheuz = Mathildis. Dasselbe hatte schon E. du 
Méril (Études sur quelques points d'archéologie et d'histoire litté- 
raire S. 398) gethan und zugleich die beachtenswerte Ansicht auf- 
gestellt, dafs hier eine freilich unklare Reminiscenz an die Königin 
Mathilde, die Gemahlin Wilhelms des Eroberers, vorliege, die ja 
der Tradition nach bei Herstellung der berühmten Stickerei von 
Bayeux in hervorragender Weise beteiligt war. Haben wir die 
Sache in der That so aufzufassen, so ist statt des handschriftlichen 
Li cutiiuref fud honf q Mafeuz uuerat vielleicht zu lesen Li cover- 
tors fut bons que Maheuz aovrat, 

V. 508. Hs.: Veez cele grant pelote une greirC ne ui meif. Der 
Herausgeber fafst (in der dritten Auflage wenigstens, in den beiden 
vorhergehenden nicht) die erste Hälfte des Verses als Frage auf 



112 VERMISCHTES. II. ZUR WORtGBSCHICHTB. 

und unterdrückt grant vor pelote, Ersteres ¡st nicht notwendig. 
Letzteres, schon wegen graignor, kaum statthaft: grant kann 
nicht gut entbehrt werden. Wohl aber ist es erlaubt zu lesen Vez 
cele grant pelote^ one graignor ne vi mais. Vgl. V. 95 sowie Ztschr. 
XI, 351, wo gezeigt ist, dais die Schreibung vez für veez häufig 
begegnet 

V. 675. Hs.: De/ ga q; er sair dtfi/tef g^nt folie fud. Der 
Herausgeber verbessert diesen um eine Silbe zu kurzen Vers da- 
durch, dafs er nach dem Vorschlag von Suchier (Ztschr. I V, 4 1 2) 
grande für grant setzt: Des gas qu*erseir desistes grande folie fut. 
Diese Besserung kann man sich gefallen lassen, da die Form grande 
V. 788 durch die Assonanz gesichert ist. Trotzdem möchte ich 
glauben, dafs tresgrant folie zu lesen ist, denn grade tres kann 
vom Kopisten vergessen worden sein wegen der Aehnlichkeit mit 
der letzten Silbe von defiftef, besonders wenn er es etwa wie V. 57 
in der Abkürzung tf vor sich hatte. 

V. 732. Hs.: E vint al palaif u car leih seait. Der Herausgeber 
liest // en vint al palais la ou Charles seeii. Eine einfachere Emen- 
dation der ersten Hälfte des Verses giebt V. 747 an die Hand 
(Vint errant) f nämlich Errant vint al palais; für die zweite Hälfte 
empfiehlt sich die Emendation Foersters: u Charles se seeit. Der 
ganze Vers würde demnach lauten: Errant vint al palais ou Charles 

se seeit, __ 

Hugo Andresbn. 



IL Znr Wortgeschichte. 

z. Zu Rudows Rumänischen Wörtern 
Ztschr. Bd. XIX und XXH. 

arfin weifser Baumwollenstoff (XXII, p. 222) 

stimmt lautlich genau zu russ. arëin ^ Elle. Die Bedeutung, 
welche das zu letzterem gehörige Adjektiv arèinnyi (arëinnyi tozvar 
^ Ellenware} sowie das Derivatum arëinnic (= Ellenwarenhändler) 
haben, leitet auch begrifilich unschwer zu der Bedeutung des mm. 
Wortes hinüber, sei es dafs dieses zunächst Ellenware überhaupt 
oder von vornherein eine häufig gebrauchte besondere Sorte von 
Ellenwaren bezeichnet hat. 

coròan, daneben curbam Opfer (XIX, p. 422). 

Hebräisch qorhatiy ein in Levit. und Num. nicht selten wieder- 
kehrender Ausdruck, bedeutet gleichfalls Opfer und zwar ganz im 
allgemeinen sowohl das blutige wie das unblutige, eigentlich Dar- 
bringung. Freilich denkt man bei einer Entlehnung aus dem Se- 
mitischen zunächst an ein arabisches Etymon. Ein solches wird 
nun allerdings bei Gesenius, Hand-Wtbuch für das A. Test, unter 
qorhan nicht gegeben ; dagegen wird bei dem zu Grunde liegenden 



G. DB GIIBGORIO, ANT. SIC (a La) LIRTA. 1 13 

Stamm qarahh eine Entsprechung aus dem Arab, aufgeführt, und 
so darf man das rum. Wort vielleicht doch als ein Lehnwort aus 
dieser Sprache betrachten. Jedenfalls ist sein semitischer Ursprung 

^^^^®^- G. Pfeiffer. 



2. Ant sie. (a la) Urta, 

La voce ¡tría del modo avverbiale dato nel titolo, e anche 
in quello di allirta^ si rinviene nei codice delle Consuetudini di 
Messina, di cui abbiam dato notizia in Zischr.f. rom.Philol. XXIV 421. 
Noi r abbiamo già citata occasionalmente {^hid, 421, 423) e dichia- 
rata importante, senza indicarne T etimo, che soltanto ora riusciamo 
a scoprire con sicurezza. Dal contesto si vede che la vendita 
degli animali a la Urta equivalga a vendita di animali "in piedi", 
"vivi", o, come si direbbe oggi in sicil., **a//' aggrttta*\ Questa 
voce non ha però da fare con Urta, che invece, secondo il nostro 
parere, fondato sulle ragioni fonetiche e semantiche, si connette 
coir it air erta (per es. nella frase: sentinella alV ertal Achtung, 
Posten!), sost erta, col fr. alerte, collo sp. alerto. Il significato più 
genuino di queste voci è quello che rimane al sostant it. erta, 
luogo per il quale si va ali* insù, o luogo ripido, "erelRT", •che , 
appunto ha rivelato 1' etimo * er (e) tus, Part. P. P. di *ergo = 
erigo (Cfr. Körting N. 2833). — Che T iniziale / non appartenga 
alla radice della voce, ma solo rappresenti V articolo concrezionato, 
come nel sic. (/a) léddìra, {la) lapa, it. ellera, ape, lo mostrano anche 
i riflessi del francese, che accanto a alerte, ant alairie e alerte 
(spagn. port alerta^ ha à Patrie, à Verthe, che da La Curne {Diet, 
hist, de Pane, fr) e da Littré [Diet, de la lang,/r) si sono appunto 
attribuiti all' it alP erta. 

La tonica /', rispecchiante e chiuso del lat. volg., è regola- 
rissima per r epoca a cui risale il codice (Cfr. De Gregorio, Saggio 
di Fonetica siciliana §17), e più genuina del moderno e di alt erta, 
che proviene dall' italiano. 

Giacomo De Gregorio. 



2ekMhr. £ rom. PhiL XXV. 8 



BESPRECHUNGEN. 



Fio Bajna, Le fonti dell'Orlando Furioso; ricerche e studi; seconda 
edizione corretta e accresciuta. In Firenze, G. C. Sansoni, Editore, 1900; 
pp. XIV- 631. 

Ripresentando dopo un quarto di secolo questo libro cosi universal- 
mente noto e tenuto in pregio, V A. mostra come dall' idea di " una semplice 
ristampa con un certo numero di aggiunte" sia passato al più largo pro- 
posito " di una revisione accurata . . . dal principio alla fine ". Ma è pur da 
notare, che se rivedendo 1' opera sua ha potuto giovarsi e di nuove ricerche 
proprie e di nuove pubblicazioni, ben raramente gli occorre di modificare i 
risultati a cui venne si gran tempo addietro; questo ci prova come anche 
potendo sembrare qua e là suscettibili di qualche ringiovanimento o accresci- 
mento, le Fottìi dell* O , F, avevano sfidato con la lor fibra robusta i danni 
deU' età. 

Non molto di nuovo è nell' Introduzione, dove oggi come allora l' A. 
può lamentare la mancanza di uno studio complessivo rigorosamente cri- 
tico sul ciclo brettone, intorno al quale *Hanta è ancora 1' oscurità che le 
più antiche tracce della presenza della materia di Brettagna nel mondo' ro- 
manzo paiono fino a qui scorgersi in Italia, ossia in un paese che non pre- 
sume sicuramente di contestare alla Francia la priorità". Di molte giunte, 
specialmente bibliografiche, s' arricchisce la notizia dei romanzi francesi ed 
italiani che servirono all' Ariosto e che egli poteva in buona parte trovare, 
come mostrarono indagini recenti, nella libreria estense o in quella dei Gon- 
zaga di Mantova. Ma più interessa veder opportunamente confermati quegli 
apprezzamenti generali sul poema, che il Canello ebbe a combattere viva- 
mente da queste pagine. "Per l'Ariosto l'arte stessa diventa fine", è il 
parere del Rajna, come fu già del de Sanctis, del Gaspary, del Carducci: se- 
condo il quale "la finalità del poema romanzesco è in sé stesso", mentre il 
nostro rimpianto romanista cercava di scorgervi alti intendimenti civili. 

Non è possibile, nel breve spazio che ci è concesso, notare tutte le 
giunte e le modificazioni che occorrono quasi ad ogni pagina; basti far cenno 
di alcune novità introdotte intomo a qualche episodio più rilevante. Ad 
illustrare, p. es., "1' aspra legge di Scorzia" da cui è minacciata Ginevra 
l'A. può giovarsi ora di un romanzo spagnuolo del quale non aveva potuto 
conoscere innanzi che la versione italiana: la Historia de Grisel e Mirabella, 
di Juan de Flores. E quella novella degli Hecatommiti [Intr, nov. IX) che 
parrebbe ispirata dall' episodio ariostesco di Ariodante e Ginevra, deriva pur 
essa direttamente da un romanzo spagnuolo a cui l'Ariosto attinse, Tirante 



PIO RAJNA, LE FONTI DBLL^ ORLANDO FUtaOSÖ. II5 

el Blanco ; un romanzo che Isabella d' Este leggeva nel 1500 e che Niccolò 
da Correggio cominciò a tradurre molto prima che Lelio Manfredi pubblicasse 
la traduzione sua il 1538. — Facendo un salto a' soggiorni di delizia come 
quello d' Alcina, è notevole l' osservazione, che non in Italia ha cominciato a 
trasformarsi il carattere originariamente nordico di quelle descrizioni (cfr. gli 
haus pins del Roman de la Rose che divengono gli altissimi pini della 
Teseide), ma già nella Francia medesima; dove singolarmente meridionale, o 
addirittura orientale, è una descrizione di Renaut de Beaujeu nel Bel Desconeu. 
E poiché ho citato il Boccaccio, ricorderò che nelP episodio di Astolfo tras- 
mutato in mirto il Rajna osserva un rapporto col Filocolo il quale influì 
anche, almeno in parte, sulla metamorfosi cui sono condannati da Aldna i 
propri amanti. A proposito di Alcina troviamo anche qualche nuova notizia 
bibliografica sulF interpretazione allegorica del poema; allegorìe affini a quella 
del famoso episodio avevano adoperate poco innanzi nei loro poemi Girolamo 
Benivieni e Ottaviano Fregoso. D' altra parte, nuova messe di riscontri e di 
fonti illustra le muraglie luminose di Logistilla. L' apparizione di Melissa, 
con mutate spoglie, a Ruggiero, per strapparlo alla voluttuosa chiavilù, deriva 
— com' era già noto dalla prima edizione — dall' apparizione di Mercurio 
nell' Eneide e da un' altra del Mambriano ; se io mettessi accanto a questi 
due antenati un episodio della Teseide, sarebbe soltanto perchè il nome del 
Boccaccio ricorre spesso altre volte nelle pagine del Rajna. È notevole che 
se Melissa si trasforma come ha fatto già Malagigi nel Mambriano, si tras- 
forma anche l' ignoto dio che apparisce a Teseo; il quale 

Nel dolce tempo che il ciel fa belle 
Le valli e' monti d' erbette e di fiori {Tes, II, 3) 

se ne sta *'in im Giardin pensando a suo diletto", come Ruggiero starà solo 
a godersi **. . . il mattin fresco e sereno Lungo un bel rio" (Or/, /^«r. VII, 53). 

Fra le pagine più arricchite e rinnovate sono quelle intomo alla novella 
di Giocondo ed Astolfo,^ grazie ad indagini recenti sul libro delle MUle e 
una notte ed a nuovi riscontri orientali; è ricordata ima novella del Sercampi 
(n. 84, ed. Renier 1889), che viene a mettersi accanto all' ariostesca, senza 
esser legata a questa da alcun rapporto diretto, bensì derivando entrambe da 
un progenitore comune. 

Sulle considerazioni generali che chiudono il volume, il Rajna non in- 
dugia pili che non abbia fatto nella prima edizione, e questa misura non parrà 
eccessiva o chi pensi come l'indagine, fatta a questo modo, non solo contiene 
tutti gli elementi pel giudizio estetico, ma dice per sé stessa più di qualunque 
apprezzamento generale. Accompagnano il volume due nuovi indici; 1' uno 
segue passo per passo il poema, rimandando alle pagine corrispondenti; l'altro 
è un elenco delle fonti e dei riscontri che giova anche come quadro comples- 
sivo a mostrare i varí affluenti, le fonti maggiori, i più modesti rivoli che 
versano le loro acque nella riviera ariostesca. Cosi ora, piii che mai, il Car- 
ducci potrebbe ripetere un giudizio dato già sulla prima edizione, alcuni anni 
or sono: "un libro ove nulla, credo, si desidera". 

^ A proposito di Astolfo e del suo viaggio lunare, piace veder accettato 
dal Rajna l' acuto parallelo che B. Zumbini fece fra 1' episodio ariostesco e la 
Stultitiae laus di Erasmo da Rotterdam. 

Paolo Sayj- Lopez. 

8* 



Il6 &ESPRECHUNGBN. 6. WËIGAND^ 

G. Alezioïy Tcfxte din literatura poporanS romînS. Budapesta 1899. 

Verfasser, Privatdozent für Rumänisch an der Budapester Universität, 
bietet uns S. i — 270 eine Reihe von Liedern aller Art mit Ausnahme der 
lyrischen Gattung nebst einigen Prosatexten, die er auf Ferienwanderungen 
in einem Zeiträume von 15 Jahren unter den ungarländischen Rumänen ge- 
sammelt hat. Sieht man genauer zu, so findet man, dais dem Umfange nach 
die Produkte aus Straja im Banat beinahe die Hälfte des gesamten Materials 
bilden, dann ist das Arader Komitat durch mehrere Gemeinden vertreten, 
aufserdem noch einige wenige Gemeinden in Bihor und sonst zerstreut, eine 
besondere Mannigfaltigkeit darf man also nicht erwarten. Die angewandte 
Transskription ist so unkonsequent wie nur möglich, angeblich hat der Ver- 
fasser sich nach Miklosich gerichtet, aber davon merkt man gar nichts. Die 
Palatalen werden z. B. wiedergegeben durch f, cP, V (in der Vorrede S. XIII 
steht infolge eines Druckfehlers /), ñ (warum nicht li), if (warum nicht á, 
beide sind doch ektypische Zeichen), z ^ /* ge {t gi (¿ muCs also é und z 
vertreten, denn es kommt doch auch in den besuchten Gemeinden ¿ vor : jale, 
jupân etc.); e bedeutet langes offenes e (e), vertritt aber auch den schweben- 
den Diphthong eà (f), also schreibt er grSle fur grän und daneben in dem- 
selben Stücke grätal Seite 95 u. 97 steht ,,ïâsta ^ ist" aus Straja, an andern 
Stellen, z. B. S. 56, aus demselben Orte üsfel Derartige Ungenauigkeiten und 
Fehler finden sich genug in dem Buche, was auch nicht zu verwundern ist, 
denn S. 293 giebt Verf. an , er habe Stenographie beim Niederschreiben be- 
nutzt. Wie dabei eine phonetische Genauigkeit erzielt werden soll, vermag 
ich nicht einzusehen. Sandhi-Erscheinungen sind gänzlich vernachlässigt. Da 
er das rumänische Publikum besonders im Auge hat, wäre wohl die phone- 
tische Umschrift überhaupt überflüssig gewesen, umsomehr als das meiste aus 
dem Banater Dialekt stammt, eine einheitliche Bezeichnung durch die gewöhn- 
liche Orthographie recht gut möglich war, wenn in der Vorrede auf die Be- 
sonderheiten der Aussprache hingewiesen worden wäre. Etwas anderes ist 
es, wenn man sehr verschiedenartige Dialekte behandeln will, da mufs man 
mit der gewöhnlichen Orthographie gründlich brechen, sonst müfste man mit 
demselben Zeichen mehrere Laute bezeichnen, was unbedingt vermieden 
werden muís. Mit der willkürlichen Kompromifsorthographie hat A. weder 
dem Fachmanne, noch dem Publikum einen Gefallen gethan. Hätte der Ver- 
fasser sich in der phonetischen Litteratur mehr umgesehen, würde er gefunden 
haben, dafs weder Miklosich, noch ich eine eigne Schreibweise erfunden haben, 
die von uns angewandten Zeichen sind dieselben, und zwar die fast allgemein 
üblichen. Den untergestellten Kreis zur Bezeichnung der gedeckten Kehllaute 
haben Diez, Miklosich, G. Meyer und andere vor mir angewandt, ich habe 
nur mehr derartige Laute kennen gelernt, als die genannten, daher auch das 
Zeichen öfter anwenden müssen. S. 274 — 294 bringt Alexici eine Reihe von 
Bemerkungen zu den mitgeteilten Liedern, deren Wert darin besteht, dafs der 
mit der magyarischen und serbischen Sprache vertraute Verfasser die betreffende 
Litteratur zum Vergleiche heranzieht; in der vergleichenden Folkloristik 11^ 
überhaupt die Stärke des Verfassers. In einem zweiten Bande wird A. das 
lyrische Material behandeln, ein dritter soll die Grammatik und das etymo- 
logische Wörterbuch enthalten. Hoffentlich läfst der letzte Band nicht zu 



G. ALEZICr, TEXrE r 



I LITKRATÜRA POPORANA ROHIIÏA. 



[17 



lange BOf sich varíen, denn der Leser verrDifst gar ofl die Erklarung dia- 
lektischer Wörter, ein winn auch nur liuries Glossar wäre gewifs aehon beim 
ersten Bande am Platze gewesen. Was mir am wenigsten an detn Buche ge- 
fallen hat, ist die Sprache ilcs Verfassers, die in der Vorrede und in den Be- 
merkangen am Sclilusse lum Vorschein kommt. Nicht nur Germanismen und 
stilistische Fehler, sondera grobe grammatische Fehler sind so häufig, dafs 
man manctamnl bezweifeln mufs, ob der Verfasser ein Rumine ist. In der 
Widmung carlea aceasi ist Drudifehler, ebenso S. X Sthniirr statt Schnarr, 
aber ebenda Zeile 5 von unten numai streinStñ¡Íi, S. XI S v. o. tntü stall 
íniúlí oder ee/e dìrtltm, S. XIII t v.u. aeesie statt acestea. .S. 127 ausilS 
dintr'un ¡Sran (magy. -io/), p. zjZ äoaue variante a reifindiïului ¡ubieel, 
ebenda Zeile 6 Interesant fr observa, S. 279 Z. 23 ^irul doilea etc. elc. sind 
für einen Rumänen unverzeihliche Schnitzer. 

G. Wkigahd. 



Santiago, Im- 



Anibal Botaeveiria y Beyes, Voces us 
prcnlA Elzeveriana. 1900. XXXI, 246 p. 

La hisloría del estudio de nuestros dialectos es Ian reducida, que pocas 
lineas bastan para resumirla. Borao empezó i. dar vida al movimemo dia- 
lectal con su obra sobre el aragonés, de mucha utilidad por cierto. WolET 
consagróse d investigar el andaluz, en el que &un queda gran terreno por 
labrar; Sbarbi y Rodríguez Marín han se|;uido sus huellas. Munthe, en el 
corto tiempo que visitó Li parte oeste de Asturias, hacia Cangas de Tineo, 
recogió datos preciosos, y los recopiló en aa trabajo que dió ¿ luz en sueco. 
Simonet, no creo debe ser excluido de esta lista somera; en su glosario hay 
formas dialécticas muy interesantes. Jovellanos despenó en su pais la añcióa 
al estudio del asturiano. Caveda le ha seguido en él, con su colección de 
poesías. Vigil, con su obra magna de antiguos textos y documentos. Rato 
de Arguelles publicó una obra importante, calificada de algún Unto de- 
fectuosa. Accvedo, su critico, ha escrito mucho en periódicos, sobre el astu- 
riano también, y es quizá el que mejor sabe el bable. Araujo dió i, conocer, 
en forma galana, una serie de vocablos salmantinos, en la revista de Vietor. 
Menéndez Pidal ha escrito uo trabajo sobre el Dialecto de Lena ¡Aslnrias). 
Yo he recogido vocea santanderinas y vizcaínas en una obrita, que do cita el 
Sr. Blehevenla, aunque otras tres mías han merecido acogida en la respetable 
lista de bibliografia, que ocupa 20 páginas. No menciona tampoco el notable 
Vocabulario dialectológico del concejo de Coluuga (provincia de Oviedo) por 
Braulio Vigón. 

En la península, casi nadie se ocupa de estas labores, teniendo infinitos 



elementos vi 

guaje aulLguo. No tenemos 
nadón que da á España qui 
BÜcionado al estudio de It 
dar con una obra tan pací 
estas lineas. En 
cuenta 246 pigiai 



:oales nos llevan al c 

□ grupo de ñlólogos entusiastas como en Chile, 

: y raya en punto á rom-mismo. A un espaflol 

dialectos, tiene que procurar verdadero placer 

1 pacienzudamente acabada como la que es objeto de 

I posibilidad completa de ocuparme del libro entero, que 

e limitaré á lo más escndal é importante, el vocabulario, 



Il8 BESPRECHUNGEN. P. DE MUGICA, 

en el cual empiezo por echar de menos un estudio etimológico, que falta en 
todo el texto. Por ejemplo: achicharrar y achucharrar, de achuchar, dar 
achuchones (voz nueva en el diccionario académico); achunchado, atontado; 
aro, igual á ¡halo!; arrollar, arrullar, de rolla, niñera; la idea de barreno, 
figurada, se relaciona con la francesa sete, sierra; batea, artesa, es un femenino 
de bateo, pronunciado asi en francés antiguamente, por el actual bateau. 

Del castellano antiguo : abajar, acetar, agora, aguaitar, amatiste, aojar, 
asecho, aumentación. 

Palabras y acepciones castellanas: acaparador, acaparar, accidentado, 
tomar acta, afeitarse, agredir, ajenjo, ametralladora, amodorrado, amolar, 
andar, anilina, animalada, antiescorbútico (admitida), año escolar, armònium, 
arnera (harnero, harinero), arnés (harnés, del francés harnais)^ arrempujar, 
arrope, asafétida, ascensor, asistente, atenazar, atracón (hartazgo), barbaridad 
(gran número). 

No por dejar de haber admitido la Academia, son dialécticas las voces 
siguientes: acreencia, alambrar, alcaldear, alemanistarse, anestesiar, anticons- 
titucional, antidiluviano, antifebril, antinatural, antipirina, antirevolucio- 
nario, antisifilitico, automóvil, avalancha, bacteria. 

Como en todas las repúblicas hispanoamericanas, hay en Chile muchos 
galicismos: absurdidad, adresse, alienado, amateur, argot, arrière pensée, 
attaché, au revoir, bacará, baignoire. Bale, ballet, banal, banalidad, 

Anglicanismos: ail right, association football, at home, baby, back, 
ball, bar, 

Italianismos : bambino, 

Alemanismos : apollinaris, 

Dialectismos usados también en Vizcaya: almohadilla por acerico, ama 
seca, apa, arismética. 

Los vocablos no admitidos por la Academia (ó mal explicados por ella, 
por ejemplo, avenida, azafate\ debió haber colocado el autor en capitulo 
aparte, por no ser verdaderos dialectismos v. gr. los que he enumerado en el 
tercer grupo; los extranjerismos, merecían también capitulo aparte; las voces 
y acepciones castellanas están de más. Esta confusión es peligrosa para un 
filólogo extranjero, quien tomará por chilenismo lo que es castellano puro, ó 
vez admitida, aimque forastera. Además, en pimto á la ortografía, lo mejor 
habría sido, aparte del texto de explicación, seguir la académica para no 
aumentar el enredo, escribiendo, v. gr. ¡halo I, ¡haro! Conforme con el autor 
en mencionar los vocablos indecorosos, cuya malicia tanto más pierde cuanto 
más gane la explicación etimológica. Me extraña no dte, v. gr. cojonudo, que 
pndo ver en dos obras mías, donde notó, v. gr. acacharse, ajiaco (admitido 
ahora), alienado, andada, anexionar, apesar. En punto á erratas, he visto 
una en la pág. 127, en aperos. 

Examinado en conjunto, es el trabajo excelente, y por él doy la enhora- 
buena á mi paisano, de apellido al menos. 

P. DE Mugica. 



echevbkkIa y reyes, toces usadas en c 



para esas reflexione 

aclual, tan remalad^ 

En li Academ 

»btieaeti; q¡ ellos n 



DiooioDario de la Iisngua Castellana por la real Academia EspañoUk 

13.' ed. Madtid 1899. 22 pesetas. 

En estos 30 aHüs, li lengua ba ganado considerablemente tn vocabloi 
modernos, y el romanismo ba adelantado de un modo portentoso. Pao m 
alguien quiere conocer el novísimo lenguaje, no acuda al tal Ifxico. Si el 
I académico debe ser reflejo fiel de la manera de pensar y hal)lar 
li pais, hay que confesar que el últimamente aparecido es muy ma! espejo 
. Quien posea la anlerioc edtdán, que no adquiera la 
nenie mala como aquella. 

a hay varios académicos á la moderna, pero como si oo 
ismos se ocupan del vocabulario. En primer tugar, Galdóa 
es un modernista, aunque pareica eslraflo, estando en el "dob de los inú- 
tiles". De haberse admitido sus modernismos corrientes, hoy el léxico tendría 
unas cuantas páginas más. Pereda moderniza la lengua con anliquismos 
pasados por dialectismos. Velera, de la colección de momiie del diccJOBario, 
moderniza también. El ?. Fita, etimologista eterno, vive cQ el timbo. 

Para un alemán, deben ser interesantes estas etimologías: alfarda, 
ani. al. Farfjan, tinte; aliso, al. £Vjr, ani. alto al. Elisa; atrever, al. an- 
ítrtben; banco, ani. allo ^. Bank; banda, godo Bandi; brindar, tX.bringin; 
elida, al. Kleid; china, gut. Stein; deslizar, gol. sliuthan; eferlano, al. Spier- 
lin¿; esbardo, al. Bar; escanciar, al. schenken; eicaramuia, ant. alto al. ster- 
nìan, combalii; esquivar, ani. allo al. skiuhan; estaca, al. Stach; fideos, aL 
Fäden; fino, 3\. /tin; for nicer, gol. F ruma; frac, f\. Frack; fraguar, godo 
■BUrkjan. trabajar; gamin, al. Haar y binden; gerifalte, at. Geierfalk, de 
Geier y Falk; goldre, al. Uolfler, vaina; grija, al. Grits; grímpola, al. 
^imfiel; guaita, ant. al. viafhaH, asechanza; guardar, ant. alto al. warten; 
guarentigin, al. Kiarant; guarir, got. viarfan, proteger; guiar, germ, -iiitan; 
hincha, al, Feindschaft; huta, ani. alto al. Hutía; lastre, al. Last; maceta, 
al. ¡iätst, del ant. verbo «tuasan, adornar; mueca, al. Afdulchen; olear, git 
waht, vigilar {so wat/); fie%a, al. Feiten, pasando por el latín; pifiar, al. 
pfeifen: ralea, al. Reihe; randa, al. Sand; rofa, ant. alto al. roubón, de 
rauban; rufidn, al. rufer, de rufen. ¡Qui sapiencia! 

Faltan miles de vocablos y de acepciones, además de tos miles que 
consigné en mi crítica del diccionarío anlerior. Solo hablaré de dos ó ties, 

Ignoro si Sagasta es ó no autoridad en la Academia; pero i veces 
maneja bien la lengua, v. gr. al decir: "podría yo hablar con más despacio"- 
Un vocablo excelente no ealá aún admitido; "siete aDos de diferencia' 
dan ha tenido el Sr. Silvela con el Sr. Cánovas del Castillo". Ni esta 
acepción: "los pobres de espirítu censuran i Cánovas porque no ha dimitidt 
al duque de Tetuin". 

Embrollo es abrojo, maraña, enredo, confusión, embuste. Con sobrada 
verdad dice un critico de mi "Marafia del Diccionario", ocupándose de la 
que han armado los inmortales en su mamolrelo lexicográñco: "el dicciooario 
de la Academia es un embuste inventado para enredar ó descomponer el 
negocio del idioma", del cual negocio hablo en otra revista alemana. Em- 
buste era antes del griego, Y maraña también del griego, látigo, correa, to 
que se necesita para destruir la maraüa del diccionario, y empleó el crítica 



I20 BESPRECHUNGEN. P. £E MUGICA, 

Valbuena, el único que ha conseguido se corrija algo. Ahora embuste es 
impostura y maraña miscelánea. Aquí de Cervantes: "yo sabia toda su 
maraña y embuste**. 

En punto á gramática, sabido es que la Academia la conoce mal, vaci- 
lando constantemente, y aferrándose lo más posible á las antiguallas, sin 
hacer caso del desarrollo de la lengua. Solo aduciré un par de ejemplos. 
Dice que fin es de ambos géneros, y no es cierto en absoluto; es solo feme- 
nino en la frase "la fin del mundo", nada más. "Za, suele anteponerse á 
nombres propios de persona de este mismo género"; falta añadir "de personas 
del pueblo, del teatro y de la nobleza madrileña". Que maguer equivalga 
precisamente á aunque {aun que) no es cierto, v. gr.: "maguer que** (aunque 
quel) "era blanco, negro se va tomando" (Poema de Alejandro); mejor sería 
poner como equivalente no obstante. En maravedí, no nos dicen si se usa 
ó no el primero de los tres plurales: maravedís \ yo puedo asegurar que hoy 
en día es el único empleado. Remanir es plancha; el participio remanido, 
del Poema del Cid, les llevó à los usías á ese infinitivo, que es remaner, 
del Poema de Alejandro. Primera espada, escribían antes, no primer, como 
se dice y escribe siempre; ahora ponen prtmer, ó primera espada. 

Tocante al lenguaje usado en las definiciones, es un revoltijo de varias 
épocas, habiendo en ellas vocablos cuyo significado actual es ya distinto de 
todo punto. Arromadizarse es "contraer romadizo", esto es, resfriarse. 
Lastimarse, "dolerse del mal de uno", es decir, condolerse. 

Otra plaga, combatida rarísima vez. El diccionario sigue remitiendo del 
vocablo moderno al antiguo, v. gr. de anticipo á anticipación, de empalago á 
empalagamiento, de hendidura á hendedura, de sallar á sachar. 

En la ortografia, no me quiero meter á fondo. Tengo una lista larga 
de voces sin h que la llevan en la etimologia académica, y á la inversa. 
Solo entresacaremos: ábelmosco, acá [á^ hac\), acerico (át facies}), aciche (de 
asciai), afice, aina, airón (de heigerel), alabarda, alacena, alache (y alece, 
aleché), alajú, alamar, alara, albergue, alentar, aleta, almete, aloque, alto, 
ambleo, anafe, anguarina, ansa, anseático, aña, añacea, aquel (de hic\ ille), 
etc. Lo mismo digo de la ¿ y la v: abano, abigarrado, abigarrar, abogado, 
abogador, abogar, etc. Cita hibernal, hibernizo, hibiernal, hibierncu^, ser la 
estación de invierno, hibierno; pero no hinbierno ó himbierno. Este es el 
inconveniente que tiene meterse en líos etimológicos respecto á la escritura 
pedantesca; y eso, etimologizando mal. 

La Academia debiera haber adoptado este lema, de Fray Gerundio: 
"Huye cuanto pudieres de voces vulgares y comunes, aunque sean propias." 
Solamente en la A^ se dejó en el tintero lo menos 200 vocablos novísimos 
corrientes. 

Erratas no anotadas: pág. 106 echas por echar (en aterrar), pág. 228 
citaredo por diarero (ó acaso error), p. 229 clanga (ó error), pág. 325 des 
segundo artículo contarcc, por contracc, pág. 349 ir. ausent por auvent, 
pág. 599 lat, lévite ^or fr,, pág. 916 siluriano por siluriano, pág. 996 unir 
(del untre), falta latín. Dicen que es errata prismática por piramidal; eso 
se llama error. Y espirar por expirar; la errata no existe tampoco, sino 
el error, Y que donde dice ambajes debe leerse ambages; ¿cómo ha de 
corregirse?; ese es un tercer error. P. DS Mugica. 



DICCIOMARIO DE L\ EBNGÍJj 



CASTELLANA. 



G. Bertoni, Studi e ricerche sui trovatori minori di Genova, Wir 
erhalten hier die eiste Ansbeote des bekannten glücklichen Fundes Bertoni'!. 
Neun neue Gedichte, wovon acht Teazooea sind, bilden zusammen mit einem 
Sirventes von Luqust Galelus (n" X), das, wenn auch nur teilweise leserlich 
und unter loderem Namen von r überliefert, schon publiclert war, die Unter- 
lage far eine émeute, mit Sorglnit voigenomiaene und hier ond da noch ein 
unbekanntes Datum beibringende Untersuchung über die Lebensverhältnisse 
der kleineren genuesischen Trobadors, nämlich von Percival Doria. Jacme 
Gril, Luca Grimaldi. Scot, Simon Doria. Luquel Gatelus ; nebenbei wird auch 
L. Cigala behandelt (S, 15—18). Etwas mehr Votsicht wäre sleilenweise ganz 
erwönscht gewesen: weno es auch gut möglich ist, dah der Guilhem, mit 
welchem L. Cigala eine Tenzone wechselt, Guilhem de Montanhagol gewesen 
(S. 17), so verbietet es doch die philologische Methode, ein [Je Montanhago!'] 
in der Üeberschiift hiniusulagen (S. 35); die sonst nicht gestützte Angabe 
Ciescimbeni's von der Verwandtschaft zwischen Simon unii Percival Doria 
mufsle, wenn überhaupt, mit Vorbehalt wiedergegeben werden (5.14]; die 
vorhandenen Aohallspunkle genägea nicht, um zu sagen, dafs Lantranc Cigala 
eon tulla frobabilìlà ein Bruder des Nicola Cigala war (S. 16); ein Beweis 
dafür, dali Sordel an der Schlacht bei Benevent teil genommen habe, wird 
durch das Sirvenles des Gatelos nicht geliererl (S. 55); ist es so sicher, 
dafs der letztere Trobador mit dem Herrn von Lesbos und Aenos (nicht 
Xen«) identisch sei (S. it)} Die S. 14 stehende Anm. 1 gehört an den Schlufs 
des Abschnittes über P. Doria, denn erst hier <lrûckt B. Iilar seine Mei- 
nung aus, nämlich dafs zviei Percival Doria gedichtet haben, von denen der 
erste Ghibelline und auch italienischer Dichter, der zweite Weife (für diesen 
ist nur Nostradamus Zeuge) gewesen sei. Dafs dti Vater von Luca Grimaldi 
Hugo hiefs und dais Luca 1257 Fodeslì von Floreoï war, hatte ich schon 
Zs. f. rom. Phil. IX, 406 nachgetragen (S. 12). Den Simon Doria, welchen B. 
zum Jahre Ijtl nachweist — es ist keine Uiliundcnstelle — kann ich nicht 
als mit dem Trobador identisch ansehen, der schon 1153 urkundlich erscheint 
— ido Vater war damals toi — und der mit L. Cigala teozoniert; es erscheint 
mir daher auch recht fraglich, ob der Albert, mit welchem Simon eine Ten- 
zone wechselt, wie B. vermutet, ein Alberto Scotto sein kann, welcher erst 
131S starb, und oh nicht doch Albert de Scstaron in Betracht iiommt, um so 
mehr als die Worte in der Tenzone ¡'emperador non evei Frederic (Seibach 
S. 106) nur auf Friedrich IL als einen I-ebenden gehen können.' Ist lj66, 
welches Jahi S. 1 6 als leUtes Datum fur L. Cigala angeführt wird, nicht etwa 
dn Druckfehler? Das Sirventes, welches r überliefert (n" 1 bei Rajna) und 
das nach Rajna 1267 oder T268 fallt, findet keine Erwähnung. Wenn S. 17 
vom Sirventes des Gatelus gesagt wird, dafs es gegen 117z entstanden 
■d, ao steht das in einigem Widerspruch zu dem S. (|; Bemerkten, wo es 

' Die von mir einmal angezogene Stelle, auf welche mich B, verweist, 
darf m. E. nicht in Parallele gestellt werden . denn hier werden von P. Vidal 
mehrere lote Herischer geuannli ïie tragt einen generellen Cbaralttct: ,ich 
will Iticbl da solcher Mann sein, wie Ludwig, Manuel, Friedrich es waren'. 



122 BESPRECHUNGEN. O. SCHULTZ-GORA, B.WIESE, 

heifst cade tra il 1 261 e ü 1273 (1261 muís hier Druckfehler sein für 1267 
oder 1268), wobei ich übrigens 1273, weil Sordel vorkommt, für ein reichlich 
spätes Datum halte. B. wundert sich, dafs man immer rCAdonella schreibt 
und nicht na Donella, allein seine Meinung, dafs der Name ein Deminutiv 
von donna sei, ist unannehmbar; wenn Donella allein begegnet, so dürfte es 
erst die aphäresierte Form von Adotiella sein, das mir zu einem aus dem Ger- 
manischen stammenden Adone zu gehören scheint (ein Madonella, das B. noch 
zur Stütze anführt, hat wieder einen anderen Ursprung). Das Sirventes von 
Duran Sartre de Carpentras, das S. 18 Anm. aus dem Cod. Campori ange- 
führt und dem in MC erhaltenen , MG. 105 stehenden Gedichte gleichgestellt 
wird, kann, wie die mitgeteilten Verse lehren, nicht mit letzterem identisch 
sein, ganz abgesehen davon, das ja hier Wilhelm von Baux gerade ang^riffen 
wird (s. Zs. f. rom. Phil. IX, 126 Anm.); es wird vielmehr dasjenige Gedicht 
sein, auf welches Duran MG. 105 Str. 4 selbst hinweist und das bis jetzt noch 
nicht bekannt war. Ponzio Amato von Cremona, der nach Restori identisch 
sein soll mit dem porc armât in dem bekannten Sirventes des G. de la Tor, 
gehört nicht in eine Linie mit Taurel und Alberico von Romano (S. 21 Anm.). 
Ueber einen Namen Panza sollte man erst dann reden, wenn man das vorauf- 
gehende Colega klargestellt hat; der Verweis auf die Annalen des Giustiniani 
genügt nicht (S. 23 Anm.); übrigens ist die Ausgabe des Nostradamus, welche 
B. ciliert, noch immer nicht erschienen. — B. hat zu seinem Artikel einen 
Nachtrag geliefert unter Communicazioni ed appunti (Giom. stör. XXXVI, 
459 — 4^0* Was hier noch von Biographischem beigebracht ist kann ich 
nicht als glücklich ansehen. Mit der Stelle im Sirventes des Aimeric de Pe- 
gulhan, wo ein Persaval erwähnt wird, ist nichts anzufangen; ich habe schon 
längst in dieser Zeitschrift VII, 205 gesagt, dafs an Perceval Doria nicht zu 
denken sei. Auch in einem zweiten Punkte hätte B. besser gethan, Torraca 
nicht zu folgen ; zwar hat er gewifs Unrecht gehabt S. 1 6 Anm. 4 zu sagen, 
dafs in der treva Beatrix von der Provence genannt werde, und wenn er mit 
Bezug darauf im Nachtrage S. 460 auf meine Anmerkung in der Ausgabe der 
Briefe Rambauts (ital. Uebers.) S. 170 Anm. 2 verweist, so hat er diese nicht 
genau gelesen oder sie mifsverstanden , allein wenn Torraca, der sich neuer- 
dings mit der treva besonders beschäftigt hat, einfach den Text ändert, für 
moiller ein sor einsetzt und darauf seine Datierung gründet, so wird sich 
schwerlich irgend ein Philologe mit solchem Verfahren einverstanden erklären. 
Das S. 490 Anm. bezüglich Gr. 10, 35 Bemerkte setzt voraus einmal, dafs 
Guillem Raimon nicht mit Raimon Gulllem identisch sei (Zs. VII, 231), und 
ferner, dafs Aimeric identisch sei mit Aimeric de Pegulhan, was noch nicht 
ausgemacht ist; für das gegen Zingarelli Gesagte sei auf die metrische Be- 
merkung bei Appel, Prov. Inedita S. 227 verwiesen. 

Was die Texte betrifft, so hat es B. an Mühe nicht fehlen lassen; dafs 
er schwieriger Stellen Herr geworden wäre, war nicht zu verlangen, aber 
einige Fragezeichen mehr vermifst man in den Anmerkungen, namentlich zu 
dem letzten Gedichte; so ist mir z. B. von I. 5 — 6, X, 6, 11 — 12, 16, 31 der 
Sinn dunkel. Chabaneau hat im Nachtrage schon eine Anzahl Besserungen 
gegeben; hier nur noch ein paar Bemerkungen: schreibe en für ^n Vm, 8 
(Komma nach sia)^ ia mais getrennt H, 20, ser (:= , dient') für s^er IX, 30, 
s. Appel, Chrestom. S. XXI; ves que Vili, 69 ist doch wohl umzustellen und 



GIORNALE STORICO VOL. XXXVI. I 2^ 

dann amor unverändert zu lassen; IX, 50 scheint mir fur non stehen zu 
müssen mon; im verallgemeinernden Concessi vsatz X, 29 wird ein Conjunct iv 
verlangt. An ein vtc < vivt't glaube ich nicht (Anm. zu I, 7); es dürfte = 
indi sein. Die in Anm. zu VII, 5 gemachte Annahme ist unnötig; de Lollis, 
auf den B. sich beruft, hat die betreffende Stelle syntaktisch nicht richtig auf- 
gefaist, da ein Pronomen daselbst nicht zu stehen braucht. 

O. Schultz -Gora. 

P. Sa vj -Lopez, Sulle fonti della „Teseide". Verf. zieht einige Stellen 
aus dem Roman de Tbèbes und dem Roman de la Rose an, die Boccaccio 
benutzt haben kann, um daraus zu schliefsen, dafs der Dichter kein Epos in 
klassischem Stile habe schreiben wollen, sondern nur etwas Aehnliches, aber 
Feineres, als etwa der Roman de Thebes. Dem widerspricht entschieden 
Teseide XII, 84, wo Boccaccio zu seinem Buche sagt: 

,,Ma tu, mio libro, a lor [alle Muse] primo cantare 
Di Marte fai gli affanni sostenuti. 
Nel volgar lazio mai più non veduti." 

£r wollte also thatsächlich ein Kunstgedicht in klassischem Stile schreiben. 
Ob er seine Absicht wirklich erreicht hat, ist freilich eine andere Frage und 
mufs verneint werden: die Teseide blieb ein romantisch -ritterliches Gedicht, 
dem der klassische Mantel nur lose umgehängt ist. 

G. Rua, Di nuovo intorno alle „Filippiche" attribuite ad A, Tassoni, 
Rua webt Perronis geschickten Angriff (Gsli XXXV S. 34 ff.) auf seine An- 
sicht über die Entstehung der ersten beiden Tassoni zugeschriebenen Filip- 
piche (Gsli XXXII S. 281 ff.) auf allen Linien siegreich ab imd bringt sogar 
noch Manches zur Verstärkimg seiner eignen Stellung bei. Einstweilen bleibt 
es also bei seiner durchaus einleuchtenden Darstellung der Verhältnisse (vgl. 
Ztschr. XXin S. 345). 

VARIETÀ: 

G. Fraccaroli, 'Ancora sulV ordinamento morale della „Divina Com- 
media", Anknüpfend an einige Aufsätze im zweiten Bande von Moores 
„Studies in Dante" setzt F. nochmals mit grofser Klarheit seine bekannte, 
ansprechende Auffassung auseinander, dafs die Ordnung des Höllenreiches 
und des Fegefeuers von einander unabhängig ist, da dort die Thatcn, hier 
die Gesinnungen bestraft werden. Das gemeinsame moralische Princip der 
Einteilung in Hölle und Fegefeuer ist Purg. XVII zu finden: die sündigen 
Gesinnungen sowohl wie die sündigen Thaten entspringen den drei Arten der 
verkehrten Liebe; während sich erstere aber mit den sieben Hauptsünden 
decken, muíste für letztere eine andre Einteilung gefunden werden und wurde 
des Aristoteles Ethik entnommen. 

E. Carrara, Un peccato del Boccaccio. Carrara will auch in der Liebes- 
geschichte von Affrico und Mensola einen autobiographischen Kern finden 
und erblickt darin das Bekenntnis Boccaccios, in seiner Jugend eine Nonne 
verfahrt zu haben. Die Selbstbeschuldigung des Dichters in der 15. Ekloge, 
dafs er Gott einstmals eine Färse geraubt habe, bestätigt ihm dies. Die Er- 
klärung hat entschieden etwas Bestechendes. Schon Zumbini in seinem be- 
kannten Aufsatze (Abdruck in der Biblioteca Critica della Letteratura Italiana 
N. 14 S. 18 ff.) kam der Gedanke, dafs Boccaccio hier eine wirkliche That> 



124 BESPRECHUNGEN. W. METER -LÜBKE, 6. G., 

sache behandelt haben könnte. Dafs übrigens, was C. S. 126 für ausgeschlossen 
hält, der Diana Keuschheit versprochen wurde, und dafs ein Brechen dieses 
Gelübdes Todesstrafe nach sich zog, zeigt Zumbini in demselben auch von 
C. angezogenen Aufsatze S. 14. 

RASSEGNA BIBLIOGRAFICA : 

Il primo centenario di Giuseppe Parini (Bertana, eingehende Besprechung 
von 24 im Jahre 1899 erschienenen, Parini betreffenden Schriften). — Moore, 
Studies in Dante, second series: Miscellaneous essays (Renier, besonders ein- 
gehende Besprechung des Aufsatzes über die Echtheit der Quaestio de aqua 
et terra. Er hält die Schrift nach wie vor fur eine Fälschung, imd ich gebe 
ihm völlig recht). — Carducci e Ferrari, Le rime di Francesco Petrarca 
di su gli originali (Sicardi, mit einer ganzen Reihe guter Besserungs- und 
Erklärungsvorschläge). — Lacombe, Introduction à V histoire littéraire 
(Gentile, Ablehnung der Grundanschauungen der Schrift). 

BOLLETTINO BIBLIOGRAFICO: 

Alessio, Storia di San Bernardino da Siena e del suo tempo» Bona- 
ventura, La poesia neO'latina in Italia dal secolo XIV al presente. Saggio 
e versioni poetiche. Grilli, Gli epigrammi idillici „Lu sus pastorales'* di 
Marc* Antonio Flaminio, Passerini, Raccolta di rarità storiche e letterarie» 
Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, III, Band, 
III u, IV, vielfach umgearbeitete u, verbesserte Auflage, Cipollini, Scelta 
di poesie e prose di Carlo Maria Maggi nel secondo centenario della sua 
morte. Galletti, Un poeta romantico; Carlo Tedaldi Fores, Mantovani, 
Il poeta soldato, Ippolito Nievo, 1831 — 1861. Con memorie, poesie e lettere 
inedite, Torraca, Biblioteca critica della letteratura italiana, Disp, 22 — 35. 
Salvo-Cozzo, / codici Capponia ni della biblioteca Vaticana descritti. Croce, 
Di alcuni principi di sintassi e stilistica psicologiche del Grober, 

ANNUNZI ANAUTICI, PUBBLICAZIONI NUZIALL 

CRONACA: 

Periodici, kurze Mitteilungen, neuerschienene Bücher. 

Berthold Wiese. 



Bomania. No. 114, Avril 1900. 

A.Thomas, Etymologies françaises, i. affier von aptificare; 2, dial. 
aiger *Hanf rösten' dasselbe wie das Zs. XV 344 besprochene naisier, von 
Thomas auf nasiare zurückgeführt, ohne dafs dieses Substrat erklärt oder 
Einwendungen gegen die ältere Deutung gegeben würden; 3. dial, amiau 
aus **hamellum*; 4. bignon * trampe* aus bennione{?); 5. engl, butteris aus 
afr. bouterez; 6. engl, buitres dasselbe; 7. cagouille zu cochlea, *coculea; 
8. chaintre aus cancere; 9. prov. chancera 'Brautausstattung', lim. tsanse 
ebenfalls cancer; 10. chancier e aus ^canceria; ii. clin, ein Marineausdruck 
aus hoU. * klinkwerk'; 12. coumère 'Art Schwämme ' aus *columella; 13. dial, 
fr. ertuson 'Holzwurm* = ar tison; 14. morv. esnoillie 'Sonnenstrahl*, ge- 
wissermafsen essoleilUe, ^exsoliclata; 1 5. fr. estoinc Marineausdruck, entsprechend 
englisch studding-sail; 16. afr. estrene 'Tau* vgl. isl. strengr, engl, string; 
17. afr. estrichier 'die Segel streichen* ebenfalls germanischen Ursprungs; 18. air. 



ROMANIA NO. 114. 

gentvtUe 'Fenstttband' 'ginaleiia voa genu; ig. nprov. ginauitlo 'WolÉs- 
milch' *lactìnuicuia ; 10. nfr, giernoti, auch ernote. anord. *järdhnal 'Eni' 
nofs': ZI. air. gloutmie wie ital. ghiotlomia nicbl, ^ 
Gr. p. 290)1 dutch Umstellung cnutanden, soudeto *glutturnus wie tacilurnus 
voreossetïend : ti. ^t. jaree 'Lamm', ¡m Kamlingerlatein germia onbe- 
kumUi' Herkunft \_greviia 'ScliDfikiiid'?]: 33. dial. ft. jar¡an 'Stachel' za 
jaree, jareier, ufi. gercer; 14. ly. jnuclie 'Jochriemen' *juxlula; 35. npr. 
laehuiclo 'WaUsimIch' *laetascltt mit einem äufüx •jíi'c-. das io labrusca, así- 
ñusca alt ist und d&i Thomas noch anderweilig nachweist; 26. engl, /aivii 
'LciDwaad' von Loan, eine Etklüiiing, die auch bei Klugc-Luli zu ñnden 
iSl: 27. mOTV. lauateure 'Slrick mm Gaibea binden' "retortalure-. 2S. lumi- 
gnon *liminiene i^): 19. marottie wohl *amaruslra neben amiriij» (vgl, itnl. 
arresta neben labrusca); 30. maison 'Zehnten': mstüatione; 31. ^tov. per gam 
■Pergunent' 'pergamen; ¡i. ad. petre au« f-yrelhra; 33. taait. quiérame 
'kesselhacken' *ir«i>aji:/u»i ; 34. rémoulade aus ilal. remolala lu remeio 
'Kleie'; 35. ly. rarfo 'Btreifen'; rasi/are; 36. 1 
itirana, das seinerseits aus spin, rabicano 'Weiísschao 
aus -Rückslein'; 3S. dial, salburossi 'Dreirub Tut ein Waschfaís' -> lelU 
bueresse; 39. serran aus span, jtroa; 40. sìguetle aus ilat. seghetta-. 41. afv. 
sefaschier *subfatcare; 4z. afr. songnoie ' Hebel, Schlüsselbein' von ciconitla; 
43. afr. sordent 'Ueberiahn', von Godefroy fiUlch übersetzt; 44. seuchil. Post- 
verbal 2U JOKcAtftir; 45. sourdon 'Art Muschel' ïOo sourdre; 46. soulre "Nolii- 
block'. Postverbal zu soutrer (*subslrare); 47. afr. tacre. Ausdruck der Ger- 
berei: KD hol!, dater, uhd. decker, engl, dicker, bedenklich wegen des Vokals. 
d* das hol), a jung ist; 4S. iaranche von dem seit dem VI. Jshrb, belegten 
tarinca, das wohl galliBchen Utçpnings ist; 49. tenais, bei Colgrave 'the slip 
of a plant', von tenax; 60. ii> 'SpindelTuttcral' zu tiuhan; 
gMCalttmg von triteire bus tractoria; 52. tire-veiUe 'Seil an der Sufseien 
Leiter eines Schilfes', umgestaltet aas allerem tire, vieille; c;3. iiïre 'Auf- 
steUongsplalz liii die Jagdhunde', afr. Irtslre von an. treysla, doch ist die 
Wiedergabe von ey dutch 1 mir sehwer vetsländlith; 54, tréteau zu tristegum, 
Tcmiiicht mit Iranslrum, Iransteìlum; JS' ''A/i'n enthält nicht tris ^ Irais, 
sondern très; 56. tringle, afr. tingle aus hoU. tengei; ¡7. träniere ans span. 
trinerà: S8. tymfre aus deulsrii. 'Tümpel'; 59. velanide, vélani, auch ta/- 
Am/ aus ßaläri, ßaiaytSi. W, Mevhr - LCbkb. 

G, Paris, ä^Hr Huon de Bordeaux. Etläuterungen zu einigen Stellen 
seines in der Revue germanique vom Jahie 1861 erschienenen Aufsaties Über 
H. V. Bord., lier in durchgesehener Form in G. París' neuem Buche „Potmei 
et legendes du m. ä." (1900) wiederholt wurde. Insbesondere nimmt G. P. 
Siellung lu den in der Zwischenzeit veiiüTentlichten Aibeiten übet das Epos 
niid die Obeionsage von Longnon u. a. Er hält daran fest, dafs Auberon 
und der deutsche Albeiich identisch sind , die Erzählungen von ihnen im Trz. 
Huon und im deutseben Ortoit denselben deutschen Ursprung haben, und ist, 
in Anacblufs an P. Rajna, der Ansicht, dafs in der Quelle des Huon Auberon 
H.'s Vater war, wie Elberioh der Ortnils. Sie entstand, wofür Hugo v. Toul 
einen Anhalt gewährt, im halb wallonischen, halb gerroaoischeo Hcnnegau, 
wo Oettlichkeiten im MA. den Namen Auberon tragen, die Ilauputadt des 
enten fränkischen Königs (Tournai) liegt und die Gestalt des heidnischen 



126 BESPRECHUNGEN. W. MeYER-LÜBKE, G. 6., 

Lichtgottes Alberic mit einem a-änkischen Helden Hugo in Verbindung ge- 
bracht werden konnte, dessen Gleichnamigkeit mit dem Sohne Segains von 
Bordeaux (ca. 845) die Verschmelzung eines fränkischen Auberon- Hugo -Ge- 
dichts mit der Geschichte von dem FürstenroÖrder Huon von Bordeaux und 
dem Mörder des Sohnes Karls des Kahlen, Aubouin, herbeizuführen ver- 
mochte. Der artesische Verfasser des Huon von Bordeaux hatte so den Stoff 
aus der nächsten Nähe geschöpft. Die Lokalisierung der Auberonsage ist in 
der That geeignet, die Berührungen zwischen Huon von Bordeaux und Ortnit 
und das Fortleben eines germanischen Lichtgottes im christlichen frz. Epos 
verständlich zu machen, wenn der Gang der Dinge bis zum Huon von Bordeaux- 
Epos sich auch nicht Schritt fur Schritt verfolgen läfst. 

G. Doncieux, La chanson du rot Renaud, ses dérivées romanes, sa 
parenté celtique et scandinave. Sehr interessanter Versuch einer Rekonstruktion 
der Vorlage der (60) romanischen Fassungen der berühmten Renaudballade 
nach den von G. Paris früher entwickelten Ghrundsätzen ausgeführt, unter An- 
gabe Vers für Vers der die Rekonstruktion stützenden Texte in der Weise 
des Variantenapparats bei kritischen Ausgaben. Es ergeben sich 21 vierzeilige 
Strophen a abb mit Neigung zur Cäsur nach der 4. Silbe „wie in der Passion'* 
und männlichen Reimen „wie im Leodegar". Eine historische Anspielung, 
der Gebrauch des entendre -{- Inf, und des vor dem 16. Jh. nicht belegten 
Wortes racommoder bestimmen D. das Lied in die erste Hälfte des 16. Jh., 
andere Gründe es nach der Grenze zwischen brctagnischer und frz. Sprache 
in der Bretagne zu verlegen. Folgen noch, in frz. Wiedergabe, die Textfest- 
stellungen der armorikanischen , der bask., Venetian., katalan., span. Fassung, 
worunter der arm. gwerz als die Vorlage des frz. Gedichtes sich herausstellt, 
die selbst aber aus dem in ganz Skandinavien populären Volkslied vom Ritter 
Olaf, oder vom Elfenschlag, (bei Grundtvig etc.) flofs, handschriftlich schon 
1550 dänisch überliefert. Logischer als in diesem ergreifenden düstern Lied 
ist die Sage (schon bei Gervasius von Tilbury) von der Feenrache an dem ab- 
trünnigen Geliebten vor seiner Hochzeit im deutschen Ritter von Staufenberg 
um 1480 dargelegt. Stärker verbreitete sich die mystische, aus derselben 
Volksanschauung selbständig erwachsene skandinavische Formulierung. 

MELANGES. H. Suchier, Quelques passages du Fragment de la 
Haye, bespricht im Anschlufs an seine neue Rezension des Haager Fragments 
in seiner Ausgabe der Narhonnais einige von Havet anders gefafste Stellen, 
mit denen sich derselbe in seiner Ausgabe des Querolus (1880) beschäftigt 
hatte. Dazu einige Berichtigungen und Nachträge zur Einleitung der A^or- 
bonnais, 

A.Thomas, La mention de Waland le forgeron dans la chronique 
d* Ademar de Chahannes, stellt fest, dafs der Strich im d des Namens Vua- 
land in der Hs. des Ademar nicht als er aufzufassen, der Name also nicht 
Walander (so noch Jiriczek, Deutsche Heldensage), sondern vielmehr Walandus 
zu lesen und dafs das an derselben Stelle erwähnte, von W. geschmiedete 
Schwert Corto als Name des Schwertes Ogiers Courtain in den altfrz. Epen 
aufzufassen ist. G. G. 

G. Paris, Guet-apens, Wird zutreffend als à agcUt à apens gedeutet. 

Ch. Joret, Des suffixes normands {^)co[t) et {i)bo(t). Bringt mit den 
genannten Suffixen gebildete Wörter und sieht in -0/ das übliche Suffix, in 



ROMANIA NO. II4. ÎIJ 

c und h einen ähnlichen Konsonanten , wie das / in abriter n. s. w. ; nicht 
ganz überzeugend. W. Meter -Lübkb. 

COMPTES RENDUS. M ohi, ItUroduction à la chronologù du latin 
vul¿raire\ Der s., Romdnskd dvojice Lui (Roques); Su eh i er, Aucas sin und 
NicoUte, 4. Aufl. (G. P.); Butler, Legenda aurea (P.M.); Guy, Essai sur 
la vie et les œuvres litt, du trouvère Adán de le Hale (Jeanroy); Guerlin 
de Guer, Essai de dialectologie normande (J. G.). 

PERIODIQUES. Revue des langues romanes 4« sér. X No. 6 — 5e sér; 
n 3—4 (P. M.). — Zeilschrift für rom. Philologie XXIV, I (G. P.). — Lite- 
raturblatt f. germ, und roman. Philologie XX (E. M.). — Studi glottologici ita- 
liani I (Roques). 

CHRONIQUE. Litterarische Nachrichten. — Kurze Besprechungen 
neuer Bücher. G. G. 



Arohiv für das Studium der neueren Sprachen und Iiitteraturen. 

BdXCIX (1897, 2. Halbjahr). 

ABHANDLUNGEN. Johannes Bolte, Die Wochentage in der 
Poesie. III, (Schlufs), S. 9 — 24. — Die altfranzös, Liederhs, der Bodleiana» 
Douce 308, diplomatisch abgedruckt von Georg Steffens. 3. Fortsetzung 
(mit einem Faksimile der Hs.), S. 77 — 100; 4. Fortsetzung. Schluß, S. 339 — 
388. — Alfred Schulze, Ueber einige Hilfsmittel französ, Bibliographie, 
S. 10 1 — 120. — A. G. Krüger, Eine angebliche isländische Bearbeitung der 
SchwanenrittersagCt S. 241 — 252. — A.L.Stiefel, Die Nachahmung spa- 
nischer Komödien in England unter den ersten Stuarts, S. 271 — 3 10 (schlie&t 
sich an den Aufsatz in den Roman. Forsch. V, 193 — 220 an). — Hermann 
O eisner, Aenderungen von Lafontaines Hand an seinen * Amour s de Psyché 
et de Cupidon*, S. 389 — 394. — Richard M.Meyer, Die Technik der 
Goncourts» S. 395 — 416. 

KLEINE MITTEILUNGEN. Johannes Bolte, Hiobs Weib, S.418 
— 422. — G. Schleich, Ueber die Quelle von Lydgates Gedicht 'The 
Chor le and the Bird*, S. 425—435. 

BEURTEILUNGEN. 191 — 205 Berliner Beiträge zur german, und 
roman, Philol, veröff. v. Ehering. Roman. Abth, II: Hermann Springer, Das 
altprovenzal. Klagelied mit Berücksichtigung der verwandten LUteraturen 
etc. 1895. ^^^' Philipp Simon, Jacques d Amiens. 1895. IV, Moritz Werner, 
Kleine Beiträge zur Würdigung Alfred de Mussets {Poésies nouvelles), 1 896. 
V, Albert Maafs, Allerlei provenzalischer Volksglaube nach F, Mistrals 'Mi- 
rèio* zusammengestellt (Alfred Risop; schätzenswerte Beiträge und Paral- 
lelen des Rezensenten, besonders zu Nr. V). — 205 f. Carl Voretzsch, Das 
Merowingerepos und die fränkische Heldensage. [Philologische Studien. Fest- 
gabe far Eduard Sievers. Halle, Niemeyer, 1896] (O, Schultz -Gora). — 
206 — 208 Friedrich Kraus, Ueber Girbert de Montreuil und seine Werke, 
Dias. Würzburg 1896 (Adolf Tobler). — 223—225 Un testament littéraire 
de J.J. Rousseau, p.p. O. Schultz -Gora. Halle 1897. 4^ S. 8» (Eugène 
Ritter; Rez. hält das Testament nach wie vor für unecht). — 228 Nicola 
Zingarelli, La personalità storica di Folchetto di Marsiglia rulla 'Commedia^ 



1 28 BESPRECHUNGEN. W. CXOBTTA. 

di Dante. Napoli 1897 \.Extr. dal vol. XIX degli Atti dell* Acad, di archeo^ 
logia, lettere e helle arti']. 40 S. 40 (Adolf Tobi er). — 228 — 230 Oskar 
Hecker, Die italienische Umgangssprache in systematischer Anordnung und 
mit Aussprachehilfen dargestellt. Braunschweig, Westermann, 1897. XII, 
312 S. 8° (Adolf Tobler). — 456 — 459 Wilhelm Degen, Das Patois von 
Cremine. Diss. Basel 1896. 36 S. und eine Karte (Hermann Urtel). — 
459 f. Die neuprovenzalischen Sprichwörter der jüngeren Cheltenhamer Lieder- 
handschrift . . . A^^. v. Alfred Pillet. Berlin, Ehering, 1897. 130S. 8^ (Adolt 
Tobler; tüchtige Arbeit). — 460 — 462 Beat Ludwig Muralt, Lettres sur les 
Anglais et les Français (1725), hgg.v, Otto von Greyerz. Bern, Steiger & 
Co., 1897. XXI, 299 S. 80 (Adolf Tobler). — 478—481 O. Glöde, Die 
französ. Interpunktionslehre. Marburg, Elwert, 1897. XII, 47 S. (George 
Carel). — 481 f. Ed. Schwan, Grammatik des Altfranzös., i^Aufl. neu be- 
arbeitet V. Dietrich Behrens. Theil I: Die Lautlehre. Leipzig, Reisland. 
120 S. (A. Ri sop). — 482 f. Franco Ridella, Una sventura postuma di Già- 
corno Leopardi. Torino, Clausen, 1897. XIX, 512 S. 8^ (Bruno Schnabel). 

W. Cloëtta. 



NEUE BÜCHER. 

Pompen Fabra, Contribució a la gramática de la Uengua catalana, 
Barcelona 1898. Tipografìa L'Avenç. V*. 112 S. Darstellung von Ortho- 
graphie, Laut und Form der gegenwärtigen catalanischen (ostcatal.) Schrift- 
sprache mit Rücksichtnahme auf Altcatalanisch und Lateinisch, die gute 
Dienste dem Leser neucatalanischer Texte zu leisten geeignet ist, und 1896 
auf den Joes florals in Barcelona durch einen Preis ausgezeichnet wurde. An- 
gestrebt wird durch das Buch zugleich die Herbeiführung einer einheitlichen 
catalanischen Rechtschreibung. 

A. Vidal et A. Jeanroy, Comptes consulaires d*Albi, 1359 — 1360. 
(Bibliothèque méridion. I re ser. tom. 5), Toulouse 1900, Privat. 8®. CI, 270 S. 
Die Rechnungen der Stadtverwaltung von Albi in den beiden Jahren, von 
V. geschichtlich beleuchtet und erläutert, von J. in Kürze grammatisch ana- 
lysiert, gleich wertvoll als kulturgeschichtliche, wie als mundartliche Sprach- 
denkmäler. 

Jul. Poewe, Sprache und Verskunst der Mystères inéd. du XV. s, 
(abgedr. v. A. Jubinal, Paris 1837). Diss. Halle. 8^ 95 S. Sprache, Vers 
und Reim erfahren in den Mystères noch eine zwiespältige Behandlung. Alte, 
neue und mundartliche Sprachform, reicher und unvollkommener Reim wird 
noch zugelassen. Der beabsichtigte Vers ist in der Hs. oft nicht richtig ge- 
schrieben , konnte aber leicht auf die richtige Norm gebracht werden. Eine 

Vergleichung der Hs. ergab viele Flüchtigkeiten in J.'s Ausgabe. 

G. G. 



Bandglossen zum altportugiesischen Liederbuch. 

Einleitung, n. Ein Mantel-Lied. UI. Vom Mittagessen hispanischer 
Monarchen. IV. Penna-veira, V. Ein Seemann möcht* ich werden. VI. Gi- 
tutes — Non ven al Maio, VII. Eine Jerusalempilgerin und andre Kreuz- 
fahrer. Vili. Tell'Affonso de Meneses. IX. Wolf - Dietrich. X. Das Zwie- 
spaltslied des Bonifazio Calvo. XI. Im Nordosten der Halbinsel. XU. Romanze 
von Don Fernando, Xm. Don Arrigo, XIV, Guarvaya. XV. Vasco Martins 
de Resende, XVI. Der Sang von der Wachtel. XVII. Grafen - Enkelinnen. 
XVni. Grüne Augen. XIX. Oh pino pino ! pino florido ! XX. Zebrareiter. 
XXI. Frauen- und Mädchenlieder — Cantos de ledino, XXII. Serranilhas, 
XXni. En un tiempo cogi flores. XXIV. Cantigas de viläo, XXV. Flicken- 
lieder. XXVI. Provenzalisches und Altfranzösisches. XXVII. Sei dissi mai. 
XXVIU. Maios e Maias, XXIX. Tristan und Isolde und andre bretonische 
Stoffe. XXX. Livros de Linhagem, XXXI. Die Apokryphen der altportu- 
giesischen Litteratur. XXXII. Langzeil - Gedichte und allerlei Metrisches. 

EINLEITUNG. 

Mit der Veröflfentlichung meiner Beiträge zur kulturhistorischen 
und sprachlichen Ausdeutung der gallizisch- portugiesischen Lieder- 
bücher fahre ich gerade jetzt fort,^ um den Cancioneiro da Ajuda^ 
zu dem die Stoffmassen allzu sehr angewachsen sind, zu entlasten; 
gleichzeitig aber, um gewisse im Einleitungsbande dazu enthaltene 
Thesen durch eingehende Erörterung von darauf bezüglichen 
Einzelnheiten heller zu beleuchten. 

Abgeschlossen ist freilich kaum eine dieser Randglossen. Dazu 
hätte ich die Geschichtsquellen viel genauer durchforschen müssen, 
als es mir während der textkritischen und litteraturgeschichtlichen 
Studien zum Liederbuche mit den mir in der eignen Werkstatt 
und in nächster Nähe zu Gebote stehenden Hülfsmitteln möglich 
war. Nur als Materialiensammlungen wolle man sie betrachten. 

Regen dieselben gerade durch ihre Unfertigkeit in Spanien 
oder wo sonst man über die notwendigen Urkunden- und Chro- 
nikensammlungen verfügt zu Widerspruch und Ergänzung an, so 
ist die Zeit und Mühe, die ich an den spröden Stoff gewendet 
habe, keine verlorene gewesen. 



^ Der Anfang (Randglosse I: Der Ammenstreit) erschien 1896 in Zeü^ 
Schrift XX, 145 ff. — Weiteres, über die 32 oben genannten Stoffe hinaus, 
wird nachfolgen. 

Z«itschr. £ rom. PhiL XXV. O 



t3Ò CAROLINA MlCHAELtS DB VASCONCELLOS, 

Dafs ich dem Leser die erläuterten Texte der Regel nach 
vorführe, so wie ich sie nach langem Umgang damit, leider aber 
ohne CV und CB vor Augen zu haben, zu restaurieren vermag, 
wird man billigen, da ja eine brauchbare kritische Ausgabe des 
Gesamt -Liederbuches noch nicht vorliegt Desgleichen dafs ich 
selbst einiges Garstige nicht umgehe, wenn es zur Feststellung der 
Wahrheit beiträgt 

Ich beginne mit Liedern Alfons' X. oder auf ihn bezüglichen, 
weil er als König, als Gelehrter, als Mensch und als Dichter un- 
gleich tieferes Interesse verdient als alle übrigen Troubadours zu- 
sammen. 

Cesare de LoUis, der sich mit den profanen Gedichten des 
Kastilianers in erspriefslicher Weise beschäftigt hat, und Ernesto 
Monaci, dem wir die erste Erschliefsung der Liederbücher ver- 
danken, seien diese Blätter gewidmet — aus Dankbarkeit fur ihre 
Leistungen, aber auch mit der ausgesprochenen Absicht, sie zur 
Veröffentlichung der ganz unentbehrlichen Lesarten aus dem Can- 
cioneiro G>locci-Brancuti und damit zur indirekten Bestätigung 
oder Verurteilung meiner Restaurations- und Interpretationsversuche 
zu bewegen. 

IL Ein Mantel-Lied. 

So aufserordentlich sorgfältig Cesare de LoUis seine Unter- 
suchung über die uns leider in beklagenswert schlechtem Zustande 
erhaltenen weltlichen Gedichte des gelehrten Alfons von Kastilien 
auch geführt hat,^ so werden dieselben doch noch für lange Zeit 
Anlafs zu Erörterungen und Berichtigungen hergeben. Auch zu Nach- 
trägen, da keineswegs alles Nötige von dem italienischen Gelehrten 
in Betracht gezogen worden ist Abgesehen von den zahlreichen 
Liedern, in denen ein R^, ohne Angabe seines Namens und seines 
Reiches, vorkommt,^ sowie von den seltneren, wo etwas bestimmter 
ein König Alfons, ein König von Kastilien, ein König von Leon 
und Kastilien erwähnt wird, scheint mir besonders erwägenswert, 
wer jener Rey oder Senhor — Rey don Affonso — gewesen sein 
mag, der in einigen unbeachtet gelassenen Tenzonen als Dichter 
auftritt 



^ Cantigas de Amor e ¿Le Maldizer de Alfonso el Sabio, Rè di Castiglia 
in Stud, FU, Rom, vol. I 31—66 (1887). 

s CV 87. 45. 167. 334. 347. 419. 420. 422. 424. 458. 466. 505. 
609. 519. 520. 534. 553. 572. 578. 597. 609. 613. 631. 632. 633. 634. 
638. 639. 707. 708. 762. 755. 766. 768. 759. 853. 854. 885. 910. 
915. 921. 932. 947. 953. 962. 963. 1016. 1024. 1032. 1036. 1037. 1038. 
1043. 1053. 1054. 1082. 1084. U03. 1131. U43. 1157. U72. U75. 1184. 
U86. U89. U93. 1202. — CB 104. 464. 465. 475. 1506. 1512. 1514. 
1516. 1518. 1520. 1521. 1524. 1525. 153L 1532. 1538. 1550. — Ohne 
Scheidung solcher, in denen von Königen von Portugal (Sancho II., Al- 
fons ni., D. Denis, Alfons IV.), Kastilien und Leon (Ferdinand IIL, AI* 
fons X., Sancho IV., Alfons XI.) oder Aragon (Jaime I.) die Rede ist 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LÌ£DERBUÒH. I3Í 

Drei einschlägige Stücke (CB 385, CV U58, CB 357) habe 
ich bis jetzt untersucht und spreche sie, nach eingehender Üeber- 
legung, Alfons X. zu. Das, welches wir als Man tel lied bezeich- 
nen dürfen, ist überschrieben: 

Vaasco Gil /ez esta cantiga^ d^escarnK^ e de maldizer. 

Es lautet: , , 

(I.) 

Rei don Alfonso, se Deus vus pardon, 
d' esto vus venho [ora] preguntar 
[e peco] que punhedes de mi dar 
tal recado que seja con razon: 
5 ¿Quen dà seu manto, que Ih' o guard' alguen, 
e Ih' o non dà tal qual o deu, por én 
que manda [én] o Livro de Leoni 

„Don Vaasco, eu fui ja clerizón 
e degredaes soia estudar: 
IO enas escolas u soia entrar 
dos maestres aprendi tal liçon: 
que manto d' outren non fìlhe per ren; 
mais se o m' eu melhoro, faço ben 
e non s5o por aquesto ladrón.'* 

15 Rei don Alfonso, ladrón por atal 

en nulha terra nunca chamar vi; 

nen vos, senhor, non o oistes a mi, 

ca se o dissesse, dirla mal. 

Ante tenho-[o] por trageitador 
20 — ¡se Deus mi valha ! nunca vi melhor — 

quen assi toma pena de cendal. 

„Don Vaasco, dizer-vus qner' eu al 
d' aqueste preito que eu aprendi: 
oi dizer que trageitou assi 
25 ja fla vez un rei de Portugal: 
e por se meter por mais sabedor 
ouv(e) un dia de trageitar sabor . . . 
fez-se cavaleiro do Espilai." iqq VS\2t = 886.) 

Lesarten, die ich berichtigt habe: i câtiga — 2 edescarnhe — Z. 3 
venho preguntar quer ora punhade — 7 Solche pleonastische Wiederholung 
von én ist nichts Seltnes; doch könnte man auch lesen: que manda{n) eno 
livro de Leon F — 8 derizon — 9 ^ degreda — 1 3 w ' tf« mit ethischem 
Dativ? oder meui Mir scheint die erste Deutung einen passenderen Sinn 
zu enthalten — 17 vistes würde besser ins Versmafs passen — 22 ^rea al — 
2% fez — Die üblichen Schlufskadenzen , in denen das Facit gezogen zu 
werden pflegt, fehlen. 

Don Vasco Gil hat in den Händen eines Königs Alfons seinen 
Mantel belassen. Wie er sagt, zur Aufbewahrung. Nehmen wir 
an, da man einem König doch nicht so ohne weiteres seinen Um- 
hang zum Aufheben übergiebt, dafs er sein Eigentum dem Herrscher 
zum leiblichen Schutze ausgeliefert hat, im Feldlager, auf der Jagd, 

9* 



t3¿ CAROLINA MÎCHAELtS DE VASCONCELLÒS, 

bei Unwetter oder aber zum moralischen Schutze bei irgend einem 
nächtlichen Abenteuer. — Daraus ersieht man, dafs er zu den 
Vertrauensmännern des Monarchen gehörte {Privados oder Validos), 
Ein solcher aber wufste auch, wie willkommen dem musenfreund- 
lichen Monarchen eine lustige gereimte Behandlung jedweden Vor- 
kommnisses zu sein pflegte. Darum wirft der Höfling scherzend, 
als er das Kleidungsstück in veränderter Gestalt, anscheinend neu 
hergerichtet, zurück erhält, die Frage auf: „Wenn Einer Einem den 
Mantel borgt und erhält ihn nicht so zurück, wie er ihn her- 
gegeben hat, mit welcher Strafe belegt ihn dann das leonesische 
Buch?" — „Zwar habe ich in Scholarentracht dereinst Decretalien 
studiert und von den Magistern gelernt, man solle Niemand seines 
Mantels berauben. Dafs aber ein Dieb sei, wer ihn verbessert, 
das habe ich nicht gelernt" — So ungefähr lautet des Königs 
Antwort. Das Wort Dieb weist der Vertraute des Herrschers 
natürlich zurück. Vielmehr nenne er den einen Tausendkünst- 
ler, der es verstehe, Zindel in Pelzwerk zu verwandeln. Als histo- 
risches Beispiel ähnlicher Taschenspielerei wird dann noch auf 
einen König von Portugal hingewiesen, der einst, aus Schlauheit, 
den Hospitaliter- Mantel angelegt habe. — 

Dunklen Stofifs genug für den Kommentator. Zu viel sogar 
für einen, der, den Quellen nahe und doch so fern, über so dürf- 
tige historische Hülfsmittel verfügt wie ich. Eine Ueberzeugung 
drängt sich freilich sofort auf. Ein König Alfons, zu dem von 
Gesetz und Rechtspflege gesprochen wird, und der selbst auf seine 
kirchenrechtlichen Studien Bezug nimmt, kann kein andrer sein 
als der gelehrte Schöpfer des encyklopädischen Setenario, des 
Fuero Real mit den Nuevas Leyes, des Espejo de iodos los derechos, 
sowie der berühmten Sieie Partidas — der eifrige Förderer der 
Universität Salamanca, und zu gleicher Zeit der fruchtbarste Poet 
seiner Tage. 

Trotzdem mufs der Nachweis erbracht werden. Das livro de 
Leon, der portugiesische König-ffospilaliier, cendal wie pena, maestres 
wie degredaes geben aufserdem noch zu suchen. Ob auch zu 
ñnden? 

Zunächst, was wissen wir über den in so vertrauten Beziehungen 
zu König Alfons stehenden D.Vasco Gil, der sich in dieser Ten- 
zone rechtsbeflissen zeigt, und vom Partner an eine portugiesische 
rechtskräftige façanha erinnert wird? Der König giebt ihm den 
Z?i?«-Titel.^ Und da die Tenzone zwar eine scherzhaft spöttelnde, 
aber doch mafs- und formvoll ist, müssen wir die darin enthal- 
tenen Angaben für wirkliche, nicht aber, wie in einigen schmähenden 
Streitgedichten, in denen Spielleute wie Pero da Ponte und Lou- 
renço gehänselt werden, für Persiflage halten.^ Jener Hinweis 

* In der Textüberschrift und im Index fehlt derselbe. 
^ CV 68 und 1084. 



SAtfDGLOSSBK ZDM ALTPORT. UEDSRBDCH; I33 

sowohl wie der Name Vaasco deutet auf einen vornehmen Portu- 
giesen. Nur von einem solchen berichten aber die Adelsbücher 
der Troubadour-Epoche, und nur ein solcher tritt als Dichter in 
den Cancioneiros auf. Er gehört zu einer jener kleinen Dynastien 
aus der Nordptovinz [Etilre Doiro e Minha), die in den ersten 
Jahrhunderten den Regenten ihr Herrscheramt streitig machten. 
Sein Vater ist der alte, zu Pombeiro begrabene Landgraf Gil 
Vasques de Sovcrosa, der von laoo bis gegen 1240 am portugie- 
sischen Hofe unter drei Königen eine der vornehmsten Rollen ge- 
spielt hat,' zuletzt als einer der wenigen treuen Berater und Kriegs- 
genossen Sancho's 11.^ Ein Halbbruder somit des Recken D. Martim 
Gi!, des vielgehafsten Vertrauten jenes Monarchen, als dessen 
Kämpe er im J. 1245 die Schlacht bei Porto gegen die Partei 
der Bischöfe und des Grafen von Boulogne leitete und gewann. 
Während dieser D. Martim Gil aus der ersten Ehe des alten Egi- 
dius Vrlasa oder Va¡asquh mit D. Maria Ayres de Fomellos stammt^ 
— und somit den, ihrer ersten Jugendliebe zu Sancho 1, entsprosse- 
nen Königssohn D. Martim Sanches seinen Halbbruder nannte ' — , 
ging Vasco Gil aus der zweiten, hzv. dritten Ehe mit D. Sancha 
Gonçalves d' Orvaneia'' hervor, die man um izio wird ansetzen 
dürfen {spätestens). Durch noch eine Ehe mit einer Giroa, sowie 
durch eine seiner zahlreichen leiblichen Schwestern — D. Teresa 
Gil, die in der Königsburg zu Leon längere Zeit als Favoritin 
Alfons' IX. thronte, während eine der Bastardlôchter dieses Paares 
später im Palast Alfons' X. glänzte, und eine andre im Nordosten 
der Halbinsel im Slammschlofs der Herren von Cameros regierte" — 

' Man. Lus. XV c. 4; XVI c. 5Î. — Hercnlano. ffú¡. Port, n 358. 388. 
495. 496. — In den Jalircn 1135 — 1140 war Gil Vasques SiaKhalter von 
Sousi {lenens Snusam, s. Afan. Lus.lV, Escril. XIV); 1340 gehörte er noch 
zu den Lebfaden. — Seinen Namen liest man unter uhlreicheD der in den 
P. M. U.: Lege! 35' — úio mitgeleilteti Urkunden, Dämlicb unter fast allen 
von Alfons H. bestätigten Ortsrechlen. 

' Während àa MioderiShiigkeit des Monarchen war er ein gewalt- 
thäliger Länderusurpator gewesen. — S. Here, n 500—506 und Natia Malta 
I §275 and U §187. 

' Dies Bündnis mus vor IZOO geschlossen worden sein. 

• D. MäcttcD Sancbes verlieís Poilugal Uli, beim Ableben seines Vaters, 
um sich dem Kasse des Thronerben zu entziehen. Am leonesiscben Hofe 
kam er natürlich za hohen Ehreo, and ward mit drei oder vier Giafscbaften 
belehnt: 1219 verwaltete er Limia und Sarria (Risco, Hist. Leon. Ap. 6 
p. 402); 122Î Lintia, Toronho ond Montenegro (Esp. Sagr, XLI Ap. 29 p. 357), 
Dafo er auch Trastdmar regierte und iVelhen'licb einem gallizischen Adligen 
ñberoolworlete, wird im GrafenbacU (P. M. H,: Script. igS. 294) behauptet, 
und von den meisten späteren Geschieb tsschretbera wiederholt, z.B. von 
Dnarte Nunes de Le3o in seiner Genealogia (Schott. Hisp. Illustr. n I157). 
Von seinen Kiiegslhaten und dem ritterlichen Sinn, den er M) dco Tag legte, 
wenn er gegen Portugal zu Felde ziehen muCste. berichtet der Graf von 
Barcellos {Script, 1. c). — Lucas von Tuy gedenkt des Sieges bei Tejada 
(Sdiott IV 1 14). der ¡d die letzten glorreichen Tage Allons' IX. ßUl, Vgl. 
auch Eip. Sagr. XXXVI App, p. 141. 

" Orbaneiia in lat. Dokumenten. 

' Vgl. Randglosse XI und CA Kap. VI Biogr. 58. 



134 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

waren die damals üblichen Verbindungen mit den ausländischen 
Dynasten und Vasallen hergestellt.^ — An der Seite des Vaters 
und des älteren Bruders erscheint Vasco Gil am portugiesischen 
Hofe.2 Als Valascus Egidii unterzeichnet er 1238 einen Ausgleich 
zwischen dem König und dem Bischof von Porto, D. Pedro Sal- 
vador.3 Dafs er im Bürgerkrieg die Schicksale des Bruders teilte, 
für seinen rechtmäfsigen Herrn das Schwert zog,* bei dessen Sturze 
ihn nach Kastilien begleitete, ebendort, während Sancho als büfsen- 
der Mönch den kurzen Rest seines Lebens zu Toledo verbrachte, 
in der Nähe des kastilischen Thronerben am ruhmreichen andalu- 
sischen Feldzug mitwirkte, ist mehr als eine blofse Vermutung. 
Vasco zählt nämlich zu den 300 Adligen, unter welche Alfons X. 
nach seinem Regierungsantritt die 1248 eroberte Stadt Sevilla ver- 
teilte.^ An Macht und Ansehn hat er jedoch dem Martim Gil 
den Rang nicht abgelaufen. Während jener in Kastilien verschie- 
dene Schenkungsurkunden unterzeichnet — z.B. 25. Mai 1254 die 
Urkunde, durch welche die Ortschaften Cabra und Santisteban an 



^ Script, 176. 197. 293. Die daselbst verzeichneten genealogischen An- 
gaben sind nicht frei von Widersprüchen. Das zur Kenntnis der Troubadour- 
Epoche Wesentlichste ist folgendes. 

Aus der ersten Ehe des Alten von Soverosa mit der verlassenen Geliebten 
des Königs gingen Martim Gil und Teresa Gil hervor. Das Livro Velho (153) 
nennt noch einen Femäo Gil, den das Livro do Conde als Sohn zweiter Ehe 
bezeichet Martim Gil vermählte sich in Leon mit einer Castro, aus dem Ge- 
schlecht der Pertigueiros de Santiago, Von ihnen stammt der erste Herr von 
Albuquerque ab. — Teresa Gil, die mit dem Bruder 121 1 nach Leon über- 
siedelte, schenkte dem unverwüstlichen Alfons IX. vier oder fünf Kinder: 
darunter Martim Affonso, der einer portug. Sousa die Hand reichte und Maria 
Affonso, mit welcher, als junger Wittwe des Alvaro Femándes de Lara „o que 
jaz em Fiteiro" (cf. Rod, Toi, IX e. 9), Alfons X. Beziehungen anknüpfte, denen 
das Königskind Bringueira entstammt (vgl. Randglosse X). 

Zu den Kindern aus zweiter Ehe mit Sancha Gonçalves d' Orvaneia — 
im lÀvro Velho (Script, 176) kommt sie erst in dritter Reihe — gehört aufser 
unserm Vasco eine D. Guiomar, und ein Manrique (im Livro Velho Anrique), 
von dem weiter unten die Rede sein wird (Anm. 5). 

Die dritte bzw. zweite Gemahlin, die Spanierin Maria Gonçalves Giron, 
brachte der Familie einen Zuwachs von weiteren fünf Kindern, von denen 
nur eines, D, Dordia (d. i. Dordea = Dorothea), fur unsere Untersuchungen 
in Betracht kommt. 

Mit ihr und der Halbschwester Guiomar beschäftigt sich J o So de Gui- 
1ha de im 37. Liede des CV, das ich am Schlüsse mitteile. 

* Here, n 358 und 496. 

5 Diss, Chron. IV 2 App. No. 3. 

* In einem Kampfe unweit Leiria's, über den nichts Näheres bekannt 
ist, geriet er 1245 oder 1248 in Gefangenschaft. — Here. II 412 Anm. 2: 414 
und 425. 

* Mon, Lus, XV e. 4 nennt in der Liste der portug. Sevilla - Streiter, 
gleich nach dem Infanten D, Pedro, unsern D. Vasco Gil und seine Brüder 
Manrique und Joäo. — In der Urkunde, wie D. Pablo de Espinosa sie in der 
Segunda Parte de la Historia y Grandeza de la Gran Ciudad de Sevilla 
druckt (1630), steht der Infant unter den Fürsten (f. i), die drei Brüder Gil 
aber gleich zu Anfang der portug. Ritter, unter welche Gelmus verteilt wurde 
(f. 7V). Zu den Granden, welche 1250 das Fturo de Sevilla unterzeichneten, 
gehört er nicht 



RANDGLOSSEN ZOÌi ALTPORT. UBDERBOCB. tjS 

Ubeda fielen , in Gemeinschaft mit zwei andern portugiesischen 
Sevilla-Kämpfern' — , kann ich wenigstens Vasco's Namen unter 
solchen S chrifl stücken nicht nachweisen. Und ebenso wenig in 
der Heimat, wohin beide zurückgekehrt zu sein scheinen, nachdem 
des Grafen von Boulogne Thronrecht mehr als durch päpstlichen 
Machtspruch durch Sancho's Tod unumstöfslich, und weitere Oppo- 
sition gegenstandslos geworden, momentane Eintracht Portugals mit 
Kastilien aber durch Alfons' lil. lihebnnd mit einer Tochter Al- 
fons' X. hergestellt war. 

Martim Gil finden wir seit 1255 in der Nähe Alfons' 1II.3 
Von Vasco wissen wir nur, dafs er sich in Portugal mit einer 
Tochter des D, Fernand' Eannes (mit dem Zunamen Cheîra) aus 
dem Geschlecht derer de Riba de Vizela e de Cambra, ge- 
nannt D. Froilhe Femandes, vermählt hat,^ Kaum später als 1255, 
da einer seiner Söhne, als er 1277 in dem von neuem entfachten 
Bürgerkriege im Kampfe bei Uouvea fiel,* bereits ein Töchterchen 
besafs, D. Guiomar Gil II., mit welcher sich gegen Ende des Jahr- 
hunderts ein Joäo Rodrigues de Briteiros vermählte, der in einer 
späteren Randglosse wieder auftauchen wird.* 

Der Zeitabschnitt, in dem also der historische D. Vasco Gil 
mit König Alfons in Kastilien zu dichten Gelegenheit gehabt hätte, 
umfafst die Zeit von 1247 bis etwa 55. Da der Fürst jedoch als 
König angeredet wird, verkürzt sich die Frist, in der die Tenzone 
entstanden sein mufs, auf die ersten vier Regierungsjahre. An 
Alfons IX. zu denken, dessen Beziehungen zu den Soverosas laut 
S. 134 Anm. 1 ebenso intime waren wie die Alfons' X., ist somit 
nicht zulässig, trotzdem die Bezugnahme auf das Lwro de Lton 
dazu zwang, ihn zuerst nicht aus den Augen zu lassen. 

■ Nobl, Äiul, II c. 1. Vgl. ebenda c. 9 (lie Schenkungsurkunde über die 
an Baeza abgetretene Torre de Oil de Olit. Fieilidi kann es sich hier, und 
in allen einschlägigen Fällen, auch um einen andern gleichnamieco portug. 
MagnatFD handeln, den Sohn des Gil Mariina de Riba de Vixela. Um so 
mehr als in der lelilgenannten Urkunde dieser unmittelbar vor D. Matlim Gil 
oaterzeichnet. 

» Here. II 412. — P. M. H.: Legts 665. 683. 

■ Script. 153, 176. 19g. 195. — Cheira wird im Spolllied CV 1080 
erwähnt. 

* Nova Malta I § 183; n £ 149. 19S u. 54. — Ueber den Bürgerkrieg 
gegen Ende der Regierung Alfons' tn. s. llerc. III 150. — iion. Lus. XV c.4 
und Stript. 4: Era MCCCXV feria V eemissum fuit bellum inter Patrum 
slephani de thaauare et firnandum alfonsi de Caambria in quo bello ex fiarte 
fernatidi alfonsi (seines leiblichen Vetlers) ncbilis quidam nomine donui 
Egidius uaiasci solus interiit et nullus alius (Chron. Conimir,). 

> Gil Vasques II. war mit Aldonça Annes da Mak vermählt (cf. Miva 
Stalla I § 23s), deren Reize Alfons III. bestrickt haben sollen. — Ein andrer 
Sohn des Dichters, D. Martim Vasques, nel 1286 bei Alfaintes an der 
Seite des tebellischen Alvaro Nunes de Lara. Script, 295 und Mon. Lus, 
XVI c 51 (wo übrigens sein Name nicht erwähnt ist). — Eine seiner Töchter, 
S«ncb8 Vasques, heiratete Fernam Femandes de Lima e BaiSo, mit dem Bei- 
n»nien Päa-Cenleio = Roggenbrod. Beider Sohn, D. JoSo Femandes de 
Lima — des Vasco Enkel also — vermäblle Eich mit liaer Tochter des 
Troubadours D. Jolo d' Aboim. 



136 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

Die fragende Erwähnung dieses Gesetzbuches, gleichviel ob 
das Fuero Juzgo oder das Fuero de Leon gemeint ist, in die Zeit 
1252 — 55 zu verlegen, geht auch darum sehr wohl an, weil sich 
der König gerade damals aufs eifrigste seiner grofsartigen gesetz- 
geberischen Thätigkeit widmete. Noch vor 1253 wurde áa,% Fuero 
Real nebst den Nuevas Leyes sowie der Espejo de todos los derechos 
redigiert (d. h. ehe Alfons den Titel de Algarve angenommen hatte), 
worauf von 1256 — 63 an dem umfassenden, als Stete Partidas welt- 
bekannten Libro de las Leyes gearbeitet wurde. 

Noch einen Zug aus dem Leben des Vasco Gil vermag ich 
anzuführen, der dafür spricht, dafs wir ihn mit dem rechtskundigen 
Poeten identifizieren dürfen, der König Alfons anredet. Ursprüng- 
lich war derselbe nämlich zum Geistlichen bestimmt gewesen. Wie 
das Grafenbuch angiebt, hatte er die ersten Weihen bis zum Sub- 
Diaconus empfangen: foy d* epistola', vertauschte dann jedoch das 
lange Gewand os longos pannos mit dem Ritterharnisch. Gleichwie 
der König aber hätte er dementsprechend sagen können: 

eu fui ja clerizón 

e degredaes soia estudar, 

denn ein Adliger wie er hatte Anwartschaft auf die höchsten Prä- 
latenwürden, und mufste regelrechte Studien absolviert haben. ^ 

Anscheinend könnte man zweierlei unter dem Livro de Leon 
verstehen. Das Livro Juzgo und das Fuero de Leon,^ Das west- 
gotische Gesetzbuch blieb bekanntlich in Leon Jahrhunderte lang 
rechtskräftig, selbst noch nach der endgültigen Vereinigung von 
Löwe und Turm unter Ferdinand III., ja selbst noch nachdem 
Alfons X. seine reformatorische Thätigkeit entfaltet hatte, in dem 
idealen Bestreben, den allmählich den Mauren entrissenen Pro- 
vinzen und ihren mit Sonderrechten verschiedenster Art privile- 
gierten Städten und Städtchen ein einheitliches nationales Recht 
zu geben, aus römischen Gesetzen, Westgoten -Sitte, Kirchen- 
satzungen und dem in den Foraes und im Fuero viejo nieder- 
gelegten traditionellen Brauch kunstvoll in einander gearbeitet.^ 



^ Aus den Schenkungen, welche Gil Vasques der Alte und sein Sohn den 
Hospitalitem und speziell dem Kloster Pombeiro zuwies, darf man nicht fol- 
gern, dafs der Dichter dem Orden zugehörte. Zum Teil waren dieselben 
nichts als Herausgabe von königl. Besitztümern, welche während der Minder- 
jährigkeit Sancho's II. usurpiert worden waren. Das gilt z. B. von der Villa 
de Sesmires e toda a terra de jfalles. Der Monarch hatte dieselben seinem 
Kapellan geschenkt; dessen Sohne wurden sie vom Herrn von Soverora ent- 
rissen, der sie, als es zum Sterben kam, den Hospitalitem vermachte. Nova 
Malta I § 183 und 275; II 98. 149. 187. 

* Oder noch ein drittes? Ist das Líber Legis oder Judicium Legionense, 
das in § 15 der Cortes de Leon v. J. 11 88 erwähnt wird, nur ein andrer Name 
für das Fuero Juzgoì Oder ist darunter eine Sammlung zu verstehen, in 
welche die bonos mores, façanhas, d. h. Rechtssprüche, eingetragen wurden, 
die für spätere Fälle als Vorbild dienen sollten? 

3 Auch was der Grofskanzler Kastiliens in seiner Chronik Peters des 
Grausamen zum Jahre 1351 (c. 19) berichtet, verdient Beachtung. Der Schluis- 



RANDOLOSSBN ZCM ALTFORT. LIEDERBUCH. I37 

Man erinnere sich ferner, dafs das Lihir Judkum auch fiber Leon 
hinaus Gültigkeit erlangte; dafs noch Ferdinand HI. es für Car- 
mona und Cordova in die Vulgnrsprache umsetzen liefs,' sowie flafs 
es etwas später auch auf Murcia ausgedehnt ward; und drittens 
dafs im galüzischen Santiago de Compostella und allen ihm uoler- 
stellten Orten wenigstens Appellation an das Libro gestattet war," 

Seine Gültigkeit war freilich eine stark beschränkte. Beschränkt 
eben durch das aus dem Gewohnheitsrecht hervorgegangene, für 
das Volk bestimmte Ltvro de Leon, welches Alfons V. — el dt ¿os 
buenos fueres — auf der 1020 nach Leon berufenen Prälaten- und 
Magnalenversammlung redigieren und bestätigen liefs. Mit seinen 
49 bedeutsamen, weltliche wie geistliche Bedürfnisse gleichmäfsig 
berücksichtigenden Dekreten ward es rasch mehr denn ein blofser 
Freibrief für die Stadt, ein das Fuero Juzgo z. T. vervollständi- 
gendes, z. T. ersetzendes Corptis juris fiir das ganze sich dehnende 
und entwickelnde K&nigfreich^ und, wie der ältere Kodex, hinaus 
über die eigentlichen Grenzen des Landes,* und blieb es bis ans 
Ende des 13. Jhs. und noch ¡ns 14. hinein (bis etwa 135Ó). 

Ich meine — mit dem Vorbehalt, der sich aus S. 136 Anm. 2 
ergiebt — , dafa die Troubadours dies letztere im Sinne hatten,' 
nicht aber den ja auch ¡n Portugal herrschenden Goten-Kodes 
allein. Zwar wird derselbe in den alten Handschriften und von 
den Benutzem bald Liber, bald Forum genannt. Der Zusatz de 
Leon kann jedoch von Rechts wegen nur den jüngeren Kodex, 
nnd zwar vornehmlich Kanon 20 — 48, charakterisieren. Dafs man 
auch diesen unterschiedslos bald Liber, bald Foro genannt hat, 
beweisen zum Ueberñufs unsere Cantigas, 

salz iDutet: E ìlarrm-se. en Toledo, Castellano ludo aquel que es de tierra 
del seUorio del Ríy Je Castilla do non se juega for el Libro yusgo. Dca. 
gleichcD in der alten Chronik Alfons' X. [e. 9) die auf des Gelehrten Ge- 
íetiesEpiegel beiügliche Stelle: manda facer el fuero de ¡at leyes, en que 
asummô muy brevemente muchas leyes de los derechos. E dio lo por ley e 
per fuero a la dudad de Burgos e a otras cidades e villas del regno de 
Castilla, co en el regno de Leon avian el Fuero Jusgo que los Godos 
unieran fecho en Toledo. 

' Schäfer, Geschichte Spaniens H ^11 — 418; Amador de los Ríos II 410; 
Baist, Grundrifs \ 24, 

* An welclieB Libro die Richter van Santiago Ae Compostella appellieren 
durften, ob an das Fuero de Leon, oäix an das Fuero Jiago, ist noch heute 
eine Stieitfrage. — Zq Esp. Sagr. XXXV c, V (mit Anhang) s. Lopes Fer- 
leiio. Fueros Municipales de Santiago, 1895. — Cf. Rev. crii. I 131. 

» Rod. Toi, {+ 1247) sagt von ihm; leges gothicas reparavit et alias ad- 
Jidit qua in regno Legionis eliain hodie observantur (V 19. Cf. VI 9 U. 13). 

— Luc. Tiid. 89 : Dedit ei bonos foros et mores quoi debet habere lam civitas 
quam latum legionense regnum a fumine Pisturga usque ad extremam 
Gallaeciae partem in perpeluum, 

* Aguirre, Concilia Hisp. IV 386, — Marina, Ensayo Hist. Crû. 156. 

— Esp. Sagr. XXXV e. V u. Ap. \2 u. 16. — Asclibach, Spanien und Por- 
tugal unter Almoraviäen und Almohaden S. 365. — Scbafer, Gesch. Span. 
U414. — P.M. H.: Leges I 135. 

* Die IconesÌGchen Richter, an welche appelliert werden durfte, hiefscn 
jueces del Libro y del Futra. 



138 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

Der Bezeichnung liv ro de Leon bedient sich, aufser D. Vasco 
Gil, noch ein gallizisch- portugiesischer Dichter, wie ich zeigen 
werde. ^ Vom foro de Leon sprechen mehrere.^ Alle natürlich 
ohne des Gesetzes Inhalt und Wortlaut genau im Kopfe zu haben; 
vielmehr mit dichterischer Freiheit in Fallen, wo sie ebenso gut 
kurzweg" das Gesetzbuch, das Gesetz hätten sagen können — 
eine Verallgemeinerung, die bis 1255 begreiflich ist 3 — , und länger, 
da, wie gesagt, das grofse philosophierende Hauptwerk Alfons' des 
Gelehrten niemals Anwendung fand, selbst in Kastilien nicht. 

Wo ein gallizischer segrel — Affons* Eannes do Cotom, 
dessen Hauptthätigkeit sich am Hofe Ferdinands III. und Alfons* X. 
abspielt — in einem burlesken Schmutzlied ausdrücklich versichert 

pero juro -vus que non sei 

ben este foro de Leon, 

ca pouc' á que aquí cheguei^ 

meint er nichts als „ich kenne die Landessitte hier in Leon 
nicht", gerade so wie ein andrer Dichter einmal a for de Castella 
im Sinne von „nach kastilischer Art" verwendet* 

Wo hingegen Ayras Peres Vuitorom, der eifrigste Ver- 
teidiger Sancho's II., der mit Vasco Gil sicher bekannt war, von 
einem zu Unrecht freigesprochenen Verräter handelt, der wegen 
alevd e traiçon nach leonesischem Gesetz Todesstrafe verdient hätte,* 
und auch wo der Admiral Pay Gomes Charinho von gewissen 
Vorrechten redet,** ist die obige Auslegung nicht statthaft 

Und erst recht nicht, wo ein andrer Gallizier, der mittelalter- 
lich rüde aber lustige Schelm Joäo Ayres de Santiago, in einem 
unsaubren Spottliede auf das Livro de Leon verweist Er stellt sich 
darin liebeskrank; klagt die Schöne, die an seinem Tode Schuld 
ist, des Mordes an ; und verlangt in zweideutiger Weise Anwendung 
einer die Volksphantasie naturgemäfs erregenden, grausigen Kriminal- 
bestimmung, nach welcher der Todschläger im Grabe lebendig 
unter seinem Opfer zu liegen kam: sepeliatur vtvus et inter fectus 
super eum projiciaturß 

Diese Bestimmung findet sich jedoch keineswegs in dem Texte, 
auf den der Spötter sich beruft, sondern, auf hispanischem Ge- 
biete, in den Ortsrechten von Cuenca, Sepulveda, Baena, Plasencia, 
und, auf portugiesischem, ausschliefslich im forai des fränkischen 



1 Joäo Ayres de Santiago, CV 1076. 

> Ayras Peres Vuiturom CV 1096. — Affons* Eannes do Co- 
tom CVmS. — Pay Gomes Charinho CV 1158. 

B Nach diesem Datum wurde das fuero real verschiedenen kastilischen 
Städten verliehen und der Espejo oil zu Rate gezogen. 

* CV 1118. — Darin handelt es sich in gröbster Weise um das Wort: 
Und sie soll vom Manne gebären. 

» CV 1028. 

^ CV 1096. — S. am Ende dieser Studie den Liederanhang (3). 

' CV 1158. — Es bildet den Gegenstand von Randglosse III. 

* CV 1076. — S. Liederanhang (4). 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. 



»39 



cerarne ou 


pd= 


ou alguma vesli- 


aa XX dios 


E 


se nom pcyUr 


memo = r 


man 





Ortes Louriahan und in Marmelar.' Im Fuero de Leon g 24 wird hin- 
gegen, wie schon im Westgotentecht, Mord durch eine Geldsumme 
gesühnt: ic» — 500 Solidos, oder die Hälfte der fatirendeti Habe 
des Misseihäters; und auch das nur, fails derselbe innerhalb neun 
Tagen ergriffen werden konnte, 

Eine Bestimmung über den Manteldieb enthält übrigens das 
Fuero de Leon ebenso wenig wie das Fuero Juzgo. Ich würde 
eine solche eher in den Aufzeichnungen vennaten, welche die 
Grundlage des Fuero viejo bilden.^ Wenigstens findet sich die 
entsprechende Verfügung auf portug. Buden ¡n einem AdelserlaTs 
Alfons' lU. Siabelecimenlo em como as casas dos filhos d' algo devem 
ser guardadas. Sie lautet: 

Item : qucmqucr que filhar capa i 
duca OD cobertura, pcyte-a en cìobro, 

do mcytinko e pcyte a tnim por cada Imum, dous maravedís.' 

Den Doppelwert hat der königliche Mantelempfänger unsrer 
Tenzone genau genommen wohl nicht gezahlt. Jedenfalls aber 
einen hoheien: schweres Pelzwerk {pena),^ an Stelle von leichtem 
Seiden-Zindel {eendal),^- der nur für bestimmte Kleidungsstücke, 
wie Frauenblusen oder -rocke, den Modeforderungen entsprach," als 

' Leges 448 u. 489. — Here. IV 86. 461; I 403. 

* Ueber das traditionelle Gewohnheitsrecht des k usti lisch en Adels siehe 
Lafiimie 1 382. 

* Leges 191. — Cf. ib. 19Q: Decrelum Domini Regis. Quicumque acce- 
ferii alieui capam enramen pellem aut aliquam ueslem aut aliquoJ eaopt- 
ritntntitm pectet ifisum in duplo usque ad nouent dies, el si illud non peda- 
uerit remaneat in causimenio de meiriHO et pectet mihi pro vnoquoque II 
merabilinos, — Cf. Muti. Lus. XV e. 13. 

* Ueber pinnas s. Leges 192 — 196. — Vgl. Randglosse IV a. XIV. 

' Wären diese Randglossen speïîell für Portugal beslimmt, so möfste ich 
über cendal, tendal, sindal Längeres und Breileces milteilen, da ein so giänd- 
licher Kenocr des Mittelalters wie Gama Barros I 534 bekennt, er wisse nicht 
was das im Elucidario fehlcode Wort Iwdeute. LP» ich dem Ausland jedoch 
nichts wesentlich Neues über StolT, Farbe, Wert und Verwendung zu bieten 
habe, verweise ich die hiesigen Forscher auf Fr. Idichel's Recherches sur lei 
Eîeffes de soie (Paris 1852) und P.Meyer's Anmerkungen zum Flamenca- 
Roman; Du CüQge 5. V. cendalus, lendadus. — Was Purlugal betrifft, so sei 
nur bemerkt, dafs cendal auffallendeiweise in der Preistabelle vom J. 1253 
nicht vorkommt, wohl aber in der Klcidctordnung Alfons' IV. Im Lieder- 
buch tiegegnen wir ihm in CV 847 und 048 (in Biaga's Ausgabe anch noch 
in No. lojl); bei Alfons X. in CM 392, 14, — Als Futterstoff steht es 
meist gegensätzlich der penna, d. h. dem Pelzfutter gegenüber. Wo es sich 
um Wertangabe handelt, neben Sammet und Purpur oder Schar! ach tuch. 

* CV 048: E pesa-m' én e é mí mal 

que Ih' escarniron seu brial 

que era co*' e de cendal. 
Im unmittelbac folgenden Spoitlied wird dasselbe Kleidungsstück aU trial de 
Sevílha bezeichnet. Aus den voranilehenden (946 — 047) haben wir erfahren, 
dafs es zur Weihnachtszeit einer schönen In/anfSa geschenkt worden war. 
Wieder ein andres Gedicht (CV 706) klart darüber auf, was lür ein Oberkleid 
der Fr»Hen-iria/ gewesen sein mulä. 



I40 CÂROUNA MICHAELIS DE VÂSCONCELLOS, 

Schmuck des Mantels eines Rico-homem aber dem Monarchen mifs- 
fallen, wenn nicht gar gegen einen Paragraphen der Kleiderord- 
nung verstofsen mochte. Ich sage als Schmuck {guarnicäo\ und 
stelle mir vor, es handle sich um eine Einfassung — wie sie die 
hochinteressante Preistabelle Alfons* III. vom J. 1253 unter cum penna 
oder scotada cum penna versteht.^ 

An einen Mantelparagraphen wie den obigen aber dachten 
Alfons X. und Vasco Gil, aller Wahrscheinlichkeit nach. Das por- 
tugiesische Dekret war bald nach den Cortes de Guimarâes (1250) 
erlassen worden.2 Den entsprechenden und gewifs vorbildlichen 
hispanischen Text vermag ich nicht anzuführen, zweifle aber nicht 
an seinem Vorhandensein schon vor den Cortes de Valladolid vom 
J. 1258. Auch eine Art Kleiderordnung mufs an beiden Höfen 
damals erlassen worden sein, mit Einzel bestimmungen ähnlich den 
von Alfons IV. verfügten.^ Das schliefse ich aus einem Spott- 
liede des CV, worin einem filzigen Infançon von demselben alfon- 
sinischen Troubadour, der sich mit den Schwestern unsres Vasco 
Gil beschäftigt hat,* vorgeworfen wird, er übertrete des Königs 
Gebot — degredo del rey\ denn dieser habe verfügt, der Mantel 
des Infançon solle alle zwei Jahre erneuert werden, er aber trage 
den seinen nun schon im dritten oder vierten Jahre. ^ 

Das Studium der Dekretalien, auf das König Alfons sich 
in seiner Entgegnung bezieht, könnte man mit einiger Wahrschein- 
lichkeit in die Epoche der Vorarbeiten zur Gesetzes -Reform ver- 
legen, in der die Tenzone entstanden ist, um so mehr als schon 
Ferdinand III. dieselbe geplant und zu ihr angeregt hatte. Der 
Wortlaut zwingt jedoch, an vergangene Zeiten, also an des Ge- 
lehrten Mocedades, zu denken. Zwar wurde Salamanca erst 
1254 (durch die Bullen Papst Alexander's IV. vom 25. Mai, 13. Juli 
und I. Oktober) erweitert und den drei europäischen Esiudos Gc" 
nerales — Paris, Oxford, Bologna — gleichgestellt, nachdem Alfons 



* Für „Futter" wurde forro, für „gefuttert" dohrado gesagt, Leges 196. 
Von der garnacha, dem tabardo und manto cum penna und sine penna ist 
daselbst mehrfach die Rede. Und in der ungedruckten Verordnung von 1340 
findet sich sogar com penna ou com cendal mit Bezug auf tabardo, manto 
oder pannos (im Sinne von „Anzug") Dutzende von Malen, wo auseinander- 
gesetzt ist, welches Tuch, welcher Schnitt und welcher Besatz dem König und 
der Königsfamilie, dem Rico-homem, dem Cavalleiro, Escudeiro und Cidadäo 
erlaubt war, und wie oft er sich beim Schneider neu einkleiden durfte. Siehe 
Gama Barros I 533 — 536. 

^ Die Hauptdekrete Alfons' III. über seinen eignen Haushalt und den 
seiner Unterthanen fallen in die Zeit von 1250 — I26ï (Leges 192 — 210). 

8 Es wird darin unter vielem andern festgestellt, der Magnat dürfe sich 
jährlich drei Anzüge com penna ou com cendal, der Ritter ihrer zwei, der 
Escudeiro sich jährlich einen neuen Anzug sem penna nem cendal zulegen. 
— In der ungleich einfacheren und sparsameren Zeit Alfons' III. muíste, dem 
Anschein nach, ein Anzug selbst dem Rico-homem und Infanzón ganze zwei 
Jahre dauern. 

* Joao de Guilhade, CV 87. 

« CV U03. S. den Liederanhang (5), Vgl. CV 1169. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 14t 

zwei Jahre zuvor (g. November 1252) die Statuten ausgefertigt hatte, 
kraft deren er vier Lehrstühle für Juristerei stiftete und reichlich 
dotierte.' Doch war kanonisches Recht ebenda schon früher in 
der 1220 von Alfons IX. errichteten und 1239 von Ferdinand III. 
erweiterten Theologie -Schale von ausländischen Doctoren gelesen 
worden. Î Und nicht minder in der bereits 1209 zu Falencia unter 
minder glücklichen Auspicien gegründeten kasülischen Akademie.^ 

Die Selbstaussage des Königs in uusrer Canzone — brauchbar 
als Beweis dafür dafs er thai sächlich eine Hochschule besucht 
hat — zeigt nicht, ob das in Leon oder Kastilien geschehen ist; 
doch hört man in seinen eignen Liedern und in denen der Zeit- 
genossen sowie in Prosawerken des 13. Jhs, immer nur von escholas 
und tschdlares de Salamanca.^ Nie aber von den escholas de Falencia, 
die durch das rasche Aufblühen der jüngeren Schwester bald in 
den Schalten gestellt wurden. 

Ob des Königs Maestres die gleichen gewesen sind, die er 
später zur Ausarbeitung seiner Ideen heranzog? Mestre Roldan? 
Jacome Ruiz? Mestre Marlin? 

Dafs er als Student das Gewand des Klerikers getragen hat, 
darf man als selbstverständlich gern glauben. Clerizón — übrigens 
eine hispanische, keine gall! zisch -portugiesisch e Bildung^ — benennt 
heute den Chorknaben [monacillo), während die Scheidefonn citri- 
eonte allgemeiner auf denjenigen angewendet wird, der, ohne ordi- 
nierter Priester zu sein, in geistlicher Tcachl einhergeht; im tadeln- 
den Sinne auch auf den Kleriker, der im Aeufscrn und im Be- 
tragen den Anforderungen guter Sitte nicht nachkommt. Im Portu- 

' Mando e tengo for bitn que haya un maestro en Leyes t yo le dé 
quinientos maravedís de salario for el año: e que haya un Bachiller Le- 
gisla. Otrosí mando que haya un Maestro en Decretos e ya le d/ trescientos 
maravedís cada alia, Otrosí mando que haya dos Maestros en Decretales e 
ye que les di quinientos maravedís cada año. Ordenanfas Reales X 5t, I 
ín dcD Adiciones zar Partida II 31, t — 1 1, wo Ausführliches über die Estudies 
Generales steht. 

* Vidal, Memoria Hist, sabre la Universidad de Salamanca 1869. — 
Braga, .£^ú/. l/niv.Ijé.— Luc.Tud. (in Schott IV 113) sagt: Sie {== Ade/ontas 
Rtx Legionis"] salutari Consilio evocavil tnagistros feritissimos in sacrii 
itrifturis &• eomtituit scholas fieri Salmantia. 

» Lue. Tud. (Schott IV 109) Eb lemfere (vor der Schlacht bei Las Navas) 
Sex Adefonsus evocavit magistros Iheotogicos et aliarum arlium 
libtralium éf Palentiie scholas institua procurante reverendissimo &• nei/I- 
lissimo viro 7'eUione eiusdem civitatis episcopo. Quia ut antiquilas refert, 
semper ibi viguit ¡cholastiea sapientia, viguit &• militia. — Rod. Toi. VIH 
e, 34 ... sapientes a Gallis el Italia convocavit ut sapientia disciplina a 
regno suo nunquam abesset et magistros omnium facultalum Palentite 
congregavit quibus et magno stipendio est ¡argilus: ut omni Studium cupienti 
quasi manna aliquandt in os infiueret sapientia cuiusiibel /acultatis. Et 
licet koc fuit Studium inlerruptum, tarnen per Dei gratiam adhue durât 
(Schott II 128). Vgl. Risco 38 J. 

< CM aeL Vgl. Script. 285. — CV 410. 113L U07 ist von einem escolar 
die Rede. 

* Auch dadurch i;t der Reí Don Alfonso ¡Us Kastilìcr gekenn- 
zeichnet. 



142 CAROLINA MICHAEUS DE VASCONCELLOS, 

giesischen diente das entsprechende clerigon vorwiegend zur Be- 
nennung des Scholaren, dessen longos pannos geistlichen Zuschnitt 
gehabt haben und noch heute bewahren,^ 

Nicht dem straffälligen Manteldieb, dem geschickten Gaukler 
will der Vasall seinen König gleichstellen. Das für denselben vor- 
geschlagene Wort trageiiador^ das nicht zu den verpönten Schmäh- 
worten, sondern dem usuellen Volkswörterschatze angehört ,2 war 
und ist noch heute, neben estrugeitanttj die übliche Bezeichnung 
für den Jongleur, Taschenspieler und Nekromanten.^ 

Welcher unter den vier Königen von Portugal, die vor 1255 
zu den Toten gehörten, mag dem König Alfons als Typus des 
Muster-Gauklers und Mantel tauschers vorgeschwebt haben? Die 
Antwort: natürlich der, welcher den weifsen Mantel mit dem roten 
Kreuz der Hospitaliter getragen hat, scheint einfach; und ist es 
doch nicht, bei unsrer erstaunlichen Unkenntnis über das Leben 
der altportugiesischen Dynasten und ihr Verhältnis zu den Ritter- 
orden. 

Sancho U. (f 1248), an den man zu allererst denkt^ weil es 
der einzige ist, von dem die Geschichte meldet, er habe im Leben 
wie im Tode jenes geistliche Gewand getragen, dem er den Zu- 
namen Capello dankt, ist ausgeschlossen. Alfons, der ihn von An- 
gesicht zu Angesicht gesehen, ihn von Portugal nach Kastilien ge- 
leitet und das Schwert für ihn gezogen hatte,* konnte wemge 
Jahre später unmöglich vergessen haben, in welcher ungewöhnlichen 
Tracht der im Kriege so tapfre, im Frieden lässige Monarch ein- 
herging. Um so weniger als sein Grabmonument, das ihn als 



^ In fi-de-cUrigon (CV 1201) hat es böse Nebenbedeutung. 

' Mit Recht wird im Glossar zu den Marienliedern des Königs das prov. 
trasgitar irasgUt trasgitatnens neben trasgeüo CM 77 gestellt (wozu noch 
tragüador käme) ; mit Unrecht aber wird behauptet, die gallizische Form sei 
Lehngut. Das ist sie ebenso wenig wie das kastilische trasechador (Alex. 1822). 

' Vgl. Ordenaçdes Äff, UI 15. 18, wo vom trageüador gehandelt wird. 
Trageitos sind alle Gaukeleien — bei Soropita (16. Jh.): sabe mais tregeitos que 
um cigano — , aber auch spottende Geberden. Im alten Gemeinderecht der Stadt 
Evora (14. Jh.) findet sich z. B. in einer kuriosen Verordnung über böse Weiber- 
zungen (§113 Renda das bravas) die Bestimmung: e matidarom que nem per 
tregeytos nem per remoques nem per cantigas se nom doestem (Doc, Ebor, 
I 150) und (ib. 189): E por em ordenou e mandou que daqui endiante qualquer 
molher que em praça ou em rua . . . doe star per pallavra ou tre jeito ou 
per almara (?) ou em remoque . . . pague por a primeira vez 50 rs, ; e por 
a segunda se ja presa e da cadea, jazendo hi tres dias, pague 100 rs»; e per 
a terceira ve% se ja enfreada e degradada pubricamente com o freo na boca 
fora da cidade e seos termos, ataa merce del Rey, — Heute ist die Wendung 
tregeitar esgares (= Fratzen schneiden, Faxen machen) recht beliebt 

* Die portug. Chroniken berichten nur, Alfons habe ihn geleitet: E des 
alli emviou Rey dorn Sancho pollo if ante dorn afomso filho del Rey dom fer- 
nando de castella, e de leam, e el foy com el com muy gram cauallaria e 
leuou ho consigo pera castela (Script, 31). Andre Schriftstücke beweisen, dais 
es 1248 zum Kampf gekommen ist. Die Cron, Gen, kann ich nicht zu Rate 
ziehen. Das ganze Kap. 7 in der spanischen Cron, Alf ist unbrauchbar. 



HANDGI.OS5BN ZCM AITPORT. LtBDBRBUCH. T43 

Franziskanei mit Kutte, Kapaze, Strick uud Sandalen zeigt, in 
Toledo vor d^n Augen beider Dichter stand.' Unmöglich konnte 
er auch von Sancho mit apretidt und oi dàer berichten. Und ge- 
rade einem der ireuesten Vasallen des verleumdelen Entthronten 
gegenüber, dessen Schicksal den König so ergriffen hat, dafs er 
noch im Alter, verlassen nicht nur von seinen Vasallen, sondern 
von den eignen Kindern, ausrief: 

Nuacï assi Toy vendada 

rei don Sanch' en Portugal.^ 

Es muís sich am einen vor Lebzeiten oder in der eisten 
Kindheit Alfons' X. verstorbenen handeln: 

Nicht um Alfons II, {t 1223), den harten Bedränger des 
Klerus, der sich den Hospitalitern durchaus nicht geneigt zeigte 
und ihren Uebergriffen auf dem Gesetieswege entgegentrat* 

Es bleiben somit nur Sancho I. (t 1211) und Alfonso I. Hen- 
riques übrig (t 1185). Beide, besonders aber der jüngere, räumten 
dem Orden grofse Freiheilen ein und beschenkten ihn mit Län- 
dereien und Geldmitteln.* Von keinem aber wissen wir, dafs er 
¡hm beitrat. Von keinem auch, dafs er dadurch irgendwelche Vor- 
teile hätte erringen können. 

Die Frage bleibt also ungelöst. 

Die unbestimmte Form, wie der tenzonierende Monarch seine 
Anspielungen auf eine ihm gerüchtweise ïu Ohren gekommene 



■ Andrà de Resende eriäblt in seinem Briefe Ad Barth. Kebedum 
[p, 315}, er habe den Enlthrcntea eu Toledo in schimati monachi ex divi 
Franeisci in qued propensus ftteroi instilulum gesehen. — Auch der Name 
CopelU, der nicht erst im 14. Jh. im GraTenbucb auftaucht (Script. 2%^), sdd- 
dem schon im 13, üblich wat (ib. 21 11.23 und Cr oh. Alf. c.71 cf. Here. 
U 318) und von den Zeitgenossen, wahrscheinlich im Heerlager des „Grafen", 
wie Alfons III. damals biefs (CV 1088 o. 1089), geprägt worden ist, spricht 
deutlich genug. {Captludos und Capuchos ^ Kapuziner oder Küpuzer nannte 
das Volk später die Jünger des Heiligen von Assisi). — Frei Manuel de 
Esperança in seiner Cronica Serafica I 4 e, 36, § 3 und D. José Barbosa im 
Catalogo das Rainhas p. 147 legen den Sachverhalt verständig dar. — Das 
Bestreben des unzuverlässigen Nicolau de S. Maria nicht nor Sancho H., son- 
dern »uch Sancho I. und AfTonso Henriijucs dem Augustiner -Orden ein^u- 
reihen, hat keine historische Grundlage {Ckron. dos Conegos Regrantes), ward 
aber \xa\iAatCi von anderen geteilt, i. B. Anactph. <y)', Aschbach II. 

1 CM 236. 

• Uges 17a. 55S. 718. 

•Von Affonso Hentiques heilsl es in der CAron. Breve: £ este Rey 
dorn affamo começoa a hordem de santiago e deu aa espritai de Jerusalem 
»ileenla mil marauidis em ouro pera comprar kerdade de tanta renda per que 
dessim nos enffermos da enffcrmaria senkos paSes quentes e senkos uaios de 
tâinhe porque meleisem coda dia em oraçom este Rey dorn aßonso. — Im 
Grafeiibuch, wo sie mit sachlichea Varianteo und naiütlich auch in verändertet 
Orthographie erscheint {Script. 755), wird noch hinzugclüglt e deu gramdes 
iäfrdadts aa dita ordern do Espilai no friorado de Portugal. Ucber dks 
Ihata&chtiche erhält man Auskunft in Gama Barros' [refflicher Hist, da Ââ- 
a I 367 Cf. — Sancho I. schenkte den Hospitalitern die Feste Belver 
ì'Men. Lus, IX e. li). — Vgl. Nova Milla. 



144 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

Mantel-Anekdote vorbringt, berechtigt jedoch zu folgender Ver- 
mutung. Sie kann den einzigen Fürsten aus dem burgundisch- 
portugiesischen Königshause, der thatsächlich dem Orden angehört 
hat, betreifen: den im Jahre 1207 verstorbenen XX. Grofsmeister 
D. Affonso de Portugal, einen Bastardsohn des ersten und 
Halbbruder des zweiten Königs.^ 

Was Wunder, wenn mehr als ein halbes Jahrhundert nach den 
Ereignissen (1194 war er Meister geworden) die Sage sich des 
abenteuerlichen cavallaro do Espilai aus königlichem Geblûte be- 
mächtigte und die heute unbekannten Gründe zu seinem Eintritt in 
den Orden als Gaukelei oder gelungenen Schelmenstreich ge- 
deutet hätte, ihn obenein noch mit seinem gleichnamigen Vater 
(D. Alfonso I.) verwechselnd? 

Der Gedanke, der Mantel, mit dem Alfons X. die Dienste des 
D. Vasco Gil belohnt hat, sei der einem Commendador do Hospital 
zukommende gewesen, liegt nahe.^ Aber pafst dazu, dafs Pelzwerk 
{pend) an demselben zu sehen war? 

Im Liederbuch findet sich noch eine Tenzone von bitterböser 
Art, in der ein D. Va asco mit einem unbekannten Spielmann 
Pero Martîiz die Entartung des Ordens geifselt.^ Auf die Frage, 
wer Meister {commendador) in der Knauserei, in Lüge, in Unzucht 
und in der Verleumdung sei, wird zuerst entgegnet, der Mal- 
dizentes seien an die tausend; dann aber werden die hervorragend- 
sten in den übrigen drei Lastern namhaft gemacht Darunter 
ein Don Roy Gil. Ein Prior dieses Namens regierte den Orden 
von 1233 — 1244, bestätigt von Sancho II.* 1238 finden wir 
D. Vasco Gil in dieses Königs nächster Umgebung. Kein andrer 
D.Vasco tritt als Dichter in den Liederbüchern auf. Die Ten- 
zone ward unter den Liedern des D. Joäo Soares Coelho auf- 
bewahrt, der, wie unser Poet, sowohl am portugiesischen als auch 



^ Hist, Gen, I 61. — In der St. Johanniskirche zu Santarem (S. JoSo de 
AlporSo) lautete seine Grabschrift: 

In cera MCCXXXV KaUndjs Martii ohiit Frater 
Alphonsus Magister HospitaUs Hierusalem, 
Quisquis ades qui morte cadis perlege plora 
Sum quod eris, fueram quod es, pro me preeor ora. 
Seit 1845 wird der Grabstein im Klosterhof von S.Francisco aufbewahrt. — 
Andere haben gelesen: Era MCCXLV, X Kai, Martii, 

« CV1182. 

8 CV 1020. 

* Figueiredo, Nova Malta I 256 u. 295 — 301; II § 15. — Die Schenkung 
von Palmella, Alcacer, Cezimbra an den Ritterorden von Santiago und die 
von Arronches an Sancta Cruz de Coimbra unterzeichnen (1235 und 1236) 
unter andern Rodericus Prior Hospitalis, D. Egid. Velas ci tenens Sau- 
sam und D. Mart. Egidii tenens Ripam Mimi, d.h. der Vater und der 
Bruder des Dichters. — Here. II 495. 496. — Der in der Tenzone gleichfalls 
geschmähte Roy Martins könnte der so genannte Commendcidor de Tavara 
sein, der noch 1 251 in der Nähe Alfons' III. auftritt (Leges 190), doch be- 
sonders unter dem Vorgänger von sich reden machte. S. Figueiredo, Nova 
Malta, Lisb. 1800, I § 290. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. I45 

am kastílischen Hofe, und zwar scheinbar in engen Beziehungen 
zu den hier wie dort regierenden Königen nachgewiesen ist. Es 
ist also sehr wohl möglich , dafs D. Vasco Gil Verfasser der Ten- 
zone ist. Doch nur möglich. Und stände es fest, so wäre auch 
damit weder erwiesen, dafs der Mantel, der den Gegenstand 
dieser Glosse bildet, zum Ornat eines Hospitaliter-Komthurs ge- 
hört hat, noch dafs D. Vasco Gil wirklich jemals ein solcher ge- 
wesen ist 

Aus den übrigen Versen des Vasco Gil ergiebt sich nichts 
über sein Leben und Wirken. Weitere Spottlieder fehlen. Seine 
Liebeslieder aber (CA 144 — 156) sowie das einzige erhaltene 
Mädchenlied (CV 266) unterscheiden sich durch keinerlei Sonder- 
zûge von denen seiner Zeitgenossen. Ob sie in Portugal unter 
Sancho II., oder am Hofe des Gelehrten, oder nach der Heimkehr 
entstanden sind, als der Dichter um D. Froilhe Femandes warb, 
mufs dahingestellt bleiben.^ 

Liederanhang. 

(2.) CVS7. 

JoSo de Guilhade. 

Deus! como se foron perder e matar 
mui bSas donzelas, quaes vus direi: 
foi Dordia Gil [es] e foi Guiomar 
que prenderon ordin! Mais, se foss' eu rei, 
5 eu as mandaría por en [a] queimar 
porque foron mund' e prez desemparar! 

Non metedes mentes en quai perdiçon 
fezeron no mund* e se foron perder? 
Com' outras arlólas viven na raçon, 
IO por mui to de ben que poderon fazer. 

Mais eu por alguen ja mort' ei de prender 
que non vej* e moiro por alguen veer. 

Outra bSa dona que pelo rein'(o) á 
de bon prez e ríca e de bon parecer, 
15 se mi -a Deus amostra, gran ben mi farà, 
ca nunca prazer verei sen a veer. 
¿Que farei, coitado? moiro per alguen 
(que non vej* e moiro por veer alguen) 
[£Uâ ja non me pode fazer nenhun ben"], 

CV. 2 utut — boas — 3 Oordia gü. Das Patronymicum hat sich nicht 
eingebürgert. Um die fehlende Silbe zu gewinnen, wende ich die Form an, 
die dem lat. Egidii der Urkunden genau entsprechen würde. — 7 pdico — 
8 fezon — 9 ar Ilotas — racon — 10 podotn faz — 13 otic doä — Beyno — 



* Danach mufs präcisiert werden was in Gröbers Grundr, üb S. 109 und 
bei Lang, CD. p. XXVIH und XXXV über Vasco Gil ausgesagt wird. 

Zeitschr. t rom. Phfl. XXV. 10 



t4Ò CAROLÍNA MICHAELIS DB VASCONCBLLOä, 

1 8 Die reimlose Zeile ist Wiederholung von 12. Ein offenbares Schreiber- 
versehen, das hoffentlich durch Einsicht des CB zu berichtigen sein wird — 
besser als durch meine Konjektur. 

Mit dem naiv -häretischen Inhalt vergleiche man (CB 1528) 
die Klagen des Grafen Gil Peres bei einem ähnlichen Anlafs. Aos 
olhos de muitos nao tinham talvez grande sabor de heréticas as palavras 
do trovador J. de G, quando a/firmava que se fosse rei, mandava 
queimàr as donzellas Ordia Gii e Guiomar porque se foram perder 
e matar em religiäo — so schliefst Gama Barros seine Darlegung 
der Kloster -Entartung im 14. Jh. und der Weherufe des Frei Al- 
varo Paes. — Dafür dafs auch im 13., zur Zeit Guilhade's und des 
Vasco Gil, die Sittenlosigkeit der Mönchs- und Ritterorden Anlafs 
zu Klagen gab, enthalten die Liederbücher und die Adelsbücher 
Beweismaterial die Masse. 

(3.) cvi09e. 

Ayras Peres Vuiturom. 

Joan Nicolas soube guarecer 
de mort' un cm' assi per sa razon 
que foi julgad' a foro de Leon 
que non devia de mort* estorcer. 
5 e socorren - s' assi con esta lei 
,,que non deve justiça fazer rei 
en orne que na mSo [non] colher*." 

E pois el viu que devi' a prender 
mort* aquel om' assi, disse -Ih' enton: 
IO „ponho que fez aleiv' e traizon 
e cousa ja per que dev' a morrer.'< 
Dizede vos, se a terra leixar' 
que me non achen i a justiçar, 
¿se poden en mi justiça fazer? 

I Johan incholas — 4 demo castorçer — 5 e/a correu fsafsy — 
6 rustica — 14 rusticar — 14 poder a, 

(4.) cvi07e. 

JoSo Ayras de Santiago. 

Ay, Justiça, mal fazedes que non 
queredes ora dereito filhar 
de Mor da Cana porque foi matar 
Joan Ayras, ca fez mui sen razon. 
5 Mais se dereito queredes fazer, 
eia so el devedes a meter, 
ca o manda o Uvro de Leon» 

Ca Ihi quería gran ben e des i 
nunca Ihi chamava se non ,^enhor*" 
10 e quando Ih' el quería mui milhor, 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. I47 

foi o eia logo matar ali. 

Mais, Jasliça, pois tan gran torto fez, 

metede-a ja so el Qa vez, 

ca o mandan, e dereit' é assi. 
15 E quando mais Joan Ayras cuidou 

que ouvesse de Mor da Cana ben, 

foi o eia logo matar por én 

tanto que el en seu poder entrou. 

Mais, Justiça, pois que assi é ja 
20 metan -a so el, et padecer -á 

a que o a mui gran torto matou. 

E quen-nos ambos vir' jazer dirá: 

„bêeito sej(a) aquel que o julgou". 

3 In Zeile 16 steht caua. Braga nennt die Heldin dementsprechend Cava\ 
doch wird Cana das Richtigere sein, da es ein gallizischer Orts- und Familien- 
name ist, der auch sonst noch im Liederbuch vorkommt — 8 qra — 9 seno^ 
— 10 ^ra — 13 solle — 14 eno manda d d* eyte asjy — 17 mara — 
20 mef ana (das wäre meterán' na, wodurch die Zeile um eine Silbe zu lang 
wird) — ZI tro — 23 heeyto 

Wie man sieht, stellt sich Joäo Ayres als sterbend vor Liebe 
hin, klagt Mor da Cana des Mordes an, und verlangt vom Richter 
Anwendung des Gesetzes, auf das ich im Texte Bezug nahm. — 
Wäre im Liede irgend ein Hinweis auf Krieg und Kriegsrecht, so 
könnte man an die Gesetzbestimmung im Espejo de iodos los derechos 
denken (UI 8, 4; Opas, Leg. I 123), durch welche für Unruhstifter 
im Feldlager angeordnet wird; Et qui matare a otro, métanle so el 
muerto, 

(5.) OVU08. 
Jo3o de Guilhade. 

Par Deus, infanzón, queredes perder 

a terra, pois non temedes el rei; 

ca ja brítades seu degred', e sei 

que Ih' o faremos mui cedo saber; 
5 ca vus mandaron a capa, de pran, 

trager do^uls anos, e provar vus an 

que vo*-la virón tres anos trager, 

£ provar- vus -á das carnes quenquer 

que duas cames vus mandan comer 
IO e non queredes vos d' Qa cozer; 

e no degredo non á ja mester 

nen ja da capa non ei a falar, 

ca ben tres anos a vimos andar 

no vosso col' e de vossa molher. 
15 E farà el rei córte este mes 

e mandaran -vus, infanzón, chamar 

e vos querredes a capa levar 

e provar - an - vus, pero que vus pes, 

IO* 



14^ CAROLINA MICHAELIS DE VASCOMCELLOS, 

da vossa capá e (do) vosso gardacos 
20 en cas del rei vus provafemos nos 
que an tres anos e passa por tres. 

I Par den — 3 birtades — 6. 7. 13 auo — 14 deuefsa — 16 emädam 
uos — 20 emas — 21 trano — ^. 

Die Anspielung auf die zwei Fleischgerichte, die auf des Ritters 
Tische aufgetragen werden durften, 'betrifít die Verordnung vom 
II. April 1258 § 14 (Leges 209). Cf. Randgl. IIL 

(6.) CV1220. 

Pero Martîiz, ora por caridade 

vos que vus têedes por sabedor 

dizede-mi ¿quen é comendador 

eno Spital ora da escassidade? 
5 ou na franqueza? ou quen no fomiz? 

ou quen en quanto mal se faz e diz? 

Se o sabedes, dizede verdade.- 

„Pois, don Vaasâ, un pouco m' ascoitade: 

Os que mal fazen e dizen son mil; 
10 eno fomiz é [mestre] don Roy Gril; 

e Roy Martiiz é [o] na falsidade; 

e (e)na (e)scasseza é-o scu prior. 

Non vus pod' om' esto partir melhor; 

se mais quiserdes, por mais pergimtade.'* 
15 Pero Martiiz, mui ben respond estes, 

pero sabia -m' eu esto per mi, 

ca todos tres eran senhores i, 

das comendas comendadores estes; 

e partistes-mi-o tan ben que m* é mal. 
20 Mais ar quer' ora de vos saber al: 

que (mi) digades de quen o aprendestes. 
„Vos, don Vaasâ, ora me cometestes 

d' outros preitos. Des i ar dig' assi : 

non mi deu algo, pero Ih' o pedi, 
25 o prìol; e f. .i e vos f.. estes 

con Roy Gil(es); e meus preitos talhei 

con frei Rodrìgu' e mentiu-m'os; e sei 

per aqnest' a sa fazenda d' aqüestes." 
Pero Marni», respondestes tan ben 
30 en tod' esto que fuistes i con sen 

de trobador; e cuid' eu que leestes. 

Vos, don Vaasco, tod' esso m' é ben (?) 

ei sis' e sei trobar e leo ben; 

¡mais que tardi que mi -o vos entendestes! 

I martuz. Die Dichtenden sprachen den Namen bald zweisilbig (i. 11. 
29), bald dreisilbig. — 2 teedes — 5 Aus der Antwort in Z. ii entnehme 



RATÍDGtOSSEN ZUM ALTPORT, UEDERBÜCH. 



14g 



ich, daTs hier /uiíeíii stthen mnfste. — 6/aa — 9 mal — 10 Man könnle 
auch Rodngo statt Roy setzen ^— II m'lüz — la /'o/ — 14 quisedes — 
15 respoHdeJti — 16 min — 19 efar lisios mho — î6 roygai — 27 men- 
liumuh^ — 30 foysUs — 31 í íí-oi. — 32 l>er Reim ist nicht in Ordoung. 
Die Findol sind überhaupt nicht regelrecht gebaut. 



UI. 
Vom Mitlagbrod hispanischer Könige. 

Die zweite Tenzone, aia deren bis heute unerkannten Mit- 
arbeiter ich Alfons X. betrachte, geht von einem hochstehenden 
Beamten ans, der seinen Herrn olme nähere Bezeichnung mit 
Smhor anredet. 

Dieser Beamte, der zu fragen anhebt, ist ein gallizischer 
Edelmann, von dessen Thaten die Chroniken Alfons' X., seines 
Nachfolgers und seines Enkels, mancherlei zu berichten wissen.' Da 
ich sein Leben schon anderwärts mit möglichster Genauigkeit er- 
zählt habe,^ sei hier nur das Wesentlichste erwähnt. Der 1 295 
durch die Gewaltthat eines politischen Gegners aus dem Weg 
geräumte Pay Gomes Charinho hat im J, 1284 unter Sancho IV., 
und vielleicht auch schon unter dem Vorgänger, als Flot ten admiral 
Dienste geleistet. Laut Angabe eines seiner Lieder^ war er bei 
der Belagerung von Jaen (1246) mit thätig. Nach Aussage seiner 
Grabschrift hat er an der Einnahme von Sevilla (1248) hervor- 
ragenden Anteil gehabt. Er ist Verfasser des höfisch mafsvollen, 
doch charakteristischen politischen Sirventes, in welchem ein König 
von Kastilien und Leon in Tadel und Lob mit dem Ozean ver- 
glichen wird, unter Anerkennung seiner grofsartigen Freigebigkeit 
sowie seines hohen Sinnes, aber auch unter Betonung seines Wankel- 
muts und Jähzorns.^ Damit kann niu' der gelehrte hispanische 
Dichterkönig gemeint sein. 

Und da keiner von seinen Söhnen Poet war, in Z, g aber 
das Wort rey fällt, aus dem Munde des Antwortenden und mit 
deutlicher Bezugnahme auf ihn selbst,^ scheint mir die Urheber- 
schaft gesichert. 

Doch hören wir das nicht ohne weiteres klare Gedicht. 

(7-) 



Da pregunta vus qoero fáier, 
Senhor, que ml devedes a solver (?}. 
¿Por qui v^istes jantnres corner 
que onte nuQca. de vosso logar 



' Cron. Alf. e. 76. — Cron. Sancho e. 7. — Cron. Fern. e. I. 
' In der Einleitung lum CA Kap. VI Biogr. xjcvn. 
s CV42e. 

• CA ase. 

° Sonst halte man in dem Senhor den Kronforderer und Infanten 
D. Juaa sachen darren, in dessen Diensien Charinho stand und von dem 
sein Tod gerächt wurde. 



150 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

5 comeu? Esto como pode seer? 
ca vej' ende os erdeiros queixar. 

i,P[a\ay Gomes, quer* eu vus responder 
por vos fazer a verdade saber: 
¡ouv'-aquí reys [e] de mayor poder 
IO en conquerer e terras guaanhar, 

mais non quen ouvesse mayor prazer 
de corner, quando Ihi dan bon jantar!" 

Senhor, por esto non digu' eu de non 
de ben jantardes, ca é gran razón; 
15 mai' -lus erdeiros /<ir* an de Leon: 
guerreian vosco, porque an pavor 
d' aver sob(re) (l)o seu con vosc(o) entençon 
e ze Ihis parar outr' anno peyor. 

yyP\çî\ay Gomes, assi Deus mi perdón, 
20 muy gran temp' á que non foi en Carrion, 
nen mi deron meu jantar en Monçon; 
e por esto non s9o pecador 
de comer ben, pois [que] mi -o dan en don, 
ca de muy bon jantar ei gran sabor/' 

(CV 1158 = Ind. 1624.) 

Ohne erklärende Prosaüberschrift, wie fast alle aus Kastilien stammenden, 
der präalfonsinischen oder alfonsinischen Zeit angehörigen Texte. — Ich habe 
mehrfach nachbessern müssen. Im diplomatischen Abdruck des CV steht in 
Z. I hüa — 2 afazer — der Schreiber hat also irrtümlich das Reimwort aus 
Z. I wiederholt — 3 noiestes — 5 esto que pode seer, so dafs eine Silbe 
fehlt — 7 (a. 19) Pae, so dafs abermals die Zeile zu kurz gerät. Die gute 
alte Form Paay findet sich im Index vor No. 145; in der Ueberschrift zu 
CB 144 (= 116) imd sonst öfters — 8 preuo — 9 c5 qirer e en tiras q. — 
15 /öT^ — 16 quartan — Etwa querían? Dann müfste man die unwahrschein- 
liche Lesart annehmen: mat'' ¿us erdeiros foro de Leon \ querian vosco — 
18 ouf no — 20 gm ter a — 21 foi, als I. Sg. statt des später allein üblichen 
fui, wie dutzendfach in den mitgeteilten Texten. — carrhou für carrhon, die 
alte Schreibart von Carrion — 22 ^ /' esto no sdo p, — 24 bdo, vgl. V 4. 

Die Dichter spielen mit dem Worte jantar. Dasselbe bedeutet 
bekanntlich aufser dem gewöhnlichen Mittagsessen auch die Ab- 
gabe, welche auf der Halbinsel in Friedenszeiten (einmal jährlich, 
oder mehrfach, anfangs in Naturalien) für den Unterhalt der Könige 
von den Gemeinden und Klöstern gezahlt wurde, wo jene gerade 
mit grofsem oder kleinem Gefolge rasteten, 1 später aber in Soldos 



* Die übliche Erklärung lautet: certa imposicäo de mantimento para a 
casa e pessoa del rey quando hia fazer justiça pelo rey no; oder: para jantar 
dos Reys quando vào pellas terras fazer justiça {Elucid. s. v.). — Ueber die 
yantares in Spanien vgl. Schäfer, Gesch, Span, II 471. 514; in Portugal Ifer- 
culano IV 402 — 408; Gama Barros I 342 — 349; Schäfer, Ge seh, Port, I 274 u. 
I 166; s. auch Elucid, s. \, jantar — colheita — censo — parada — ser- 
vico — comedura — comeduria; — J. P. Ribeiro, Diss, Chron, IV 2 p. 124; 
Refi, Hist, I 58. — Mon, Lus, XVI e. 27 (mit Bezug auf die erste Reise des 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 15I 

und Maravedís, Einesteils wird scherzend auf die gesegnete, kurz 
vor Abfassung der Tenzone wieder einmal bewährte Efslust des 
Königs hingewiesen ;i andrenteils auf unberechtigte Einforderung 
der yöÄ/jr- Abgabe. Bevorberechtete, die unerlaubterweise zur 
Leistung herbeigezogen worden waren, hatten dieselbe teils erfüllt, 
als grofsmûtige Geber {en don), teils sie abgewiesen: in beiden 
Fällen aber gemurrt und Beschwerde geführt. 

Genannt werden Carrion und Monzón. Da es sich offenbar 
um nahe beisammen gelegene Plätze handelt, die nach einander 
vom reisenden Rechtspfleger besucht wurden, denke ich an Carrion 
de los Condes und das in derselben Gegend gelegene Monzón de 
Campos, früher gemeinhin Monzón de Falencia genannt.^ 

Hier mufs ich eine Parenthese machen. Mit meiner Bemer- 
kung über Monzón stehe ich in Widerspruch zu C. de Lollis.^ Die 
Klage oder Anklage des dichtenden Königs 

non mi deron meu jantar en Monçon 

erinnerte den belesenen Hispanisten offenbar an eine hübsche Stelle 
aus den angeblichen Memoiren En -Jaime's des Eroberers, worin 
derselbe, die Verarmung des Reiches schildernd, unter anderm sagt: 
e nò hauiem a j dia quant nos entrant en Montfo que menjar, si era 
la terra destroyda e enpenyorada,^ Darum vermutet er, mit der in 
unserer Tenzone genannten Ortschaft sei die aragonesische Festung 
gemeint, aus welcher der künftige Eroberer von Valencia noch im 
Knabenalter entfloh (12 10). Und dieser Einfall verleitete ihn 
weiterhin dazu, dsis jantar zum bovage umzuwandeln,^ einer seit 121 1 
(und noch 1217) in Aragon von jedem Ochsengespann und später 
auch vom Kleinvieh erhobenen Steuer.^ Als ob nicht auch in 
Aragon das jantar Sitte gewesen wäre.^ Als ob Jaime mit Carrion 
zu thun gehabt hätte! Als ob Charinho an seinem Hofe erschienen 



Königs D. Denis durch sein Land , 1 279). Dazu Nova Malta passim ; Esp, 
Sagr, passim (z. B. XXI 65. 66. 82). — In Spanien sagte man übrigens la 
yantar, wie u, a. aus den weiter unten mitgeteilten Texten erhellt. 

^ Einen andern Hinweis auf seine Eislust findet der Leser in einem 
Scherzliede Alfons' X. gegen einen Geistlichen, dessen Passions-Predigten ihm 
zu lang dankten (CV 78). Er spricht darin von gutem Salm und Ourenser 
Wein. Es beginnt: 

Com* eu etil dia de pascoa quería ben corner, 
assi quería bon son legeiro de dizer, 
pera meestre Joan! 

2 Rod. Toi, Vn c. 2. 

8 Stud, Fil. Rom, I 37 Anm. Vgl. meine Einwendungen in Randgl, XI. 

* En Jacme e. II. 

fi Afiche Payo Gomes Charrinho (sic) al n. I158 che è una cantiga 
d* escarnho probabilmente occasionata dalV imposta straordinaria del bovaggio 
(12 17) ricorda questa specie di reclusione di Giacomo I alludendo piü speci' 
ficamente alla miseria che circondò il povero re nel recinto di Monzón, 

6 Schäfer, Gesch, Span, III 290. — Schmidt, Gesch. Arag, 171 u. 450.— 
Fueros de Aragon p. 104. 

' Nur führte er im Osten den Namen cena. Vgl. Schäfer 1. c. und 
Schmidt I. c. 



152 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

wäre! Als ob der aragonesische Monarch gedichtet hätte! — noch 
dazu gallizisch- portugiesisch — und zwar in seiner bedrängten 
Jugendzeit! — Da der Zusammenhang, in dem ich meine Auf- 
fassung darlege, zur Genüge zeigt, dafs es sich um Alfons X. und 
um Monzón de Falencia handelt,^ darf ich die Parenthese 
schon hier schliefsen. 

Dafs und wann der König von Elastiiien und Leon die be- 
treifende Strecke seines Reiches rechtsprechend durchzog, und 
ob er dabei Monzón und Carrion betreten hat, kann ich freilich 
nicht dokumentarisch nachweisen. Doch ist es aller Wahrschein- 
lichkeit nach geschehen, als er die, nach 15jährigen Erfahrungen 
mit dem Espejo de los derechos, drohende Rebellion der mit der 
neuen Gesetzgebung gleichmäfsig unzufriedenen leonesischen und 
kastilischen Granden und Ritter, die bereits nach Helfershelfern in 
Navarra und Granada Umschau hielten, zu beschwichtigen ver- 
such te.2 Von Lerma und Burgos, wo er längere Zeit, zwischen 
1270 und 1271, verweilte, wird er auch den Ritt über den Pisuerga 
von Palencia nach Monzón und Carrion und weiter bis zum Esla 
in das Herz des Zwillings -Kronreiches hinein unternommen haben, 
ob auch die Chronik über diese Einzelnheiten und über den Kampf 
um die jantares schweigt.^ Gebucht sind nur die Hauptanklagen, 
wie sie 1274 auf den Cortes zu Burgos und dann zu Almagro for- 
muliert wurden — in dem Satze gipfelnd, König Alfons achte die 
alten Freiheiten nicht: que desaforaba a Castilla e Leon. Privilegien, 
die von der uns beschäftigenden Abgabe, befreiten, waren relativ 
selten, und konnte die Verletzung derselben nur von einer Mino- 
rität empfunden werden. Denn das jantar (ein altes Stückchen 
Civilliste) gehörte von Alters her zu den vier Dingen, deren die 
Landesherren in Kastilien sich nicht entäufserten: justicia (Gerichts- 
barkeit) — fonsadera (Landesverteidigung) — moneda (Münze) — 
yantar (Dynasten Verpflegung) * — oder doch nur ganz ausnahms- 
weise. Wie grofsen Wert sie darauf legten, geht daraus hervor, 
dafs selbst bei Schenkungen von Schlössern, Burgen und Villen an 
Königs-Frauen und -Kinder sie sich der jantares nicht zu ent- 
äufsem pflegten.^ 



» In CV 987 ist thatsächlich die Cinca-Stadt gemeint. Vgl. Randgl, XI. 

* Cronica c, 20 — 58. — Im Résamé bei Lafuente I 426. — Eine andere 
Reise durch sein Reich, besonders durch Leon, behufs Rechtspflege unter- 
nahm er im J. 1277 {Cron. c. 69). 

* Die servicios bilden nebst den dineros einen wesentlichen Teil der 
Anklage. "Dbls jantar trug in Portugal bisweilen diesen Namen; doch handelt 
es sich in den span. Texten, wie aus Cron. Alf, -X" c 12. 21. 25 und Cron, 
Fern, IV c,2Q erhellt, um Kriegsdienst und Kriegsabgaben. 

* Estas cuatro cosas son naturales del señorio del Rey que non deve 
dar a ningún home nin las partir de si que pertenescen a el por razon del 
señorio natural: justicia moneda fonsadera e sus yantares. Aus den Orde- 
namientos der Cortes von Náxera (1138) ging dieser Satz in das traditionelle 
Gewohnheitsrecht von Kastilien über und blieb bis 1356 gültig. — Fuero 
Viejo I I. — Cf. Bere, IV 402; Gama Barros I Si; Schäfer, Gesch, Span, 1 166. 

^ Im Friedensvertrag von 1206 bedingt sich der König von Kastilien 



HANDGIOSSEN ZDM ALTFORT. LIEDERBUCH. 153 

Um solche Ausnahmen leonesischen Ursprungs, die der König 
nicht geachtet hatte, murs es sich bei Charinho natürlich bandeln. 
Von einer Stadt, der solche Mifsachtung widerfuhr und die sich 
dagegen aussprach — ehe die gemeinsame Erhebung der Ge- 
schädigten stattfand — und der auch Alfons ausdrücklich versprach, 
nach dem Rechten zu sehen, sobald er sie auf seiner Reise be- 
träte, bat sich wenigstens Nachricht erhalten. Und zwar handelt 
es sich gerade um die Hauptstadt des alten Reiches: Leon. 

Otrosí EC qucrelUron los personeros del coDcejo que el obispo les 
tomaba la yantar del rey ... e debían que el concejo debía haver esta 
y»ntar , . . por donación de los reyes & amostraron ptevillejos delrey 
D. Alfonso de Leon & del Rey D. Fernando sobre esta rason ... en qae 
yasía escrípto que ealos Reyes daban at concejo generalmente quanlo de- 
recho havian en la alfós de Leno ... e quando el Rey veníese a, la tierra 
que el obispo lie diese yantar.' 

Der von Sevilla aus im J. 1266 und 1 2Óg vom König er- 
gebende Bescheid lautet, man solle warten: 

fasta que el Rey veniese en la tierra e estonces que el concejo le diría 
la verdad del fecho & que el Rey faria y como seBor lo que por bien 

Dais die leonesischen Freiheiten nicht aufgehoben wurden, 
brauche ich hier nicht zu wiederholen. Noch 1293, als die Ge- 
meinden sich verbruderten zur Wahrung ihrer Hoheitsrechte, und 
dem König seine vier Naturrechte nicht vorzuenthalten schwuren, 
schränkten sie dieselben mit Bezug auf die cûmcslioms ein. 

Yantar ali du la solian baver los reys de fuero uoa vez en el via 
quando venîeien al logar, assi como la daban al rey D. Alfonso de Leon el 
bueno, qne venciú la batalla de Merida & a so fijo el Rey D. Fernando; 
e non a otto ninguno si non al merino mayor una vez en el año en aquellos 
logares du la deben dar de derecho, guardando los prevülegios & las cartas 
qae los concejos ban eo esta razón.' 



von seinem leonesischen Vetter ans, dafg derselbe von den ¡hm überlassenen 
SthlÖBScm keinerlei Diensileisiung *ii verlangen habe aufser dernjöii/o»-: sino 
que coma en ellos una vegada cada año {Esp. Sagr. XXXVI Ap. p. 134). — 
Als Alfons IX. im J. 1209, wie ich im CA Kap. VI, Biogr. XXXVII erzShlt 
habe, Ardon, Rueda und Viltarpando an seine Gemahlin abtrat, vetiichtete 
er nicht auf sein yan/nr-Recht noch auf die ^oníiía • Abgabe ; excepto quod 

in aUo regno meo [Esp. Sagr. XXXVI Ap. p. 147}. — Alfons X. verfuhr 
ebenso, als er IÎ83 der Königin von Portugal, seiner Tochter Beatrii, die 
StSdic Serpa, Moura, Noudar und MoarBo zusprach {^fon. Lus, XVI c. 27). 

' Esp. Sagr. XXXV Ap, xn p. 434 — eine über allleonesische Rechls- 
gtbräuche ergiebig unterweisende Urkunde. 

» Ib. 144. 

' Ib. SXXVI Ap. LXXU p. I6îr Carta de hermandad que ¡os concejos 
del reyno de Leon y de Galicia hicieron en ¡as cortes celebradas en Val¡a- 
doHd, año de ligj. 



154 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

Ob Carrion leonesisches Recht hatte, habe ich nicht feststellen 
können. Es ist wahrscheinlich. Wie schwankend die Ostgrenze 
lange Zeit blieb, dafs das fuero de Leon bis zum Pisuerga Gültig- 
keit hatte, ^ und dafs die Supplement-Gesetze der Königin Urraca 
(1109) Carrion mitbetrafen, sind wichtige Einzelnheiten. 

Damit ist erklärt, wie in der Jantar-Tenzone vom foro de Leon 
— in dem schon in Randglosse II berührten, weiteren Sinne — 
die Rede sein durfte. 

Die zweimalige Erwähnung von erdeiros als solchen, die durch 
des Königs Ansprüche oder durch seine neue Gesetzgebung be- 
einträchtigt waren, könnte verleiten an Unterkunft (pousada) in einer 
der grofsen Kloster -Herbergen zu denken, wie sie gewöhnlich 
nebst dem König nur den Stiftern und ihren Nachkommen — den 
padroeiros, erdeiros oder naturaes — zukam.^ Natürlich veranlafste 
die Verpflichtung zu derlei janiares sowohl ungesetzliche Forde- 
rungen, als auch Klagen, Streitigkeiten und Mifsbräuche ver- 
schiedenster Art. Alle möglichen Bastarde und Agnaten verlangten 
ihr jantar. Die Berechtigten stellten sich häufiger ein, als es sich 
gebührte; brachten Gesellschaft mit, sogar weibliche; dazu grofsen 
Dienertrofs mit Pferden, Falken, Hunden, und verlangten auserlesene 
Speisen. Es gab Klöster — in Portugal, das ich jetzt mit in Be- 
tracht ziehe — die jährlich für mehr als 300 Diners zu sorgen 
hatten. Darauf bezügliche Verordnungen Alfons' III. vom J. I26i3 
stellen unter anderm fest, dafs in sämtlichen Cisterzienser- Abteien 
Portugals der König allein und sonst niemand in seiner Eigenschaft 
als padroeiro und herdeiro zu bewirten sei.'* Auch in diesem Falle 
werden andre mir unzugängliche hispanische und aragonesische 
Parallelstücke als Vorbilder gedient haben. 

Originell und individuell scheint mir hingegen die kernige 
Verfügung einer biderben Klostergründerin aus der Provinz Entre- 
Doiro^e^MinhOi die an solch frevlem Gebahren Anstofs nahm. In 
ihrem Testament bestimmt (1268) D. Chamoa Gomes:* „Verlangt 
Eine oder Einer meiner Sippe als Erbberechtigter Unterkunft in 
diesem Kloster — im reizenden fruchtbaren Entr^^amho^'los ríos — , 
so gebe man ihm einen Spaten in die Hand, ihr aber Wolle nebst 



^ Luc, Tod. in Schott IV 89 : Dedit ei bonos foros et mores quos débet 
habere tarn civitas quam totum legionense regnum a flumine Pisuerga usque 
ad extremam Gallada partem in Perpetuum. 

^ Ueber erdeiros unterrichtet Gama Barros I 342 — 9 ; Here. XU 93 ; Elucid, 
s. V. casamento — defensor — igreja — natural — herdeiro. — Schafer, 
Gesch. Port, I 166. — Ein Unterschied zwischen naturaes und erdeiros be- 
steht nicht, trotz gegenteiliger Behauptung. 

' P. M. H.: Leges 198 — 210. 

* Item manda nosso senhor ElRey que os mosteiros de Çistel do seu 
rreino seiam enparados e nenhuum nom pouse en eles come padrom nem 
herdeiro, e nenhuum nom seia padrom de s ses mosteiros nem herdeiro senom 
ElRey {Leges 209). 

^ Chamoa <^ Flammula {Llambra Lambra), 



RAHDGLOSSKN ZUM ALTPORT. LIEDEItEDCH. 155 

Rocken und Spindel; dazu ein Stock Brod, und Wasser so viel sie 
trinken wollen."' 

Doch zurück zu den Dekreten Alfons' UI. Sie enthielten u. a. 
genaue Angaben über das Menu, aus dem das obligate Kloster- 
Jantar der Erdeiros zu bestehen habe; und femer über diejenigen 
Speisen, welche Rkos-homts \iaà Injançdes ihren Rittern, Knappen 
und Mannen zu bieten verpflichtet waren. ^ Nimmt man dazu, was 
über des Königs eigenen Tisch bemerkt wird, so sehen die portu- 
giesischen Mafsnahmen wie ein Nachklang derer aus, die im Nach- 
barlande 1258 von den Cortes zu Valladoüd ergingen. Einsicht 
in die bezüglichen Texte notgedrungen für später aufsparend, sei 
nur verzeichnet was ein Vulgarisator dazu bemerkt, weil es der 
Efslusl des Monarchen zur Folie dienen kann; 



Ea II 



s [corles] de Valladolid sc It^ó a. poner tasü a los gastos de la 
se asignó para comer al rey y a la reina 150 maravedís diarios 
i los que se senlabao 1 



is mesuradamiente y que i 






Die Jantar-Abgabe wurde natürlich sehr verschieden berechnet.* 
Alfons IX, giebt in dem Friedenspakt von 1 206 den von den ab- 
getretenen Schlössern zu leistenden Betrag genau an — Valderas 
z. B, zahlte 6o Maravedís.^ Beim Regierungsantritt Ferdinands IV. 
(1295) erkannten ihm die kastilischen und leo nesisch en Gemeinden 
je 30 Maravedís jährlich zu." Dem rebellischen Thronforderer und 
Infanten D. Juan, zu dessen Partei unser Charinho gehörte, wurden 
noch in demselben Jahre die Einwohner von Falencia abtrünnig, 
weil er 5000 — 6000 Maravedís von ihnen verlangte.' — Die Un- 
kosten in den portug. Klöstern wurden für jeden Adligen nur auf 
2 — 10 Maravedís geschätzt.* — Wenn der Merino im Namen des 
Königs als Rechtsplleger reiste, hatte er in Ciudad Rodrigo, und 



' J. P. Ribeiro. Rtf!. Hisl. I 57. 

• Lafuente I 467. — D. Jaime batte füi Beine Staaten schon 1:34 zu 
Tarragona VerorilDucgen ñbcr den gleichen Gegenstand erlassen. 

' Im portug. SlsatsBichiv soll es ein Buch mit Preisbestinunungcn lur 
die von den verschiedenen Städten, Orden und Klostem zu UefErndet) Königs- 
Jan tares geben. 

' E¡p. Sagr. XXXVI Ap. 147. 

• Esf. Sag-r. XXXVI Ap. I6î. 

' Cron. Fern. c. I: m ¡as cartts de Valladoüd fuera ordinado por todas 
les dt ¡a liírra que non diesen al Rey por su yanlar en cada viUa mas de 
30 maravedís de la buena moneda que era eslonees (que corría cada maravedí 
iSo maravedís) e que ri infante don yuan tomaba agora por yanlar en cada 
villa ciruo seis mill maravedís e que asi la avía fecho en cada lugar do 
fuera e que bun cuidaba que asi la faria e lo demandaría agora en Falencia 
cuando y llegase. — Cf. Benavidcs, Memorias de D. Fernando IV, II p. 3 u. 7, 
WD aaltet der Carta de hermandad de los concejos de Líen y Galicia díe 
Carta de Herrn, de ¡os C. de Castilla abgedruckt ist, 

• Leges 309. 



156 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

hatten die mitbeschäfligten Alcalden (im J. 1209) je eine Henne 
oder ein halbes Zicklein und dazu Brot und Wein zu fordern. * 

Da es nicht meine Absicht ist, einen kulturhistorischen Aufsatz 
abzurunden, sondern nur die zum Verständnis unserer Tenzone 
nötigen Aufklärungen zu bieten, breche ich hiermit ab. 

An Spottgedichten dMÍjantares im gewöhnlichen Sinne — wenn 
auch das Juridische mit hineinklingt, da es sich um offizielle 
Leistungen des pendäo e caldeira führenden Nobile handelt — giebt 
es ein reichliches Dutzend.^ Knauserige RicoS'homes und Infancies, 
welche ihren Mannen und gelegentlich auch den gastierenden Trou- 
badours und Spielleuten schlechte Herberge und ein karges Mittags- 
mahl vorsetzten, besonders an Fasttagen (die sich im ganzen auch 
damals keiner übermäfsigen Beliebtheit erfreut zu haben scheinen); 
— oder die gar einen solchen wandernden Cercalmon, wenn 
er zur Essenszeit an den Thorweg klopfte, mit Hunden hetzen 
liefsen,^ werden weidlich durchgehechelt. Einmal sehen wir in ent- 
gegengesetzter Art die undankbaren Gäste selbst aufs Korn ge- 
nommen,* denen keine Gastfreundschaft gut genug ist, und die 
sich, wenn überhaupt, so nur der Mutter Gottes und Sanct-Julian, 
dem Schutzpatron der Hospitaliter, verpflichtet glauben, wenn es 
ihnen auf Reisen in unwirtsamen Länderstrichen wohl ergeht. Eine 
Anspielung auf ein portug. Dekret über das Jantar der Ricos^homes, 
in der Satire des lustigen Gui l hade, die ich als Anhang zur 
vorigen Glosse mitteilte, kennt der Leser bereits. Als solche fasse 
ich wenigstens die Drohung auf: 

£ provar- vus -á das carnes quenquer 
que duas cames vus mandan comer 
e non queredes vos d' da cozer.'* 

1st nun der Paragraph selbst auch nicht erhalten, so kann man 
schliefsen, wie ungefähr er gelautet haben mufs, wenn man in der 
königl. Palast -Ordnung liest: 

Enna cozinha delRey nom adubem senom de duas cames e a huma 
seja de duas guisas . . . Em no dia do pescado para o jantar dé tres 
pescados, ou dé dous; e humn pescado seja adubado de duas guisas.* 



* Leges 890. 

> CV 1001. 1002. 1037. 1029. 1046. 1047. 1084. U08. U63. 1166. 
U67. U68. U70. 1171. 1177. 

3 CV994 von Ruy Queimado; und ib. 1002 von Gonçal' Eannes 
do Vinhal. 

* CV 1001. 
« CV1108. 

* I^ges 199 § 14. Natürlich betraf die Verordnung nicht des Königs 
eigene Tafel. — In § 16 heifst es Em na cozinha dElRey de seu corpo adubem 
para seu corpo como el mandar, — Von einer Mahlzeit Alfons' III, erfahren 
wir, dafs es àn Brot, Wein, Kapaun, mariniertem Lendenbraten und jungem 
Zicklein nicht gefehlt hatte (CV 1084). 




RANDGLOSSEN ZUM AtTPORT, UEDBRBÜCH. 

Und dem entsprechend in den Erlassen über die 
(|uc aon comham no dia da carne 
adubada de duas guisas: e em aquel dia que as comerem nom comham 
pescado . ■ • ■ E seiii[etb]auílmente no dia do pescado comiiam de tres 
pescados ou de dous, e huum seia adubado de daas guisas; e com estes 
pescados comham tniytas e bogas ou lolho, ine (eie.}.' 

Auch auf dem Gebiete der Jantar-Satyre scheint übrigens der 
kastìlische Rei-Trovador — oder sagen wir lieber ein peninsularer 
Rei-Trovador, da es noch unentschieden ist. ob Alfons X. oder 
1 Grofsvaler, der Leonese, Verfasser der Liedergruppe CB 456 
— seinen Höflingen und Söldnern mit tonangebendem 
Beispiel vorangegangen zu sein. Wie er lachend in gewandten 
Reimen einem seiner Magnaten nachsagt, derselbe habe als einzigen 
kulinarischen Gennfs einen gekochten halben Hammelschwanz auf- 
tragen lassen: 

" Direi -VHS d'un rieome 

com' aprtndi que come! 
Mandou coiei o vil orne 
meio labo de cameíro: 

das kann der Leser, falls es ihn interessiert, in Randgloise I nach- 
schlagen.^ Statt das Lied zu wiederholen, biete ich ihm die übrigen 
Speiselieder. 

Freilich , selbst die königlichen spöttischen Gelegenheits verse 
waren unter der südlichen Sonne nichts Neues. Einer der schmàh- 
süchtigslen und brutalsten Troubadours proven za lis eher Zunge, der 
Held zahlreicher Skandal - und Schurken-Anekdoten,' der mehr als 
abenteuerliche Katalane Guilhem von Bergadan oder Bergue- 
dan, der gegen Ende des iz. Jhs. am Hofe Alfons' VIII, wie auch 
im Palast zu Leon Gastrollen gegeben, hatte einst ein ahnliches Thema 
angeschlagen.* Ob er ein Heft mit Schmähliedern eigner und 
fremder Komposition zurückliefs (untermischt mit den erotischen 
Gedichten des Grafen Wilhelm von Poitou), ähnlich demjenigen, 
welches Alfons X. in den Händen des Dechanten von Cadiz wufste?^ 
Ob aus diesen der gelehrte Beschützer aller realistischen Lieder- 
dichter den Anstofs zu seinen unflätigen Cantigat de estarnk' e 
maldittr empfangen haben mag? Jedenfalls steht der provenzali s che 
Verfasser der Schmähreime auf einen filzigen Edelmann,* was Sinnes- 

' Ugts 199 § 15. — In CV 1037. 1029. 1168 boren wir von truytas, 

pescados, peixotas, salmon, linguado, faruca. 
< Ztschr. XX \b%. 

* Eine der Ceata novelle antichi beschäfttgl sich bekanntlich mit ihm. 

• S. über ihn Mila, Trovadores 184—32*; Bartsch im yakrbuch VI 
331—288 u. Vm ij6, — Seine Lieder vei offen Üithte A. v. Keller schon 1849. 

» cves. 

■ Mia p. 317 No. 19. — KeUei No. li. — Es beginnt: 
Eu non cuidaba chantar, 

mas ArnauU del Vigiar 



158 CAROLINA MICHAEUS DE VASCONCELLOS, 

art, Lebensführung, volksmäfsige Sprache, die metrische Gestaltung 
seiner Lieder,^ das Schmähen von Personen, unverfrorene Be- 
nutzung niedriger Worte, sowie dunkle Anspielungen auf heimische 
Gebräuche und Unsitten betrifft ,2 den gallizisch- portugiesischen 
Dichtem so nahe wie wenige andre Troubadours. 
Doch das gehört in ein andres Kapitel. 

Liederanhang. 

(8.) OVIOOL 

Gonçal' Eannes do Vinhal. 

En gran coita andamos con el rey 
per esta cerra u con el andamos, 
se non fosse que quis Deus que achamos 
infançOes — quaes vus eu dircy — 
5 que entran nosqu' en dOas cada dia 
e j antan e cean a gran perfia 
e burlhan córte cada u chegamos. 

Taes, par Deus, infançOes non sey 
e todos nos d' eles maravilhamos ; 
IO e pero os infançSes chamamos, 
vedes, amigos, tanto vos direy: 
eu per infançOes non os terna, 
mais son-x', a graça de sancta María 
e san JuySo con que albergamos. 

15 E sempre por sa vida rogarey, 

e dereit* é que todo'- lo façamos, 

pois d' eles todos tant' amor filhamos 

en sa terra — quanto vos eu direy: 

qualquer d' eles nos fez quanto devia, 
20 mais tant' é grande a nossa folia 

que nulhas graças Ihis ende non damos. 

I andaramo — 5 ddas — 6 ceam — 8 baruas infanzdes côes, Oder 
bedeutet es vielleicht: Nao conheço Infançdes que sejcun taes harvas d. L qiu 
sêjam homens tao honrados} — 9 etodo «9 — IO. il. amigus — 15 E stem} 
des — 16 faeamo — 17 câtamor — 18 tira — 20 çnda 



m' en a mes en la via 
c' audi 1' autrìer clamar 
de mon sogre ab la corona 
qu' el no '1 det a 1' ora nona 
del peis, e iê 1' amagnar! 

* Bei ihm findet sich z. B. Bezugnahme auf den hispanischen Glauben 
an Vogelschau, der im gallizisch - portugiesischen Liederbuch einen so breiten 
Raum einnimmt. 

* Alfons' X. hurtiges Kriegslied O genete Pois remete O alfaroM cor- 
redor (CV 74), wonach das Zeonoreta 'Lied des Lobeira gemodelt ist, hat 
sein metrisches Vorbild im 24. Liede des Guühem von Bergadan: Un trichaire 
Preste laire Vol que chan pus suy chantaire. Vgl. Randgl, VI. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. I59 

(9.) OV1002. 

Von demselben. 

Non levava un dinheiro(?) 
ogan' u oüvi-a passar 
per Campos, e quix pousar 
en casa d' un cavaleiro 
5 que se ten por infançon, 
e soltou-mi-un can enton 
e mordeu-mi-o seendeiro. 

Por meu mal enton senlheiro 
oùvi ali a chegar 
10 — que non chegass*! — a logar 
u atal fais [cava]leiro, 
ca el se fosse çaton(?) 
non fora ao vergalhon 
roso (?) do meu seendeiro. 

15 Non vistes peyor parado 

albergue do que achey 

enton quand' a el cheguey; 

nen vistes mais estirado 

ome ca fuy d' un mastin, 
20 e fez -mi tal o rocin 

que semelhava lobado. 

Non fuy eu ben acordado, 
poi'- lo da porta catey 
dentro: porque o chamey, 
25 pos -mi -o gran can enriçado 
que nunc' a [morder] fez fin 
ata que [el] fez en min 
quai fez no rodn lobado. 

I nen dulheyro — 2 ogane hu o ut pa/sar — 9 ouualy a ch. — II fais 
leyro — 12 cato. Vielleicht santoni — 17 ele — 25 enrricado. Zu enrizar 
= „hetzen" von *irritiare statt irritare} (cf. astur, enridar) vgl. Fuero Juzgo 
Vili 4. 19. — 28 lobado ,,vom Wolf in Angst versetzt". 



(IO.) CV1027. 

Roy Paes de Ribela. 

Veend' un ricome cen truitas 
én compra duas por multas . . 
e coz' end' a Üa. 
Por quanto xi quer, apenas 
compra én duas pequeñas . . 
e coz' end' a Ha ! 



1 6o CAROLINA MICHAEUS DE VASCONCELLOS, 

Venden cen truitas vivas 
e compra én duas cativas 
e coz' end' a tta! 

I Ven hü r, dastruytas — 2 que — 4 ehenas — 7 cruytas 

(II.) CV1029. 

Joäo Servando. 

Comeron infançOes | en outro dia 

apartados na feira | de sancta Maria, 

e deron-lhi linguados | por melhoria 

que nunca vi tan bOos | desque naci. 

5 Eu con os apartados | fui enton i 

apartado da vida, | e non comi. 

Direi -vus como foron | i apartados: 
deron-lhis das fanegas | e dos pescados 
atanto per que foron | muy lazerados, 
10 que des quando foi nado, | nunca chus vi. 
£u con os apartados | fui enton i 
apartado da vida, | e non comi. 

Apartaron -se d'eles | por comer ben, 
melhor que comerían | en almazen, 
15 e pois quando ao erger, | non podian én, 
tirar mui ben as | pemas arcassy(?) 

Eu con os apartados | fui enton i 
apartado da vida | e non comi. 

I tnfançdes — 3 por nu Uioria — 4 pontos — 6 dauida — Etwa 
d* ojuda} Oder da vilai Ich -verstehe den Gedanken nicht. — 8 dis — 
e dos pajeados. Ob wir dez fanegas e dous pescados zu setzen haben ? — 
li cd uos — entahy — 15 w erger — l^ eu com co arar tados 

(12.) cvio4e. 

Roy Paes de Ribela. 

Preguntad' un rícome 
mui neo que mal come, 
porqué o faz? 
El de fam' e de sede 
5 mata ome; ben (o) sabede, 
porqué o faz. 
Mal com' e faz nemiga! 
Dizede-lhi que diga 
porqué o faz. 

(13.) OV1047. 

Roy Paes de Ribela. 

Un rícomaz, un ricomaz 
que de maos jantares íazi 



RANDGLOSSEN ZüM ALTPORt. LÌEDEflBUÒH. 

Quanta came manda a cozer, 

quand' ome vay pola veer, 
5 se s* ante muito non erger, 

sol non pode veer u jaz! 
Un ricomaz, un ricomaz 
que de maos jantares faz! 

Quen vee qual cozinha ten 
IO de carne, se s* i non deten, 

non poderá estimar ben 

se x' est carne, se [é] pescaz! 
Un ricomaz, un ricomaz 
que de maos jantares faz! 



i6i 



5 merger 

{14.) OV1084. 
Ayras Peres Vu i tur o m. 

Don (£)stevan, eu eyri comi 

en cas del rey — nunca vistes melhor — 

e cantarei vo'-lo jantar aqui 

c' acha ome de falar i sabor: 
5 non virón nunca ja outro tal pan 

os vossos olhos, nen ar veeran 

outro tal vinho qual eu i bevi. 

Nen vistes nunca, se Deus mi perdón 

melbor jantar, e contar vo'-lo ei: 
10 á dez anos que non vistes capon 

qual eu i ouve, non vistes, ben sei 

melhor cabrito, nen vistes atal 

lombo de vinh' e d'alhos e de sal 

qual i a mi deu un de criazón. 
15 Nen vistes nunca nulh' ome comer 

com eu comi, nen vistes tal jantar, 

nen vistes mais vicos' ome seer 

do que eu sévi en nenhun logar, 

ca a min non minguava nulha ren, 
20 e mais viços' ome de comer ben 

non vistes, nen avedes de veer. 

I esiauam — 4 caxa — 6 uos/us — "] a quai — 9 í côtaruùi{l)ey — 
14 q Ihi nanti deu hi hü de criazón — 20 uyzosome 

Der Spott gilt der Kurzsichtigkeit des D. Estevam, und nicht 
dem Essen an Königs Tisch. 



{15.) ovues. 

Pero da Ponte. 

Un dia foi cavalgar 
de Burgos contra Carrion 
Zehschr. L rom. PhiL XXV. 



II 



102 CAROLINA MICHABUS DB VASCONCËLLOS, 

e saiu-m' a convidar 
no caminh' un infançon, 
5 ' e tanto me convidou 
que oùvi logo a jantar 
con el, mal que mi pesou. 
U m' eu de Burgós parti 
log' a Deus m' encomendei, 
IO e log' a el proug* assi 
que un infançon achei, 
e tanto me convidou 
que oùvi -a jantar logu' i. 
com el, mal que mi pesou. 
15 E se eu de corazón 

roguei Deus, baratei ben, 
ca en pouca de sazon 
àque-m' un infanzón ven, 
e tanto me convidou 
20 que oùvi -a jantar enton 

con el, mal que mi pesou. 
E nunca (ja) assi comerei 
com' enton con el comi, 
mais u eu con el topei 
25 quisera-m'ir e el i 

atanto me convidou 

que sen men grado jantei 

con el, mal que mi pesou. 

3 me conuydal — 7 coitele — il infancon 



(16.) cvuee. 

Noutro dia en Carrion 
queria[n] un salmon vender, 
e chegou i un infanzón; 
e tanto que o foy veer, 
5 crecen -Ibi d'el tal corazón 
que diss' a un seu om' enton : 
„Peix ora quer oj' eu comer, 

Ca muit' á ja que non comi 
salmon que sempre desejei; 

IO mais pois que o ach' or(a) aqui 
ja custa non recearei 
que oj' eu non cômia, de pran, 
ben da peizota e do pan, 
ca muit' á que ben non ceei. 

15 Ca pois aqui salmon achei, 

querrei oj' eu mui ben cear, 
ca non sei u mi- o acharei 



RANDGLOSSEN ZUM ALtPORT. LÎBDËROUCH. lój 

des que me for d' este logar; 

e do salmon que ora vi, 
20 ante que x' o leven d' ali, 

vay-m' Qa peixota comprar. 
Non quer* eu custa recear, 

pois salmon fresc(o) acho siquer(?), 

mais quer(o) ir ben d'el assUar 
25 e enviar a mia molher 

— que morre por el outrossi — 

da balea que vej' aqni, 

e depois quite quen poder! 

I coir hon fur carrhon. Das Versmafs verlangt: En outro dia — 
12 comha — 14 ceH — 16 cear — 20 heue — 21 müha — copr* — 
23 sinher — 2$ /*" — 28 quitar dehdas = Schulden bezahlen. 

Als Lachsverkaufer haben wir den gallizischen Dichter nicht 
zu betrachten. Daher die Konjektur querían in Z. 2. 



(17.) ovue?. 

D' un tal ricome vus quero contar 

que noutro dia a Segovia chegou 

de como foi a vila a refeçàr, 

pois o ricome na vila entrou; 
5 ca o manjar que antes davan i 

por dez sóidos ou por maravedí, 

logu' esse dia dnc sóidos tomou. 
Ricome foi que vus Deus envión 

que vus non quis assi desamparar, 
10 que vus a vila assi refezou 

poi'- lo ricome veo no logar; 

ca nunca en tan gran miragre vi 

polo azougue refeçar assi 

mentr* o ricome mandava comprar. 
15 £ a Deus devemos graças a dar 

d' este ricome que vus presentou, 

de mais en ano que era tan car' 

com' este foi que ogaño passou; 

ca pois este rícom' entrou aqui, 
20 nunca maa careza entrou i 

mentr' o ricome na corte morou. 

7 cine soldo eor ñob — cinco würde die Zeile um eine Silbe zu lang 
machen. Die übliche alte Form war cinque. Vgl. duc — 10 ^no — 
13 azougme — 14 mandara — 9/r* — \^ Ca des — 17 tei caro im Reim 
zu dar 

Offenbar ein herber Spott auf einen Machthaber, der far die 
Speisen, auf deren Ankauf er ein Recht hatte, zu wenig bezahlte. 

II* 



104 CAkOLÎNA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

(i8.) cvues. 

Quen à sesta quiser dormir 

conselhá-lo-ei a razon: 

tanto que jante, pense d* ir 

á cozinha do infanzón. 
5 E tal cozinha Ih' achara, 

que tan fria casa non á 

na oste de quantas i son! 
Ainda vus eu mais direi: 

eu que im dia i dormi 
IO tan bòa sesta non levei 

des aquel dia 'n que naci 

como dormir en tal logar 

u nimca Deus quis mosca dar! 

É a mais fría ren que vi! 
15 £ vedes que ben se guisou 

de fría cozinha têer 

o infanzón, ca non mandou 

des ogan' i fog* acender. 

E se vinho gSar d* alguen, 
20 ali Ih' o esfrïaran ben 

se o frío quiser bever! 

4 conzinhado — io festa — 14 ena — 16 teer — 19 ¿"aar — 
20 effriarä 

Satire auf die kalte Küche eines geizigen Junkers. 



(19.) CVU70. 

Sueir* Eanes, este trobador, 
foi por jan tar a cas d' un infançon 
e jantou mal, mais el vingou s' eut on 
que ar ajan os outros d' el pavor, 
5 e non quis el a vendita tardar: 
entanto que se partiu do jantar, 
trobou-lhi mal, nunca vistes peior! 

Eno mundo non sei eu trobador 
de que s' ome mais devess' a temer 

IO de x' el mai maas tres cobras fazer, 
ou quatro, a quen Ihi maa barva for. 
Ca desque vo'-lh' el cae na razon, 
maas tres cobras ou quatr' e o son 
de as fazer muit' é el sabedor ! 

15 E por esto non sei no mundo tal 

ome que Ih' a el devess' a dizer 
de non, por Ihi dar mui ben seu aver, 
c'a Sueir* Eanes nunca Ihi fai 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. UEDERBÜCH. 165 

razon, des que el despagado vay, 
20 en que Ihi trob' atan mal e tan lay 
por que o outro sempre Ibi quer mal. 

4 cäa mos — 9 deuafse — 16 deuafsadizer — 18 suerearus — desque 

Satire auf ein Mittagsessen, mehr aber noch auf die schlechten 
Verse des Sueir' Eannes. Vgl. CV U17. U79. U84. 



(20.) CVU71. 

Quand' eu d' Olide sai 
pregunte! por Ayvar 
e disse -mi log' assi 
aquel que foy preguntar: 
5 „senhor, vos creed' a mi, 
que o sel muí ben contar: 

Eu vus conto quant' á 

d' aqui a cas don Xemeno* 

un dia mui grand' ai.. 
10 e un jantar mui pequeño. 

Disse -mi u (me) d' el parti: 
„quero -vus ben conselhar; 
a jomada que d' aqui 
vus oy queredes fìlhar, 
15 será grande, pois des i 
eras non é ren o jantar: 

por en vus conto quant' á 

d' aqui a cas don Xemeno: 

un dia mui grand' ai.. 
20 e im jantar mui pequeño. 

I dolíde — 7 Wohl quanto dì 

Wie ich die navarresischen Ortschaften OlHe^ Ayvar und Don 
Xemeno in Zusammenhang mit einander bringe, habe ich im CA 
Kap. VI in der Biogr. XXXV des Pero da Ponte mitgeteilt. Hier 
genügt es zu verzeichnen, dafs Don Xemeno de Ayvar zu den 
Navarresen gehörte, die mit König Sancho am Siege von Tolosa 
12 12 teilnahmen. 

(21.) CVU77. 

En almSeda vi estar 
a un ricom' e diss' assi : 
„quen quer un ricome comprar?'' 
E nunca í comprador vi 
5 que o quisesse, nen en don, 
ca dizian todos que non 
darian un soldo por si. 



1 66 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

E d' este ricome qucnquer 

vus pod' a verdade dizer. 
IO Pois non après nenhun mester, 

¿quen querrá i o seu perder? 

ca el non faz nenhun lavor 

de que nulh' om' aja sabor, 

nen sab' adubar de corner. 
15 Eu foron polo vender 

preguntaron -no en gran sen: 

,,¿rícom, que sabedes fazer?" 

e o rìcome disse: y^renl 

non amo custa nen misson, 
20 màis compro miii de coraçon 

erdade, se mi -a vend' alguen." 
E pois el diss' esta razón 

non oùvi molher nen baron 

que por el dar quisesse ren! 

2 ouin — 12 cai tf/— 17 ricome — Vielleicht: riconta, que sabes fazer P 

(22.) GB 1508. 

JoSo de Guilhade. 

Vi eu estar noutro dia 
infançoes con un ricome 
posfaçando de quen mal come, 
e dix* eu que os ouvia: 
5 Cada casa favas lavan! 

Posfaçavan d' un escasso, 
foy-os eu ascuitando; 
eles foron posfaçando 
e dixi - m' eu pass' e passo : 
IO Cada casa lavas lavan! 

Posfaçavan d' encolheito 
e de vil e de spantoso 
e en sa terra lixoso, 
e dix' eu enton dereito: 

Cada casa favas lavan! 

3 u. 8 posfaçâdo. Das Metrum zwingt uns posfaçand* a quen mal corne 
zu lesen und in Z. 7 ^ eu os foy ascuitando zu vermuten — 9 paffen pasfo 
— II posfacauä — 13 tira — 14 diteu 

Das Sprichwort bedeutet so viel wie: cd e id mds fadas ha — 
und soll besagen, dafs es im Hause der Maldizenies^ was den Tisch 
betrifft, nicht besser bestellt war als anderwärts. Vielleicht liegt 
in favas auch noch ein direkter Hinweis auf spärliche Kost: Alle 
Tage Saubohnen? — Ob man meu passo e passo noch im Be- 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. IÒ7 

wufstsein der substantivischen Natur von passo gesagt hat? Sonst 
kommt im Liederbuch an ähnlichen Formen nur pouqti e pouco und 
mans^ e manso vor. 

(23.) CB 1562 (= 425). 

Nunes. 

Un infançon mi-á convidado 
que seja sen jan tar loado 
par mi; mais (eu) non -no ei guisado 
e direi -vus por que mi aven: 
5 ca ja des antan' ei jurado 
que nunca diga de mal ben. 

Diss' el: „poi' -lo jantar foi dado, 
load' este jantar onrado." 
Dix' eu: „faria-o de grado; 
IO mais jurel antan* en Jaén 
na oste quando fuy cruzado 
que nunca diga de mal ben! 

CB I Hurt Inf ancón mha cduidado — 2 doado — 8 onìrado — IO Die 
übliche alte Form ist Geen, 

Ob Ay ras Nunes der Verfasser ist? 



IV. Pennaveira. 

Das dritte Streitgedicht, mit dem ich mich beschäftigt habe, 

lautet : 

(24.) 

Úa pregunta queir' a el rey fazer 

que se sol ben e aposto vistir: 

¿porqué foi el pena veira trager? 

Veer -Ih'- an bon pan' e queremos riir, 
5 — eu e Gonçalo Martliz, que é 

ome muit' aposto, per boa fé — 

e ar queré'-lo-emos én cousir. 

f^Garcia Perez, vos ben cousecer 

podedes: nunca, de pran, foi falir 
IO en querer eu pena veira trager 

velha en córte, nen-na sol cobrir(?); 

pero de tanto ben a salvarci: 

nunca me d' eia en córte paguei, 

mais estas guerras nos fazen bulir/* 
15 Senhor, mui ben me vus fostes salvar 

de pena veira que trager -vus vi; 

e pois de vos a queredes deitar, 

se me creverdes, faredes assi; 



l68 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCBLLOS, 

Mandade logu' est, e non aja i al! 
20 deitade - a loga' en un maradal, 

ca peyor pena nunca d' esta vi. 
,yGarcta Perez, non sabedes dar 

bon conselho — per quanto vus oi — 

pois que me vos conselhades deitar 
25 en tal logar esta pena; s' assi 

o fezesse, faria mui[to] mal; 

e muito tenh' ora que me mais val 

o dà* -la eu a un coteif' aqui. /qb 465 = S57.) 

I Hua preguntar ^ir — 3 peqna — 4 Ich lasse veer und riir stehen. 
Es bleibt dem Leser überlassen, welche von beiden Formen er kontrahieren 
will — 5 goncalo nirijz — () /alquir — 10 en querer en — 14 of tas — 
20 Dota loguen huñ — 21 peyior — 24 con f of hades — 25 Eutal logar esta 
pe^na caffi — 26 offezeffe faria mui mal — 27 ^ muj m9 ual — 28 Endata 

£in König, der sich schmuck und gut zu kleiden pflegt, hat 
ein minderwertiges, mit Buntwerk besetztes oder gefüttertes Gewand 
getragen, wird darob lachend angegriffen, entschuldigt sich damit, 
nicht bei Hofe, sondern im Kriege habe er den alten schlechten 
Pelz angelegt, hört, obwohl der Angreifer seine Verteidigung gelten 
läfst, die Aufforderung, denselben sofort auf den Kehrichthaufen 
an der nächsten Mauer zu werfen, erklärt das für einen schlechten 
Ratschlag und zieht vor, das abgetragene Stück einem seiner 
Troupiers zu schenken. 

Textkritisch bietet diese vierte Königstenzone keine sonder- 
lichen Schwierigkeiten. Nur das Reimwort von Z. 9, an das ich 
rühren mufste, bleibt fraglich, und unverständlich der Schlufs 
von Z. 11.^ Daran, dafs wir in Z. 3 und 25 pena zu lesen haben, 
ist nicht zu zweifeln, da pequeña weder in den Zehnsilbner pafst, 
noch die zwei Adjektive ohne Substantiv einen Sinn geben, veira 
als Hauptwort aber im Portugiesischen nicht nachzuweisen ist.^ 

1 Ob cobrir alg, c» gleichwie cobrir-se de alg, c, bedeuten kann: „sich 
einer Sache als Decke bedienen, sich mit einer Sache bedecken*'? Dann 
hätten wir zu verstehen: „ich habe nimmer den Fehler begangen, Bunt- 
werk bei Hofe als Kleid zu tragen , und nicht einmal, solches als Decke oder 
Hülle zu gebrauchen**, nunca fui falir en trager pena veira na córte, nen 
sol (= nem tampouco) en (n)a cobrir F — In einem Spottgedicht Alfons' X. 
(CV 66), das sich um einen diebischen Pilger dreht, tritt cobrir dreimal als 
Reimwort auf — möglicherweise gleichfalls mit Bezug auf Pelzwerk {gris). 
Doch ist die Bedeutung von Gris nicht sicher. Vielleicht ist Gris oder 
Agris der Name des Bestohlenen: 

dagris furtaran que por ¿n 
non Ihi leixaran que possa cobrir, 
und 

e sol non cata[n'\ conto gris non ten 
[ja] nunca cousa de que se cobrir. 

Oder bedeutet Z. ii: „und nicht einmal Buntwerk zu bedecken — d.h. es 
versteckt und bedeckt als ünterfiitter zu verwerten'*? 

' üeber die Entwicklung von varius und variare im Portug. spreche 
ich in RandgL XVI, aus Anlafs der Olhos verdes, wie schon gesagt ward. 



BANDGLOSSEK ZUM ALTPOST. LIEDERBUCH. lÓQ 

Und pttia viira steht ja unverfälscht in Z. lO und i6, uns den 
Weg weisend. 

Sachlich staunt man im ersten Augenblick darüber, dafs diese 
Pelzsorte, die man gewohnt ¡st in Schilderungen und Verordnungen 
als kostbaren Luxusstoff in einem Atem mit Ziodel, Brocat, Schar- 
lach, Sammet genannt zu sehen,' von einem Troubadour so ver* 
ächtlich behandelt wird, als sei sie nicht gut genug für seinen 
Herrscher. Man mufs sich erst darauf besinnen, dafs wir am 
glänzenden, mit des Orients Kostbarkeiten prunkenden Hofe eines 
peninsularen Fürsten weilen, und dafs auch der Teilnehmer an 
unserer Scherz-Tenzone kein auf Lohnung durch buntes Tuch be- 
dachter Spielmann oder Berufsdichter, sondern ein fürnehmer Herr 
sein mufs — wie aus dem Gegenstand und der besonnenen Rede- 
weise, mehr aber noch aus der Fassung der königlichen Entgeg- 
nung hervorgeht Drittens und hauptsächlich dreht sich der Disput 
um einen allen verbrauchten Pelz, nicht um pena veira an sich, 
wenn wir auch in der Angriffsstrophe die betreffende Angabe ver- 
missen. 

Darüber dafs im Süden im 13. Jh. und heute wiederum nicht 
blofs zur Winterzeit, sondern selbst für Sommertrachten Pelzwerk 
aufser ordentlich gesucht war^ — man unterschied Saisonpelz: penna 
de sason und peana de verSo:^ was sich von dem alten Brauch im 
nationalen Hirtenleben erhalten hat ((amarro, fa/des nebst carräo 
oder surräo); welche heimischen und welche ausländischen Sorten 
hier Verwendung fanden;' wie für die zarteren kostbareren Gattungen 
die aus der Provence übernommene Bezeichnung pinna mit ihrer 
hübschen bildlichen Gleichstellung des Hermelin, Nörz, Zobel, 
Bunt- und Grau werk mit Tauben ilaum und Eid erdunen benutzt 
ward,-'' für die daheim gewonnenen Felle aber pel/i's;'^ was die 
Preistabellen und Kleiderordnungen uns über das Gewerbe der 
Schneider und Kürschner' verraten, darüber liefse sich unter Ein- 



' Belegstellen bei Da Gange, Godefroy. 

* Im Elucidario findet sich oicbls Brauchbares. S. alfanehe und aiiina. 
» P. M, H.: Leges 192. 

* Leges 192 — 196 erfahren wit von der Haut de» Hirschlia.lbcs (aenio. 
tl«uportDg. enko, vom lat. hinneus), des Damhirsches [gamito), Lammes {cor- 
dario), Kalbes {lenrom), Zickleins {cabrito), die wir nicht aìs Peliwerk lu 
beU^chten gewohnt sind; dann von Katze {galo de casa), Wildkatze {gato 
m«n/es), Fuchs (guipina), Frettchen {fuina und tourSo), Oltei {/unlria), 
Marder {marierenia), Gineta {gineia\ und einem mir unbekannten luberno, in 
dem ith bibtmo, einen jungen Wolf, vermute; femer von vestidas de eeelho. 
Alle diese als pellü. — Die zarten Banraartigen pennas »tammen von Her- 
melin {arminium), Otter {/unlria), Haselmaus {de lirionibm) und Hase. ~~ 
Aufserdem wird ein Unterschied gemacht iwischen penna blanca, purada, 
larga, miscrada (dies letzte Wort kommt CV 1164 vor}. 

' Auch im AltspuüscheD haben wie natüiUcb pefla und peña vera. 
S. r. B. Fita 7. 640. tîSi. 1378. 

* Heute ¡st pel/e das einiige Wort; span, pellejo. 
' PelUtiro CV 937. 



170 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

beziehung aller Stellen aus den Liederbüchern ein interessanter 
Modebericht zusammenstellen. 

Für unseren Zweck genügt es, zweierlei zu fixieren. 

1. Penna veira, d.h. die zwiefarbigen Felle* eines äufserst 
kleinen und darum kostbaren , dem Hermelin und Nörz verwandten 
osteuropäischen Nagetierchens — es sei mustela luireola'^ oder nicht — , 
so geschätzt sie auch waren, zählten nicht zu den pannos reaes, 
d. h. sie blieben so wenig wie Grauwerk, Zobel und selbst Her- 
melin für Könige und Fürsten durch ein Sondergesetz reserviert, 
sondern wurden als Futter und Verbrämung von Mänteln und 
Kapuzen aller Art ohne andre Beschränkung als der vom Geld- 
beutel des Käufers gesteckten in den Handel gegeben. Das Lieder- 
buch selbst liefert Beweise dafür. 

Der alfonsinische Spielmann Pedr' Amigo de Sevilha be- 
klagt sich einmal, er sei bei der Verteilung von panos und penas 
veiras zu kurz gekommen (CV 690). 

Estévam da Guarda, der spottlustige Kanzler des Königs 
Denis, verhöhnt einen zum Edelmann beförderten Bauern, der, um 
seine Glatze zu verdecken, sich eine ungeheure, mit pena veira 
ausgestattete Kopfbekleidung {caparon) zugelegt hatte (CV 927). 
Uebrigens wird der Flaumpelz hier ausdrücklich nohre genannt.^ 

Derselbe Dichter erzählt ein andermal vom Verkaufe ge- 
brauchter pannos und pennas veiras durch einen Makler (CV 904). 

2. Benutzt aber wurden die pennas varias auch von Königen, 
wie unsre Tenzone zeigt. Diesmal fiel es freilich dem dichtenden 
Âlfons nicht ein, sich, wie in dem Gedankenaustausch mit Vasco 
Gil, mit dem Beispiel eines andern Herrschers zu decken. Sonst 
hätte er abermals auf einen Köm*g von Portugal hinweisen können: 
Sancho L, der in seinem Testament seine cintas^ escarlatas und 
penas varias seiner Tochter D. Sancha vermacht.^ 

Bei muradal an den berühmten Pafs der Sierra Morena zu 
denken, der so manches Kriegsheer gesehen hat, liegt durchaus 



^ Die UebersetzuDg „bunt'* ist die beste, wo es sich um andre Tiere 
als das pelzliefemde Mäuschen handelt (Hund, Stute, Skorpion), oder gar um 
Menschenhaar. — Die eine der Farben war weils, die andre kaum immer 
die gleiche, bald rötlich, bald grau, bald schwarz. — Unzutreffend sind jeden- 
falls die Erklärungen der hispanischen Berichterstatter: (Sanchez -Janer: vera 
= muy blanca', Cueto: blanca o baya; Braga: alvo alveiro), Sie stammen 
alle aus einer Stelle im Werke des Erzpriesters, wo man liest: El axenus 
de fuera mas negro es que caldera \ Es de dentro muy blanco mas que la 
pennavera (Str. 7). — In Str. 640 bedeutet der Satz: La penna tiene blanco 
et prieto, pero todos son conejos „es giebt weifse, aber auch dunkle Ka- 
ninchen". 

* Londrasinha als Bezeichnung eines Pelzes bezieht sich natürlich auf 
eine kleine Otter- Art und hat nichts mit London zu thun. 

8 Man vergleiche noch CV 990. 

* Mon, Lus, IV. Escrit, IH 260. 



RAITDCLOSSSN ZUU AtTPORT. LIEDERBDCH. 17I 

kein Grund vor. Man lasse dem Wort seine ursprüngliche appel- 
lative Bedeutung. 

So abgetragen, in des Dichters übertreibender Redeweise ßr 
den Müllhaufen reif, war das Stück, dafs es nur einem gemeinea 
Soldaten überantwortet werden konnte. Wenigstens glaube ich, 
wie ich schon früher dargethan,' dafs wir einen pton unter coteife 
zu verstehen haben. Diesen Namen versuche ich jetzt — da ein 
SutBx -life -tfe nicht vorkommt' ^ aus dem Arabischen herzu- 
leiten, wo kaUif ein langes Schwert bedeutet {latus ensi'i; ftrrum 
¡ongum et lalum). Mil dem maurischen Ausstattungsstück, dem der 
coUi/e besagten Faltes die Benennung verdankte, 3 ging dieselbe 
vermutlich wieder verloren. .Sie kommt nur bei Alfons X. vor'' und 
einigen seiner Getreuen,* wenn wir ein fragwürdiges Spottgedicht 
aufser acht lassen oder zu des Königs Hab und Gut rechnen, das 
derselben Gedichtgruppe angehört wie unser /irwa-wira-Lied. 

Damit sind wir zur Hauptfrage gekommen, um derentwillen 
ich dasselbe aus seinem Zusammenhang gelöst und neben die zwei 
Streitgedichte gestellt habe, die Alfons X. zugesprochen werden 
müssen: wer nämlich ist der König, dem jene Gedichtgruppe an- 
gehört?''' Alfons X.? oder Alfons IX,? Hat nur der ital. Kopist 
in der Ueberschrift El Rty don affonso \dt Casidta r] dt ¡ton die 
eingeklammerten Worte ausgelassen?' Es scheint wenig glaublich, 
da gerade die dichtenden Könige sowohl den Kardinal Bembo als 
Angelo Colocci besonders interessiert haben. Steckt also ein Fehler 
im Automamen, so wird er aus der Vorlage stammen, von der 
wir nichts wissen, als dafs sie sich anscheinend in einem argen 
Zustand befand. So lange die Urheberschaft des Weisen nicht 

' Randgt. I Z. 158. 168. 169 sowie S, 71—72. — Tiitt der coteife meist 
als Fnfäsoldat und wie ein Gtmi^iaei auf, so sdieini A.irons 3C. die Gattiuig 
doch einmal (CV 74) in Slutier.Klcidong voriurdhren (mil arminhosì und 
orfeladosì). Ein andennal trigen sie ein Wams aus Kattun [fitrpcnto di 
algodón) nnd Hosen aus ZwUlich (calcas de bratgueta) (CV 62). Langbirtig 
sind sie auch. Oder ist arptlados etwa eine kastiijsche Form von horri- 
füatosi 

» Tabe/e ^ „Tachlel" weifs ich nicht 2u erklären. — ■. Die Schreibart 
coite/e kommt nur einmal vor (CB 464). Vermutlich hat dotch Verschreiben 
dai f »einen Plan gewecbäclt. 

* Solche Uebertrai^ng eines Sachnamens auf die Person, der sie als 
Characteristicum dient, kommt oft genug vor. Ich erinnere nur an j'ague, den 
Jacken tragen den Soldaten, und guita, Tresse, da; Spoltwoit lür den modernen 
poitog. Polilei sol daten. — Ein Versuch, coliife wie golfim {Cron. Alf. c 75 
p. 59) aus der Seh ach terminologie hetinholco, ist mir mifslnngeo. 

• CV 62. 74. CH 32 u. 184. 

' Rui Queimado CV 964; Coelho CV10a4. 

' /n¿. 458— 466. 

' Unmittelbar folgen, wie der Leser weils, eine fromme und mehrere 
prafaoB DichlQngen Alfons' X. (467—496), denen die Ueberschrift El Rty den 
affonso de Castela e de Leon vorangeht. — Wiederholung von Namen als 
Ueberschrift Jst aber sehr häufig. — Auch Alfons XI. ist ausdrücklich als 
Herrscher beider Reiche beieichnet (607). 



JiAJÙU^AMiCHAlLISDKyASCONCBLLOS, RANDGLOSSEN. 



. .1 



ici Nähe AlfoDs' X. wissen wir nichts. Dafs aber 
.;. ... l\x}iU|^ Aii'oDS verlachte schmucke Ritter D. Concalo sich 
.w^ .^ iHcuter im satirischen Fache hervorthat, darf man viel- 
ivu: uu» ie£ 3ebauptuig schliefsen: 

a quenquer que cometestes 
sempre mal o escamistes.^ 

^.\}máí^er wie escarnir beziehen sich im Liederbuch der Regel nach 
«» >joa«iuie Dichter. 

Carouna Michaelis de Vasconcellos. 



RANDOLOSSBIf ZUM ALTPORT. LIBDEBBIJCB. I73 

Gut wäre es. wenn wir wüfsten, wer der Garcia Peres ist, 
der sich ¡0 so familiärer Weise an seinen Gebieter wendet — ob 
auch mit etwas mehr Zurückhaltung als Charinho und Vasco Gil. 
Er redet den König zu Anfang nicht direkt an, sondern überläfst 
es ihm, ob er Jn eigner Person antworten oder einen Dritten damit 
beauftragen will, seine Entgegnung in Reime zu bringen.' Als 
solchen Dritten schlägt er aber — wenn ich ihn recht verstehe — 
einen seiner Genossen vor: Concaio Martins, als einen, dei 
nicht übel gewillt schien, sich am Pelzscherze zu beteiligen. Einen 
Garcia Perez, der zu dem Leonesen in engeren Beziehungen ge- 
standen hätte, kenne ich nicht. Hingegen einen, der zu Alfons' X. 
Vasallen gehörte: jenen Schwager des Dichters und Admirals 
Charinho, der 1282 als Meirinho Gallizien verwaltete, während 
seine Frau die Veste Zamora den Umtrieben der aufrührerischen 
Infanten gegenüber nicht zu verteidigen vermochte.^ Woher jedoch 
die Sicherheil nehmen, dafs er und der Dichter ein und dieselbe 
Person sind? 

Auch von Gonzalo Martins vermag ich nichts auszusagen.^ 
Ich weifs nur, dafs in dem im Liederbuch CB unmittelbar fol- 
genden Gedicht ein D. Gonzalo angeredet wird.' Und zwar wird 
er auch dort vom König vorteilhaft geschildert als aposto e /re- 
meso cavaleiro . . . de lodos cotisas comprido ... e aposf e hen laìhado. 
Gleichzeitig wird auf sein Talent angespielt, mit ungeheurem 
Schwerte sogar Feder- und Pelzwerk {^penà) zu durchschneiden.^ 
Ferner auf seine Anwesenheit in Andalusien — tauler Einzeln- 
heilen, die uns zu statten kämen, wenn das Gedicht als ganzes 
nicht gar so dunkel wäre. 



Unter den Dichtern kommt Garcia Perez sonst nicht wieder 
vor; Gonzalo Martins überhaupt m'cht. Dafs es jedoch einen 
Poeten dieses Namens gegeben hat, lehrt eine portugiesische Ur- 
kunde." Er führte sogar den Ehrentitel ¡robador de Sanlarem. 
Seine Tochter Maria Perez stand in intimen Beziehungen zu dem 
vornehmen Troubadour JoSo Velho de Pedragaes, der 1280 — 82 
als Gesandter des Königs von Portugal am aragonesischen Hofe 
weilte, um die Heirat mit der jungen D, Isabel zu pactieren.^ 
Ueber die Schicksale des Trabador de Sanlarem und seinen etwaigen 



' Portugiesische Beispiele solcher Meinun£sSutseruDg sind nicht bekannt. 
Nnr die pioveczalischeD Fälle, in denen N'M de Mons und Guiraut Rigtiier 
im Namen Alfons' X. das Woit cigiifTen haben. 

' Crüii. Alf. C. 76; Sandgl. I îl and 45. 

■ In den Adetibüchern kommen zu viele gleichen Namens vor, als dar« 
sich Veilälsliches halte auskundschaften lassen. 

* CB 466 Don Gaitfalo. pois queredes ir d" aqui para Seiñlha. 

* Schade dafs jenes giofse Schwert nicht als coteifc bezeichnet wird! 
" Vgl, Revista Lusäana V 136. 

* Aires de Sa, Frey Gançalo Velha. Lisb. 1858 p. 57. Iî3 und 47, — 
£1d Enliel des Paares wurde 1295 legitimieit; ein Sohn kam später an die 
Reibe (1300). 



174 CAROLINA MICHABUS DB YASCONCBLLOS, RANDGLOSSEN. 

Aufenthalt in der Nähe Alfons' X. wissen wir nichts. Dafs aber 
der von König Alfons verlachte schmucke Ritter D. Concalo sich 
auch als Dichter im satirischen Fache hervorthat, darf man viel- 
leicht aus der Behauptung schliefsen: 

a quenquer que cometestes 
sempre mal o escarnistes.^ 



^ Cometer wie escarnir beziehen sich im Liederbuch der Regel nach 
auf spottende Dichter. 

Carolina Michaelis de Vasconcellos. 



Der Frosaroman Tsaye le Triste. 

EINLEITUNG. 

Der Roman „Ysaye le Triste" ist uns, soweit bekannt ist, in 
zwei Handschriften überiiefert. Die eine befindet sich auf der 
Herzoglich Gothaischen Bibliothek in Gotha als No. 688, die 
andere auf der Grofsherzoglich Hessischen Bibliothek in Darmstadt 
als No. 2524. Erstere sei hier kurz mit G, letztere mit D be- 
zeichnet. 

G besteht aus einem 491 Blätter enthaltenden, mit schönen 
kräftigen Farbenbildern gezierten Bande, dessen Deckel mit grünem 
Sammet überzogen ist. Die Schrift ist ungleich und an vielen 
Stellen stark verblafst. Der Inhalt ist durch Herausreifsen einzelner 
Blätter unvollständig überiiefert. So fehlen die §§1—3, die Hälfte 
von § 20, die §§ 108 — iii, die zweite Hälfte von § 457, die erste 
Hälfte von § 458 und § 582. Aufserdem fehlen die Zusätze zu 
den §§ 17, 102 und 216. Die §§ 4, 9, 13 sind mit roten Ueber- 
schriften versehen, die Anfange der anderen §§ werden nur durch 
rote oder blaue Anfangsbuchstaben gekennzeichnet. Die Ueber- 
schrift zu § 4 lautet: Commant Fseiä la Roy ne accoucha a lantree 
dun boys de Ysaye le Triste loquel fut baptise et nourry dun armitte, 
zu § 9 : Commant fees venoient de nuyt ou dorme lenfant et luy bail' 
loient norriture subtillement dont lermitte fut moult effraye et esmer^ 
veilU, zu § 1 3 : Commant lermitte arriva au pied de la verte forest 
ou il trouva lune des dames et tost luy monstra le lieu ou il demeuroit, 
Aufserdem befindet sich auf dem ersten Blatt ein Wappen, das 
bei Jacobs und Ukert „Beiträge zur älteren Litteratur oder Merk- 
würdigkeiten der Herzoglich öffentlichen Bibliothek zu Gotha", 
Band III, i, näher beschrieben ist 

D umfafst 361 Blätter, ist in Leder gebunden und mit einem 
Wappen versehen, das die Farben blau und gelb enthält Als 
Schreiber nennt sich Sire Amoury de Noyelle adone a Douay. Mai 
1449. Die Schrift ist gleichmäfsig, der Text vollständig. An 
Illustrationen sind nur vier schlechte Federzeichnungen vorhanden. 

Neben diesen Handschriften sind noch zwei Drucke zu er- 
wähnen, die 1522 in Paris bei Galliot du Pré und bei Bonfons 
und Philippe le Noir erschienen sind, lieber diese Drucke haben 
gehandelt John Dunlop in der ,JIistory of fiction" 18 io, deutsch 
von Liebrecht 1842 imd die Herausgeber der „Histoire des Romans'' 



176 ZEIDLER, 

1776, Mai. Aufserdem finden sich kleinere Notizen hierüber bei 
Grasse „Die grofsen Sagenkreise des Mittelalters**, bei Schmidt in 
den „Wiener Jahrbüchern" 1825 Teil XXIX und bei Rosenkranz 
im „Handbuch der allgemeinen Geschichte der Litteratur". Die 
soeben erwähnten Drucke werden hier aufser Acht gelassen, da 
sie den Handschriften gegenüber nur eine Verkürzung und Ab- 
änderung des Inhalts bedeuten. 

Ueber den Inhalt der Handschriften ist meines Wissens nur 
einmal gehandelt worden und zwar durch die Herausgeber der 
oben erwähnten „Beiträge u. s. w.", durch Jacobs und Ukert. Die 
Autoren haben ihren Betrachtungen nur die Hs. G zu Grunde ge- 
legt, da ihnen D noch nicht bekannt war. Sie beschreiben die 
Handschrift sehr genau, geben den Inhalt ziemlich ausführlich, 
wenn auch mit einigen Fehlern (la fontaine au Jacant statt /ayante 
Agrenam statt Agravatn, Gannes statt Gaunes, De Fräs le Maloit 
statt Desraes le Maloii) bis § 36 an und drucken dann die Erleb- 
nisse Marcs und Troncs im Feengarten {§§ 514 — 516) und ein 
Rondeau diplomatisch ab. Im übrigen haben sie sehr geringe 
Mühe auf „diesen weitschweiftigen Roman" verwandt, sonst dürften 
sie nicht am £nde ihrer Abhandlung schreiben: „Von dem, was 
dann weiter folgt, haben wir uns vergebens bemüht, aus der fast 
ganz unleserlichen und noch überdies halb verblafsten Schrift einen 
zusammenhängenden Sinn zu entziffern. Nur die vier Endzeilen 
der letzten Seite glauben wir so lesen zu müssen: en memoire les 
fais u. s. w." Bei sorgfaltigem Durchlesen des Romans wäre es 
ihnen auch nicht möglich gewesen, das Wort ehr eslíen ^ das sich 
hundertfach in der Abkürzung xxpni findet, für die Zahl XXVII 
zu halten. 

Der Roman „Ysaye le Triste" gehört dem Cyklus der Arthur- 
romane an. Anknüpfend an die glorreiche Zeit, da König Arthur 
in Carduel (Wales) seinen Hof hielt, da die Ritter der Tafelrunde 
auszogen, den heiligen Graal zu suchen und Abenteuer zu be- 
stehen, führt uns der Verfasser des „Ysaye le Triste" die Thaten 
der Nachkonmien dieser Helden vor Augen. Noch leben bei Be- 
ginn des Romans der greise König Arthur von Logres, die tapferen 
Recken der Tafelrunde Tristan, Lancelot, Hector des mares, Lucan 
le boutillier, Bohort de Gaunes, Blaienor und Blioberis de Gaunes, 
Perceval, Brandahs, Lambeguet, Gaheriet; femer Mordred, Pala- 
mede le mecogneu, Marc von Cornouailles nebst Gattin Yseut und 
deren Kammerfrau Bongyen (Nachahmung von Brangien, die mit 
Gouvernail das Königreich Leonois beherrscht). Aber auch der 
Toten: Meliadus, Merlin wird gedacht. Die Königreiche und be- 
rühmten Oertlichkeiten werden vorteilhaft in den Roman hinein- 
geflochten, so die Königreiche Logres, Leonois, Cornouailles, Nor- 
galles, Orcanie, die Hafenstadt Louvrezep, die Stadt Sarras (aus 
dem Grand Saint Graal), die Joyeuse Garde, der langjährige Auf- 
enthaltsort Yseuts und die letzte Ruhestätte Lancelots du lac. 
Schliefslich bleiben nicht unerwähnt die Wälder: le Morois, Dar- 



DSR PROSABOHAN Y5AYE LB TRISTE. 



177 



nantes und Gaste Forest, Aufser diesen, durch die Artburromane 
verbürgten Namen erwähnt der Verfasser noch Herbe le renomme, 
der von Tristan zum Ritter geschlagen wird, den Riesen Pincenart 
le Juif, dtr von Tristan getötet wird, Hector d'Orcanie, der die 
Rolle des Brehus als Verfolger des chevreuil übernommen hat, den 
König Marsiadus von Norgalles, Bohort le picquart, Herrn von 
Guia, Marc le roux, einen gewissen Macon le brun de Cornouaille.^ 
und Craventor de l'outrageux passage. Schliefslich fuhrt er noch 
einen König Yrion ein , der zur 2eit Arthurs über Blamîr und 
Miradir herrscht 

Aus dieser, durch die Arthurromane verbürgten und nicht ver- 
bürgten Generation schafft der Verfasser ein neues Geschlecht. 
Ysage le Triste ist der Sohn Tristans und Vseuts, Brandor der 
des Brandelis, le besgue de ia halte roche der des Lambeguet, 
Menet le raecogneu der des Palamede, Festion le blond und Gera- 
fil le blond sind die Söhne Gahuriels, der sot sage ist der Sohn 
Blaienors, Orianl le grieu der Hectors von Orcanie, Harpan du 
gue parfond der Herbes le renomme, Hergault (Hergo) der Bohorts 
le picquart, Miriol der Piiicenarts. Die Sohne Maçons le brun 
sind le brun de l'engarde, Macon l'oconge (?) und le vacquier de 
l'esclaire, die Neffen Cravenlors sind Argus und Octes. Anknüpfend 
an die Oerliichkeiten nennt der Verfasser folgende Personen: la 
doujeureuse und le desorreilté de la Joyeuse Garde, und die dame 
du chastel de Belle Garde mit ihren sieben Söhnen, von denen 
vier später eine Rolle spielen: Atrides, Fidiger, Dispront und 
Gavain. 

Dieses zweite Geschlecht zeugt dann ein drittes, so dafs wir 
auch die Heldenthaten der Enkel Tristans, Maçons und so weiter 
im Romane dargestellt finden. 

Diese Nachkommen aus der Zeit Arthurs mit ihren, nach dem 
Muster der Arthurromane vemirrt dargestellten Abenteuern ver- 
leihen dem „Ysaye le Triste" das Gepräge eines Romans der 
Tafelrunde, und es vermögen daran nicht die anderen gewichtigen 
Bestandteile des Romans, die den verschiedenartigsten Litteratur- 
gattungen entnommen sind, zu rütteln. 

Hiermit ist die Frage berührt, welchen Vorlagen die aufser- 
halb der Arthucsage stehenden Personen und Ereignisse des Romans 
entnommen sind. Nun, die folgenden Ausiührungen werden dariiuf 
Antwort geben. 

Als wichtigste Vorlage unseres Romans kommen aufser der 
Anhursage die Chansons de geste in Betracht. Die Tötung des 
Neffen Yrions (g 295), die Scene, in welcher Ysaye den Pförtner 
gegen einen Pfeiler wirfi, dafs diesem die Augen aus dem Kopfe 
fliegen {§ 165) und die Ermordung des Pförtners (§ 493) sind Züge, 
die den Chansons de geste entlehnt sind. Die Erzählung von den 
vergifteten Birnen (§ 476) ist eine Nachahmung derjenigen von den 
vergifteten Aepteln in Parise la Duchesce, die Tötung der Köche 
(S 30t') ß'Qs Nachahmung aus der Chanson „Aliscaus". Der Name 



17^ ZËIDLËR, 

Oriant stammt aus dem „Schwanenritter", Ysoré von Spanien aus 
„Anseïs de Carthage". Diejenige Chanson aber, welche dem Ver- 
fasser des „Ysaye le Triste" den reichsten Stoff geliefert hat, ist 
die Chanson „Huon de Bordeaux". 

Dem Einflüsse dieses Werkes mufs man es zuschreiben, dafs 
statt der in den Arthurromanen üblichen Einfalle der Sachsen die 
der Sarazenen getreten sind. Um seine Quelle dem Leser nicht 
zu verraten, giebt der Verfasser den Sarazenenfuhrern ganz unbe- 
kannte oder mehr allgemeine Namen, so: der Admiral von Persien, 
der rote Löwe von Nubien, der Tartar von Cartaire, der König 
der fremden Wüsten, der König der eisernen Brücke, die vierzehn 
Riesen von den bitteren Gewässern, die Könige von Mekka, Afrika, 
Creta, Carthago, Ungarn und andere. Nur in dem Namen Ori- 
monde ist eine direkte Entlehnung aus „Huon" zu erkennen. Ori- 
monde ist die Esclarmonde aus „Huon de Bordeaux". Im „Ysaye" 
wie im „Huon" ist die Vertreterin der beiden Namen eine Tochter 
des persischen Admirals, in beiden Erzählungen wird sie von 
leidenschaftlicher Liebe zu einem vernehmen, christlichen Ritter 
ergriffen. Ihre Liebe wird von diesem verschmäht und erst er- 
widert, nachdem sie Christin geworden ist. Für die Abweisung, 
die sie zuerst erfährt, rächt sie sich, indem sie Huon ins Gefängnis 
werfen und Marc hinterlistig überfallen läfst. 

Als ein weiterer und wichtigerer Einflufs, den der „Huon de 
Bordeaux" auf den Verfasser des „Ysaye" ausgeübt hat, ist die 
Einführung der Feeen und besonders des Elfenkönigs Oberon an- 
zusehen. Vom Anfang bis zum Ende des Romans begegnet uns 
dieser Zwerg unter dem Namen Tronc (lat. truncus), wahrschein- 
lich wegen seines kleinen und verkrüppelten Wuchses so genannt, 
ohne dafs wir in ihm den verkappten Oberon vermuten. Höchstens 
könnte man durch zwei Andeutungen, die sich in den §§516 und 
560 finden, zu der Ansicht kommen, dafs in der Person Troncs 
der alte Oberon verborgen sei. Diese Andeutungen sind enthalten 
in einer Mitteilung der Fee Oriande an Marc, dafs Tronc der 
Sohn Julius Caesars und der Fee Morgue sei, und in der Aeufse- 
rung Troncs Marc gegenüber, dafs er in Monmur geboren sein 
soll. Erst am Schlüsse unseres Romans bekommen wir volle Klar- 
heit darüber, dafs wir in dem schlauen Pagen Ysayes den Elfen- 
könig Oberon vor uns gehabt haben. 

Als dritter, nicht gerade wesentlicher Einflufs des „Huon" ist 
der zu erwähnen, den die drei Personen im „Huon", der römische 
Kaiser Neron, die Fee Murgalle und der Riese Orgueil mit seinen 
zwei kupfernen Rittern auf den Verfasser des „Ysaye" ausgeübt 
und ihn zu den wunderlichen Geschichten in den §§ 560 — 61, 
574 — 78, 554 — 55 veranlafst haben. 

Eine weitere Vorlage für unseren Roman dürfte in der Chante- 
fable „Aucassin und Nicolette" zu erblicken sein. Es handelt sich 
hierbei um die Person der Nichte des Königs Yrion, Marthe, 
welche genau wie Nicolette die Frauenkleidung mit der Männer- 



DBR PKOSAROUAN TSATE LB TRISTB, 

kleiduiig veriauscht (der Zug, dars sie ihr Gesicht mit Kräutern 
dunkel färbt, um besser ab Mann zu erscheinen, fehlt zwar), dann 
eine Harfe zur Hand nimmt und als Spielmann das Land durch- 
streift und den Gefahren des Meeres trotzt, nur um ihren Geliebten 
wiederzufìaden. 

Von Romanen aus anderen Sagenkreisen haben der „Eracles" 
des Gautier d'Arras, der „Florimoni" und der „Eneas" die Namen 
Pandes (-us), Edor (persisch ^ Blume) und die Scene mit dem 
Pfeilschufs {§ 422) dem Verfasser des „Ysaye" geliefert. 

Es erübrigt nun noch, einen Blick auf die in den Hand- 
schriften enthaltenen Gedichte zu lenken. Wie schon Jacobs und 
Ukert erwähnen, linden sich in den Hss, mehrere Gedichte, die 
man mit dem Namen „lay" bezeichnen kann. Es sind dies die lays 
accordants, deren viele sich schon im Prosa-Tristan finden und 
auf welche nicht weiter eingegangen zu werden braucht. 

Wichtig aber ist, festzustellen, was in den von Jacobs und 
Ukert erwähnten 17, resp. 15 Blätter füllenden „lays" enthalten ist. 
Das erstere Gedicht ist eine Nachahmung des ajlbe liebten 
Rosenromana von Guillaume de Lorris und dessen Fortsetzer Jehan 
de Meung. Das Versmafs, die paarweise gereimten Achtsilber, ist 
vollständig gewahrt, desgleichen auch die .\llegorie, wenngleich im 
„Ysaye" einige neue Gestalten auftreten (vgl, g 363). Eine Probe 
aus dem „Ysaye" sei hier gegeben. 

An corps m'entra sans fendre pel; 

trop m'en déni, miis point n'en appel. 

Bean pallerà, ly gens, ly genlieux, 

je ccoy qu'il n'en est plus de lieuli, 

estoit dtoillement par del'ei 

et lenoit sa 100.111 a son les 

en disant: Dame, vos amis 



moy pour m 
qui n'est po 
que nient ce 
qu'aiment et 
Depuis bien 


nslrer a va corps bel 
m de laini de corbel. 

qu'amerent jadis, 
garde m'en donnay, 
out ly pardonnay. 



Schliefslich ist noch zu erwähnen, dafs sich der Verfasser des 
„Ysaye" durch die Schilderung des vergier im Rosenroinan veran- 
lafst gefühlt haben mufs, ebenfalls einen solchen vergür (g§ 514 — 1Ó) 
zu beschreiben, was itim dann auch gut gelungen isL 

Das auf den 15 BlättL-rn enthaltene Gedicht ist eine wenig 
getreue Nachahmung der „Vœux du paon". Während das eigent- 
liche Versmafs der „Vœux du paon", der Alexandriner, durch den 
ganzen Roman des J. de Longuyon hindurchgeht, sind in unserer 
Darstellung nur die ersten zwölf Verse in dieser Versform ge- 
schrieben. Die übrigen Verse sind völlig ungleich, und bin und 



1 80 ZEIDLER, 

wieder taucht ein rondeau auf. Auch der ehrwürdige Pfau ist 
nicht mehr vorhanden, sondern durch eine Rohrdommel ersetzt, 
und die sogenannten „neuf preux" (Christen, Heiden, Juden) kehren 
wieder in Liebespaaren und deren Dienerinnen: Marc, Hergault, 
Henry de Lyon — Orimonde, Sardine, Englentine — Alyor, Es- 
clade, Parianne. 

£s bleibt nun noch übrig, die Frage nach dem Autor und 
der Abfassungszeit des Romans zu beantworten, lieber den Ver- 
fasser wird im „Ysaye" nichts erwähnt. Es heifst immer in den 
Handschriften: or disi le conte, wer aber diesen conie verfafst hat, 
wird nicht verraten. Aus den in den Hss. enthaltenen Wappen 
habe ich auch nichts Belangreiches für die Person des Verfassers 
ermitteln könuen und mufs so die Frage über den Autor unbe- 
antwortet lassen. Hinsichtlich der Abfassungszeit glaube ich eine 
genauere Zeit als Dunlop und Grasse feststellen zu können. Dun- 
lop versetzt den Roman in das Ende des XIV. oder den Anfang 
des XV. Jahrhunderts, Grasse in das XV. Jahrhundert. Ich glaube, 
der Roman gehört noch dem XIV. Jahrhundert an. Das XV. dürfte 
vies (lat. vetus, vgl. Viesroche §417) nicht mehr gebraucht haben, und 
für das Vorhandensein der Rotruenge (§ 558) noch im XV. Jahr- 
hundert müfste erst der Beweis gebracht werden. 

Inhalt 

[i. Tristan von Leonois ist der Neflfe des Königs Marc von 
Comouailles, Yseut die Gemahlin Marcs. 

2. Marc verläfst eines Tages Tintagel und begiebt sich nach 
einem elf Meilen von Tintagel gelegenen Schlofs. Die Abwesen- 
heit des Königs benutzt Yseut, um Tristan herbeizurufen. Tristan 
bleibt eine Nacht bei ihr. Bald darauf wird Yseut schwanger. 

3. Als die Zeit der Entbindung herannaht, verläfst die Königin 
mit ihrer Kammerfrau Bongyen ihr Schlofs und begiebt sich in 
den benachbarten Wald, le Morois genannt. (Marc wohnt zur Zeit 
bei Festrange passage einem Tournier bei.)] ^ 

4. Yseut und Bongyen lassen sich an der fontaine au jayant 
nieder. Da erscheint Lucan le boutillier, der auf Befragen der 
Damen erklärt, er wolle Marc bestrafen, weil dieser Tristan auf 
verräterische Weise tödlich verwundet habe. Yseut sinkt bei dieser 
Nachricht ohnmächtig zu Boden. 

5. Lucan le boutillier reitet davon. Als Yseut wieder zum 
Bewufstsein kommt, schreit sie laut auf und schenkt um die neunte 
Stunde einem Knaben das Leben, Der Knabe hält in seiner 
linken Hand ein Schwert aus Fleisch und But. Yseut läfst einen 
in der Nähe wohnenden Einsiedler herbeiholen und beichtet diesem 
alle ihre Sünden, die sie in einem dreifsig Blätter starken Buche 
aufgezeichnet hat. 



» [] fehlt in G. 



DBR PROSAROMAH TBATE T,E TRISTE. 183 

den Zwerg und zerdrückt ihn fafsL Da holt Ysaye den Baum- 
zweig Agravaiös (ä 16) herbei und schlägt den Ritter derart damit 
auf den Kopf, dafa diesem das Blut vom Kopfe strömt. Gefragt, 
weshalb er das gethan habe, erwidert er dem Ritter: pour c¿ gue 
lu faisois critr mon verltl. 

Zi. Der Ritter freut sich über Ysaye, umarmt ihn und reitet 
davon. Von einem anderen Ritter. Mordrec, erfahrt Tronc den 
Namen des vorigen. Es war Agravain. Als Mordrec davongehen 
will, sagt ilim Tronc, der nie lügende Merlin habe ihm erzählt, 
Mordrec werde seinen Vater umbringen, und der beste Ritter 
werde so durch den schlechtesten ums Leben kommen. Wütend 
will sich nun Mordrec auf Tronc stürzen, dieser aber flüchtet in 
den dichtesten Teil des Waldes, wohin der Ritter ihm nicht zu 
folgen vermag. 

22. Ein halbes Jahr nachher begeben sich Sarhan, Tronc und 
Vsaye in dctj Wald Darnantes, um das Grab Merlins aufzusuchen. 
Sie suchen, aber ñnden es nicht. Da hören sie auf einmal Merlin 
aus dem Grabe heraus stöhnen. Sie gehen zu ¡hm und finden, 
dafs sein Grab vollständig bewachsen ist. Tronc fragt Merlin, was 
ihm fehle, worauf Merlin antwortet, er möchte etwas über Arthur, 
den er erzogen habe und der jetzt tot sei, erfahren. 

2^. Merlin fragt Vsaye, wer er, seine Eltern, Grofs- und Ur- 
grofseltern seien. Vsaye, der die Frage nicht verstellt, lacht darüber 
und sagt: „Gesegnet seist du, mein Freund, und verflucht seien 
meine Feinde, denn ich hasse sie." 

24. Hierauf fragt Merlin Vsage, was er gern sein möchte. 
„Ein Adler." Ob er aber lieber laboureur oder chevalier werden 
möchte. „Chevalier." Da sagt ihm Merlin, er werde einmal von 
Lancelot du lac zum Ritter geschlagen werden. 

25. Als Vsaye fünfzehn Jahre alt ist, eröffnet er dem Ein- 
siedler den Wunsch, sich von Lancelot zum Ritter schlagen zu 
lassen. Sarban und Tronc reden ihm ab, geben aber doch seinen 
Bitten nach und machen sich auf den Weg, Sie durchschreiten 
die verde forest, den Wald Darnantes, eine prairie und gelangen 
schliefslich in die gaste forest. Beim Eintritt in diesen Wald er- 
klärt Tronc seinen Begleitern, dafs infolge eines Brudermordes, 
den Dimustra an Dedalus le vis (beide Söhne des Königs Sehen 
von Grofs- Britannien) verübte, der Wald als gaste forest bezeichnet 
werde. Sie treffen ein Häuschen an, aus welchem eine Stimme 
ihnen zuruft, sie möchten für Lancelot, der hier begraben sei, ein 
Gebet verrichten. Sie gehen zum Grabe, heben einen grofsen 
Stein ab und erblicken ein Skelett in einem bleiernen Kasten. 
Die Nacht verbringen sie in der Kapelle. Am folgenden Morgen, 
nach der Messe, erfüllt der Einsiedler Vsaycs Bitte, indem er Vsaye 
mit dem rechten Arme Lancelots den Ritterschlag erteilt. Diese 
Cérémonie begleitet er mit einer Rede, worin er Vsaye ritterliche 
Pflichten mitteilt. 

26. Nach dieser Feierlichkeit erscheinen die vier Feeen wieder 



J 



1 82 ZBIDLERy 

ist, bemerkt zu ihrem Entsetzen, dafs Ysaye verschwunden ist Sie 
sucht ihn, und als sie ihn nicht findet, setzt sie sich weinend auf 
die Schwelle der Hausthür. Hier bemerkt sie den Ring und sieht 
in dem Steine desselben das Bild Ysages. Ein vorbeireitender 
Ritter erkundigt sich nach ihrem Schmerze und erfährt von ihr, 
was sich zugetragen hat. Sie bittet den Ritter, Sarban zu verfolgen 
und ihr das Kind zurückzubringen. 

15. Der Ritter, Namens Agravain, macht sich auf und findet 
Sarban mit dem Kinde am Fufse des Kreuzes. Er verlangt das 
Kind, Sarban aber weigert sich, es auszuliefern. Da bindet Agra- 
vain sein Pferd an einen Baum und versetzt Sarban mit einem 
Baumzweig einen wuchtigen Hieb. Ysaye stöfst hierbei einen der- 
artigen Schrei aus, dafs das Rofs des Ritters sich losreifst und 
Agravain so gezwungen ist, Sarban zu verlassen und das Pferd 
wieder einzufangen. 

16. Sarban nimmt den Zweig in der Hofihung, dafs Ysaye 
ihn später einmal damit rächen werde. Da beginnt das Meer zu 
steigen, der Einsiedler mufs das Schifif besteigen und wird drei 
Tage und drei Nächte auf dem Meere herumgetrieben. 

17. Am Morgen des vierten Tages kommt er an einen Felsen. 
Dort trifft er eine der Feeen wieder, die ihm befiehlt, in den 
Wald zu gehen. Im Walde begegnet er den vier Feeen insgesamt, 
wie sie sich in einer Quelle die Hände waschen. Er redet sie an, 
erhält aber keine Antwort Er geht weiter und trifft einen Zwerg, 
la plus laide creature du monde. Von diesem wird er in ein Haus 
geführt, das die Feeen erbaut hatten. Nun verlangt der Zwerg 
das Kind, Sarban giebt es ihm aber nicht Es entspinnt sich ein 
Streit, der erst durch die Feen geschlichtet wird. Diese erklären 
nun auch Sarban, dafs er, Ysaye und der Zwerg künftig zusammen- 
leben mûfsten. [In diesem Hause bleiben die drei so lange, bis 
Ysaye 3 */2 Jahr alt ist] * 

18. Eines Tages meldet ein Ritter dem König Arthur in 
Carduel (Galles), ein Kind sei geboren, welches ihn (den Ritter) 
später einmal töten werde. Dies habe ihm eine weise Frau gesagt. 

19. Das Kind, das jetzt erst ein Jahr alt sei, sei der Sohn 
Tristans von Leonois. Auch werde noch sein Bruder, Craventor 
de Foutrageux passage, von dem Sohne Tristans getötet werden. 
Der Ritter heifst Nabel de l'outrageux passage. Als der König 
den Ritter angehört hat, sagt er, er glaube nichts von all dem, 
denn Tristan habe keinen Sohn gehabt 

20. [Eines Morgens begeben sich der Zwerg, Namens Tronc, 
und Ysaye in den Wald und begegnen einem Ritter in Begleitung 
zweier Damen. Der Ritter spottet über Troncs Häfslichkeit und 
fragt, wer der hübsche Knabe sei. Da sagt Tronc, das werde er 
noch erfahren.] 2 Ueber diese Antwort erzürnt, ergreift der Ritter 



'[]i 
»[ji 



ist Zusatz der Hs. D. 
fehlt in Hs. G. 



DEH PROSAROMAH TS4TË LH TRISTE. 183 

den Zwerg und zerdrückt ihn farsL Da holt Ysaye den Baum- 
zweig Agravains (g 16) herbei und schlägt den Ritter derart damit 
auf den Kopf, dafs diesem das Blut vom Kopfe strömt. Gefragt, 
weslialb er das gelhan habe, erwidert er dem RiHer: pour ce que 
lu fahoù crier mon verlel. 

21. Der Ritler freut sich über Ysaye, umarmt ihn und reitet 
davon. Von einem anderen Ritter, Mordrec, erfahrt Tronc den 
Namen des vorigen. Es war Agravain. Als Mordrec davongehen 
will, sagt ihm Tronc, der nie lügende Merlin habe ihm erzählt, 
Mordrec werde seinen Vater umbringen, und der beste Ritter 
werde so durch den schlechtesten ums Leben kommen. Wütend 
will sich nun Mordrec auf Tronc stürzen, dieser aber ñüchtet in 
den dichtesten Teil des Waldes, wohin der Ritter ihm nicht zu 
folgen vermag. 

22. Ein halbes Jahr nachher begeben sich Sarban, Tronc und 
Ysaye in den Wald Damanles, um das Grab Metlins aufzusuchen. 
Sie suchen, aber finden es nicht. Da hören sie auf einmal Merlin 
aus dem Grabe heraus stöhnen. Sie gehen zu ihm und finden, 
dafs sein Grab vollständig bewachsen isL Tronc fragt Merlin, was 
ihm fehle, worauf Merlin antwortet, er rauchte etwas über Arthur. 
den er erzogen habe und der jetzt tot sei, erfahren. 

23. Merlin fragt Ysaye, wer er, seine Ellern, Grofs- und Ur- 
grofseltern sden. Ysaye, der die Frage nicht versteht, lacht darüber 
und sagt: „Gesegnet seist du, mein Freund, und verflucht seien 
iDeine Feinde, denn ich hasse sie." 

24. Hierauf fragt Merlin Ysage, was er gern sein möchte. 
„Ein Adler." Ob er aber lieber laboureur oder chevalier werden 
möchte. „Chevalier." Da sagt ihm Merlin, er werde einmal von 
Lancelot du lac zura Ritter geschlagen werden. 

25. Als Ysaye fünfzehn Jahre ah ist, eröffnet er dem Ein- 
siedler den Wunsch, sich von Lancelot zum Riller schlagen zu 
lassen. Sarban und Tronc reden ihra ab, geben aber doch seinen 
Bitten nach und machen sich auf den Weg. Sie durchschreiten 
die verde forest, den Wald Darnantes, eine prairie und gelangen 
schlielslich in die gaste forest. Beim Eintritt in diesen Wald er- 
klärt Tronc seinen Begleitern, dafs infolge eines Brudermordes, 
den Dimustra an Dedalus le vis (beide Sohne des Königs Sehen 
von Grofs-B rilan nien) verübte, der Wald als gaste forest bezeichnet 
werde. Sie treflén ein Häuschen an, aus welchem eine Stimme 
ihnen zuruft, sie möchten für Lancelot, der hier begraben sei, ein 
Gebet verrichten. Sie gehen zum Grabe, heben einen grofsen 
Stein ab und erblicken ein Skelett in einem bleiernen Kasten. 
Die Nacht verbringen sie in der Kapelle. Am folgenden Morgen, 
nach der Messe, erfüllt der Einsiedler Ysaycs Bitte, indem er Ysaye 
mit dem rechten Arme Lancelots den Ritlerschlag erteilt. Diese 
Cérémonie begleilet er mit einer Rede, worin er Ysaye ritterliche 
Pflichten mitteilt. 

26. Nach dieser Feierlichkeit erscheinen die vier Feeen wieder 



l82 ZODLBit, 

ist, bemerkt za ihrem Entsetzen, dais Ysaje verschwimden ist Sie 
sacht ihn, and als sie ihn nicht findet» setzt sie sidi weinend auf 
die Schwelle der Hausthär. Hier bemcsrkt sie den Ring and sieht 
in dem Steine desselben das Bild Ysages. Ein vorbeireitender 
Ritter erkandigt sich nadi ihrem Schmerze nnd erfahrt von ihr, 
was sich zagetragen hat. Sie bittet den Ritter, Saiban zn verfolgen 
and ihr das Kind zarûckzabringen. 

15. Der Ritter, Namens Agravain, macht sich aaf nnd findet 
Sarban mit dem Kinde am Fufse des Kreazes. Er verlangt das 
Kind, Sarban aber weigert sich, es auszaliefem. Da bindet Agra- 
vain sein Pferd an einen Banm and versetzt Sarban mit einem 
Baumzweig einen wuchtigen Hieb. Ysaye stöfst hierbei einen der- 
artigen Schrei ans, dais das Rofs des Ritters sich losreifst nnd 
Agravain so gezwangen ist, Sarban zu verlassen and das Pferd 
wieder einzufangen. 

16. Sarban nimmt den Zweig in der Hoffiiang, dafs Ysaye 
ihn später einmal damit rächen werde. Da beginnt das Meer zu 
steigen, der Einsiedler mafs das Schiff besteigen nnd wird drei 
Tage und drei Nächte auf dem Meere herumgetrieben. 

1 7. Am Morgen des vierten Tages kommt er an einen Felsen. 
Dort trifft er eine der Feeen wieder, die ihm befiehlt, in den 
Wald zu gehen. Im Walde begegnet er den vier Feeen insgesamt, 
wie sie sich in einer Quelle die Hände waschen. Er redet sie an, 
erhält aber keine Antwort Er geht weiter und trifft einen Zwerg, 
la plus laide creature du monde. Von diesem wird er in ein Haus 
geführt, das die Feeen erbaut hatten. Nun verlangt der Zwerg 
das Kind, Sarban giebt es ihm aber nicht Es entspinnt sich ein 
Streit, der erst durch die Feen geschlichtet wird. Diese erklären 
nun auch Sarban, dafs er, Ysaye und der Zwerg künftig zusammen- 
leben mufsten. [In diesem Hause bleiben die drei so lange, bis 
Ysaye 3 */2 Jahr alt ist] * 

18. Eines Tages meldet ein Ritter dem König Arthur in 
Carduel (Galles), ein Kind sei geboren, welches ihn (den Ritter) 
später einmal töten werde. Dies habe ihm eine weise Frau gesagt 

19. Das Kind, das jetzt erst ein Jahr alt sei, sei der Sohn 
Tristans von Leonois. Auch werde noch sein Bruder, Craventor 
de Toutrageux passage, von dem Sohne Tristans getötet werden. 
Der Ritter heifst Nabel de l'outrageux passage. Als der König 
den Ritter angehört hat, sagt er, er glaube nichts von all dem, 
denn Tristan habe keinen Sohn gehabt 

20. [Eines Morgens begeben sich der Zwerg, Nameiis Tronc, 
und Ysaye in den Wald und begegnen einem Ritter in Begleitung 
zweier Damen. Der Ritter spottet über Troncs Häfslichkeit und 
fragt, wer der hübsche Knabe sei. Da sagt Tronc, das werde er 
noch erfahren.] 2 Ueber diese Antwort erzürnt, ergreift der Ritter 



;[!! 



iit ZusaU der Hs. D. 
fehlt in Hs. G. 



DBR PROSAROMAN YSAYE IJE TRISTE. 1 83 

den Zwerg und zerdrückt ihn fafst Da holt Ysaye den Baum- 
zweig Agravains (§ 16) herbei und schlägt den Ritter derart damit 
auf den Kopf, dafs diesem das Blut vom Kopfe strömt. Gefragt, 
weshalb er das gethan habe, erwidert er dem Ritter: pour ce que 
tu faisoìs crier mon verlet, 

21. Der Ritter freut sich über Ysaye, umarmt ihn und reitet 
davon. Von einem anderen Ritter, Mordrec, erfahrt Tronc den 
Namen des vorigen. Es war Agravain. Als Mordrec davongehen 
will, sagt ihm Tronc, der nie lügende Merlin habe ihm erzählt, 
Mordrec werde seinen Vater umbringen, und der beste Ritter 
werde so durch den schlechtesten ums Leben kommen. Wütend 
will sich nun Mordrec auf Tronc stürzen, dieser aber flüchtet in 
den dichtesten Teil des Waldes, wohin der Ritter ihm nicht zu 
folgen vermag. 

22. Ein halbes Jahr nachher begeben sich Sarban, Tronc und 
Ysaye in den Wald Darnantes, um das Grab Merlins aufzusuchen. 
Sie suchen, aber fìnden es nicht. Da hören sie auf einmal Merlin 
aus dem Grabe heraus stöhnen. Sie gehen zu ihm und finden, 
dafs sein Grab vollständig bewachsen ist. Tronc fragt Merlin, was 
ihm fehle, worauf Merlin antwortet, er möchte etwas über Arthur, 
den er erzogen habe und der jetzt tot sei, erfahren. 

2^, Merlin fragt Ysaye, wer er, seine Eltern, Grofs- und Ur- 
grofseltern seien. Ysaye, der die Frage nicht versteht, lacht darüber 
und sagt: „Gesegnet seist du, mein Freund, und verflucht seien 
meine Feinde, denn ich hasse sie." 

24. Hierauf fragt Merlin Ysage, was er gern sein möchte. 
„Ein Adler." Ob er aber lieber laboureur oder chevalier werden 
möchte. ^Chevalier,^^ Da sagt ihm Merlin, er werde einmal von 
Lancelot du lac zum Ritter geschlagen werden. 

25. Als Ysaye fünfzehn Jahre alt ist, eröffnet er dem Ein- 
siedler den Wunsch, sich von Lancelot zum Ritter schlagen zu 
lassen. Sarban und Tronc reden ihm ab, geben aber doch seinen 
Bitten nach und machen sich auf den Weg. Sie durchschreiten 
die verde forest, den Wald Darnantes, eine prairie und gelangen 
schliefslich in die gaste forest. Beim Eintritt in diesen Wald er- 
klärt Tronc seinen Begleitern, dafs infolge eines Brudermordes, 
den Dimustra an Dedalus le vis (beide Söhne des Königs Sehen 
von Grofs-Britannien) verübte, der Wald als gaste forest bezeichnet 
werde. Sie treffen ein Häuschen an, aus welchem eine Stimme 
ihnen zurufr, sie möchten für Lancelot, der hier begraben sei, ein 
Gebet verrichten. Sie gehen zum Grabe, heben einen grofsen 
Stein ab und erblicken ein Skelett in einem bleiernen Kasten. 
Die Nacht verbringen sie in der Kapelle. Am folgenden Morgen, 
nach der Messe, erfüllt der Einsiedler Ysayes Bitte, indem er Ysaye 
mit dem rechten Arme Lancelots den Ritterschlag erteilt. Diese 
Cérémonie begleitet er mit einer Rede, worin er Ysaye ritterliche 
Pflichten mitteilt 

26. Nach dieser Feierlichkeit erscheinen die vier Feeen wieder 



184 ZEIDLER, 

und überreichen Ysaye ein Pferd, ein Schwert, einen Schild und 
einen Helm. Tronc, Ysaye und der Einsiedler kehren hierauf in 
ihre Klause zurück. 

27. Das Pferd Ysayes erhält die gröfsten Freiheiten. Es läuft 
den ganzen Tag im Walde herum, kehrt aber des Abends pünkt- 
lich zurück. Eines Tages befinden sich die drei Gefährten an 
dem puits de l'aventure und vernehmen ein lautes Geschrei. Sie 
gehen dem Geschrei nach und treffen einen valei, der ihnen unter 
Thränen berichtet, dafs sein Herr, Herbe le renomme, von einem 
Pferde getötet sei, als er ihm habe den Sattel umschnallen wollen. 
Sein Herr sein ein berühmter Ritter gewesen, der von Tristan zum 
Ritter geschlagen sei. Ysaye verspricht nun dem Knappen, dem 
Sohne Herbes, eine Entschädigung zu teil werden zu lassen. 

28. Eines Tages bittet Ysaye den Einsiedler, ihn das Fechten 
zu lehren. Sie fechten zuerst mit Schwertern, dann mit Baum- 
zweigen. In beiden Fechtarten zeigt sich Ysaye überlegen. 

29. Ysaye, der zum Manne herangereift ist, reitet eines Tages 
mit Tronc in den Wald. Hier wird er von einem Ritter, Harpan 
du gue parfond, angehalten und gefragt, wo der Ritter wohne, 
dessen Pferd seinen Vater getötet habe. Ysaye giebt sich als den 
betreffenden Ritter zu erkennen und bietet Harpan Sühne an. 
Dieser schlägt sie aus und es kommt zum Kampf. 

30. Harpan wird getötet Ysaye und Tronc kehren in ihre 
Klause zurück und finden den Einsiedler tot vor. Harpan hatte 
ihm den Kopf abgeschnitten. Sie begraben den Einsiedler in der 
Kapelle und verlassen ihren langjährigen Aufenthaltsort. Sie kommen 
vor ein schönes Schlofs und klopfen an. Eine Dame antwortet 
ihnen, sie werde keinem Ritter Eintritt in ihr Schlofs gewähren, 
aufser demjenigen, der sie an einem Ritter rächen werde. 

31. Dieser letztere Ritter, Namens Desrayes le maloit, habe 
den Leichnam Lancelots aus diesem Schlosse geraubt und in die 
gaste forest geschleppt. Der Ritter sei dann in der folgenden Nacht 
wiedergekommen und habe ihre Eltern getötet, die Knechte und 
Mägde verstümmelt. Sie selbst habe ein Ohr dabei verloren. 
Dieses Schlofs heifse die Joyeuse Garde und sie la douloureuse de 
la Joyeuse Garde. Desraes wohne auf dem chastel redoute am 
Ende des Waldes. 

32. Ysaye verspricht der Dame, sie an dem Ritter rächen zu 
wollen, und begiebt sich zu diesem Zwecke mit Tronc nach dem 
chastel redoute. Durch einen Knappen läfst er Desraes zum Kampfe 
herausfordern. 

33. Nach einiger Zeit erscheint der Ritter mit seinen fünf 
Söhnen auf dem Plan. 

34. Ysaye überwindet alle sechs Ritter und läfst sie lebend 
auf einem Wagen nach der Joyeuse Garde fahren. Die Namen 
der Ritter sind: Desraes, Vester, Duon, Thom, Perlus le roux de 
la verte montagne und Bruneil. 

35. Auf Wunsch der douloureuse de la J. G. schneidet Ysaye 



DER PROSAROMAH YSÄYB LB TRISTE. 185 

den Riltem die Fäuste und Füfse ab und läTst ihnen so für ihre 
Grausamkeit Gerechtigkeit widerfahren. Die Nacht verbringt Vsaye 
im Schlosse, Tronc wacht über die Waffen, und das Pferd Ysayes 
läuft frei herum. 

3Ò. Am anderen Morgen sieht Ysaye, wie die douloureuse 
und eine andere Dame die Herzen der sechs Ritter essen. Auf 
Ysayes Frage, weshalb sie das thaten, erklären sie, sie thäten es, 
um sich besser an ihren Feinden zu rächen. Hierauf tritt der 
achtzehnjährige Bruder der douloureuse ein und dankt Ysaye. Er 
besitzt nur ein Ohr — das andere hatte ihm Desraes abge- 
schnitten — und heifst daher le desoreille de la Joyeuse Garde, 
Vsaye schlägt ihn am folgenden Morgen zum Ritter. 

37, Die Erzählung wendet sich zur Amme Vsayes. 

38, Die Ararne, Bise, begiebt sich nach Tintagel zu einem 
Goldschmied, um sich nach dem Werte des Ringes zu erkundigen. 
Sie erfährt von dem Goldschmied, dafs der Ring einen trésor wert 
sei. Neugierig, woher der Ring stammt, bittet er Bise, ihm dies 
ÎÎU sagen, und erfährt so die Geschichte von der Entführung Vsayes 
durch Sarban. Er will den Ring kaufen, da aber Bise nicht ein- 
willigt, bittet er sie, in einem halben Jahre wieder zu kommen. 
Bise begiebt sicii hierauf nach Loisemont zu ihrem Vater Clabant, 
einem ribaiill. Dieser läfsl sich die Geschichte Ysayes ruhig er- 
zählen und sagt ihr dann, Sarban habe den Knaben zu ihrer Tante 
getragen, woselbst er sehr gut gepflegt werde. 

3g. Ysaye und Tronc begegnen auf ihrem Marsche einem 
vaUl, der ihnen erzählt, dafs man seit dem Tode Arthurs seines 
Lebens nicht mehr sicher sei, da jeder Ritter jetzt selber den 
Herrscher spielen wolle. Auf ihrem Wege würden sie das Schlofs 
Menets le mecogneu, des Sohnes Palaraedes le mecogneu, antreffen. 
Dieser Ritter sei sehr grausam und lasse von seiner eouslume nur 
ab, wenn ihn jemand besiege. Ysaye beschliefsl, den Kampf gegen 
Menet aufzunehmen. Er reitet nach dem Schlosse und läfst durch 
eine Zwergin, die unter einem Baume sitzt, den Ritter herausrufen. 
Diese bediente sich liierbei eines Klingelzuges, der von dem Baume 
aus nach dem Schlosse führte. Der Ritter erscheint sofort. Fis 
kommt zum blutigen Kampfe, in welchem Menet vom Pferde ge- 
worfen wird und mit gebrochenem Arm ¡n sein Schlofs getragen 
werden mufs. 

40. Tronc benachrichtigt nun den Pförtner von dem Unglück 
des Schlofsherra. (Das Pferd Menets schenkt er einem vorbei- 
gehenden Armen.) Dieser läfst nun Menet auf einer Bahre ins 
Schlofs tragen. Menet selbst lädt Ysaye ein. in dem Schlosse, 
welches ihm jetzt gehöre, zu übernachten. Ysaye folgt der Ein- 
ladung. Tronc aber, der sich auch mit ins Schlofs begeben will, 
wird die Thür vor der Nase gesclilossen. 

41. Im Schlosse angekommen, wundert sich Ysaye, dafs Tronc 
nicht bei ihm ist. Er bittet deshalb den Pförtner, Tronc zu suchen. 
Dieser fürchtet sich vor Tronc, und so mufs ein anderer den Zwerg 



1 86 ZBIDLBK, 

suchen. Tronc wird bald darauf vor seinen Herrn geführt. Alle 
Bewohner des Schlosses sind über Troncs Häfslichkeit entsetzt, 
und Menet fragt Ysaye, Tronc mache ihm wohl mehr Schande als 
Ehre. Ysaye aber nimmt Tronc in Schutz. Ysaye wird nun von 
Menet nach seinem Namen gefragt, worauf Ysaye ihm ausweicht 
und ihn bittet, er möge ihm am folgenden Tage die vier Wege, 
die vom Schlosse abführen, erklären. 

42. Menet klärt Ysaye sofort darüber auf. Die vier Wege 
seien der rote, schwarze, grüne, weifse. Der rote Weg sei der 
Weg der Schlacht oder des Blutes. Diesen halte Paumart le ver- 
meil mit sechzig Rittern besetzt. Jeder Ritter, der an seinem 
Schlosse vorbeikomme, müsse mit ihm fechten. Wird er besiegt, 
so ist er Paumarts Gefangener, siegt er aber, so darf er auf Pau- 
marts Schlofs jede andere cousiume einführen. Der schwarze 
Weg, so fährt Menet fort, sei der des Todes. Er führe nach dem 
chastel de Tengarde, welches sich im Besitze eines Sohnes des 
Macon le brun de Cornouailles befinde. Dieser habe die üble 
Gewohnheit, Ritter sowohl wie Damen gefangen zu nehmen. Die 
Ritter werfe er in den Kerker, die Damen aber gebrauche er. 
Sollte sich eine Dame sträuben, so würde sie ebenfalls einge- 
kerkert, oftmals sogar verbrannt. 

43. Ysaye ist über diese Grausamkeit erregt Ueber den 
grünen Weg erfährt Ysaye von Menet, er führe nach einer grünen 
Wiese. Dort hielten sich zwölf Feeen auf, die jeden Wanderer 
fortschleppten, und man wisse nicht, was aus diesem werde. Der 
weifse Weg sei vollständig ungefährlich. 

44. Auf Ysayes Frage, woher diese cousiumes stammen, erzählt 
Menet: Drei Jahre nach dem Tode Arthurs veranstalten Ramant 
le prince de Galles und der roi des cent chevaliers ein Turnier. 
Nach dem Feste kehrten alle Ritter heim, zwanzig jedoch blieben 
bei Ramant. Als sie eines Mittags bei der Tafel safsen, trat dessen 
Schwester mit einem limosin auf silberner Platte herein und sagte, 
derjenige von den Rittern, der den besten Plan habe, solle den 
limosin bekommen, demjenigen aber, der die kühnste That voll- 
bringe, wolle sie ihre Liebe schenken. Da gelobt Marc le roux, 
er wolle dem König Bohort le picquart, le sire de Guis, die Krone 
entreifsen. Die übrigen Ritter an der Tafel waren Vettern Bohorts 
und versprachen ihm, ihn in diesem Kampfe zu unterstützen. Als 
es aber nachher zum Kampf kam, übten die Vettern Verrat Bo- 
hort wurde besiegt Marc schlug ihm den Kopf ab, verwüstete 
das Land und baute in der Nähe sein Schlofs Qermoustier auf. 
Als der Sohn Maçons le brun von diesem Verrat der Vettern hörte, 
beschlofs er, nicht mehr die Pflichten eines Ritters erfüllen zu 
wollen. Auch Paumart beschlofs dasselbe. 

45.' Am folgenden Morgen schlagen Ysaye und Tronc den 
roten Weg ein. Sie sehen vier Häuser am Wege liegen. Kaum 
sind sie bis hierher gelangt, als vierzig Reiter auf sie losstürzen 
und von Ysaye Waffen und Pferd verlangen. 



DER PROSAROMAN TSATE LE TRISTE. iS? 

46. Ysaye weigert sich. Die Rilter slürzen auf ihn loa, müssen 
sich aber vor den wuchtigen Hieben Yäayea wieder zurûckiieben. 

47. Als Paumart seine Leute tlielien sieht, rüstet er sich selbst 
und stürzt auf Ysaye los, wird aber von Ysaye aus dem Sattel 
geworfen, 

48. In dem darauf folgenden Schwerterkampf ergeht es Pau- 
mart nicht besser. Er wird besiegt und erklärt Ysaye, er könne 
mit ihm und seinem Schlosse machen, was ihm beliebe, Ysaye 
und Troiic gehen nun zunächst mit Paumart ins Schlofs. 

49. Hier bittet Ysaye Paumart, er möchte seine Hand in die 
seines Knappen legen. Paumart weigert sich zuerst, da er Tronc 
(ur einen Teufel hält, bald aber thut er es auf Zureden Ysayes. 

50. Nun sagt ihm Ysaye, er solle für die douke dame ein 
Kloster bauen und siebzehn Mönche bineinsetzeu. Dann würde 
Christus ihm seine bösen Thaten verzeihen. (Die Zahl 1 7 wfihit 
Ysaye zum Andenken an 1 7 lote Ritter, von denen 1 2 durch Pau- 
mart, 5 durch Ysaye getötet sind.) 

51. Paumart dankt Ysaye und läfst das Kloster bauen. „Es 
führt noch heule den Namen chastel de l'aumosne." Nun reiten 
Tronc und ^'saye weiter und kommen zu einem Schlosse, vor 
welchem vier scheinbar schlafende larrons liegen, die unter dem 
Rufe: vassaux a la belle dami vous tstes prins entfliehen. Ysaye 
tritt in den Schlofshof ein. Dort hört und sieht er niemand. Kaum^ 
aber bat er sein Pferd in den Stall gebracht, als mehrere Ritler 
über ihn herfallen und ihn gefangen nehmen. Tronc wird vor 
den Schlofsherrn geführt. Dieser wundert sich über Tioncs Häfs- 
lichkeil, findet ihn aber sehr spafshaft und nennt ihm auch seinen 
Namen: ¡e brun de l'engarde. Den Namen \'saye8 aber erfahrt er 
von Ttonc nicht. Im Laufe des Gesprächs erhält Tronc auch die 
Erlaubnis, in Begleitung des Kerkermeisters seinen Herrn besuchen 
KU dürfen. Beide begeben sich zu Ysaye. Kaum hat aber der 
Kerkermeister die Thür geöffnet, als ihn Ysaye schon ergreift und 
ihm den Kopf abschlägL 

52. Tronc bittet nun Ysaye, ihm in kurzer Zeit in den Saal 
zu folgen. Tronc geht in den Saal und läfst alle Ritter hercin- 
Ireten. Kaum aber sind sie hier versammelt, so erscheint Ysaye 

Lbis an die Zahne bewaíTnet 
53. ^saye hält nun vor den Rittern eine Rede, in welcher 
er sie auffordert, von ihren Gräuelthaten abzulassen und lieber ein 
Cjott wohlgeßlliges Leben zu führen. Le Brun spottet darüber. 
54. Ysaye wird wütend und erschlagt alle 34 im Saal be- 
Ündlichen Ritter. Tronc steckt das Schlofs in Brand. 
55. Ysaye kehrt hierauf in das chastel de l'aumosne xurück) 
freut sich über Paumert und die siebzehn Mönche und drückt 
dann noch den Wunsch aus, die douloureuse de la Joyeuse Garde 
und Menet le mecogneu mögen in Zukunft liier ihren Wohnsitz 
an (schlagen. 
56. Während Ysage mit den Mönchen redet, erscheint eine 



I 



1 88 ZEIDLER» 

Dame zu Pferde und fragt nach Ysaye. Sie ist von der Witwe 
eines reichen Ritters, die sieben Kinder hat, abgeschickt worden, 
um Ysage zu bitten, sie gegen die Belästigungen eines Ritters, 
Craventor de Toutrageux passage, der sie wegen ihres Reichtums 
und ihrer Schönheit begehre, zu schützen. Die Dame wohnt auf 
dem chastel de belle garde. Ysaye fragt, woher die Dame ihn 
kenne. Da antwortet die Dame, man kenne sein Schwert Justice, 
seinen Zwerg, sein Pferd und nenne ihn überall den chevalier de 
grace, Ysaye verspricht zu helfen. 

57. Die Amme Bise pflegt Driant, das Kind ihres Onkels, 
sehr gut, weil sie es für Ysaye hält Eines Tages erblickt sie in 
dem Steine des Ringes nicht mehr das Bild eines Knaben, sondern 
das eines Ritters. Da erinnert sie sich zufallig der Mahnung des 
Goldschmiedes, sie möchte in einem* Jahre wiederkommen. Sofort 
bricht sie mit Driant auf, und sie erfahren von dem Goldschmiede, 
dafs der Knabe zum Ritter herangereift sei, er trage einen escu 
blanc a Vespee vermeille. Diesen solle sie aufsuchen. Bise und 
Driant machen sich nun auf den Weg und erkundigen sich überall, 
ob jemand den Ritter mit dem weifsen Schild gesehen habe. 

58. Die Dame (§ 56), Ysaye und Tronc brechen vom chastel 
de Taumosne auf und kehren am Abend bei einem forestier , Gartus 
de la forest aux lyons, ein. Daselbst werden sie gut bewirtet. 
Während des Essens erzählt ihnen der Wirt, dafs bei ihm noch 
zwei Ritter übernachteten. Diese wollten am nächsten Tage nach 
dem chastel de Paumosne aufbrechen, um den Tod ihres Bruders 
zu rächen. Diese Ritter hiefsen Macon Toconge (?) und le vacquier 
de Tesclaire und seien Brüder des brun de Tengarde. Ysaye bittet 
nun den Wirt, die Ritter am folgenden Morgen nicht fortzulassen, 
da er ihnen noch etwas zu sagen habe. Hierauf gehen alle zu 
Bett. Am folgenden Morgen sind die beiden Brüder schon zur 
Abreise fertig, als der Wirt sie darauf aufmerksam macht, dafs im 
Erdgeschofs ein Ritter logiere, der sie zu sprechen wünsche. So- 
fort vermuten sie in diesem Ritter den Mörder ihres Bruders. Sie 
klopfen an die Thür und als ihnen nicht geöffnet wird, schlagen 
sie die Thür ein. Da aber tritt ihnen Ysaye, der vollständig ge- 
wappnet ist, entgegen. 

59. Die Brüder fragen nun Ysaye, ob er etwas von dem 
Mörder ihres Bruders wisse. Ruhig erklärt ihnen Ysaye, dafs er 
ihn getötet habe. Nun stürzen sich die Brüder wie wahnsinnig 
auf Ysaye, werden aber schon nach kurzem Kampfe getötet. 

60. Als die Wirtsleute und die Dame die Leichen sehen, sind 
sie entsetzt. Ysage aber beruhigt sie, indem er sie über den Vor- 
gang aufklärt. Hierauf reiten Ysaye, Tronc und die Dame weiter 
bis zum Abend. Da sie kein Wirtshaus finden, wohl aber in einem 
Gehölz ein Feuer erblicken, schicken sie Tronc ab, um zu sehen, 
was das Feuer bedeute. 



^ § 38: in einem halben Jahre, 



DBS PROSAROUAK TSAYB LE TRISTE. 1 89 

61. TroDC sieht, wie vier Schurken ein gewaltiges Feuer an- 
gezündet haben, und ruft Vsaye herbei. Bei dessen Ankunft ent- 
fliehen sie. Nun reiten die drei Gefährten weiter, bis sie nach 
Cannes kommen. Dort zeigt ihnen eine gute alte Frau ein 
Wirtshaus. 

t>2. Sie klopfen an die Thür des Hauses. Ein Mädchen 
Ô^et, erschrickt aber beim Anblick Troncs und ruft den Wirt. 
Dieser sieht Tronc auch und crtklärt, ihniîn kein Nachtquartier 
geben zu können. Da Ysaye sieht, dafs er Troncs wegen kein 
Unlerkommen finden kann, so setzt er Tronc hinler sich aafs 
Pferd und verdeckt ihn mit seinem Schild. Dann reitet er nach 
einem anderen Gasthaus und erhält ohne weiteres Quartier. 

63. Während Tronc auf dem Pferde bleibt, begeben sich 
Ysaye und die Dame in das Speisezimmer. Der Wirt safs mit 
seiner Frau und seinen beiden Kindern (12 und 11 Jahre alt) be- 
reits an der Tafel. Als Ysaye und die Dame sich niedergelassen 
haben, veibielet die Mutter den Kindern, das Beste vom Tische 
zu nehmen. Da befiehlt ihnen der Vater, der der Meinung ¡st, 
dafs er die Kinder ernähre, die Mutter zu prügeln. Dies führen 
die Kinder sofort aus. Ysaye, hierüber eraürnt, hält dem Vater 
eine Rede über Kindererziehung. Da aber der Vater nicht ver- 
stehen will, so bricht Ysaye mit den Worten ab: rar l'avmgte na 
qui faire de ehandtUe et le sours n'a que faire de sermon. Der Wirt 
heifst Damas de Cannes. Nach dieser aufregenden Scene gehen 
alle zu Bett. Am folgenden Morgen brechen die drei Reisenden 
auf und treffen unterwegs einen variti, der ihnen folgendes erzählt: 
In dem Hause des Damas hätten sich ura Mittemacht die Kinder 
geschlagen und wären dabei aus dem Fenster gestürzt. Der Vater 
sei aufgestanden und habe seine Frau getötet, da diese die Kinder 
nicht genügend bewacht habe. Ihn selbst aber hätte man ins Ge* 
fangnis geworfen und werde ihn nun hangen. 

64. Nachdem sie den valel verlassen haben, kommen sie nach 
einem Schloff, aus welchem ein RJtler, Bisart le navarois, heraus- 
tritt und Ysaye zum Zweikampf herausfordert Bisarl wird besiegt. 
Beim Abschied bittet er Ysaye, er möge seinen Sohn, Duma le 
mordreur, zum Ritter schlagen. Ysaye will diesen Wunsch erfüllen. 

65. Allmählich nähern sich die drei Gefährten dem chastel 
de la belle garde. Sie kommen an einen Flufs, auf dessen jen- 
seitigem Ufer sich das Schlofs befindet. Ysaye und die Dame 
besteigen einen kleinen Kahn, während Tronc auf dem Rücken 
des Pferdes Vsayes über den Flufs gelangt. 

66. Die Besitzerin des Schlosses begrufst vom Fenster aus 
die Ankommenden, steigt dann die Treppe herunter und öffnet 
die Thür. Ysaye wird nun von allen wegen seiner Schönheit be- 
wundert, aber auch Tronc wegen seiner Häfsüchkeit angestaunt. 
Erregte nun Tronc schon bei den Menschen Anstofs wegen seiner 
häfslichen Figur, so war dies noch vielmehr bei den Hunden des 



1 90 ZBIDLER, 

Schlosses der Fall. Diese hätten ihn sicher totgebissen, wenn er 
sich nicht auf den Rücken des Pferdes geschwungen hätte. 

67. Die Dame des Schlosses und Ysaye beraten nun, was sie 
gegen Craventor thun sollen. Ysaye sagt ihr, er wolle gegen alle 
Mannen Craventors kämpfen. In dieser Absicht beschliefst er, 
Tronc mit einer Herausforderung an den feindlichen Ritter abzu- 
schicken. 

68. Die Dame wundert sich, dafs Ysaye sich Troncs in so 
wichtigen Angelegen bediene. Da entgegnet Ysaye: Force vault 
plus sans sens y mais sens est bon sans force; car je le vous prouverqy, 
Marsiadus, der König von Norgalles, war in einen Krieg mit Ysayes 
Grofsvater, Meliadus von Leonois, verwickelt Der letztere hatte 
nur halb so viel Truppen als Marsiadus. 

69. Trotzdem siegte Meliadus durch die Schlauheit eines 
Krüppels, dem zwei Glieder fehlten und der fünf Jahre hindurch 
krank gewesen war. 

70. Tronc begiebt sich nach dem Schlosse Craventors und 
bittet dort um Einlafs. Da Craventor gerade schläft, mufs Tronc 
warten, bis Craventor ihn vorläfst. 

71. Vor Craventor geführt, erklärt Tronc, er komme im Auf- 
trage der Dame von Belle Garde und eines tapferen Ritters, der 
es sich zur Aufgabe gemacht habe, alle Bedrängten zu schützen, 
und fordere ihn auf, von seinen Liebesanträgen abzulassen, da die 
Dame sich doch nicht, besonders nicht mit ihm, verheiraten werde. 

72. Craventor erwidert, er werde die Dame nie in Ruhe 
lassen und lieber mit dem Ritter kämpfen. Sollte der Ritter be- 
siegt werden, so verlange er folgende Geiseln: die Dame, die 
sieben Kinder, Marcadigeil (Bruder der Dame), Duridron (Onkel 
d. D.), Dromedia (Schwester d. D.), Alise (Kammerfrau), Tradition 
(Vater d. D.). Sollte er besiegt werden, so werde er eine gleiche 
Anzahl von Geiseln stellen. 

73. Tronc überbringt Ysaye die Antwort Craventors und teilt 
dann diesem die Namen der Geiseln mit, die die Dame verlange. 
Es sind dies: Nabel (Bruder des Cr.), Vidira de Castrange, Ariste 
de Fluyr, Heipas le bleu (Onkel des Cr.) und drei cousins germains. 

74. Craventor ist bei dieser Nachricht sehr betrübt, da diese 
Geiseln seine besten Ritter sind. Dann sagt er Tronc, dafs er am 
nächsten Tage zum Kampfe bereit sei. 

75. Nach dieser Unterredung führt Craventor seine Geiseln 
nach dem Schlosse de Belle Garde, und sonderbarer Weise fragt 
ihn nun die Dame, was er mit ihren Geiseln zu thun gedenke, 
worauf Craventor erwidert, er werde sie und ihre Kinder ver- 
brennen, die anderen Geiseln hängen lassen. 

76. Am folgenden Morgen rüstet sich Ysaye zum Kampfe. 
Als ihn ein Ritter Craventors erblickt, wendet sich dieser an Tronc 
mit der Frage, ob jener der chevalier cheti/ sei, der gegen seinen 
Herrn kämpfen wolle. Tronc weist ihn ob dieser Beleidigung zu- 
recht und sagt ihm, dafs sein Herr der berühmte Ritter Ysaye le 



DER PROSAROMAN VSAYE LE TRISTE. 



191 



Í. Da bricht der Rilier in Thränen 
dafs es für Craventor keine Rettung 



I 



Triste, der Sohn Tristans, í 
aus und sagt, jetzt sehe er, 
mehr gäbe. 

77. Der Kampf beginnt, und Ysaye siegt. 

78. Craventor und seine Geiseln werden vor die Dame des 
Schlosses geführt. Diese lüfsE sofort ein grofses Fest feiern und 
donna a Ysaye ton corps it ses bims a sa volonte. 

yg. Im Schlosse wendet sich Ysaye an den Ritter, dem Tronc 
den Namen Ysayes mitgeteilt hatte — es war Senecques le bleu — 
und bittet ihn, Stillschweigen über seinen Namen und seine Person 
zu beobachten. Senecques verspricht dies. 

80. Nichts desto weniger geht Senecques in der Nacht zu 
Craventor, teilt diesem den Namen Ysayes mit und erbietet sich, 
im Verein mit Craventor Ysaye im Bette zu ermorden. Craventor 
ist mit diesem Plane einverstanden, und beide schleichen nach 
Ysayes Schlafzimmer. Senecques klopft an und bittet Tronc zu 
Ölfnen, da er seinem Herrn die traurige Botschaft zu übermitteln 
habe, dafs Craventor gestorben sei. Tronc entgegnet ihm, sein 
Herr schlafe jetzt, er möge später wiederkommen. 

81. Craventor und Senecques entfernen sich. Tronc weckt 
seinen Herrn und bittet ihn sich hinter die Tliür zu stellen. 
Darauf kommen Craventor und Senecques wieder. Tronc öffnet, 
sie finden das Bett leer vor. Tronc erklärt ihnen nun, sein Herr 
sei in jenem Zimmer, dessen Tliür sie geöffnet sahen. Sofort be- 
geben sie sich dorthin, Tronc eilt ihnen nach und schliefst sie ein. 

8 2. Ysaye tritt nun aus seinem Versteck hervor, lafst die 
Thiir des anderen Zimmers Öflnen und schlägt den Verrätern das 
Haupt ab. 

83. Ysaye schlägt nun noch den übrigen Geiseln Craventors 
die Köpfe ab und lüfst sie von Tronc in einen Sack werten. 

84. Tronc schleppt diesen Sack nach dem Schlosse Craveotors 
und überreicht ¡Im den dort versammelten Rittern. Dann entfernt 
er sich schleunigsi. Ysaye wül nun vom chastel de Belle Garde 
aufbrechen. Da fragt ihn die Dame, wie sie ihm danken könne. 
Ysaye befiehlt ihr, für die Toten eine Messe lesen zu lassen. 
Aufserdem solle sie vier von ihren Söhnen zu Rittern, drei zu 
Geistlichen heranbilden lassen. Auch solle sie wieder einen Gatten 
nehmen, der sie gegen die Angriffe der Freunde Craventors 
schützen könne. 

85. Während Ysaye mit der Dame redet, erscheint ein Knappe 
und bittet Vsaje, er möge sein Versprechen einläsen und ihn zum 
Ritter schlagen. Er heifse Duma le Mordreur und sei der Sohn 
Bisarts le Navarois. Um Ysaye ein Zeiciien seiner Tapferkeit ¡tu 
geben, brüstet er sich damit, dafs er bereits zwölf Menschen aus 
geringfügigem Grunde getötet habe. Ysaye rät ihm, erst die Ge- 
sinnung zu ändern und zu seinem Vater zurück zukehren. Doch 
bleibt Duma noch eine Nacht hier. Als er am folgenden Morgen 
Ysayes Frage, ob er sich eines besseren besonnen habe, mit nein 



ig2 ZEIDLER, 

beantwortet, befiehlt ihm Ysaye, sein Haupt zu beugen. Anstatt 
des Ritterschlages versetzt ihm Ysaye den Todesstreich. 

86. Kurze Zeit hierauf tritt eine Frau mit einem jungen 
Manne ein und erkundigt sich nach einem Ritter, der ihr Sohn 
sei und der ihr vor neunzehn Jahren im Morois in Cornouailles 
geraubt sei. Es ist Bise mit Driant. 

87. Sie erzählt ferner, wie Sarban aus Loisemont und sie den 
Knaben erzogen hätten, wie der Knabe geraubt sei, und erzählt 
auch die Geschichte mit dem Ringe. Da fragt Ysaye, wie der 
Knabe geheifsen habe, worauf sie erwidert: Ysaye le Triste. 

88. Als Bise ausgesprochen hat, erscheint eine Fee, giebt 
Ysaye einen neuen Schild, nimmt der Amme den Ring von dem 
Finger und verschwindet wieder. Erstaunt fragt Ysaye Tronc, was 
das bedeute. Da erzählt ihm Tronc, die Fee sei dieselbe, welche 
der Amme den Ring an den Finger gesteckt habe. Sie habe ihn 
wieder zurückgeholt, weil die Amme den wiedergefunden habe, 
den sie gesucht habe. Ysaye küfst nun seine Amme und begrûfst 
auch seinen /rere de layt, Bise wird von der Dame des Schlosses 
reichlich mit Kleidern beschenkt. 

89. Ysaye vertraut nun seine Amme dem Schutze der Dame 
an. Driant äufsert den Wunsch, zum Ritter geschlagen zu werden. 
Ysaye weist ihn darauf hin, dafs er erst Heldenthaten vollbringen 
müsse, ist aber bereit, ihm das Waifenhandwerk beizubringen. 

90. Ysaye, Driant und Tronc nehmen hierauf Abschied. Unter- 
wegs treffen sie einen valet, der einen Wagen mit Lebensmitteln 
mit sich führt. Ysaye fragt ihn, wohin er wolle. „Zum chevalier 
sot sage du chastel mal assis** ist die Antwort des valet. Neugierig, 
weshalb dieser Ritter den wunderbaren Namen sot sage führe, bittet 
Ysaye den Knappen, ihm diesen Ritter zu schildern. 

91. Der valet erzählt hierauf: In diesem Lande lebte ein 
Ritter Blaienor, ein Bruder des Blioberis de Gaunes. Blaienor war 
mit der Tochter des Königs von Norgalles verheiratet und zeugte 
mit dieser einen Sohn. Letzterer wurde der gelehrteste Mann 
dieses Landes, so dafs viele Leute Rat bei ihm holten. Eines 
Tages erschien auch ein Fräulein bei ihm, Ciaire la plus belle mit 
Namen. Zu dieser fafste der clercy wie er genannt wurde, eine 
unaussprechliche Liebesneigung und bat um ihre Hand. Sie war 
nicht abgeneigt, doch zog sie es vor, zuerst ihre sechs Brüder um 
Rat zu fragen. 

92. Die Brüder wünschten ihr aber eher den Tod als diese 
Heirat. Als der clerc davon Kunde erhielt, wurde er vor Zorn 
wahnsinnig. Von da ab nannten ihn die Leute den sot sage. Von 
dem Unglücke dieses Königssohnes erfuhren Bohort de Gaunes 
und Hector des Mares und eilten herbei, um die sechs Brüder 
zu strafen. Sie töteten die Brüder, und nun stand dem sot sage 
kein Hindernis mehr im Wege, Ciaire zu heiraten. Der sot sage 
wurde wieder gesund, gab sich aber von nun an dem Ritterhand- 
werke hin. Jedoch habe er eine eigentümliche Fechtweise. Er 



I 

i 



DER PROSAROMAS YSATE LE TRISTE, I93 

fechte nur mit Baumïweigen. Denjenigen, den er besiegt, nimmt 
er mit auf sein Schiofs mal assis {wegen der Niedermetzlung der 
sechs Brüder Claires so genannt) und beschäftige ihn dort, den- 
jenigen aber, der ihn besiegt, schlage er zum Ritler. Vsaye fafst 
nun sofort den Plan, Drianl in diesem Kampfe zu erproben. Ysaye, 
Driant und Tronc reiten nun nach dem Schlosse. Da begegnen 
ihnen drei Ritter, die ihnen erzählen, dafs der sot sage früher 
die Angewohnheit gehabt habe, die Besiegten zu seinen Dienern 
zu machen. 

93. Jetzt befolge er einen Rat Claires, alle schönen Frauen 
im Umkreise von einer Meile um sein Schiofs einfangen zu lassen, 
um sie dann zu verbannen. Diesen Rat halle Ciaire dem soi sage 
aus dem Grunde gegeben, weil sie es nicht dulden wollte, Frauen 
von ihrer Schönheit in ihrer Nähe zu haben. 

94. Die Ritter verabschieden sich, und Ysaye erfährt von dem 
viiltt, der noch bei ihm ist, die Namen der drei Ritter. Der erste 
sei Brandar, der Sohn des Brandalis, eines Ritters der Tafelrunde. 
Der zweite sei der Sohn Lambeguels, der Palamedes !e mecogneu 
besiegt habe, als dieser die Königin Vseut vom Hofe Marcs ent- 
fuhren wollte. Man nenne ihn le besgí de la haulle roche. Der 
dtitte sei Festion le blond, der Sohn Gaheriets, Als Ysaye dies 
vernommen hat, schickt er Tronc zum sot sage und läfst ihn zum 
Kampfe herausfordern. Tronc trifft den sot sage mit Ciaire an. 
Ciaire erschrickt bei Troncs Erscheinen, Der tot sage nimmt die 
Forderung Ysayes an. Unterdessen lehrt Ysaye Driant fechten. 

93. Bald darauf findet der Kampf statt. Der sot sage und 
Driant sind mit Baumzweigen bewaffnet. Driant erhäh zwei wuchtige 
Hiebe auf den Helm, so dafs er den Kampf aufgeben will. 

96. Da Driant sich sehr feige benimmt, fragt ihn der sot sage, 
woher er stamme, worauf Driant erwidert: aus Loisemont bei Tin- 
lagel in Comouailles. Darauf fragt der sot sage, ob nicht sein 
Begleiter (Ysaye) vielleicht den Kampf gegen ihn aufnehmen wolle, 
wenn er zu feige sei. Da antwortet Driant, dafs sein Begleiter 
dies sehr gern thun, er aber lieber 15 Tage barfufs gehen wurde. 

97. Ysaye schneidet zunächst für sich einen Zweig ab von 
4'/i Fafs Länge und einer Dicke von 3 Fäusten. Dann tritt er in 
den Kampf ein. Der Kampf ist für Ysaye schwer, doch gelingt 
es ihm bald, dem sol sage einen Hieb zu versetzen, dafs dieser 
ohnmächtig vom Pferde stürzt und lì Zähne verliert. 

98. Als der Besiegte wieder zur Besinnung kommt, loht er 
Ysayes Stärke. Ysaye will aber davon nichts wissen und schreibt 
seinen Sieg der Unterstützung des pire gloJÎeux zu, 

99. Nun beñehit Ysaye dem sol sage folgendes. Er solle ihm 
huldigen, seine Geliebte solle verbannt werden, an dem Todestage 
der sechs Brüder (/e lendemam de la Trinili) solle er für alle, die 
durch ^UE follie umgekonamen sind, beten und beten lassen, und 
das Schiofs solle fortan den Namen chastel revfrlis fuhren. Den 
gefangenen Rittern schenkt er die Freiheit 

¿•itachi. £ lOBL Phil. XXV. Il 



194 ZRIDLER, 

lOO. Am folgenden Tage bricht Ysaye mit Driant und Tronc 
auf, ohne dem sot sage seinen Namen zu nennen. 

loi. Auf ihrem Wege kommen sie nach Louvrezep, einem 
Meereshafen. Dort wird Tronc von einem valet angeredet. Dieser 
wünscht Troncs Herrn zu sprechen, von dem man sage, er habe 
Paumart besiegt und das rote Schlofs eingenommen. Tronc ruft 
Ysaye herbei. 

102. Als Ysaye herankommt, überreicht ihm der valet einen 
Brief, welchen Marthe, la nièce au roy Yrion de Blamir, ihm sende. 
Ysaye läfst den Brief von Tronc vorlesen, \cest la fille Hustìn lem- 
pereur de Gresse qui est /reres Vríon.]^ 

103. In diesem Briefe teilt Marthe Ysaye mit, dafs sie ihn 
unsterblich liebe, obwohl sie ihn noch nie gesehen habe. Sie 
träume von ihm, sie mache chansons seinetwegen, sie sei liebes- 
krank. Er möge kommen und sie von ihrer Krankheit heilen. Von 
ihm hänge es ab, ob sie am Leben bleibe oder sterbe. Am 
Schlüsse bittet sie, Ysaye möge ihr durch den valet Nachricht zuteil 
werden lassen. 

104. Nachdem Ysaye den Inhalt vernommen hat, seufzt er 
tief und bittet den valet, einstweilen bei ihm zu bleiben. Dann 
werde er ihm Antwort geben. Darauf begeben sich die vier Ge- 
fährten zu einem reichen Bürger, um dort zu logieren. Bei diesem 
erkundigt sich Ysaye, auf welchem Wege er nach SoUenoys ge- 
langen könne. Darauf erwidert ihm der Bürger, er müsse einen 
halben Tag lang über das Meer fahren, dann komme er zu einer 
Burg, die von gefis (f armes belagert würde. Auf Ysayes Frage, 
was dort vorgefallen sei, erzählt der Bürger folgendes: 

105. Eine Anzahl junger Leute seiner Stadt hätten in der 
Maizeit einmal sich den Scherz erlaubt, ein der Burg gehöriges 
Schiff zu kapern. Dies war ihnen aber nicht gelungen, wohl aber 
hätten sie es sich gefallen lassen müssen, dafs 25 ihrer Leute ge- 
fangen und gehängt wurden. Am Schlüsse seiner Erzählung bittet 
er Ysaye, er möge seinen Landsleuten helfen, die Burg einzu- 
nehmen. 

106. Ysaye entgegnet ihm hierauf, er könne nur die Partei 
der Burgleute ergreifen, da diese im Rechte seien. Nun wendet 
sich Ysaye an Tronc und beauftragt ihn, einen Brief an Marthe 
zu verfassen. Diesen Brief übergeben sie dem valet. Am folgenden 
Tage besteigen sie ein Schiff und fahren nach der Burg. 

107. Nachdem sie ans Land gestiegen sind, entlassen sie den 
valet. Da dieser aber für seine Herrin noch ein Geschenk wünscht, 
geben sie ihm auf Troncs Rat Driant mit. Driant und der valet 
entfernen sich. Tronc aber begiebt sich in das Hauptzelt der Be- 
lagerer und verlangt den Führer zu sprechen. 

[108. Bald erscheint auch Ysaye und läfst sich von dem 
Führer die Ursache des Kiieges darstellen. Da diese Erzählung 



^ [] Zusatz von D. 



DEK PKOSAS.OMAN YSATE LB TRISTE. 



195 



genau «Jen Thatsacben, die ihm der Bürger mitgeteilt hat, ent- 
spricht, sagt er, die Belagerten seien im Recht, und er werde ihnen 
helfen. Tronc und Ysaye verlassen unbehelligt das Hauptzelt und 
begeben sich nach der Burg, woselbst ihnen, allerdings erst nach 
Ablegung der Waffen, Eintritt gewährt wird. 

109. Ysage bemerkt lauter abgemagerte Leute und erfährt 
von diesen, dafs bereits alle Lebensmittel, ja sogar alle Katzen, 
Hunde, Pferde und bicsits aufgegessen seien, Ysaye weint, als er 
dies hört, und bittet Gott, den Armen zu helfen. 

110. Ferner erfährt er, dafs bereits Kinder geschlachtet, ge- 
koclit und gegessen seien. 

111. Ysaye, der ermüdet ¡st, legt sich zur Ruhe, wahrend 
Tronc das Pferd bewacht, damit es nicht auch noch aufgezehrt 
werde. Um Mitternacht weckt Tronc seinen Herrn, da er bemerkt 
hat, wie die Belagerer am Gestade Lebensmittel aus den Schiffen 
holten. Sie verlassen beide die Stadt.]' Ysaye legt sich in einen 
Hinterhalt, während Tronc den Befehl erhält, aufzupassen tn gtul 
pomi CIUÌX de l'osi csloünt. 

HZ. Kaum hatte sich Ysaye in den Hinterhalt gelegt, als 
Tronc die Nachricht bringt, die Feinde seien eingeschlafen und 
nur 50 Mann hielten Wache; ferner kämen vom Gestade her sechs 
Wagen mit Lebensmitteln, die nur durch 20 Mann geschützt seien. 
Ysaye sprengt sofort aas seinem Versleck hervor und stürzt sich 
auf die Bedeckung der Fouragewagen. Er tötet zunächst den 
Führer, dann stürzt er sich auf die andern. Sein Pferd ist ihm 
im Kampfe bebülflich dadurch, dafs es furchtbare Fufstritte austeilt 

1 1 3. Während Ysaye gegen die Bedeckung kämpft, geht Tronc 
zu den Trofsknecbten und erzählt ihnen, es seien 100 vor Hunger 
wahnsinnig gewordene Männer aus der Burg enlñohen, die nun 
alles, was ihnen entgegentritt, niederhauen. Jener Ritter, der gegen 
ihre Bedeckung kämpfe, sei auch einer von den Wahnsinnigen. 
Schleunigst verlassen nun die Trofsknechte die chartlies. Tronc 
aber holt Leute ans der Burg herbei, die die Wagen in die 
Stadt ziehen. 

114. Nachdem Vsay e die Bedeckung niedergemetzelt hat, eilt 
er nach der Burg. Schon aber folgen ihm neue Feinde. Vor der 
Burg entspinnt sich nun ein mörderischer Kampf. 

115. Tronc, der in der Burg ist, erinnert sich, dafs sein Herr 
derjenige ist, der draufsen gegen eine Uebermacht von Feinden 
kämpft. Er bittet die Fallthür herunter zu lassen, damit sein Herr 
eintreten könne, dann aber die Thür schleutiigst wieder zu heben. 

1 16. Die Einwohner der Burg erfüllen seinen Wunsch. Vsaye 
weicht nach der Fallbrücke zurück. Als Ysaye gerettet ist, wird 
die Thür gehoben. Dabei fallen 8 von den nach drmgen den 
Feinden in den Graben, 16 aber werden gefangen genommen. 

' [] fehlt in G. 



196 ZËlDLERy 

Nach dieser Anstrengung lassen sich die Bewohner der Burg die 
erbeuteten Lebensmittel gut schmecken. 

117. Ysaye hält während der Nacht am Thore Wache. Am 
nächsten Morgen sieht er zwei Ritter kommen, die ihn auffordern, 
die Gefangenen herauszugeben. Sollte er dies nicht thun, so 
würden sie die Burg angreifen. Ysaye läfst sich durch diese 
Drohung nicht einschüchtern, sondern erwidert ihnen, falls ihre 
Führer bis zum nächsten Tage nicht Frieden geschlossen haben 
sollten, würde er allen Gefangenen die Köpfe abschlagen. Et avant 
ce je suis prest de moy mustrer corps a corps contre les plus hardis. 

118. Um ihnen auch ein Beispiel seiner Kraft zu geben, geht 
er zum Thor hinaus und schlägt dem einen der beiden einen Arm 
ab. Entsetzt fliehen die Boten davon. 

119. Bei ihrem maistre angekommen, erzählen sie, dafs der 
Ritter, den Gott den Feinden geschickt habe, kein Mensch, sondern 
eine Art fouldre de tempête sei. Er sei in der Nacht ganz allein 
aus der Burg gezogen, habe 45 Mann der ihrigen getötet und ihnen 
6 Wagen mit Lebensmitteln abgenommen. Aufserdem habe er noch 
viele Gefangene in der Burg. 

120. Dann zählen sie die Bedingungen auf, die Ysaye ihnen 
gestellt habe. Da treten zwei Boten ein, die über das Meer ge- 
kommen waren, um dem souverain de ceulx lesquelz estoient dos einen 
Brief zu übermitteln. 

121. Sie sagen dem bailly von Louvresep, sie seien gekommen, 
um den berühmten Ritter zu suchen, der Paumart u. s. w. besiegt 
habe. Sie hätten den Auftrag, ihm die Krone des Köm'greiches 
Logres anzubieten. Sie erkundigen sich, ob er vielleicht unter 
ihnen sei. 

122. Als der bailly dies vernimmt, beschliefst er, sich Ysaye 
zu untewerfen. Sofort treten 500 Mann barfüfsig und barhäuptig 
den Weg zur Burg an. 

123. Sie fallen vor Ysaye nieder und bitten um Verzeihung 
für ihre oultrages, Ysaye erwidert ihnen, er sei gamicht derjenige, 
den sie suchten. Er sei ein pauvre chevalier. 

124. Die Bürger entgegnen ihm darauf, sie wüfsten wohl, 
wen sie vor sich haben, und bitten nun um Freigabe der Ge- 
fangenen, sie wollten dagegen auch die gestellten Bedingungen 
eingehen. 

125. Ysaye giebt nun die Gefangenen frei, die Städter ziehen 
ab. Er bleibt noch acht Tage in der Burg, um seine Wunden 
verheilen zu lassen. Dann bricht er mit Tronc auf. 

126. Driant und der valet der Marthe kommen an dem Schlosse 
Vadans de Drangor vorbei, dessen Besitzer die Gewohnheit hatte, 
jeden bewaffneten Mann anzufallen. 

127. Als Driant den Ritter auf sich zukommen sieht, wirft er 
vor Angst die Waffen fort 

128. Vadan läfst nun Driant unbehelligt durch sein Gebiet 
ziehen. Nach vier Tagen erreichen Driant und der valet das König- 



DER FR08AR0UAI1 TSAYK LE TRISTE, I97 

reich Miradir. Der vaUl verschafft nun zunächst dem Driant ein 
gutes Logis bei einem reichen Bürger, welcher mit Marthe gut be- 
freundet ist. Dann begiebt er sich zu Marthe, erzählt ihr, wie er 
Ysaye gefunden hat, giebl ihr den Brief ond erzählt ihr, dafs Ysaye 
seinen Bruder Driant vorausgeFichickt habe. 
139. Hierauf schildert er Ysaj-e näher. 

130. Als Marthe den Brief gelesen hat, fallt sie in Ohnmacht- 
Ais sie wieder zu sieht kommt, ruft sie laut: Trts doulx amy. venes, 
venes, vous perdere: voire amye. 

131. Sie steckt den Brief in ihren Busen und begiebt sich 
zu Driant. Sie umarmt und küfst ihn heftig. Dann bittet sie ihn, 
fortan im Schlosse zu wohnen. Mais hie« saicha que anegues ne 
fmt ielle feste que Frión liiy feist quant il fui venu a ¡a courl. 

132. Nach einiger Zeit erscheint Yrion in Marthes Kammer 
und findet sie, wie sie ein Schriftstück abfafsl. Sie ist so sehr in 
ihre Arbeit vertieft, dafs sie ihren Onkel garnicht bemerkt, dann 
aber jäh erschrickt, als er ihr das Schriftstück fortnimmt. Yrion 
liest es durch und lacht daräber. 

133. Das Scbrittatück ist eine chanson, in welcher Marthe 
Ysaye als die Blume der Ritterschaft verherrlicht 

134. Der König liest die chanson zwei- bis dreimal durch und 
erkundigt sich dann bei Marthe, wer der Ritter sei, den sie liebe. 
Da antwortet sie ihm, sie kenne ihn selbst noch nicht, und bittet 
ihren Onkel, ein Turnier zu veranstalten. Dann würde er ihn 
schon sehen. Yrion verspricht ihr, das Turnier bald zu ver- 
anstalten. 

135. Yrion teilt nun seine Absicht Driant mit. Da sagt ihm 
Driant, es gäbe keinen tüchtigeren Ritter als Ysaye. Er selbst 
habe einmal gesehen, wie Ysaye dem sot sage einen so gewaltigen 
Hieb versetzte, dafs dieser ohnmächtig zusammenbrach. Nun ist 
Yrion aufs höchste gespannt, wie dieser Ritter wohl aussehen t 
Er schickt sofort Herolde ab und läfst als besten Preis im Tournier 
ein Pferd und 40 besaus d'argent aussetzen, 

136. Ysaye kommen zum Schlosse des Va{u)dan de Drangor, 
villttle sur la mer. Ysaye wird von Vadan angegriffen, siegt jedoch. 
Ysaye erkundigt sich nun nach dem Namen des Gegners. Dieser 
nennt seinen Namen und erzählt Ysaye, dafs er ein Kind bei sich 
habe, das man ¡'orphelin de Guts nenne. Dieses Kind habe er 
gegen einen Ritter zu schützen, der auf dem zwei Meilen ent- 
fernten Schlosse Ciermoustier wohne und dem Kinde nach dem 

■^ Leben trachte. 

^fe 137. Ysaye erkundigt sich nun, woher dieses Kind stamme. 

^^ Da erzäiilt ihm Vadan, das Kind sei der Sohn Bohorts le piquart, 

^^L sire de Guis, und führt nun dieselbe Geschichte an, die wir schon 

^^K aus g 4) kennen. Er habe nach dem Tode Bohorts das Kind zu 

^^1 sich genommen. Ysaye verspricht ihm nun, den Tod Bohorts an 

^^H Marc le roux zu rächen. 

^^B 138. Ysaye, Tronc und Vadan betreten das Schlofs. Der 



1 




198 ZEIDLER, 

Knabe öffnet ihnen. Ysaye küfst ihn. Am folgenden Morgen er- 
kundigt er sich bei dem Knaben nach dessen Alter und erfährt 
von ihm, dafs er 15 Jahr alt ist. Im Verlaufe des Gespräches 
bittet der Knabe Ysaye, seinen Vater an Marc le roux zu rächen. 
Ysaye befiehlt nun Vadan, sich sofort mit seinen 40 Rittern zu 
rüsten und in einen Hinterhalt zu legen. Auch der Knabe solle 
sich rüsten. 

139. Ysaye und Tronc reiten nun nach Clermoustier. 

140. Tronc will sich zu Marc le roux begeben, wird aber 
von dessen Rittern angehalten und gefragt, wer ihn sende. Da 
antwortet ihnen Tronc: le maistre des chasiteux. car il les chasiie 
(Tune verge qu*il porte a la resun de espee. Die Ritter sagen ihm, 
solch thörichtes Geschwätz hätten sie seit Arthurs Tode noch nicht 
gehört, er möge seinen Herrn selbst kommen lassen. 

141. Ysaye erscheint und fordert sämtliche Ritter auf, sich 
zu bewaffnen und in einem grofsen Saal zusammenzutreten, wo- 
selbst er ihnen dann seine Mission mitteilen werde. 

142. Sobald die Ritter versammelt sind, erklärt ihnen Ysaye, 
dafs er gekommen sei, den Tod Bohorts le picart zu rächen. Da 
verhöhnt Marc Ysaye, indem er ihn einen quesierez (lat castratus) 
nennt Wütend hierüber zieht Ysaye sein Schwert und haut auf 
die Ritter ein. Die Mannen Marcs hören die wuchtigen Hiebe im 
Saale und eilen ihrem Herrn zu Hilfe. 

143. Tronc verläfst das Schlofs, um Hilfe zu holen. Er wird 
verfolgt, rettet sich aber dadurch, dafs er in einen in der Nähe 
des Schlosses fliefsenden Flufs springt. Vorher jedoch war es ihm 
noch gelungen, das Haus eines Bürgers in Brand zu stecken. 

1 44. Beim Anblick des Feuers geraten die Bürger sowohl 
als auch die Mannen Marcs in Bestürzung. Diese Bestürzung be- 
nutzt der hartbedrängte Ysaye, um zu entfliehen. Da aber trifft 
Vadan mit seinen 40 Rittern ein, besiegt die Ritter und nimmt die 
reichsten Bürger gefangen. Am folgenden Morgen läfst Ysaye, an 
dessen Seite sich das enfant de Guis befindet, die gefangenen 
Bürger, 40 an der Zahl, vor sich treten. 

145/6. Auf einem Stuhle stehend, hält nun Tronc eine ge- 
waltige Rede darüber, dafs Gott mit seinem Herrn und Vadan 
gewesen sei und die Feinde wegen ihrer Grausamkeit vernichtet 
habe. Sein Herr verlange Sühne. 

147. Die Bürger ziehen sich zu einer Beratung zurück und 
beschliefsen auf Anraten des Siasaries, jede Forderung der Sieger 
zu erfüllen. 

148. Nach der Beratung teilen sie Ysaye ihren Entschlufs 
mit. Da befiehlt ihnen Tronc, sie sollen das enfant le Gruis, Her- 
gault le blond, als König von Clermoustier anerkennen. 

149. Ysaye schlägt nun Hergault zum Ritter. Hergault ver- 
anstaltet ein Fest. Während dieses Festes werden nun noch Sia- 
saries und Josue, ein Sohn des Garlus de la forest aux lyons, von 
Ysaye zu Rittern geschlagen. 



DER PROSAROKfAN YSAYB LE TRISTE. 



199 



150. Auf den Wunsch Marlhes hin begeben sich dor vaUt 
und Driant nach der Hauptstrafse von Miradir, um von einem 
dort befindlichen Zelte aus die Ankunft Vsayes zu erwarten. Auf 
dem Wege nach dem Zelte zeigt Driant wieder seine grofse Feig- 
heit, so dafs der vaiti ïu ihm sagt: Si vous fmsiei im autre Je 
dtisst que vous feussies eu crrúgits ou eouart on que vous eussiez ¡a 
vene heslournte. 

151. Nachdem sie eine Zeitlang im Zelte verweilt haben, 
kommt ein Trupp Reiter vorbei. Nach wiederholten Aufforderungen 
seitens des volel begiebt sich Driant zu dem Föhrer des Trupps 
und erfährt von diesem, dafs in kurzer Zeit ihtn ein Ritter folgen 
werde, der sehr berühmt sei und einen escu blaue a hipee vermeille 
trage. Da sagt ihm Driant, dafs dieser Ritter sein Bruder sei, und 
bittet den Ritter, er möclite seinem Bruder mitteilen, dafs er (Driant) 
wieder nach Cornooailles gehen werde pour ce que je scay hie» que 
sil me trouvait que mener me vouldroii au iournoy. 

152. Der Ritter lacht über die Feigheit Drjants, bittet ihn 
aber, seinem Bruder einen Grufa vom Ritler Hergault zu über- 
mitteln. Dann erzählt er (Hergault), wie er seine Güter durch 
Ysaye wiedererlangt habe. Dieses hört auch der valet und macht 
sich eiligst auf, Marthe diese Nachricht zu überbringen, Driant 
aber ferit cheval des espérons par Ielle maniere quii fut un au avant 
cue Vsaye le visi. 

153. In kurzer Zeit sind die Ritter des ganzen Königreiches 
zum Turnier eingetroffen. Marthe, die noch immer nichts von 
Ysaye hört, läfst in allen Zelten nach dem Rittor mit dem escit 
blanc a lespee vermeille fragen. Da ihr Rote ihr aber mitteilt, dafs 
Ysaye noch nicht da sei, fallt sie in Ohnmacht. 

154. In diesem Zustande findet sie Yrion, Als sie wieder zu 
sich kommt, erklärt sie auf ihres Onkels Frage, was ihr fehle, sie 
wolle nichts wieder essen, bevor sie nicht ihren Geliebten gesehen 
habe. Sie wolle lieber sterben, als den Zustand, in dem sie sich 
jetzt behndei langer ertragen. 

155. Yrion sucht Marthe zu beruhigen. Da ¡hm das aber 
nicht gelingt, geht er zu seinem Ratgeber Henry und erzählt diesem 
von Marlhes Kummer. Da rät Henry, der König solle alle Ritter 
aus den Zelten treten lassen. Dann würde er sehen, welcher von 
den Rittern einen solchen Schild trage. 

156. Von Marthes Kummer und dem Anlasse dazu erfahren 
bald alte Ritter, aber niemand hat den Ritter mil dera escu blarn 
a ¡tspee vermeille gesehen. Nur einen Ritter mit einem escu blanc 
{aber ohne rotes Schwert) hatte man bemerkt. 

157. Yrion folgt nun dem Kate Henrys und läfst sämtliche 
Ritter an seinem Palaste vorüberreiten, Marthe und er betrachten 
von den Fenstern aus die Ritter. Da bemerken sie einen, dessen 
Schild genau wie derjenige Ysayes aussieht. Es hatte nämlich der 
in § 156 erwähnte Ritter Paumart d'Arbise, de la marche de Logres, 



200 ZBIDLBR, 

sire de Perrorentín, auf seinen escu blanc ein rotes Schwert 
malen lassen. 

158. Marthe ist sehr erfreut bei dem Anblicke des Ritters, 
da sie ihn für Ysaye hält Sie holt ein rotseidenes Herz und giebt 
es ihrer Kammerfrau mit der Bestimmung, es dem Ritter zu über- 
reichen und ihm zu sagen, er möchte in der Nacht zu ihr kommen. 

159. Yrion veranstaltet ein grofses disner, an welchem 400 ducs, 
contes, chevaliers und eine grofse Anzahl Damen teilnehmen. Mais 
saichez que Marthe fut la plus belle et la plus joyeuse de toutes. 

160. Während des Essens tritt ein Zwerg, ohne Hut und 
ohne Schuhe, wohl aber mit einem grofsen Stock versehen, in den 
Saal und verlangt Marthe zu sprechen. Der Portier führt ihn zu 
Marthe. Ueber seine Häfslichkeit staunen alle Festteilnehmer, car 
trop estoit hideux, 

161. Der Zwerg übergiebt Marthe einen Brief Ysayes. Marthe 
eikennt sofort in dem Zwerge den Pagen Ysayes. Sie befiehlt nun 
einem valet, Tronc in ein besonderes Zimmer zu fuhren und ihn 
dort gut zu bewirten. 

162. Nach dem Essen geht Marthe in ihr Zimmer und liest 
den Brief. 

163. Hierin teilt Ysaye ihr mit, dafs er am Abend als armer 
Ritter, ohne Waflfen und zu Fufs, in Miradir eintreffen werde. 

164. Als Marthe den Brief gelesen hat, singt sie vor Freude 
und umarmt Tronc. Da erscheint der Ritter Paumart, der seinen 
Schild geändert hatte (§ 157). Seine Fälschung wird von Tronc 
sofort aufgedeckt, denn Tronc weifs, dafs der Vater Paumarts, 
Patrides du chastel noir, und sein Grofsvater, Hector le bleu, nur 
einen escu blanc getragen haben. Er sagt dem Paumart: Et si 
vous fustes fils de bonne mere si portez ses armes demain au tournoy . 
certes vous noseries, Ueber diese Abfertigung ist der Ritter wütend, 
aber Marthe verabschiedet ihn mit folgenden Worten: Allez vous 
en et pensez en vous purger de ceste besoigne . car sil est ainsi mort 
avez desservie. Beschämt zieht der Ritter von dannen. Aber auch 
Tronc verläfst Marthe, um Ysaye herbeizuholen. Er findet seinen 
Herrn noch an derselben Stelle schlafend, an welcher er ihn ver- 
lassen hat. 

165. Tronc weckt Ysage. Ysage geht nun zu Fufs nach 
Blamir (Miradir), während Tronc zu Pferde folgt. Er findet den 
Palast Yrions verschlossen und ruft den Pförtner. Dieser aber will 
Ysaye wegen dessen schlechter Kleidung nicht einlassen und schimpft 
ihn ribault escrimelle. Wütend hierüber ergreift Ysaye den Portier, 
dreht ihn mehrmals im Kreise herum und wiril ihn dann mit 
solcher Wucht gegen einen Pfeiler, dafs ihm Augen und Hirn aus 
dem Kopfe niegen. Als das Yrion erfahrt, läfst er Ysaye vor sich 
kommen und fragt ihn nach seinem Namen. Ysaye aber entgegnet 
ihm barsch, er sei nur gekommen, um an dem Turnier teilzunehmen. 
Seinen Namen aber werde er nicht nennen. 

166. Marthe kommt hinzu. Sie vermutet in dem ribault i^ix^ik 



DKR PROSAROUAN YSAYE LE TRISTE. ÏOI 

Geliebten und bittet den König um Goade für ihn. Der König 
gewahrt Ysaye Gnade. 

167. Marthe läfst nun Yaaye ¡n ihr Zimmer kommen und 
[ragt ihn nach seinem Naaien. Je suis U votre Ysaye. Als sie 
dieses hört, küfst sie Ysaye, und beide vergiefsen Thräoen der 
Freude. Hier irjtt ein tscuyer ein mit der Meldung, der König 
bitte Marthe und Ysaye, sich zum Turnier zu begeben. Alle Ritter 
seien schon zum Kampfe bereit. 

168. Es seien aufser den ihrigen etwa 800 Ritter aus Lothringen, 
Brabant, Burgund, Deutschland, Gales und der Lombardei erschienen, 

169. Marthe, die zunächst ein Waffenslück Ysayes sehen will, 
schickt eine ihrer Dienerinnen zum König mit der Bitte, das Turnier 
erst am folgenden Tage stattfinden zu lassen. Darauf solle sie zu 
den einzelnen Zellen gehen und fragen , ob ein Ritter zu einem 
Lanzehkampf bereit sei. Die Dienerin führt den Befehl Marthes 
aus und meldet dann, dafs ein Ritter Yreult de l'isle estrange zum 
Kampfe bereit sei. 

170. Yreult erscheint bald darauf und fordert Ysaye mit den 
Worten: Jt vous de/fie. 

171. In dem darauffolgenden Zweikampfe siegt Ysaye. Er 
wirft Yreult vom Pferde und beendet damit den Kampf. Er ver- 
läfst den Kampfplatz und wird von alten Leuten ob seiner That 
angestaunt. 

172. Yreult wird in sein Zeh getragen. Von seinen Leuten 
gefragt, qui mouvoil a fin idle jauste, schildert Yreult den Kampf 
und sagt, er sähe seine Niederlage nicht als eine Schmach, sondern 
als eine Ehre an. 

173. Ysaye und Tronc werden von einem Bürger eingeladen, 
bei ihm zu logieren. Dieser hat von dem Zweikampfe bereits ge- 
hört, weifs aber nicht, dafs sein Gast der Sieger ist. Erst von 
seinem Nachbar wird er darauf aufmerksam gemacht. 

174. Vom Turnier zurückgekehrt, erkundigt sich Marthe bei 
ihrer Kammerfrau, welchen Weg der Sieger eingeschlagen habe. 
Da diese ihre Frage nicht beantworten kann, iveint Marthe heftig, 
indem sie dabei ausruft; amy puisque je lay perdu je veul tstrt perdu, 

175. Während Marthe sich in Klagen ergeht, erscheint der 
bourgeois, bei welchem Ysaye und Tronc wohnen, und meldet ihr, 
dafs in seinem Hause ein Ritter logiere, der in dem Zweikampfe 
gesiegt habe. 

176. Marthe dankt dem Bürger und sagt ihm, sie werde in 
der Nacht vor seinem Hause erscheinen. Als der Bürger sie ver- 
lassen bat, täfst sie ihren pallefroy satteln und begiebt sich zu 
Ysaye. Tronc öffnet die Hausthür und führt Marthe zu Ysaye. 
Ysaye entschuldigt sich, Marthe verfassen zu haben. Die entfernt 
gelegene Wohnung habe er nur deshalb bezogen, damit ihre Freund- 
schiift nicht entdeckt werde. Marthe verzeiht Ysaye und sagt: Je 
le vous pardonne, mais je vous prie, faites tsiaindre eeUi torche. 

177. Dann legen sie sich zu Bett, Das Resultat ihrer Liebe 



202 ZEIDLER, 

ist, wie wir später sehen werden, ein Knabe, Marc ressilliet Am 
folgenden Morgen begeben sich Ysaye, als Ritter gekleidet, und 
Marthe, als Knappe verkleidet, nach dem Palaste Yrions. Tronc 
folgt später. Kaum sind sie hier angekommen, so erscheint Yrion 
und bittet Marthe, sich zum Turnier zu begeben. 

178. Ysaye begiebt sich zum Kampfplatz und trifft mit Her- 
gaul t zusammen. 

179. Das Turnier beginnt. Marthe schaut von einem escha fault 
aus dem Kampfe zu. Als sie Ysaye und Hergault erblickt, ruft 
sie vor Freude aus: Regar dez, comment ils feront, 

180. Ysaye vollführt Heldenthaten, Hergault kämpft an sei- 
ner Seite. 

181. Ysaye besiegt Bizon mit seinen drei Knappen. Er ver- 
setzt ihnen solche Hiebe, dafs sie nicht wufsten, ob es Tag oder 
Nacht war. 

182. Bizon wird mit entblöfstem Haupte durch Tronc zu 
Marthe geführt. Diese harte Strafe traf ihn, weil er, trotzdem dafs 
er besiegt war, Ysaye noch einmal hinterlistig überfallen hatte. 

183. Hierauf kämpft Ysaye mit Samuel TAllemant und Dacras 
le Provenchois. 

184. Ysaye besiegt beide und erregt dadurch grofse Be- 
wunderung. 

185. Alles weicht vor ihm zurück. Tabart von Coulogne, 
der Widerstand zu leisten versucht, erhält von Ysaye einen der- 
artigen Hieb, dafs ihm die Augen aus dem Kopfe fliegen. 

186. Während des Turniers pflegte Ysaye die Pferde der be- 
siegten Ritter Marthe zuzuführen. Am Abend des Turniers zählt 
Marthe 2Ò solcher Trophäen. 

187. Nach dem Turnier begeben sich die Ritter in ihre Zelte. 
Die Toten, 12 an der Zahl, werden begraben. 

I SS, Ysaye und Tronc begeben sich zu Marthe, die sie herz- 
lich empfangt 

189. Sie giebt ihnen reichlich zu essen, verläfst dann aber 
Ysaye, da der König nach ihr verlangt hat. 

190. Nachdem Ysaye gegessen hat, legt er sich in Marthes 
Bett. Tronc begiebt sich in ein benachbartes Zimmer. Kurze 2ieit 
hierauf erscheint Marthe und legt sich zu Ysaye. 

191. Während der ganzen Nacht hören Ysaye und Marthe 
Tronc im Nebenzimmer heftig weinen. Als Marthe sich am fol- 
genden Morgen nach seinem Schmerze erkundigen will, nimmt 
Tronc seinen Herrn zu sich und erzählt ihm folgendes: 

192. Die Feeen, die ihm die Ueberwachung Ysayes anver- 
traut hätten, hätten ihm auch befohlen, darauf zu achten, dafs 
Ysaye sich mit keinem Weibe einlasse. Diesen Befehl habe er 
ungeachtet gelassen, und deshalb hätten ihn die Feeen in der vor- 
hergehenden Nacht mit Stöcken gezüchtigt. Daher tel doeul. 

193. Als Ysaye dies vernimmt, beschliefst er das Land inner- 



DER PROSAROHAN TSATE LK TR1ST8. 



ao3 

■ Marthe 



beschliefst. 



vili ihn der Koch 
LI Kessel mit sie- 



halb dreier Tage zu verlassen. Diesen Eiitschlurs teüt < 
mit, die aber nicht recht daran glauben will. 

194. Ysaye begiebt sich hierauf zur Messe, woselbst er von 
allen Rittern bewundert wird. Nach der Messe fragt Yrion Ysaye 
nach dessen Namen. Ysaye aber weicht ihm aus. 

195. Ysaye begiebt sich zum disner. Als er den Saal betritt, 
erstaunt alles über seine Schönheit. 

196. Während des Essens bringt Tronc eine Schüssel in den 
Saal und reicht sie Hergault. Dieser bietet sie seiner Nachbarin, 
der dame de Fragoire, an, die diese aber mit der Bemerkung 
zurückweist, sie liönne die Speise nicht essen, die der härslichc 
Page gebracht habe. Kurze Zeit hierauf erscheint Tronc wieder 
mit einem hairon ¡n der blofsen Hand und überreicht diesen Ysaye. 
Er trug den hairon in der blofsen Hand, weil ¡hm der Koch keine 
Schüssel hatte geben wollen. Als nun der Koch gar sieht, dafs 
Tronc den hairon dem besten Ritter, Ysaye, in dieser Art über- 
reicht, steigert sich seine Wut aufs höchste. 
Tronc ins Feuer zu werfen. 

197. Als Tronc in der Küche erscheint. 
ergreifen. Tronc aber entschlüpft, nimmt ein 
dendem Wasser und wirft ihn dem Koch an den Kopf. Der Koch 
heult laut und läuft hinter Tronc her, der inzwischen aber schon 
bei Ysaye Schutz gefunden hat. Als Yrion diesen Zwischenfall 
erfährt, lacht er herzlich. 

iqS. Nicht lange Zeit hierauf erscheinen zwei Damen, die 
Herzogin von Caradan und die Tochter des Herzogs von Ostrisse, 
und überreichen Ysaye den Preis des Turniers: ein Pferd, das mit 
Silber beschlagen ¡st und einen Elfenbeinsattel trägt. 

igg. Ysaye dankt für die Ehre, die ihm zu teil wird, sagt 
aber, der Preis gebühre seinem Herrn, Hergault, der alle die 
wuchtigen Hiebe ausgeteilt habe. 

ZOO. Erst auf Hergaults Bitten nimmt Ysaye den Preis an, 
bemerkt aber dabei: ce ne f tige pas, che fu dieux, 

201. Hierauf erhebt sich Yrion, lobt Ysaye und führt seine 
Hcldenthaten aus früherer Zeit an. Darauf wird noch ein zweiter 
Preis an Samuel l'Allemant verteilt. 

Z02. Nach dem Essen tritt eine schwarz gekleidete Dame ein 
und überreicht Ysaye ein Brief, der von dem gaiant du haul! hurt 
aus àer foresi noire (Grofs- Britannien) herrührt, 

Z03. In diesem Briefe fordert der Riese Ysaye höhnisch auf, 
er möge zu ihm kommen und versuchen, die couliimes, welche er 
eingeführt habe, abzuschaffen. 

204, Ysaye fragt nun die Dame nach ihrem Namen und er- 
fährt von ihr, dafs sie Ciaire, die verbannte Gemahlin des sot 
sage sei. 

205, Ysaye giebt ihr den Bescheid, er werde ihr bald eine 
Antwort an den Riesen mitgeben. 

206, Yrion fragt Marthe, ob sie sich näher mit Ysaye ein- 



204 ZEIDLERy 

gelassen und ob Ysaye ihr ein Versprechen gegeben habe. Den 
ersten Teil der Frage bejaht Marthe, aber hinsichtlich des zweiten 
Teils bittet sie ihren Onkel, persönlich mit Ysaye Rücksprache zu 
nehmen. Yrion thut dies, und Ysaye verspricht ihm, alle seine 
Wünsche zu erfüllen, sobald er seine Reise vollendet haben werde. 

207. Tronc schreibt im Auftrage Ysayes einen Brief an den 
Riesen und übergiebt ihn der Ciaire. 

208. Ysaye nimmt am folgenden Tage Abschied von Marthe, 
da er, wie er sagt, eine secrete besoigne auszufuhren habe. Sie bittet 
ihn, bald zurückzukehren. Dann bricht Ysaye mit Tronc und Her- 
gault auf. 

209. Unterwegs treffen sie einen Ritter mit ausgerenkter 
Schulter, Namens Orient li grieux, Sohn Hectors von Orcanie und 
Vetter des Königs von Orcanie. Dieser war aus Arragonne ge- 
kommen und war soeben von einem wilden Pferde zu Boden ge- 
worfen worden. Tronc setzt ihn nun auf Ysayes Pferd. Nach 
einem langen Marsche erreichen sie Clermoustier. Hier erfahrt 
Hergault von seinem fermier folgendes: 

210. Während Hergaul ts Abwesenheit sei der Onkel Marcs le 
roux in das Gebiet Hergaults eingefallen und habe in 15 Tagen 
50 Leute getötet. Erst durch einen Ritter, der einen vergoldeten 
Schild mit einem halben Löwen getragen habe, sei der Onkel 
Marcs besiegt worden. 

211. Sofort wird Oriant als der Besieger des Feindes erkannt 
und sehr geehrt. Die Leute aus der Stadt begrüfsten ihn: benotsie 
sott celle qui te porta et benoist soies tu, 

212. Hergault begleitet Ysaye, Tronc und Oriant bis zur 
„Burg", woselbst man vor Ysaye Kleider ausbreitete, über welche 
er gezwungen war zu gehen. Hier nimmt Ysaye Abschied von 
Hergault. 

213. Ciaire, welche über das Meer gefahren ist und sich jetzt 
in Logres befindet, trifft auf ihrem Wege zu dem Riesen einen 
Ritter Ostentins li navarois, bei welchem sie übernachtet Sie er- 
zählt diesem, dafs sie von Ysaye komme, welcher in den nächsten 
Tagen nach dem chastel du hault hurt konmien werde. Da sagt 
ihr Ostentin, dafs er ebenfalls Ysaye suche, um an ihm den Tod 
seines Bruders Dumas le mordreur zu rächen. 

214. Ciaire bittet nun Ostentin, den Brief Ysayes zu dem 
Riesen zu tragen, da sie sich vor der maulvaise coustume fürchte. 

215. Am folgenden Morgen begiebt sich Ostentin zu dem 
Riesen, Namens Miriol, und giebt ihm den Brief. 

216. Hierin schreibt Ysaye, dafs er gedenke, ihn (Miriol) mit 
Gottes Hilfe zu besiegen. [Et jay pendu mon seel escript a Blamir 
Ian Vß et XIIII (6 1 4) estamps de Grasce et ou mois de may.] ^ 

217. Als Miriol den Brief gelesen hat, lacht er höhnisch. 

218. Ysaye, Oriant und Tronc fahren zu Schiff nach der 



* [] Zusatz in P, 



DER PROSAR0MA.N YSATE LE TRISTE, 2O5 

Bretagne, Dort erblicken sie einen grofsen Wald. Ysaji; erfährt 
auf sein Befragen von den SchifEileuten, dafs in diesem Walde 
der stärkste Ritter hause, Ysaye läfst hierauf ans Land fahren, er 
und Oriant steigen aus, während Tronc zurückbleibt, um die See- 
leute am Weiterfahren zu hindern. Ysaye und Oriant reiten in 
den Wald hinein und legen sich ermüdet unter einen Baum, Kaum 
haben sie sich gelegt, so werden sie durch grofsen Lärm geweckt 
und Ysaye sieht, wie ein berittener Mann ein chevreui verfolgt 
und tätet, 

2 ig. Yaaye und Oriant reiten nun diesem merkwürdigen Ritter 
die ganze Nacht hindurch nach. Da sie ihn aber nicht erreichen 
können, legen sie sich unter eine Tanne. Da aber kommt der 
Reiter wieder und verfolgt einen Wolf, der ein anderes Tier in 
seinem Maule hat 

220. Sie reiten ihm wieder nach, verirren sich aber In der 
Dunkelheit. Am hellen Morgen korumen sie an einen Felsen. 
Hier finden sie zu essen und zu trinken. An einem Baume er- 
blicken sie 20 Schilde, darunter einen, der auf goldenem Grunde 
mit einem halben Löwen bemalt war, Diesen Schild erkennt Oriant 
als denjenigen seines Vaters und glaubt, dafs sein Vater von dem 
hier wohnenden Ritter getötet sei. 

221. Wiihrend sich Ysaye und Oriant in Betrachtungen er- 
gehen, kommt Tronc herbeigelaufen mit dem Rufe helas. Ihm 
folgte der ehtva/ür di ¡a fönst. Dieser stürzt sich zunächst auf 
Oriant und schlägt diesen mit einem Hiebe nieder. Schwerer wird 
ihm der Kampf mit Ysaye. Beide Recken teilen gewaltige Hiebe 
aus, bis sie eine halbe Stunde lang bewufstlos hegen bleiben. 

222. Der Kampf entbrennt von neuem, schüefsüch aber müssen 
sie wegen allzugrofser Erschöpfung vom Kampfe ablassen. 

223. Tronc holt Moos und Blätter und heilt die Wunden 
Ysayes in zwei Tagen mit Wein. Nach dem Kampfe giebt sich 
der chevalier de la foresi zu erkennen. Er heifst Hector d'Orcanie. 
Er habe, so erisählt er, rait seiner ersten Frau einen Sohn gezeugt. 
Dieser sei aber zwei Jahre nach der Verheiratung mit der zweiten 
Frau ausgewandert. Er habe sich darauf aufgemacht, seinen Sohn 
wieder zu finden. 

224. Ein Jahr lang sei er gewandert, dann sei er in diesen 
Wald gekommen und habe mit einem Einsiedler lange Jahre zu- 
sammengelebt. Jetzt sei der Einsiedler abet gestorben. 

225. Hier fällt Oriant seinem Vater um den Hals und erzählt 
ihm dann, wie es ihm ergangen ist. Seine Stiefmutter habe ihn 
töten wollen, man habe ihn dann aber an Kaufleute von Argesille 
verkauft. Von hier sei er zum Könige von bellt marine geflohen, 
sei von da wieder aufgebrochen und habe seine Stiefmutter, die 
sich wieder verheiratet habe, wiedergesehen. Da dankt der Vater 
Criants Gott, küfst seinen Sohn und fìLllt ihm infolge des Blut- 
verlustes tot in die Arme. 

226. Ysaye und Oriant bL'sdiüefsen nun, Hector in eiuem 



206 ZEIDLERy 

Kloster zu begraben, und schicken Tronc behufs näherer Erkun- 
digung ab. Tronc wird von einem Ritter nach einem Kloster ge- 
wiesen. Dann meldet er das Resultat seiner Erkundig^g seinem 
Herrn. Sie legen nun den Leichnam auf ein Pferd und reiten 
nach dem Kloster. Auf dem Wege hierhin wirft Ysaye, der sehr 
geschwächt ist, den Ritter, dem Tronc begegnet war und der Ysaye 
herausforderte, vom Pferde. 

227. Im Kloster angekommen, lassen sie vigiles sprechen. 
Am folgenden Morgen, nach der Messe, begraben sie Hector. 
Tronc muís nun sämtliche Schilde, die Hector besessen hat, im 
Kloster aufhängen. Zu seinem grofsen Erstaunen gewahrt Ysaye 
unter den Mönchen seinen frère de ¡ait Driant, welcher vor Scham 
gar nicht zu sprechen wagt. 

22S. Ysaye erfahrt von ihm, dafs seine Mutter Bise auf dem 
chastel de belle garde wohne und die Frau eines reichen Ritters 
geworden sei. Dieu en soit loe, sagt Ysaye. 

229. Ysaye, Oriant und Tronc verlassen das Kloster, reiten 
an einem Schlofs vorbei und gelangen in einen Wald. Hier stofsen 
sie auf einen Trupp Reiter. Den Führer desselben, den König 
Estrahier de Sorlyon, läfst Ysaye durch Tronc zu einem Lanzen- 
kampfe herausfordern. 

230. Estrahier nimmt die Herausforderung an. 

231. Ysaye besiegt nun 11 Ritter. Unter diesen befinden sich 
Estrahier, Ysas le roux. Cadra, der Bruder Estrahiers, Vrinant, 
Moraint, sire du blanc isle. 

232. Ysaye besiegt Eduart, fils au conte de Noirhantonne 
(Northhampton). Oriant besiegt Romart du rouge isle, Alixandre 
le sage, Blanchandin des angles. Die besiegten Ritter begeben 
sich nun zu Fufs (die Pferde hatte ihnen Tronc abgenommen) 
nach dem Kloster, in welchem sich Driant befindet, und erfahren 
hier, dafs am vorhergehenden Tage zwei Ritter und ein Zwerg 
einen Toten in dem Kloster begraben hätten. 

233. Bald darauf erblicken Romart und Moraint ihre Schilde 
an der Wand und erkennen sofort in dem toten Ritter Hector 
d'Orcanie. Sie beschliefsen nun, Ysaye und Oriant sofort nach- 
zureiten. 

234. In kurzer Zeit erreichen sie Ysaye, Oriant und Tronc, 
und Estrahier erkundigt sich bei Oriant, ob er der Sohn Hectors 
sei. Auf Oriants Frage, weshalb er dieses zu wissen wünsche, er- 
klärt ihm Estrahier, er habe ihn schon drei Monate lang gesucht, 
um ihm die Krone von Orcanie anzubieten. 

235. Ysaye und Tronc verabschieden sich von Oriant und 
Estrahier. Estrahier krönt hierauf Oriant und erkundigt sich bei 
ihm, wer der tapfere Ritter gewesen sei. Oriant zählt nun Ysayes 
Thaten auf, wodurch Estrahier vollständig über den Begleiter 
Oriants unterrichtet ist 

236. Ysaye und Tronc gelangen nach Sarras und übernachten 
hier. Während des Abendessens fragt der Wirt, bei welchem Ysaye 



DER PROSAROSiAN YSAYE LE TRISTE, 20? 

übetnachtet, ob sie vielleicht von einem Ritler gehört batten, der 
gegen den Riesen Miriol, den Sohn Pincenarts le juif, kämpfen 
wolle, Ysaye erwidert ihm, dieser Ritter werde in zwei Tagen 
ankommen. 

237. Am folgenden Morgen reitet Vsaye weiter. Als er an 
den Fiufs, der bei Sarras vorbeiniefst, gelangt, bittet er einen 
Sdiiffer, das Pferd, auf welchem sein Page sitze, zum König Yrion 
zu bringen und der Nichte des Königs einen Grufs von dem Ritter 
zu übermitteln, der den Sieg im Turnier zwischen Miradir und 
Blamir davongetragen habe. Hierauf reitet er weiter und erblickt 
ein Schlofs, das auf einem Felsen liegt und von Wasser umflossen 
ist Am Rande des Wassers sieht er die Leichen zweier Frauen. 
Et erschrickt darüber und weifs nicht, was er denken soll. 

238. Von einem valel erfährt er, dafs der in dem Schlosse 
wohnende Riese die Frauen getötet habe. Dieses wäre seine eou- 
iume. Der Riese besitze die Kraft von zehn Männern. 

239. Der vaiti erzählt weiter. Als einmal der König Estrahier 
mit dem duc de Bretagne habe Krieg führen wollen, habe es ¡hm 
an tield gefehlt Da habe ihm der Riese 3000 Stück eslcrlings 
gelieben. Hierfür habe er das Schlofs von Estrahier erhallen. Die 
coustume habe er von seinem Vater, dem Juden Pincenart, dem 
Tristan von Leonois den Garaus gemacht habe. Kaum hat der 
Knappe dies erafiblt, da erscheint der Riese und ruft Ysaye zu: 
DtfendeS vous, varld. 

240. Es kommt zum Kampf. Der Riese unterliegt, und Ysaye 
schneidet ihm den Kopf ab. Den Kopf trägt Vsaye nach dem 
Schlosse und befiehlt den Leuten , denselben im ganzen Lande 
henimzatragen und den Frauen milïuleilen, dafs sie jetzt ruhig 
das Land passieren könnten. Ysaye und Tronc reiten weiter und 
gelangen nach einem Schlosse, welches den Brüdern Argus und 
Octes gehörte. Diese waren Sohne der Venisse, einer Schweser 
Ctaventors de l'outrageux passage. Von dem Siege Ysayes über 
Miroul hat Venisse bereits gehört und ist deshalb sehr erfreut, 
einen solchen tapferen Ritter beherbergen zu können. 

241. Nachdem Ysaye seine Waffen abgelegt hat, entblöfst 
einer der Bruder Ysayes Schild, der in Zeug eingehüllt ist, und 
erkennt sofort iti Ysaye den Mörder ihres Onkels. Diese Ent- 
deckung teilt er seiner Mutter mit. Während die Brüder die Ab- 
sicht haben, Vsaye zu ermorden, rät die Mutter, Y'saye in der 
Nacht gefangen zu nehmen und dann in den Kerker ku werfen, 
den Schild Ysayes aber als Siegeszeichen über der Thür des 
Schlosses aufzuhängen. 

242. Diesen Vorschlag nehmen die Brüder an. Sie überfallen 
Vsaye und kerkern ihn sowohl als Tronc ein. 

243. Vsaye kann sich nicht erklären, wie es möglich gewesen 
ist, ihn einzukerkern. 

244. Als Marthe eines Tages mit ihrem Onkel zusammen ist, 
wird ihr unwohl. Ihr Oheim verläfst sie und befiehlt ihr, sich zu 



^08 ZEIDLER, 

Bett zu legen. In Gegenwart ihrer Damen beklagt sie sich nun 
darüber, dafs Ysaye schon 8^2 Monate von ihr fort sei. Dann 
fällt sie in Ohnmacht. 

245. Yrion sitzt in seinem Zimmer. Da verdunkelt sich die 
Sonne und eine Stimme ruil zwei- bis dreimal ganz laut: Lenfant 
est ne qui ja nara peur. Yrion erschrickt und fragt seine Weisen, 
was dieser Ruf zu bedeuten habe. 

246. Da tritt ein Fräulein in sein Zimmer und sagt ihm: 
Sire Roy, votre niepce Marthe est accoiuhee dun enfant. 

247. Yrion geht in Marthes Kammer und als er von einem 
Fräulein hört, dafs der Knabe von dem Ritter au hlanc escu a lepee 
vermeille stammt, ist er im höchsten Grade erfreut. 

248. Da erscheint der Schiffer aus Sarras (§ 237) und über- 
reicht Yrion das Pferd. Der König ist sehr erfreut und schenkt 
dem Schiffer vier hesans d^or und ein Pferd. 

249. Hierauf tritt ein Ritter Yrions, Namens Marc, ein und 
bittet um die Ehre, den Knaben erziehen zu dürfen. Diese Bitte 
wird ihm gewährt. Nach ihm wird der Knabe Marc genannt. 

250. Ysaye klagt Tronc sein Leid im Kerker. Tronc aber 
tröstet ihn und hofft, noch Mittel und Wege zu ihrer Befreiung 
zu finden. 

251. Ein Diener bringt ihnen Wasser und Brot und ver- 
höhnt sie. 

252. Argus erscheint nun an der Kerkerthür und fordert 
Ysaye auf, gegen die beiden Brüder zu kämpfen. Würde er siegen, 
so sollte ihm die Freiheit zu teil werden, im andern Falle der 
Tod. Ysaye fleht nun Gott um Hilfe an. Er tritt in den Saal, 
und da er sehr geschwächt ist, bittet er um Speise und Trank, 
erhält aber nichts. 

253. Ysaye verläfst den Saal und besteigt sein Pferd. Er 
bittet Tronc, hinter ihm aufs Pferd zu steigen und ihn während 
des Kampfes zu halten. 

254. Ein Ritter kommt herbei und fragt Ysaye, ob er krank 
sei. Ysaye erzählt ihm nun, wie er gefangen genommen und wie 
er behandelt worden ist. 

255. Wütend eilt der Ritter in den Saal, wirft den Brüdern 
ihre Feigheit vor und erbietet sich, für Ysaye zu kämpfen. Er 
zieht sein Schwert und schlägt Argus zu Boden, 

256. Octes stürzt nun auf den fremden Ritter. Auch Argus 
rafft sich wieder auf, erhält aber einen Hieb in die Brust bis auf 
die Leber. Der fremde Ritter schlägt dann Octes den Kopf ab. 
Als die Mutter ihre beiden Söhne tot liegen sieht, heult sie laut. 
Der Ritter aber packt sie bei den Haaren und bedroht sie mit 
dem Tode. Hierauf verkündet der Ritter seinen Erfolg Ysaye und 
giebt sich diesem als Yreult de Fisle estrange zu erkennen (§ 169). 

257. Ysaye, Yreult und Tronc begeben sich in das Schlofs. 
Auf Ysayes Frage, was er mit Venisse, dem Kerkermeister u. s. w. 
thun solle, erwidert Tronc, man solle sie einkerkern. 



DER PROSAKOMAN YSAYE LE TRISTE. 20g 

258. Dieser Vorschlag findet Beifall und wird von Yreult aus- 
geführt Dann wird Ysaye gepñegt. 

259. Vier Wochen nach dieser Affaire erscheint Ciaire, die 
verbannte Gattin des so/ sage. Vor Ysaye geführt, bereut sie alle 
ihre Thaten und bittet diesen, ihr zu gestatten, zum so/ sage zurück- 
kehren zu dürfen. Ysaye erlaubt ihr dies und giebt ihr einen 
Brief mit. Ciaire kehrt nun zu ihrem Gatten zurück, der sich 
sehr über Ysayes Brief freut. 

260. Marthe beklagt sich über Ysayes Fembleiben. Sie weint 
und schreibt einen lay. 

Lied 2. Je vueil faire un joly lay 
pour lamour de mon amy 

Lyray querant si jay tant vye. 

261. Marthe liest ihr Gedicht laut vor. Dann nimmt sie ihren 
Sohn, küfst ihn, sagt ihm, sie müsse ihn jetzt verlassen und nennt 
ihn [Marc] essiliet. Darauf rüstet sie sich zur Reise und verläfst 
in später Stunde den Palast Yrions. Sie reitet zu einem Bürger 
und erhält Einlafs. 

262. Auf die Frage der bourgeoise, weshalb sie in so später 
Stunde komme, antwortet sie, sie habe mit ihrem Onkel einen 
Streit gehabt. 

263. Die Flucht Marthes wird sofort bemerkt, und es werden 
Reiter zu ihrer Verfolgung ausgeschickt. 

264. Eines Tages verlassen Ysaye und Yreult ihren neuen 
Wohnsitz, um in den Wald zu reiten. Tronc wird zur Bewachung 
des Schlosses zurückgelassen. Kaum haben sich Ysaye und Yreult 
entfernt, als zwei Ritter vor dem Schlosse erscheinen und nach 
Argus und Octes verlangen. Die beiden Ritter heifsen Ardant 
d'Acre und Perceval le noir. Tronc sagt ihnen, er ofíhe ihnen 
nicht, sie möchten vielmehr den beiden Rittern nachreiten, die 
soeben das Schlofs verlassen hätten. 

265. Sie reiten nun Ysaye und Yreult nach und fordern sie 
zum Kampfe heraus. Ysaye tötet Perceval, Yreult kämpft gegen 
Ardant. 

2 66. Der Kampf zwischen Yreult und Ardant bleibt unent- 
schieden. Auf Ysayes Vorschlag hin geben sie den Kampf auf. 
Yreult ist ganz erschöpft und mufs zwei Jahre warten, um seine 
Wunden zu heilen. 

267. Nach geraumer Zeit verläfst Marthe das Haus des Bür- 
gers in der Kleidung eines escuyer. Bei Blamir begegnet sie einem 
Ritter, der sich mit ihr in ein Gespräch einläfst Auf seine Fragen 
erklärt sie ihm, dafs sie nach Clermoustier zum Ritter Hergault 
wolle, den sie aus dem Turnier zwischen Miradir und Blamir kenne. 
Da sagt ihr der Ritter, diesem Turnier habe auch ein tüchtiger 
Ritter beigewohnt, der einen silbernen Schild mit rotem Schwerte 
getragen habe. 

Zeitschr. f. rom. PhiL XX Vj I^ 



2 to ZEIDLER, 

268. Als der Ritter ihren Geliebten erwähnt, weint Marthe, 
und als er nach dem Grunde ihres Weinens fragt, sagt sie, ihres 
toten Vaters wegen. Dann fragt der Ritter sie nach ihrem Stande. 
Jongleur, war Marthes Antwort. So reiten sie bis Clermoustier. 
Der Ritter Ostentin de lisle, ein guter Freund Hergaults, findet 
diesen bei Tisch. Auf Hergos Frage, ob er allein gekommen sei, 
sagt er, er sei in Begleitung eines vienesirel gekommen. Dieser 
(Marthe) wird geholt und spielt so schön auf seiner Harfe, dafs 
alle Ritter und Damen im Saale vergessen zu speisen. Das Lied, 
welches Marthe dazu singt, handelt von einem Mädchen, das ihren 
Geliebten Ysaye le tristre sucht 

269. Hergo fragt nun, wer das schöne Gedicht verfafst habe, 
worauf Marthe ihm erwidert: Marthe, die Nichte des Königs Yrion, 
auf ihren Freund Ysaye le triste. Hergo bittet nun den ménestrel, 
bei ihm zu bleiben. Er aber erwidert, sein Weg führe zum König 
Fstrahier von Sorlion, der nach ihm verlangt habe. Reich be- 
schenkt verläfst der tnenesirel am folgenden Morgen Clermoustier 
und kommt zur „Burg**. Hier bleibt er drei Monate, dann fahrt 
er auf einem Schiff nach Sorlion. Als der Schiffsherr Geld von 
ihm verlangt, nimt er seine Harfe und singt: 

Lied 3. Je sui en mer pour querré 
Celly que voel amer. 

270. Solchen schönen Gesang haben die Schiffer noch nie 
gehört. Das Schiff fahrt ab. Unterwegs erhebt sich ein Sturm, 
der mefiestrel wird ohnmächtig. Die Schiffer beschliefsen, ihn zu 
plündern und ins Meer zu werfen. Sie entkleiden ihn und ent- 
decken, dafs sie es mit einer Frau zu thun haben. Als Marthe 
sieht, dafs sie erkannt ist, stöfst sie mit dem Kopf gegen die 
Schifiswand, so dafs ihr das Blut aus der Nase strömt Die 
Schiffer geben ihr nun die Kleider zurück. Auf die Frage des 
Schiffsherm, weshalb sie die Kleider gewechselt habe, erklärt sie, 
sie werde es ihm später erzählen. Unterdessen ist das Schiff in 
la haulte Bretagne angekommen. 

271. Nun erzählt Marthe auf Verlangen des Schiffsherm, sie 
heifse Betris und habe früher einmal eine gefahrliche Krankheit 
gehabt. Infolge dieser Krankheit sei sie gezwungen worden, Manns- 
kleider zu tragen. 

272. Der Schiffsherr ist sehr ärgerlich und sagt Marthe, wenn 
er gewufst hätte, dafs sie eine solche Krankheit besessen hätte, so 
hätte er sie nicht aufs Schiff genommen. Marthe verläfst nun das 
Schiff samt ihrem Pferde und reitet singend in den Wald. Sie 
freut sich, dafs sie entschlüpft ist 

Lied 4. Refrain : II ne men cault de meschief. 

273. Als sie ihre chanson beendet hat, erscheint ein Ritter 
und lädt sie, die immer noch als ménestrel verkleidet ist, ein, bei 
ihm zu bleiben, um ihn und seine dame zu unterhalten. Martha 



DBR PROSUlOUATf TSATR LE TRISTE, 



211 



willigt ein. Sie kommen en ¡a Unie, wo sich die schönste Dame 
der Welt befindet. Ihr singt Marthe eine Chansonette vor: 

Lied 5. Jayme che que doy amer. 

274. Die Dame findet Gefallen an dem ménestrel und bittet 
ihn, drei Wochen bei ihr zu bleiben. Nach acht Tagen gesteht 
sie ihm ihre Liebe, Der menestra Marthe geht darauf ein: ta 
volonte seil la myenne, und erzählt der Dame, er stamme aus Blamir. 
Sein Vater sei Kaufmann in Clermont in Barcaire, Er habe drei 
Brüder, die über 33 Jahre alt seien. Er selbst sei 30 Jahre alt 
Das glaubt aber die Dame Sänne nicht, weil der ménestrel keinen 
Bart hat. Infolge dieser Lüge wird der ménestrel eotlassen. Marthe 
reitet nun weiter. Am Ende des Waldes angekommen, erblickt 
sie ein Schlofs, Sie zieht nan ihr Frauenkleid an und reitet nach 
dem Schlofs, Dort erblickt sie einen Ritter, es ist Ysaye, und ruft 
ihm zu. Ysaye, der sie nicht bemerkt, geht vom Fensler fort. 
Tronc fragt Ysaye, ob er öfi&ien soll, eine jongltresse begehre Ein- 
tritt. Ysaye erlaubt dies. Tronc führt sie zu Vreiilt, der noch 
immer krank isL Sie erhebt ihre Harfe und singt einen lay, 

Lied 6. 
In diesem klagt sie über ihren treulosen Geliebten, der sie ge- 
schändet und verlassen habe. Je suis riche femme a pooir, 

275. Ysaye ist über den lay erstaunt Auf seine Frage, von 
wem das Lied stamme, antwortet Marthe, sie habe es von der 
Nichte Yrions gehört, die jetzt ausgezogen sei, um ihren GeUeblen 
zu suchen. Marthe erkennt Ysaye nicht, wohl aber Tronc und 
fragt diesen, warum er nicht mehr Lei seinem Herrn sei. Tronc 
antwortet, sein Herr sei in St. Jacques en Galisse gewesen und sei 
jetzt zum König Estrahier von Sorlion aufgebrochen. Tronc belögt 
Marthe, da er sie erkannt hat, denn er hat Grund zur Lüge et 
bien le scavee selûng che que le livre le devise chy devant. {§ iQi), 

276. Tronc erzählt ihr weiter, er sei seinem Herrn nicht ge- 
folgt, weil er einen kranken Ritter zu pflegen habe. Dann bittet 
er Marthe, sie möge zum König von Sorlion gehen. Dort werde 
sie gut aufgenommen , da sie mit ihrer Harfe die Tochter des 
Königs, die dieser wegen ihrer Schönheit gefangen halte, er- 
freuen könne. 

277. Tronc giebt Marthe zu essen. Als sie sich schlafen ge- 
legt hat, fragt Ysaye Tronc, wer diese jonglertsse sei. Die Tochter 
eines Schneiders des Königs Yrion. Ysaye beauftragt nun Tronc, 
ihr zu sagen, sie möchte ihm sofort Nachricht bringen, wenn sie 
etwas von Marthe erfahre. Am folgenden Morgen bricht Marthe 
auf und erreicht in der Nacht das Schlofs Ardants d'Acre, erhält 
aber keinen Eintritt. 

278. Sie reitet noch mehrere Tage hindurch, bis sie nach 
Sorlion gelangt Hier erhält sie von Estrahier die Erlaubnis, ihre 
neuen lays und chansons vortragen zu dürfen. Während des 
Essens singt sie: Ein Mädchen sucht ihren Geliebten, 

Lied 7. Rerrain: Müs celles je ne pourroye. 



2 1 2 ZEIDLEK, 

279. Der König fragt sie nach dem Verfasser des Gedichtes. 
Marthe, die Nichte des Königs Yrion, habe den lay gedichtet um 
ihres Geliebten Ysaye le triste willen. Marthe erkundigt sich nun 
beim König, ob Ysaye, den sie zu sprechen wünsche, nicht bei 
ihm weile. Als Estrahier ihre Frage verneint, bittet sie ihn, sie 
so lange Zeit in Sorlion zu bewirten, bis er ankomme. Estrahier 
gestattet ihr dies gern, bittet Marthe aber, seiner Tochter Gesell- 
schaft zu leisten. Von vier Rittern und der Schwester des Köm'gs, 
der Königin von Schottland, begleitet, wird Marthe in den Turm 
geführt. 

280. Die Königin stellt nun ihrer Nichte Yvoire Marthe als 
die schönste Sängerin der Welt vor. Yvoire bedankt sich. Die 
Königin verläfst hierauf die Zelle. Marthe giebt sich Yvoire gegen- 
über als Chrestienne aus. Marthe singt: 

Lied 8. Jay par maintes fois chante 
plus aise que je ne soye. 

281 — 5. Marthe und Yvoire klagen einander ihr Leid. Beide 
lieben unglücklich, und Marthe sagt: plus atme on for i, plus est 
on soi, 

286. Alle, die aufserhalb des Kerkers die Worte Marthes 
hören, sind über ihre Klugheit erstaunt. 

287. Als Ardant d'Acre noch krank zu Bett liegt, erscheint 
sein cousin germain Elias und läfst sich den Kampf Ardants und 
Percevais mit Ysaye und Yreult erzählen. Darauf entfernt er sich, 
ohne ein Wort zu sagen. 

288. Er holt eine Anzahl Armbrust- und Bogenschützen her- 
bei und zieht gegen Ysayes Schlofs, das sich inzwischen um drei 
Insassen vermehrt hat, denn Ysaye hatte drei rihauUs aufgenonmien. 

289. Ysaye, Tronc und die drei rihaulis verteidigen das 
Schlofs. Wegen ihrer Tapferkeit schlägt Ysaye die drei rihaulis 
zu Rittern. 

2QO. Nun machen die rihaulis einen Ausfall. Sie dringen 
siegreich vor, bis schliefslich der eine von ihnen getötet und ein 
zweiter schwer verwundet wird. Da eilt Ysaye ihnen zu Hilfe und 
schlägt die Feinde zurück. Nur mit grofser Mühe entflieht Elias. 

291. Elias eilt zu Ardant und teilt diesem den Verlauf des 
Kampfes mit. Da erklärt ihm Ardant, an seiner Niederlage sei 
nur der Zwerg Ysayes Schuld. Dieser trage auch die Schuld an 
Percevais Tode, da er ihm geraten habe, gegen Ysaye zu kämpfen. 

292. Am folgenden Morgen macht sich Elias wieder auf den 
Weg nach dem Schlosse Ysayes, dieses Mal aber als armer Maim 
gekleidet. Kurz vor dem Schlosse bindet er sein Pferd an einen 
Baum und geht nach dem Schlosse. Hier wirft er sich zur Erde 
und fängt an, laut zu klagen. Tronc geht zu ihm und fragt ihn, 
was ihm fehle. Da sagt ihm Elias, seine Frau liege in der Nähe 
und gebäre gerade ein Kind, Tronc möge mitkommen und sie 
holen. Tronc geht nun mit Elias. Sobald sie aber aufser Sicht 



DER PROSAROMAN YSAYE IE TRISTE. 



213 



des Schlosses sind, nimmt Elias den Zwerg unter den Arm, be- 
steigt sein Pferd und reitet zu Ardant 

293. Ysaye bemerkt bald das Fehlen Troncs. 

294. Zwei Tage lang klagt er über seinen Pagen. Dann ver- 
traut er sein Scblofs der Obhut des immer noch kranken Yreult 
und der zwei rihauUs an und macht sich auf, Tronc zu suchen, 

295. Marc wächst auf. Er wird ein übermütiger Junge. In 
der Küche zerbricht er die Töpfe und schüttet die Speisen aus. 
Einen Neffen des Königs wirft er in einen Brunnen. Um ihn an 
weiteren Ausschreitungen zu hiodern, läfst ihn Yrion in einem 
Turm einsperren. 

296. Dieses hilft aber nichts. Denn als ihn Yrion einmal 
besuchen will, wirft er ihm einen Topf mit Wasser auf den Kopf. 
Er wird nun in ein Zimmer gebracht, das nach der Strafse ge- 
legen ist. Hier aber wirft er seine Kleider auf die Slrafse, so dafs 
man ihn oft ganz nackt antrifft. Nun wird Marc in einen anderen 
Turm gebracht, wo er 14 Jahre bleibt 

297. Ein Jahr ist es her, seitdem Ysaye sein Schlofs verlassen 
hat. In vollständig heruntergekommenem und blödsinnigem Zu- 
stande an einem Brunnen in der lande verte sitzend, findet ihn ein 
Ritter Barut le breton. Dieser fragt Ysaye, ob er wisse, wie die 
sechs Ritter hiefsen, die soeben vorbeigezogen seien, worauf Ysaye 
erwidert, der Ritter solle ihm lieber ein Stück Brot geben. Ein 
anderer Ritter, Condely d'Arbise, erscheint und kämpft mit Barut. 
Nach dem Kampfe erfahrt Barut von Condely die Namen der 
soeben erwähnten sechs Ritter: tlergault, le desorreillé de la Joy. 
Garde, Menet le mecogneu, Paumart le vermeil, le sot sage, Titos 
de l'ombre (cousin germain a Hergo). 

298. Barut erfährt weiter, dafs diese sechs Ritter von Yrion 
ausgeschickt seien, um Ysaye le triste zu suchen, und dafs sie in 
näcister Woche nach Blamir zurückkehren würden, um über ihren 
Erfolg zu berichten. 

299. Eines Tages vernehmen die ribaulls aus den Kerkern 
des Schlosses Klagen. Schnell erkundigen sie sich bei Vreult und 
erfahren, dafs diese Leute Ysaye haben meuchlings ermorden wollen. 
Da öffnen die rihaulls die Kerkerthüren nnd schlagen den Ge- 
fangenen die Köpfe ab. 

300. Estrahier veranstaltet ein grofses Fest und lädt viele 
Ritter dazu ein. Unter diesen befindet sich auch Barut. Barut 
begiebt sich in Begleitung Ysayes nach Sorlion. Am ersten Abend 
ihrer Reise kehren sie bei Yreult ein. 

301. Yreult erzählt nun Barut, wie Ysaye und er in den 
Besitz des Schlosses gekommen sind. Da Ysaye während des Ge- 
spräches sich komisch gebärdet, fragt Yreult Barut, was für einen 
Narren er mit sich führe, und lacht über Ysaye, 

30z. Ysaye verbringt die Nacht auf dem Hofe. 
303. Ysayes Pferd erkennt seinen Herrn wieder. Es wiehert 
und versucht die Thflr des Stalles aufzubrechen. Als ein Stall- 



214 ZEIDLER, DER PROSAROMAN YSAYE LE TRISTE, 

knecht {ribault) am folgenden Morgen die Thür ofínet, ergreift 
das Pferd die Flucht 

304. Der ribault will nun das Pferd wieder einfangen, kehrt 
aber unverrichteter Sache wieder zurück. Er verhehlt die Flucht 
des Pferdes einen Monat hindurch dem Yreult, dann aber erzählt 
er ihm davon, worüber Yreult sehr ärgerlich ist. 

305. Barut und Ysaye kommen in Sorlion an, woselbst Ysaye 
wegen seiner zerlumpten Kleidung von den Kindern geneckt wird. 
Am Hofe Estrahiers finden Turniere statt. Am dritten Tage nach 
der Ankunft Baruts findet eine quintaine statt. Dem Sieger wird 
ein Pferd als Preis versprochen. Kein Ritter bringt das Waflfen- 
kimststück fertig. Da bittet Ysaye seinen Herrn Barut, sich an 
dem Wettbewerb beteiligen zu dürfen. Ysaye erhält die Erlaubnis 
und übertrifft alle Ritter. Da fragt ihn der König nach seinem 
Namen. Jehan nenne man ihn, sagt Ysaye. Obwohl der König 
ihn für sot hält, gestattet er ihm doch, an der Tafel teilzunehmen. 
Hier wird er der Yvoire und Marthe vorgestellt. Marthe erkennt 
ihn aber nicht. 

306. Eines Tages findet der Küchenmeister Ysaye schlafend 
in der Küche. Wütend hierüber verbrennt er Ysaye den Bart 
Ysaye aber ergreift ihn und wirft ihn samt drei anderen Köchen 
ins Feuer. Als der König von dieser That Ysayes hört, ist er zu- 
nächst sehr erregt. Nachdem er aber den Sachverhalt gehört hat, 
lobt er Ysaye. Seit dieser Affaire wagte es niemand, Ysaye irgend 
welches Leid zuzufügen. 

307. Hergault kehrt mit seinen Genossen nach Blamir zurück 
und erstattet dem König Yrion Bericht über seine erfolglose Reise. 
Vor Gram wird nun Yrion 17 Jahre lang krank. 

308. Yrion ist alt und schwach. Er läfst Marc zu sich kommen. 
Ein Ritter, der Marc holen soll, giebt diesem gute Ratschläge: 
Amyj il faut que soyez dautre condition que vous navez este et que 
vous soyez humble, de bonnayre, patient aux pauvres, cruel aux ennemysy 
honnorez ceulx qui sont a honnorer, amez vos amy s, allez volontiers a 
leglise u. s. w. 

309. Marc erscheint vor Yrion. Vous me demandez, que vous 
fault il? 

310. Yrion übergiebt ihm nun die Verwaltung des König- 
reiches. Marc verspricht ihm, ein tüchtiger Mann zu werden. Die 
erste That ist nun, ein Turnier zu veranstalten. Er schickt zu 
diesem Zwecke sechs Boten aus, welche in Armuse, Murtoire, Dor- 
malie, Sorlion, Bretaigne und Allemaigne die Ritter zum Turnier 
einladen. 

(Fortsetzung folgt.) 

Zeidler. 



Etudes sur la poésie burlesque française de la Benaissance. 

(Suite.) 

Attaques personnelles. 

Si la poésie burlesque en veut surtout aux femmes, elle 
n'épargne pas pour cela les honmies. Je ne parle pas ici des 
pièces composées contre le sexe fort, appartenant en propre à la 
satire; nous retrouvons là une sorte de réaction ou de vengeance 
des femmes ou de ceux qui en entreprirent la défense.^ La poésie 



^ Cette sorte de réaction commence au XVI« siècle. Mademoiselle de 
Romieu (Pans, 1581) composa son „bnef discours sur l'excellence de la 
femme", se proposant de démontrer comment elle „surpasse celle de Thomme". 
Elle a recours pour sa thèse à la Bible, à la vierge Camille, à Sèmiramis et 
aux Amazones même et n'oublie pas non plus „de Phriné le courage notable". 
Les femmes Tont emporté sur les hommes en toutes les époques, mais c'est 
surtout en Italie, ou elles brillent d'une vive lumière: 

„Si l'Itale vouloit les siennes estaler 
Si brave ne seroit qui s'osast esgaler." 

Au commencement du XVIIe siècle, Isaac de Ryer, si cette pièce appar- 
tient bien à lui (cfr. Le temps perdu et les gayetés, Paris, 1624), composa une 
Response aux espines du mariage (probablement celles de Jean Philippe Vario, 
Paris, 1604), où il se demande ce que l'homme dé viendrait, sans le mariage. 
C'est la femme, qui donne la naissance à l'homme et c'est par le mariage 
que celui-ci devient „subtil et caut". Le mariage a aussi le mérite de dompter 
les caractères les plus fíers et rien ne saurait égaler le bonheur de celui qui 
possède une femme de bien. Si parfois il arrive que la femme enfreint les lois 
de la fidélité, c'est que le mari manque, le premier, à ses devoirs. M^ne Lie- 
bault, répondant à ce qu'il paraît aux stances de Desportes, envisage la 
question sous un autre point de vue. Elle combat le mariage, la source dit- 
elle de toutes les misères de la femme, ce qui ne devait pas trop flatter 
Tamour-propre de son mari. 

Enfín Regnard, dans sa poésie sur le mariage, entreprit la défense de 
cette institution, se tenant dans un juste milieu sans outrer les louanges du 
beau sexe et donnant aux maris ces conseils remplis de bon sens: 

„Pour être heureux époux, soyez toujours amant; 

Que bien plus que le sacrement. 

L'amour à jamais vous unisse; 

Et pour faire durer le plaisir entre vous. 

Que ce soit l'amant qui jouisse 

De tout ce qu'on doit à l'époux." 

Plus tard, dans les pièces de Gacon (œuvres, Cologne, 1696), on trouve une 
satire contre les maris, où l'auteur prétend s'opposer à son adversaire, Boileau, 
et à ce qu'il écrivit contre le beau sexe. 



220 P. TOLDO, 

burlesque s'en prend plutôt à certains hommes, qui se trouvent 
dans des conditions particulières, aux pédants, aux courtisans,^ 
aux ivrognes, aux bouffons, et aux poètes eux-mêmes. De là une 
foule d*épigrammes enjouées, de descriptions plaisantes et d'épi- 
taphes souvent très cyniques. 



^ Je laisse de côté la poésie pèdantesque, formant un genre à part, où 
rinspiration italienne me parait évidente. Pour ce qui est des courtisans, on 
composa contre eux de véritables satires, où l'imitation italienne n'y a presque 
rien à voir bien qu'on ait combattu cette engeance, dans la Péninsule, avec 
beaucoup d'acharnement. On peut voir, entre autres choses, ce qu'en dit 
Pandolfo Collenuccio, dans son Spacchio d* Esopo, le Cammelli, dans ses vers, 
l'Arétin, dans sa Cortigiana et le Caporali dans sa Corte» Je rappelle, en 
passant, l'ode de Ronsard (26« du III livre), les sonnets de Joachim du Bellay 
adressés à Ronsard, à Bizet, à Belleau et à tous ses amis vivant à la cour, 
la description de ce gentilhomme, qui 

„. . . fait de l'amoureux, mais c'est comme je croy 
Pour couvrir le soupçon de quelque plus grand vice", 

aussi bien que les Regrets, où Du Bellay combat ces vieux singes „contre- 
faisant les Rois". N'oublions pas non plus son poète courtisan , le courtisan 
retiré de Jean de la Taille, les satires de Vauquelin de la Fresnaye, dont 
l'imitation italienne a été étudiée par M»" Joseph Vianey, (cfr. Revue des Uni- 
versités du midi, 1895 P« 386 — 400) et toutes les pièces dirigées contre les 
mignons, depuis Visle des Hermaphrodites, due à la plume d'Artus Thomas 
sieur d'Embry, jusqu'au recueil general du Cabinet du roy de France (éd. 1581), 
renfermant les indignitez de la Cour, les blasons de la Court, les contre- 
veritez de la Cour, pièce dirigée contre le maréchal d'Ancre, le catéchisme 
des courtisans etc. Jean de la Jessée (Œuvres, Anvers, 1583) dédia lui aussi 
plusieurs compositions en vers à ce sujet, imitant de près Du Bellay et 
Agrippa d'Aubigné, dans ses Tragiques, aussi bien que dans les Aventures 
du baron de Faeneste, fait sentir aux courtisans ses griffes de lion. 

Au commencement du XVII« siècle, ce genre de satire paraît acquérir 
une force nouvelle. On n'a qu'à ouvrir le Cabinet satirique pour voir ce 
que Sigognes, Berlhelot et les autres ont écrit là-dessus. Rappelons aussi 
les satires du sieur Annibal de l'Ortigue contre les cours de l'Europe. Le 
cadet Angoulcvent, s'en prend, à son tour, à un courtisan, qui lui a volé 
l'amour de Margot et Dulorens, toujours à la même époque, assaille les petits 
tyrans, vivant à la campagne, dont les libéralités „sont des coups de bastón". 
Les mignons de la Cour qui font „trafic de la cajolerie" ne sont pas moins 
en butte à son ressentiment. Personne ne saurait faire sa fortune au Louvre, 
sans suivre toute sorte de vices et il en exclue: 

„Qui n'est poudré, musqué, qui n'est pront au devis 
Qui à gauche ou à droite ne donne des advis. 
Qui n'aide à tost mourir à la France mourante; 
Qui ne sçait comme on met un pucelage en vente." 

Théophile Viaud, dans sa requeste au roi, se moque des gentilhommes, qui 
lui tournèrent le dos, au moment où il tomba en disgrace de son prince. 

Plusieurs de ces pièces parurent, pour des raisons très faciles à com- 
prendre, sous le voile de l'anonyme. Telle est, par exemple, celle portant 
la titre du Corbeau de la Cour, un corbeau se parant des plumes arrachées 
au peuple, le Tableau des ambitieux de la Cour, tracé „du pinceau de la 
vérité par maistre Guillaume à son retour de l'autre monde", ce qui serait 
arrivé en 1622. Le Parnasse des poètes satyriques renferme aussi plusieurs 
pièces touchant ce sujet, au nombre desquelles il faut faire une place à part aux 
visions d^ Aristar que, d'une violence extrême, aux visions de la Cour en suite 
de celles d* Aristar que et à Y Ambition d*un courtisan. On peut consulter 
aussi Vespadon satyrique du sieur d'Esternod, le „discours des abus de la 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 21J 

Pour les épitaphes burlesques en Italie, je n'ai qu'à renvoyer 

le lecteur à celle du Machiavel sur la mort de Pierre Soderin, et 

avant lui aux sonnets du Pistoia^ et à ceux de la plupart de ses 

contemporains. Le Lasca nous fait voir les muses pleurant en 

grec, en latin et en vulgaire, la mort de Ser Fruosino „il fior 

d* ogni pedante": il se moque entre autres de Giovanbattista Gelli, 

qui, de son vivant: 

,,Fu tenuta filosofo morale, 

Da quei che fanno i beccafìchi lessi, 
d'Alfonso de* Pazzi: 

„il quale 
Vivendo non fu uomo, né animale, 
Or morto non si sa quel eh' ei si sia", 

de Tasso menuisier, du Certaldo, d'un certain messer Fantini, de 
Visino Mereiaio, qui 

„Malo per burla e mori da dovero" 

et de beaucoup d'autres. Dans la seconde moitié du seizième 
siècle, Curzio da Marignolle^ paraît se distinguer dans ce genre 
et tout le monde rappelle Tépitaphe suivante, qu'il dédia à Raf- 
faello Navesi: 

„Il re degli spioni e marioli 

Qui giace morto, che per testamento 
Lasciò di far la spia a' soi figliuoli." 

En France les testaments et les épitaphes burlesques sont à l'ordre 
du jour. Nous avons tout d'abord ceux de Marot, ensuite Pierre 
le Loyer Angevin se moque de la mort d'un certain Janicot, et 
Motin, Sigognes et toute la joyeuse bande des contemporains de 
Régnier composent à l'envi une foule de plaisanteries de ce genre. 
Je cite au hasard le tes/amen/ d*un vérole dû à la plume de Si- 



France'* du sieur Auvray et ses „visions de Polidor en la dté de Nisance" 
(cfr. Le banquet des Muses, Rouen, 1623). Enfin Courval Sonnet, dans son 
Gentilhomme (cfr. Les exercices de ce temps), s'en prend à ceux qui à la cour 
ont appris à „flatter, mentir, dissimuler**, n'ayant pour toute science que l'art de 

„Guérir la gale à quelque chien courant.** 

Isaac du Ryer dans son Temps perdu, chanta, les louanges et les maux de 
la cour, se proposant de démontrer ce que l'on y trouve de bon et de mauvais, 
mais sa conclusion est toutefois pessimiste. Il faut s'arrêter à ce point, c'est-à- 
dire à la fin de la Fronde, pour retrouver, dans ce genre de satire, quelque 
chose de vraiment original, correspondant aux sentiments de l'époque. On 
entendra ensuite encore des plaintes plus ou moins vives contre la cour, ne 
sachant pas assez priser les beaux esprits, mais ce seront des épanchements 
des écrivains médiocres rongés par l'envie, auxquels il est interdit de con- 
templer de près la majesté de Louis XIV« et la splendeur de sa cour. 
Molière, Boileau, Racine, tous les esprits distingués du XVII« siècle, savent 
désormais que c'est au Louvre qu'ils recevront le prix dû à leur génie et les 
marquis ridicules devront courber leur tète, devant le plus grand poète co- 
mique de la France. 

* éd. Renier, 79, 83, 84, 85, etc. 

' Disp. CLXIII de la Scelta di curiosità letteraria. 



2 1 8 p. TOLDO, 

gognes, la poésie sur le trespas (Tune des plus fameuses macquerelles 
de la cour, où Motin peut donner libre essor à sa licence de lan- 
gage et le iestameni d^une jeune courtisane d'un auteur anonyme» 
se trouvant au milieu d'autres compositions semblables. Ensuite 
dans le Cabinet satirique (éd. Gaud -Paris, 1859 — 60), on voit pa- 
raître Vépitaphe de Caboche excellent portefaix insérée dans les satires 
bastardes du Cadet Angoulevent (Paris, 1615), suivie par d'autres 
poésies sur ce thème lugubre; rappelons enfin le tombeau d^Angou' 
lèvent du sieur Auvray, renfermant des inspirations tirées de Rabe- 
lais et où il est question d'un maquereux de la pire espèce. Le 
tombeau de Marion, du même auteur, commence: 

„Cy gist pleine d'infection, 
La maquerelle Manon." 

Uépitaphe cynique, où l'on rit aux éclats sur un tombeau encore 
béant, n'a rien qui puisse nous intéresser. Il suffit d'en constater 
l'existence. 

Enfin, pour exciter les rires, les contemporains de Régnier 
et ses imitateurs, nous présentent une foule de combats burlesques. 
Outre celui bien connu de Bergerac contre un singe, je rappelle 
le Combat de Régnier et de Berthelot, par un anonyme, ceux 
des courtisans, des Ursine et des Perrette, dont nous venons de 
parler et le grand et périlleux combat de quatre courtisans dû à la 
plume d'un anonyme, qui fait descendre du ciel le dieu Mars, 
pour séparer ces „gentils hermaphrodites". Parfois ces combats 
ne sont que des allégories très froides. Telle est, par exemple, 
celle que l'on composa en prose, au commencement du XVII^ siècle, 
sur „le grand et fameux combat sur la place de la poitrine, avec 
le general Rhuma, le colonel Brouillard, le capitaine Vent Coulis, 
le comte de Catharre et le marquis de Fluxion". 

Dans ces luttes plus ou moins plaisantes, les poètes, les 
ivrognes, les courtisans et les femmes perdues s'injurient, en em- 
pruntant le langage des halles, viennent aux mains, se battent, 
s'égratignent et la vulgarité triomphe, traînant les Muses dans 
la boue. 

On s'amusait aussi en Italie à d'autres plaisanteries d'un goût 
plus ou moins douteux. Les poètes étalaient, avec une gaieté évi- 
demment simulée, leur mauvais équipage, ou tournaient en ridicule 
celui de leurs confrères ou adversaires. Fort souvent l'exposition 
de ces misères avait pour but d'émouvoir le cœur de leurs Mécènes, 
à la sourde oreille, car les poètes en général et surtout les bur- 
lesques, tâchent, à cette époque, soit en Italie soit en France (peut- 
être aussi dans tous les pays du monde), de tirer tout le profit 
possible de leur muse et vivent dans les cours des princes, dans 
un état de domesticité, plus ou moins mortifiante. En laissant de 
côté les personnages illustres, tels que l'Arioste, obligés de ronger 
le frein et de servir, là où leur esprit aurait dû les faire dominer, 
et pour nous tenir seulement aux poètes burlesques, rappelons le 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 219 

Bellincioni, Matteo Franco, Luigi Pulci, Antonio Cammelli attachés 
à Ludovic le More, à Laurent le Magnifique, à la maison d'Esté 
etc. et laissant percer, dans leurs vers, le dépit et la rancune contre 
l'ingratitude de leurs seigneurs et contre les orgueilleux courtisans, 
les regardant du haut de leur grandeur. Et tous ces poètes 
n'oublient pas de nous exposer aussi leurs petites misères. Tantôt 
ils se plaignent de ne recevoir pas les présents promis depuis 
longtemps, tantôt de devoir courir de ville en ville, employés à 
des charges, qu'ils croient fort au-dessous de leurs mérites et plus 
souvent encore ils font voir leurs haillons et le manteau tombant en 
pièces. C'est surtout le manteau, la partie principale et la plus 
voyante de leur habillement, qui les intéresse au plus haut degré. 
Je rappelle, entre autres, ces vers célèbres du Burchiello: 

„Io porto indosso un cosi stran mantello, 

Che mai Barbier v' aífíleria rasoio 

E servirebbe per iscotitoio 

Si eh' io sto involto come nn fegatello." 

Et le poète continue en nous faisant voir: 

,,Le calze, e '1 gonnellino, e '1 giubberello 
(qui) han più buchi eh' un vaglio, o colatoio." 

Une plainte sur le m^me sujet se trouve répétée dans les vers du 
Bellincioni 1, du Bramante, du Pistoia 2, du Strazzola' etc. et ces 
plaintes se rapportent aussi à d'autres parties de leur habillement, 
aux bas troués et aux hauts-de-chausse en désordre. Ces poètes 
courtisans se plaignent aussi de leurs chevaux ridicules,^ qualifiés 
du titre de „vecchie rozze". 

Les poètes burlesques de la France n'oublient pas non plus 
de chanter les manteaux troués et toutes les misères de leur vie, 
mais c'est plutôt la misère des courtisans, cachée sous l'apparence 
de la splendeur, qu'ils livrent au ridicule. On n'a qu'à ouvrir le 
Cabinet satirique. On y voit la „Satire sur le manteau d'un cour- 
tisan", manteau qui a changé de forme et de couleur, qui vit la 
prison et la faim et qui peut conter les aventures héroïques de 
son maître et surtout „les coups de bastón" qu'il 

„A reçus et non pas donnez." 

Ce pauvre manteau est dans un état pitoyable, mais: 

„Une chose le reconforte. 
C'est que jamais on ne le porte 
Aux batailles ny aux dangers." 

Le même Sigognes nous fait la description du „pourpoint" d'un 
autre courtisan, pourpoint rongé par toute sorte d'insectes: 



* Éditon citée p. Xin. 

8 cfr. édition des œuvres du Cammelli par Cappelli et Ferrari, Livorno, 
1884 p. 108 sqq. 

» cfr. art. de V. Rossi; Giom. Stor. della lett. ital. XXVI p. 35. 

* éd. du Cammelli citée p. 1 1 8 sqq. 



220 P. TOLDO, 

„Pièces sur pièces on y boutte 

Tant de fois qu'on peut estre en doutte 

S'il reste ríen du vieux pourpoint. 

Ainsi la nef Pégasienne, 

Bien que changée à l'ancienne, 

A la forme, qui ne meurt pas/' 

Et ici encore le pourpoint donne occasion à Tauteur de se moquer 
de la lâcheté „la couarde froidure'' du courtisan: 

„Si tu avois outre ta bave. 
Pourpoint quelque chose de brave 
Pour t'appeler au lieu d'honneur, 
On lairroit arrière les larmes. 
Mais ton caquet ce sont tes armes. 
Ne plus ne moins qu'à ton seigneur." 

Des vers, on le voit, qui pour la forme de même que pour le 

sens sont encore plus mesquins, que les pièces d'habillement, dont 

il est question. Et la satire burlesque des habits continue. On 

lit ensuite et toujours dans le même recueil, une ode composée 

par le sieur de Bouteroue „sur le haut de chausse d'un courtisan", 

où il fait mention du „manteau vieil" célébré par son confrère. 

Ce haut de chausse appartenant à un petit hobereau de Beausse, 

était jadis une couverture destinée à couvrir les ânes et les mulets, 

et il faut reconnaître, ajoute le poète, qu'en passant sur le corps 

du courtisan, il n'a pas changé de destinée. Au travers de 

toutes les transformations possibles, tantôt jupe, tantôt manteau, le 

drap est arrivé à n'en pouvoir plus et il attend désormais un repos 

honorable : 

„Haut de chausse, vieil et malade 

Mangé de graisse et de pelade. 

Donner un conseil je te veux. 

Tu es pelé comme ton maistre. 

Comme luy pour ne point paroistre 

Porte une coiffe de cheveux." 

Et la conclusion ne pourrait être plus fade. Après les manteaux, 
les pourpoints et les hauts de chausse, on a la „Satire sur le 
chapeau d'un courtisan" due à la plume d'un anonyme, celle „sur 
les bas de soye d'un autre courtisan" par le sieur de la Ronce, 
qui est aussi l'auteur d'une autre „satyre sur l'espée d'un courtisan" 
et le sieur Berthelot compose à son tour „l'inventaire d'un cour- 
tisan" arrêté pour des dettes criardes. 

Que l'on ajoute ce que le cadet d'Angoulevent dans ses 
Satires bastardes (Paris, 1615) chante de „la metamorphose d'une 
robbe et juppe de satin blanc", devenue „toute barloue à longs 
filets". 

On se moquait aussi des défauts personnels. On chanta en 
Italie et en France des pauvres sires, transformés en squelettes. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LÀ RENAISSANCE. 22 1 

des bossus y des estropiés et pis encore.^ Mais la partie du 
corps, qui l'emporte dans ce genre de plaisanteries, c'est le nez, 
que les poètes dltalie célébrèrent depuis les débuts de leur litté- 
rature jusqu'au Guadagnoli, en plein XIX® siècle. Le Dolce chante, 
par exemple, les mérites de cet ornement de notre figure et le 
Burchiello (éd. citée, p. 122) en décrit un 

,,di buona razza, e ben compiuto 
Spugnoso e rosso assai più eh' un rubino, 
E '1 mosto, che va giù nel pellicino 
A tutte r altre vene dà tributo." 

En France, que je sache, le premier qui s'en occupe c'est Godard, 
suivi au siècle suivant par le sieur Auvray (Rouen, 1623). Ce nez, 
dont parle Auvray, peut servir à toute chose, savoir en hiver 
d'écran, en été de parasol et à d'autres usages plus intimes. 
Naturellement les louanges du nez permettent des équivoques 
licencieuses et la description des narines et d'autres détails est 
on ne pourrait plus dégoûtante. 

L'occasion de cette plaisanterie est due à l'amour d'une jeune 
fille pour un honmie doué d'un nez formidable et recèle peut- 
être une vengeance: 

„Il n*est pas toujours veritable 
Que chacun ayme son semblable, 
Puis qu'on void d'un contraire sort 
La plus camarde de la rue 
Estre amoureuse devenue 
D'un grand nez à double ressort." 

Parmi les compositions poétiques sur le nez, je rappelle celle due 
à la plume de Jacques Gorlier „escuyer de la Grand Court" et 
auteur du Juvénal François (Paris, 1624). Dans cet ouvrage mêlé 
de prose et de vers, Gorlier nous conte comment il avait un ami 
intime „dont l'humeur me revenoit fort", s'amusant à tenir bonne 
table et à y convier un „bouflon" âgé de soixante ans, très ridi- 
cule, grand buveur et par conséquent doué d'un nez gros, bossu 
et rouge. Cet excellent ami du poète à la fin du dîner, après 
avoir enivré le bonhomme, s'amusait à lui jouer le tour le plus 
plaisant du monde (au dire de Gorlier), c'est-à-dire il „se jettoit 
sur ceste trongue enluminée et la pinçoit avec tant de violence, 
que le sang en découloit dans un verre copieux qu'il tenoit à la 
main" ce qui faisait „pâmer de rire" toute la société. Le sieur 
Gorlier, inspiré par cette aventure, composa une „fantaisie" sur ce 
nez extraordinaire et cette fantasie n'est qu'une sorte de capitolo y 
qui lui permet d'enfiler un grand nombre de vers de ce genre: 



^ Pour ces horreurs physiques je renvoie au Berni, au Franco, au Bel- 
lincioni et pour la France aux recueils cités et surtout aux œuvres des con- 
temporains de Régnier. 



222 P. TOLDO, 

„O nez plus ronge qu'écarlate, 
Nez qui plus qu'un Soleil éclate, 
Nez de pourpre getulien, 
Nez fait d'un rayon de planète, 
Plus monstrueux qu'une comete, 
Et qu'un fallot aérien . . .<< 

et ce nez est rapproché des rubis, des marbres à couleurs variées, 
de l^écorce des arbres, de la croûte du pain et honoré des titres 
les plus illustres. Autour de ce nez le poète crée une légende. 
Comme la vendange de la dernière année a été fort peu satis- 
faisante, les buveurs se rendent dans l'Inde y visiter Bacchus, et le 
supplier de venir à leur secours. Bacchus console ses fidèles en 
leur assurant qu'ils trouveront à Paris un nez merveilleux, re- 
celant une source intarissable de vin. De même que Pantagruel, 
Panurge, frère Jean et les autres personnages de la légende de 
Rabelais, nos buveurs se rendent, en pèlerinage, à la recherche 
de ce nez transformé en dive bouietlle. Us trouvent son malheu- 
reux possesseur à Paris, devant l'île du Palais; s'approchent de 
lui, remplis de révérence, en chantent les louanges et en tirent, 
après beaucoup de cérémonies, une source merveilleuse d'un vin, 
on ne pourrait plus exquis. Rien de plus fade que cette plaisan- 
terie, malgré toul le fatras mythologique et une certaine élégance 
de forme. 

Aventures fâcheuses. 

Relativement aux moyens de transport, nos ancêtres ne voya- 
geaient pas moins que nous; l'Italien de la Renaissance était sur- 
tout infatigable, mais lorsque, après les ennuis et les craintes d'une 
route malaisée et dangereuse, ils arrivaient au lieu de leur desti- 
nation, crottés jusqu'à la ceinture, harassés de fatigue et de faim, 
ils ne voyaient pas paraître l'entrée confortable et splendide de 
nos hôtels modernes. Il fallait se contenter, le plus souvent, d'une 
„osteria", où l'on soupait mal, où l'on dormait pis encore, si l'on 
ne préférait avoir recours à l'hospitalité de quelque curé, chiche, 
malpropre, dont la maison et les lits recelaient déjà des hôtes 
constants et fort peu agréables. 

Bien avant le Berni, dans les sonnets, par exemple, de Cene 
de la Chitarra d'Arezzo (éd. citée), on entend déjà de ces plaintes 
et l'on en trouve des traces chez Antoine Pulci, ^ auquel on sert 
pour souper, une vieille poule, dépassant en résistance le cuir. 
Ces plaintes se renouvellent chez le Burchiello,^ chantant le mau- 
vais gîte et la mauvaise table et chez Bernard Bellincioni,^ qui adresse 
là-dessus une épître en vers à son maître Laurent de Médias: 



^ cir. Raccolta di rime antiche toscane, vol. m p. 301. 
* Sonetti del Burchiello, del Bellindoni etc., éd. de Londres, 1757 p. 91. 
115» ii6. 

3 éd. Romagnoli son. 138. 141» 90. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 223 

,,Questo, Signor, ti fo in una osteria, 
Anzi mi par più presto uno spedale; 
£11' è la penitentia al naturale 
E 1' ostiero è fratel de la pazia." 

Mais c'est là un fou, qui connati fort bien ses intérêts et qui ex- 
ploite, on ne pourrait mieux, les malheureux, qui tombent sous 
ses griffes. Notre poète est obligé d'avaler un certain vin „che a 
non ne ber non po' far maie"; il essaye la resistance de ses dents 
contre un pain, que la moisissure a orné d'une barbe vénérable 
et pour surcroit de malheurs, il doit se coucher dans une chambre 
ouverte à tous les vents 

„Che *1 tetto mi par Argo da cent* occhi." 

Il arrive, uue autre fois, à notre Bellincioni de loger chez un 
prêtre, dont il peint la générosité, dans un vers très expressif: 

„La sua casa è un mar! quando vi piove." 

Un camarade du Bellincioni, messer Matteo Franco,^ s'adressant 
au même Laurent le Magnifique, lui expose des aventures, qui 
rappellent de près celles qui vont inspirer sous peu la muse en- 
jouée du Bemi. Notre Franco, après un malheureux voyage, de- 
vient l'hôte d'un „Piovano", qui le loge dans sa „pieve strana, e 
maledetta" le faisant coucher au milieu de: 

„Pulci, pidocchi, cimici e forfecchie" 

et excusez du peu. Décidément les curés en veulent à messer 
Franco, car un autre „piovano", après un dîner capable d'ôter 
l'appétit aux plus afiamés, lui offre un lit où: 

„V* eran dentro schiere 
Di certi cimicion come monete, 
£ tutta notte attesi a far comete." 

Ces troupes de punaises, seront transformées par le Berni, dans 
les armées que Xerxès envoie contre la Grèce. Il n'y a qu'une 
simple amplification. 

Dans un troisième sonnet, toujours adressé à Laurent de 
Médicis, et toujours sur le même sujet, Matteo Franco renchérit 
sur les détails d'un mauvais souper: 

„Timido aceto avemmo, et olio ardito, 
Insalata, anzi sciocca, passa, e dura: 
Pan che facea salnitro per le mura. 
Vin vecchio, tondo, quadro e rimbambito." 

Son camarade Louis Pulci a des descriptions pareilles, celle, par 
exemple, d'un dîner, où un paysan transformé, pour l'occasion, en 
domestique, trébuche et renverse les plats ^ sur les conviés et les 



^ Sonetti di Matteo Franco e di Luigi Pulci, éd. Rossi, 1759 p. 83. 
84. 92. 

^ éd. citée p. 142. 



224 P. TOLDO, 

descriptions de nuits malheureuses et de dîners ridicules se multi- 
plient sous la plume de tous ces joyeux confrères. Voici le Pistoia,^ 
chantant) de même que le Franco: 

„De V insalata mal condita hai lasso 
£ pan piloso più dur che un sasso: 
Filava el vin per la paura forte." 

et qui est obligé de passer à son tour, une fort mauvaise nuit: 

In certi linzoletti di saccone" 

aussi propres que la nappe: 

,,Una tovaglia lavata col grasso 

Che mostrava la mensa per le porte." 

L'Arétin, tout en vivant dans un milieu plus splendide et ne par- 
tageant pas les misères de ses confrères en Apollon, dut cepen- 
dant connaître les mauvaises tables, comme il connaissait, sans 
doute, les mauvaises compagnies. Au moins on est porté à le 
croire, en lisant la description qu'il fait dans sa Cortigiana (V. 15) 
d'une certaine salle à manger, où „si mangia sopra una tovaglia 
di più colori che non è il grembiale dei dipintori'^ Dans les 
vers du Strazzola, nous entendons répéter la description d'une nuit 
passée au milieu de toute sorte d'insectes.^ Ce sujet est toujours 
le même avec plus ou moins de détails. Tout le monde connaît 
le capitolo célèbre du Berni sur l'aventure, qui lui était arrivée à 
Povigliano, où le curé du village avait voulu le loger, coûte que 
coûte, chez lui. Ce curé est une sorte de pédant, qui introduit 
le poète, dans sa maison, à travers les orties et les épines, qui 
Tentourent. Le dîner se compose d'un potage fort noir et d'un 
goût douteux, d'un vin aigre et la vaisselle est en harmonie avec 
le contenu. Le verre, par exemple, sue de honte et ne peut se 
tenir debout, et le lit n'est pas certainement meilleur. Ses draps 
sont blancs, comme le fond d'une marmite: 

„Parevan cotti in broda di fagiuoli" 

et peuplés des hôtes bien connus, livrant une bataille formidable 
au malheureux, qui ose se coucher. De même que les matelots, 
qui s'échauffent, en agitant leurs bras, notre Berni passe la nuit, 
dans un mouvement continuel, se souffletant pour chasser et tuer 
ses terribles ennemis, caressé de temps en temps des ailes des 
chauves-souris, volant librement dans cette chambre. 

Mattio Francesi dédie, à son tour, un capitolo à la Mala notte^ 
où il coucha dans une misérable auberge après avoir soupe d'une 
couple d'œufs sans sel. Le Mauro, en faisant la description de 
son voyage à Rome, n'oublie pas non plus les ennuis que son oste 



^ éd. Renier préf. XX son. m; éd. Cappelli - Ferrari p. 80. 93. 
« cfr. rarticle de Mr V. Rossi dans le Giorn. Stor. della lett. it. XXVI 
pag. 39- 



POésiB BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 225 

lui cause et plus tard PAbati, dans son Viaggio, répétera les deux 
mêmes motifs, le souper composé „di sposo gallo" et d'une poule 
que l'âge a rendue vénérable et le lit, où il attend, avec impa- 
tience, la pointe du jour 

In nero letto a ritrovar V aurora." 

Il n'y a, à cette époque, que messer Francesco Coppetta, qui 
chante les louanges de „1' Osteria", mais il sait bien qu'il soutient 
par là un paradoxe, non moins évident que les lodi de la fièvre, 
de la pestilence etc. formant les délices des autres poètes de son 
temps. Il arrive en outre que, dans ces cabarets, on rencontre des 
pédants et des fâcheux, lorsque le fâcheux ne vous rend pas visite 
chez vous, ou à l'Eglise. C'est là une inspiration tirée d'Horace, 
mais le fâcheux italien se confond, le plus souvent, avec ce pédant, 
auquel les poètes et les prosateurs de la Péninsule avaient dédié 
une littérature tout entière. 

Dans la poésie française, on rencontre, à tout moment, les 
sujets inspirateurs des poètes burlesques de l'Italie et Régnier est le 
premier, que je sache, à s'y essayer. Dans sa dixième satire, il 
nous expose comment sa mauvaise étoile le fit tomber sous les griffes 
d'un fâcheux et ce fâcheux s'empare de lui, comme une araignée 
de sa proie, le mène à sa maison, l'oblige de partager son dîner 
et lui fait si bonne chère, que le malheureux poète est forcé de 
prendre la poudre d'escampette. L'inspiration tirée du Berni est 
ici évidente. Mais sa fuite le fait tomber de fièvre en chaud mal, 
car, dans la satire suivante, on le voit dans une chambre sale, 
sombre et remplie de toute sorte d'ordures. 

Dans le Cabinet saiyrique^ que nous connaissons déjà, les con- 
temporains de Régnier, savoir Sigognes, Motin, Berthelot, Maynard, 
s'amusent fort souvent à des descriptions pareilles, mais sans 
aucune originalité. Voici, par exemple, ce que chante, à ce pro- 
pos, le sieur de Sigognes, réunissant la mauvaise table et le mauvais 
gîte, selon le type commun à tous ces récits: 

„Entre la puce et la punaise 
Sans chaire ny sans tabouret 
Je suis ici mal à mon aise 
Dessus le lict d'im cabaret. 
Réduit sans besoin de diette 
A faire un malheureux repas 
De deux œufs en ime omelette 
Et néanmoins il est jour gras . . .*' 

Du Lorens, d'après Régnier, répète la description d'un repas de 
pédants, où 

„Durant tout le souper on ne fit autre chose 

Que disputer, crier", 

et dont la malpropreté est telle que les mets les plus exquis ne 
peuvent exciter l'appétit de notre auteur. Ailleurs (voyez Tricotet, 

Zeittchr. £ rom. Phil. XXV. I e 



226 P. TOLDO, 

Variétés bibliographiques p. 290) il a le malheur de rencontrer un 
fâcheux, dont il ne sait comment se débarasser et il se trouve par 
là dans une autre situation identique à celle de Régnier. Un 
autre fâcheux se présentera ensuite à Ângoulevent, qui aura beau- 
coup de peine à se tirer d'affaire. Cet inconnu s'approche de notre 
cadet, tandis que celui-ci contemplait le spectacle de Paris, à la 
tombée de la nuit: il l'oblige de se rendre dans im fort vilain 
logis et d'admirer, coûte que coûte, une collection vraiment extra- 
ordinaire, mais dont Rabelais avait déjà donné le modèle: 

„Pour le premier article une aulne d'arc en ciel, . . . 
Une dragme des fleurs de Jeanne la pucelle, 
Le busque de Lays, quatre plumes de Saisie 
Du petit Cupidon" 

et avec cela „les pleurs" de Marc Antoine „enchâssées en de l'or**, 
Forteil de Grandgousier, de l'eau du déluge „pétrifiée", des che- 
veux de Morgante, 

„Un peu de la sueur d'Alexandre le Grand" 

et un commentaire de l'Arétin, composé par un napolitain. 

Dans le Parnasse des poètes satyriques par le sieur Théophile 
(1625), on lit une autre composition dans le même goût, les 
Regrets faits sur un fascheux logis et qui commencent par une 
sorte de prière, répétée dans le cours de la pièce et assez com- 
mune, à ce genre de compositions: 

„Délivre moy seigneur de ce triste séjour 

De ce fascheux logis où j*oi crier sans cesse, 

Les maistres, les valets, les hostes et l'hostesse ..." 

Théophile se plaît, en outre, à la description de toutes les hor- 
reurs de cet hôtel; il nous représente l'escalier, où l'on trébuche 
à chaque pas, le grenier qui lui sert de chambre à coucher, et où 
il trouve „la troupe affamée" des souris. Dans ce grenier on est 
exposé au vent, à la pluie et à la fumée et le lit est en rapport 
direct avec la propreté de la chambre: 

„Délivre moy seigneur de tous les mendians 
Qui sont dedans le lict, comme poux et punaises 
Puces et autres gens tant galoux que galoises." 

Courval- Sonnet dans ses Exercices de ce temps imite directement 
Régnier, en exposant ses aventures avec un fâcheux: 

„Attentif à la messe un jour à saint Eustache 

Un jeune cavalier relevé de pannache, 

La botte blanche en jambe, et la gaulle en la main. 

D'un curedent de roze entretenant sa fain, 

Me vit devotieux, à genoux en prières." 

L'aventure de Régnier se répète, dans ses moindres détails. Le 
fâcheux tire de sa poche un sonnet, dont il menace le malheureux 
Courval et ce qu'il y a d'assez original, c'est l'étrange confusion 




POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 227 

des œuvres et des mots de cet importun, confondant „camaléon<< 
avec „pantaleons" et chantant: 

„qu*Ovide en sa metempsicose 
Desment, Pitagoras en sa Metamorphose." 

Avec Sarazin nous nous retrouvons de nouveau dans un fort 
mauvais gîte. Le poète est logé „à une hôtellerie" qui rappelle 
de près celle de Théophile: 

„Saisi d'un déplaisir extrême. 
En rêvant j'attens le matin, 
Dans un lit où le sommeil même 
Pourroit bien perdre son latin. 
Toute la nature sommeille; 
Mais non, j'ai tort, je m'apperçois 
Que dans ce beau lit où je veille 
Les puces veillent avec moi . . ." 

Saint-Amant, à son tour, dans son Mauvais logemeniy nous décrit, 
avec beaucoup de verve, comment il passa une nuit blanche: 

„Giste dans un chien de grabat, 
Sur im infame lict de plume. 
Entre deux draps teints d'apostume 
Où la vermine me combat . . ." 

Quelques efforts qu'il fasse, il ne peut fermer un oeil de toute la 
nuit; il voit sur sa tête voler les chauves-souris, il se croit entouré 
de lutins et entend autour de lui des bruits étranges. Les souris 
courent librement dans sa chambre, les cousins le piquent „d'une 
fureur extresme" et il doit soutenir un véritable combat: 

„L'un sur ma main donne en sang -sue; 

L'autre sur ma trogne se rue. 

Me rendant presque tout meseau 

Je les poursuy, je les attrape. 

Et sans m'épargner le museau 

Pour les y tuer je me frapc." 

Ainsi que le Berni, dont l'imitation est évidente, il compte les 
heures de son martyr, en entendant tous les coups de la cloche, 
tâchant, d'éviter la vilaine couverture, qui s'offre à ses baisers et 
se tournant de tous les côtés „comme un oyson à la broche**. 

Vers la même époque ce Billault, mieux connu sous le nom 
de maître Adam menuisier de Nevers, dont nous avons fait la 
connaissance tout à l'heure, décrit, dans un sonnet, les horreurs de 
sa chambre, où les draps „sont blancs comme ébène** et où la 
saleté le ronge de tous les côtés. La comparaison de Tébène 
passe comme on voit des dents aux draps de lit 

Sarrasin lui aussi avait eu le malheur de rencontrer un fâcheux 
et c'est étrange qu'il le rencontre, tout justement comme Courval, 
sinon dans une église au moins tout près d'elle: 

15* 



228 P, TOLDO, 

„L'autre jour assez tard et suivant ma paresse 
Je sortois de chez moy pour aller à la messe." 

Celui qui Tarrête est un marquis, qui le force, nouvelle rencontre 
avec ses devanciers, d'écouter une composition en vers, qu'il dé- 
clare d'avance, ainsi qu'Oronte du Misanthrope^ on ne pourrait 
plus charmante: 

,,Je l'ai déjà monstrée à plusieurs beaux esprits 
Et nul, sans me flater, n'en parle avec mespris.*' 

Sarrasin, de même que ses prédécesseurs, ne dit mot et profite de 
la première occasion, pour se sauver. 

Mais le maître à tous, avant Molière dans la peinture des 
fâcheux, est sans doute Scarron, qui dans sa satire adressée au 
maréchal d'Albret, nous offre une foule de variétés de cette nom- 
breuse famille, en embrassant les deux sexes. Il y a les fâcheux, 
qui jouissent de l'estime publique et qu'on est forcé d'écouter avec 
déférence; il y a le fâcheux dont: 

„Tout ce qu'il dit est pointe d'épigrammes'S 

d'autres, qui vous accablent de cérémonies: 

,Je vis un jour deux hommes de la sorte 
S'estocader en s'offrant une porte, 
Sans qu'aucun d'eux eût jamais le dernier, 
Et leur conflit fut d'un quart d'heure entier", 

d'autres encore, qui courtisent toutes les dames et qui se croient 
irrésistibles, les „diseurs de rien", ceux qui font de longues visites, 
ceux qui chantent, ceux qui récitent leurs vers, ceux qui vous con- 
tent, à tout propos, de vieilles historiettes à faire dormir debout 
et enfin les parasites, les mauvais plaisants, les admirateurs impor- 
tuns et les amis de tout le monde. C'est à cette dernière classe 
qu'appartient: 

„Le franc bourgeois, qui fait l'homme de cour, 

Et quand il est chez les gens de la ville 

Qui dit tout sec, Turenne, Longueville 

(Se gardant bien de donner du monsieur) . . .*< 

Le fâcheux et le repas ennuyeux ne forment souvent qu'une même 
chose, car on rencontre aussi: 

„ . . . (L')importun qui tous les jours vous prie 
D'aller chez lui prendre un méchant repas. 
Et le fait tel qu'on n'y retourne pas." 

Les précieuses, les vieilles pécheresses, devenues béguines, ont un 
rang à part et le poète burlesque précède, par là, le plus célèbre 
des auteurs comiques de la France. Et ce n'est pas seulement 
dans cette composition que Scarron s'en prend à l'engeance des 
importuns. Dans une épitre à monsieur d'£lbène, il lui conte 
comment il a dû endurer les discours ennuyeux d'un membre de 



POéSnS BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 229 

la nombreuse famille des fâcheux. Celui, qui vient de lui rendre 
visite, se déclare poète burlesque et lié d'amitié avec tous les 
écrivains en renom de son époque: 

„Colletet m'a fait boire avecque Furetière. 
J'ai fumé quelquefois avecque Saint-Amant." 

On comprend qu'au moment où Boileau prenait la plume pour 
traiter ces différents sujets, ce genre était déjà vieux et n'aurait su 
présenter aucune originalité, si ce n'est dans la forme. 

A suivre. 

P. Toldo. 



n Fiooinino. 

(Fortsetzung; s. Ztschr. XXIV, 329.) 



I. 
Veni colomba speciosa mea 
Che, al eterno, madre fusti eletta; 
Rcfugium est qui confident in ea; 
Del tuo Alessandro, madre, i preghi 

accepta, 
Regine et concubine, laudante ea, 
A te ricorro regina perfetta: 
Aperiens os meum qui nuntiare. 

2. 
Prego che scaldi il debole inteletto 
O dolce madre, non mi abbandonare 
Ch' io possa dir dell' imperio perfetto 
Che Sigismondo re fassi chiamare: 
Re di Buemmia imperadore è detto 
Del populo Roman sanza fallare 
E come a Lucha fece arannamento 
Quel sacro impero e giusto reggi- 
mento. 

3- 
In questo canto ancor vo' che si 

spande' 
De* Venetiani 1' armata lucente. 
De' Genovesi la sconfìtta grande 
E del guasto che a Lucha die il pos- 
sente* 



E della giente dello imperadore 
Come contra di lor mostrar valore. 

I Venetiani si fenno un' armata 
La qual mandorno in nel porto Pisano, 
A* Genovesi si fu poi dirizzata 
Ardendo là rindrca monte e piano 
E i Genovesi si fen radunata 
Per volerli cacciar se de^ potranno 
E un' armata fenno in pochi die 
Di dieci navi e quindici galee, 

5. 
I Venetian, siccome mio dir suona, 

Venti galee e molto bene in punto; 

Nessuna nave^ né trista né buona. 

Ma una galeazza^ lor raggiunto 

Da i Fiorentini fu con gente buona. 

Experta in mare e poi '1 valor con- 
giunto. 

Con senno e con destrezza, a me mi 

pare 

Che 'n tutto là mal non può capitare. 

6. 
I Grenovesi d' animo gentile 
I Venetiani andarono a trovare 



^ Nel Ms. 1661 manca questo canto come pure parte del seguente fìno 
air Ott. 85. 

> Spande. Reminiscenza Dantesca (Inf.; 26; 3). 
3 II possente: il popolo Fiorentino. 

* A, doé, contro. 

* De: forse sta per dessi. 

* Sott.: era. 

^ Galecaza: nave maggiore della galea, di forma lunga e piatta. 



IL PICaNINO. 



231 



In nel porto Pisan, tenendo a vile 
Tutta 1* armata loro, e capitale 
Non ne iacea quella gente virile. 
I Venetian col senno, che più vale 
Che la superbia, stretti si serraro; 
Addosso a Genovesi si cacciaro. 

7. 

I Genovesi erano in nuove sette, 

Qui sei ijalee e colà n* eran diece * 
Che de' nimici lor mai si credette 
Che a trovar V andasser, come fece. 
Quelle de' Venetiani strette strette 

II vento in nelle vele feria bresce,' 
Sicché co' remi era lor forza andare 
Che '1 vento dava all' uno all' altro 

pace. 
8. 
Parbino (?) era silocco, e poco stante 
E Marinacelo e poi un pò* Provenza 
Un po' di ponenlin tanto che avante 
I Genovesi sanza resistenza 
Co' Venetian s' abbocca, poco stante 
Levante fu con tutta sua posscnza; 
De' Venetian le vele gonfiaro 
Quelle de' Genovesi allor giù cascaro. 

Nove galee de' Genovesi prima 
Co' Venetian si furo ritrovate; 
Or qui di morti furo la rovina: 
Pali di ferro e le lance gittate 
E le balestre che son di più stima 
Dell' una parte all' altra caricate. 
Oh quanti morti vedeansi cascare. 
Sani e feriti per mar trabuccare.* 

10. 
Alle braccia si pigliano i baroni, 
Ognun sua parte assai ben difendea 
Come se fusseno orsi ovver lioni. 



E colle vele piene ne venia 
La galeazza e suo armati campioni; 
All' ammiraglio^ questa si feria 
De' Genovesi, e non valse difesa 
Che presa 1' ebbe senz' altra contesa. 

II. 
De* Genovesi sei galee venian 
Driëto a queste nove, fermamente; 
Vedendo il capitan menarne via. 
Ver' Genova si voltan prestamente ; 
Le nove furon prese, in fede mia. 
Salvo che una che v* era il possente 
Marian da Piombin che via s' andoe 
E per forza de' remi elli scampoe. 

12. 
E otto prese ne furo a tal tenore 
E fuvi preso il magno capitano 
Di Spinola Francesco, di valore; 
Che fuggite non fusser per certano 
Quelle galee e che se di buon cuore 
Ognun ferito avesse, com* io spiano, 
Per certo i Venetiani presi eran tutti 
Là dove i Genovesi fur distrutti.* 

13. 
A Vinegia tornar con gran vittoria. 

Del preso capitano e d* altra giente 

E della rotta grande fcr memoria 

Davanti al duce' et a tutt* altra giente, 

E imprigionato fu, come la storia 

Dice, Francesco Spinola valente. 

Lassiam costoro e vovi ritornare 

Di Lucha e dell' imperio vo* contare. 

14. 
Picciola Lucha, ben ti puoi gloriare 
Che *1 mondo tutto ismosso hai per 

certano : 
Il duca di Milan per te aiutare. 
Senesi e Genovesi, e poi il sovrano 



^ Diece, per dieci. 

' Bresce. Se il poeta intende dir brescia (piccolo spiro di vento fresco), 
costruisci: Il vento brescia feria nelle vele quelle de' Veneziani etc. 

8 Trabuccare = traboccare, cioè, precipitare dalle barche nel mare. 

* Ali* ammiraglio: contro la nave ammiraglia. 

* Costruisci: Se quelle galee per certo non fossero fuggite, e se ognuno 
avesse ferito di cuore, i Veneziani sarebbero stati presi dove i Genovesi 
furon distrutti. 

' Duce, per doge. Era doge Francesco Foscari. 



232 



A. PELLEGRINI, 



Imperador te viene a governare 
Umile e mansueto dolce e piano 
Con principi e baron di virtù degni, 
Considerate ben suoi altri segni. 

15. 
Di Maggio fu appunto a trentun giorno 

Nel mille quattrocento trendadue 

Che in Lucha entrò V imperador 

adorno.^ 

Oh quanta festa tra i Lucchesi fue 

Vedendo quell* imperio sì giocondo 

E principi dirieto a due a due 

E poi baron marchesi e cavalieri, 

Donzelle, conti, ragazzi e scudieri.' 

16. 
D' ogni beltà adorno è sua persona, 
Excellente, gentil viene e costante, 
Prudente, forte, siccome il dir suona. 
Giusto, magnificente e temperante 
Quanto mai fusse imperio di corona. 
Consiglio, onore avea con virtù tante, 
Altiero, umile, sobrio et astinente 
E forte, in bello spirto e intelligente; 

17. 
E dolce e cauto egli era in sua sen- 
tenza, 
Fede, speranza avea con caritade. 
Liberale era, il giuro in mia credenza, 
E ben pareva degna maëstade. 



Fu ricevuto con gran riverenza 
In Lucha bella, nobile cittade; 
L' onor eh* egli ebbe, dir io noi potrei 
Poiché invano non lo scriverei. 

18. 
Trovossi allor Gonfalonier maggiore 
Nicolao Streghi nobil cittadino, 
E con molti Lucchesi, sanza errore, 
Fuor della porta entrarono in camino 
Andar B in contra dello imperadore; 
Con riverenza ginocchioni e inchino 
Lo riceverono e poi si inviaro 
E drento la città 1* accompagnare. 

19. 
E festa e allegressa e i grand' onori 

Che fer Lucchesi* ali* Imperador caro 

Tutti vestiti di vari colori, 

Di lana e seta quando in Lucha entraro ! 

Cherici e preti della porta fuori 

E molte arliquie sante si portaro 

E cantando colla voce: „Clementissime 

„Veni regie Buëmie potentissime." 

20. 
E riposati furono al palagio, 
A tutti suo baron fu dato stanza 
Che riposare si potemo ad agio, 
E per la terra chi canta e chi danza 
Per amor dell* imperio a tale agio. 
Pochi di ste, vi giuro in mia leanza,^ 



^ Sigismondo re de* Romani. 

' Tolgo dal Morelli (Ricordi cit. I pg. 103): „Lo imperadore venne a 
,, Lucca a di ... di ... con 800 cavagli Ungheri. (Numero di cavagli et ba- 
„roni che venneno in Italia etc) La persona dello *mperadore con 12 mila ca- 
„vagli — . Il Re di Polonia con 12 m. cavagli e 1000 arcieri. Il Sig. Pippo 
„da Fiorenza (Filippo Spano degli Scolari) fatto Capitano Generale et dandogli 
„il detto imperadore 20 m. cavagli — . Lamoretto Turco in persona con 
„12 miglia cavagli — . Mess. Marsilio da Ferrara, fatto per detto imperadore 
„Duca di Padova, et di Trevigi, et dagli 12 m. cavagli — . Mess. Brunoro 
„dalla Scala, fatto per lo *mperadore Conte di Verona, con X m. cavagli — . 
„El Doge de li Veneziani al suo servigio con 5 m. cavagli — . El Conte 
„Orano della Magna, con 5 mila cavagli — . Andrea de Parma, fatto per 
„lo *mperadore Capitano Generale, con XX m. fanti — . Fagino Cane, fatto 
„per lo *mperadore Vicario, et Doge della gente, con 5 m. cavagli — . Cate- 
„lani siano armati a posta di detto Imperatore, corpi di quaranta di Galie — . 
„Sommano in tutto cavagli 94 m. et fanti 20 m. e corpi 40 galee. — JDoH" 
zelle: plur. di donzello. Ragazzi: intendi, servi giovanissimi. 

' Sott.: per. 

* Sott. : 1' articolo /. 

^ L' imperatore venne in Lucca 1* ultimo di Maggio e vi rimase 16 giorni 
(Vedi op. dt. di A. Pellegrini). 



IL PICCININO. 



233 



Che '1 franco Niccolò da Tolentino 
Mandato fa dal comun Fiorentino 

21. 
A dare il guasto ai poveri Lucchesi ; ^ 
Ma poco guadagnato, in fede mia: 
Per la pianura si furon distesi 
Siccome giente piena di resia' 
Ardendo ed abbruciando que' paesi, 
Segando il grano la lor fantaria. 
Egli era un grosso campo senza fallo: 
Uomini d' arme sei miglia a cavallo, 

22. 
De' fanti a pie ben mille cinquecento. 
Quando la gente dello imperadore 
Senti tal cosa, con grande ardimento 
Si armaron tutti con allegro cuore: 
Ben cinquecento furon, com' io sento ; 
Malico' conte è *1 lor conducitore. 
È in nell* arme costui forte e fiero; 
Armato tucto poi montò a destriero. 

23- 
Lo imperador chiamò '1 guerrier va- 
lente : 
„Io ti comando che niun prigione* 
„Meni di quella dispietata giente, 
„Tagliati sian sanza remissione 
„Chi alla corona mia non ¿ubbidiente.** 
Rispuose il conte Matico .... : 
„Santa corona, tale affar mi piace 
„E di tal cosa non sarò fallace.'* 

24. 
Fuor della porta usci '1 baron sicuro, 
Lo imperador a cavai fu montato 
Et alquanti baron V accompagnaro ; 
Per veder la battaglia, fuor fu andato, 



E i cittadin assai su per lo muro^ 
Con balestra ognuno e bene armato 
Se bisognasse, i cittadin sovrani; 
Or ecco il conte Matico alle mani. 

25- 
Matico conte gentile e gagliardo 

Alla battaglia entrò sanza dimoro, 

Né mica fé* come vile e muzardo' 

Che colla lancia abbattè du' di loro; 

Poscia la spada trasse sanza tardo, 

E la sua giente per cotal tenore 

Ben seguiva, ciascun prode e valente. 

Ferendo sempre sanza dir mai niente. 

26. 
Il capitan veggendo tai sembianti 
Di que' Todeschi' il feroce assalire. 
Con ben mille cavalli si fue avanti 
Ferendo con ismisurato ardire: 
Tollentin, sempre gridar tutti quanti, 
E que' Tedeschi ferian sanza mire 
Sopra de' Fiorentin, con ardimento 
Ferendo e dando lor mortai tormento. 

27. 
Sanza fidare 1' un 1' altro di niente 

Cominciò tal battaglia, com' io intendo, 

A destra et a sinistra fortemente, 

E V una parte e V altra vien ferendo. 

A i Fiorentini non valeva niente, 

S* eran feriti, dire: „A te m' arrendo". 

Che que' Tedeschi niente intendeano 

Sicché a mercè niun non ne prendeano. 

28. 
Que' Buemi feriano di buona voglia 
Con m:ìsse, dardi, lance e chi con 

spade 



* Niccolò da Tolentino arrivò 1* 8 Giugno del 1431 — . Di questo assalto, 
leggi r op. cit. di A. Pellegrini. 

' Resia, per eresia. 

' L' autore chiama sempre questo personaggio, di cui si ha anche me- 
moria in Pietro Rossi (R. I. S. ; XX ; 42) e nel Cavalcanti (op. cit. ; I ; 489), il 
conte Matteo o Maticho. Forse era quel conte Matillo de ToUomitz (dice 
S. Bongi : in una sua pubblicaz. per nozze A. D' Ancona) che apparisce con 
altri signori del seguito di Sigismondo nel diploma rilasciato al Marchese 
di Mantova, il 6 Maggio 1432. Lunig, CD. voi. I. 1376. 

* Sott: disse. 

^ Sotf.: andarono. 

^ Mutar do = musardo: sta per ozioso. 

' Sott.: e. 



234 



A. PELLEGRINI, 



Facendo a i Fiorentin portar gran 

doglia ; 
Di segar lasciar le gente brade ^ 
Il gran perchè tremavan come foglia. 
Di loro scampo non vedeano strade, 
E que' Tedeschi al ferir avizzati 
Parean sopra di lor cani arrabbiati. 

29. 
La battaglia era grande e perigliosa 
Que* dell* imperio e '1 campo Fioren- 
tino, 
Niccolò Tollentin non trova posa 
Veggendo la sua giente venir meno, 
Giente Tedesca vede valorosa 
Che della morte niente temcno; 
Poi prestamente la lancia abbassava, 
Sopra i Tedeschi a ferir se n' andava. 

30. 
Vedendo ognun siccome il capitano 
Era entrato di fresco alla battaglia, 
Ognun feria come guerrier sovrano 
Sopra i Tedeschi eh' eran di gran 

vaglia; 
A que* Tedeschi il populo Lucano* 
Fu grand' ajuto, se Cristo mi vaglia; 
Con le balestre davan gran tormento 
A quel da Tolentin, siccome io sento. 

31. 

Or chi vedesse quel gentil barone 

Matico conte alla battaglia experto! 

E nel star parea proprio un dragone 

Ardito, forte e di grandezza certo. 

Veracemente pareva un lione. 

Col brando, e sempre lo teneva erto, 

Un valoroso paladin feria 

De* Fiorentini: il capo si partia, 

32. 
E morto cadde del cavai di botto; 

E poi a quel feria un altro appresso: 

Ferillo in sulla spalla, il baron dotto, 

D' un grieve colpo senz* altro interesso 

Che morto il gilta a terra tutto; 



Un altro feri poi e tanto in grosso 
^Quante arme avea indosso li divise 
E del destrieri in terra morto il mise. 

33. 
Ahi! quanto d'arme fu*l baron robusto 

Non è *n nel mondo lingua che '1 con- 
tasse. 
Render fa 1* alma allo Padre celeste 
Che con la spada un suo colpo toc- 
casse. 
Volgendosi aspro, valoroso e destro, 
Certo pareva che vampo menasse. 
E la sua giente il* segue con ardire 
E i buon Lucan ne fanno assai morire. 

34. 
E quel da Tolletin veggendo tale 

Fortezza in que' Tedeschi e • ne' Lu- 

chani, 
Diceva: „Io giuro al re celestiale 
„Che questa giente son peggio che cani 
„E mai tal giente vidi io si bestiale 
„Non curar lo morir, e chi alle mani 
„Viene, nissun di lor può far ragione 
„D* esser li morto, e non d* esser pri- 
gione, 

3S. 
„Onde torniamo addietro." Si dicea 

Alla sua giente, e poi si abbandona 

In ver' Firenze quanto più potea, 

E la sua giente drieto lui si sprona. 

E cosi bella giente si partea 

E giurava alla madre corona: 

„In quel di Lucha mai non veroe, 

„Questa è la prima e mai ritorneroe." 

36. 

Drieto ai Fiorentini sperona forte, 
Matico, nobil valoroso conte: 
Ben lo seguia sua giente per tal sorte 
E i buon Lucchesi per vendicar l' onte, 
Molti di lor mettendo a crudel morte. 
Il sole andava già sotto del monte 
Onde i fuggenti via lassono gire 
E 'n verso la città volsen redire. 



^ Brade: viene dal provenzale Braidis e vale, impetuoso, focoso^ 
' Si sott, il verbo. * Leggi: che quante etc, 
' // = lo. Si riferisce a Matico. 



IL PICCININO, 



235 



37. 
Alla città ritornato il barone 

Co' suoi Todeschi e col popul Lucliano, 

Davanti all' imperier fu ginocchiato 

Et egli il benedisse con sua mano. 

Vedute avea le prove del campione, 

In sulla spalla a quel baron sovrano 

Die della mano, disse: Io di prometto 

Per San di vos che sei un ben valletto. 



38. 

Riposati più giorni, a parlar prese 
L* imperadore e disse: „Io vorrei 
„Che voi mandaste sanza più contese 
„Per quelli i quali voi chiamate giudei, 
„Fate che vegnan qui a me palese 
„Isti qui sunt nisi giura Dei." 
Mandato fu per lor scnz' altro dire 
E fur davanti a lor fatti venire. 

39. 
Essendo avanti a lui que' giudei tristi, 

Lo imperador cominciava a parlare: 

„Voi si dicesti in passione Crhristi, 

„Che solo Cesar ha sopra voi a fare, 

„Da che' voi siete sotto i miei conquisti 

„Mille ducati fate di portare.** 

Malico conte chiamò sanza Icna^ 

E dice: facias ibi bastalena.^ 

40. 
Un girel tondo fé*; poi comandoe 
A que' Giudei che qui entro entrasse. 
Mille ducati apportati vi fue 
Prima che di quel giro uom si grollasse. 
Contesiöne^ assai vi si fé* sue, 
E fur convinti, e mostra che pagasse 
Mille ducati oltre più di cento 
De' quali al conte feron donamento. 

41. 
„Voi sì diceste, dicea lo imperlerò, 
,,In passione del buon signor Yhesù 

^ Sanza Una: subito. 

2 BastaUna: a tutto potere. 

3 Contesiöne, forse sta per contesa. 

* Be' per devi, 
5 Sott.: era. 

* Intendi: conquistando etc. 



„Nisi Cezarem habemus Regie Altiero 
„Cezare sum, saper ben lo de** tu, 
„Torto nissun vi faccio a dir lo vero.** 
Ciascun di que* Giudei umile fu. 
Lo imperier del servizio ringraziaro 
E poscia a lor magion si ritornaro. 

42. 
Poscia 1* imperador lettere scrisse 
A Siena a tutte le lande spezzate 
Et al prefetto che per lui venisse. 
Che si trovava a Siena in veritade 
Detto prefetto, perchè *1 papa misse 
Il campo alle sue terre onde levate 
Le furon tutte, e Vetralla la prima, 
Sutri e Civitavecchia che è di stima. 

43. 
Onde quel gentiluom detto prefetto, 

A Siena con sua giente fu ridutto 

E bene in punto, signor vi prometto. 

Con dugento corsier a suo condutto 

E più corsieri assai che io non metto 

E dugento uomini d* arme di lui sotto 

Che ciascedun un paladin parea; 

Argento, robbe e denar assai avea. 

44. 
Della persona saa gentile e magno 

Ben somigliava schiatta reale 

E di fortezza non avea compagno. 

Del sangue di David ^ generale; 

Coli* imperio credette far guadagno 

Tutte sue terre per lui conquistare,* 

E da Siena si mosse quel barone 

E insieme gir con lui il conte Antone 

45. 
Dalla Pergala, dico, il baron forte; 

Da Napoli quel Carletto garzone 

Con venti lance segui per tal sorte; 

Questo gentile e pregiato barone 

Avea sua giente bene gagliarda; 



236 



A. PELLEGRINI, 



Ancho vi fu un altro campione 

Che dalle .... Antonello è chiamato, 

Soldato de' Senesi sempre stato. 

46. 

Di ver' Firenze, pel passo serrare, 
Mossesi Niccolò da Tolentino, 
Accattabriga^ fuvi sanza cercare. 
Che era in nelP arme come un paladino, 
E Charapel vi venne, a non cianciare, 
Bartolomeo da Gualdo, guerrier fino. 
Nicoletto mòstrossi a tal convegno 
Col coman di Fiorenza avea isdegno.' 

47- 
Quest' era forte in nel terren Pisano, 

Che dumiglia cavalli e più v' avea 

Quel Micheletto di valor sovrano. 

Al conte Anton da Pisa si scrivea: 

Che ciaschedun possa andar salvo e 

sano 
A Milano o dovunque li piacea, 
Che per sua giente e lui ciascun sia 

gito 
Salvo e sicur sanz' essere impedito. 

48. 

Credette il conte tal cosa per vera 
Che abbia quistion col comun Fioren- 
tino; 
Sicché di tratta lettere scriveva 
Al Colonese^ nobil paladino. 
Che Lodovico chiamar si faceva, 
Ë un altro chiamato Arisimino^, 
Ch' è da Trivisi, iP signor Ardiccione, 
(Che 'n quel di Lucha era ciascun ba- 
rone) 

49. 
Che armati sian ciascun con sua bri- 
gata, 
£ quince fu dalla Pergola il conte. 



Fuvi Î1 prefetto con sua giente armata, 
Carletto con le forze tanto pronte, 
Della lance spezzate la masnata. 
E come i Florentin, sono a lor fronte 
Da Tolentin Niccolò capitano, 
Accattabriga e Carapel sovrano. 

50. 
Eravi ancor dal canto Fiorentino 
Nicolò da San Pietro, quel barone; 
(Del Duca di Milano fa campion fino) 
Ad una rotta rimase prigione; 
Di quaresima fu, siccome io stimo, 
E d' esta rotta non ne fo mensione; 
Picdola fu, ma pur sanza conteso, 
Niccolò da San Piero vi fu preso. 

51. 
I Florentin di prigion lo cavaron 

A petition d'un Pisano Gambacorta; 
Con cento lance quel guerrier sol- 
daron; 
Fiero* battagliator, et honor porta. 
Di contra, armati, costor s'accamparon. 
La ducal giente di ciò si conforta: 
„Se voi venite noi li vinceremo 
„E senza fallo noi li rompiremo 

52. 
„Che Micheletto è in gran divizione 

„Col comun di Fiorenza, certamente 

„Contra di noi el non farà difensione, 

„E questo mi ha promesso lealmente." 

A Lodovico quel gentil barone 

E signor Ardicdon fu di presente; 

Con tutta la brigada entrò 'n camino, 

Dirieto poi lo segui Arismino. 

53. 
Chi di ver' Lucha e chi di verso Siena 

Tutti trovarsi armati la brigata, 

E '1 conte Antonio colla faoda strena,^ 



^ Nome proprio. Vedi, Finzi (op. cit.). 

' Leggi: perchè col comun etc. 

8 Di Lodovico Colonna, vedi il Cavale, (op. cit.; I; 208). 

* Intend.: E a un altro etc. — Di Arismino, vedi il Cavale, (op. cit.; 
vol. cit.; pg. cit.) e il Finzi (op. cit.). 

^ Intend.: E al signor etc. 

« Sott.: fu. 

' Sfrena: forse strenua. Nel Cavale, (op. cit.; vol. cit.; pg. 106): strenui 
e bellicosi viri. 



IL PICCININO. 



237 



Di quel di Pisa, intendi mia pensata, 
Cogli altri capitani essendo a cena 
Con sua loquentia sempre isbardel- 

lata:i 
„Siam tutti armati, dicea,'n sul mattino, 
„E assalteremo il campo Fiorentino.** 

54. 
Ognun consiglia quivi il suo parere; 

Il prefetto dicea: „Egli è buon detto.'* 

E '1 Colonnese per farli piacere, 

Che quel consiglio avea buon effetto, 

Dicea: „Ordinon con senno e con 

sapere.** 

E similmente diceva Carletto: 

Da Trivis, Arsimin : non furia, dice, 

„Se sopra lor volete eser felice.** 

55- 
E stretti a cerchio e tenendosi a mano 

Firmaron sopradetto parlamento. 

Il conte Antonio da Pisa, quel sovrano. 

In Marti rientrò la sera drento, 

Mettere in punto fé' ciascun villano 

Colla balestra e con lor fornimento; 

Di fuori, i capitani an comandato 

Che innanti giorno sia ciascun armato. 

56. 
Già non dormia quel franco capitano 
Da Tolentin Niccolò, con ardire; 
Una ne pensa il bue, una il villano.' 
Tutta la giente sanza sofferire' 
Faceva armare perchè sapea certano 
Come i nimici il vengano assalire 
Che spie secrete ha dal contrario canto. 
Sicché di loro affar sa tutto quanto. 

57. 
Poi il cancellieri di subito appellava; 

A Micheletto dicea che scrivesse 

E di tutto V affar si V avvisava 



Che 'n punto con su giente si mettesse, 
E la mattina, quando s* appicciava 
La gran battaglia, per ala fendesse: 
„Se in tal maniera fai, àremo honore 
„E agli avversari darem pena e dolore, 

58. 
„So che va, la volpe vecchia, piana.** 
Di tutto il fatto Micheletto avisa. 
Onde il comanda a sua giente sovrana 
Che siano in punto sanz* altra divisa. 
Armati e schierati in sulla piana 
Di qua dall'Amo del terren di Pisa. 
In sul mattino V un' e V altra gente 
Erano armati tutti virilmente. 

59. 
Ben gloriava Marte Dio sovrano 

Veggendo tanti armati a tale armare 

E tutti eran del populo Cristiano 

Non per Gerusalemme conquistare 

A trarla fuor delle mani del Soldano, 

Ma per la fede santa disertare.^ 

TJ Inferno ne faceva gran letitia 

Che vi aspettavano anime a divitia. 

60. 
Tutti li Dei con Marte furon tosto 
Accompagnarlo per udir tal arte, 
Mercurio, Giove e Vener senza sosto. 
Minerva con Nettuno e Pluto parte 
Vedendo il Ciel al suo voler disposto. 
Tra tutti gli altri Dei godeva Marte 
Vedendo tal battaglia con disire. 
E tanti sin si presso allo martire. 

61. 
Lodovico Colonna, quel saputo,' 
Dicea cosi: „O cavalier sovrani, 
„Per esser ciaschedun di noi temuto 
„Schiere quattro con du' capitani 
„Ognun sia' e fìa più ritenuto^ 



^ Isbardellata, per grandissima. 

' Altro antico e simile proverbio è: Una ne pensa il ghiotto e un* altra 
il tavernaio. 

* Sofferire, Nel senso di aspettare. 

* Disertare: dal lat. deserere. 

^ Saputo: dicesi di colui che presume di sapere. Ma è mal usato nel 
senso di persona che sa il conto suo. 

* Sott.: guida. 

^ E sarà più forte. 



238 



A. PELLEGRINI, 



„II campo nostro e siatene certani/' 

Cotale affare a tutti si piacea, 

Che si facesser le schiere ognun dicen. 

62. 
Il conte Anton da Pisa fu il primaio,* 
La prima schiera e '1 compagno Car- 

letto;* 
Quel Della Pergola grazioso e gajo 
La seconda guidò lui e '1 Prefetto 
(De' nimici non curano un denaio); 
La terza schiera di virtù ricetto 
Lodovico Colonna e suo brigante^ 
La sua compagnia, le lance spezzate. 

63. 

La quarta schera il Sig Ardiccione, 
Con esso lui da Trevisi Arismir.o. 
In ogni schiera v' avea mille baroni 
Che ciischedun pareva un paladino 
E in ogni schiera dugento pedoni 
Col conte Anton da Pisa baron fìno. 
Martìgiani, Palaresi, con lui andoe; 
Di questi mai verun 1' abbandonoe. 

64. 

Da Tolentin Niccolò capitano 
Le schiere fatte avea che* dubitava. 
Niccolò da San Piero, quel sovrano, 
La prima,^ e Accatabriga il secondava^ 
Con ì* altra schiera fu in quel verde 

piano, 
E Carapello la terza guidava; 
La quarta conducea, s* el dir non 

mente. 
Da Tolentin quel Niccolò possente. 

Avea con seco una gran pedonaglia 
Della qual non mi curo raccontare. 
Sopra li arcioni schierati in battaglia 
Li lor nimici stavano^ aspettare 
Che sapeano tutta la lor assembraglia 



E come den venir li per trovare, 
E li Ducheschi V affar non sapeano 
Ma sproveduti trovar li credeano. 

66. 
Il conte Anton con que' Martigiani suoi 
In verso suoi nimici se n' an darò 
E r altre schiere seguitavan poi. 

I nimici schierati vi trovaro, 

II conte Anton dicea: „O Martigian, 

a noi. 
Ferian sopra di lor sanza riparo 
E assaltarli con gran vigorìa 
Gridando, Duca Duca, tuttavia. 

67. 

E sopra Niccolò con mal talento, 
Ch' è da San Pietro, qual' io vi contai, 
Feritle forte il baron d* ardimento. 
Maninconioso e con superbia assai, 
(Che d' ira tutto si rodeva drento) 
„Si provveduto trovar non pensai", 
Dice in tra sé ; e poi gridava forte : 
„Ferite su; alla morte, alla morte." 

68. 
Ben lo scguia tutta la sua brigata. 
Ognun più fìero che lion e serpente, 
E la sua lancia il buon conte abbas- 
sava: 
Primo che scontra abbatte di presente. 
La lancia in cento pezzi fu fiaccata. 
Trasse la spada poi arditamente 
E sopra a Carapello un colpo dava 
Che in piana terra per forza il mandava. 

69- 

Di tal virtù lassò quel capo gire 

Che falli poco a toglierli la vita. 
La gente sua vendendol si ferire, 
Il seguitavan come gente ardita. 
I Mastigiani a pie, con buon volere, 
A chi cadeva toglievano la vita 



^ Primato: primo. Dante (inf.; V; i): Cosi discesi del cerchio primaio. 
^ Int.: a guidare la prima schiera furono etc. 
3 Brigante: Soldato a piedi. Sott.: guidò. 

* Che: delle quali. 

* Sott.: guidava. 

' Int.: e Accatabriga che lo secondava etc. 
' Sott.: ad. 



IL PICCININO. 



239 



£ de' pedoni facevan tal macello 
eh* era una scurità pur a vedello. 

70. 
E Carapello allor rimase preso 
Con moltri altri baron per tal tinore. 
E vedendosi allor cotanto offeso 
Da Tolentin, il gentil feritore, 
E per avere la sua ícente difeso, 
Nella battaglia entrò con gran romore 
Con Cattabriga e con le sue masnate 
In sulla veste le lance abbassate.^ 

7». 
Addosso al conte si mise a ferire, 

Sicché molti di lor ne scavalcaro. 

Allotta cominciarono a fuggire 

E '1 conte li sgridava a tal riparo: 

„Voltate, non v* incresca il sofFerire.'* ^ 

Allotta entrava in nello stormo^ amaro 

Dalla Pergola il conte grazioso 

E *l prefetto da Vico grazioso. 

72. 
Ahi quante prove fé* quel giovinetto 

Ch* è d' Agnolo dalla Pergola figliolo ! 
Primo che scontra, fé* dell* erba letto; 
Ruppe la lancia e poi nel folto stuolo 
Oltre si caccia; e quel gentil pre- 
fetto. 
Come sparvier in sulla quaglia, duolo*; 
Prima che lancia rompa sua persona 
Sì abbatte quattro, come mio dir suona. 

73- 
Ma niente valeva lo ferire, 

Che da San Pietro Nicolò valente 

Di quei del Duca assai facea morire ; 

Data era via a quel baron possente 

In ogni luoco pel suo grand* ardire, 

E Carletto il seguia, s* el dir non 

mente. 

Allotta alla battaglia entrò su poi 

Lodovico Colonna; e tutti i suoi 



74. 
Entrar con lui, quelle lance spezzate, 

Arismin dietro a lor con Ardiccione 

Sopra i nimici colle lance restate; 

Lodovico Colonna prò barone 

La sua possanza mostrò *d veritade. 

La lancia abbassa il valente campione 

Ad un; con tal virtù lo feri forte 

Che '1 cacciò del destrieri e dielli morte. 

75. 
Quelle lance spezzate ognun seconda 

Ferendo tutte con grand* arroganza. 

Il Colonnese, cui gran forza abonda. 

Trasse la sua spada (rotta la sua lanza);^ 

La prima schiera passa e la seconda. 

Dinanzi ognun li fugge per dottanza, 

E quel da Tolentin vede sua giente 

Fuggir: meravigliosi fortemente 

76. 

E dimandava a suoi: „Chi è costui 
„Che si soletto la mia gente caccia?" 
E tosto li rispondeva un de' sui: 
„Li huomini come rape fende e 

schiaccia ; 
„Credo che il diavol sia e non altrui'." 
E chi pur può, a suo scampo procaccia 
Di fuggir quanto può per que* sentieri. 
E i nostri li seguivan volentieri 

77- 
Or chi vedesse Jacopo valente 

Che è di Siena e Boldruin da Soragno, 

Polo, Alibrando, cavalier possente, 

E Pierin Turco di possanza magno, 

Da Cimasola, se *1 mio dir non mente ; 

Bartolomeo e Piero suo conpagno 

Che de' Visconti si faceva dire, 

Tutti ferian con valoroso ardire. 

78. 

Delle lance spezzate eran costoro 
Abbattendo i nimici e scavalcando 



^ Sott.: avendo. 

* Sofferire: sopportare. Cavale, (op. cit. ; I; 129), 

B Stormo: adunanza di uomini per combattere, dice il Diz. 

* Sott.: portava. 

^ Lanza, per lancia. Sott.: Essendo stata. 
' E non altrui = e non altri. 



240 



A. PELLEGRINI, 



E pigliando prigioni assai di loro. 
Il conte Antonio li venia consumando 
E Ardiccion facea macel di loro; 
E Arisimin sua forza dimostrando 
Il prefetto feria, sanza intervallo. 
Carletto rimontato era a cavallo. 

79. 
Isconfitto era quel da Tolentino: 

Fuggendo, se ne va per la campagna. 

Ed eccoti venire il paladino 

Micheletto cou sua brigata magna, 

E dumiglia cavalli a suo domino. 

Addosso a que' Tedeschi con gran 

vaglia. 

Per costa in furia 1' ebbero assaltati 

Che i nostri furo in tutto impaurati. 

80. 
Eran venuti si copertamente 
Che i ducheschi giammai non V avvi- 

saro K 
Micheletto feria francamente 
E la sua gente fresca a tal riparo. 
E assai n' abbatte, s* el mio dir non 

mente, 
E '1 campo molto ben rìconquistaro, 
E que' fuggenti eh' eran missi in caccia 
Ripreser cuore e seguitar la traccia: 

81. 
Sopra i ducheschi ognun feriva forte, 
Mostrando sua possanza valorosa. 
U Pisan conte vedendo il partito 
Che la sua gente non trovava posa, 
Che ognun sarebbe volentier fuggito. 
Li rinfrancava con mente gioiosa: 
„Se sostenete, vincitor saremo 
„E questo Micheletto romperemo. 

82. 
„Io so chi e' sono; e di questo vi 

fido«, 
„E' non son genti usati da battaglia. 
„Son tanto vili che udendo uno strido 



„Fuggiran più che non fa sparvier 

quaglia.« • 
Poi verso lor con disdegnoso grido: 
„Alla morte alla morte esta canaglia", 
E poi tra lor entrò con gran fierezza 
Ferendo con ismisurata asprezza. 

83. 

Lodovico Colonna si distese 
Tra quella gente con gran vigoria 
Tagliando loro ogni armadura e arnese. 
Per terra manda quanti ne giungia: 
Quel dalla Pergola, cavalier cortese. 
Feria con la sua firanca baronia; 
Il signor Ardidon mostra sua possa 
Et Arismin con la sua giente grossa. 

84. 
Ben dimostrava sua bramosa voglia 
Il valoroso da Vico prefetto 
Facendo lor portar gran pena e doglia, 
Tanto feria ben, quel giovinetto. 
Contra di lui non vale arme una foglia, 
E similmente faceva Carletto: 
Ciascun feria si gagliardamente 
Facendo de' nimici assai dolente. 

85. 

Quel da Siena, da Soragno Boldrìno 
E Pierin, Turco, e quel Polo Ali- 
brando 
Ben facea de' nimici il suo dimino; 
Quel Pietro Matto vien li consumando, 
La sua possanza mostra Cavagoino 
Abbattendo i nimici e scavalcando. 
Dall' altra parte mica non dormia 
Quel Micheletto pien di gagliardia. 

86. 
E colla spada fiere il guerrier drudo 
Di punta a un, sicché li passa il fianco, 
Et un altro ferì d' un colpo crudo 
Che gli tagliò la testa e braccio manco; 
E quel da Tolentin can sommo stndo* 
Mostrava sua possanza, il baron franco. 



* Awisaro. Qui è nel senso di scorgere. 

* Vi fido: vi dò fede. 

^ Intenderei: Fuggiran più veloci di una quaglia alla vista di 
sparviero. 

^ Studo, per studio. 



uno 



IL PICCININO. 



241 



Accattabríga la lancia abbassava 
E nello stormo furioso entrava 

87. 

E con Boldrin si fu ferito insieme 
Si smisuratamente, che amendue 
A terra giron e V un V altro insieme ; 
Raro si bella battaglia mai fue; 
Micheletto un feri, che sangue geme^ 
Giù per lo petto, tale il colpo fue 
£ alo' malamente inaverato. 
La battaglia era stretta in ogni lato. 

88. 
Stava in sul campo ardito combattendo. 
Più che non fa un velenoso drago, 
Quel conte Anton da Pisa, com* io 

intendo : 
Del sangue de' nimici facea lago. 
Ognun, sua parte, venia difendendo. 
D' aver vittoria ognun sarebbe vago ; 
E quando il vespro era su alto al 

mondo. 
Allotta la battaglia era in gran pondo ^i 

89. 
Da ogni parte assai ve ne moria. 
Pure i Ducheschi aveano il peggiore 
Bontà di Micheletto quella da . . ., 
Che gli era prima il Duca vincitore 
Se Micheletto non li soccoria 
Con la sua fresca giente in tal furore; 
Gagliardamente ciascun di lor fìede 
E, come ardito, 1* un 1' altro richiede. 

90. 
Mai si vid de si bella baronia 
Cosi dell' una come dell* altra giente. 
Lodovico Colonna a un che feria 
Corassa e usbergo non valse niente. 
Disteso morto cadde in sulla via 
E Micheletto fu di ciò dolente 
E poi più oltre con la lancia bassa 
Arditamente fra i nemici passa. 



91. 
Feriva forte con ardita cera*, 
Fendendo va là presso ogni lato: 
n conte Anton trovò alla primiera^ 
Nel mezzo dello stormo era cacciato; 
Ripresel Lodovico a tal maniera: 
„L* orgoglio tuo abbasserà lo stato 
„Del Duca di Milan cui tu vuo* bene. 
„E noi sarem disfatti per tal mene.'* 

92. 
Il conte vede che diceva il vero. 

Pien di dolor, udendo tal parlare, 

Missesi sopra di quel popul fìero. 

A molti si la fé* cara gostare: 

Giammai fu lion giovine altiero 

Che si potesse a costui somigliare, 

E d* ira e di fatica assai sudava 

E di danno e di vergogna; dubitava 

93. 
Se ognuno avesse si ben ferito 

Al campo, come fé* il conte Pisano, 

O quel prefetto, o quel Carletto ardito. 

Quelle lance spezzate, ognun sovrano, 

E '1 Colonnese di valor fìorito, 

Ardiccione, Arismino, ognun sovrano. 

Ma 1' altra giente non potea durare 

Contra que* freschi eh* ebbeno arrivare. 

94. 
E Micheletto addosso lor brocean do ^ 

£ quel da Tolentin buon cavalieri. 

£ dirieto lor venia seguitando 

Nicolò da San Piero, buon guerrieri; 

Accattabriga veniva spronando, 

£ tutti quanti gli altri soldanieri^. 

E con la forza di lor gente molta 

Misser per forza que* ducheschi in 

voltai 

95. 
E Micheletto sopra lor feria 

E colla lancia a un passava il petto 



* Geme» per versa. * E alo: e lo ha. 

3 Int.: era già vicina la sera, quando la battaglia era al suo colmo. 

* Cera, per volto. 

^ Alla primiera = dapprima. Sott.: che. 

® Leggi: andava broccando. Braccare, significa spronare, 

'' Soldanieri; iìinf soldatieri. Leggi Cavale, (op. cit.; voi. cit.; 1 74 -Nota.) 

® In volta = in fuga. 

Zeittchr. £ rom. PhU. XXV. 16 



2^2 



A. PELLEGRINI, 



E morto V abbattè sopra la via 
E sopra lor feria con gran dispetto: 
A ogni luoco egli era dato via. 
Assai sostenne di vero* il prefetto: 
E '1 conte Anton e '1 gentil Colonnese 
Contra i nimici ster sempre a difese, 

96. 
Ma niente valeva la lor contesa 
Che la lor gente tutta in fuga andava, 
E que' de' Florentin alla distesa 
La ducal gente sempre seguitava, 
Al conte Anton di ciò forte li prese, 
E '1 Colonnese a lui si rivoltava: 
Verso di Marti spronar fortemente 
Veggendo fuggir via tutta la lor gente. 

97. 
E Micheletto siegue li sconfìtti 

Ducheschi: uccide con grande iniqui- 

tade; 

E que* pedon di Marti si perfetti 

Tutti eran misi al taglio delle spade 

Si che le dure voci degli afflitti 

Faceano un tuono accesso di pietade. 

Combattendo incalciando e scavalcando, 

E di molti prigion givan pigliando. 

98. 

Di Marti fìno alle porte cacciaro 
La ducal gente con grievi martiri*. 
Più di trecento prigion si pigliaro. 
A sella vote v* è molti destrieri. 
Quanto vendesti lor tuo saper caro, 
O Micheletto, a' Ducheschi guerrieri: 
Gran quantità di morti e di feriti 
E di gagliardi gentili e arditi. 

99. 

E riposarsi in Marti quella sera 

Con grande affanno la duchescha gente. 
Ai Fiorentin fu noto siccome era 
Il campo rotto del duca possente: 
Le campane suonaro alla primiera, 



Su *n ogni torre il fuoco* di presente 
Perchè lo veggan tutte lor castella 
Che mai non ebben la miglior novella. 

100. 
Tu si vedevi '1 fuoco a San Jioliano 
Perchè da Lucha bene si scorgia, 
E simil. Monte Chiaro e Mon Sommano, 
Pistoja, Prato colla Scarpana, 
Simil Pescia col Borgo a Buggiano 
E Volterra, per la fede mia. 
Tu vedevi fuoco al monte Saminiato, 
Barga, Valdriana e in ogni lato. 

lOI. 
Di tal cosa ben puoi far baldoria, 
Firenze, e a Micheletto render gratia 
Che t* ha scampato, come dice mia 

storia. 
Di ringraziarlo non ti veder satia 
Che mai di te non era più memoria 
Per la virtù che in lui tanto si spatia; 
A luce* t' ha renduta un tal affare 
Né con laudo di tale operare. 

102. 
Tempo non era di tutta penitentia 
O malade tto Giugno primo die; 
O Diavol com* hai tu tanta potentia 
Che ab eterno ricordo ne fie*? 
O maladetta stella e tua influentia 
Che il Duca di Milano percoso ha sie*, 
E molte profetie tu hai mancate 
Che sì dovea disfar quella cittadc. 

103. 
Anco ne vivo in bella e gloriosa 
Speranza ancor di vederti pimita 
De* tradimenti e della brutta cosa 
Che voi usaste, o falsi sodomita. 
Le nove piaghe alla croce famosa 
Di cotal atto a chi più può si muta, 
Orribil visio tua natura prende 
O quanto per quest'atto Dio s'offende! 



* Dt vero, cioè, invero. 

* Martìri. Reminisc. Dantesca. 

* Sott.: accendono. 

^ A luce: in rinomanza. 

* Fie, forse per, fìa e quindi, sia. 

^ Sie, forse per, cosie (come dice ancora il basso popolo) e quindi, cosi. 



IL PICCININO. 



243 



104. 
La spada di lassù non taglia in fretta, 
Il tuo buon Dante tcstimon si rende. 
Quel Gesù Cristo, giustitia perfetta, 
Unicuique vera tribuendo, 
Secondo 1' opre tue, malvagia setta. 
Non si ritardi che per tempo essendo 
A te non paja, e tu o dolce Iddio 
Provede, eterno padre giusto e pio. 

Finito quinto canto. 

(Continua.) 



105. 
In sono stanco e tutto pien d' affanno. 
Però mi voglio alquanto riposare. 
E voi vi poserete col buon anno. 
E poi dirò nell' altro mio cantare 
Come l' imperio a Siena con affanno 
Andò, e anco vi vorrò narrare 
Del Piccinin la rotta ¡smisurata 
Che in Voltolina a Venetiani ha data. 



A. Pellegrini. 



i6* 



Franz. caillou ] lat. cociaca (vgl. Rom. XXIX, 438 tL). — Ober 
Laut- und Bedeutungswandel (vgl. Rom. xxix, 583 f.). 

„Lautgesetze" werden uns nicht unter Donner und Blitz ver- 
kündigt; mögen sie uns bei dem Aufsuchen von Wortgleichungen 
noch so gebieterisch vor Augen stehen, wir selbst haben sie erst 
aus Wortgleichungen abgezogen, zu denen wir auf primitive Weise 
gelangt sind. Diese allgemein befahrene Bahn habe ich nicht ver- 
lassen als ich Rom. £tym. II, 1 3 if. der Art und Menge lautlicher 
und begrifflicher Übereinstimmungen eine unmittelbare Beweiskraft 
beimafs; und wer mir „soit par pusillanimité, soit par principe" 
hier nicht zu folgen vermag, den bitte ich wenigstens zu sagen 
welche wesentlich andere Beurteilung des von mir dem lat. cochlea 
untergeordneten romanischen Stoffes überhaupt möglich wäre. 
Welche „wesentlich" andere; denn dafs im Einzelnen genug zu 
ergänzen, zu tilgen, zu berichtigen ist, das habe ich teils von 
vornherein zugestanden, teils ergibt es sich ohne Weiteres aus der 
skizzenhaften Form die ich gewählt habe. Ich will nun eine ganz 
kleine Partie meiner Darlegung — nämlich die auf welche A. Thomas 
mit dem Finger hingewiesen hat, in die Musterform umgiefsen, 
mufs mich aber dabei auf die mir augenblicklich zur Verfügung 
stehenden Thatsachen beschränken , obwohl mir keineswegs entgeht 
dafs Manches noch gröfserer Aufklärung bedürftig ist 

Wenn wir die dunkle oder strittige Herkunft eines Wortes ins 
Licht setzen wollen, so werden wir uns zunächst nach Wörtern 
umschauen die mit ihm in einem handgreiflichen Zusammenhang 
stehen; an das Axiomatische reichen wir hier freilich bei Weitem 
nicht heran. Niemand bezweifelt dafs in caillou derselbe Stamm 
enthalten ist wie in call, chail, -lie, ohne dafs sich die Unmöglich- 
keit des Gegenteils erweisen liefse. Ebenso sicher erscheint mir 
dafs das norm. pik. cay eux, cailleu „Miesmuschel" kein anderes 
Wort ist als das franz. caillou, alt und mdl. auch cailleu\ nur sage 
ich nicht dafs ich diese Meinung „pour rien au monde" aufgeben 
würde — für gute Gründe ist sie zu haben. Solange solche nicht 
vorgebracht worden sind, halte ich daran fest dafs für cail eine 
Herleitung nicht angenommen werden darf die nicht auch fur 
caillou und für cayeux pafst Endlich ist die dritte Entsprechung 
im Auge zu behalten, nämlich die zwischen franz. caillou, prov. 
calhau und port calhao (von Raynouard, Diez, Littré, Körting merk- 



FRANZ. CAUXOÜ ( LÂT. CX>CLACÂé 245 

würdigerweise calhäo geschrieben). Von dem zweiten Wort ver- 
mutet Diez, ohne triftigen Grund, dafs es entlehnt sei, von dem 
dritten behauptet er es, ohne Angabe eines Grundes. 

Ich bespreche zuerst Meyer -Lübkes Gleichung chail^ caillou \ 
gall. *kalljOj *kalljoV' j kymr. caill „Hode", Plur. ceilliau (Ztschr. XIX, 
q6 f.). Über das Besondere dafs die Singular- und die Plural- 
form ohne Unterschied des Sinnes im Romanischen fortleben, geht 
Meyer -Lübke hinweg. Auch das was er über „Stein" j „Hode" 
bemerkt, hatte meine Bedenken nach dieser Seite hin nicht zer- 
streut; jetzt allerdings könnte ich ihm zu Hülfe kommen, nachdem 
ich gefunden habe dafs deutsches Stein, dän. stem (vgl. schwed. 
pungsten), engl, stone, kymr. careg, ir. doch, gael. dach neben der 
Bed. „Stein" auch die: „Hode" besitzen. Dieses doch gehört, nach 
Stokes -Bezzenberger, zusammen mit kymr. caill zu *kal „hart sein", 
auf das Andere caillou ohne Weiteres zurückgeführt haben. Es fragt 
sich wohin kymr. cellt und calles tr, cyllestr (bret. kaillastr) „Feuerstein" 
zu stellen sind, welche man ebenfalls als keltische Verwandte von 
caillou angesprochen hat. Es bleibt aber bei der von Meyer - Lübke 
gefundenen Deutung der französischen Wörter eine Schwierigkeit 
über die ich durchaus nicht hinwegzukommen vermag. Darf man 
in kymr. ceilliau ein gall, ^kalljov- sehen? Allerdings entspricht 
kymr. -au (alt -ou, später -eu) einem gall. *-av-es, -ov-es (vgl. Lu- 
goves), aber das ist die Pluralendung von 2^-Stâmmen. Sie hat sich 
wie andere Pluralendungen im Kymrischen und im Brittischen über- 
haupt weit über die Grenzen ihres ursprünglichen Gebietes aus- 
gegossen. Vielfach hat sich daneben noch die oder eine ältere 
Endung erhalten, z. B. {llygad) llygaid und llygadau\ (Ilo) lloi und 
lloau\ (fforch \ lat. /urca) ffyrch und fforchau, oder es haben sich 
beide Endungen miteinander verschmolzen, z. B. {cloch \ mlat. ciocca) 
clych und clychau\ [sant j lat. sanctus) saint und seintiau; am Deut- 
lichsten ist das ersichtlich in dem dreifachen (ty) tai, teiau, tyau. 
Innerhalb des sekundären -0«- Gebietes hat wiederum ein unter 
bestimmten Bedingungen entstandenes -i-au um sich gegriffen. 
Wenn nun auch diese brittischen Analogiebildungen nicht nur, zu- 
folge den Schwankungen und Abweichungen, in die jüngste Zeit 
herab, sondern teilweise, zufolge den Übereinstimmungen, in frühe 
Zeit hinaufreichen, so dürfte es doch sehr kühn sein sie schon 
dem Gallischen zuzusprechen. Ob alte Zeugnisse für ceilliau bei- 
zubringen sind, bezweifle ich; der Plural war und ist wohl von 
diesem Worte nicht gar zu gebräuchlich, man sagt häufiger: y ddwy 
gaill (bret. ann daou gell). Sodann aber möchte ich die Frage 
aufwerfen ob nicht ceilliau ein ebensolcher Plural ist wie seintiau, 
mit andern Worten auf einen Sing. *rö// zurückgeht. S. Evans führt 
unter „testicle" an: caill und ceillen. Das letztere ist eine Singu- 
lativform, welche einen Plural caill voraussetzt; vgl. z. B. dal „Blatt", 
Plur. dail „Laub", davon wieder deilen „Blatt" (daneben dalen, Plur. 
dalenau). Gleichbedeutend mit ceillen ist eirinen, das aus eirin 
„Hoden" („Pflaumen") abgeleitet ist. Das pluralische caill mag 



246 H. SCHUCHARDT, 

durch das daneben aufkommende ceilliau in die Singularbedeutung 
gedrängt worden sein. Ganz ebenso ist deigr „Thräne" eigentlich 
Plural zu dem gleichbed. dagr (daher singularisiert : deigryn), in 
dieser Funktion aber durch dagr au (detgrau) ersetzt; so sagt der 
Nordkymre satn/ („Heilige") für den Sing, san/f u. s. w. Kymr. *caii, 
cat'//, so erklärt, stimmt zu bret. ka//, ke//, nur dafs dieses männlich, 
jenes weiblich ist (vgl. der, dit Hode), und demnach müssen wir 
wohl für das Gallische *iia//'0 (*^ä//-5), nicht *lia//'jo ansetzen. Die 
zweite Form hat in dem gall. ca//iomarcus „Huflattich" keine feste 
Stütze; in dem ersten Teil dieser Zusammensetzung kann nur ein 
Wort stecken das „Huf" oder „Fufs" bedeutet (vgl. equi ungula, 
Rosshuf, pas'd^âne oder sabot de cheva/, co/Cs foot, kymr. cam yr 
eho/, bret. pao-marc^h, troad-marc^H). Das Bretonische kennt noch 
ka/c*h „Hode" j *ka/'ko. Das altir. cau//ach weist auf einen c^-Stamm 
zurück. Schliefslich wird durch die getrennte Verbreitung von 
cai//ou, ca/hao die Wahrscheinlichkeit keltischen Ursprungs noch 
gemindert, die nach der Zahl der sichern Ergebnisse sowie nach 
gewissen allgemeinen Erwägungen für ein romanisches Wort über- 
haupt keine allzugrofse ist. Wie anders als diese Gleichung 
zwischen cai//ou und cei//iau wirkt auf uns die ein welche Meyer- 
Lübke selbst unmittelbar nach dem hier erörterten Artikel bringt, 
zwischen lad. (obwald.) carmun „Wiesel" und einem aus dem 
Deutschen und Litauischen nur erschlossenen gall. *karmdn'. Die 
Keltizität dieses Wortes scheint mir, wenn ich das bei dieser Ge- 
legenheit erwähnen darf, durch das inschriftliche Carmo Adnami Hb. 
erwiesen, das ich bei Holder angeführt finde (auch die Römer 
kennen Muste/a als Männemamen), und überdies vermute ich "^kar» 
mon- sowohl in kymr. car/wm m. „Hermelin" (-{-//wm „nackt"?) 
als in bret. kaere/ w. „Wiesel", das durch die Analogie des franz. 
be/ette nur beeinflufst sein würde; denn die Ähnlichkeit beider 
Wörter ist zu grofs um als eine ganz zufällige zu gelten, ander- 
seits entspricht dem bret. kaer „schön" nicht kymr. car*, sondern 
cadr „stark". 

Gegen ca/cu/us \ chai/, woran Thomas festhält, habe ich an sich 
Nichts einzuwenden. Ein vulgärlat. caucu/us ist allerdings seit ver- 
hältnismäfsig früher Zeit und häufig belegt; darf man aber mit 
Meyer -Lübke annehmen dafs dadurch auf dem ganzen Gebiete 
ein *cac/us ausgeschlossen wäre? Ober das Verhältnis von caillou 
zu chai/ schweigt jedoch Thomas. Das schon von Littré bean- 
standete Suffix -avus wird im Diet gén. wieder aufgewärmt und 
von Meyer -Lübke neuerdings abgethan. Indessen hätte er nicht 
sagen sollen „dafs prov. -au, afr. -ou, -o, -eti sich nur unter -otvi, 
-au vereinigen lassen" ; er hat fau, fou, fo, feu j fagus vergessen. 

V. Henry Lex. étym. du breton moderne S. 50 ist geneigt die 
lateinische und die keltische Herleitung von cai//ou miteinander zu 
verknüpfen, wobei sich im Romanischen Urverwandtes (kelt *kal-et0' 
„hart", lat. ca//um\ kelt. *iia/-ko- „Hode", lat ca/cu/us) wieder zu- 
sammengefunden hätte. Dafür dafs die Grundbedeutung von caälau 



FRANZ. CAILLOU LAT. COCU.CA. 



247 



die des Harten sei, wird angeführt „que sur toute la côte caillou 
signifie ,rochei'". Es kann sich ja mit caillou ebeoso verhalten 
wie mit pierre \pe(ra\ aber die Sprache kann auch umgekehrt vom 
Kleineren zum Gröfseren vorgeschritten sein, wie ja die lai, Dichter 
silex im Sinne von „Felsen" gebrauchen. Von der Endung in 
caillou redet Henry nicht. 

Wenn diese etymologischen Versuche der Form cailiou nicht 
Herr werden, so berücksichtigen sie cailleu „Miesmuschel" nicht 
einmal. Man könnte nun sagen: indem ich von vornherein Beides 
zusammenstelle, gelte mir die Ähnlichkeit zwischen den beiden 
Dingen als eine gan« augenfällige, und ich dürfe demnach einen 
besondern Beweis für die Entwickelung „Kiesel" j „Muschel" nicht 
verlangen. Ich bin kürzlich auf dem Gerolle eines Flusses hin 
und her gewandert, und habe mich davon überzeugt dafs die 
Steine zwar die man ni ch faltigsten Gestalten zwischen Kugel und 
Scheibe aufweisen, zum gröfseren Teile aber doch solche welche 
denen der verbreite tsten Muscheln mehr oder weniger ähneln. Da- 
bei suchte ich mich in den Vorstellungskreis einfacherer Menschen 
zu versetzen, und ich begriff es dafs man die Steine nach den 
Muscheln mit denen sie die Wiege teilen, benannte, das Unorga- 
nische nach dem Organischen, das doch zunächst Aufmerksamkeit 
und Teilnahme erregte. Kurz, die Auffassung der Kiesel als 
falscher oder todter Muscheln, oder geradezu als versteinerter, 
dünkt mich natürlich. Hingegen vermag ich mir die der Muscheln 
als Kiesel nicht zu vergegenwärtigen, und man wird sich dafür 
auch nicht auf die Bezeichnung e" 
cinum lapillüs „Steinchen" berufen. 
Kuchens als galette im Franz., 

Diet, gen.) von galtt „(platter) Kiesel" ableitet; doch wenn auch 
dieses wieder auf das gleichbedeutende altfranz. gal zurückgeht, 
so ist damit die Fortpflanzung von galet zu galette noch nicht 
- auch bleibt zu ermitteln woher gal kommt.t Wenn 



r gewissen Schnecke als Buc- 

Ehcr auf die eines platten 

1 man allgemein (so auch im 



' Ich will nur darauf aufmerksam machen è.^X% Italien aufser gallitla 
„Schi ffät wieback" »uch ein galletto mit einer verwandten Bedeiilung kennt. 
Toïk. gattini rind nach Fanfani „certi sgonfiqlli di pasta alquanto dolce . . , 
fritti in padella" (sie beifsen auch coccoli; vgl. Rom. Etym. Il, 24). Piem. 
galèt eikiirt Zalli als „specie di schiacciata, che si fa in forma d'un gallo, 
o d' DQ fantoccio, quando si cuoce il pane, per durla ai fanciulli, gaietta, 
focacdo, Ubatn, popanum, gaiette". Dies erinnert wiedeiam »a sud (ranz, ^u 
de paste „coq eo pale que l'on fait cuire au four pour donner i un enfant" 
(Mistral). Hingegen täfst sich ein Zusamtnenhang von besrn. galtiet „Btod" 
(von Weizen. Roggen, Mais), gatliau „Stück Brod" mit galli, gatheu „Hahn" 
schwer Bonchmen. Andere Wörter der Gestall galletto, -a weisen mil grò&erer 
odd gerinncrer BesLimratheit ani gatta „Gallaprd" hin. Insbesondere das Ton 
den franz. Wbh. verzeidinele galet „Nelzboje", welche Bedeulung das Diel, 
gin. als erweiterte technologisch e von „Kiesel" (a!st. Der Ausdruck ist süd- 
französisch; an der Küste von Celte bedeutet galtet die „Korkboje" für das 
kleine Gaogui (Zugnetz) — in Ostspanien heiCst die ,,KDrkboje" lür den 
Palangre (Angelschnur) gall (vgl. kat. gall „Wasserblase", arag. hen-ir d gailos, 
ital. gallare, galleggiare, ¡tare a galla). Ich balte ea nicht einmal für ^ni- 



248 H. SCHUCHARDT, 

CS sich darum handelte Zeugnisse für das Umgekehrte, die Be- 
nennung des Kiesels nach einem organischen Gebilde, vorzu- 
bringen, so würde die Herkunft des span, gmja „Kiesel" von guija 
„Kichererbse" (Ztschr. XXIII, 195) ein nicht anzufechtendes sein. 
Noch näher läge lat. silex „Kiesel", siliqua „Fruchthülse", kirchensl. 
skolika „Muschel", skala „Fels" (Brugmann Vergi. Gramm.^ I, 855). 
Doch bedürfen solche vorgeschichtlichen Bedeutungsübergänge selbst 
des fremden Lichtes mehr als dafs sie Licht zu spenden geeignet 
wären. Ich kann mich wohl mit der Anführung eines einzigen Be- 
leges für „Muschel" ¡ „Kiesel" begnügen; denn er ist nicht nur an 
sich einwandsfrei , er deckt sich auch lautlich mit den in Unter- 
suchung stehenden Wortformen, und schliefst somit schon die 
Lösung der ganzen Aufgabe in sich. Ich darf mir nicht das Ver- 
dienst beimessen diesen Zusammenhang entdeckt zu haben; aber 
ich bin auch nicht im Stande zu sagen wem es gebührt — ich 
weifs nur so viel dafs Mistral zu südfranz. caiau das lat cociäax, 
gr. xáx^^§ stellt, von denen aber die lat. Wortform nicht belegbar 
ist. Wie sich xóyxVf 'X.oyi'^Xiov im Lat. ganz eingebürgert 
haben, so zwar nicht TiOxXoq (für *xÓYX'^^Cf ^S^- xo/^-v-Jljy), 
das nur als Fremdwort bei Plinius vorkommt (cochloe PI.), aber doch 
die uns hier insbesondere angehenden: 

xox^ícíc \ cochlea „Schnecke", cochleae „lapides marini vel flu- 

minales" (Gael. Aur.) ; vgl. auch 
De -Vit zu einer Stelle des 
Martyr. Rom. 

xax^^ìè „Schnecke"; Suidas xóx^a^, xax^fjè {^^X^''è)> 
sagt: elóog Ç^œvq>iov rivôç, xáx^cc^ (so im Vat. 4 der 

wie er xox^iàiov deutet Schol. Theokr. VI, 1 2), daneben 

als: tlóog ^œvg)lov\*caclacu neugr. auch xox^áói „Flufs- 

j südfrz. cacarau „Schnecke", oder Meereskiesel" j coclacae 

mdl.-frz. cailleu „Muschel". „lapides ex flumine rotundi 

ad cochlearum similitudinem" 
(Paul. Diac.) j prov. calhau, franz. 
caillou „Kiesel". 

Das Verhältnis dieser Formen zueinander ist ganz klar und schliefst 
die Annahme einer Verwandtschaft von xax^fjè sei es mit dem 

lieh ausgeschlossen dafs irgend ein Zusammenhang zwischen galla und altfranz. 
gal besteht; man erwäge südfranz. ga/o „Gallapfel" und „Spielkügelchen" (woran 
sich vielleicht die Verben galeja „im Siebe hin und her schütteln", „Kiesel hin 
und her bewegen", mdl.-franz. galer» gaelter „Steine u. A. rollen") anschliessen. 
Auch im Slawischen haben wir diese Bedeutungsentwickelung: serb. gálica, 
slow, galka „Gallapfel", tschech. hálka„ Gallapfel", „Kugel", „Spielkügelcben*< 
{haluska „Knödel"), poln. galka „Kugel", „Spielkügelchen", ruthen. galka 
„Kugel", russ. galka „bunte Glaskugel" (vielleicht ist von dieser Seite her im 
Anlaut beeinflufst russ. galjka „Kiesel", das ich für griech. xá?u^, neu ;^ecA,txaç 
„Feuerstein", yaiJsci „Kiesel" halte). Man vergleiche noch sard, (log.) Idd* 
darà, Idddera „Gallapfel", laddia, laddiéra „Kiesel" (doch will ich nicht 
verhehlen dafs P. Rolla im See saggio di un voc. etim. sardo S. 78 laddija 
aus *lapidicula erklärt), und gewisse Fortsetzungen von cochlea. 



FRANZ. CAILLOU ( LAT. GOCLACA. 249 

gleichbedeutenden x^^^ëf ^^^ ^^ ^^^ Hagel aus. Das Griechische 
kennt in der Ableitung nicht blofs -ax-, sondern auch -äx-; so 
haben wir z. B. mit a dvvpa^ „Thunfischchen", xXlua^ „Leiter", 
mit ä Xaßca^ „Meerwolf" (von XaßQog „gierig**), örofica^ „prah- 
lerisch" (von axófitpoc, „Prahlerei**). Dem Xld-a^, -äxoc „Steinchen" 
steht gegenüber das gleichbedeutende dor. tpágia^, -âxoç. Bei 
manchen Wörtern sind wir über die Messung nicht unterrichtet 
oder durch die Wörterbücher in unzuverlässiger Weise. An xox^äx-, 
xaxXäX' jedoch ist nicht zu zweifeln, da das a dem jon. att r¡ 
von xáxXfjX' entspricht; vgl. ïç7j§,'7jxoç = ?()«§, iéça§, -âxoç. 
Wie der Wechsel von a und o im Stamme zu erklären ist, bleibt 
für die Hauptfrage ohne Belang. Vielleicht wirkte xaÀxi] „Purpur- 
schnecke** ein {xóx^og, xoyx^^V bedeuten dasselbe); vielleicht 
xaxXá^eiv „plätschern**. Jedesfalls brachte man dies Verb mit 
xáxXrj^ in Zusammenhang: rò xZfda xaxXá^si sei so viel wie 
csQÓfdSVov èjtl Tovç xax^^xaç tpoçpeî xái r¡x^l. Es findet sich 
auch mit o, und Legrand verzeichnet gerade xox^àtp:) als die 
eigentliche volkstümliche Form im Neugriechischen. Im Roma- 
nischen setzt sich cochlea mit beiden Bedeutungen fort; aus den 
Rom. Etym. wiederhole ich hier andeutungsweise: 

„Schnecke**, „Muschel**: „Kiesel**, „Stein**: 

3. cros^ erosa, eros, 
burg, ereuge de riveire 
„Flufsmuschel** (Rolland 

Faune pop. Ill, 219), 

4. code, cocula, cogolo. 
7. coque, etico, coch, cuce. 

9. chioccola, chiocquelo, 

14. eìocchele, cìongheU, 

Gal. croyo, cqyo „Kiesel**, dessen wechselnder Anlaut Verdacht er- 
regt, läfst sich doch mit der cochlea-Gruppe vorderhand nicht ver- 
eim'gen. Und ist es nun zu kühn wenn ich dieser Doppelkette 
das Glied: 

I. coghia, caj, call, chail, 'lie 

einfüge? Das a für kann ja zunächst aus xáx^ij^ auf cochlea 
übertragen sein; es kann aber auch aus andern Wörtern stammen 
die begrifflich mit cochlea assoziiert worden sind. Der thatsächliche 
Wechsel zwischen a und liegt in so viel andern synonymen Wort- 
formen gleichen Ursprungs vor: 

I. coghia, caj, 

3. erosa, crasa, 

4. {cochlea „Schildkröte** Stat, cagado, cáculi, 
Silv.) coda, cócora, 

5. eroga, er acó, claque, 
7. coca, caco. 



250 H. SCHÜCHARDT, 

Besonders allerdings în unbetonter Silbe: 

7. cocogne^ cacagnò, 

coucassoun, cacasson, 

coquelh^ caquelle, 

16. cocal, cacai, 

1 7. cocoille, cagoulho (daher franz. cagouilU). 
c) I. 5. cuclun, caclun. 

7. cucurtf cacone. 

Man vergleiche noch cogula — cagoule y coucoulucho — cacalucho, coS" 
colha — cascolha, coscabel — cascabel, cosco — casco, escougassa — 
esca gassa, escor coilla — escarcaia u. s. w. „Oa en croira ce qu'on 
voudra". Aber wird denn in andern Fällen, mag auch über das 
einfliefsende Wort noch gröfsere Unsicherheit bestehen, die Ver« 
tretung des durch a in Zweifel gezogen? Etwa in locusta \ ^/ö- 
custa, tortuga j tartugàì Ich habe schon gesagt dafs auch der 
welcher die Phonetik als alleinige Herrin anerkennt, nicht sicher 
davor ist „qu'il ne sème les ruines sur sa route". Das Diet gén. 
haut mit einem kräftigen Hieb die eine Torte in drei ganz ver- 
schiedene Torten auseinander: tourte könne nicht von lat tortus 
d. h. tortus zu tor quere herkommen, und der Ursprung von tarte sei 
unbekannt. Aber torta lebt ja fort in südfranz. torto (= torcc^ — kymr. 
tort, bret. torz beweisen weder für 0, noch für 0, für letzteres 
neap, tártano, kal. iôrtanu „Bretzel" j tor tula \ die Verschiedenheit 
zwischen offenem und geschlossenem Vokal pflegt bei gleicher Be- 
deutung nicht als Anzeichen verschiedenen Ursprungs aufgefafst zu 
werden , selbst wenn noch keine passende Erklärung dafür vorliegt 
Für torta j tçrta weifs ich keine; man entschliefst sich schwer dazu 
an *torrere zu denken, das verschiedenen romanischen Formen zu 
Grunde zu liegen scheint aber noch schwerer einen Einflufs von 
turtur anzunehmen, das ja nicht in dem Sinne von „Taube" 
schlechtweg vorkommt (vgl. südfranz. couloumb, couloumbo „tauben- 
fbrmiger oder mit einem Taubenbild versehener Kuchen", Ital. 
colombina „taubenförmiges Osterbackwerk") ; auch die „pâtés de 
tourtres" helfen hier nicht weiter. Mit einiger Sicherheit läfst sich 
hingegen behaupten dafs tarte aus einer Verschmelzung von torta 
mit tartarum „Weinstein" hervorgegangen ist Die Herleitung dieses 
Wortes vom arab. durdt „Bodensatz von Milch, Öl, Wein" ist in 
jeder Beziehung unwahrscheinlich; wohl aber haben die Araber es 
ihrerseits von den Südeuropäern entlehnt: farfir. Wie immer es 
zu deuten ist, es dürfte nicht aus alchemistischen Kreisen stammen, 
sondern ein altes volkstümliches sein, das sich in die Gelehrten- 
stuben geflüchtet hat. Es wird gleich áoxsxf accula (çpfc'xA?^, ú^éxZffjf 
das von ihm abgelöst worden ist, in einem weiteren Sinne gegolten 
haben, wie ja auch das span.-arab. flirtar {farfaq) bei Simonet mit 
den Bedd. „Ölhefe" und „Weinhefe" verzeichnet ist Das südfranz. 
rauso vereinigt mit den Bedd. „Weinhefe", „Weinstein" auch die: 
„Scharre" (franz. gratin), und diese letzte, vermute ich, hat auch 



FRANZ. CAILLOD ( LAT. COCLACA. 25 I 

dem larlarum geeignet. Die Scharte, d. fa. der innere Belag des 
Kochgelafses, die angebackene Kruste der Speise ist nicht immer 
etwas Verächtliches oder Verachtetes; sie bildet öfters das Deli- 
kateste der Speise, die daher in der metallenen oder iböuerDeri 
l'orm aufgetragen wird. Der Teil gibt dann leicht den Namen 
fürs Ganze ab; vgl. allit. crosla für crostala, franz. gralin (un es- 
cellent giatiu, un gratin de pommes de terre). Und so hat sich 
denn zunächst aus torlula-^-larlaro ein larlara entwickelt, welches 
so viel war wie „Scharrtorle", d. h. Torte mit guter Kruste {in ge- 
wissen Gegenden Thüringens bezeichnet Scharrplaiz allerdings den 
letzten, aus zusammengescharrten Teigresten gebackenen Kuchen). 
Itali tartara ist nach Tommaseo -Bei li ni eine „torta, fatta di pappa, 
mandorle e zucchero"; nach Fanfani kommt das Wort in den 
I-uïusgesetzen des 13. und 14, jhrhs. oft vor und lebt heute noch 
im Gebiete von Arezzo. Cherubini erklärt mail, táritra, tártara, 
tarlarin als „torta cotta in legame con legghia sopra, e composta 
di latte, zucchero ed uova insieme dibattuti" (ähnlich Monti); Zalli 
piera. larlra als „vivanda fatta con latte, ova dibattute, ed aromi, 
il tutto rappreso col fuoco a modo di pasta tenera"; Malaspina 
parm. tarira als „torta fatta con latte, uova dibattute, mandorle e 
zucchero". Man setzt die tarlara dem latlarolo der Marken, der 
rosada Venedigs gleich. Das j'iltere Französisch kennt noch die 
Vorm tartrt (Litlré gibt Beispiele aus dem 14. und 16. Jhrh.); indem 
sich dies wiederum mit tourtt mischte, entstand entweder tarle 
oder (lim.) lourlrù. Torta ¡st demnach die Stammform an die sich 
die übrigen anlehnten und begrifflich anglicfaeo; dafs mit diesen 
Abarten oder Unterarten der loria bezeichnet wurden, ergiebt sich 
aus dem Nebeneinandergebrauch: „turtas quas appellant lortas'^ 
(DC; Piacenza 1402), „torttUint a modo di larlart" — „la torta, 
la tartara, la larlaretla" (Tommaseo -Bellini), „lartrons, lotirftau" 
(Godefroy). Die Forra mit hat sich gelegentlich auch die ur- 
sprüngliche Bedeutung der Form mit a beigelegt: bask, tartika 
„Bodensalz", „innerer Belag von Koch- und andern Gcfäfsen" 
(span, lor tica „Törtchen"). 

*Caclaai für 'cachea bedarf keiner ausführlichen Begründung; 
xáxÍLTjS ist männlich wie auch xo)[Xiaç, und es mochten ¿apii, sHtx, 
taxum einwirken. Thatsächlich sind die auf focfüea zurückgehenden 
romanischen Wörter für „Stein" fast alle männlich, doch steht z. B. 
neben c/iail noch rhailU. 

"Caciagli für *cac/acu habe ich angesetzt um nicht in Wider- 
streit mit franz. -ai \ -ae { -acu zu geraten. Es ist aber dieser Über- 
gang mitten zwischen -(ij^tt \ -neu [ -ogu [ -ocu {¡itu) und -icu \ -(ya 
I •fcu (Grieu) sehr auffallend, und man hat ihn in der Thal, aber 
rnit zu gewaltsamen Mitteln, aus der Well zu schaffen gesucht. 
Das g in 'cadagli liefse sich aus Dissimilation erklären; aber auch 
Anderes ist möglich, es kann sich damit verhalten wie mit dem g 
von ital, lago, für das freilich selbst noch keine befriedigende Deu- 
tung vorliegt. Doch stimmt dazu das südfranz. lau, und zu diesem 



252 H. SCHÜCHARDT, 

wieder cacar au^ calhau\ mit altfranz. lai verträgt sich hingegen 
caillou nicht. 

Thomas gibt die Möglichkeit von *caclacu, *caclagu zu; nur 
durfte er jenes nicht auf Rechnung einer „confusion entre les mots 
grecs xóx^cL^ et xáx^fj^** setzen — das sind ja mundartliche 
Formen eines und desselben Wortes, es handelt sich blofs um 
dorischen oder jonisch-attischen Vokal. Wenn er dann meint dafs 
*caclagu ein — ihm zufolge unmögliches — „déplacement d^accent** 
erfahren haben müfste um zu caillou zu werden, so nimmt er oflfen- 
bar das cocläcat von Porcellini und De -Vit in gutem Glauben hin, 
und so könnte ich denn mit besserer Begründung ihn dessen be- 
schuldigen wessen er mich beschuldigt, nämlich: „de faire trop 
bon marché de la phonétique". 

Ich jedoch halte mich weit entfernt von solchen Verallge- 
meinerungen, nicht sowohl weil man den Personen, sondern weil 
man der Wissenschaft selbst damit zu nahe tritt. Und bei dieser 
Gelegenheit möchte ich einem Mifsverstandis vorbeugen. Wenn 
man in meiner gegenwärtigen und in meiner früheren Auslassung 
über den Artikel von Thomas etwas von Unmut spüren sollte, so 
verwechsele man doch einen Oberton nicht mit dem Grundton. 
Ein Urteil das sich iii einer bestimmten Frage einem andern aus- 
führlich begründeten gegenüberstellt, sollte, falls es einem ñüchtigen 
Eindruck entsprungen ist, überhaupt nicht aufs Papier gebracht 
werden; falls es auf durchdachten Gründen beruht, nicht ohne 
deren Angabe oder doch Andeutung. Wird anders verfahren, 
so besteht im Allgemeinen die Gefahr dafs Behauptetes sich als 
Bewiesenes verbreitet, und für den Urheber des ersten Urteils die 
Verlegenheit dafs er in Unkenntnis dessen was gegen ihn vorliegt, 
sich weder zu verteidigen vermag, noch sich zurückzuziehen Anlafs 
hat. Statt dafs die Verhandlung sich bis zu irgend einem Aus- 
gleich stetig fortsetzt, wird sie plötzlich gesperrt. Ich hatte mich 
auf G. Paris' ablehnende Äufserung über sage \ sapidus (Rom. 
XXVIII, 165) bezogen und sehe nun dafs sie in einer etwas 
andern Form erfolgt ist als mir vorschwebte. Er würde die Frage 
gern erörtern, nur fehle es ihm gerade an Zeit dazu. In der 
Sache wird dadurch Nichts geändert; ich befand mich über seine 
Meinung um so mehr im Unklaren als die Bemerkung dafs man 
seit Diez sage auf *sapius zurückführe, nicht richtig ist. Jetzt hat 
er in seiner Besprechung von H. Bergers „Die Lehnwörter . . . ." 
(Joum. des Sav. Mai -Juni igcx)) S. 26 diese Frage wiederum be- 
rührt, allerdings nur mit leisem Fingerdruck. Er ist zu keiner 
festen Ansicht gelangt; aber das Diezsche aus nesapius abgezogene 
"^sapius hat er aufgegeben und setzt eine Form sapius „du latin 
des clercs" an, deren Erklärung ungewifs und die „dans la pro- 
nonciation des clercs" zu sabius geworden sei. Den Anteil der 
Geistlichen an der Bildung und Weiterbildung des Wortes vermag 
ich mir nicht recht vorzustellen; die Hauptsache aber bleibt doch 
dafs *saòius nur aus einem dreisilbigen *sapius hätte hervorgehen 



Ober laot- und i^deotükoswandel. 



Î53 



können (ein zweisilbiges hätte franz. saché' eigebeo], ein solches 
jedoch, wie ich gezeigt habe, für eine späte Zeit ganz unannehm» 
bar ist Ich werde geduldig darauf warten dafs mein verehrter 
Freund oder sonst Jemand meine Gründe für sapidus j sagt einer 
sorgfaltigen Prüfung würdige, und ich bitte auch die Andern so lange 
zu warten ehe sie meine Aufstellung verwerfen. Wenn G, Paris an 
Jener Stelle der Romania von den Seilen meiner Abhandlung sagt 
dafs sie „instruisent et suggírenl" und das zweite Wort ira Drucke 
hervorhebt, so versichere ich dafs mir die Absiulit der Suggestion 
durchaus fern gelegen bat, und ich glaube auch tbaLjächlich keine 
Handhabe für eine etwaige Anti -Suggestion geboten zu haben. 



Die Beleuchtung in der A. Thomas meine „Romanischen Etymo- 
logicen" gezeigt hat, stammt aus einer Lichtquelle über deren Natur 
er selbst uns im Dunkeln läfst (s. Ztschr. XXIV, 5Q2 ff). Inzwiscben 
hat G. Paris, mit dem, wie ich vermute, Thomas hier übereinstimmt, 
einen kurzen Bericht über E. Wechsslers Schrift: „Giebt es Laut- 
gesetze?" veröffentlicht (Rom. XXIX, 583 f.), und durch diesen fühle 
ich mich dazu angeregt im Interesse meines Falles jenes Feld der 
Prinzipien nun mit einem Blick aus der Militärperspektive zu um- 
spannen das ich oft genug durchpflügt habe um mich vor der 
Erneuerung solcher Arbeit zu scheuen. In Bezug auf das Einzelne 
in Wechsslers Arbeit weicht meine Ansicht von der Parisschen 
kaum ab; der titund- und Aufbau aber fordert meinen Wider- 
spruch heraus. Das Verhällnis zwischen der Praxis und der feier- 
lich verkündigten Lehre, welches Wechssler an die Spitze stellt, hat 
er nicht richtig erfafst: jene ist dieser voraufgegangen — wiederum 
genüge das Beispiel von Ascolis „Saggi ladini" — , diese ist nur 
ein Versuch jene zu kodifizieren; durch die Aufnahme von so 
vielem Abgethanen und Seitwärtsliegenden büfst die Erörterung der 
noch lebendigen oder wieder belebten Streitfrage sehr an Schärfe 
ein; diese ¡st zudem aus der deduktiven Sphäie in die induktive 
verpflanzt und auf ein enges Gebiet eingeschränkt, und damit läfst 
sich schliefslich die Absolutheit des Titels nicht vereinigen. Aber 
auch an sich genommen macht uns derselbe zu schaffen. „Gibt 
es Lautgesetze?" gehört zu den Ex ¡sten zia 1 fragen, und diese haben 
den allgemeinen Sinn: „ist etwas in der Vorstellung Vorhandenes 
auch in Wirklichkeit vorhanden?". Di« beiden Arten des Vor- 
handenseins scheiden sich deutlich z. B. in der Frage: „gibt es 
Cenlauren?", in der unsrigen fiiefsen sie ineinander über. Ich 
vermute, der Verfasser hat mit der Titel frage besagen wollen: „ver- 
dient das was als Lautgesetze gilt [ihm selbst gelten durchaus nicht 
alle Lautveränderungen als solche], diese Bezeichnung?"; dann 
wenigstens würde das letzte Wort der Schrift dazu ütimmen: „In 
diesem Sinn können wir nach wie vor von .Lautgesetzen' sprechen." 
Der betreflende Sinn ergibt sich aus einer bestimmten Definition 
des Wortes „Gesetz". Aber der Ausdruck „Lautgesetze" bleibt 



254 H. SCHUCHARDT, 

mehrdeutig: Wechssler selbst gibt zu dafs die zunächst darunter 
zu verstehenden empirischen Gesetze durch kausale zu ersetzen 
seien; es sind andere Lautgesetze denkbar als die der Laut- 
geschichte, und die Entstehung des Ausdrucks — nach Wechssler 
ist es eine Abkürzung aus „Wohllautsgesetz" — macht uns ihn 
nicht annehmbarer. So viel also stellen wir fest dafs hier ein 
Streit um Worte vorliegt, und die steten Mifsverständnisse über 
die man sich beklagt, sind die fast notwendige Folge der Freiheit 
die sich Jeder nimmt ein Wort so oder so zu deuten, einen Be- 
griff so oder so zu bezeichnen. Auch in den Äufser ungen von 
G. Paris über die Wechsslersche Schrift ist das terminologische 
Element nicht reinlich ausgeschieden, obwohl er selbst alle Ein- 
wendungen von der einen Seite auf ein Mifsverständnis zurück- 
führt. Die Lösung: „il y a des lois phonétiques, et ces lois, comme 
telles, ne souffrent pas d'exception" betrachtet er „comme tellement 
évidente qu'il suffit de l'énoncer pour qu'elle s'impose". Der Um- 
stand dafs sie sich eben nicht Allen aufgedrängt hat, spricht schon 
genügend für ihre Nicht -evidenz, diese ergibt sich aber direkt aus 
der Möglichkeit ihrer verschiedenen Interpretierung. G. Paris sagt: 
„il faut prendre ici le mot de lois dans un sens particulier et 
restreint"; und wem will man es verbieten die „dérogations que 

l'on constate dans toute langue aux lois qui régissent les 

mutations phonétiques" mit dem Namen „exceptions" zu belegen? 
W. Wundt Völkerpsychologie (iQOo) I, i, 350 sagt dafs bei den 
empirischen Gesetzen, zu denen die „Lautgesetze" zu zählen seien, 
„von einer ausnahmslosen Geltung unter keinen Umstanden die 
Rede sein könne". Wenn G. Paris meint dafs die „dérogations" 
deshalb nicht als „exceptions" zu gelten hätten weil — er hebt 
dies in der Schrift hervor — „elles n'ont jamais un caractère pho- 
nétique", so liegt hier ein Zirkelschlufs zu Grunde; er betrachtet 
die phonetischen Derogationen nicht als solche, sondern als Laut- 
gesetze die sich mit den andern Lautgesetzen kreuzen. Noch unsicherer 
ist der Standpunkt Wechsslers; indem er die „Lautgesetzlichkeit", 
die „Ausnahmslosigkeit" nur gewissen Lautveränderungen zugesteht, 
andern nicht, werden ohne Weiteres diese Prädikate auch fur die 
ersteren aufgehoben oder doch in Frage gestellt. Die Erwägung 
dessen was „charactère phonétique" ist, führt uns übrigens aus den 
Worten in die Dinge; es handelt sich hier um den Ursprung der 
Lautwandlungen. Insofern ich mir sie innerhalb des Gesprochenen, 
wie innerhalb der Sprechenden allmählich sich ausbreitend vor- 
stelle, sollte ich auf die Zustimmung von G. Paris rechnen dürfen. 
Denn er denkt über Mundartenbegrenzung im Wesentlichen wie 
ich; und mit Recht hat Wechssler den innigen Zusammenhang 
dieses Problems mit dem andern anerkannt, daher auch dessen 
freilich schon dem Ausmafs nach unzureichende Behandlung in die 
des letzteren eingeschaltet. Ferner räumt G. Paris ein dafs die 
Lautgesetze niemals unter zwei gleichen Bedingungen wirken; und 
wenn er endlich sie nur als das Ergebnis von Konstatierungen 



Ober laut- okd bedbdtdngswändel. 



25s 



innerhalb der Vergangenheit bezeichnet und sie zu Anwendungen 
auf Zukünftiges für ungeeignet erklärt, so denkt er vielleicht auch 
an den Gegensals zwischen den vollendeten Thatsachen und den 
voraufgegangenen En twickel ungen. Wie sich zu alledem das Fest- 
halten an jener starren Formel schickt, vermag ich nicht ku be- 
greifen. Schliefslich meint G. Paris: „nier qu'il en esiste [Laut- 
gesetze] ce serait admettre dans une évolution naturelle des faits 
fortuits, c'est-à-dire des effets sans cause, ce qui est absurde". 
Damit sind wir wieder mitten ira Wortstreit drin, Lïugne ich die 
Existenz von Lautgesetzen oder der Lautgesetze (was auch nicht 
ganz dasselbe ¡st — Wechssler spricht etwas allzukurz von „Geg- 
nern der Lautgesetze")? Gewifs nicht die jener kausalen Gesetze 
um die es sich im Zusammenhang der angeführten Worte streng 
genommen nur handeln könnte. Offenbar aber bezieht sich G. Paris 
auf ihre bunten Wirkungen und die erkenne ich als That- 
aachen an, spreche ihnen aber den Charakter von Gesetzen ab. 
Gerade weil mir alle Lautgeschiclite von unbedingter Gesetzmäfsig- 
keil durchwallet erscheint, wehre ich mich gegen eine Ausdrucks- 
weise welche die GeselzcDäTsigkeit auf gewisse an die Oberfläche 
tretenden Erscheinungen beschränkt oder doch in ihnen gesteigert 
sein läfst. Von jener Gesetzmäfsigkeit darf man sagen dafs sie 
evident ist; denn sie bildet einen Teil derjenigen Gesetzmäfsigkeit 
der alles Geschehen unterworfen isL Auch anderswo gibt es für 
die wissenschaftliche Erkenntnis kein Gesetzloses , keinen Zufall, 
keine Ausnahme; wollte man, mit irgend welchen Ausdeutungen, 
dergleichen anderswo ñnden, so würde man es sicher auch in der 
Lautgeschichte finden können. Die Betonung der absoluten Gesclz- 
mabigkeit des Lautwandels mochte — freilich nicht in der be- 
liebten Formulierung — gewissen Aufstellungen und Verfahrungs- 
weisen früherer Zeiten gegenüber berechtigt sein, heute kann sie 
keinen andern Sinn und Zwerk mehr haben als die Gesetzmäfsig- 
keit auf andern Gebieten zweifelhaft erscheinen zu lassen, beson- 
ders auf dem des Bedeutungswandels. W, Wundt Völkerpsycho- 
logie 1, II, 432 nennt es auffallend dafs manche Sprachforscher 
hier von einer ähnlichen Gesetzmäfsigkeit wie auf dem Gebiete 
des Lautwandels Nichts wissen wollen, und ebend. 8,437 stellt er 
die Forderung auf „dafs der Bedeutungswandel, ebenso wie der 
Lautwandel, überall einer strengen Gesetzmäfsigkeit unterworfen 
sei, deren Erkenntnis nur in vielen Fällen durch die Konkurrenz 
mannigfacher Ursachen verschiedenen Ursprungs erschwert ¡st". 
Bei jeder etymologischen Untersuchung sind Lautwandel und Be- 
deutungswandel miteinander in Einklang zu bringen ; unkritisch ver- 
fahrt wer den c¡ncn über den andern vernachlässigt Wird den 
„Lautgesetzen" das alleinige Bestimmungsrecht zuerkannt, dann ver- 
einfacht sich allerdings unsere Arbeit in handwerksmäfsiger Weise. 
Wir brauchen uns i. B. über die H'^rkunft von a//ir nicht mehr 
den Kopf zu zerbrechen; wie troiwer auf "trûpare zurückgehen 



256 NACHTRAG ZU ZBITSCHR. XXV 94 — lOQ. 

mufs, so aller auf ^ alar e (zu alaius) oder ^aliare (zu allaius, wie 
span. port, legislar zu legislado). 

(Zu Rom. XXX, 154.) 

Ich hatte gemeint dafs die Gründe mit denen ich meine 
romanischen Etymologieen stütze, berücksichtigt zu werden ver- 
dienen. A. Thomas ist nicht dieser Ansicht Der Beschuldigung 
des Dogmatismus widerspricht er nicht, er bestätigt sier „la science 
a parlé par la bouche de M. Gaston Paris ... je ne crois pas 
qu^il y ait lieu à revision". Von nun an sollen also die wissen- 
schaftlichen Fragen ex cathedra entschieden werden. 

H. SCHUCHARDT. 



Nachtrag zu Zeitsohr. XXV 94—109. 

Zu der Aufzählung der Handschriften der Prosaauflösung auf S. IDI 
füge ich hinzu, dafs die ehemals Pannier gehörige Handschrift sich jetzt aui 
der Nationalbibliothek in Paris befindet als Nouv. acq. fr. 4083, 15. Jahr- 
hundert, und wirklich unsern Text enthält ; desgleichen gehört auch die Hand- 
schrift aus Besançon (Nr. 588, 16. Jahrhundert) hierher, sodafs sich die Zahl 
der Handschriften auf 23 beläuft. 

Die ebenfalls S. 101 nach Stengel erwähnte Handschrift Oxford Douce 337 
enthält dagegen nicht unsre Prosa, wenn auch einen Text verwandten Inhalts. 
Ebensowenig hat die ebenda zitierte Handschrift Oxford Laud 622 (662 ist 
Druckfehler bei Stengel) zu unserem Text unmittelbare Beziehung; über 
die darin enthaltene (und mir noch aus 6 andern Handschriften bekannte) 
Battle of Jerusalem des Adam Davy vgl. Ward, Catalogue of romances I 1 87 
bis 188. 

Ob ein in der Handschrift 2426 aus Cheltenham enthaltenes Libro della 
destrucción de Jerusalem in diesen Zusammenhang gehört, vermag ich leider 
nicht anzugeben. 

Weiter möchte ich noch auf die Berner Handschrift 537 hinweisen, die 

aus dem 14. Jahrhundert stammend einen deutschen Text von der Zerstörung 

Jerusalems enthält. Zwar ist der Anfang nicht erhalten, doch stimmen die 

ersten vorhandenen Worte (sie sind gedruckt in Herm. Hagen, Catalogus 

codicum Bernensium (bibliotheca Bongarsiana), Bernae 1875, S. 448) so genau 

zu dem entsprechenden Stück des provenzalischen Textes (Revue des langues 

romanes XXXII 582), dafs ich glaube, darin eine deutsche Uebersetzung der 

altfranzösischen Prosa vermuten zu dürfen. 

An Drucken des Prosaromans sind zu den S. loi — 102 zitierten noch die 

in Brunet, Manuel du libraire, 5. Aufl. t. V Sp. 1185 — 1188 aufgeführten 

II Ausgaben zuzufügen, die die Destruction als Fortsetzung zu einer Vie de 

Jésus-Christ enthalten. Ebenda Sp. 11 88 findet sich auch ein provenzalischer 

Druck erwähnt. 

Walther Suchibr. 



Etudes sur la poésie burlesque française de la Benaissance. 

(Suite.) 

Les paradoxes. 

Les pièces, que nous allons examiner, ne sont pas toutes, à 
vrai dire, des paradoxes, selon Tacception commune de ce mot, 
mais elles renferment toutes une exagération évidente, qu'on ne 
saurait définir autrement. On sait que le paradoxe n'était pas in- 
connu à l'antiquité classique; nous verrons souvent les poètes bur- 
lesques citer, avec complaisance, leurs ancêtres grecs ou latins et 
parfois en exagérer le nombre et le caractère. Toutefois c'est sur- 
tout en Italie que ce genre littéraire crût d'une vigoureuse poussée 
et l'on aurait beaucoup de peine je ne dis pas à analyser, mais 
seulement à citer toutes les compositions, dans ce goût. Louer 
tout ce qui paraissait le moins digne de louange, ou blâmer ce 
que tout le monde croyait digne de respect et même de révérence, 
révéler l'esprit souple du sophiste dans la démonstration de l'absurde, 
rompre en visière à la vérité et au bon sens, se moquer de toute 
chose, des misères de la vie aussi bien que des malheurs les plus 
affreux, et les plus dignes de compassion voilà les éléments con- 
stitutifs de ce genre. 11 y a sans doute beaucoup de légèreté 
morale dans ces plaisanteries, mais il ne faut pas oublier que le 
rire, ce remède prôné par Rabelais, aide à supporter les douleurs, 
qui nous accablent et il ne faut oublier non plus, que sous le voile 
de la facétie et de l'extravagance, on rencontre parfois, je ne dis 
pas fort souvent, quelques vérités assez profondes. 

Le paradoxe fleurit en Italie surtout au XVP siècle et le Berni 
est toujours là au premier rang. Nous l'entendons chanter la pesti- 
lence, cette épidémie, qui ravageait de son temps le midi de 
l'Europe et à laquelle il dédie deux capitoli^ ce qui constitue un 
véritable tour de force. La première argumentation, en faveur de 
sa thèse, c'est à peu près la même que le Manzoni met dans la 
bouche de Dom Abbondio: 

„Prima che porta via tutti i furfanti 

Gli strugge, e vi fa buche, e squarci drento, 

Come si fa dell* oche T Ognissanti." 

Et le Berni continue, en énumérant tous les bienfaits de cette 
bénédiction du ciel. Les églises, par exemple, se vident et Ton 
peut s'y promener à son aise, ce qui devait constituer un bon- 

Zeiuchr. t rom. Phil. XXV. .- 



258 p. TOLDO, 

heur, fort énigmatique pour un écrivain, dont le sentiment religieux 
était plus que douteux, les lois perdent leur force (étrange bien, 
pour l'ennemi de tout „furfante"!), on peut se passer de tout tra- 
vail et vivre à son aise, sans compter que c'est là le temps pro- 
pice, pour attraper une bonne charge, ou un héritage. Ces deux 
Capitoli pourraient s'appeler l'hymne de l'égoïsme, si Ton n'avait 
tort de prendre au sérieux, ce qui a été composé, dans un but 
tout à fait plaisant. 

Il y a moins de paradoxe, on pour mieux dire le paradoxe se 
transforme simplement en exagération, dans les louanges outrées 
que le poète italien adresse aux pêches, aux chardons, au jeu de 
la „primiera" etc., mais le paradoxe réapparaît dans ce qu'il chante 
d'un certain pot intime et dans son apologie de la dette, de 
l'aiguille et de la pive. Là où le sujet manque, en lui-même, d'in- 
spiration comique, ou en retrouve très facilement dans l'obscénité. 
On voit les choses les plus innocentes se prêter, sous la plume 
de ces écrivains, à des allusions et à des transformations pna- 
pesques, et ici de même que dans les „canti carnascialeschi*' il 
faut toujours démêler l'équivoque, ce qui ne présente d'ailleurs 
pas trop de difficulté. L'équivoque et l'obscénité constituent donc 
les éléments les plus communs des capitoli. Les contemporains et 
les disciples du Bemi enchérissent sur ses défauts. Voici, parmi 
les plus connus, Giovanni della Casa, qui exalte, entre autres, 
les mérites de la stizza et qui déclare qu'il n'y a rien de mieux 
que d'être toujours fâché. 11 chante aussi les louanges du Four^ 
sujet qui se prêle aux équivoques les plus effrontées. Varchi 
loue les pêches, les œufs durs, le fenouil etc., le Mauro exalte la 
fève, le deshonneur, le lit et le mensonge, chanté aussi par Vincent 
Marlelli, Molza fait l'apologie de l'excomunication, le Dolce da 
crachat, des cloches et de la soif, Louis Tansillo trouve qu'il n'y 
a rien de mieux que la teinture des cheveux et de la barbe, 
l'Arétin dédie des vers à la fièvre quarte, Messer Bino au verre, 
l'Allori (Bronzino) à la galère et au tapage, et plus tard Sansovino 
chantera les bottes et Mathieu Franzesi reviendra sur le sujet de 
la goutte traité par Ferrari et exaltera aussi la pauvreté, les cure- 
dents, la toux et les marrons. On peut rappeler aussi ce que l'on 
écrivit du fuseau, de la balance, des oignons etc. mais ce n'est 
pas dans mes intentions de pousser trop loin une telle recherche. 
Je n'ai qu'à renvoyer le lecteur aux recueils les plus connus, savoir 
à celui de Broedelet (1726 Usecht al Reno), de Van -der Bet 
(Leida, 1824) et à un autre ^ qui démontre la grande popularité 
de ce genre en langue vulgaire et en latin, en prose et en poésie 
dans l'Europe tout entière. Il faut toutefois faire une place distincte 
à Anton Francesco Grazzini, plus connu sous le nom de Lasca.^ 



^ Voyez le recueil ,,clissertationum ludricarum et amoenitatum sciiptores 
varij. Lugduni Batav. 1638, apud Franc Hegerum et Hackiam. 
' Rime burlesche ediz. Verzone, Florence 1882. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSAN'CE. 259 

On voit qu'il composait ses Capitoli ^ quelquefois, au moins, sur 
commande et qu'il choisissait tout exprès des sujets arides, pour 
avoir plus de mérite à en faire ressortir le côté plaisant. En louant 
les sabots, il écrit, par exemple, à M. Lorenzo Scala: 

„Voi m* avete pregato eh* io componga 
Sopra un soggetto secco e senza risa, 
Lorenzo mio ; Dio voglia eh* io m* apponga/' 

Cette composition du Lasca nous présente une autre source du 
burlesque. Pour démontrer la versatilité de leur esprit, ces poètes 
combattent eux-mêmes bien souvent ce qu'ils viennent de louer et 
ils jouent, par là, en même temps le rôle d'accusateurs et celui de 
défenseurs d'un certain sujet C'est le triomphe du sophisme. Le 
Varchi, par exemple, qui a chanté, comme nous venons de voir, 
les mérites innombrables des œufs durs, écrit aussi un capitolo 
contre son sujet „contro all' uova sode", Tansillo loue les aulx et 
les blâme ensuite; et le Lasca fait suivre à la louange des sabots, 
le blâme de ces sabots mêmes. En outre, après avoir célébré les 
plaisirs de la chasse, toujours avec la même force de conviction, 
il écrit „In disonor della Caccia" et „la Iode del pensiero" est 
suivie par le sujet contraire „contro il pensiero". Il combat aussi, 
toujours pour démontrer cette facilité d'avocat, pouvant démontrer 
le pour et le contre d'un même sujet, ce que d'autres poètes bur- 
lesques avaient célébré avant lui. 

Messer Giovanni della Casa s'en était pris à ce nom de Jean, 
qui formait son désespoir et notre Lasca chante le même nom, 
mais pour le louer: 

„Giovanni è proprio un nome da signore, 

Da re, da papa: e buon per 1* universo, 

Quand* un Giovanni sarà imperadore.*' 

Mattio Francesi avait célébré les gants et le Lasca écrit à M. Pan- 
dolfo Martelli „in dispregio de' Guanti" 

„Voi mi fareste far quistion con Ciano, 
Messer Pandolfo mio caro e gentile, 
S* a biasimare i guanti metto mano. 
Paiono a molti un portar signorile, 
Ma io son della vostra opinione, 
Che sieno una cosacela brutta e vile." 

et ainsi il continue pour plus de cent vers. Plusieurs poètes 
s'étaient inspirés à la fidélité du chien et le Lasca compose un 
autre capitolo „In dispregio de' Cani" et il loue les barbes, proba- 
blement pour la seule raison de démontrer le contraire de ce que 
les autres, le Ferrari par exemple, avaient soutenu. Parfois, malgré 
ce désir de la nouveauté, ces poètes burlesques se rencontrent 
dans les mêmes sujets. Lasca chante à peu près ce que M. Bino 
avait déjà célébré dans son „Bicchiere", lorsqu'il envoie „certi vetri" 
à une dame inconnue. Il exalte les châtaignes qu'Andréa Lori 

17* 



26o p. TOLDO, 

venait de célébrer et le Mauro avait déjà parlé avant lui des plaisirs 
de la chasse. Les sujets des capitoli du Lasca appartiennent 
d'ailleurs presque toujours au même type et ils gardent, pour 
cela, la même physionomie. Outre les sujets indiqués, il chante 
la Saucisse aussi bien que Mattio Francesi, les bains de F Ame et 
ici il y a même du sérieux, le jeu de la „Palla al calcio" et celui 
du „Maglio", les melons, les petits pois, les épinards, le „Taffe- 
ruglio", les tourtes, les „Pesceduovi", le plaisir de s'asseoir, les 
cornes, la soupe, qui avait inspiré aussi Domenichi et le dépit où il 
rappelle la Stizza du Della Casa, etc. Il n'oublie pas non plus 
ce sujet rendu si célèbre par Erasme de Rotterdam, dans son 
capitolo „in Iode della Pazzia", et il en dédie un autre à „Nannina 
Zinzera cortigiana", où le burlesque est remplacé, par ce culte à 
la beauté physique et à l'amour des courtisanes, auquel notre auteur 
sacrifiait aussi bien que les autres poètes de son temps. Matteo 
Francesi avait composé un capitolo „contro lo sberettare" et le 
Lasca dans ses „ottave", revient sur le même sujet „contro alle 
sberrettate**. Los sujets du burlesque ne sont donc rien moins 
que nombreux et lorsqu'un sujet a été mis à la mode par un écri- 
vain célèbre, les autres sont poussés à s'y essayer à leur tour. 

Au milieu des tous ces poètes, Ortensio Lando, prosateur de 
beaucoup de mérite, ne saurait être oublié non plus; ses paradoxes 
devinrent une source inépuisables pour tous les bateleurs parisiens, 
débitant de même que Bruscambille des prologues facétieux, sur 
les théâtres populaires, ou tâchant par là d'exciter la curiosité de 
ceux qui achetaient leurs remèdes étonnants. Je n'ai qu'à ren- 
voyer aux „paradossi cioè sententie fuori del común parere" de 
l'écrivain italien. On y trouvera plusiers sujets qu'on lit aussi chez 
Bruscambille et chez ses confrères aussi bien que dans les prologues 
du théâtre de Larivey. Rappelons, au milieu de ces bizzarrie du 
Lando, les éloges de la pauvreté, de la laideur des hommes et des 
femmes, de l'ignorance, du manque de domestiques, de l'exil, de 
la prison, de la guerre, de „l' ignobilità", de la femme deshonnête, 
de la famine, de la lâcheté, des pleurs, de la mort, des blessures, 
de l'ivrognerie, de la cécité, de la folie etc., tout cela mêlé à des 
critiques burlesques contre des écrivains célèbres, savoir: Boccace 
Cicerón, Aristote. Giovanfrancesco Ferrari, ce poète du burlesque, 
que nous avons eu déjà l'occasion de citer, paraît s'inspirer fort 
souvent à son compatriote. 11 se moque de même que lui de 
Cicerón et d' Aristote, en employant, à peu près, les mêmes argu- 
mentations et il chante à son tour et de la même manière la laideur 
des femmes, la folie, le bonheur de vivre sans domestiques, les 
pleurs, la cécité, la prison, l'ignorance et les „Fuorusciti"^, 

Voilà le fonds constitutif de ce genre de plaisanteries italiennes, 
que je vais examiner, dans la littérature française, en les divisant, 



^ Je suis, pour les Paradossi du Lando, rédilion de Venise de 1544 et 
pour le Ferrari celle de 1570. 



POÉSIE TìURLFSQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 201 

selon leurs caractères différents, en chapitres bien distincts. Une di- 
vision rigoureuse n'est pas d'ailleurs possible, car les sujets les plus 
étranges et les plus disparates vont se présenter à nos yeux. 



Contre THonneur. 

Amadis Jamyn, le rival de Ronsard, le poète courtisan de 
Catherine de Médicis, de Charles IX et d'Henri III, est bien connu 
pour cette sorte de capitolo qu'il composa contre Vhonneur et qui 
n'est, comme on le sait depuis longtemps, qu'une imitation de 
ceux du Mauro. Il faut pour bien saisir le sens et le caractère 
de cette imitation rappeler à notre souvenir la pièce de l'écrivain 
italien, laquelle en certains endroits cesse d'être seulement plai- 
sante, pour acquérir une véritable importance satirique. 

Mauro en s'adressant „al prior di Jesi" lui dit que la nature 
a fait toute chose avec beaucoup d'à-propos et que ce sont les 
hommes, qui l'ont corrompue, faute de la bien comprendre et à 
cause de leurs vices. L'auteur sait d'ailleurs qu'on va l'accuser de folie 
et d'extravagance parce qu'il blâme ce que tout le monde honore, 
mais loin de se laisser imposer par l'avis d'autrui, il déclare 
que s'il était pape ou empereur, la première chose qu'il ferait, ce 
serait de chasser ou d'excommunier cette sorte de maladie de 
l'honneur, qui empoisonne tous les plaisirs de l'humanité. Selon 
1er partisans de cette divinité rien n'est aussi beau que le travail 
et aucune mort n'est plus glorieuse que celle qu'on reçoit sur les 
champs de bataille. Il en est de même de l'honneur en matière 
d'amour; c'est lui qui nous défend tout plaisir, de sorte que le 
poète est réduit au point qu'il porte envie aux chiens et aux chats, 
qui ne se soucient guère de ce fantôme invisible et impalpable. 
Les chevaliers n'ont que ce mot à la bouche et à cause de lui, 
ils sont toujours prêts à se passer l'épée au travers du corps, c'est 
pour cela qu'on n'entend parler que de duels et de meurtres. 
Enfin l'honneur est pis que la jalousie et que l'esclavage même 
et il s'apprête de le servir sur la table de son ami cuisiné, dit-il, 
comme il faut. Dans un autre capìtolo , Mauro * revient à la charge. 
L'honneur, ajoute-t-il cause presque tous les maux du mariage, 
nous empêche de nous habiller et de nous déshabiller à notre 
aise, et ce qui pis est c'est là la source des guerres, des divisions 
des peuples, de la famine et de toute sorte de misères. 

Le début de Jamyn peut indiquer le caractère de cette imi- 
tation, car il s'agit bien entendu d'une imitation et non pas d'une 
traduction plus ou moins fidèle. 

Il y a même une certaine petite originalité de détails, surtout 
dans la conclusion, mais tous les points principaux, que nous 
venons d'indiquer, se retrouvent aussi chez le poète français: 



^ Voyez Œuvres poétiques de Amadis Jamyn avec sa vie par CoUetet 
et une introduction par Brunet, Paris, 1879, 2 vol, et l'édition de Paris, 1575* 



202 P. TOLDO, 

, Je ne me plains d'Amour, de ma Foy, ny de vous 
Je me plains de Thonneur qui nous aveugle tous, 
De PHonneur vieil Tyran qui commande le monde. 
Faisant que dessus luy toute chose se fonde; 
Et si c'est un nom vain sans profit ny plaisir 
Qui met empeschement en l'amoureux désir, 
Nom qui cause aujourd'huy les querelles douteuses 
Qui seul pipe au besoin les pucelles honteuses." 

Il faut en convenir: la forme n'indique aucun progrès sur Toriginal, 
qui n'a pas, à son tour beaucoup de valeur. L'idée de l'Honneur 
faisant obstacle à l'amour est répétée sous toutes les formes pos- 
sibles. Jamyn resume toutefois d'une manière heureuse le long 
discours de son prédécesseur, par une maxime philosophique, bien 
connue aux anciens; 

„Et suivant la Nature on ne peut s'égarer** 

et les sentiments de l'instinct naturel sont mis en contraste avec 
ceux de la loi humaine. Quelquefois il traduit presque à la lettre 
et, dans ce cas, le texte italien n'y gagne pas trop: 
„Ce fantosme importun nous presse les talons, 
11 nous empoigne au flanc par tout où nous allons. 
Il couche dans nos licts, et, sorcier redoutable, 
A disner, à souper, s'assied à nostre table: 
Il marche sur nos pies, sans jamais estre las. 
Et semble qu'à toute heure il devance nos pas." 

„Ovunque per lo mondo il pie ti mena. 
Questo importuno honor ti è sempre al fianco. 
Teco sen viene al letto, al pranzo, e a cena, 
E mai di seguitarti non è stanco. 
Anzi par che '1 tuo passo ognor avanzi. 
Sforza V arbitrio di natura franco." 

Aussi dans la comparaison entre la goutte et la fièvre la jalousie 
et l'honneur, là traduction est littérale, mais elle ne vaut point l'ori- 
ginal italien. 

Jamyn a surtout le tort de n'envisager la plaisanterie italienne 
que sous un point de vue plus borné et il laisse de côté ce que 
le Mauro avait dit à propos de l'honneur, qui nous pousse à 
mourir même pour une sottise ce qui constitue la partie soh'de et 
sérieuse de sa plaisanterie: 

„E dicon, che '1 morir di lancia è bello, 

O di colpo di stocco, o d' archibugio. 

Come Fabricio, Cesare, e Marcello. 

E e' haver ne la schiena im gran pertugio, 

O nella pancia d' una colobrina, 

Ti fa gir a le stelle senza indugio. 

O quanto più mi par cosa divina, 

Star riposatamente in quel mio letto, 

E giacer da la sera a la mattina!" 



POéSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 263 

Est-ce que Jamyn craignait blesser les sentiments guerriers de la 
France de son temps, en s'inspirant, ici encore au poète italien? 
J'ai fait précéder la plaisanterie de Jamyn, parce qu'elle est la 
seule avec celle de Régnier qui soit connue et c'est la seule aussi 
où le sujet italien paraît développé le plus. Mais avant Jamyn 
le capìtolo du Mauro avait été connu et imité en France et plus 
à la lettre encore que Jamyn ne le fit ensuite. Un opuscule publié 
à Lyon (De Tournes, 1547) renferme les éloges ou blasons de la 
Goutte et de la Quarte, dont le sujet, comme nous venons de le 
démontrer est puisé à l'Italie et une troisième pièce en vers, qui 
porte le titre: Blason déclamatoire au deshonneur de V honneur ^ qui 
est bien celui du Mauro: In dishonor delV honore. 

Rien ne pourrait faire supposer que Jamyn eût connu cette 
composition: les deux auteurs français ont dû puiser directement 
leur inspiration au capitolo italien et ils ont procédé aussi d'une 
manière assez différente. Il faut toutefois convenir que l'imitation 
de Jamyn l'emporte de beaucoup sur celle de son confrère de 
Lyon. Celui-ci n'écrit que pour démontrer qu'on peut se moquer 
de toute chose et il a le tort de le dire: 

„Poëlisant d*Hoimeur ce grand Chimere, 
N'ayant corps, n'estre, et de qui la misere 
A ce jourd'hui tant les mondains moleste: 
Et le blasmant, devant tous je proteste, 
Que je le fais pour monstrer qu'en dou tance 
Tout mettre on peult, fors divine science." 

L'auteur craint évidemment qu'on ne l'accuse d'immoralité et l'on 
voit qu'il se donne l'air, avec beaucoup de sans-gêne de créateur 
de ce beau sujet. Après avoir déclaré avec Mauro que l'Honneur 
n'est que vanité: 

„Ne consistant en rien fors qu'en parole" 

et qu'on ne sait quelle est sa couleur, l'anonyme invite Pégase à 
sortir de l'Olympe pour le combattre, et ce souvenir mythologique 
ajoute encore à la froideur de sa plaisanterie. D'ailleurs cette 
invocation est tout ce qu'il y a d'original, avec le souvenir d'Eve 
et d'Adam, jouissant librement de leurs amours, dans le Paradis 
terrestre, pensée qui lui est suggérée évidemment par ce que le 
Mauro avuit dit de l'âge de l'innocence. Mais ce que Jamyn laissera 
en partie de côté, c'est-à-dire les maux que l'Honneur cause à l'hu- 
manité, abstraction faite de l'Amour, nous le retrouvons entièrement 
dans le blason, où l'on se moque de ceux qui mettent leur gloire 
à mourir „de Hacquebuse ou lance". La plaisanterie tourne à l'ob- 
scénité lorsque l'anonyme français, en s'éloignant du texte italien, 
recherche où les femmes ont placé cette divinité, mais dans la 
conclusion il revient à Mauro en imitant de près quelques vers 
que le poète italien avait insérés dans son deuxième capitolo. 
L'auteur italien déclare que s'il médit de l'Honneur ce n'est pas 
qu'il ne le craigne: 



204 p. TOLDO, 

,,Vi giuro a Dio, eh' io non ho pelo addosso 
Che non s* arricci quand' esso mi tocca . . ." 

et le poète français: 

„Quoy que ce soit tant la finesse et ruse 
De cest Honneur me fait craindre et m'amuse 
Que toutesfois qu'il vient au devant moy, 
Tremble de peur et suis en tel esmoy 
Que tous plaisirs je laisse pour le suyvre 
Aymant plus tost mourir, que sans luy vivre." 

Cest là une déclaration bien plus complète que celle de son de- 
vancier italien, qui est loin de déclarer si franchement d'en suivre 
toujours les lois. 

Théophile Viaud, à son tour, revient, après les deux écrivains 

français, sur ce sujet (cfr. éd. Jannet 1856). Dans une satire d'un 

caractère général, où il peint toutes les folies de l'humanité, il 

n'oublie pas celle de s'exposer aux dangers, pour le vain plaisir 

de la gloire: 

„Cestuy-cy veut poursuivre un vain tiltre de vent, 

Qui pour nous maintenir nous perd le plus souvent, 

Il s'attache à l'honneur, suit ce destin severe 

Qu'une sotte costume ignoramment revere. 

De sa condition je prise le bonheur, 

Et trouve qu'il fait bien de mourir pour l'honneur." 

Rappelons aussi la VP satire de Régnier, successeur immédiat du 
Mauro et de Jamyn et ce qu'Antoine de Baïf chante là-dessus, en 
s'adressant à une dame: 

„Maudit soit l'honneur qui vous couste 
La perte de tant de plaisir! 
Le vain bruit d'un vent vous dégouste 
Du bien que vous pourriez choisir." 

Théodore Agrippa d'Aubigné, dans ses Tragiques^ en parlant des 
3Iisères de la France (éd. elz. p. 67) s'en prend, assez longuement 
à ce faux honneur, mais sous un autre point de vue, car l'honneur 
qu*il combat est celui qui est la cause de tant de duels et de 
tant de meurtres et il rappelle par là une des argumentations les 
plus sérieuses du Mauro. Le sieur de la Valletrye (Paris, Vallet, 
1602) dédia à son tour dix-huit sonnets „au faux honneur des 
dames". C'était envisager le capiiolo du Mauro, d'une manière 
encore plus bornée. 

Le sieur de la Valletrie débute en considérant lui aussi l'hon- 
neur, comme un vain fantôme, auquel sa belle a tort d'ajouter foi: 

„Madame que l'Honneur empesche de bien faire 
Et de cueillir le fruict du monde le plus doux, 
Apprenez en ces vers à rabbatre les coups 
Dont il assault l'amour et le pense defaire. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 265 

Vous y verrez comment aymer n'est point forfaire, 
Comment l'Honneur n'est rien qu'un faux bruit parmy vous, 
En qui vostre Esprit croît pour n'estre pas resous 
Non plus qu'un cœur de femme en quelque bon affaire . . ," 

Il continue en expliquant que l'honneur ne prétend que le secret 
et qu'il est sauf lorsque personne ne sait ce qui se passe. C'est 
la leçon de Tartuffe: 

„Le reproche d'Honneur pour les sottes fut faict 
Qui ne peuvent cacher un amoureux effect, 
On qui ne peuvent pas s'empêcher de le dire: 
Et non pour celle-là qui à cachettes rit 
Et qui cueille à propos les fruicts qu'elle desire, 
Car l'Honneur ne se perd que per faute d'esprit." 

Ailleurs il s'en prend encore à ce „demon" qui remplit l'esprit de 
sa maîtresse et dont elle devra se repentir, lorsque la jeunesse 
l'aura quittée pour toujours. C'est le vieil argument des poètes 
latins: Jouissons tant que la jeunesse nous sourit: 

„Car l'Honneur vous repaist d'une raison cornue. 

Afin que la vieillesse à votre front venue. 

On vous haysse autant qu'on vous porte d'amour," 

S'approchant du texte italien, le sieur de la Valletrye, considère 
tous les maux, dont cet Honneur est la cause: 

„Que ta naissance fut aux hommes malheureuse 
Toy qui du nom d'Honneur indignement te sers! 
Car tout ce qu'il advient de bon-heur tu le perds 
Par le pouvoir acquis à ta loy rigoureuse; 
Par toy le jour fut fait une nuict ténébreuse, 
Par toy la liberté fut mise dans les fers. 
Les Paradis d'amour devindrent des enfers 
Et l'eau fut refusée à la soif amoureuse." 

Mais il s'en éloigne bientôt pour rechercher celui qui a été l'in- 
venteur de ce nom fatal. Ce dut être quelque mari avocat, vivant 
au tribunal et craignant que son absence ne lui fût fatale; ce 
furent les femmes laides, voulant se venger des joies, qui leur 
sont défendues. Enfin après avoir épuisé tous les arguments pos- 
sibles, il conclue que si sa belle l'aimait vraiment, elle ne se sou- 
cierait guère de ce vain spectre „cet Idole d'Erreur" (c'est le mot 
du Mauro) parce que: 

„Un amour mediocre est subject à la peur, 
Mais un amour ardent n'en fut jamais en peine" 

et c'est là la seule argumentation qui ait quelque valeur. 

Un autre poète, d'un mérite bien plus distingué et qui n'est 
guère connu, bien qu'il soit digne d'intéresser les savants. Du Lorens 
dans ses Premières satires (1^" du 2™* livre, Paris, 1876, Librairie 



206 p. TOLDO, 

des Bibliophiles) en s'adressant à la Reine et dans un but, qu'on 
verra bientôt assez intéressé, revient à la charge. Mais chez lui 
le paradoxe se tient dans des bornes relativement raisonnables. 
Il est d'accord, par exemple, avec le Mauro en ce qu'il l'appelle 
„un fantastic idole" et qu'il plaint tant de sang répandu, pour ce 
fantôme insaisissable, mais il en comprend aussi la valeur morale 
et cette aspiration à la gloire, qui fait rêver Dom Quichotte, et 
qui chante dans le cœur du soldat: 

,,C'est un subject qui est, et jamais ne se voit, 

La chymere pour qui Dom Guichote resvoit . . . 

C'est ce que chacun croit, et peut cstre qui n*est, 

Qui en comparaison passe tout interest 

De bouree et de plaisir: un fantastic idole, 

Qui en leur pauvreté les pauvres gens console 

D'un doux imaginer: au milieu du malheur 

Vous les oyez crier: „Nous sommes gens d'honneur!" 

C'est la splendeur qui fait reluire les familles, 

C'est cette belle fleur que l'on recherche aux fìUes." 

Mais avec cela il cause aussi bien des troubles et ici toujours avec 
une certaine originalité, il passe à envisager les différents aspects 
de cet honneur, selon les passions des honmies. Pour les maris 
on comprend facilement en quoi il consiste; pour les femmes ce 
n'est en général que le culte de leur beauté, pour l'avare il est 
renfermé dans son coffre, pour l'amoureux ce n'est que la con- 
quête de celle qu'il aime. Quant au „chevalier français'* il 

„le pose en certain point: 
Qui des moins insolens la conscience point: 
Si de la moindre injure ils ont quelque scrupule, 
Ny les edicts du Roy, ny du Pape la bule 
Les pourront empescher d'en demander raison.'* 

Enfin: 

„Chacun court à l'honneur, mais par chemins divers*' 

et l'hypocrite s'en pique plus que les autres, car son affectation d'une 
vertu, qui lui fait défaut, n'est, à tout prendre, qu'un culte qu'il 
rend à cette divinité invisible. Pour le poète l'honneur doit être 
rendu tout d'abord à Dieu, ensuite au Roi et il le lui rendrait, 
avec plus d'élan, s'il ne devait lutter contre la misère, qui le 
serre de près: 

„Si j 'a vois seulement la benediction 

De vostre Majesté, Princesse liberale, 

Ou qu'on vescut de chant, comme fait la cigale. 

Ma foy, je chanterois à la belle saison; 

Mais j'ày l'esprit brouillé du soing de ma maison. 

De payer une rente au terme qu'elle expire. 

Ce qui fait qu'à toute heure, il n'y a pas faim de rire." 



POÉSIE BURLESQUE FRAN^ÇAISE DE LA RENAISSANCE. 267 

On voit que pour notre poète Thonneur ne consiste pas seulement 
à écrire de beaux vers, mais aussi à en tirer quelque profit.^ 

Estemod dans son Espadon satyrique (cfr. Téd. de Cologne, 
1680) s*écrie à son tour que 

,,L'honiieur ce n'est que vent, ce n'est que fumée 
Que ne gist qu'aux effets d'un peu de renommée" 

et le chevalier de THermite (cfr. Meslanges de Poésies héroïques 
et burlesques, Paris, Loyson, 1650) ne manque pas d'en vouloir 
lui aussi à cette fausse divinité, qui empêche à sa belle de lui 
démontrer ses tendres sentiments à son égard: 

„Le charme de l'honneur est im charme imparfait 
Qui doit lier ta langue et non pas ton envie! ..." 

Enfin il fallait bien qu'il y eût au milieu de tant de blasons in- 
jurieux contre ce pauvre honneur, quelqu'un qui en prît la défense 
et en effet après tant de critiques, nous voyons un contemporain de 
Ronsard, Jacques Pelletier qui en chante „la louange" en 1581. 
Cet éloge est pris au sérieux et n'a rien à voir avec le burlesque, 
qui nous occupe, dans ce moment. Mais, disons-le, en passant, la 
défense ne vaut guère l'accusation. 

Apologie de quelques défauts d'ordre moral 
et des misères de la vie. 

Du Bellay exalte la médisance: 

„Parce qu'en mesdisant on dit le vérité" 

et il suit partant jusqu'à un certain point le procédé contraire de 
celui du Mauro, le défenseur du mensonge. Et le mensonge trouva 
lui aussi, quelque temps après et en prose son apologiste français, 
qui sut donner à une inspiration générale empruntée évidemment 
à son confrère d'Italie, un aspect plus varié et un développement 
plus considérable. Si, selon l'opinion des philosophes dit l'ano- 
nyme, les choses les plus estimables, sont celles, qui apportent le 
plus d'utilité à l'homme, rien ne devrait être mis au dessus du men- 
songe. „Tous les Chaldeens, Egyptiens, Grecs et Romains, re- 
cognoissans que la vérité estoit par trop foible pour retenir la 
populace en bride, ont forgé des religions d'une infinité de men- 
songes, ont faict un Jupin avec un foudre à trois poinctes, Neptune 
avec un trident, Cupidon avec des sagettes . . Numa Pompilius 
donna un plus ferme establissement à ces lois et à sa grandeur . . • 
avec Egèrie . . Autant en fit Minos en Crete, Solon à Athènes, 
Licurgue, Zoroastre, Mahomet . . Les chefs de guerre et les 



^ Dans les satires de Du Lorens (La VII« de l'éd. du Bibliophile, 1876) 
Macette s'écrie, en s'adressant à une jeune fille, qu'elle veut corrompre: 

„Quittez ce point d'honneur, qui les esprits empêche" 

mais ici il n'est pas question d'au paradoxe ou d'une plaisanterie, bien que 
l'inspiration soit toujours la même. 



208 p. TOLDO, 

financiers en leurs fonctions en ont grand besoin, les juges en l'ad- 
ministration de leurs charges être/' 11 en est de même des avocats, 
qui sans voiler la vérité ne sauraient plus comment s'y prendre 
pour la défense de leurs clients, des marchands qui doivent y 
avoir recours pour débiter leurs marchandises et des amoureux, 
qui vivent dans un mensonge continuel Pour ce qui est des 
courtisans ils „seroient tenus pour vrais marjoles et pescheurs d'es- 
crevices, s'ils ne pratiquoient ce beau role, auquel par manière de 
commentaire, ils joignent la dissimulation, sa cousine germaine en 
ligne directe et colaterale". Et quoi dire des médecins, des maris, 
et des femmes? £t il conclue non sans une pointe de malice „si 
la vérité n'a point besoin de l'éloquence, il faut bien par nécessité 
que l'éloquence serve au mensonge, autrement elle seroit inutile". 

L'inspiration italienne paraît évidente lorsqu'on lit l'éloge de 
la vérité qui suit immédiatement c'est à dire cette demonstration 
du contraire, à laquelle ont recours si souvent les auteurs bur- 
lesques de la Péninsule. 

La Pauvreté trouva à son tour en France deux avocats plus 
ou moins convaincus, comme elle en avait trouvé un en Italie, 
en Messer Mathieu Francesi . . Remy Belleau et Jean Godard en 
entreprirent la défense, en employant, à peu près, les m^mes argu- 
mentations, mais sans se montrer trop enthousiastes de la loger 
chez eux. Godard, par exemple, soutient, de même que Francesi, 
qu'elle 

„est honneste et vertueuse 
Car elle fuit tousjours les festins et banquets . . ,** 

et que nous avons là par conséquent l'ennemie naturelle de tous 
les vices et surtout de l'orgueil: 

„Il n'y a rien qui soit sous la cape des deux 

Qui se monstre plus doux, plus humble et gracieux/* 

Elle se moque des rêves ambitieux, aime le travail, se contente 
de fort peu de chose, mais malgré tout cela, le poète, en véritable 
ingrat, ose ajouter: 

„Quant à mont respect, Vierge, je te supplie 
De lascher un petit ta chaine qui me lie 
Et me serre trop fort." 

Je ne sais jusqu'à quel point l'Allori, et G. F. Ferrari qui chan- 
tèrent les délices de la Galea étaient convaincus des mérites réels 
de leur sujet. Toujours est-il qu'ils trouvèrent à leur tour un imi- 
tateur au delà des Alpes, en Jean de la Jessée (Premières œuvres 
françaises, Anvers, 1583), l'ami de Ronsard, de Belleau et de Du 
Bellay. Jean de la Jessée suivit de près la mode d'Italie en 
chantant ensuite le contraire de ce qu'il venait de louer, mais il y 
eut en cela, outre que l'esprit d'imitation, des raisons tout à fait 
personnelles. Peut-être était-il plus convaincu du blâme que des 
louanges et fort repenti même de ces dernières. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 269 

Le Ferrari, dans son capìtolo ,Jn Iode della prigione'', où Tín- 
spiration du Lando me paraît évidente, déclare qu*il n'y a rien de 
plus beau, à son avis, que de vivre dans un lieu, où l'on n'a pas 
de voleurs à redouter, où l'on est à l'abri des guerres, des impôts, 
des domestiques et des vices. N'est-ce pas une marque de dé- 
férence l'escorte de soldats qui vous suit partout et l'histoire n'est 
pas là avec Régolus, pour vous assurer que les héros peuvent bien 
y vivre et y mourir? L'Allori, à son tour, dédia à la Galea un 
véritable pelit poème, mais entre l'acception de prison et de Galea^ 
il y a des différences assez sensibles. Lequel de ces deux modèles 
a été suivi par De la Jessée? 

Je ne suis à même de pouvoir le déterminer. Rien de plus 
évident que cet air de famille qui unit ces quatre pièces: le poète 
fiançais loue par exemple, de même que ses devanciers, la prison 
parce qu'on y vit en parfaite sûreté et parce qu'on y acquiert 
maintes vertus, savoir l'humilité et la sobriété. Tous les trois 
tombent aussi d'accord dans le tableau qu'ils nous offrent des 
ennuis de la vie libre, en faisant par là ressortir la paix et la 
douceur du contraire et ils n'oublient pas non plus l'honneur du 
cortège des gardes. Le capitolo de La Jessée ne manque pas d'un 
certain mérite littéraire et renferme aussi des idées assez originales. 
Il commence par poser une question: 

„Si les biens et joyeaus, es maisons receliez, 

Sont beaucoup moins communs et de plus chère garde 

Que ceus que le vulgaire es boutiques regarde . . . 

Qui ne croira je vous supHe . . . 

Qu'il vaut mieus estre en asseurance 

Dans une close demeurance, 

Que vivre au large et n'estre pris?" 

La terre elle-même n'est après tout qu'une prison; l'âme, qui nous 
rapproche de la divinité, est renfermée dans le corps et quoi qu'on 
dise contre la prison, elle ne cesse d'avoir: 

„ . . . esté dans ce monde 

Le séjour des herautz de Dieu: 

Et qu'encor son filz, Dieu luy-mesme, 

Esgal à son Pere supresme 

N'ait eu patience en ce lieu." 

La Grèce et Rome virent souvent leurs héros, les plus célèbres, 
renfermés entre les murs étroits d'un cachot (et ici le souvenir du 
Lando et du Ferrari me paraît plus que probable); le dieu Mars 
lui-même y demeura quelque temps et d'ailleurs: 

,,L'adversité n'esbranle un homme genereus; 
Le servage, les cepz, les chaisnes, les menottes, 
Font seulement frayeur à ces personnes sottes. 
Pleines de lâcheté, voire d'un cœur peureas." 

Voilà une pensée sérieuse une pensée d'Horace, qui vient se mêler 
fort à propos, à la plaisanterie du sujet 



270 p. TOLDO, 

Dans la Contreprnon il y a un souvenir direct de l'Italie 
lorsque la poète rappelle: 

„Les sdngues (stinche) de Florence et les cachots de Monce'< 

et le burlesque ici nous présente un aspect assez curieux en ce que 
La Jessée, après avoir chanté la prison , dut en éprouver la rigueur. 
C'était un tour de la destinée. Ce n*est pas, s'écrie La Jessée un 
lieu fait pour les hommes, aimant, de leur nature même, la liberté 
et en laissant de côté toute plaisanterie, il ajoute: 

„Voyla pourquoy» si j'en sors désormais, 

Je ne veas point y retourner jamais, 

Fuyant, blâmant, sa loge et ses retraittes; 

Et franchissant le Guichet je criray 

Adieu paniers, les vendanges sont faittes." 

Les injustices des gens de robe et les misères des plaideurs avaient 
inspiré à leur tour et fort souvent la muse satirique, comique et 
burlesque des poètes des deux nations, mais personne, avant Jean 
Passerat, n'avait songé de rechercher ia divinité des procès. C'est là 
ce que l'écrivain français fait avec beaucoup d'adresse. De même 
que les mystères sacrés, remarque-t-il, on traite les procès: 
„En toute reverence et grande cérémonie 
Pour rendre leur venue aux mortels incertaine 
Les Dieux les viennent voir ayant des pieds de laine. 
Les procès au venir marchent si doucement 
Qu'ils ne sont entendus pour le commencement. 
Puis d'un son esclatant leur presence est connue, 
Les Dieux et les Procès sont voilez d'une nue." 

On sait comment les divinités se querellaient entre elles du temps 
du siège de Troie. Il en est de même des avocats, qui s'injurient 
au barreau, paraissant même devoir venir aux mains: 
„Et au sortir de là» ils s'en vont boire ensemble.'' 

Les Dieux vendent leur aide aux mortels à un prix parfois très 
élevé ; il faut les supplier longtemps, les adorer dans leurs temples 
et songer toujours à eux: 

„Avant que par procès soit riche une partie 
Il se faut coucher tard, et se lever matin . . . 
Remarquer un logis, assiéger une porte, 
Garder que par derrière un conseiller ne sorte, 
S'accoster de son clerc, caresser un valet . . .** 

Enfin les procès font, de même que la divinité, des miracles écla- 
tants. On voit, par exemple, les boiteux marcher, poussés par 
le besoin de ne pas manquer une audience et 

„comme les luts d'Orphée ou d'Amphion 
Leur occulte cabale attire métairies 
Villages et chasteaux, rentes et seigneuries," 
Ils partagent aussi de la nature divine dans l'incomprensibilité de 
leur langage, souvent plus obscur que celui des oracles et si Ton 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 27 1 

fait aux Dieux des sacrifices coûteux, il va sans dire que dans les 
procès cette sorte de sacrifices sont à Tordre du jour: 

„Jupiter courrocé d'un don va s'appaisant: 
Un rigoureux procès s'adoucit d'un présent." 

Enfin les procès peuplent, aussi bien que la divinité, le monde 
tout entier et dominent entièrement ceux qui les suivent. Dans 
un sonnet notre Passerat revient sur le même sujet, en rapprochant 
les femmes des procès, parce que, entre autres choses, 

„Tous deux par beaux presens se rendent favorables, . . . 
Tous deux sans rien donner prennent à toutes mains." 

La plaisanterie est donc doublée de satire et, le poète, qui avait 
dû se plaindre de la justice de son temps, visait ici évidemment 
à une sorte de vengeance. 

Un autre poète, que nous connaissons déjà, Annibal de 
rOrtigue (Paris, 16 17) entreprit les louanges d'un sujet, qui avait 
intéressé le Berni, dont le capitolo „in Iode del debito" était au 
nombre de ses pièces burlesques les plus connues. Ici encore pas 
d'imitation littérale, mais plutôt cet air de famille que nous venons 
de constater pour d'autres compositions pareilles. La Feììcìié du 
dehteur débute par déterminer la supériorité que celui-ci garde 
vis-à-vis de ses créanciers, forcés de le traiter avec beaucoup d'égaid 
et d'en ménager l'amitié. Le débiteur démontre en outre une 
intelligence vive, un esprit doué de ressources: 

„C'est avoir le courage brave 
L'esprit et l'éloquence grave, 
Avoir méthode et entregent 
De trouver toujours de l'argent 
Pour entretenir la marmite" 

et il n'y a rien en cela de honteux car même les plus grands rois 
sont souvent forcés d'emprunter à tout le monde. Il arrive quel- 
quefois que le débiteur est poursuivi par la police, mais s'il connaît 
bien son métier, il saura l'éviter, quitte la nuit à se moquer „du 
sergent", soit qu'il se tienne à la fenêtre, soit qu'il sorte pour 
„visiter la taverne". D'autres argumentations sont communes au 
sujet de la prison. Si la garde veille à la porte du débiteur, c'est 
qu'on le traite en prince, si on le mène en prison, il y trouve 
beaucoup d'amis, qui le reçoivent, les bras ouverts; si on l'habille 
en vert, c'est là la couleur des conquérants. îlnfin quoi qu'il 
arrive, il est toujours plus à son aise que ses créanciers, de sorte 

qu'il conclue que: 

„C'est une chose très bonne 
Debvoir et ne payer personne." 

Vers la même époque, en 1619, Vital Bedène avait révélé à ses 
lecteurs „le secret de ne payer jamais", mais ici sous l'apparence 
de la plaisanterie se cache un but satirique. Le poète en veut aux 
nobles bouffis d'orgueil, qui ne remplissent point leurs engagements 



272 p. TOLDO, 

et il y a de petites scènes, rappelant de près celle entre Don Juan 

et monsieur Dimanche, dans la comédie célèbre de Molière. 

En 16 16 parurent à Paris les Opuscules françoises des HotmanSj 

contenant l'éloge de l'avarice et le blâme de Tamitié composés en 

prose par Antoine Hotman sous le titre de Paradoxes. Plus tard, 

en 1634, le sieur de la Giraudière, dans ses joyeux ipigrammes^ 

chanta „l'apologie du pendu", sujet, qui appartient bien à lui et 

qui malgré son apparence d'enjouement est, on ne pourrait plus, 

lugubre. Le burlesque se fonde ici sur l'observation que comme 

il n*y a rien de beau dans l'univers, qui ne soit pendu, l'homme 

qui fmit de la sorte est supérieur, de beaucoup, à tous les autres. 

Voici le discours du personnage en question, qui chante lui-même 

sa prosopopèe: 

„Passant je te supplie arestc, 

Et si tu trouves deshoneste 

D'estre ainsi pendu par le col, 

Au gibet avec un licol 

Je t'apprendrois que la potence 

N'est que pour les gens d'importance . . ." 

Et en effet il n'a pas de peine à démontrer que tous les corps 
célestes sont pendus dans l'espace, que les fruits pendent des 
arbres et que bien des personnages illustres ont dû endurer ce 
genre de supplice, y compris le Sauveur, allusion cette dernière 
fort irrévérencieuse, dans la bouche d'un croyant. 

Ce genre de plaisanteries continua pendant tout le dix -sep- 
tième siècle et nous en retrouvons aussi quelques exemples au 
siècle suivant. Je rappelle, entre autres, V éloge de la Paresse^ dédié 
à un moine et attribué à Voltaire (1728) qui commence: „La 
paresse est une volonté constante et déterminée de ne rien faire; 
c'est le quiétisme de la raison humaine; c'est le silence du désir; 
c'est le sommeil du malheureux découragé; c'est le grand préser- 
vatif de tous les maux au moral, comme au physique". Enfin la 
paresse est une sorte de niravâna, La conclusion n'est pas moins 
paradoxale et a l'air d'une démonstration géométrique „l'homme 
est né dans un cercle dont la Paresse habite le centre et dont l'in- 
quiétude cherche à briser la circonférence". Ce sont là les derniers 
échos de ce genre d'inspiration burlesque née en vers finissant en 
prose et renfermant parfois des prétentions satiriques. 

L'apologie des maladies. 

„Je ne suis pas de ceux, qui d'un vers triomphant 
Déguisent une mouche en forme d'Elepbant; 
Et qui de leurs cerveaux couchent à toute reste 
Pour louer la folie, ou pour louer la peste." 

Malgré cette déclaration, où Du Bellay a l'air d'en vouloir au 
Berni, au Lasca, à Scribane de Vérone, et à la grande famille 
des burlesques d'Italie, il n'entreprend pas moins l'éloge de la 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 273 

surdité, éloge qu'il adresse à son maître Ronsard frappé de cette 
maladie.^ C'est même par les vers cités que cette apologie com- 
mence, car le poète a bien Tapparence de prendre fort au sérieux 
son sujet, peut-être pour une pensée délicate à l'égard de Tillustre 
malade. Au fonds cependant le paradoxe domine et avec lui le 
burlesque. Dans cette longue enumeration des avantages que la 
surdité apporte, il suit d'ailleurs le même procédé de ses devan- 
ciers d'Italie. 11 s'agit de prendre le contre-pied de l'opinion 
générale et de ne regarder qu'un côté de la médaille. Pour tout 
le monde la surdité est la source d'une foule de désagréments; 
elle nous ravit le plaisir de la causerie intime, elle nous défend 
les douces harmonies, elle nous expose à bien des dangers, enfin 
elle nous rend parfois même ridicules. Du Bellay regarde de 
l'autre côté et découvre le paradis terrestre. Le sourd, dit-il, est: 

„ . . . privé de sentir maintefois 
L'eonuy d'un faulx accord, une mauvaise voix, 
Un fascheux instrument, un bruit, une tempeste, 
Une cloche, une forge, un rompement de teste. 
Le bruit d'une charette et la doulce chanson 
D*un asne, qui se plaint en effroyable son." 

Tout cela n'est pas moins vrai et l'on pourrait appliquer le même 
raisonnement à tous les sens, qui nous mettent en rapport avec 
les choses extérieures. Le sourd continue-t-il est libre des discours 
ennuyeux, des amours, qui causent notre perdition, du rôle de 
conseiller des princes; enfin Ronsard pourra tirer son profit de 
ce que les ignorants appellent un malheur, pour se dédier, dans 
cette solitude de l'esprit, aux vers, qui le rendront immortel. Tout 
cela est dit avec beaucoup de verve et de délicatesse: malheu- 
reusement dans la conclusion le mauvais goût du temps l'emporte, 
et le poète nous ofíre un grand tableau allégorique, où la surdité 
se présente toute fière devant le lecteur, entourée d'autres per- 
sonnifications, la Mélancolie, l'Etude et l'Ame imaginative. C'est 
en vain que j'ai cherché parmi les compositions burlesques des 
poètes de la Péninsule, ce sujet inspirateur de Du Bellay; il se 
peut que mes recherches n'aient pas été heureuses, mais il se 
peut aussi et c'est là ce qui me paraît le plus probable, que Du 
Bellay n'ait tiré de ses devanciers italiens que l'inspiration du 
genre. Nous avons affaire à un écrivain, qui n'a pas besoin de 
béquilles, pour marcher. 

Il n'en est pas de même de l'auteur du „blason en l'honneur 
de la Goutte" 2 cité tout à l'heure et qui parait redevable à messer 
Matteo Francesi de quelque chose de plus qu'une simple inspi- 
ration. Au moins est-on porté à le croire en voyant que les 
deux pièces ont des rapports intimes, même dans les détails. Ce 

* cfr. Vhymtie de la surdité. 

* Blason etc. Lyon, Tournes, 1547. 

Zeitschr. L rom. PhU. XXV. 18 



274 P- TOLDO, 

sujet avait inspiré aussi la muse du Ferrari^ et en France il eut 
assez de vogue. L'auteur anonyme nous expose, de même que 
Francesi, comment la goutte reçoit partout des honneurs; le 
goutteux n'a qu'à se présenter dans une maison, pour que tout 
le monde le prie de s'asseoir, lui donnant la place la plus com- 
mode. Les deux écrivains exaltent de même le plaisir qu'elle nous 
cause, en nous permettant la plus grande tranquillité de Tesprit 
et du corps et s'accordent à déclarer: 

„Qu'en Goutte n'a ne mal ne maladie" 
car le pharmacien ne saurait y trouver aucun remède: 

„Hor per uscir di queste catapecchie 

Et provar che la Gotta non è male 

A questo si consideri, e si specchie, 

Che non ne tien ricetta lo speciale . . .** 

Tous les deux trouvent enfin que la goutte a une origine divine, 
mais ici le poète français ne se contente pas de nous dire 

„ch' eli' è sorella dell' amore 
D' otio, di vino, et di lascivie nato" 

mais en s'inspirant de „Lucien en ce beau dialogue" il en re- 
cherche les origines encore de plus loin. Dans la conclusion, le 
poète français s'éloigne tout à fait de Titalien, car il se plaît à un 
jeu de mots d'un goût fort douteux et presque incompréhensible: 

„Fin des goustz goustés de la Goutte, 

Qui, quand en dégouttant dégoutte. 

De gouste im trop meilleur gouster, 

Que goutte ou vin me fait gouster." 

Motin (cfr. Œuvres inéd. etc. Paris, Cabinet du Bibliophile, 1883) 
dédia à son tour quelques sonnets à ce sujet et il se plaît aussi 
bien que son devancier à des jeux de mots, d'un sens toutefois 
bien plus clair. £n effet en s'adressant au sieur de la Roche, 

„ . . . la Goutte a monstre en luy à ceste fois 
L'efifect de la vertu qu'on diet qu'elle a en elle. 
Elle a percé la Roche et a faict sortir d'elle 
Ce brave chevalier si beau et si courtois. 
Par sa vertu la Goutte a la Roche amollie 
A la Roche animée, a la Roche polie 
(Miracle!) et en a faict pour elle un bel amant." 
Et le reste des sonnets est toujours dans le même goût. 

* Dans sa pièce (éd. de Venise, 1570) sur la rogna Ferrari déclare que 
la nature a donné les ongles à l'homme tout exprès pour ce bel exercice, poor 
„coltivarla"; pour ce qui est de la goutte il ajoute qu'elle est l'ennemie de 
la paresse et en général de toute sorte de vices et nous préserve de tous les 
maux. A la nature 

„Contra ogni mal per medicina darla 

A 1' huom le piacque." 

Ce sont là des idées qu'on trouve aussi chez les autres auteurs, qui se sont 
intéressés à ce sujet si peu poétique. 



POÉSIE BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 275 

La Goutte inspira encore d'autres poètes. Sarasin entre autres 
(Œuvres, Rouen, 1658) a une „Balade de la misère des Goûteux", 
où il chante le contraire de ses devanciers. Cest Tinspiration bur- 
lesque du contre, que nous venons de constater chez ses pré- 
décesseurs d'Italie. Et cette idée d'opposition paraît évidente, dans 
ces vers où il rappelle ceux qui en ont chanté les louanges: 

„Maint autheur antique et recent, 
Bien instruit en toute doctrine, 
Soustient que la Goûte descend 
De copulation divine." 

Plus tard dans une composition anonyme en prose (Paris, 1654), 
on célébra „les graces, droits, privilèges et faculté de ceux qui 
sont enclins d'avoir les gouttes, tirez des Fermes et Archives des 
protomisérables". Le début suffit pour faire comprendre le caractère 
de cette pièce : „Il est ordonné et permis de grace speciale par les 
maîtres de l'Archiconfrerie des Goutteux: premièrement, malgré tous 
les envieux, que celuy qui a les gouttes peut en tout temps, âge 
et saison porter un bâton et le peut choisir tel et de tel bois que 
bon luy semblera . . . secondement il a permission irrevocable d'aller 
tout bellement et à son aise sans jamais se hâter, ny courir . . . 
Tiercèment ... luy est permis s'appuyer sur les bras et épaules de 
sa femme, serviteur ou servante" et ainsi de suite. L'auteur con- 
tinue en nous représentant „les sept stations des gouttes et indul- 
gences à gagner sans aller à Rome" savoir la station à l'orteil, 
l'autre aux chevilles, la troisième aux genoux etc. et le tout est fini 
par la „Recepte très-utile pour les gouttes" composée de „patientis 
lachrymarum guttas viginti, specierum clamoris et juvamenti anna 
zij. electuarii silentiae ziropus cum siropo patientiae probatae". 

Dans le recueil cité, on trouve aussi le „blason de la Quarte", 
qui pour le titre rappelle l'éloge de la „Quartana" dû à la plume 
de Pierre Aretin; mais l'auteur anonyme cite, lui-même, ses sources, 
en remontant à l'antiquité, sans exclure, pour cela, les modernes: 

„Je veux aussi à Pexemple notable 

Des plus sçavans modernes et antiques, 

Canonizer par raisons autentiques 

La Quarte, icy Tengin exercitant. 

Car Phavorin jadis en feit autant: 

Puis Menapie, Encomiaste exquis, 

En dit maints loz; et duquel ay enquis 

Maints argumens pour former sa louange." 

Ce n'est pas la peine de s'arrêter longtemps sur ce blason dépourvu 
de tout mérite littéraire. La Quarte nous donne une „douce 
langueur", nous permet le repos, tandis que tout le monde tra- 
vaille, nous rend intéressants et ne nous ennuie que pendant peu 
d*instants. 



^ Œuvres, Paris, 161 7. 

18* 



276 p. TOLDO, 

Au commencement du XVII* siècle, l'Ortîgue provençal essaya, 
à son tour un sujet, qui avait jadis inspiré Titalien Ferrari. Cest 
à peu près par les mêmes argumentations que les deux écrivains 
tâchent d'exalter le delice des galleux et il va sans dire que c'est 
là une thèse qui se prête beaucoup au paradoxe et aux plaisan- 
teries grossières. La gale nous protège de beaucoup de maux, 
elle nous donne une occupation agréable, s'était écrié le Ferrari 

et rOrtigue: 

,,C'est un merveilleux délice, 

C'est une agréable lice, 

C'est un esbat gracieux 

Plus grand qui soit sous les cieux 

Que d*estre atteint de la galle, 

Nulle volupté n'esgalle 

Celle d'un galleux parfaict" 

et tout ce grand bonheur est causé par 

„La démangeaison gentille 
(qui) Le contraint à tout moment 
De se gratter doucement." 

L'Eglise pour punir les pécheurs n'aurait qu'à défendre le plaisir 
de se gratter; ce serait là un moyen bien sûr pour les ramener 
à la vertu. D'ailleurs cette maladie a des vertus thérapeutiques; 
celui qui en est atteint peut marcher, la téle haute et sûr de sa 
santé, au milieu d'une foule d'autres maux; c'est là une sorte de 
cuirasse qui nous protège et qui nous rend presque invulnérables. 
£ntre la gale et l'amour il y a aussi des rapports intimes et cela 
doit suffire afin que les esprits délicats ne se détournent pas d'elle: 

„Car la galle et les amours, 

Se font cognoistre toujours. 

Tous les deux ont des délices 

Des geisnes et des supplices 

Qui ne se peuvent cacher." 

Même l'etimologie de galle que l'auteur tire du mot galant en 
indique le mérite: 

„Un prince en ce siècle icy 

Porte le tiltre des Galles" 

et ses rapports intimes avec les plaisirs de Vénus sont aussi une 
autre marque de son importance. La déesse de la beauté n'a su 
s'en passer. Enfin les pauvres qui en sont atteints exploitent la 
compassion des gens riches, pour qui bien d'autres misères n'ex- 
citent aucun intérêt: 

„La galle est la calamite, 

Qui faict bouillir leur marmite . . . 
Ces estropiez et boiteux. 
Ces yvrognes marmiteux. 
Ces charlatans pleins de vice. 
Font souvent par artifice, 



POésiB BURLESQUE FRANÇAISE DE LA RENAISSANCE. 277 

Voir leurs membres escorchez, 
Comme de lepre touchez." 

Les rapports entre cette maladie et les plaisirs de Vénus, nous 
permettent d'aborder un autre sujet, qui joue, dans la littérature 
italienne, une rôle assez important, sous le nom de mal francese. 
Dans le Recueil de poésies françaises des XV® et XVI* siècles,^ on 
lit le Triumphe de très haulte dame Verolle et le sieur d'Esternod 
dans son Espadon satyrique^ s'en occupe â son tour, mais pour 
s'en plaindre vivement. Il se plaint surtout de ce que la nature 
épargne aux chiens ce cruel malheur. Les bêtes ont toute sorte 
de privilèges, y compris celui de ne payer jamais leurs amours: 

„Ils n'y payent pas un douzain: 

Nous autres donnons la pistole 

Et n'en avons que la vérole, 

Souventesfois pour nostre gain." 

Ce qu'il y a, dans cette composition, d'assez plaisant, c'est le 

langage pédantesque du médecin, un véritable Diafoyrus, dictant 

cette ordonnance: 

,,Ad refrîgendum sa poictrine, 

Carpet de la therebantine 

Pour toller Tinflamation: 

Et si intus est quelque ulcere, 

D'une seringue on pourra faire 

Per saepius l'iniection. 

Ergo vale, cher fìliole 

Je vais chez pharmocopole." 

Rappelons encore une composition due à la plume de Jean Dant 
Albigeois (Paris, 162 1) „en l'honneur de la calvitie". Dans son 
épître au lecteur, notre écrivain rappelle l'oraison grecque, que 
Synesias avait composé sur ce sujet, mais les argumentations en 
faveur de sa thèse, se bornent à bien peu de chose et peuvent se 
résumer dans cette considération que les cheveux sont „la plus con- 
temptible des choses" parce que le poil distingue les animaux des 
hommes. Et c'était là un sujet, qui sous le nom de „pelatina" avait 
inspiré aussi les auteurs burlesques d'Italie et surtout le Ferrari. 

On voit que l'apologie des maladies trouva en France un sol 
moins propice que dans la Péninsule. Le nombre des com- 
positions sur ce sujet est quelque peu borné: la peste n'eut pas 
par exemple son poète français et exception faite pour l'hymne 
de l'ami de Ronsard, elles méritent à peine qu'on les cite. 



^ cfr. éd. Montaiglon, i vol. 

A suivre. 



P. Toldo. 



Bandglossen zmn altportagiesischen Liederbuch. 

V. Ein Seemann möcht* ich werden, 
ein Kaufmann möcht' ich sein! 

Diesmal will ich mich eines von Abschreibern und Heraus- 
gebern recht stiefväterlich behandelten Gedichtes ^ unseres könig- 
lichen Troubadours annehmen, nur um es textkritisch herzustellen, 
soweit das ohne Einblick in CB möglich ist ,2 und um kurz anzu- 
deuten, was ich mir beim Lesen desselben denke. Was die Ein- 
kleidung betrifft, so steht es unter den cantigas de tscamK e mal" 
dizer einzig da, denn Alfons X. spricht zwar in der ersten Person, 
doch augenscheinlich im Namen und aus der Seele eines andern, 
dessen vielleicht zufallig vernommene Selbstbekenntnisse ihn ergötzt 
haben mochten. Auch was Gedankengehalt, Wortreichtum und 
anmutende Beweglichkeit des Rhythmus betrifit, gehört es zu den 
besten seiner realistischen Scherzgedichte. 

Wie man sieht, besteht es aus 4X13 Zeilen, Septenarios^ unter- 
mischt mit Zwcisilbnern, an 2. und 4. Stelle. Jedes der beiden 
Strophenpaare unterscheidet sich durch den Reim. Dieser aber 
ist unmittelbar gebunden, was dem Liede einen frischen volks- 
mäfsigen Ton verleiht. Zwei weibliche Reimworte wechseln mit 
einem männlichen: -anio -on -inha in Str. i und 2; -ado ^ar 'eiro 
in 3 und 4. Am Schlüsse aller Strophen kehren die damit als 
Ausgangspunkt oder Thema des Gedichts gekennzeichneten giftigen 
Skorpione wieder; nicht als Kehrreim, doch kehrreimartig.' — Wei- 
tere Lieder nach gleichem Schema 

7277 72777777 

• • • • • • • 

aabbaabbccbbc 

sind mir nicht bekannt. 



^ Man werfe einen Blick in Braga's metrisch wie sprachlich völlig miis- 
glückten Abdruck. — Gut sind daran nur einige aus Monaci's Note herüber- 
genommene Treffer. 

* Warum C. de Lollis nicht CV mit CB coUationiert hat, ehe er seine 

Studie veröffentlichte, ist mir unklar. 

8 Das wäre, nach der im CA von mir befolgten Charakterisierung: dw- 
tiga de meestria: 4X13 — Septenarios e Binarios nos versos 2 e 6 de cada 



* * * * * * 



e strophe — Coplas dobras: aabbaabboobbo — Rimas breves e langas: 
•anto -on 'inha ñas estrophes \ e 1\ ^ado -ar -eiro nos e strophes ^ e ^, 



RANDOLOSSBN ZUM ALTPORT. UBDBRBüCEb 279 

(35.) 
Non me posso pagar tanto 

do canto 
das aves, nen de sen son, 
nen damor, nen d' am[b]içony 
5 nen d'armas — ca ei espanto 
por quanto 
mai [mai] pengosas son — 
come d' an bon galeón 
que m-alongu' e muit* aginha 
10 d' este demo da Campinha 
a os alacrSes son. 
Ca dentro no coraçon 
senti d' eles a espinha! 

E juro, par Deus lo santo, 
15 que manto 

non tragerei nen granhon, 

nen terrei d' amor razon, 

nen d' armas — porque quebranto 
e chanto 
20 ven d' elas ced' a sazón — 

mais tragerei un dormon, 

e irei pela marinha, 

vendend' azeit' e farinha; 

e fugirei do ponçon 
25 do alacrán, ca eu non 

mi sei outra meezinha. 

Nem de lançar a tav(o)lado 
pagado 

non s8o, se Deus m' ampar, 
30 oimais, nen de bafordar. 

O andar de nout(e) armado, 
sen grado 

o faço et o roldar! 

Ca mais me pago do mar 
35 que de seer cavaleiro, 

ca eu foi ja marinheiro, 

e quero -m' oimais guardar 

do alacrán encontrar 

que me foi [picar] primeiro. 

40 E direi -vus un recado: 
pecado • 

ja mais me pod' engañar 

que me faca ja falar 

en armas, ca non m' é dado. 
45 DOado 



28o CAKOUNA MICHAELIS DE VASCX)NCELLOSr 

m' é de ar én razSar, 
pois las non ei de provar. 
Ante quer' andar sinlheiro 
e ir come mercadeiro 
50 algQa terra buscar 

u me non possan culpar 

alacrán negro nen veiro. (Ind. 467 = OV 68.) 

2 tanto — 3 dues — ¡^ da mica — 8 bêb ; statt blfo, das vor dem Sub- 
stantiv zu bon werden mufs. Sowohl bei Monaci als auch bei Braga figuriert 
im Namenverzeichnis D, Beno Galeoni — il hues ala traces son. Daraus 
wurde bei meinen Vorgängern: hu ¿ mala traesson (traiçon) — 18 ^ biaco — 
20 ne — 22 marinha — 23 uedenda zeue effarma. Braga druckt a ceb^» 
als handelte es sich um Talg. Ob er aceb* schreiben wollte und an asevre 
= acibar dachte? Die Form ohne r existiert jedoch nicht. Dafs übrigens 
Talg und Aloe an Bedeutung dem Mehl gleichstehende Handelsartikel sein 
könnten, wird Niemand behaupten. — 24 effuguey do paco — 25 alarram. 
Passo do alazäo pafst weder in den Zusammenhang, noch in den Reim. — 
26 phy — ouq(u)a — 27 Entweder ist nem zu streichen, oder tavlado zu 
setzen (wie auch in OV 955). — 29 s fco — 30 adeo, woraus ich nichts zu 
machen weifs. Ersatz zu schaffen, wie ich versucht habe, ist leicht. A dia 
fur de dia, im Gegensatz zu de noute der 31. Zeile, pafst nicht ins Versmais 
und ist unportugiesisch. Doch welche Lesart bietet OB? — 33 grad offaço 
z a rolda — 35 Jfer caualro — 36 I. Sg., wie unzählige andre Male. — 
38 — 39 do alacra e cornar, woraus Braga coronar macht. Es scheint in Z. 39 
ein zweisilbiges Zeitwort zu fehlen: picar, ferir, chagar, oder sinnverwandtes. 
Culpar wie in Z. 5 1 wäre auch zu brauchen. Ich wähle picar, im Gedanken 
an die weiter unten angeführten Sprichwörter. Paläographisch läge jedoch 
tornar näher als encontrar. Dann muíste man Konstruktion und Sinn ganz 
verschieden fassen und in Z. 39 anders ergänzen. Etwa: 

e quero m* oimais guardar 

do alacrán, e tornar 

[o] que [eu] me foi primeiro 

im Hinblick auf die vorausgegangene Zeile ca eu foi ja marinheiro — 42 ¿s 
ia mei. Hier steckt offenbar noch ein Irrtum. Die erste Hälfte der Schlufs- 
strophe befriedigt nicht, doch ziehe ich vor, an den überlieferten Buchstaben 
festzuhalten. — 44 dad — 46 do ad me deas en rrazonar — 48 ^anday — 
49 com — culpa a lacra negro ne ueys. 

Unkriegerisch gesinnt, hat einer der Unterthanen des Königs 
von Leon und Kastilien — das Lied selbst bezeichnet ihn als 
einen Ritter — v^^iderwillig Felddienste gethan, wozu Rang und 
Gesetz ihn vermutlich zv^^angen. Nach dem Meere sehnt er sich, 
nach einer frischen Seebrise, einer guten Galeone, oder einer hurtig 
segelnden Dromoney auf der er seine Waaren von Hafen zu Hafen 
fahren kann. Weder Vogelsang noch Liebeslust, weder Ehrgeiz (?) 
noch Kampf, weder die Tracht des hoffähigen Kriegers (Mantel 
und wallendes Haar, bzw. Vollbart?) 1 noch Ritterspiele verlocken 
ihn. Uns unbekannte Ereignisse haben den in ihm schlummernden 
Hanseatengeist geweckt — ca eu ja fui marinheiro! Vor allem 
aber haben körperliche und seelische Schmerzen den Wunsch nach 

^ G^<^^ hon, grenhon, grinhon bezeichnen aport. meist üppigen Bart- 
wuchs (CV62. 74, CM 86. 293); doch auch das Haupthaar (CV 305: 
granhTies), — Nach UV 62 vi un coteiffe de muy gran granhon scheint C9 
sich mehr um Kriegs- als um Hoitracht zu handeln, 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 201 

Freiheit und Einsamkeit gezeitigt — ante guer' andar si'n/àeiro. Näm- 
lich der Bifs giftiger Scorpione und giftiger Stachelzungen, denn 
alacrán ist doppelsinnig, wie die Klage zeigt, sie hätten ihn /¿¡¿ ¡o 
¡he core of his heart verwundet.' 

Wann und wo? Während einer der andalusiachen Unter- 
nehmungen und vermutlich in den sechziger Jahren, wie die 
übrigen Kriegsgesänge, in denen König Alfons die Schwächen 
seiner Vasallen lachend geifselt,^ wenn anders die Campinha die 
heifse Niederung des Guadalquivir ¡st, welcher dieser Name eignet.^ 
Und wer ist der so unholden hafte Held, den er an den Pranger 
stellt? Einer jener senliraenlalen Gallizier, denen man so oft nach- 
sagt, dafs sie, als Schweizer der Halbinsel, vom Heimweh nach 
Meer und Gebirge (sotdade, sattdade) oder der morrinha gallega, 
einfachem Landleben, der gai'la de f olles, der miii'nheira und dem 
melancholischen alalaia gepackt werden, nicht blofs in den kasti- 
lischen Einöden, sondern überall wohin das Schicksal sie führt?'' 

Wie gefürchtet alle Arten Scorpione auf der Halbinsel waren 
und sind, zeigen zur Genüge die Sprichworter: Si te pica el alacrán, 
llama al cura y sacrisiim — Si te pica ti alacrán, 1res días comerás 
pan — Quien de alacrán está picado, la sombra le espanta. Für be- 
sonders giftig gilt der schwarze, o lacran da unha negra (span, de 
uña negra)fi Gewifs ¡st es derselbe, den König Alfons negro nennt. 
Veiro [varitis) hingegen mag eine scheckige, vielleicht auch die 
blafs rötliche Species sein, die, soviel ich weifs, heute die aller- 
verbreitelste ist.'* Von beiden besitze ich Exemplare (4 — 5 cm), 
die bei Moncorvo für mich gefangen iTurden — in derselben 
Gegend also, wo der böhmische Freiherr Leo von Rozmital seiner 
Zeit, mit den Augen der Frucht, Scorpione grofs wie Jagdhunde 
entdeckt hat.^ Dafs ihr Stich tötet oder wahnsinnig macht, ist 

' Nachweisen kann ich Alacrán ala alcunha von beslimmicn Peisonen 
freilich nicht. 

* S. Randglosse VI. 

' La Campiña hiefs bekanntlich die den Mauien entrissene Provinz, 
welcbe CoriloTa, Baena, Edja und Lucena umfariitc. — Edrisi, Ed. Leyden, 
p. 174. — Sie wird im 13. Jh. oft erwähnt. Von Alfons X, mil IJeiug auf 
seine andalusiächen Feldziige in den GM z. B. 216, B. 11. 

' Im 14. Jh. war dieser Ruf schon traditionell. — Aus der Chronik 
Alfons' XI. stammt der Sati: Las ile Galicia eran ornes de manlañas que 
avian muy grave de los sacar de la tierra. Freilich folgt der Zusatz a menos 
de Us dar algo (Cran. Alf. XI CXIH). Für gewiansüchlig gilt der Galliiicr 
noch heutp. 

* In Portagal steht neben alaerSo noch aliterai, alacrau, alacrae, alacrá 
lacran, ¡aerai und ¡acrau (Minho) nebst lacraia (Trai -os-Mon tes, wegen laeaio, 
tacaiai). — Braga scheint das volkstumUche Wort nicht za kennen. — In 
seinem Glossar sieht alacrd =: tecido antigo; dazu kann nur die Faiben- 
beieichnang negro ou veiro ihn veranlafst haben. — Ueber die Etymologie 
s. Doiy (oder auch Körting 344). 

* Ich glaube, duls die roüiche die gewöhnliche mittelländiscbe Art Ist 
(scorpio europaeus); die schwarze aber eine afrikanische [scorfio tunetanus 
oder mai4rus}, 

* Bibl. Litt. Ver. Sfutt. VH p, 77 n. Î79 (oder Libros de Amañe Vm 83) 
In circumjacentibus montiäus magna est capia serp^nlHin, ¡eorpionum et la- 



2S2 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOSy 

ein Dogma. Und wo nach mindestens achttägigen peinigenden 
Schmerzen Heilung eintritt, glaubt das Volk an ein Wunder; ein 
klein wenig auch an die Kraft des angewandten azaie d* alacrán^ 
(port untara de alacräes) oder der scorzonera hispánica,*^ 

Das von Alfons für eine Art Segellastschiff angewendete grie- 
chische Wort dormon ist auf der Halbinsel, wie überall, nur im 
Mittelalter üblich gewesen. Aus gallizisch-port Quellen kann ich 
sogar kein andres Beispiel anzuführen. Doch hat Lissabon gewifs 
mehr als das einzige Mal, von dem ich weifs, einen dromon (oder 
eine dromunda «= mhd. dragmund, tragmuni) in seinen herrlichen 
Hafen einlaufen sehen.^ 

Nachtrag. Während die im Herbst 1899 niedergeschriebenen 
obigen Seiten in Strafsburg ruhten, erschien in Italien ein Aufsatz, 
in dem C. de Lollis sich mit dem hübschen Seemannsliede beÊEtTst^ 

Den Inhalt beurteilt er ganz anders als ich. £r glaubt Alfons X* 
in seinem eigenen Namen ernst und gramerfûllt reden zu hören. 
Und zwar gegen Ende seines reichen ruhelosen Lebens, als der 
kastilische König den bekannten schmerzlichen Prosabrief nach 
Afrika sandte, bei seinem alten Feind Abu-Jusuf Mitgefühl und 
Hülfe suchte und ihm die Krone als Pfand anbot Ja, der das 
Grundmotiv unsres Gedichtes bildende Wunsch, das Meer zu be- 
fahren, giebt in des Italieners Augen sogar der sich an den echten 
Prosabrief anlehnenden melancholischen Ich -Romanze 

Io sali de la mi tíerra 
para ir a Dios servir 

gröfsere Authentizität, weil in ihren letzten Worten aus des Mon- 
archen Munde die gleiche Absicht tönt, wie weiland Apollonius 
auf hohem Meer zu enden 

a sc morir en las ondas 

o las venturas buscar. 



certarum. . . . Scorpiones sunt cams venaiorü mediocris magnitudine, tergo 
variato et pioto, guales nuUus unquam nostrum conspexit, 

^ Similia similibus und nomen omen. — Ich denke an die Lanze Achills 
und an die portugiesischen Sprichwörter: d mordedura de cäo, pello de cäo — 
curar a fer ida de cäo com pello de cäo, 

' Escorzonera von scorpione abzuleiten soll leider nicht angehen? Man 
soll bei cortice stehen bleiben (Körting 2924)? Jedenfalls aber hat das Volk 
die beiden Worte und Dinge im obigen Sinne in Beziehimg zu einander ge- 
bracht und sieht in der scorzonera hispánica eine Anti- Scorpion -Wurzel. — 
Käst, escorzón, nebst pathologisch daraus gebildetem escuerzo, kat escorsa 
escurçô (via, T IT 2íXLÍt cap. 85 p. 282), ^oxX. escorçao, ital. jft^r^on^ giftige Kröte. 

' Im J. 1 1 84, bei einem vergeblichen Angriff" der Almohaden. — S. Here. 
II 462 nach R. de Diceto {Imagines Historiarum, apud Twisten, Hisi, AngL 
Script, p. 624). — Ueber óqÓ^oív^ mlat. dromon (Isid. Etym, XIX I, 14), 
altfrz. dromon, span, durmon dromon {Gran Cong, IV e. 32), port, dormon 
vgl. Du Gange s.v. dromones; den altspan. Alex. 1862; Diez À. 564; Kör- 
ting 2703. — Cand. de Figueiredo betont dromon, als wäre der griech. Accent 
maüsgebend, zu Unrecht, wie unsre cantiga zeigt. 

« Stud, Fil, Rom, vol. VIII 380—386. Ich erhielt das bezügliche Heft 23 
im Juli 1900. 



RANDGLOSSEX ZCM ALTPORT. LIEDERBUCH. 2S^ 

Darauf erwidre ich einerseits, dafs wir von Aifons X. kein die 
Romanzenform des XV. und XVI. Jhs. treu vorbildendes Gedicht 
kennen und überhaupt nur ein kurzes span. Vessfragment;^ dafs aus 
dem XIII. und XIV. Jh. keine Romanze vorhanden ist; dafs nichts 
die geschickt den Ton der Klageromanzen nachahmende Schöpfung^ 
als altertümlich ausweist, weder die Sprache noch Glossen, noch 
Nachahmungen, noch Citate; dafs Alonso de Fuentes, der erste, 
der sie 1550 mitteilte, wahrscheinlich ihr Verfasser ist, sich der 
Romanzenform bemächtigend, um in archaischer Sprache diese wie 
andre poetische Geschichtsepisoden frei umzugestalten.* 

Andrerseits vermag ich an den abenteuerlichen Wunsch nach 
einsamem Seefahren von Seiten des oojährigen kummervollen 
Monarchen nicht recht zu glauben. Jedenfalls nicht daran, dafs 
der von Kindern, Freunden und Vasallen verlassene, dessen Ausrut 

nunca assi foi vendado 

rey don Sancho en Portugal 

wir bereits kennen, in einem so frischen Gedicht in kunstvollen 
und leichtfüfsigen Strophen seine geheimsten Gedanken preis- 
gegeben hatte. Und wenn schon — nimmermehr konnten sie 
dahin zielen, in einem Lastschiff an der Küste als Oel- und Mehl- 
händler entlang zu segeln: vendend'* azeit* e farinhal Nimmermehr 
konnte damals der Verfasser von Marienliedem der Liebe, dem 
Ehrgeiz, Waffenspiel und Kriegsdienst (langweiliges Postenstehen 
bei Nacht miteinbegriflfen) entsagen.* 

Ich bleibe dabei, das Gedicht als ein im Namen eines Andern 
voller Ironie gesprochenes Scherzgedicht aufzufassen — eines Ca- 
valeiroy dem thatsächlich die giftigen Scorpione der andalusischen 
Campinha und, infolge seines wenig mannhaften Benehmens dabei, 
auch die giftigen Zungen der Genossen^ wehe gethan und den 
Kriegsdienst verleitet hatten. 

Was den Text betrifft, so freue ich mich der Uebereinstimmimg 
in unserer kritischen Bearbeitung, bemerke aber, dafs leider in 
diesem Falle die Einsicht in CB zur Textverbesserung nicht eben 
viel beigetragen hat.^ In folgenden Einzelnheiten scheint mir 
Lollis das richtige getroffen zu haben. 

Er setzt alacráy wie Z. 38 und 52, und PL alacräes^ wie Z. 1 1 



1 Cfr. Grundrifs IIb 181, 3. — G. Baist (§ 41 und 55) erwähnt die Ro- 
manze nicht. 

2 Sie hebt wie alle Klageromanzen des XV. und XVI. Jhs. mit /-Asso- 
nanzen an, geht dann aber zu á über. 

^ In der betreffenden Romanze sind die Ereignisse des Jahres 1274 mit 
den späteren vom Jahre 1282 gemischt. 

* Eu ja fui {fot) tnarinheiro hätte Aifons zur Not sagen können , an 
Sevilla, an seine Route von Alicante nach Tunis (1257) und an die Flucht 
von Valencia nach Tarragona (1274) denkend. 

^ Darauf weist das culpar = ,, anklagend schädigen" der letzten 
Strophe hin. 

^ Z,}fì a de o bleibt ungelöst. 



284 CAROLINA MICHAELIS DB VASCONCBLLOS, 

bietet; mit Recht, da diese Formen noch im XVI. Jh. zu belegen 
sind.i Mir schien es gerathen, angesichts der verderbten Lesart 
alarram für alarran (CV Z. 25) und der im Spanischen seit dem 
XIV. Jh. litterarisch vorwiegenden, falls nicht alleingûltigen Form 
alacran\ diese, mit dem PI. alacräes zu setzen, in Z. 11. 38. 52 
aber Fehlen des Til anzunehmen, und alacrar (OB Z. 25) für àlacral\ 
wie eine der port. Nebenformen lautet, als Variante zu verzeichnen. 
Natürlich ohne damit die Existenz von alacrá zu leugnen.* 

In Z. g scheint mir alongue muyi* agynha echter, wenn auch 
nicht besser als alongu* e m, a,\ desgleichen in Z. 20 toda sazón, 
angesichts der Schreibart /oda im CB. — 

Meiner Auslegung gebe ich in einer Reihe von Fällen den 
Vorzug. Z. 4 amiçon für amizade ist mir nie vorgekommen und eine 
höchst unwahrscheinliche Bildung, da keine andre ç aufweist Sämt- 
liche altport. Ableitungen gehen auf die Vorform amístate zurück: 
amistarse amistança amistoso^ in schlechter Orthographie fur amiztar" 
se amiztança amiztoso. 

In Z. 7 unterläfst es Lollis, die fehlende Silbe zu ergänzen, 
es sei durch Wiederholung von muy oder durch Setzung von muyto. 

Z. IG. Aus campinha den Eigennamen herauszulesen ist ihm 
nicht eingefallen. — Gegen este demo da campinha ist absolut nichts 
einzuwenden. Die Wendung ist echt portugiesisch. Ein Adjektiv 
in demoda zu suchen erlaubt este nicht. 

Z. 19. 22. 24 und oft. Wozu der Accent auf / und d'i Er 
entspricht der Aussprache durchaus nicht 

Z. 24. Ponçon hat mit ptingäo < punctione nichts zu thun und 
bedeutet keineswegs „Stich oder Griff mit den stachligen Fang- 
scheren". Es ist vielmehr potione, mit eingefügtem Nasal wie im 
spsLu, ponçonaf und bedeutet Gift von Nattern, Schlangen, Drachen, 
Scorpionen, Spinnen und andern Tieren, im Gegensatz zu herba 
herbula „Pflanzengift".^ Man vergleiche im geistlichen Liederbuch 
des Königs Gedicht No. 189. Darin lautet der Refrain: 

Ben pode Sánela Maria 
guarir de toda poçon 
pois madr' é do que tríllou 
o basilisqu' e o dragon. 

Und in der vierten Strophe heifst es ca poçon saltou d* eia d. i. 
aus einem verwundeten Ungetüm [bescha)j dem Drachen, von dem 
die Ueberschrift erzählt: Esta è dun ome que ya a Santa Maria de 
Salas et achou un dragon na carreira et mató -o et el ficou gafo do 
poçon et pois saou-o Santa Maria, In einem andern Liede (CM 



1 S. EUgiada Canto XVI Str. 21 (ed. 1785 bietet alacrae), 

* Cf. Cane, de Baena No. 203, 7 Peor muerde que alacrán und Catenina, 
ed. Foulché-Delbosc p. 29. 

' S. Mendes Pinto, Peregrinaçdes c. 161. 

* Die Grundform mit auslautendem b bietet das Morisko-Gedicht A. 275 : 
alacrabes v gusanos „Grabwûrmer". 

6 ci Jiev. Lus, I 298. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. USDERBUCH. 285 

225, 9) ist von Spinnen die Rede {<iquel poçon tan lixoso). Wie man 
sieht, war das Wort doppelgeschtechtig, männlich vielleicht weil 
das Volk darin ein Augmentativ eines vermeintlichen poco erblickte. 
Heute ist pocäo weiblich und benennt den Ârzneitrank. Piçotiha 
aber — ursprünglich „Vergiftungsmittel'' — ist Verbalsubstantiv 
von peçonhar, span, pozoñar ponzoñar < potíonare,^ Vgl. altportug. 
poçomto für poçdento im Josafat 42 und mpoçdado CM 189, 8. 

Z. 26. £s ist Ihi ss „ihm'' und nicht IK y zu lesen, da kein 
Rûckweis auf poçon {nella puntura, wie Lollis annimmt) darin 
stecken kann. 

Z. 27. Die alte, eigentlich kastilische, doch auch in Gallizien 
und Portugal übliche Form für „Gerüst", die später mit der Sache 
nicht verloren ging, wohl aber auf „Theatergerüst" und „Schaffet" 
übertragen ward, ist dreisilbiges taolado, bzw. tablado taulado. Die 
üblichen Wendungen sind lançar (seil, pedrai) a tavlado (span, lanzar 
á tablado), ferir tablado (Alex. 1799), brttar o tavlado (vgl. OV 966) 
(span, lanzar el tablado). Heute sagt man in Portugal mit Bezug 
auf Spielhäuser tavolagem, tavoUiro, tavolado, 

Z. 31. Warum notte statt noute, da der Diphthong ou sich in 
beiden Liederbüchern findet? 

Z. 3 1 und 33. O andar , , , e o roldar scheint mir nach wie 
vor sinnentsprechender. 

Z. 36. In der alten Sprache ist die Scheidung von fui i. Sg. 
und foi 3. Sg. noch nicht durchgeführt In Z. 39 liefs auch Lollis 
ruhig foi für i.Sg. bestehen. 

Z. 41 — 43. S. oben. Ich verstehe: Der Teufel {pecado, ohne 
Artikel wie demo) wird mich nimmer wieder verleiten {ja mais me 
pod^ engañar), von Waffen zu reden {que me faca ja falar en armas), 
denn mir ist das nicht gegeben {ca non m* è dado). Ueberflûssig 
ist es für mich darüber zu disputieren {Ddado ni i de ar in rasdar), 
da ich mich ihrer nicht länger zu bedienen haben werde {pois las 
non ei a provar). Statt falar läse man gern pegar, 

Z. 45. Ddado, neben endöado von don, ursprünglich immer mit 
nasaler Resonanz. Vgl. z. B. C V 181, 16. 287, 14. 670, 16. 1166, 21. 
1187, 8 — wenn das Til auch bisweilen über dem a steht 

Z. 48. Sinlheiro senlheiro < singularius kommt in der Bedeu- 
tung singelo „einfach" im Altport nicht vor. Der Sinn ist hier, 
wie stets, „einsam und allein"; später in abgeleitetem Sinne: „ab- 
gesondert, sonderbar". CV 464, 2. 771, L 772, 7. 887, 2. 990, 8. 
992, 11 {soa sinlheyra). 1002, 8. 1099, 6. 1169, 18. 

VL Kriegslieder. 

Genetes, — Non ven al mayol 

Unter Einbeziehung einiger andrer, mehr oder weniger groll- 
getränkter Spöttereien auf Ereignisse der andalusischen Grenzkriege 



^ Cf. gall, visonha neben vuäo ^visione. 



286 CAROUNA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

aus der Zeit Alfons' X. hat mein Vorgänger^ sowohl das kriege- 
rische Mailied, welches an den mittelalterlichen Brauch anknüpft, 
am I. Mai Heerschau über die für den Sommerfeldzug gegen den 
Erbfeind verfügbaren Truppen abzuhalten,^ als auch die meiser- 
hafte Schlachtschilderung förderlichst untersucht, in welcher der 
auf seinem Berberrofs anstürmende Geneie und der fiirchtgelâhmte 
Coteife einander gegenüber gestellt sind. Und an seinem End- 
ergebnis ist nicht zu rütteln. Die Cantiga, welche mit dem Prä- 
ludium anhebt: 

O genete, 

pois remete 

seu alfaraz corredor, 

estremece 

e esmorece 

o coteife con pavor — 

sie betrifft einen Sieg der Mauren über die Christen zur Sommer- 
zeit im Fluisgebiet des Guadalquivir.^ Und das temperamentvolle 
Sirventês, dessen hübscher Kehrreim dieser Mitteilung zum Neben- 
titel dient, ist keineswegs auf einen einzigen Verräter gemünzt, 
sondern der Zomausbruch eines kastilisch-leonesischen Fürsten 
gegen eine ganze Reihe lässiger, abtrünniger und selbstsüchtiger 
Vasallen oder Verbündeter, die ihn im Kriege verlassen haben.^ 
Der besiegte Monarch des ersten Gedichtes wie der schmählich 
im Stich gelassene des andern, der in wildgewordenem Humor 
sein eignes Mifsgeschick verlacht, ist kein andrer als Alfons X. 
— d. h. der Verfasser des Salve Rainhat womit die als Werk eines 
Rey de Castella e de Leon bezeichnete Gedichtgruppe anhebt, 
in welcher die beiden Lieder enthalten sind. 

Wenn ich trotzdem darauf zurückkomme, so mag zur Ent- 
schuldigung dienen, dafs es Cesare de Lollis weder geglückt ist, 
die Ereignisse und die Zeit noch den Ort genauer herauszuschälen, 
auf welche die Gedichte sich beziehen, noch auch sämtliche Einzel- 
Anspielungen darin ausreichend zu erklären. Dunkelheiten über- 
genug sind übrig geblieben, um immer von neuem zur Forschung, 
teils im Liederbuch selbst, teils in den historischen Quellenschriften 

1 Stud, Fil Rom. IV 44—56. 

^ Die Einberufung (0 chamamento, el llamamiento) geschah viel früher, 
oft im Februar. Die Monate März und April dienten zur Vorbereitung. 

8 Stud, Fil, Rom. IV 51: ... coi Mori combattè ripetutamente Alfonso X, 
e ad una delle tante battaglie che accaddero può riportarsi la descrvuone 
della cant: 74 . . . il teatro delle guerre tra Alfonso X ed i Mori fu quasi 
sempre il suolo d* Andalusia che il Guadalquivir attraversa per lungo tratto 
del suo corso, — Näheres über den Kampfplatz folgt weiter unten. — Die 
Möglichkeit, dafs es sich um Alfons VIII. und die Schlacht von Alarcos 
handeln könnte, war vorher (46 — 47) erörtert und mit stichhaltigen Gründen 
zurückgewiesen worden. Auch die andre, Alfons IX. und der Sieg von Las 
Navas sei im Spiel. — Von Alfons XI. ist nicht die Rede. 

* Sfogo d* un principe contro la defezione dei suoi vassalli dei suoi 
alleati (49) ... potrebbe alludere ai tradimenti e alle diserzioni di molti suoi 
sudditi (51). 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 287 

aufzureizen. Beim Vergleich der Lieder unter einander und durch 
Studien der Prosawerke des 13. und 14. Jhs. fällt dann bald hier- 
hin, bald dorthin ein Lichtstrahl und verhilft zu sachlicher Aus- 
deutung von Formeln, Begriffen, Anspielungen. Als solchen Licht- 
blick betrachte ich die Einsicht, dafs eine in mehreren der ein- 
schlägigen Gedichte enthaltene Vocabel ein unauffälliger, von dem 
ital. Gelehrten nicht beachteter Wegweiser zur Bestimmung der 
Entstehungs-Gelegenheit und -Zeit ist Ich meine das Wort Geriete, 

Auch ziehe ich noch andre Kriegslieder von Vasallen in Be- 
tracht, natürlich nicht ohne zu versuchen, sie textkritisch herzu- 
stellen, so arg verderbt auch einige darunter sind. 

De Lollis hatte ausführlicher die vier Gedichte des Königs 
behandelt (CV 60. 74. 77. 79 = I — IV); nebenbei zwei von Pero 
Gomes Barroso (CV 1056. 1056 = VII— VIU); eines von Gil 
Perez Conde (CB 1520 = XII); ganz flüchtig noch ein Stück 
von Affonso Mendes de Bèsteiros (CB 1558 = IX). Ich füge 
ein weiteres Liederpaar von Barroso hinzu (CV 1053 und 1054 
= VI— VII), sowie etliche von Gil Perez (1516—18. 1522—24). 
Als Anhang betrachte ich dann ein paar nur indirekt damit zu- 
sammenhängende Kriegsgesänge von diesem sogenannten „Grafen" 
wie auch von Bèsteiros (1525. 1526. 1530 — 32 und 1559). — 
Das aller Wahrscheinlichkeit nach in dieselbe Zeit gehörige Lied 
vom Seemann ward in der vorausgehenden Randglosse schon be- 
sprochen. 

A. Die Gedichte 

26 — 29 von Alfons X., Rey de Castella e de Leon. 

I. 

(26.) 

Don foan, quand' ogan(o) aqui chegou, 
primeirament* e viu volta a guerra, 
tan gran sabor ouve d' ir a sa terra 
que logu' enton por adail fìlhou 
5 seu coraçon; e el fex-lhi leixar 

— po'- lo mais toste da guerra longar — 
prez e esforco, e passou a serra. 

En esto fez com' [om]e de bon sen 
en fìlhar adail que conhocia 
IO que estes passos maos ben sabia, 

e el guardo[u]-o logu' enton muy ben 
d* eles e fez-U de destro leixar 
lealdad' e de seestro lidar 
[e levou-o a Portugal (?) sa via!] 

15 O adail é muy gran sabedor 

que o guiou por aquela carreira, 
porque [o] fez desviar da fronteira 
e en tal guerra leixar seu senhor. 



2SS CAROUNA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

£ direi -vus al que Ihl fez leixar: 
20 ben que podia fazer, por ficar, 
fé'- lo poer alen a Talaveira. — 

Muito foy ledo, se Deus me perdón, 
quando so viu d' aqueles passos fora 
que vus ja dix', e diss' en essa ora: 
25 „Par Deus, adail, muit' ei gran razon 
de sempre vus mia fazenda leixar; 
ca non me moverei d' este logar; 
e ja mais nunca cuidei passar Lora! 

£ ao demo vou acomendar 
30 prez d' este mund(o) e armas e lidar, 

ca ben é jogo de que omen chora." (OV 69.) 

OV: I ffoào. Diese dreisilbige Form für /ulano, die häufig vorkommt, 
ist an dieser Stelle unannehmbar, doch liegt kein Grund vor, sie statt in 
zweisilbiges foan, in Joan oder gar in Joäo umzuwandeln. Weiteres im CA. 
Man möchte fóan betonen. — 2 uolta e guerra — 4 loguëio — 7 esforco — 
8 fez — bZo. Vor dem Subst. ist die apokopierte Form die gebräuchliche, 
was uns zwingt, eine Silbe einzuschieben. Statt om (wegen der Wiederholung 
ausgefallen) könnte es auch sein: fe% o come de hon sen — 9 «/ — 
13 seestro leixar lidar — 16 pem qla — 17 desguiar \ ein mir imbekanntes 
Wort, wogegen desviar oft vorkommt, z.B. OV1803. — 18 seno* — 19 uos 
— 20 peda — 1\ e feze — calaueyra — 27 moua deste ìegasfeta — 
30 lidax — 31 í^a no, was mir widersinnig vorkommt. Wer dem Kriegs- 
handwerk Lebewohl sagt, kann nicht äufsern, dasselbe sei ein Spiel, das der 
Mensch nicht beweine. 

Heuer in Z. i zeigt, dafs unser Gedicht, wie alles Gallizisch- 
Portugiesische, bald nach dem Ereignis gedichtet worden ist 
Wenn nicht im Feldlager selbst, so im Winterquartier nach Be- 
endigung der Campagne. — Zu volta a guerra=^ „den Krieg er- 
öffnet" vgl. man Espejo III 5, 17: la batalla es vuelta und siendo la 
batalla vuelta: „sobald der Kampf sich entsponnen hat"; „sobald 
man handgemein geworden war**. — Adail (altspan. adaliU neuspan. 
adalid) (4) war der offizielle, aus dem Arabischen übernommene 
Name des Wegführers bei Einfällen in Feindesland. Er rangierte 
gleich nach dem eigentlichen Heerführer oder cabdiello^ wie man 
aus den Gesetzen des Espejo ersieht (III 8, 3 — 6 u. 9), und war 
natürlich ein Leichtberittener. i — Die Serra (7) ¡st aller Wahr- 
scheinlichkeit nach dieselbe, welche der Held des folgenden Stücks 
überschritt. Möglich dafs es sich sogar um die gleiche Persön- 
lichkeit handelt, die auch in No. VIII Zielscheibe des Spottes ist 
und zufälligerweise den Namen Joan führte. 

In der fehlenden Zeile 14 vermute ich eine Ortsangabe, wie 
am Schlüsse der übrigen drei Stanzen. Ist der verhöhnte Feigling 
wirklich der, welchen Affonso Mendes de Bèsteiros auslacht, so 
darf man Portugal einfügen. Das Reimwort mufste in -w enden. 

* Vgl. Herculano IV 246. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 289 

Ir sa Via ist eine im Liederbuch an die hundert Mal gebrauchte 
Formel für „sich auf den Weg machen", „auf- und davongehen", 
„ausreifsen". 

Habe ich recht mit obiger Annahme, so dürfen wir an 
Talaveira la Real bei Badajoz denken. — Mit calaveira (Hispanis- 
mus für port caveira „Totenkopf"?) weifs ich hier nichts anzufangen.^ 
Und der Ort Calavera (Murcia) würde uns in ein von Granada, 
dem Guadalquivir und der Campiña allzu weit entferntes Gebiet 
führen. — Car r eira (16) ist im Liederbuch wie in den zeitgenössischen 
Prosatexteu das für „Landstrafse, Heerstrafse" gebrauchte Wort. 

Lora del Rio (28) liegt nordwärts von Sevilla. 

(27.) n. 

O genete 
pois remete 
seu alfaraz corredor 
estremece 
5 e esmorece 

o coteife con pavor. 

Vi coteifes orpelados 
estar muy mal espantados, 
e genetes trosquiados 
10 corrían -nos arredor, 
e . . . . mal afìcados 
perdían a [sa] color. 

Vi coteifes de gran brío 
eno melo do estio 
15 estar tremendo sen frió 
ant* os mouros d* Azamor. 
Enchia-se d' eles rio 
qu'Auguadalquivir mayor. 

Vi eu de coteifes azes 

20 con azes 

mais ca rapazes, 

e ouveron tal pavor 

que os seus panos d' arrazes (?) 

tornaron d' outra color. 

25 Vi coteifes con arminhos, 

conhocedores de vinhos 

e rapazes dos martinhos, 

que non tragian .... or 

sairon aos mesquinhos 
30 .... todo o peor. 

^ Ais Hispanismus wäre es im Gallizischen nicht unerhört. Wir finden 
color amena arena u. a. m. 

Zeitschr. f. rom. Phil. XXV. ig 



¿go CAROLINA MICHAELIS DB VASCONCELLOS, 

Vi coteifes e cochOes 
con muy [mais] longos granhOes 
que as barvas dos cabrSes, 
ao son do atambor 
35 os deitavan dos arçOes 

ani' os pees do seu senhor. (CV 74.) 

Das bemerkenswerte Gedicht ist leider verstummelt, besonders in den 
Miltelstrophen ; rettungslos, wenn nicht das Studium von CB Aufklärung bringt 
— Braga hat im Raten das Mögliche gethan : doch wer möchte dafür einstehen, 
dafs ihm all und jede Lösung geglückt ist? — Aus den Buchstaben Monaci's 
weiis ich für Z. 18 — 20 und 26 — 28 nichts Befriedigendes herauszulesen. — 
4 estre mete — 6 conpanor — 7 coteyses — We qnhänos — 13 Vcoteiffos 

degranhd — 15 fo^ 16 dizamor — 17 — 18 chiasfe délies rrô ^ augua 

dtlgiuir — 20 — 22 coes iguazes auis prores ea rrapates eou cd rafa uerd — 
23 da naizs — 25 coteiffos — 26 conhogeddis de vyos — 27 rrapauts — 
28 r ragia seno saird — 29 z ferzo teda o peor — 3 1 cochees 

Die ersten sechs Zeilen, so gewandt und hurtig sie auch, 
volkstümlichen Ganges, einherschreiten und so klar ihr Sinn ist, 
erregen dennoch verschiedene Bedenken. Sie weichen in ungewöhn- 
licher Weise von den nachfolgenden ab, nicht was den Rhythmus, 
wohl aber was Zahl und Anordnung der Zeilen und Reimbildung 
betriíñ.1 Haben wir sie als selbständiges, fragmentarisch erhaltenes 
Lied zu betrachten? 2 Als Anfangsstrophe? Daim würden ihr in- 
folge schlechter Ueberlieferung zweimal sieben Silben am Ende 
fehlen? Als blofses Präludium (Thema oder Motto) zu der nach- 
folgenden Schilderung, mit deren Strophen sie sowohl den Gegen- 
stand wie den Reim "Or gemein hat? Oder, wie ich annehme^ 
als Kehrreim, der vorangestellt ward, wie immer in den Cantigas 
de Mariai Dann fehlt, wenigstens in der einen ital. Abschrift, 
jede Andeutung der Wiederholung am Ende der Strophen.' 

8 8 7 3 3 7 

Diese in sechs Reihen aaboob aufzulösen (und nicht in vier, 
wie Braga merkwürdigerweise gethan hat), ist Pflicht,* da auf jene 



^ Rhythmisch haben wir sie als eine Nachahmung provenz. Vorbilder zu 
betrachten, wie ich anderwärts zeige (vgl. Randgl.llL S. 158 Amn. 2 und 
Cancioneiro da Aj'uda), Doch auch im portug. Liederbuch ist sie kein Unicmn« 
Parallelstücke, wenn auch mit Abweichungen, sind: CB 244: Leonoreta fin 
roseta — Bela sobre toda fror oder Senhor genta mi tormenta — Vos^ amor 
de guisa tal und CB 1555 : "Lop^ Anaya non se vaya — Ca senhor se s' ora 
vay. Vgl. auch CM 300, wo Verse wie E onrada — Et amada — A fe% 
tanto que sen par — É precada — E loada — Et será quandi el durar 
nur ein Teilstück der Strophen bilden. Aehnlich ist auch CB 470. 

' Monaci bezeichnet sie als No. 74, legt aber Vi coteifes die gleiche 

Nummer bei. 

******** 

' Das Schema wäre m diesem Falle: aaababCCBDBB (Septenarioa). 

« CB 244 und 1555 sind wie lauter Siebensilbner geschrieben. VgL 
Bartsch, Chrestom, Prov. 73. In CV 74 sind die Zeilen wie Prosa (oder 
Musiktexte) gedruckt. — Auch Lollis (45 Anm. i) stellt die in Kurzzeilen »er- 
legte Lesart natürlich als die allein annehmbare hin und verficht sie gegen 
Braga, dessen Text sonst übrigens nur im Worte estremente fehlerhaft fit. — 
Wie Lollis den ganzen Rest der Canzone liest und deutet, teilt er nic^t mit. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 29 1 

Weise zwar Binnenreime* gewonnen werden, aber kein Endreim 
(ab ob). 

Zu verstehen hat man: „Wenn der Genete sein feuriges Rofs 
zum Angriff spornt, so erzittert und erbleicht der hasenherzige 
Coteife«. 

Ueber Genete siehe weiter unten. — Ueber Coiet/e^ in dem ich 
vergebens neben vielem andern einen Stamm- oder Völkemamen 
gesucht habe, ist Randglosse I und IV zu vergleichen. 

Ob orpelados (7), als Hispanismus, im Sinne von horripilados 
(mod. port arrepiados) aufzufassen ist? Oder ob der Autor, wie 
aus den Worten arminhos und pannos d* arrazes durchzublicken 
scheint, die moralisch als mildes gezeichneten und mit dem herab- 
würdigenden Schmähtitel cochdes bedachten Coieifes als luxuös aus- 
gestattete Weich- oder Lüstlinge (auripellatos) charakterisieren will? 
Bei panos d* arrazes an flandrische Wirkereien aus Arras im mo- 
dernen Sinne zu denken, geht freilich kaum an. Dafs der Köm'g 
ihnen gelegentlich seinen Pelzmantel bestimmte, wissen wir bereits. 
Jedenfalls sind sie hier Berittene, tínd nicht Fufssoldaten, wie in 
andern alfonsinischen Gedichten.2 

Lollis liest mit Braga (statt corriam): e genetes irosqmados co" 
b riámonos a redor und denkt an Schaaren niedergemetzelter und 
altem Brauch gemäfs im Tode geschorener Christen.^ Damit wird, 
meiner Ansicht nach, das ganze Schlachtbild gefälscht Abgesehen 
davon dafs es durch nichts erwiesen und an und für sich höchst 
unwahrscheinlich ist, dafs man am Leichnam massenweise im 
Kampfe Gefallener die meinethalben abergläubische, aber fromme 
Prozedur vornahm, die zur Einsargung der ruhig in ihrem Bette 
Verschiedenen gehörte,** sind die genetes trosquiados nicht tote und 
besiegte Christen, sondern lebendige und siegreich das Feld be- 
hauptende Berber, die den Feind umzingelten. Kurzgeschoren im 
Gegensatz zu den langhaarigen und langbärtigen cotei/es, deren 
granhdes uns schon bekannt sind.^ 

^ Binnenreim haben wir z. B. in CB 468 1>. 

' Um dem Mangel an Kriegspferden, über den er zu klagen hatte, ab- 
zuhelfen, sprach Alfons X. alle Gutsbesitzer der Provinz Estremadura sowie 
die von ihnen abhängigen Müller, Gärtner und Bauern von der Abgabe der 
martiniega und fonsadera frei, falls sie Pferd und Waffen hielten: e por 
esto que fuese tenudo d* ir servir a la frontera cada que el Rey le llamase 
sin le dar el Rey otra cosa ninguna por los tres meses del servicio (Cron, 
Alf e. 12 und Fuero Real IV 19, 3). — Wie diese Gattung Berittener aus 
der Westprovinz benannt wurde, habe ich nicht ausñndig machen können, 
noch auch, welcher Art ihre Bewaffnung war. 

' Oder denkt er an Mauren? Darüber bin ich mir nicht klar. Vgl. 
Studj ¿[6t Anm. i. Sie lautet: morti, — Si usava trosquiar (tosar) i morti. 

^ Dem Sterbenden, ehe er die letzte Wegzehrung erhält (oder, wenn das 
nicht angeht, dem schon Gestorbenen) Haupthaar und Bart zu stutzen, ist 
noch heute frommer Brauch. — Und die Textstelle, welche im Elucidario 
angeführt wird, bedeutet kaum etwas Anderes. — Eine entehrende Strafe für 
Verrat scheint das Scheercn Lebender zeitweise gewesen zu sein, doch wohl 
nur in Begleitung der Ahndung an Leib tmd Leben (Herculano IV 328). 

^ Alfons X. zeichnet freilich nicht nur die andalusischen Mauren als 

19* 



¿9¿ CAROLINA MICHAELIS DE VÁSCONCELLOS, 

Sind es diese, die, unsicher im Sattel sitzend (mal aficados)^ 
die Farbe wechseln, so darf man in Z. 9 ein Schmähwort vermuten. 
(Nicht granhâos oder granhdes, denn wir brauchen ein zweisilbiges 
Wort.) Aber das ist eben die Frage. Weiter unten sind es ihre 
Kleider oder Satteldecken (panos) ^ die von Blut, Schweifs oder 
Schmutz einen neuen unschönen Farbenuberzug erhalten. 

Der Zeile 19 fehlt der Reim, wenn man de granhon stehen 
läfst.* — Ein Flufs, der durch Blut und Leichen angewachsener 
ist als der Guadalquivir, kann nicht dieser selbst sein. — Die 
volksctymologische Umformung von Guad- zu ''Augua(d*) ist so be- 
kannt, dafs ich keine Belegstellen anführe, um die Echtheit der 
Lesart zu begründen. 

(28.) m. 

O que foi passar a serra 
e non quis servir a terra 
e ora entra na guerra 
¿que faroneja? 
5 Pois el agora tan multo erra 
¡maldito seja! 

O que levou os dinheiros 
e non troux' os cavaleiros, 
¿è por non ir nos prîmeiros 
IO que faroneja? 

Pois (que) veo con os postumeiros 
¡maldito seja! 

O que fìlhou gran soldada 
e nunca fez cavalgada 
15 lé por non ir a GrSada 
que faroneja? 
Se è ricome(n) ou á mesnada 
¡maldito seja! 

O que meten na taleiga 
20 pouc' aver e multa meiga 
¿é por non entrar na Veiga 

que faroneja? 
Pois chus mol é que manteiga, 

¡maldito seja! (CV 77.) 

2 ffuir — ^ en tranta — 90 — lO fareneia — II fois ^ ueo cd 
nos — 12 mal dico — 15 graada — 16 far aneia — 17 amesuada — 19 sia 
ta higa — 20 muy to — 23 ehus mo le q mantey qa 

Unter dem Gebirge, das der Ausreifscr überschreitet, werden 
wir in einem Gedichte, das die Veiga nennt, die Montañas de Gra- 

mouros harvudos. Er benutzt dieselbe Bezeichnung mit Bezug auf die 1275 
irisch aus Afrika herübergekommenen Heerschaaren des Abu-YuçaC 
^ Aus der Abbreviatur V^o konnte leicht Kö entstehen. 



RANDGLOSSEN ZüM ALTPORT. LIEDERBUCH. 293 

nada zu verstehen haben. — Servir a terra bedeutet: für vom 
König gewährten Länderbesitz Kriegsdienste leisten. S. u. VI 6. — 
Braga und Lollis schreiben entrauta. Ein Zeitwort entrautar ist mir 
unbekannt. Für entrant^ a guerra^ wie ich früher schrieb, habe ich 
keine Belege finden können. — Ueber faronejar (von faron farol) 
im Sinne von „fackeln" und „wittern" vgl. Fragmentos Etymologicos 
No. XL. Es liegt kein Grund vor, die viermal wiederholte Form 
mit r durch das unbekannte y^z^öw^izr {yon favontof) zu ersetzen. — 
Dem säumigen und feigen Vasallen, der mit seinen Rittern zu spät 
eintrifft und es auch dann so einzurichten versteht, dafs er an 
keinem Ritt in Feindesland teilnimmt, wirft der König Fackelei 
und Flunkerei vor. 

Cavalgada (14) als ein Teil der hueste bedeutet corredura en 
tierra de los enemigos , rohando^la e talando^la. Vgl. Espejo HI 71. 

Aver (oder ter) mesnada (17) oder ser mesnadero bedeutet „zur 
königl. Haus- oder Leibgarde gehören". Vgl. Espejo de todos los 
derechos III 13, 6: mesnaderos son dichos por estas razones: la una 
porque son vasallos del rey e reciben su bienfecho señaladamiente e viven 
con el en su casa mas que otros cavalier os del regno; la otra porque 
deven guardar su cuerpo del rey de dia y de noche. 

Ueber taleiga (19) im alten Sinne von „Proviant, Mundvorrat" 
vgl. las cosas que trazen para governar se a ellos e a sus bestias 
{Espejo III 8, 5 u. 8). — Meiga (= magica) hier wohl im Sinne von 
artimanha = „Flunkerei, Listelei"? 

Von der Textgestaltung, wie ich sie vor Jahren in der Rev, 
Lus, III 164 versucht habe, entfernt sich diese in Einzelheiten. Ich 
habe versucht, der Lebendigkeit des Dichtenden gerecht zu werden. 

(29.) IV. 

Quen da guerra levöu cavaleiros 
e a sa terra foy guardar dinheiros 
non ven al mayo! 
Quen da guerra se foy con maldade 
5 [e] a sa terra foi comprar erdade 
non ven al mayo! 
O que da guerra se foy con nemiga, 
pero non veo quand' é preitesia, 
non ven al mayo! 
IO O que tragia o pano de linho, 

pero non veo polo sam-martinho, 
non ven al mayo! 
O que tragia o pendón .... ico 

e vende de seu o vico 

15 non ven al mayo! 

O que tragia o pendón sen oito 
e a sa gente non dava pan coito 
non ven al mayó! 



294 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

O que tragia o pendón sen sete 
20 e cinta ancha e muy gran topete 
non ven al mayo! 
O que tragia o pendón sen tenda, 
per quant' agora sei de sa fazenda, 
non ven al mayo! 
25 O que se foy comendo (dos) martinhos 

e a sa terra foy bever dos vinhos 
non ven al mayo! 
O que con medo fugiu da frontcira, 
pero tragia pendón sen caldeira, 
30 non ven al mayo! 

O que roubou(?) os mouros malditos 
e a sa terra foy roubar cabritos 
non ven al mayo! 
O que da guerra se foy con espanto 
35 e a sa terra ar foy armar manto 
non ven al mayo! 
O que da guerra se foy con gran medo, 
contra sa terra espargendo vedo, 
non ven al mayo! 
40 O que tragia pendón de cadarço, 

macar non veo en mes de marco, 
non ven al mayo! 
O que da guerra foy por recaudo, 
macar en Burgos fez pintar escudo, 
45 non ven al mayo! (OV 79.) 

Siehe GB p. 67, wo das Gedicht von Strophe 7 an zu lesen ist Ver- 
gleicht man beide Texte, so scheint es, als ob die in Monaci's Besitz über- 
gegangene Handschrift nicht eben viel zur Klärung beitragen würde. Fast alle 
Fehlschreibungen fìnden sich auch dort. Vielleicht läfst sich wenigstens Str. 5 
herstellen? — Was ich, von der Orthographie abgesehen, geändert habe, ist 
folgendes: Z, l d^ — 3 neu al meyo — \ de — 5 campar — "] de — uemx 
ga — 8 ueo — ii uelo — 13 aus anqo e ue dede sen pedra outço wage ich 
nichts zu machen — 23 desfa — 24 cö medo — 26 los uyos — 26 móldeos — 
35 maco — 40 çadarco — 41 tuacar — ueo — marco 

In Z. I. 4. 7 empfiehlt sich da guerra statt de guerra ^ um so 
mehr da wir es in Str. 12. 13. 15 wiederfinden. Im dritten Di- 
stichon ersetzt Braga nemiga „Unfriede, Zwist" durch nemigo^ und 
è preitesia durch á pretto stgo, wohl weil er an dem unvollkommnen 
Reim Anstofs nahm. Und Lollis schliefst sich ihm an.i Ebenso 
Menendez y Pelayo.^ Preitesia, käst, pleitesia = „Vereinbarung, an- 
beraumter Zeitpunkt" ist jedoch ein gutes altes vielgebrauchtes Wort,' 

^ Er knüpft an nemigo eine Interpretation, die natürlich hiniallig ist 
Vgl. Studj 48 und 52. 

* Antologia HI 39. 

» Vgl. CV 466, 7; P. M. H. Script, 264. — Cron, Alf, X: p. 34a tro- 
ßese pleitesia; 44b, 61 firmó su pleitesia; 59b comenza'le con muchas pUi' 
testas; Espejo III 5, 17 otra pleytesia non puede aver senon vencer. 



RANDGLOSSE!^ ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 295 

genau wie nemiga;^ und Assonanz gerade in Gedichten mit volks- 
mäfsigen Zweizeilern ist durchaus nichts Unerhörtes.^ 

Str. 5. Vielleicht en qutçoi Ich kenne das Wort nur im Sinne 
von Thûrangel (dohradiçd) aus CB 427. Doch liefse es sich denken, 
dais es auch einen Stutzpunkt (im Gürtel? oder am Sattel?) d. h. 
einen engomo für den pendón bezeichnet habe, in dem ein Wenden 
und Drehen der Fahne möglich war. Für die zweite Zeile würde 
ausgezeichnet da sua ialeiga vico passen. Doch erlaubt der Buch- 
stabe solche Konjektur nicht San Pedroi für Juni oder Sommeremte? 

Str. 6. Pendon sen otto und in der folgenden Strophe pendón sen 
sete heifst, denke ich; ohne jene acht oder sieben Ritter, die der 
Ricome je nach der Höhe des algo, das er empfing, zu stellen 
verpflichtet war. Wenigstens wird häufig berichtet, wie im Kriege 
dieser oder jener mit einem pendón con siete caballeros ausge- 
schickt ward.5 

Str. 7. Auch in CV 75 spottet König Alfons über die breiten 
Gürtel -Schärpen der Mode -Gecken: cintas sirgadas muy anchas, 

Str. 9. Bei den in allen Cantigas häufigen Wiederholungen 
gleichartiger Formeln wäre con medo nicht zu verwundem. Dann 
aber bleibt man im Unklaren über die Martinhos, Im Hinblick 
auf CV 74, wo der Reim vinhos : martinhos wiederkehrt, und ohne 
Zweifel an Martinsgänse (bzw. Enten) und Most zu denken ist, 
scheint mir comendo und martinhos vorzuziehen.* 

Str. 12. Besonders lange und weite spanische Rad- Mäntel 
scheinen eine Neuerung gewesen zu sein; und zwar schlug man 
schon damals, wie heute, den einen Zipfel über die Schulter, eine 
Bewegung, die den König realistisch an den Ochsen gemahnt, der 
mit dem Schwanz vornüber nach Fliegen schlägt (CV 75 com as 
pon tas dos mantos transtornados — en que semelhan bois das aferradas 
— quando as moscas os veen coitarf), 

Str. 13. Vedo, worin man ein Verbalsubst. von vedar „verbieten" 
(also „Verbot") wittern könnte, pafst nicht recht in den Text 
Sachlich wäre „Verrat" besser zu brauchen , doch ist tredo (= /r j- 
hitus, in aktivem Sinne) bis jetzt nicht nachgewiesen. Eine allzu 
einschneidende Veränderung aber wäre es, con gran cedo = „in 
grofser Frühe" und als Reim dazu espargendo medo anzusetzen. 

Str. 15. Recaudo erklärt der gelehrte Italiener durch per paura 
(Studj 49 n. 3). — Mit Rücksicht auf die Verwendung von recabdo, 
recabdar, recabdador in den Chroniken und in den Gesetzbüchern 
denke ich an Eintreiben von Proviant und Geldern.^ Freilich ist 



1 CV 1046, 7; Espejo H 3, i. 

> CV 376. 878. 870. 884. 886. 886. 887. 889 etc. 

3 Cron, Alf. c. 56. 

' Gänse und Enten bilden heute nicht mehr den Martinsbraten. Auch das 
Sprichwort weifs nur vom frisch geschlachteten Schwein: Cada porco tern seu 
S, Martinho und vom jungen Moste: Dia de S, Martinho prova o ten vinho, 
— Was denken sich die Verteidiger von murUnhos unter diesem Worte? — 
Mortadella ist eine Wurstsorte. 

« Cron, p. 9. 52; Espejo H 14, 3; 13, i; 16, 5; III 2, i. 



296 CAROLINA MICHABLIS DE ViSCONCELLOS, 

die durch den Reim gesicherte Form mit betontem u schwer er- 
klärlich. Begreiflicher wäre ein analogisches Part perfl recahudo. 
Recabido soll vorkommen; port, recabedo ist orthograph. Variante für 
recabdo, und also recabedo zu betonen. Ob man an willkürliche 
Accentverschiebung oder an Reim fürs Auge denken darf? Beides 
kommt vor, ob auch höchst selten.^ 

Wie ich das Gedicht zu deuten versuche, ergiebt sich aus 
dem Fortgang dieses Artikels. 



Auf den in No. Ill verwünschten Rico -orne, der gefackelt hat 
und erst dann voll Kriegslust und mit grofsem Pomp und kom- 
pleter Ausrüstung im Lager eintrifft, als die Friedensschalmei ertönt, 
sind drei Gedichte des Pero Gomes Barroso gemünzt Da ich 
die Biographie dieses Troubadours schon geschrieben habe,^ sei 
nur kurz verzeichnet, dafs der portug. Edelmann noch in den 
Tagen Sancho's II. nach Kastilien übersiedelte, bei der Einnahme 
von Sevilla nicht nur mitkämpfte, sondern sich auszeichnete, sich 
in Toledo vermählte und zu den Vertrauenspersonen des Königs 
gehörte.^ Es ist daher wahrscheinlich, dafs er am Kampf gegen 
die Ginetes, wie überhaupt an allen Feldzügen Alfons' X., teil- 
genommen hat Noch vor 1284 war einer seiner Enkel Gebieter 
von Xodar und Burgherr von Alcalá de Bençaide, por el rey 
D. Alfonso,^ 

(30.) V. 

Sd (eu) un ricome, — se Deus mi perdón! — 
que traj' alférez e trage penden, 

e con tod* est* — assi mi venha ben ! — 
non pod* el rey saber per nulha ren 
5 quando se vay, nen sabe quando ven. 

El trage tenda e trage manjar 
e sa cozinha u faz seu jantar, 

e con tod* esto, — se mi venha ben! — 
non pod* el rey saber per nulha ren 
IO quando se vay, nen sabe quando ven. 

Trage repòst* e trage escancan 
e trage çaquiteiro que Ibi dà pan, 

e con tod* esto — se mi venha ben ! — 
non pod' el rei saber per nulha sen 
15 quando se vay, nen sabe quando ven. (CV 1063.) 

3 can — \ no — (> E trage — 7 coztä — 9 «1//9 a ren — il scançâ 
— 12 caqi Uyro, Ob man e çaquUeiro trax ändern darf? 



1 Weiter unten finden wir z. B. Campos und Badalhoce gereimt. 
» Oinc, da Ajuda Bd. H, Teil III, Biogr. XXI. 

• Cr on, c. 51. 

* P. M. H.: Script, 213 und 305. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LTEDBRBUCH. 297 

(31) VI. 

Un ricome que og* eu sei 
que na guerra non foy aqui, 
ven muy sanhud(o) e diz assi 
como yus agora dirci: 
5 diz que ten terra quai pedia 

mais porque a nunca servia, 
á muy gran querela del rey. 

£1 veo, se Deus mi perdón, 
des que [el] viu que era paz 
10 ¡ben Ihi venha se ben [o] faz! 
pero mostra el tal razón: 

diz que ten terra quai pediu, 
mais porque a nunca serviu, 
contr* el rey anda muy felon. — 

15 Pero na guerra non fez ben 

nen mal — que non quis i víir, 

con coita d' el rey non servir 

pero mostra el Oa ren: 

diz que ten terra quai pediu, 
20 mais porque a nunca serviu, 

al rey quer muy gran mal por én. 

Sanhudo ven contra el rey ja, 
ca u foy mester non chegou; 
e mais de mil vezes jurou 
25 que da terra non sairá. 

Diz que ten terra quai pediu, 
mais porque nunca a serviu, 
al rey quer muy gran mal por én. (CV 1054.) 

5 pedi'n — 6 feruyii — 8 ned — 12 pedin — 15 5 fez ben — 16 uijr 
— l'] co — 18 huTi — 24 iuron — 25 trra — 26 tira 

Zu servir a terra vgl. oben 111, 2 und CM 234: 

D. Rodrigo, 

que tiinn' aquela terra 
ca ricomc era del Rey, 
et que con sens cavaleiros 
ir a auia de seruir. 

Im übrigen bedarf das ironische Liedchen keiner Erklärung. Der 
Vasall heuchelt Zorn gegen den König — weil er selber pflicht- 
vergessen gegen den Treueid gefrevelt hat und eigentlich den 
Strafen verfallen wäre, mit denen der Espejo und das Fuero Real 
den Verräter bedrohen, der sich nicht zur hueste oder cavalgada 
pünktlich einfmdet. 



298 CAROLINA MICHAELIS DB VASCONCBLLOS| 

(32.) vn. 

. Chegou aquí don foSo 
e veo muy ben guisado, 
pero non veo no mayo. 
Por non chegar endSado, 
5 demos -Ihi nos fia maya 

das que fezemos no mayo! 

Per bSa fé, ben guisado 
chegou aqui don foSo, 
pero non veo no mayo. 
IO Mais por non chegar en vSo, 
demos -Ihi nos fia maya 
das que fezemos no mayo! 

Porque veo ben guisado 
con tenda e con reposte, 
15 pero non vgo no mayo, 
nen veo á pindecoste, 

demos -Ihi nos fia maya 
das que fezemos no mayo! 

Pois traz reposte e tenda 
20 en que se tenha [a] vico, 
pero non veo no mayo 
[nen véo fazer servi co, 

demos Ihi nos fia maya] 

das que fezemos no mayo. (CV 1056.) 

I foam — hier aber brauchen wir die dreisilbige Form — 2 eueo — 
3 ueo ao — 4 endöado — 5 uos — 6 malyo — 7 hoci — 8 foä — 9 uéÒ — 
IO uao — 13 ued — grisado — 15 ueö eno — 16 ueo — 17 hüä — 19 tras 
r. tenda — 20 tenhauiço — 21 ueö — 22 — 23 fehlen in der Vorlage. 

Dafs Barroso dem König sekundiert und sich unmittelbar an 
Lied No. I anlehnt, kann Niemand verkennen. Doch wählte er 
eine neue Liedform. Mit einer Tanzweise wurde der Spätling im 
Feldlager bewillkommnet Ob sie sich im Takte der traditionellen, 
um den Maibaum gesungenen Verse bewegt? Und worin sonst 
mag die Afayä der alfonsinischen Fechter bestanden haben?* 
Wenn es sich übrigens nicht um einen nur einmal realisierten, 
sondern um einen alljährlich wiederholten Akt handelt, sollte man 
im Refrain fazemos statt fezemos erwarten. — Das übliche Wort 
für Pfingsten war damals cinquesma (Opuse. Leg. II 41) und ist 
heute Espirito Santo. 



^ Mit Maibräuchen und Mailiedem beschäftige ich mich in Romdglosu 

xxvm. 



RANDGLOSSEN ZOH ALTPORT. LIEDERBUCH. 299 

(33.) vin. 

Men senhor, direi -vus ora 
pela carreira de Mora 
— u vos ja pousastes fora 
e con vosco os de Touro — 
5 [em]pero que algucn chora, 

traga' eu o our' e o mouro! 

Pero non vus cuslou nada 
mia ida nen mia tomada, 
grad' a Deus, con mia espada 
IO e con meu cavalo louro 
ben da vila de GrSada 

tragu' eu o our* e o mouro! 

Men senhor ¿que vus semelha 
do que xe vose' aparelha 
15 e vus anda na orelha, 
rogindo come abesouro? 
[De] Roy Gomes de Telha 

tragu* eu o our' e o mouro ! (CV 1056.) 

5 tf a /o — 9 gradades — II groada — 13 Men — \\ do ^xeuo /cara 
felha — 18 traio our e o mouro. 

Ob König Alfons der Angeredete ist, ob der auf eigne Faust 
unternommene Ritt nach Granada, von dem der Sprecher Gold 
und Gefangene heimbrachte, in dieselbe Zeit fällt, wie die übrigen 
Stücke, und was es mit Mòra und Touro auf sich hat,i vermag 
ich nicht mit Sicherheit anzugeben. Ebenso wenig, an welche den 
König maikäferartig um die Ohren surrenden Gerüchte zu denken 
ist.2 — Roy Gomes de Telha ist ein Portugiese, dessen Tochter 
dem Enkel Alfonso's, König Denis von Portugal, seinen Lieblings- 
sohn D. Affonso Sanches geschenkt hat. Doch das kann erst zwischen 
1280 und 1290 geschehen sein.^ 

Wie Gomes Barroso in die Spöttereien des Königs über den 
aus kluger Berechnung zu spät eingetroffenen Rico-homem und 
Mesnadero einstimmte, so ein andrer portugiesischer Edelmann — 
der gleichfalls an den Feldzügen Ferdinands und seines Sohnes 
teilnahm — in die Lachsalven über den Hasenfufs, der. Reifsaus 
nehmend, über die Gebirgspässe hinfort und weiter, in nordöst- 
licher Richtung bis nach Portugal galoppierte. — Nach den Mit- 
teilungen des Affonso Mendes de Bèsteiros^ überwältigte ihn 
dieselbe jähe Panik, in welche der Anblick der Gmetes die Schlacht- 

^ Es giebt ein Mora zwischen Toledo und Orgaz. 

* Os hesouros säo agoureiros. — Leite de Vasconcellos 5 274, 

8 P. M. H. Script. Tit. 31, 10; 36 und 57. BrandSo in Mon, Lus, XVII 
c. 2 verficht eine andre Meinung. 

* S. über ihn Cane, da Ajuda Biogr. LV. 



300 CAROLINA MICHAELIS DB VASCONCELLOS, 

reihen der Coteifes versetzte. Sein realistisches Spottlied, in dem 
er in den gleichen Kerb haut wie König Alfons, zeichnet sich wie 
No. II durch grofse Lebendigkeit aus, gerade als hätte der unge- 
stüme Anprall der Wüstensöhne auch sein Blut in Wallung ge- 
bracht. 

(34.) IX. 
Don foSo que eu sei 
que á preço de liväo, 
vedes que fez ena guerra 

— d* aquesto söo certSo: 

5 sol que [el] viu os genetes, 
come boi que fer tavSo 

sacudiu-s' e revolveu-se, 
alçou rab' e foi sa via 
a Portugal. 

IO Don foäo que eu sei 

que á preço de ligeiro, 
vedes que fez ena guerra, 

— d' aquesto son verdadeiro : 
sol que viu os genctes, 

15 còme bezerro tenreiro 

sacudiu-s' e revolveu-se, 
alçou rab' e foi sa via 
a Portugal. 

Don foäo que eu sei 
20 que á prez de liveldadc, 
vedes que fez ena guerra 

— sabede-o por verdade: 
sol que viu os genetes, 
corne cao que sal da grade 

25 sacudiu • s' e revolveu - se, 

alçou rab' e foi sa via 
a Portugal. (C6 1558.) 

I foao — 2 preco — 3 gueira — 4 soo certano — % Al cou — 
II freco — 12 gueira — 15 hezeiro tenireyro — 16 Cacoudus/i — 21 «a- 
gueira — 24 ta 

Der Einfall, den flüchtigen Edelmann nicht nur mit drei An- 
gehörigen des Tierreichs zu vergleichen, die nicht vornehmster 
Gattung sind — Ochs, Kalb und Hund — , sondern ihn selbst wie 
ihresgleichen zu schildern; die dreifache Beteurung seines unzweifel- 
haften Leichtsinns; die Geringschätzung, die aus jedem Worte 
Worte spricht; die Richtung nach Portugal — alles zusammen ver- 
anlafst mich, an einen Portugiesen zu denken, der thatsächlich an 
andalusischen Unternehmungen teilgenommen hat^ Als Unter- 



1 Script. 284. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 3OI 

Scheidungszeichen führte er einen Tiemamen, der überall auf 
etwas ungeschlachten Uebermut gedeutet wird. In der Heimat — 
vor 1245 — hatte er sich eines unritterlichen, ihn infamierenden 
Aktes schuldig gemacht, um dessentwillen er aufser Landes ging. 
Ueberdies war er mit einem Dichter von Kriegsliedem verwandt. 
Es ist der in den Adelsbüchern verzeichnete^ D. Joäo Pires de 
Vasconcellos.^ Sein Zuname Tenreiro = Vitdlius dürfte sogar 
in die Mittelstrophe unauffällig hineingeheimnist sein. — Dafs er 
der Vater des Troubadours Rodrigu' Eannes de Vasconcellos 
ist, verdient erwähnt zu werden. 



Auch Gil Perez Conde, der dritte Troubadour, der sich an 
des Königs Feldzug, als Ritter wie als Dichter, beteiligte, war ein 
Portugiese: Schwager des Troubadours Joäo Soares Coelho, auf 
dessen litterarische Beziehungen zu Alfons X. ich schon mehrfach 
Bezug genommen habe, und Schwager des übel beleumundeten 
Joäo Pires de Vasconcellos, von dem soeben die Rede war; ver- 
wandt auch mit Rodrigo Gomes de Telha, dem von Pero Gomes 
Barroso im Granada -Liede erwähnten Landsmanne.^ 

In einer seiner Spöttereien — denn er war ein überaus lustiger 
und dabei saubrer Spötter — fällt der Ausspruch: 



* Cane, da Ajuda Biogr. LV Anm. 12. 

* P. M. H.: Script, ii^, — Zur Blutrache gezwungen, wegen des an 
einem Verwandten verübten Totschlags, forderte er den Feind zum Zweikampf, 
und zwar in seinem eignen Namen und angeblich im Namen eines Vetters (seu 
segundo coirmäo Ayras Eannes de Freitas)^ der ihn thatsächlich begleitete. 
Als sich hernach herausstellte, dafs die Forderung nur in seinem Namen er- 
gangen war, verklagten die Brüder des an seiner £hre Gefährdeten ihn beim 
König. Bei keinem der Termine, welche Sancho II. anberaumte, erschien JoHo 
Pires und ward deshalb in contumaciam verurteilt, so ungern der Herrscher 
sich auch dazu entschlofs. 

' lieber das Verwandtschaftsverhältnis klärt die folgende Uebersicht auf: 

Soeir Veegas Coelho 



Per* Fannes Rodrigu* Eannes 
de Vascon- de Vascon- 

cellos cellos 

Teresa Gil Trovador 



Joäo Soares Coelho lines Soares Coelho I Maria Soares Coelho 

\ Gil Perez Feyióo [Joäo Pires de Vasconcellos 

Martim Gil 1 Maria Gil Teresa Gil í 

I Ruy Pay Per' Eannes I 

I de Valla- de Vascon- | 

I dares cellos ( 

ÍPay Rodrigues 
AlJonça Rodrigues de Telha. 

Von Teresa Gil heist es, sie sei molher de mao preço gewesen. Das Ver- 
hältnis zu ihrem leiblichen Vetter konnte natürlich kirchlich nicht gesegnet 
werden. — Pay Rodrigues beging irgend eine Missethat: e foy morto por 
justiça. — Der Name Martin Gil kommt unter Urkunden Alfons' X. und 
Sancho's IV. oftmals vor — ohne dafs es bei seiner Häufigkeit möglich wäre. 
Näheres festzustellen. 



302 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

porque falei de Portugal 
onde mi s8o natural.^ 

In einer andem,^ die ihn deutlichst als tnesnadero del rey charakte- 
risiert,^ bezieht er sich auf Zeiten zurück — vor 1252, d.h. vor 
der Krönung des Kastilianers — wo er noch nicht dessen Vasall 
war. Im Jahre 1269 wählte Alfons X. ihn unter die 33 Ritters- 
leute, denen er den Alcazar von Baeza anvertraute und zur Be- 
siedlung die Tierras de Xarafe nebst der Torre de Gil de Olite 
anwies, unter der üblichen Verpflichtung mit Pferd und Waflen 
stets zur Verteidigung des Gebietes bereit zu sein.* Ebendort, in 
der ansehnlichen Stellung eines Jurado por el Rey finden wir ihn 
dann noch 1273.^ Die Klagen über Undank und Vergefslichkeit 
des Königs fielen daher vermutlich vor 1269: in die dem anda- 
lusischen Aufstand und dem Vertrag von Alcalá de Ben-Zaide 
(1265) folgende Waffenruhe. 

Dies alles unter der Voraussetzung, dafs der einzige Gil Perez, 
den ich in den Tagen Alfons' X. ausfindig gemacht habe,^ und der 
einzige, der in den alten Adelsbüchern vorkommt,'' unter einander 
und mit dem einzigen identisch sind, dem wir im Liederbuch be- 
gegnen, hier aber mit Anhängung des Necknamens Conde^ 

Von den nachfolgenden Kriegsgedichten scheint das erste und 
zweite während des Krieges, das dritte zwischen zwei Feldzügen, 
die übrigen aber nach dem Kriege verfafst zu sein. Subjektive 
Aeufserungen sind XI und XV; XIX und XXI sind auf Andre ge- 
münzt und im Namen Andrer gesprochen, wie das Secmannslied. 



A CB 1526. 
« CB 1532. 

' Mit Bezug auf die beträchtliche Zahl portug. Adliger, die sich im 
Bürgerkriege von 1245 — 4^ ^Is Anhänger des entthronten Sancho nach Kasti- 
lien begeben hatten, giebt es mehrere päpstliche Bullen, in denen Innocenz IIL 
die Heimatlosen dem Wohlwollen und der Fürsorge Alfons* X. empfiehlt. 
Mon, Lus, XV e. 17 (a. 1254). — Wie Gil Perez dürften daher auch D.Vasco 
Gil und Pero Gomes Barroso zur Leibgarde des Königs gehört haben. 

* Argote, Nobl, And, II c. 9. 

* Ib. c. 14. 

^ Ib. c. 9. IG. 12. 14. — Die Antolinez de Baeza sollen von ihm ab- 
stammen. Die Unterschrift eines Don Domingos Perez, cl Cuende tragen 
Urkunden aus der Zeit Alfons* X. und seines Sohnes (vom J. 1269 und 1295; 
Opuse, Leg, II 201 und 202). 

^ P. M. H.: Script, 161 und 319 wird er flüchtigst genannt, um seiner 
Allianz und Nachkommen willen und, wie gewöhnlich, nicht ohne allerhand 
Schreiber - Malefìzien an seinem Namen. 

" So nachgestellt kann Conde nur ein Uebername sein. — Ein wirklicher 
Graf jenes Namens müfste bekannter sein. — Die Ileraldiker bezeichnen ihren 
Gil Perez mit der Alcunha Feyiôo (= phaseolus, mod. port, feijäo), die sehr 
wohl Erbgut von seinem Vater her sein könnte. Ich vermute nämlich in ihm 
den Sohn eines Pero Gil, der mit dem Zusatz Feyoo auftritt (in einzelnen Ab- 
schriften des Livra Velho verderbt zu Feyo, Feijo, Feijoo und Frtixo), — 
Vielleicht steckt er im Königsliede CB 460, wo der Name Pero Gil und 
feijoo in ein und derselben Zeile vorkommen, ob auch in mir unklarem Zu- 
sammenhange. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 303 

(3S.) X. 

Pois conta el rey en todas sas fronteiras 
que nen en vilas nen én carrciras 
que non còmian galinhas na guerra, 
— ca diz que dizen as veedeiras 
5 que será perdimento da terra, 

Aconsel[har] vus-[ei] eu, cavaleiros: 
mandan comer[vus] vacas e cameiros, 
mais non còmian galinhas na guerra; 
ca diz que dizen os aguireiros 
10 que será perdimento da terra. 

Còmian porcos frescos e toudnhos, 
cabritos, cachaç' e ansarînhos, 
mais non còmian galinhas na guerra, 
ca diz que dizen os [a]devinhos 
15 que será perdimento da terra. (CB 1618.) 

2 caireyas — 3 chôma (fur comha) — 3. 8 u. 13 gueira — 5 teira — 
6 Acoçelho — 7 Mädä — io tira — Il roncinho — 12 Cabrìco — aus' 
sarto — 14 deuynhos — 15 tira 

Die Anspielungen auf etwaige Verordnungen über das jantar 
der verschiedenen Stände in Kriegszeiten , sowie auf den Aber- 
glauben, die Henne übertrage Feigheit auf den Esser,* und mög- 
licherweise noch auf andre astrologische Usancen, gehören zu dem 
umfangreichen Fonds von Einzelnheiten, die ich nicht zu erläutern 
vermag. 

(35.) XI. 

Quite -mi- a mi meu senhor 
e dê-m' un bon fiador 
por mia soldada; 
e irei eu, se el for; 
5 na cavalgada; 

De -mi -o, que por el perdi! 
e un bon penhor aqui 
por mia soldada; 
e irei eu, se el for, 
20 na cavalgada 1 

Sospeita-m' el, e el eu; 
mais entregue -m' un judeu 



* Um gallinha ist ein Hasenherz; desgleichen um gallinha- choca, 
lieber einige auf die Henne bezügliche volkstümliche Sitten s. Leite de 
VasconceUos, Tradiçdes § 286. — Ueber die Foros, welche zur Zahlung von 
Hennen verpflichteten, s. £luc,JIj, 



304 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

por mia soldada; 
e se el for, irei eu 
15 na cavalgada! 

£ se non . . . ficar - m' ei eu 
na mia pousada. (CB 1622.) 

3 promha 

Ein Gegenstück zu den Klagen des Königs gegen die Ricos^ 
omesy wie wir solches in der Chronik in den Repliken der aus- 
ständischen Grofsen auf die Vorwürfe des Königs besitzen. — 
Unzulängliche und säumige Zahlung der dineros bildete natürlich 
einen Hauptpunkt ihrer Unzufriedenheit — Ueber Mangel an Geld 
klagt Alfons^ — den man beschuldigte, gegen Fremde allzu ver- 
schwenderisch zu sein 2 — in einem seiner Marienlieder, mit direkter 
Beziehung auf die andalusischen Unternehmungen: 

onde foi hüa vegada 

que sacara mui grand' oste, 

et os que o seu guardavan 

non 11' acorreron tan toste, 

nen er achaua dynneiros 

muitos en a sa reposte 

per que mantêer podesse 

muito a guerra aos mouros . . . 

mais depois ben a un ano 

fez oste sobre GrSada. (CM 348.) 

Von jüdischen Finanzbeamten — recahdadores de las renias del 
rey — wird in der Chronik oft gesprochen.^ 

(36.) XII. 

Quen nunca sal da pousada 
pera ir en cavalgada 

e quitan come mesnada 

del rey ou de don Fernando, 
5 ay Deus ¿aquesta soldada 

se Ih' a dan por aguilhando? 

Quen non ten aqui cavalo, 
nen alhur, nen quer compra'- lo, 
e quitan come vassallo 
IO del rey ou de don Fernando, 

ay Deus, pois mandan quita'- lo 
¿se Ih' a dan por aguilhando? 

Quen nunca troux' escudeiro 
nen comprou armas d' armeiro. 



* Cron, cap. 72« 

* Ib. cap. 24. 

' Z.B. cap. 71 von D. Zag de la Malea. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDlERBUCH. 305 

15 qaitan come cavaleiro 

del rey ou de don Femando, 
ay deus, ¿tanto bon dinheiro, 

se Ih' o dan por aguilhando? (GB 1620.) 

3 Equytam — IO e dd — li fna da — 18 aguyiando 

Sicher vor 1275, dem Todesjahr des Thronfolgers D. Fer- 
nando De-La-Cerda, gedichtet; doch kaum vor 1268, seinem Hoch- 
zeitsjahr, da der 1256 Geborene damals das 14. Lebensjahr noch 
nicht erreicht hatte. Vielleicht auf einen der 33 Herdados de 
Baeza, der seiner Verpflichtung nicht nachkam. 



(37.) 

Non troux' estes cavaleiros aqni 
este ricome nunca na guerra 
que ora trage. Son d' outra terra, 
ca ja [en des] eu mentes metí. 
5 Nen seus nomes, non os conhosco, 
ca Ihis dissera: „bon dia vosco'', 
mais nenhun [d' eles] eu non conhoci. 

Nen estas armas, eu nunca Ih' as vi 
trager na guerra, [nen] estes sinaes 
10 que ora trage; nen trouxe taes 

nosco na guerra quand' el rey foy i, 
nen outras. Porqué as ar faria? 
e non quae'- las ante tragia? 
£ ja sobr* esto con muitos departi. 

15 Nen el enton non pareda assi 

na guerra cordo como parece, 

ca nen cavalgada nen sandece 

nunca fezeron en que el non foss' i. 

£ as lazeiras por que passava, 
20 andand[o] aló, tan pouco dava 

por elas come se nunca foss' i. 

Nen custa, nunca a receava, 
nen perda, nen med' ala u andava. 
Nunca de tal ome íalar oi! (CB 1616.) 

2 nä gueira — 3 teira — 5 uumes — 9 destes — 10 aus — II uosco 
— 13 Serio qua elal — II und 16 gueira — como ^ 17 cauaUada hS en 
sandige — 1% fosse — 21 fosse 

Ironie auf einen, dessen Wappenschild man im Eüege nirgends 
glänzen sah, während er es im Frieden zur Schau trägt, mutig 
thut und Geld verschwendet, nachdem er zuvor über Not und 
Mangel gejammert hat — Bon dia vosco war eine der Gruisformebi 
jener Zeit; s. CM 286. 

Zeitschr. t rom. PhiL XXV. ^ 



306 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

(38.) XIV. 
Tantas minguas achan a don foan 
que ja Ih' as nunca cobrar poderan, 
pero que Ihi de todas, cartas dan! - 

Ca Ihi virón ena guerra perder 
5 armas, cávalos. Verdad' é, de pran, 
que ja esto nunca el pod' aver. 

Mais com(o) ou quen e o que pederá 
cobra'- las minguas que Ih' achan que à, 
preguntad', e quenquer vo'-lo dirá 
IO como perdeu na guerra que passou, 
corp' e amigos. Verdad' è que ja 
non pod' aver el; assi se parou. 

As sas minguas maas son de pagar; 
mais qnen Ih' as poderla ja cobrar? 
15 non vo'-las quero mais longi contar 
se non da guerra como perdeu i 
senhor, parentes. Verdad' é que dar 
non Ihi poden estes, nen ssi nen ssi. (GB 1617.) 

4 gueira — 6 ia el esto — 10 nagueira — \^ de mays — 1 6 guaira 
— 18 esta — 1st diese Lesart richtig, so muís man in der vorangd^enden 
Zeile senhor par enta lesen. 

Auf Einen, der unmäfsigen Schadenersatz fur im Kriege er- 
littene Verluste beanspruchte. — Ob es cartas de mingua gegeben 
hat? — Die Gesetze über die trechas finden sich im Espejo III 
7, II und 12. 

(39.) XV. 

Os vossos meus maravedís, senhor, 
que eu non òuvi — que servi melhor 
ou tan ben come outr' a que os dan — 
¿ei os d' aver enquant' eu vivo for? 
5 ou á mia mort? ou quando mi -os daran? 

A vossa mia soldada, senhor rei, 
que eu servi e sérvi(o) e servirei 
com' outro quenquer a que a dan ben, 
¿ei a d' aver enquant' a viver ei 
IO ou á mia mort'? ou que mi faran en? 

Os vossos meus dinheiros, senhor, non 
pud' eu aver, pero servidos son, 
come outros que os an de servir, 
¿ei os d' aver mentr' eu viver'? ou pon 
15 mi-os á mia mort*? ou a qiie os von pedir? 

Ca passou temp' e trastempados son; 
ouve azedia(?), e quero - m' én partir. (GB 15S4.) 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDERBUCH. 307 

1 O OS — rm'l. Die Varianten in Str. 2 und 3 zeigen, dafs wir tmus 
zu lesen haben. — 7 serue, doch lautet die archaische Form durchgängig 
servio [servho) — 15 que = quen» wie in Z. 3 und 8. — 16 Ouue auedia — 
vielleicht arreliai 

Im Geiste von No. XI. — Trastempado für „verjährt" ver- 
zeichnet S. Rosa de Viterbo. 

(40.) XVI. 

Mentr* esta guerra foy, assi 
m' avëo que sempre guari 
per pé de cavalo; mais oy- 
mais non sei que seja de mi 
5 se non guarir' per pé de boy! 

Quantos perigo(o)s i passei, 
per pé de cavai' escapei 
que non prix i cajón; mais oy- 
mais non sei eu que mi farei 
IO se non guarir' per pé de boy! 

Por valer mais e por aver 
conselh' oùvi de guarecer 
per pé de cavalo; mais oy- 
mais non sei que mi [ei] a fazer 
15 se non guarir* per pé de boy! 

Lavrar, laz(e)rar, viver, e oy- 
mais guarir [ei] per pé de boy! (CB 1523.) 

I gueira — 3 — 4 per perde canaio Mays oy — xd e uyuer oy mays 

Scherz des nach geleistetem Kriegsdienst mit Ackerland — 
statt mit Gold — belohnten Ritters, der nun Fortune machen 
wird, nicht hoch zu Rofs, sondern dank dem ochsenbespannten 
Pfluge. 

Anhang. 
Affonso Mendes de Bèsteiros. 

(41.) xvn. 

Ja Ihi nunca pedirán 
o Castel' a don foan, 
ca non tiinha el de pan . . . 
se non quanto quería! 
5 E foy o vender, de pran, . . . 
con minguas que avia. 

Por que Ih' ides culpa p5er 
[por el fiuza] non téer? 
ca non tiinha que comer . . . 

20* 



3oà CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

IO se non quanto quería! 
E foy o enton vender . . . 
con minguas que avia! 

Travan-lhi muy sen razón 
a orne de tal coraçon. 
15 £n fronteira de Leon 
diz con que o tenia? 
E foy o vender enton . . . 
con minguas que avia! 

Dizen que Ih' a el mais vai 
20 esto que diz, ca non á al. 
En cabo de Portugal 
diz con que o terria? 
E vendeo - [o] enton mal . . . 

con minguas que avia. (CB 1569.) 

3 iunha — 7 — 8 poer culpa no teer — 14 cor aeon — id co aquë na 
tei ria — 19 Dire — 22 co qno teiria 

Es ist zweifelhaft, ob es in unsem Liederkreis gehört und 
überhaupt an den Hof Alfons* X., der bekanntlich um Algarve's 
willen vor 1253 mit Portugal in einem Streit lag, bei welchem 
auch die erst später geregelten portugiesich-leonesischen Grenz- 
fragen aufgerollt wurden?^ Oder handelt es sich um eines der im 
Bruderkampf Alfons' III. gegen Sancho IL von Verrätern verkauften' 
Schlösser? Oder etwa um die Grenzfestung Alva, die im J. 1236 
vom portug. Gouverneur einem kastilischen Infanten D. Alfonso über- 
antwortet wurde, in welchem Herculano^ den Herrn von Molina, 
d. h. den Bruder, und nicht den Sohn Ferdinand's, vermutet? 

Ueber die gran mengua que oviera de viandas, señaladamiente 
de pan beklagten sich alle Auslieferer; so z. B. Vasco Perez de 
Meyra, als er 1333 Gibraltar nicht zu halten vermochte.^ — Can 
minguas que havia auch CV 1003. 

Gil Perez Conde. 
(42.) xvnL 

Non é amor en cas del rei, 
ca o non pod' om' i achar 
aa cea nen ao jantar. 
A estas oras o busquei 
5 ñas pousadas dos privados; 
preguntei a seus prelados 
por amor — e non -no achei! 



* Mon, Lus, XV 14. 

« Here. II 347. — Cf. Mon, Lus, XIV c. 16. 

' Cron, Alf, X c. 107 und 113. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. UBDERBUCH. 3O9 

Téen que o non sab' el rei 
que amor aqui non chegou, 
10 que tant' ogano del levou 
e non veo; nen o busquei 
nas tendas dos infançoes 
e cnas das criaçSes 
e dizen todos: non [-no] sei! 

15 Perdud' é (o) amor con el rei 

porque nunca en oste ven, 

pero [que] xe d* el algo ten. 

Direi -vus eu u o busquei: 

antr' estes freires tempreiros, 
20 ca ja os espitaleiros 

por amor non preguntare!. (CB 1525.) 

I d€ Rey — 3 cea — 8 Teen — li ueno — 13 ^ nas do de criaçdes 
— 19 Antestes 

Vgl. CV 455. — Unter los de criazón versteht man gemein- 
hin die niederen Bediensteten des Königshauses. S. Espejo I 13, 9 
und 15, 12. 

(43.) XIX. 
Quen me podia defender 
se non Deus d' un pelejador? 
porque me faz departidor 
e diz -mi ao que ei dizer: 
5 ,,dizedes neicidade". 

Tod' esto Ih' ei eu a sofrer. 
Ay Deus! del me guardade 
aqui ena pousada! 

Ë tan louco que tal med' ei 
IO que me sacará de meu sen 

e que verremos a mais én. 

Ante [eu] me Ibi calarei, 

ca se mal contecesse 

— de que me Ih' eu ben guardarei — 
15 que Ih' (eu) esto non sofresse 

dar-m-ia gran punhada. 

Quand' ora diz que me ferra 
porque falei em Portugal 
onde mi s8o naturai, 
20 se me por esto ferirà, 
oge foss' eu ferido 
porque perdesse medo ja 
e fosse d' el partido 
toda esta andada! 



3 IO CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

25 Morto será quen m' ajudar', 

ca el de tal coraçon é, 

quer de cavalo, quer de pé, 

ca se querrá migo maUr. 

£ eu Ihi fogiria, 
30 mais ei medo de m' acalcar. 

£ calcado seria: 

trag* a besta canssada! 

Se mdhor quiser emparar 
mia fazenda, terna 
35 per i peyor parada. 

Se o mat' eu, se me matar', 

de quai [xe] quer seria 

de ventura minguada! (CB 1526.) 

5 neciidade — 7 Eay — 9 mi dey — II veiremo — l'I f eira — 

19 Oudemison nattai — 23 Ç — 27 ß — q — 28 "^ira — 2.^ E ia eu — 
30 tnacalcar — 31 Eacalcarsfem ia — 34 teiria — 36 tnatou — 38 miañada 

Ob im Ernst oder im Scherz, aus der im Gedicht künd- 
gegebenen wahren oder erheuchelten Furcht vor einem Raufbold, 
der durch seine groben Reden und Drohungen, den Dichter zu 
Thätlichkeiten hinzureifsen und Unruhen im Lager zu stiften 
trachtet, scheint mir Rücksicht auf gewisse Kriegsgesetze des Espe/o 
zu sprechen. In diesem Falle hätte pausada die Bedeutung „Feld- 
lager" {Espe/o I 102; III 6, 6. 7). Und unter dem departidor könnte 
man sich den mit der Teilung von Beute beauftragten Caudillo 
denken. Sonst dürfte es auch „Schwätzer" bedeuten. Man denke 
an den von Âlfons X. mit einem Hieb bedachten Friedensstörer: 
que da guerra foy con nemiga^ 

(44.) XX. 
Un ome sei eu de muy bon logar 
que fílha sempr(e) u anda e aqui 
alg' a quen quer e non perde per i; 
ant' anda muy mais viçoso por én 
5 pero Ih' o nos non teemos por ben 
\os que o sabemos de bon logar"]. 

Eu vus direi d' el de que logar é: 
de muy melhor logar que infançon 
nen ca ricome, se muy poneos non; 
IO [mais] travan-lhi por algo que filhou 
a sens amigos. A todos pesou 
os que sabemos de que logar é. 



* in 8, 4: Que pena deve aver qui desonrase o fir ie se o matase a otro 
en hueste o en cavalgada. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPOKT. LIEDERBUCH. 3 1 1 

De melhor logar non pode seer 
orne do mundo sc non for [el] rei 
15 de todo'- los logares que Ih'eu sei. 
Por én dizen que nunca mais valrrá 
orne que fílha sempr' e que non dà 
[í/tf melhor logar non pode seer"]. 

Ante cuido que sempre decerá 
20 d' onra e de bondade [e] d* aver. (OB 1531.) 

2 açnt — 3 pode — il ea — 16 ualira — 20 Doutra 

Wer mag der ungrofsmûtige Fürst sein, der zwar nimmt, aber 
nicht giebt? Offenbar ein Königssohn. Vielleicht Fernando De- 
La- Cerda vor 1275? Sancho IV.? oder einer der Brüder Alfons' X.? 

(45.) XXI. 
Ben sabedes, senhor rei, 
des que fuy vosso vassalo 
que sempre vus aguardei, 
quer a pee, quer de cavalo, 
5 sen Voss' aver e sen dSa. 
Mais atanto vus errei: 

Non foy vosc(o) en ora boa! 

E en terra de Campou' 
vus servi e en Olmedo. 
IO Assi fìz en Badalhou' 
e outrossi en Toledo 
quand' i ñlhastes cor5a. 
Mais atanto me mengou: 

Non fuy vosc(o) en ora boa! 

15 Fostes muy ben aguardado 

de min sempre u (vos) andastes 

e nunca foy escusado, 

nen vos nunca me escusastes 

de servir per mia pessSa. 
20 Mais atanto foy errado: 

Non fuy vusco en ora bSa! (CB 1592.) 

3 uos agaiardey — 4 ^ — q — 5 nossau* — : dona — 6 erey — 7 boa 

— 8 càpou — 9 Vos — oliuedo — IO ebadalhou — 12 coroa — 13 megou 

— 14 und 21 boa — 19 pesoa — 20 May ecanto foy etrado 

Das vus der sechsten Zeile ist natürlich ethischer Dativ. — 
Welcher besondem Verdienste sich dieser Mesnadero der guarda del 
rey liihmen konnte, die er in den genannten Städten geleistet hat, 
das wissen die Götter. — Olmedo statt Olivedo (m statt iü) verlangt 
das Versmafs. Kurios ist der unreine, die Worte willkürlich ver- 
drehende Reim Campou und Badalhou (das übrigens in den alten 
Texten immer Badalloce geschrieben wird). 



312 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

1st die blofse Lektüre dieser Gedichte schon lehrreich, so 
trägt zur Klärung des ersten Sirventcs 

Non ven al Mayo 
die Zusammenstellung einiger Prosastellen aus den Königschroniken 
noch wesentliches bei. Ihr Gegenstand sind Ricosomes^ die sich von 
ihrem Herrscher aus mehr oder weniger schwer wiegenden Gründen 
oder Vorwänden abwandten, ihre dineros — maravedís — soldadas 
entgegennahmen, aber statt damit pflichtgemäfs für Pferde, Waflfen 
und Proviant (pendón y caldera) zu sorgen und mit der gebührenden 
Zahl von Rittern und Mannen pünktlich am vereinbarten Tag ins 
Feld zu rücken, es sei zur Verteigigung oder zum Angriff, entweder 
fein ruhig zu Hause blieben, ihfe Güter verwaltend und neue dazu 
kaufend, oder schlecht gerüstet, mit wenig Reisigen am verein- 
barten Orte eintrafen; oder aber vor Beendigung des Feldzuges, es 
sei nach Ablauf der drei Pflichtmonate, oder noch früher, unter er- 
fundenen Beschwerden in ihre Herdade zurückkehrten, wenn sie nicht 
auf eigne Faust selbstherrlich einen Ritt in Feindes Land unter- 
nahmen, Ländereien und Beute zu erwerben. Natürlich gehört 
Säumigkeit und momentaner Abfall treuloser, eigensüchtiger oder 
wirklich geschädigter und klageberechtigter Vasallen und Verbün- 
deter nicht zu den Ereignissen, die nur Alfons X. zustiefsen. Die 
ganze hispanische Geschichte, so lange die Staaten bil dung anab- 
geschlossen war und der Kampf gegen den Moslem dauerte, ist 
reich an Bürgerkrieg, Empörung, Vaterlandswechsel {desnaluraçdes)^ 
Pakt bald der Könige, bald seiner Vasallen, mit den Mauren. Von 
diesem Standpunkt aus konnten nicht allein Vorfahren des Ge- 
lehrten , wie Alfons VllL (auf den C. de Loi lis Bezug nimmt) und 
Alfons IX., sondern ganz besonders seine Nachfolger wie Sancho IV^ 
Ferdinand IV. und Alfons XI. Klage führen, gleich der, welche 
Jener in Versen zu äufsern für gut befand, gemischt mit Hohn 
und Spott über Feiglinge, Geldgierige, Pflichtvergessene, oder an 
friedlichem Wohlleben mehr Gefallen als am Kriegsdienst findende 
Höflinge. — Besonders aus der Regierungszeit Alfons' XI. sind 
vom Chronisten Fälle gebucht worden, welche indirekt unsere Ge- 
dichtgruppe beleuchten. 

1. Bei der Unternehmung gegen Gibraltar äufsert dieser König 
einmal : 

... que si los otros ricos ornes del regno quisieren ir con el que plogmen 
a el mucho dende, et que assaz federa el mucho por ello, dando les sus 
dineros con que podieran venir ... et que pues non venieron.^ 

2. Et el Rey estando en este lugar de la Fuente Ovejuna venieron 
mandaderos de D. Gonzalo de Aguilar sobre libramiento de algunos dineros 
que menguaban á D. Gonzalo de la tierra que tenia del Rey; et Fernán 
Gonzalez, hermano deste D. Gonzalo vivia en casa del Rey, ca se criara en 
la su merced. Et este Fernán Gonzalez dixo al Rey que toviese por bien 



» Cron. Alf, XI, c. CXm p. 247 b. 



RANDGLOSSEN ZUM ÂLTPORT. UXDERBÜCH. 313 

de sesegar á D. Gonzalo en el su servicio, ca el sabia por dertD que 
D. Gonzalo traia fablas con el Rey de (xranada para lo servir, et deservir 
al Rey de Castíella.^ 

3. Vom Âlcalden der Veste Gibraltar, Vasco Perez de Meyra 
heilst es: 

• . . avia tomado los dineros que el Rey le posiera para retenencia et baste- 
cimiento del logar' et compró dellos heredades \ et tenia el castiello des- 
bastecido. 

4. Oder mit Bezug auf D. Juan Alfonso de Haro» den da- 
maligen Herrn von Cameros: 

... le avia fecho tan grand yerro en tomar los sus dineros e non gelos ir a 
servir, et robarle lá tierra . . . Quando el Rey fue a tomar a Olvera et 
otrosi quando á Teba et quando fue a Gibraltar, aquel D. Juan Alfcmso 
tomó los libramientos et los dineros del Rey para le ir servir et non fue 
aUá.s 

5. Ein gewissenhafterer Vasall, D. Pero Fernandez de Castro, 
kommt, statt mit 100, mit nur 20 Berittenen {pmes de bestias) aus 
Gallizien und erklärt, er könne aus so weiter Feme nicht pünkt- 
lich all seine Mannen stellen, um so weniger als er auch die ent- 
sprechenden Gelder nicht erhalten (bzw. nicht angenommen) habe: 

. . . quanto mas que el non avia tomado dineros ningunos del libramiento 
que el Rey le feciera ... et que si el esperara a los traer (= los de Galicia) 
consigo desde que elles ovieran rescebidos los dineros quel Rey le daba de 
libramiento, que fuera tan tardiosa la su venida que non compilera al su 
servicio del Rey.* 

So könnte man Dutzende von Aufzeichnungen zusammentragen, 
in denen tomar dineros — poner dineros — comprar heredades — 
robar la tierra — dar libramiento — quitar — quitar debdas — 
dar quito wieder und immer wieder kehren, dazu auch fazer salva 
por non ir à la frontera^^ sowie Berufung auf die gran mingua^^ an 
der Fulano und Sicrano litt, wenn es sich um Auslieferung oder 
Verkauf von seiner Obhut anvertrauten Burgen und Städten an den 
Feind handelt — Stellen, deren typische Redewendungen unwill- 
kürlich an die spöttischen Ausrufe Alfons' X. erinnern: 

Quen da guerra levou cavaleiros 
e a sa terra foi guardar dinheiros 
non ven al mayo! 
Quen da guerra foi con maldade 
e a sa terra foi comprar erdade 
non ven al mayo. 

* Cron, Alf, XI, e. CXm. 

* Ib. e. V p. 239 hogar \ cf. p. 248. 
» Ib. p. 263 a. 

* Ib. p. 246. 

* Z. B. p. 260. 

* Ib. p. 239. 



314 CAROLINA MICHAELIS DB VASCONCELLOS, 

Andrerseits aber machen sie auch Vamhagens Gedanken wenig- 
stens begreiflich, die Kriegslieder im vatikanischen Liederbnch be- 
zögen sich auf die Campagnen Âlfons' XL; und der als Verfasser 
genannte Rey de Castella e de Leon sei kein andrer als eben der 
Sieger von Tarifa. ^ 

Gehen wir zu Âlfons X. zurück, so mufs mit Bedauern zu- 
nächst festgestellt werden, dafs die Berichterstattung über die von 
ihm unternommenen Kriege eine wenig eingehende ist^ Es gab 
darin eben kein Las Navas und kein Tarifa. Nur ein kleines Âlarcos. 
Alle vier Expeditionen gegen die Mauren — eine in jedem De- 
zennium — verliefen ohne bedeutende Gebietserweiterung: ^ die 
Erwerbung von Niebla und Xerez, die Eroberung von Algarve, der 
Zug nach Tunis in den 50er Jahren war von Wert; weniger in 
den 6oern der Einfall in die Ebene von Granada und Unterdrückung 
des andalusischen Aufstandes; in den 7oem die Verteidigung g^;en 
Abu-Juçuf während seiner Abwesenheit; in den 80 em noch einmal 
ein Zug in die Veiga und Pakt mit dem Mauren gegen seinen 
Sohn und seine Vasallen. 

Gerade über den Abfall der Granden, welche durch die an 
alten Vorrechten rüttelnde neue Gesetzgebung und durch des 
Königs Beziehungen zum Ausland erbittert waren, finden sich hin- 
gegen in der späten und ganz unzulänglichen Chronik Aussagen 
die Menge. Die Sucht der Ricosomes, für möglichst geringe 
Leistungen mit möglichst viel dineros^ und herdades belohnt za 
werden, ist einer der Grundtöne der Fehden, die der König von 
1270 bis 1274, während der Vorbereitung zu seiner Fahrt um die 
Kaiserkrone mit seinem Bruder Philipp und den rebellischen, dem 
König von Granada anhängenden Granden diplomatisch auszu- 
fechten hatte.^ 

£ pues que el Infante e los ricos ornes ovieron cobrado estos dinera 
quel Rey les mundo dar, partieron les a sus vasallos é ayuntaron las mu 
gentes que pudieron aver de caballeros; e con aquellos dineros guisáronse 
de armas e de caballos e andaban por la tierra muchos dellos e tomaran 
viandas en muchos lugares que las non devian tomar, muy desmesurada- 
miente e facian muy grand daño en la tierra. £ luego enviaron sus man* 



* Novas Paginas p. 378. — Cancioneirinho 159 — l6l. — Provards 17, 

3 Die Cronica de Alfonso X ward, wie die der Nachfolger, dem Anschehi 
nach, erst zwischen 1327 und 1350 vom Geheimkanzler Âlfons' XI., Fernán 
Sanchez de Tovar, ausgeführt. 

3 In den Annalen und Chroniken heifst es von ihm nur: e despues que 
fue rey gano el reyno de Niebla e Xerez e otros castiellos muchos en la 
frontera {Esp, Sagr, XXIII 379). 

^ Dineros nannte man die Summen, welche der Monarch von den fñr 
diesen Zweck von den Unterthanen erhobenen servicios an seine Vasallen ab- 
zuliefern hatte. — Vgl. Cr on, Alf c 21; Cron, Fernando IV c, 20 \ CV608 
dinheiros Que Ih* o demo leva nos cavaleiros, 

^ Das altportug. Adelsbuch berichtet, es hätten sich damals 17 Ricos- 
homes dem mächtigen D. Nuno Gonçalvcs de Lara angeschlossen. — P. M.H.: 
Script, 263. 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIBDERBUCH. 315 

dadcros al rey de Granada e al rey Abu Yuzaf de Marruecos e otrosi en- 
viaron cartas al rey de Portugal para le mover que ficiese guerra a Castilla.^ 

In allen Botschaften, die an den Infanten, an die Laras, 
Haros, Castros, Cameros u.a.m. gesendet werden, um sie zum 
Gehorsam zu bewegen und von ihrem Unrecht zu überzeugen, 
klingt es als Kehrreim wieder: 

£ bien sabcdcs que sus vasallos erades e sus dineros aviedes tomado 
para le ir servir, do el mandase ... e non lo fedstes. 

£ ademas, faciendo vos el Rey estas mercedes e estas honras, e dan- 
dovos los dineros de las sus rentas e seyendo su vasallo è tomando vos 
del otra cuantía grande de dineros de las suas rentas para le ir servir do 
el mandase, e enviandovos decir que avia menester vuestro servicio en la 
guerra de los moros, e que fuesedcs estar con el infante don Femando su 
fijo, non lo quesistes facer.^ 

Seyendo vasallo del Rey e teniendo del dineros posistes pleito e 
postura con el rey de Granada.^ 

£ ademas vos sabedes que el Rey, estando en Murcia vos envió 
decir de commo los moros facían guerra e que pues aviades tomado sus 
dineros, que vos mandaba e rogaba que fucsedes estar en aquella guerra 
con el infante don Fernando su fijo e vos non lo quesistes facer . . . mas 
vos os desaforades que levades los caballos e las armas que comprastes de 
los sus dineros que vos el dio con que le sirviesedes e vos ides deservir 
le con ello.* 

Das Motiv wiederholte sich, als das Zerwürfnis mit seinem 
Sohne ¡hm mehr als die Hälfte seiner Grofsen entfremdete. Aber 
es hat sich ohne Zweifel schon viel früher geltend gemachte Schon 
1254 sagte sich z. B. der Herr von Biscaya, der Sohn des Cabeça- 
Brava, von Alfons los und schlofs sich an den Aragonesen an.* 

Und um 1255 — es sei nach der Eroberung von Xerez, oder 
in dem wenig bekannten Zwist mit Alfons III. von Portugal betreffs 
der algarvischen Eroberungen — fand einer der Hofdichter An- 
lafs, tadelnde Worte über die faulen und feigen Nichtsthuer, die 
Schmeichler und Bittsteller zu äufsern, die gute Bissen am eignen 
Herd der Heldenaufgabe vorziehen, Burgen, Städte und Reiche 
zu erobern: 

Reis N*Anfos, ja Ms crois marritz 
non crezatz 

ni Ms feignenz alegoratz 

quar amon dins lor maizos 



» Cron, Alf, X cap. XXI (17b). 

* Cap. 29. An D. Felipe. 
' Cap. 30. An D. Nuno. 

* Cap. 31. An D. Lope Diaz. — Und so fort, besonders noch in cap. 36 
und 52. 

* S. u. Randglosse IX. 



3l6 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

mais bos vis e bos morseas 

qu' ab afan penre casteus 
ciutatz ni reings, ni faire faitz prezans 
tan lor es cars I<^ors e pretz soans.^ 

Und sie sollten nicht besonders berechtigt gewesen sein, ab 
es, nach den Gesetzesrefonnen der 50 Jahre, unter den Vasallen 
dumpf grollte und gährte? als die mehrjährige Unterdrückung des 
andalusischen Aufstandes ihre Treue und Anhänglichkeit auf die 
Probe stellte? 

Wie die Ammenlieder, die Balteira- und Kreuzzugs -Lieder 
{Randglosse VII), die Joan -Femandes- Spöttereien, fallen, meines 
Erachtens, sämtliche Kriegslieder in ein und denselben gedrängten 
Zeitraum, der die Dauer eines Krieges umfafst, ob auch nach Ab- 
schlufs desselben bei Hofe das Vorgefallene naturgemäfs noch ein- 
mal rekapituliert, von Neuem belacht, bespöttelt und an den Pranger 
gestellt wurde. 

In mehreren der mitgeteilten Reimereien ist von Granada 
die Rede. Verschiedne Male hören wir von einem Feigling, der 
sich aus der Veiga hinter die Berge gerettet hat. Auch wird des 
öftem an die front eira erinnert. Eines der Gedichte mufs, wie 
wir sahen, unbedingt vor 1274 abgefafst worden sein. Wir werden 
also auf die Ereignisse von 1261 — 65 hingewiesen. Dazu pafst 
die Verlegung der Schlachtschilderung in das Stromgebiet des 
Guadalquivir. Desgleichen die früher behandelte einschlägige La- 
mentation des in der Campiña durch Skorpione gepeinigten un- 
kriegerischen Seefahrers und Handelsmannes. Vor allem aber die 
Erwähnung der Genetes, sowohl in der Schlachtschilderung des 
zweiten Liedes als in der von Bèsteiros mit so viel Humor skiz- 
zierten Fluchtscene. Am Feldzug von 1275 — 7^ nahm Alfons per- 
sönlich nicht teil. Ebenso wenig am nächsten der Sommer 1277 
und 78. 1280 standen nur des Emirs Söhne den Christen gegen- 
über. Als Abu-Yuçuf aber zum vierten und fünften Mal über 
Meer kam (1282 — 83 und 1285), trat er nicht als Feind auf, 
sondern als^ Bundesgenosse des Königs selber, der ihn herbei- 
gerufen hatte, gegen Sohn und Reich. ^ 

Bei derartig positiven Beweisen kann ich die psychologische 
Motivierung, nach 1275 habe der enttäuschte Monarch 3 keinen 

* Bonifacio Calvo : En loe de verjans floritz, — Mila 200. — Mario 
Pelacz No. XV. 

^ Ueber den ersten Einfall s. Schirrmacher I 577; aber den zweiten 
597 — 99 Î über den dritten 604; über den vierten und fünften 623 — 29. 

* Der ihm abgedrungene Verzicht auf die Kaiserkrone und den Titel 
Rey dos Romäos\ die Niederlage des tapfren D. Nuno Gonçalves de Lara 
bei Ecija; die des aragonesischen Infanten und Erzbischofs D. Sancho bei 
Torre del Campo; die Siege des Abu-Yuçuf unter Vernichtung von 18 000 
Christen ; der Tod des Thronfolgers Ferdinand ; die Strafe, die er mediante justitía 
an seinem leiblichen ehrgeizigen Bruder D. Fadrique und an D. Ximen Rodri- 
guez de los Cameros verhängen mufste, wir wissen nicht warum; die Partei* 



RANDGLOSSEN ZUM ALTPORT. LIEDEHBÜCH, 317 

Drang mehr verspürt, Weltliches zu dichten, als überflüssige Wieder- 
holung unterdrücken.' 

Ich komme zu den Gttitles. 

Die gesamten Greozlande von Cadix und Xerez bis Murda, 
insonderheit die Städte Arcos, Medina -Sidonia, Lebrija, Niebla, 
Lorca, Algeciras, Sanlucar, Rola, Murda, empörten sich gegen die 
Vorherrschaft der Christen, den 1245 auf z o Jahre beschworenen 
Frieden brechend. Der König von Granada lbn-£l- Ahmar, der 
bedeutendste der tributpflichtigen maurischen Bundesfreunde AI- 
foDs' X., auf dessen Hülfe gerechnet wurde, schulte im Geheimen 
den Aufruhr, Ucber den Verlauf desselben gehen die Historiker 
rasch hinfort.' Nach verheerenden Einfallen in die Vega mit Schar- 
mützeln und einem tlaupttrefien, endete er, dank der Unterstützung 
dreier Walis, mit der Rückeroberung aller abtrünnigen Gebiete 
und einem neuen Friedensvertrag zwischen Kastilien und Granada, 
Immerhin verzeichnen die christlichen wie arabischen Quellen die 
Tbatsache, welche der Hauptaktion dn eigenartiges Gepräge ver- 
leiht, ihr und dem Vertrag den Namen gab und für uusre Be- 
urteilung der Kriegsgedichte von besonderer Wichtigkeit ist. Der 
Emir von Marocco Abu-Yuçuf schickte dem als Haupt der hispa- 
nischen Mauren anerkannten Beherrscher von Granada afrikanische 
Hülfstruppen von solcher Güte, dafs sich die Schreckensnachricht 
verbreitete, er selber nahe, und es drohe dne neue Ueberflutung 
Spaniens mit Berberstämmen.^ Kern der Truppen bildeten, unter 
dem schieläugigen {lutrtu) Emir Ibn-Idrisi, 300 oder looo, nach 
arabischen Quellen sogar 3000 Zerieks, ein Nomadenstamm, zu dem 
die Beni-Merines gehörten.* Seit der grofsen Schlacht gegen den 

nähme und Flucbt seiner Gemahlin D. Violanlc mit den jungen Lacerdos, 
seinen Enkelkindetn, weil Suncho der Zweitgeborne sieb, im Bewurstsein seines 
Rechts, die geßihrdete Kione vor der Zeil gewaltsam anmafste; infolge davon 
AugeiniuidetseUaDgen und Kiieg mit Frankreich und Aragon; und schlielslich 
die Empörung des Thronforderers und seiner Anhanget — das sind die 
Scbicksalsscbläge, iie den hoffnungsreich nach Bdcaire Ausgezogenen während 
seiner Abwesenheit und nach der Heimkehr (117;) traren. 

' Ellne Bemerkung Allons' X. in den Marienliedern (CM 216) über das 
zweimaligB Konimcn des Emir von Matroco glaube ich dahin deuten zu 
müssen, dafs sie nach IZ7S, aber vor 1282 geschrieben wurde: 

quando pas sou Aboyu^af 

non da passada primeira 

mas da outra, et fez dano 

grande d' aquella passada , , , 
VgL Schitrmacher I 597 — 606. 

* Cron. Alf. cap. 12 — 16, — Scbirrmatber I 490—96. — Gende die 
Feldzuge der sechziger Jahre überspringt Lollis, wo er eine Uebersicht über 
die Kriegsnntem eh Ölungen AlTons' X. giebt (p.SO— 51), 

' Herculano III 75 bcrichlel, wie eindringhch das Gerücht und wie liei- 
«atielnd die Furcht war, Abu-Yuçuf werde in eigner Person den Religions- 
krl^ leiten. 

• Dozy neimt ne la grande tribu ou piulât la grande nation berbire 
des Zentta à laquelle appartenaient ¡es Mérinides. 



31 8 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

Míramamolin waren solche Wüstensöhne nicht wieder in Spanien 
gesehen worden. ^ Daher boten sie den im ganzen wenig kriegs- 
lustigen Unterthanen Alfons' X. einen völlig ungewohnten Anblick.* 

Die Sinnesänderung des Königs von Granada erkennend, rückt 
Alfons vor Alcalá de Ben-Zaide, findet die umliegenden Gefilde 
aber bereits von den Mauren verwüstet. Dort entspinnt sich eine 
blutige Schlacht,'^ in der Ibn-El-Ahmar mit den Genetes Sieger 
bleibt oder wenigstens dem Feind schwere Verluste beibringt und 
das Feld behaupteL^ 

Con esta nueva salió Aben Alahmar de Granada y corrió y taló los 
campos de Alcalá de Aben-Zaide. £1 rey Alfonso salió con su hueste y se 
encontraron a la vista de aquella ciudad. La pelea fue sangrienta y los 
caballeros zenetes que acompañaban al rey Aben Alahmar le dieron este 
dia la honra del campo. Fue esta batalla de Alcalá de Aben 2^de en el 
año de 66o.* 

Nicht der Guadalquivir, sondern der Zuflufs Guadajoz ist also 
der Flufs, dessen Wasser von Leichen gestaut und blutigrot ge- 
färbt wurden.^ 

Dafs der Genete des Gedichtes auf seinem blitzschnellen Voll- 
blutrenner, leicht mit Lanze und Schild bewaffnet, bartlos und 
kurzgeschorenen Haupthaars, als Vertreter des fremden afrikani- 
schen Maurenstammes und nicht als beliebiger Leichtberittner auf- 
tritt, scheint mir fraglos. Ebenso dafs nur der erste lähmende 
Eindruck verdiente, festgehalten zu werden. Wir alle werden dabei 



' lieber die Mitwirkung der Zenetes in der Schlacht bei Alarcos siehe 
Conde III e. 14 und 17; über las Navas ebenda c. 18 und 19. — Dozy drückt 
sich nicht so genau wie gewöhnlich aus, wo er behauptet, der arabische 
Chronist gebe das Jahr 1263 als das ihres allerersten Kommens an. 

* Cr on, Alf, c. 13: E segund lo que se falló en escripto dicen que estos 
fueron los primeros caballeros jinetes que pasaron aquén la mar después 

que el Miramamolin fue vencido, — Vgl. Schirrmacher I 493. — In den 
Anal, Januens, p. 248 zum J. 1 264 heifst es (bei Schirrmacher) auxiliantüms 
Sarracenos Barbaris et aliis Sarracenis de Garbo et Barbaria, 

> Eine Schlacht, nach der Definition Alfons* X. — d. h. eine batalla» 
keine hloisQ facienda oder ltd — , da er selber, ein König, auf dem Kampf- 
platz zugegen war. — Vgl. Espejo III 5, 19. 

^ Schirrmacher I 499 schildert den Ausgang wie folgt: „Die Christen 
erlitten die schwersten Einbufsen, erwehrten sich aber der Ungläubigen auf 
das kräftigste, erschlugen 3000 Ritter und noch mehr Fufstruppen and rühmten 
sich sogar des Siegs . . .** 

* So berichtet der nicht immer durchaus unzuverlässige Conde IV c. 7. ^ 
Das Datum der Schlacht gicbt er freiUch ungenau an. Nicht 1262, wie er 
behauptet, auch nicht 1263, wie der spanische Chronist angiebt, sondern 
1 264, wie der von Dozy und Schirrmacher benutzte arabische Anonymus aus- 
einandersetzt (und schon Argote de Molina II c. 50 festgestellt hatte), kam et 
zu jenem Haupttreffen. Vor Februar 1263 war Niebla eingenommen (Memorial 
I 202); Cadix im September; der Vertrag wurde 1265 abgeschlossen; im 
Frühjahr fand der Abfall der Walis statt, der eine Folge der Machtsteigenmg 
der Zenetes ist. 

^ Schirrmacher verlegt die Schlacht ziemlich unbestimmt in die Region 
zwischen Cordova und Sevilla. 



RANDGLOSSEN ZOM ALTPORT, LIEDERBUCH. 3 IQ 

an den ergreifenden Schrecken der tapfren Buren vor den Lanzen 
der sie bei Elandslagte überwältigenden englischen Ulanen schmerz- 
lich erinnert. Die Permanenz der Genetes in Andalusien datiert 
von jenem Sommer 1264. Dank ihren Triumphen wurden sie von 
Ibn-el-Ahmar derart bevorzugt, dafs andre tapfre Stämme, die seit 
Jahrzehnten eine hervorragende Rolle in Andalusien gespielt hatten 
(wie die Beni-Ischkalyula, von denen wir später hören werden,^ 
zunächst aber nur zu wissen brauchen, dafs sie als Walis die 
Städte Malaga, Guadix und Gomares regierten), sich zurückgesetzt 
glaubten und abtrünnig zu Alfons übergingen — so, ohne es zu 
wollen, den Friedensabschlufs beschleunigend. Bei dem grofsen 
Feldzug des Abu-Yuçuf vom J. 1275 gehörten Zenetes zu den 
Heerfûhrern.2 Als später Alfons X. mit dem Thronfolger von 
neuem in die Vega einfiel, brach bei einem kecken Angriff Sancho's 
eine starke Kolonne Mauren aus der Stadt — die Chronik spricht 
von 5 o 000 1 — también genetes como andaluces^ Nach abermals 
vier Jahren zieht der neue Emir Ibn-Yakub mit 12000 .Genetes 
über Meer.^ Weitere Angaben wären überflüssig. Was ich be- 
weisen wollte, dafs der Chronist den urspûnglichen Wert des 
Wortes kannte, und ebenso der ältere Dichter der Marienlieder 
und unsrer Kriegsgesänge„ ist bewiesen.* Die Uebertragung von 
Zenete Genete Ginete auf jeden nach Art dieser Nomaden mit kurzem 
Steigbügel, also gebeugten Knies, auf einem kleinen, aber guten 
Renner reitenden Mauren und Hispanier, sowie jogar la gineta^ 
die adjektivische Verwendung in lança gineta, espada gineta, sella 
geneta, adarga geneta^ cavallo guíete vollzog sich im Laufe des 
14. Jhs. und verdrängte allmälich, als ihre Zeit um war, die Er- 
innerung an die echten Träger des Namens. 

Die Herleitung des weiteren Begriffs aus dem engeren'' — wie 
Engelmann und Dozy sie vor mir befürwortet haben — liefse sich, 
so weit ich sehe, nur durch Nachweis des Wortes genete in latei- 
nischen Schriften vor 1195, d.h. vor dem ersten Bekanntwerden der 
Zenetes, gefährden.^ Die Form mit e, wie unsre Lieder sie 



1 In Randglosse VII und VUI. 

* Cr on, Alf, c. 61 und 62. 

3 Cron, Alf. p. 59. — Schirrmacher 604, 

* Cron, Sancho c. II. — Schirrmacher 633. 

^ Ein arabischer Geschichtsschreiber sagt mit Bezug auf die damalige 
Regeneration des nordafñkanischen Islam: „Nach dem Sturz der Almohaden 
wäre Andalusien bald unterlegen ohne das Eingreifen der göttlichen Vor- 
sehung, die den ginetischen Volksstämmen Begeisterung für den heiligen 
Krieg einflöfstc." 

^ So schon im Poema de Alfonso XI Str. 400 : tomauan escudo e lança 
— la gineta yuan jogando, — In Katalonien, Aragon, bediente man sich 
des abgeleiteten genetta. Muntaner spricht wiederholt von homens a cauaü 
alforrats a la genetta del regne de Valencia, z. B. e. 156 und 158. 

■^ Lollis denkt sich den Vorgang umgekehrt, wenn er versichert, genete 
habe zuerst eine specie di cavallo leggiero und später den cavallegere benannt. 

^ Keine der bei Du Gange angefahrten Belegstellen geht aber das 
14. Jh. zurück. 



320 CAROLINA MICHAELIS DE VASCONCELLOS, 

bieten, 1 ist die altre. Geneies für Zeneies, mit j für «, wie in gerafa 
girafa aus zera/a, ist ein echt gallizischer Zug.^ 

Haben wir aber das Genete-Lied ins Jahr der Schlacht bei 
Alcalá de Ben Zaide zu verlegen, so fällt auch das Mai-Sirventés 
wahrscheinlich in die Zeit des andalusischen Aufstandes (1263, 
bzw. 1261 — 65), gleichviel ob es im ersten, zweiten oder dritten 
Jahr des vielfach gefährdeten, im ganzen aber glorreichen Feld- 
zuges und wirklich bei Gelegenheit einer der Frûhsommer-Paraden 
gedichtet ward, unter Rûckerinnerung an die Ausreifser des Vor- 
jahres. Die Momente, in denen Alfons die glänzendsten Waflfen- 
erfolge seiner Regierungszeit errang, sind die denkbar passendsten 
für all seine kriegsdichterischen Inspirationen. Selbst dafs eine 
Niederlage, die er zum grofsen Teil der Säumigkeit, Untüchtigkeit 
und Uneinigkeit seiner Vasallen zuschreiben mufste, seine Muse 
anregte, gallig- lustige Satiren zeitigend, ist vom psychologischen 
Standpunkt aus sehr wahrscheinlich — um so mehr als die Ver- 
luste auf beiden Seiten erheblich waren und Mauren wie Christen 
sich als Sieger betrachteten. 

Der Ansicht des italienischen Gelehrten, der König beschäftige 
sich nicht nur mit einer langen Reihe >ron Verrätern, sondern auch 
mit zeitlich und sachlich weit auseinanderliegenden Ereignissen, 
die z. T. dem schlimmen letzten Dezennium seiner Regierung an- 
gehören, kann ich, was die zweite Hälfte betrifft, nicht beipflichten. 
In einem der Zweizeiler soll der eigne Sohn und Nachfolger ge- 
zeichnet sein, der als Bravo doch erst seit 1275, d. h. als Erb- 
infant, dem man sein Recht bestritt, und nach 1281 als offiier 
Rebell gegen den alternden Vater auftrat, den die Partei der 
Jugend für schwachsinnig ausgab.^ Ein andres Zeilenpaar soll auf 
den Infanten D. Juan gemünzt sein, der sich zu jenen schlug, oder 
auf D. Felipe, den Rebellenführer. Wieder ein andrer auf D. En- 
rique, dessen Widersetzlichkeit von 1259 datiert und der seither 
aufser Landes blieb. O que da guerra se fot con nemtgo (wie 
LoUis falschlich statt nemiga „Feindseligkeit" liest) soll einer der 
mit dem Emir von Granada verbündeten Barone sein, u. s. w. Ich 
denke, vom bitterernsten Abfall der Söhne und Brüder hätte der 
tiefgebeugte Sechziger in anderm Tone gesprochen. 

Ueberhaupt scheint mir das Bestreben unausführbar, die ein- 
zelnen getroffenen Persönlichkeiten festzustellen. Ich begnüge mich 
mit der allgemeinen Erkenntnis, dafs es sich um Momentaufnahmen 



^ Alfons bedient sich ihrer noch in einem Spottgedicht, das von der 
Rauferei einer soldadeira mit einem Genete berichtet (OV 78). 

^ Neuerdings hat L. Eguilaz y Yanguas die früher von Diez vorge- 
schlagene Ableitung vom griech. yvfjiïijrTjç wieder aufgefrischt {Homenaje a 
Menendez y Pelayo II 132), doch ohne Anführung von Gründen. 

' Dafs die für Landankauf vielgebrauchte Wendung comprar erdade 
(s. oben) sich auf Sancho's Thronanspruch bezieht, wird Niemand ein- 
leuchten. 



RANDGLOSSEN ZQM ALTPORT. LIEDERBUCH. 32 1 

handelt und dafs das erste und zweite Distichon selbstsüchtige 
und habsüchtige Barone, das dritte einen fehdelustigen Raufbold,* 
das vierte und siebente prunkliebende Stutzer,^ das fünfte, sechste, 
achte, zehnte nur auf ihren eignen Vorteil bedachte Knicker, das 
neunte einen zu üppigem Wohlleben hinneigendem Friedensfreund, 
das zwölfte und fünfzehnte eitle Fanten treffen. 



* Vgl. die Lieder des Gil Perez Conde. 

' Vgl. die Lieder des Lope Diaz und besonders den descordo auf einen 
mit güldnem Bettgestell in den Krieg ziehenden Edeln (CV 693). 



Carolina Michaelis de Vasconcellos. 



Z«itscbr. C rom. PhiL XXV. 21 



Zar firanzösisclieii Syntax. 

(Vgl. Ztschr. XXIII, 491 ff.) 

IX. 
Stellung des attributiven Adjektivs.^ 

Seit der Herr Herausgeber dieser Zeitschrift mit einer Treflf- 
sicherheit, die nach Gebühr zu würdigen der Umstand mir, ver- 
bietet, dafs diese Zeilen in einer von ihm geleiteten Zeitschrift er- 
scheinen, für das französische Verfahren in Voran- und Nachstellung 
des attributiven Adjektivs die ps}'chologische Radix dahin formuliert 
hat, dafs das vorangestellte Adjektiv affektisch attribuiert, das 
nachgestellte logisch distinguiert, erschien mir dieses schwierige» 
ja, nach der Zahl und Unzulänglichkeit der gemachten Lösungs- 
versuche zu urteilen, wohl schwierigste Problem der französischen 
Syntax in so befriedigender Weise gelöst, dafs ich trotz wiederholter 
Wahrnehmung mifsverständlicher Auffassung des Wortes „affektisch''» 
die dazu hätte anreizen können, eine Neubesprechung dieses Gegen- 
standes als das letzte ansah, wozu ich mich bei meinen infolge allzn- 
beschränkter Zeit und Kraft leider nur bescheidenen Bemühungen 
um Klärung syntaktischer Fragen entschliefsen würde — um so 
mehr, als es mir begreiflicherweise ebensosehr widerstrebte, fur 
eine von mir als unbedingt zutreffend angesehene, von manchen 
aber befehdete Auffassung in der von ihrem Urheber selbst ge- 
leiteten Zeitschrift als Vorkämpfer oder wenigstens als Verfediter 
aufzutreten, wie, aus einem so äufserlichen Grunde die mir lieb ge- 
wordene Publikationsstätte für meine Hervorbringungen beschaulich- 
nachdenklicher Mufsestunden mit einer anderen zu vertauschen. 

Von diesem lange Jahre hindurch festgehaltenen Standpunkte 
einer vorsätzlichen Passivität abzugehen, dazu ward mir eine im 
Archiv für das Studium d. n. Spr. und Lit. ClII, p. 442 ff. veröffent- 
lichte Besprechung von Th. Schöningh's „Stellung des attributiven 
Adjektivs im Französischen*' Anlafs, die den aus Literaturblatt f. 
germ. u. rom. Philol. 1893 No. 4 u. 5 bezüglich der beregten Frage 
schon bekannten Herrn Dr. Carl Buck zum Verfasser hat und in 
der es heifst: „Das Werkchen" (das von Th. Schöningh) „kenn- 



^ Abkürzungen: Cron. Diss. = Joseph Cron, Die Stellung des attri- 
butiven Adjektivs im Altfranzösischen, Strafsburger Dissertation 1891. — 
Gr. = G. Gröber, Grundriis der romanischen Philologie I, Strafsbnrg 1888. 



ZUR FRANZÖSISCHEN SYNTAX. 323 

zeichnet deutlich die rückläufige Bewegung, in die die Forschung 
im Gegensatz zu dem einige Zeit mafsgehenden Resultat von Cron's 
Dissertation „Die Stellung des attrib. Adj. im Altfranz." (Strafsburg 
1891) heute glücklicherweise getreten ist." Herr Buck versäumt es, 
sich über die Art der vermeintlichen „rückläufigen Bewegung", ins- 
besondere über die Quellen seiner vorgeblichen Kenntnis von ihrem 
Vorhandensein eingehender zu äufsern. Aber selbst wenn die Zahl 
der neuerdings auf den Plan getretenen Anfechter des Gröber- 
Cronschen Stellungsprinzips gröfser sein sollte, als ich auf Grund 
(vielleicht unzulänglicher) Verfolgung der Publikationen darüber an- 
zunehmen geneigt bin, so erscheint es mir mehr als zweifelhaft, ob 
er darum schon berechtigt ist, von einer „rückläufigen Bewegung" 
in der Beurteilung dieser Frage zu sprechen, wozu doch nicht 
blofs ein quantitatives, sondern auch ein qualitatives Ueberwiegen 
der zu der Behandlungs- und Beurteilungsweise der „guten alten 
Zeit" (der Ausdruck ist nicht von Herrn B. gebraucht) zurück- 
lenkenden gegnerischen Stimmen nötig wäre, kurz, über deren 
Vorhandensein oder nicht Vorhandensein doch nur auf Grund eines 
reichlichen statistischen Materials entschieden werden könnte. Bis 
zu dessen Vorlegung kann ich für meine Person nur erklären, dafs 
ich weder etwas wahrgenommen habe, was sich berechtigtermafsen 
als „rückläufige Bewegung", die doch einen Gegensatz zu einem 
früheren Verhalten der Fach genossen gegenüber dem Gröber- Cron- 
schen Prinzip darstellen müfste, bezeichnen liefse, noch auch selbst 
jemals das Bedürfnis oder den Wunsch nach Ersatz jenes Prinzips 
durch ein neu aufzustellendes empfunden habe. 

Doch angenommen auch, es wäre Grund oder Berechtigung 
vorhanden, von rückläufiger Bewegung in der Frage der Stellung 
des adnominalen Adjektivs im Französischen zu sprechen, so kann 
ich doch nicht umhin, über das „glücklicherweise" mit dem H. B. 
es für gut befunden hat die Constatierung jener rückläufigen Be- 
wegung zu begleiten, ein gewisses Befremden zu äufsern. Und 
zwar stützt sich dasselbe nicht darauf, dafs ich persönlich, wovon 
ich lieber gar nicht reden will, eine solche Wandlung, wenn sie 
wirklich nachweisbar wäre, durchaus nicht als ein „Glück" ansehen 
würde — da H. B. nun einmal die Sache unter diesen neuen 
Gesichtspunkt des Glücks und Unglücks statt des für wissenschaft- 
liche Fragen doch wohl empfehlenswerteren alten der Richtigkeit 
und Unrichtigkeit zu bringen beliebt hat — sondern vielmehr 
darauf, dafs, wenn ich die Frage aufwerfe, inwieweit die bessere 
Einsicht in den Sachverhalt, über die H. B., wenigstens nach seinen 
Darlegungen zu urteilen, etwa verfügt, ein solches Werturteil über 
eine unter allen Umständen auf umsichtiger Prüfung und gründ- 
lichster Ueberlcgung beruhende (wenn auch von seiner eignen ab- 
weichende) Meinung rechtfertigt, die Antwort mir dahin lauten 
zu müssen scheint, dafs die geradezu spielende Art, mit der H. B. 
den Nachweis für die Unzulänglichkeit des alten, auf die psycho- 
logischen Grundlagen der Gedankenäufserung zurückgreifenden 



324 TH. KALEPKYy 

Prinzips erbringen und die von ihm vorgeblich wahrgenommene 
Tendenz nach Voranstellung des Adjektívs im modernen Französisch 
einfach auf eine ,,in der Entwickelung begriffene Umwälzung der 
französischen Betonungsverhältnisse" (!) zurückführen zu können, ja 
— angesichts des „glücklicherweise" — zu dürfen meint, auch 
durch den einschränkenden Zusatz (S. 446) keine hinreichende Ent- 
schuldigung findet, dafs er aus Raummangel darauf verzichten müsse, 
die Lösung seiner Aufgabe („Verhältnis von Wortstellung und Be- 
tonung") an jener Stelle ausführlich zu geben. Denn wenn H. B. 
sich dort „mit einigen grundlegenden Gesichtspunkten ^ und weg- 
leitenden Bemerkungen begnügen" wollte, so durfte er sich m. E. 
auch des wertenden „glücklicherweise" vor der Hand nicht be- 
dienen — wenigstens dann nicht, wenn er sich nicht dem Ver- 
dacht aussetzen wollte, dafs er an die so schwierige Frage der 
Adjektivstellung selbst mehr „aifektisch attribuierend" als „logisch 
distinguierend" herangetreten sei. 

Ist mir nun eine Auseinandersetzung mit den neuen Auf- 
stellungen H. B.'s, zu der ich um so mehr Lust hätte, als es schon 
jetzt meine Ueberzeugung ist, dafs wenn thatsächlich eine „Um- 
wälzung der französischen Betonungsverhältnisse in der Entwickelung 
begriffen ist", die zahlreichen Fälle der Voranstellung des Adjektivs 
dabei kaum, wie H. B. meint, als Wirkung sondern eher ids Ur- 
sache mitbeteiligt sind — durch seine Verweisung auf eine erst 
später von ihm zu gebende vollständige Veröfifentlichung seines 
Beweismaterials für jetzt abgeschnitten, so will ich doch den durch 
seine Aeufserungen gegebenen Anlafs zu einigen Bemerkungen teils 
erläuternden teils ergänzenden Inhalts über die beregte Frage nicht 
unbenutzt lassen. 

Die überaus kurzen und knappen Formeln, die der Herr 
Herausgeber in seinem Grundrifs S. 2 14 ff. zur Veranschaulichung 
seines Satzes von der Bedeutung der psychologischen Radix syur 
taktischer Erscheinungen darbietet, verhalten sich — das scheint 
mir ein nahe liegender Vergleich — zu dem komplizierten, schwer- 
fälligen, das Gedächtnis belastenden Regelwerk der landläufigen 
Grammatiken wie Hauptschlüssel, deren einer sämtliche Schlösser 
eines Gebäudes zu öffnen vermag, zu umfangreichen, gewichtigen» 
für jedes Schlofs einen besonderen Schlüssel bietenden Schlüssel- 
bunden, die ihrem Besitzer nicht nur durch Umfang und Gewicht, 
sondern vor allem dadurch lästig werden, dafs sie ihn zu mühe- 
vollem Heraussuchen des jedes Mal passenden Schlüssels nötigen. 
Wie nun aber ein guter Hauptschlüssel nicht nur zu seiner Her- 
stellung viel Kunst und Sorgsamkeit erfordert, da eine geringfügige 
Ungenauigkeit, ein kleiner Vorsprung, eine unrichtige Biegung sich 



^) Kann ein Gesichtspunkt einen Grand legen? Findet überhaupt ein 
Gesichtspunkt bei einer Grundlegung irgend wel(£e Verwendung, hat er mit 
(Grundlegung etwas zu thun? — Was heilst also „grundlegender Gesichti- 
punkt"?? 



ZUR FRANZÖSISCHEN SYNTAX. 



325 



I 



I 



sofort störend bemerkbar machen würde, sondern zugleich wegen 
des Fehlens der sogenannten Führung, eine vorsichtige, geschickte 
Handhabung verlangt, so wird man auch von dem Benutzer jener 
kunstvollst und sorgsamst aufgestellten Formeln erwarten dürfen, 
dafs er es seinerseits an dem rechten Bemühen, ihren Sion in alleo 
Teilen richtig und genau zu erfassen, und bei ihrer Anwendung 
nach diesem Sinne behutsam zu verfahren, nicht fehlen lasse. 
Dieser Erwartung nun scheinen mir diejenigen, die, wie z. B. Herr 
Buck meinen, dafs die von dem Herrn Herausgeber und nach ihm 
von Herrn Cron aufgestellte Behauptung, Voran Stellung des Adjektivs 
bekunde affektische Attribuierang, nicht überall zuträfe, insofern 
nicht gerecht tu werden, als sie in der Deutung and Verwendung 
des Wortes „affektisch" nicht die erforderliche Vorsicht und Be- 
dachtsamkeit beweisen. Wenn ich ihre gelegentlich erhobenen Ein- 
wände recht verstehe, gehen sie von der Meinung aus, dafs jemand 
der im Affekt oder mit Empfindung spricht, wenn anders das 
Gröber-Cronsche Prinzip richtig sei, Adjektiva nur in Voranstellung 
gebrauchen dürfe. Wenigstens erkläre ich mir so die Mühe, die 
sie auf Bossuet's bekanntes O nuit dé¡aslreuscl 6 nuit iffroyabltl 
verwenden — als ob eine auf Hervorbringung möglichst grofser 
affektischer Wirkung abzielende Kanzel- oder Leichenrede, was 
einem so gewiegten Redner wie Bossuet am wenigsten verborgen 
sein konnte, jene Wirkung nicht um so sicherer erreichte, je mehr 
dabei seitens des Sprechenden der Schein der Ruhe, der Selbst- 
beherrschung inmitten des allgemeinen Schmerzes gewahrt wird, 
als ob nicht gerade öftere Exklamationen von der Art eines O dé' 
saslreuse nuit, S effroyable nuit in einer Leichenrede das sicherste 
Mittel wären, einmal durch ihre ermüdende, abstumpfende Ein- 
förmigkeit, sodann besonders durch Erzeugung des Gefühls bei 
den Zuhörern, der Redner lege es darauf an, sie zu rühren, zu 
erschütiem, die Wirkung der Rede gleich Null werden zu lassen. 
Wer wüfste nicht, dafs das erste Erfordernis für die durch- 
schlagende Wirkung eines guten „Witzes" darin besteht, dafs der 
ihn zum besten Gebende auch nicht durch eine Miene verrät, dafs 
er selber von der Trefflichkeit und Wirksamkeit desselben durch- 
drungen ist; und so läfst sich auch für eine Rede, die auf Er- 
schütterung der Hörer abzielt, das entsprechende Gesetz aufstellen, 
dafs dieser Zweck um so vollkommener erreicht wird, je ruhiger, 
unerregter der Redner seinen Hörern gegenüberzulreten weifs, 
oder je mehr er wenigstens den Schein einer solchen Haltung zu 
wahren versteht.' Andrerseits sehe ich eine ungerechtfertigte oder 
mifsveisländliche Deutung des Wortes „affektísch" in unserer Formel 
auch darin, wenn man bei Voranstellung eines Adjektivs das Vor- 
liegen affeklischer Attribuierung darum nicht anerkennen will, weil 



Ein weitere« für die Eiklàniog der Nachatellaog der AdjeküvE di- 
se nnd effroyable ia Betrachl zu ziehendes Moment wird an einer 
1 SleUe dieser Abhandlung zur Sprache gebracht werden. 



326 TH. KALEPKY, 

sich weder in der Situation noch in dem Gegenstände der Rede 
etwas nachweisen lasse» was die Annahme affektischen Seelen- 
zustandes beim Sprechenden rechtfertige. Denn, um es noch ein- 
mal zu sagen, nicht darauf kommt es an, in welchem Seelen- 
zustande an und für sich der Redende während der Zeit seiner 
Rede sich befindet, sondern vielmehr nur darauf, wie er der be- 
stimmten Vorstellungsverbindung, die er im einzelnen Falle mittels 
Adjektivs und Substantivs ausdrückt, in dem Moment ihrer Apper- 
ception gegenübersteht, ob er, etwa wie der Botaniker bei der Be- 
stimmung einer Pflanze, nach feststehendem Schema erst die Frage 
stellt, welcher Gattung das Seiende angehöre, sodann welcher Art 
innerhalb dieser Gattung es zuzuweisen sei — nach Gröber-Cron- 
scher Bezeichnung „logisch-distinguierend" — oder ob ihm da 
plötzlich, fast a tempo, zweierlei Bestandteile in dem vor seinem 
Geiste aufgetauchten Vorstellungsganzen entgegentreten, ein ad- 
jektivischer und ein substantivischer, von denen nun gerade der 
adjektivische es ist, der den gröfsten Eindruck auf ihn macht, sein 
Interesse, seine Teilnahme fesselt, vielleicht allerhand Empfindungen, 
wie Wohlgefallen, Billigung, Anerkennung, Bewunderung oder Mifs- 
fallen, Mifsbilligung, Geringschätzung, Verachtung u. s. w erregt, der 
überhaupt innerhalb des von seinem leiblichen oder geistigen Auge 
angeschauten Zusammengesetzten das für ihn im Vordergründe 
stehende, das für ihn hervorstechende, oder wesentliche, hauptsäch- 
liche, kardinale, das die Vorstellung beherrschende Element, sagen 
wir also „die Vorstellungsdominante" ^ bildet. Wenn man „affektisch 
attribuierend" in diesem etwas erweiterten Sinne fafst, wozu der 
Gegensatz zu „logisch dislinguierend" nicht weniger als die ge- 
samten Gr. 2 14 f. gemachten Ausführungen über den Unterschied 
affektischer und verstandesmäfsiger Rede berechtigen, dann wird 
man schwerlich in irgend einem Falle auf ernstliche Schwierigkeit 
bei dem Versuche stofsen, die Voranstellung eines Adjektivs aus 
dem Gröber-Cronschen Prinzip zu erklären; ja es wird auch ge- 
wisser spezialisierender Sonderaufstellungen, die immerhin eine 
Durchbrechung jenes Prinzips bedeuten, nicht mehr bedürfen, wie 
z. B. derjenigen (s. Cron Diss. 18 f. u. This, Ztschr. f. frz. Spr. u. Lit 
XVI, 112 ff.), dafs „bei aus dem Satzzusammenhang erhellendem 
besonderen Nebensinn des Substantivs das seinen Sinn behaltende 



^ Mit dieser „Vorslellungs-" oder, wie man ebensogut sagen könnte, 
„Apperceptionsdominante" ist kcincnfalls zu verwechseln die „Mitteilnngs- 
oder rhetorische Dominante", wenn darunter der unterscheidende, gegensätzliche 
Teil der Rede verstanden wird, derjenige, den der Sprechende der Auf- 
merksamkeit des Hörers besonders eindringlich empfiehlt. Dieser Teil der 
Rede erhält einmal den logischen (Cron, Dissert. 86) oder expiratorischen 
(Gr. 591) Accent (Tonstärke), während die Vorstellungsdominante durch den 
chromatischen Accent (Tonhöhe) gekennzeichnet wird, sodann ist für ihn die 
Frage der Voran- oder Nachstellung des Adjektivs belanglos, da man z.B. 
langue française ebensowohl in Gegenüberstellung zu langue anglaise wie 
zu littérature française oder grande maison gegenüber petite maison 
wie gegenüber grand jardin sagt. 



ZCR PRANZÖStSCHEN SYNTAX. 



327 



I 

I 
I 



Adjektiv seine Stelle wechseln mufs", z. B. âge moyen mittleres 
Lebensalter, mO}'m{-) âge Mittelalter u. s. w. Doch darüber später. 
Vor der Hand scheint eine auf Wissenschaftlichkeit Anspruch 
erhebende Erörterung der Stellung von Adjektiv und Substantiv zu 
einander der Beantwortung einer anderen Frage nicht länger aus 
dem Wege gehen zu dürfen, nämlich der Frage nach dem Unter- 
schiede zwischen diesen beiden nominalen VVortgruppen. Es sei 
dabei zunächst an den, Bd. XX, 282 f. dieser Zeitachr. erbrachten 
Nachweis erinnert, dafs die weitverbreitete Meinung, Adjektivs 
bezeichneten Eigenschaften, Substantiva dagegen Dinge, irrig ist; 
dafs vieiraehr Eigenschaften immer nut durch Substantiva benannt 
werden können, dafs die sogenannten Adjektiva hingegen, im 
Franiösischen , stets Träger von Eigenschaften bezeichnen, z. B. 
aviditi: Gierigkeit (Gier) miide: mit Gier Behafteter, Träger dieser 
EigenschafL Damit sind wir jedoch der Beantwortung der Etage 
nach dem Unterschiede zwischen Adjektiven und Substantiven noch 
um keinen Schritt näher gerückt, und nicht gerade ermutigend für 
die Lösung dieser Aufgabe klingt das, was Herr A. Toblet darüber 
an der Spitze seiner bekannten Abhandlung „Adjektiv in Subsiantiv- 
funktion-* (Vetm. Beitr. II, i6of,) sagt, nämlich: „Es stellt sich als 
völlig unausführbar dar, eine Scheidung zwischen Substantiven imd 
Adjektiven als zwischen zwei Wortarten zu vollziehen, einzig noch 
möglich von zweierlei Funktion innerhalb der Rede zu sprechen: 
giebt es Wörtfir, die wit uns schwer anders als in substantivischer 
Funktion vorkommend denken köonen und demgemäfs als wirkliche, 
eigentliche Substantiva zu bezeichnen geneigt sein werden — obschon 
auch bei diesen eine Verwendung in der sogenannten Apposition 
eine gewisse Schwierigkeit bereitet — so finden sich unter den zu- 
nächst zu adjektivischer Funktion bestimmt scheinenden Wörtern 
kaum welche, die rucht auch in der einen oder der anderen Weise 
substantivischer Verwendung 1 lahig wetden konnten." Schon bei 
anderer Gelegenheit (XX, 282, Anro, 3 dieser Zlschr.) habe ich mir 
erlaubt darauf hinzuweisen, dafs das Fjidergebnis dieser Darlegung 
lediglich negativ ist: Ein Unterschied zwischen beiden als zwischen 
zwei Wortarten wird von vornherein in Abrede gestellt, die sodann 
als einzig bezeichnete Möglichkeit von einem Funktionsunterschiede 
zu sprechen wird — mit Recht — durch den Zwischensatz „ob- 
schon u. s. w." aufgehoben. Woraus dann nur die eine Schlufs- 
folgerung zu ziehen möglich: Ein Unterschied zwischen Adjektiv 
und Substantiv existiert nicht, oder ist wenigstens nicht feststellbar." 
— Dieser Meinung vermag ich mich nicht völlig anzuschliefsen. 
Wenn Adjektiva und Substantiva auch übereinstimmende Funktion 
haben und nur eine Wortart bilden, so läfst sich doch innerhalb der- 
selben eine Scheidung vornehmen nämlich auf Grund der Frage nach 
der Vollständigkeit oder Un Vollständigkeit der Kennzeichnung, die 



328 TH. KALEPKY, 

mittels dieser Wörter von den durch sie bezeichneten Seienden ge- 
geben wird. Und zwar kann man sagen: Das Adjektiv berück- 
sichtigt immer nur eine Seite des zu bezeichnenden Seienden, es 
beruht auf partieller Subsumption desselben , das Substantiv be- 
rücksichtigt das Seiende in seiner Ganzheit , die ihm zu Grunde 
liegende Subsumption ist eine totale — wenigstens subjektiv. Das 
heilst: Der sich eines Adjektivs Bedienende ist sich dessen bewufst, 
dafs er nur einen Teil dessen, was ihm zur Kennzeichnung vor- 
liegt, ausdrückt, dafs er andere, ja keineswegs unwichtige Teile 
desselben aus dem Spiele läfst, er weifs, dafs seine Bezeichnung 
eine unvollständige, unzulängliche unselbständige, und darum 
nur in engstem Anschluis an eine andere („substantivische'*), sei es 
schon vorher genannte und dem Geiste noch vorschwebende, oder 
unmittelbar darauf zu nennende, zulässig ist. Der sich eines sogen. 
Substantivs Bedienende hingegen charakterisiert das Seiende in seiner 
Ganzheit, giebt von ihm ein in sich abgerundetes Bild, eine selb- 
ständige, geschlossene Vorstellung, reiht es einer der wohl- 
bekannten Gruppen von Seienden ein, die man mit dem Worte 
Gattungen (Stoffe) zu bezeichnen pflegt. ^ Seinen greifbarsten Aus- 
druck findet dieser Unterschied darin, dafs jedes echte ursprüng- 
liche Substantiv nur ein Geschlecht, wenigstens in einer Be- 
deutung nur eines hat, das Adjektiv deren zwei — oder, um 
andere Sprachen als das Französische mit einzubegreifen — deren 
so viele hat, als es bei den Substantiven „Geschlechter** giebt 
Das hat eben seinen Grund darin, dafs die Merkmale einer Sub- 
stantivvorstellung für die Geschlechtsbestimmung immer ausreichen, 
die Unzulänglichkeit, Unvollständigkeit der adjektivischen jedoch 
zur Bereitstellung zweier oder — in manchen Sprachen — dreier, 
die verschiedenen Geschlechter der möglichen Träger der betr. 
Eigenschaft berücksichtigenden Vorstellungs- und Wortformen zwingt 
Als leicht anwendbares Mittel zur Unterscheidung von Adjektiven 
und Substantiven läfst sich nach dem Vorstehenden dieses an die 



* In der „Bekannlheit" dieser Galtungen (Stoffe) ist auch der Grund 
dafür zu suchen, dafs der sogenannte Teilartikel vor Substantiven immer den 
bestimmten Artikel (vgl. Gr. 216: „der Redende weist mit dem bestimmten 
Artikel lediglich auf Gekanntes hin.") enthält: c^ soni das soldats (c^est du pain) 
= von den (dem) — ja jedem bekannten — Soldaten (Brote). Auch vor einem 
dem Substantiv vorangestellten Adjektiv fand sich (schon früher) de mit dem 
bestimmten Artikel dann, wenn beide zusammen einen einheitlichen, und darum 
auch allgemein bekannten , schon vorrätigen Begriff bezeichneten : des jeunes 
gens, du bon sens. Seit dem 31. Juli 1900 ist bekanntlich durch Veriugung 
des französischen Unterrichts-Ministers die Verwendung des bestimmten Artikels 
beim „Teilartikel" auf alle Verbindungen von Adjektiven und Substantiven 
ausgedehnt, was als Zeichen dafür gelten kann, dafs im Laufe der Zeiten eine 
Bereicherung des sprachlichen Begriffsinventars stattgefunden hat in dem Sinne, 
dafs alle durch Adj. und Subst. ausgedrückten Spielarten der Gattimgsbegriffe, 
von denen die meisten früher erst im Augenblick der Nennung denkend her- 
gestellt, vollzogen werden mufsten, nunmehr als sämtlichen Sprachangehörigen 
bekannt, geläufig gelten: des beaux soldats) früher nur, oder doch meistens 
nur: de beaux soldats. 



ZÜB FRANZflSlSCHBN SYNTAX. 



329 



Hand geben, dafs ein Adjektiv immer da ala vorliegend anzusehen 
ist, wo der Sprechende zur Geschlechtsbestimraung eines ausdrück- 1 
lieb beigefügten oder aus dem Zusammenhange der Rede zu 
entnehmenden Substantivs bedarf, ein Substantiv hingegen, wo das 
betr. Wort durch sich allein schon die geschlechtlich bestimmte 
Vorstellung eines Seienden erweckt. 

Nun hat die Sprache aus einem praktischen Bedürfnisse heraus 
die überaus zweckmäfsige Einrichtung geschaffen, dafs — einmal — 
jedes sogenannte Adjektiv seinen Begriffsinhalt durch Hinzunahme 
der MerÈmale des Begriffs eines ihm nahestehenden oder sagen wir: 
mit ihm oft verbunden auftretenden Substantivs so weit bereichern 
kann (linter entsprechender Verengung seines Begriffsumfangs), dafs 
die durch es {das Adjektiv) nunmehr erweckte Vorstellung nicht 
blofs die eines männlichen oder weiblichen Trägers dei betr. Eigen- 
schaft ist, sondern vielmehr diejenige jener Substantiworslellung 
als des Trägers dieser Eigenschaft (vgl. droile in ¡a ligne droilt, und 
in la dfoitt allein). Und andrerseits, dafs auch jeder Substantiv- 
begriff durch Ausscheidung aller nicht unbedingt wesentlichen Merk- 
male seinen Begriffsinhalt so weit verringeni (und damit seinen 
BegrifTsumfang erweitern) kann, dafs er seine geschlechtliche Be- 
stimmtheit zugleich mit der Zugehörigkeit zu einer Gattung, ver- 
möge deren er vorher eine selbständige Vorstellung war, verliert 
und sich nunmehr als unselbständige, als Teil Vorstellung einer 
anderen (substantivischen) anschliefst, (vgl. z. B. aulcur allein und 
in der Verbindung femme aultiir) — kurz die Einrichtung, deren 
einen Teil man längst als Substantivierung des Adjektivs zu bezeichnen 
gewohnt ist, und deren anderen man ohne weiteres mit dem Aus- 
druck „Adjektivierung von Substantiven" wird bezeichnen dürfen. 

Was ist nun nach dem im Vorstehenden festgestellten Ver- 
hältnis zwischen Adjektiv- und Substantivbegriffen für die Frage 
der Stellung von Adjektiven und Substantiven zu einander zu er- 
warten? Mir scheint einmal dieses, dafs überall, wo sich dem Geiste 
des Sprechenden in einem Vorstellungskomplexe ein Substanti v- 
und ein Adjektivbegriff vereinigt darbieten, der Substantivbegriff ver- 
möge seines reicheren Inhalts und seiner geschlechtlichen Bestimmt- 
heit sich als der dominierende und darum — wenigstens in einer 
Sprache, die solche Voranstellung des Substantivs kennt — bei 
der Benennung die erste Stelle einnehmende immer dann erweisen 
wird, wenn die Betrachlnngs- und Darstellungsweise des Sprechenden 
eine rein sachliche, objektive, nüchterne, überlegende, verstandes- 
iBäfsige, oder, wie der Herr Herausgeber dies. Ztschr. in seiner kurzen 
Formel es ausdriickt, eine „logisch disti nguierende" ist. Andrerseits 
dieses, dafs die Adjektiv Vorstellung beim Zusammenschlnfs mit einer 
substantivischen, also einer ibr an Inhalt und Bestimmtheit über- 
legenen, sich aus ihrem natürlichen Rangverhältnis der Unter- 
ordnung, der Gefolgschaft, der Hörigkeit zu der Stellung einer 
Dominante nicht anders wird emporheben können als dadurch, 
dafs sie die dem Bewufstsein sich in erster Linie aufdrängende, das- 



330 TH. KALEPKY, 

selbe vor andern erfüllende wird, also nur unter der Einwirkung 
irgend eines Impulses, eines aufserhalb des rein begrifilichen Denkens 
liegenden Antriebes, d. h. bei einem psychischen Akte, wie ihn 
der Herr Herausgeber meines Erachtens in aller Kürze sehr hübsch 
und anschaulich mit dem Worte „afFektische Attribuierung** kenn- 
zeichnet, worin man „aifektisch", entsprechend der oben (S. 326) 
vorgenommenen Erweiterung seines Sinnes, bei ausführlicherer Er- 
örterung etwa mit „gefühl- oder teilnahmvoll, innerlich interessiert, 
lebhaft, auf subjektiver Erfassung des betr. Vorstellungselements 
beruhend" wird erläutern und umschreiben dürfen. Dafs, wie 
statistisch längst festgestellt, am allermeisten die Adjektiva òoHt 
mauvais, méchafit, grand, vaste, haut, long, gros, petit, court, àeau, 
joli, vilain, sot, jeune, vieux und ähnliche von dieser subjektiv im- 
pulsiven oder affektischen Attribuierung betroffen werden, das ist, 
abgesehen von der Indiskutabilität der durch si^ bezeichneten 
Werte (vgl. Gr. 124) z. T. auch darauf zurückzuführen, dafs die 
all diesen Adjektiven zu Grunde liegenden Eigenschaften, die aUer- 
elementarsten, primitivsten, die eigentlich „kindlichen" Eigenschaften 
sind, ich meine solche, welche der Mensch auf der frühesten Stufe 
seiner geistigen Entwickelung kennen und gebrauchen lernt, also 
zu einer Zeit, in der er, rein sachlicher, objektiver, verstandes- 
mäfsiger Betrachtung der Dinge noch unfähig, die ihn umgebende 
Welt nur nach ihrer Einwirkung auf sein Empfìnden, nach dem 
Anteil, den sein Gefühlsleben an ihr nimmt, berücksichtigt und 
beurteilt, in der ihm — um von „schön" und „häfslich ganz zu 
schweigen — „grofs" noch gleichbedeutend mit „imposant", „re- 
spektabel", „respekteinflöfsend"; „klein" mit „niedlich", „freundliche 
Teilnahme, Wohlwollen erregend" (vgl. das engl, little im G^en- 
satz zu small) ist, was sich in deutlichster Weise in der chroma- 
tischen Tonverschiedenheit bekundet, mit der er diese Wörter 
ausspricht, nämlich „grofs" mit einer um eine, manchmal wohl gar 
um zwei Oktaven tieferen Stimme als „klein" u. s. w. Wenn man 
nun berücksichtigt, dafs im Verkehr mit Kindern auch die Er- 
wachsenen wieder zu Kindern werden, dafs also kindliche Auf- 
fassungsweise den Erwachsenen nicht nur aus der eigenen Kinderzeit 
anhaftet, sondern bei ihnen auch später durch die Kinder immer 
wieder Nahrung empfängt, so wird man die Voranstellung der ge- 
nannten Adjektiva ein für alle Mal auf „affektische Attribuierung^ 
auch dann zurückzuführen berechtigt sein, wenn nachweislich oft 
genug, z. B. in Sätzen wie : // habite une grande maison — Il y a 
un grand jardin derrière la maison u. s. w. der Sprechende ebenso- 
wenig wie der Hörer auch nur die leiseste Spur eines Affekts in 
sich wahrzunehmen vermag. Sie folgen dann eben einer sprach- 
lichen Gewohnheit, deren letzte Wurzeln in der Einwirkung affek- 
tischer Auffassung auf die Ausdrucksweise liegen, deren psycho- 
logische Radix „affektische Attribuierung" ist und bleibt 

Aber noch ein zweites scheint sich mir aus der vorangeschickten 
Darlegung des Unterschiedes zwischen Substantiv und Adjektiv zu 



ZUR FRANZÖSISCHEN SYNTAX. 33 1 

ergeben. Die Frage nämlich, ob es denn auch gerechtfertigt ist, 
— da doch beide Wortgruppen sich nicht in ihrem Wesen, sondern 
nur quantitativ oder graduell von einander unterscheiden, — bei 
der Erörterung ihrer Stellung zu einander ausschliefslich vom Adjektiv 
auszugehen. Wird denn das Substantiv von der Stellungsverschieden- 
heit innerlich gar nicht berührt, macht es für seine Geltung gar 
nichts aus, ob es vor oder hinter dem Adjektiv steht? Läfst sich 
vom Substantiv aus nicht vielleicht auch eine, vielleicht gar eine 
noch bessere Lösung des Problems der Stellung von Adjektiv und 
Substantiv zu einander geben? Oder, eine dritte Möglichkeit, 
könnten nicht beide gleichzeitig und gleichmäfsig an der Sache 
beteiligt sein, so nämlich, dafs ein bestimmtes Verhältnis des einen 
Begriffs zum anderen durch die eine, und ein bestimmtes anderes 
Verhältnis beider, durch die andere Stellung ausgedruckt würde? 
Man wird schon jetzt diesen Fragen eine gewisse Berechtigung 
nicht absprechen wollen. Und man wird noch weniger dazu ge- 
neigt sein, wenn man erfährt, dafs, und von wem bereits eine In- 
angriffnahme des Problems von dieser Seite her vorliegt. Kein 
Geringerer nämlich als Herr A. Tobler hat schon vor mehr als î 
30 Jahren in der Zeitschrift für Völkerpsych. u. Sprachwissenschaft 
VI, 167 ff. folgende in Bezug auf Klarheit und Anschaulichkeit 
geradezu meisterhafte Darstellung des Einflusses gegeben, den die 
Stellung von Substantiv und Adjektiv zu einander auf ihre begriff- 
liche Geltung ausübt: „Zwei Vorstellungen, sagt er, die eines Gegen- 
standes und die einer Eigenschaft treten im Falle der Voranstellung 
wie in dem der Nachstellung in Verbindung unter sich. Tritt die 
Vorstellung der Eigenschaft zuerst ins Bewufstsein, so wird ihr mehr 
Freiheit, eine geringere Bestimmtheit ihrer Elemente zukommen als 
im umgekehrten Falle, kein Element ist ausgeschlossen, keines tritt 
in den Vordergrund; mit ihrem Eintreten erwacht aber zugleich 
der Drang nach der Vorstellung des Gegenstandes, mit der sie __ 
sich verbinde, da sie an sich einen befriedigenden Inhalt nicht 
bietet; diese zweite Vorstellung nun nimmt unter ihre Bestandteile 
jene bereits ins Bewuftsein getretenen mit auf und zwar in innigster 
Einverleibung und erfahrt dadurch vielfach wesentliche Modifikationen, 
indem ihre Elemente den bereits ins Bewufstsein getretenen sich 
anbequemen müssen. Unverträgliches, das sich darunter befinden 
sollte, ausgeschlossen, alles gleichsam in dem Lichte angeschaut 
wird, das von der ersten Vorstellung ausstrahlt. Wenn gesagt wird 
un méchant vaisseau y so tritt zuerst die sehr wenig bestimmte Vor- 
stellung des Untauglichen, Nichtsnutzigen, Mangelhaftigen ins Be- 
wufstsein, und die nachfolgende Vorstellung des Schiffs wird nun 
jedenfalls von den Elementen, die sie sonst umfafst, einige auf- 
geben, das Schiff wird nun das rasch und sicher tragende, das 
saubere, das schlanke, leichte nicht mehr sein." Es folgt die Er- 
wähnung der Fälle mit prétendu und soi-disant. Dann heifst es 
weiter (S. 168): „Ist die Vorstellung vom Gegenstande zuerst ¡m 
Bewufstsein, so fallt einmal jenes Drängen nach der zweiten meistens 



332 TH. KALEPKY, 

weg, da die erste eher ein befriedigender Inhalt ist; diese ent- 
faltet die ganze Fülle ihrer Elemente ungehemmt , und tritt nun 
die zweite hinzu, so gesellt sich zu dem bereits Vorhandenen 
etwas Neues, doch nichts, was nicht in mehr äufserlicher Weise 
die erste Vorstellung bestimmte, nichts, was das eigentliche Wesen 
derselben umgestaltend ergriffe; des vers méchants sind etwas, dem 
niemand den Namen vers streitig machen kann, während de mi^ 
chaiits vers etwas sind, was man vers gar nicht nennen sollte. Um- 
gekehrt werden im Falle der Nachstellung des Adjektivs von den 
Elementen der Eigenschaftsvorstellung einige in den Hintergrund 
treten und nur diejenigen übrig bleiben, welche sich mit denen 
der Gegenstandsvorstellung vertragen. Der méchant musicien ist 
möglicherweise ein guter Mensch aber ein schlechter, d. h. kaum 
ein Musikant; des musicien méchant Recht auf den Namen eines 
Musikanten kann ich nicht anfechten, wenn ich selbst ihn ohne 
Einschränkung so nenne; ich werde also méchant jetzt anders 
nehmen, es ist nicht mehr „das, was billigen Anforderungen nicht 
entspricht", sondern enger „das, was gewissen besonderen An- 
forderungen nicht entspricht, die noch übrig bleiben, nachdem 
den an den Musikanten gestellten genügt ist", z. B. denen nicht, 
welchen der Vater oder Mensch im Verkehr oder der Christ nach- 
kommen soll, also vielleicht „hart" oder „boshaft" oder „böse"." — 
Ich habe diese Darlegung unverkürzt hierhersetzen zu sollen ge- 
glaubt, einmal weil sie wenigen bekannt und auch nicht vielen 
leicht zugänglich sein dürfte, sodann, weil sie eine durch An- 
schaulichkeit ausgezeichnete Erläuterung des für unseren Gegenstand 
wichtigen Satzes ist, dafs wenn ein Seiendes durch ein Substantiv 
und ein Adjektiv, ganz gleich in welcher Reihenfolge, bezeichnet 
wird , die Bedeutung des zweiten Wortes immer unter dem Einflufse 
derjenigen des ersten steht, ein Umstand, der sich natürlich für 
den bestimmungs- und merkmalsreicheren Substantivbegriff empfind- 
licher fühlbar machen mufs, als für den merkmalsärmeren und 
darum anpassungsfähigeren Adjektivbegriff. Zwar kann Herr Cron 
(vgl. Diss. S. 9) bei aller Berechtigung, die er der citierten Dar- 
legung für die ihr beigegebenen Beispiele zugesteht, das Bedenken 
nicht unterdrücken, dafs diese Beispiele „einartig und spezifisch" 
seien, worauf er seinen Zweifeln in der Frage Ausdruck giebt: „Wie 
könnten Verbindungen wie: un jeune homme y une vaste prairie ^ une 
haute maison u. s. w. auch nur teilweise Aufhebung oder sonstige 
Veränderung am Substantivbegriff zum Zwecke haben, so dafs ein 
anderer Name dafür das eigentlich Gedachte erst richtig darstellen 
würde?" Darauf ist zu erwidern, dafs die Angebrachtheit einer 
Namensänderung von Herrn A. Tobler auch nur für das Adjektiv 
méchant (bei dessen Voranstellung) in Erwägung gezogen worden 
ist, und dafs, was die „teilweise Aufhebung oder sonstige Ver- 
änderung am Substantivbegriff' anlangt, eine solche zweifellos in 
den von Herrn Cron objicierten Verbindungen erweisbar ist Man 
vergleiche z. B. jeune homme mit homme jeune. Ist die durch das 



ZUR FRANZÖSISCHEN SYNTAX. 



333 



erstere erweckte Vorstellung nicht erheblich verschieden von der 
des letzteren? Entbehrt der BegrÜT homme in jeune homme nicht 
durchaus der Merkmale der (körperlichen und geistigen) Aus* 
gewachsen hei t , Keife, einer gewissen Massigkeit, Breite, Knochen- 
festigkeit {um vom Barte zu schweigen) eiuärseits, und des ruhigen 
Ernstes, der Gesetztheit, Ausgeprägtheit der Gesichtszüge andrer- 
seits, die wir unter dem Begriffe komme mitzudenken gewohnt sind? 
Ist es wohl ein Zufall, dafs die deutsche und englische Sprache 
neben „junger Mann (Mensch)" „young man" noch die besonderen ' 
Wörter „Jüngling" „youíA" für das im Französischen ausschliefslich ' 
durch „jeune homme" Bezeichnete geschaffen haben? Ist diese 
ZwieTachheit der Benennung im Deutschen und Englischen nicht 
vielmehr ein gewisses Anzeichen für die Empfmdung, dafs in der 
That „ein anderer Name dafür das eigentlich Gedachte erst richtig 
darstellen würde"? Und nun homme jeune! — *Un< nuii, cependant, 
dans un rive prospire. Un homme jeune, avec un sourire d'ami. Se 
pencha lendremeni sur mon front endormi. M'embrassa, prit ma main, 
et dit: Je suis Ion pire» so heifst es zu Beginn der dritten Strophe 
in einem von E. Legouvé seinem allzufrüh verstorbenen Vater ge- 
widmeten (in den Soixante ans de souvenirs abgedruckten) Gedichte. 
Nicht die mit Unrecht so beliebte „dichterische Licenz" oder „un- 
gewöhnliche poetische Wortstellung" ist hier im Spiele, sondern 
UH homme jeune ist die einzig angemessene, ja die einzig mögliche 
Wiedergabe dessen, was hier dem Dichter vorschwebt Als „Maim" 
zeigt das Traumbild ihm seinen Vater, mit allen in diesem Begriffe 
liegenden Merkmalen, und, weit davon entfernt, ihm eines derselben 
zu rauben, fügt hier vielmehr a-ää jeune nur noch ein in dem Schema- 
tismus des Begriffs homme nicht vorgesehenes, hinzu, nämlich dies, 
dafs der Geschaute unterhalb der als Mitte des Menschenlebens 
bezeichneten Altersgrenze steht. 

Icli sehe daher in der vorhin ausfülirlich vorgeführten Aus- 
einandersetzung Herrn A. Toblers eine vollkommen zutreffende 
Kennzeichnung des Sachverhalts — freilich eine zu ausschliefshch 
auf den Hörer Bedacht nehmende.' Denn für den Hörer „treten" 
in der Thal „im Falle der Voranstellung wie in dem der Nach- 
stellung zwei Vorstellungen in Verbindung unter sich u. s. w," 
Anders jedoch für den Sprechenden. Der fügt nicht zu einer 
Subslanlivvorsteüung eine adjektivische u. s, w., vielmehr sieht er 
vor seinem geistigen Auge ein mit einer ganzen Reihe von Merk- 
malen behaftetes Ding, Sache, Person, sagen wir mit dem abstrak- 
testen Ausdruck; ein „Seiendes", von dem er seinem Hörer eine 
Vorstellung übermitteln möchte. Da ¡st nun, wenigstens innerhalb 
der französischen Sprachgemeinschaft, zweierlei möglich. Entweder: 

' Uebrigens behaupUt (vgl. S. 169) Herr A. T. selbst nicht, in seinen 
AusLuhruDgea , die et gelegentlich einer Besprecliuug der franiöaischea Gram- 
matiken von Schmitz und Holder machi, alles füi die Stellung von Substaniiv 
und Adjektiv m einander in Betracht Kommende gesagt, den Gegenstand et- 
fchëpft zu haben. 



334 TH« KALEPKY, 

er geht mit der bewufsten Absicht, jenem ein möglichst genaues, 
adäquates, geordnetes Begriifsbild zu geben, ans Werk, prüft und 
sichtet und gruppiert die vorgefundenen Merkmale in der Weise, 
dafs er erstens eine Anzahl derselben zu einem Gattungsbegriff 
zusammenfafst, unter den er das Seiende subsumiert, sodann von 
den übrigbleibenden das oder die markantesten, ihm für seinen 
Mitteilungszweck am wichtigsten erscheinenden auswählt und auf 
es (oder sie) sei es einen oder mehrere Artbegriffe, die sich jenem 
Gattungsbegriff (unter sich koordiniert) unterordnen, gründet, sei 
es (vorausgesetzt wieder, dafs es mehrere sind) sie (subordinierend) 
unter einen Artbegriif, dann Unterartbegriff, Unterunterartbegriff 
u. s. w. fafst. Diese Begriffe zählt er in der gefundenen Reihen- 
folge seinem Hörer her, in der auf stillschweigende Uebereinkunft 
gegründeten, die Voraussetzung, gleichsam die metaphysische Grund- 
lage aller sprachlichen Mitteilung bildenden Annahme, dafs dieser 
die ihm genannten Begriffe als einem Seienden inhärierend auf- 
fassen und aus ihnen — jener Reihenfolge entsprechend — sich 
eine Gesamtvorstellung konstruieren werde, die ein zwar abstraktes, 
schemenhaftes, aber doch begrifflich genaues Abbild seiner (des 
Sprechenden) konkreten, anschaulichen sei. Ein solches Verfahren 
seitens des Sprechenden, bei dem dieser sich seinem Gegen- 
stande gegenüber gleichsam souverän, aktiv, willens- und wahlfrei 
verhält, ist dasjenige, welches der Herr Herausgeber dieser Ztschr. 
in seiner Formel „logisch distinguierend" nennt. Doch nicht immer 
darf der Sprechende sich eines solchen rühmen. Der Mensch 
ist nicht von hause aus, nicht in erster Linie ein begrifflich, 
logisch geschulter Denker, Forscher, Erkenner, Sachdarsteller; er 
ist impressionabel , Eindrücken nachgebend, er beherrscht nicht 
immer seine Vorstellungen, wird vielmehr oft genug von diesen 
beherrscht. Da sinkt er denn gegenüber dem, was seinem Geiste 
vorschwebt, oft zu einer mehr oder weniger passiven Rolle, zum 
mehr oder weniger willenlosen Werkzeug seiner Eindrücke, zum 
Spielball seiner eigenen Vorstellungen und der durch sie erregten 
Empfindungen hinab, statt zu treiben, wird er getrieben, etwa wie 
der Dichter im Augenblick der Inspiration, der, sich selbst ein 
Wunder, nicht zu sagen vermag, woher ihm kommt, ihm zuströmt, 
was sein Mund verkündet, seine Feder niederschreibt; oder wie der 
sonst so staatsmännisch kluge, seiner selbst so sichere Alphons in 
Goethes „Torquato Tasso", der am Schlüsse seiner Lobpreisung 
Ariostscher Dichtkunst vor seinen fürstlichen Zuhörern ausrufen 
mufs (I, 4): „Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle, Wie 
ein Verzückter weder Zeit noch Ort, Noch was ich sage, wohl 
bedenken kann." Wer seinem Mitteilungsstoffe oder auch nur 
einer einzelnen Vorstellung, die vor ihm auftaucht, so gegenübersteht, 
der vergifst leicht, was er der Logik, dem begrifflichen Erkennen 
schuldig, der sprudelt, dem Augenblicksimpulse folgend, nicht- 
reflektierend heraus, was ihm gerade den Geist erfüllt, nennt die 
Begriffe, die sich ihm als einziges Hülfsmittel, Werkzeug qiradi- 



ZUR FRANZÖSISCHEN SYNTAX. 335 

lieber Ueberliefening für seine Vorstellungen darbieten, nicht nach 
ihrer logischen Rangordnung, sondern wahllos, in der Reihenfolge, 
wie sie sich ihm aufdrängen. Von einem Schiffe, das nichts taugt, 
von einem Musiker, der nichts kann, will er sprechen und flugs 
ist ein méchant vaisseau^ méchant musicien heraus, weil das Unwertige 
es ist, was für ihn an seinem Vorstellungsbilde im Vordergrunde 
steht. Von einem Jüngling gedenkt er zu erzählen und unwillkür- 
lich schiebt sich ihm vor den Begriff" „Mensch", „Mann", der doch 
für die sachliche Kennzeichnung des geistig Geschauten der wich- 
tigste wäre, der Begriff des Jugendlichen, des noch Unfertigen, 
Ungereiften aber doch zugleich Anmutigen, Einnehmenden und darum 
sein seelisches Interesse Erregenden — und jeune homme kommt's aus 
seinem Munde. „Der blaue Himmel ruhet über uns" sagt Leonore 
im Torquato Tasso I, i, des Frühlings Herrlichkeit schildernd, le 
bleu ciel wäre es im Französischen geworden, da nicht der über ihnen 
ruhende Himmel, sondern dessen Bläue es ist, was „ihr Herz er- 
füllt" und sie zu solcher Aeusserung drängt. „Affektisch attribuierend" 
hat der Herr Herausg. ein solches Verfahren genannt, und wer 
so spricht, der ist fürwahr, „afficiert", seelisch beeinflufst, durch- 
drungen, manchmal gar fortgerissen von der Lebhaftigkeit, mit der 
etwas, was doch in rein begrifflicher Hinsicht nur einen unter- 
geordneten Teil seiner Vorstellung bildet, von ¡hm erschaut, erfafst 
wird, so dafs es ihm zum beherrschenden Mittelpunkt seiner Vor- 
stellung wird. So ist*s denn auch wohl begreiflich, dafs wer in der 
Alpengegend, am Rheine wohnt: Hautes Alpes ^ Basses Alpes ^ Haut 
Rhin, Bas Rhin sagt, denn was dominierend im Vordergrunde seiner 
Vorstellung steht, ist das „hoch" und das „niedrig", wogegen „Alpen" 
und „Rhein" gleichsam nur abrundender, vervollständigender Zusatz 
sind. Der Geograph von Fach dagegen, der als wissenschaftlicher 
Forscher an die Sache heranträte, der würde sicher erst, logisch 
distinguierend, das Ding mit Namen nennen: le Rhin und dann 
was diesen bestimmten Wasserlauf, diese ¡hm vorliegende Flufs- 
strecke von anderen, für d¡e der Name le Rhin, gleichfalls gilt 
(sebstverständlich, denn sie sind alle Teile eines und desselben, 
wenn auch nicht unmittelbar als solches zu erkennenden Ganzen) 
unterscheidet, die Eigentümlichkeit der höheren Lage, nicht zwar 
mit dem inexakten, unwissenschaftlichen Iiaut, sondern mit dem 
sachlich angemesseneren und auch gelehrter klingenden supérieur.^ 
Oder, um noch e¡nen der Fälle zu nehmen, in denen Herr Cron, 
und z. T. in Ueberinstimmung mit ihm Herr This (Ztschr. f. frz. Spr. 
u. Lit. XVI, 1 1 2 ff.) nicht mehr affektische Attribuierung als Ursache 
der Adjektiv -Voranstellung anzusetzen wagen, sondern diese auf 
„aus dem Satzzusammenhang erhellenden besonderen Nebensinn 

^ Es bedarf hoffentlich der ausdrücklichen Bemerkung nicht, dafs das zu 
allen diesen Beispielen erläuternd Gesagte nicht etwaige psychische Vorgänge 
aller derer, die heutzutage solche längst erstarrten, geprägten Verbindungen 
gebrauchen, sondern vielmehr nur den Seelenzustand dessen (oder derer) 
schildern soll, der (oder die) jene Aosdrficke zuerst brauchte(n), sie prägte(n). 



336 TH. KALEPKY, 

des Substantivs^' (Cron Diss. S. 19) zurückführen: das Mittelalter, 
le moyen âge. Man könnte sich mit der Annahme wörtlicher Ueber- 
setzung des vorgefundenen lateinischen Terminus medium aevum 
begnügen wollen. Aber was zwang zu einer solchen wörtlichen 
Uebertragung, oder was hinderte, medium aevum durch âge moyen 
wiederzugeben? Auch Herr Cron führt moyen âge in dieser Wort- 
stellung nicht auf medium aevum, âbndem darauf zurück, dafs ^^e 
moyen schon das mittlere Lebensalter (des Menschen) als terme 
propre bezeichnet'^ und „dafs die adjektivischen und substantivischen 
Sachbezeichnungen nicht in gleicher Stellung verschiedenen Wort- 
sinn reflektieren können." Und schliefslich macht er für die Vor- 
anstellung noch geltend, dafs hier „bei der Unterscheidung dreier 
Zeitalter (alte, mittlere, neuere Zeit) moyen die Stelle einnehme, die 
die Rangzahl second beanspruchen würde." Dabei ist nur nicht 
recht ersichtlich, wie sich aus den S. 17 unter i. und 2. aufgestellten 
Grundsätzen ergeben soll, dafs der Rangzahl second nur Vor- 
anstellung zukomme — sagt man ja doch ganz gut le chapitre 
second, ade second u. dergl. — sowie, dafs „adjektivische und sub- 
stantivische Sachbezeichungen nicht in gleicher Stellung verschiedenen 
Wortsinn reflektieren können" sollen, da doch z. B. un petit homme 
ebensowohl „ein Mann von kleiner Gestalt", als auch „ein un- 
bedeutender Mann" heifst.* 

Ich glaube nun, dafs in moyen âge wiederum nur ein Fall un- 
reflektierter, impulsiver Vorstellungswiedergabe vorliegt Weder fur 
das Altertum noch für die Neuzeit hat die wissenschaftliche Termino- 
logie die Substantivbezeichnung âge acceptiert. Für das erstere 
findet sich vieux âges wenigstens bei Dichtern (z. B. bei Molière)^ 
für die letztere wohl überhaupt nicht, eine Ablehnung, die nicht 
gerade zu Gunsten der Angemessenheit dieses Wortes für die Be- 
zeichnung von Geschichtsepochen spricht. Und man mufs der 
Sprache vollkommen recht geben. Keine Vergleichung kann wohl 



' Dafs die angeführten Begründungs versuche nicht mehr recht zu der 
Lehre von dem affektischen Charakter des vorangestellten Adjektivs stimmen, 
ist Herrn Cron denn auch nicht entgangen. Das ergiebt sich klar aus dem 
Schlufswoit des zweiten „die Stellung des Adjektivs im Neufranzösischen" 
betitelten Kapitels seiner Dissertation, wo er S. 21 seine Uebereinstimmiing 
mit der Formulierung des Herrn Herausgebers auf deren einen Teil be- 
schränkt, dafs „das neu französische nnchgestellte Adjektiv verstandesmSfsig, 
logisch distinguiert, unttrscheidet, kennzeichnet, bcgriflflich bestimmt und nur 
dies zu thun bezweckt." Von dem vorangestellten Adjektiv sagt er, dais es 
„jede andere Bestimmung, zu der das Adjektiv beim Substantiv dienen kann 
oder soll, erfüllt: entweder eine Eigenschaft aifekterregend einer substantivischen 
Benennung attribuiert, subjektiv oder objektiv (d. h. der allgemeinen Anffassong 
entsprechend) zuerkennt, oder aber — ein die Lehre von der Wortzusammen- 
Setzung eigentlich angehender Fall — solche Bestimmungen angiebt, die nach- 
gestellt begrifflich unverbindbnr oder widersinnig wären (altfranzösisch moine 
twír)y und nur vorangestellt den übertragenen Sinn eines Substantivs (moyen 
â^e) oder eines Adjektivs {noir moine) erkennen lassen." Die Frage, ob man 
sich für die Voranstellung mit dem kontradiktorischen „nicht logisch distin- 
guierend*' statt des konträren „aifektisch attribuierend" genügen lassen soll» 
scheint mir in der That erwägenswert (vgl. den folgenden Artikel X). 



ZPR FRAKZÖSrSCHRN SYNTAX. 



337 



I 



hinkender sein als die der Stafen des Menschenlebeas mit Abschnitten 
der Weltgeschichte. Wie hat denn aber dieses Wort trotzdem in den 
ttrminui ttchnieus lur Bezeichnung des Mittelalters eindringeD können? 
— Augenscheinlich weil hier der adjektivische Begriff des Mittleren 
das „ein und alles" war, weil er in der Vorstellung des Gegen- 
standes derartig prävalierte, präponderierte, dominierte, dais jeder 
halbwegs dem lateinischen ocvum entsprechende Substantivbegriff 
zum Abschlurs, zur Vervollständigung gut genug war, „passieren" 
konnte. Mit 'iioyen war alies gesagt, um die Frage der Berechtigung 
des âge fiel es niemand ein sich zu kümmern, dem den Ausdruck 
Schaffenden, den doch wohl medium aevum leitete, anscheinend 
nicht, und allen ihn Nachsprechenden sicherlich erst recht nicht. 
Hätte agi an erster Stelle gestanden, hätte die dadurch erweckte 
Vorstellung „die ganze Fülle ihrer Elemente ungehemmt entfalten" 
können {vgl. S. 332), dann wäre man sicher bald des Unangemessenen 
der Bezeichnung, der Verkehrtheit der Metapher, auf der sie be- 
ruht, ihrer Ungecignetheit zu einem wissen seh afllichen Terminus 
gewahr geworden und hätte sie durch eine bessere ersetzt Als 
„zweite Vorstellung" jedoch, die alle „bei der ersten bereits ins 
Bewufstsein getretenen Bestandteile nnd zwar in innigster Ein- 
vcrleibimg mit aufnimmt, und dadurch wesentliche Modinkationen 
erfahrt, indem ihre Elemente den bereits ins Bewufstsein getretenen 
sich anbequemen müssen. Unverträgliches, das sich darunter be- 
finden sollte, ausgeschlossen, alles gleichsam in dem Lichte 
angeschaut wird, das von der ersten Vorstellung aua- 
strahll" (vgl. S. 331, man mufs in der That sagen, wenn diese 
Stelle von Herrn A. T. mit spezieller Rucksicht auf die uns be- 
schäftigende Wortverbindung niedergeschrieben wäre, hätte sie den 
bei ihr vorliegenden Sachverhalt gar nicht treffender formulieren 
können) — als Bezeichnung der zweiten Vorstellung jedoch hat 
man bisher, und mag man fernerhin aus den angeführten Gründen 
das âge ruhig hingehen lassen. 

Nachdem vorstehend an einer Reihe typischer Beispiele ein- 
gehend dargelegt worden, wie sowohl Herrn A. Toblers, die Wirkung 
auf den Hörer berücksichtigende, Feststellung des Begriffs Verhält- 
nisses, als auch die von dem Herrn Herausgeber im Hinblick auf die 
psychologische Radis vorgenommene Scheidung der Fälle — jede in 
ihrer Art — sich wohl bewähren, mag zum Schlüsse — zur Be- 
friedigung eines mehr ästhetischen Bedürfnisses, einer Art wissen- 
schaftlichen Schönheitssinnes — der Versuch gestattet sein, beide Er- 
klärungsweisen in einer Formel zu vereinigen, sie gleichsam in einer 
höheren Einheit zusammenzufassen und zu sagen: „Von zweien (oder 
mehreren) an einem Seienden sich darbietenden Begriffen erhält 
bei ihrer Nennung die e rete (odor jeweilig frühere) Stelle der 
Dominantbegriff". Eine solche Formel liefse zwar an Einfach- 
heit nichts zu wünschen übrig — „verblüffend einfach" könnte 
man sie scherzhaft nennen — aber sie wäre andrerseits auch so 
abstrakt, schemenhaft, ja, für Jeden, der nicht schon instinktive 

ZÜKhi. Í. rom. PliiL XXV. 12 



330 TH. KALEPKT, 

Beherrschung der Materie mitbringt, so nichtssagend, dafs ihr als 
Erläuterung entweder jene S. 331 citierten Darlegungen Herrn 
A. Toblers oder eine sich auf des Herrn Herausgebers Scheidung 
stützende Spezifizierung beigegeben werden muíste, etwa in der 
Fassung, dafs bei logisch -distinguierendem Verfahren begreiflicher- 
weise sich der merkmal- oder inhalircichere, zugleich die Gattung 
des Seienden kennzeichnende Substantivbegrifí als Dominante er- 
weise, bei afFek tischer, impulsiver Wiedergabe des Vorgestellten 
jedoch der Adjektivbegriflf, es sei denn dafs, wie z. B. bei ces 
giuux chinois (neben ces gueux de Chinois) im Munde eines erregt 
sprechenden Chinakämpfers, das Substantiv fühlbarer Ausdruck der 
Wertung, das Adjektiv dagegen nur sachlich determinierend ist, 
wie denn der Herr Herausgeber auch nicht affektischen Seelen- 
zustand schlechthin, sondern ausdrücklich dies als Bedingung für 
Voranstellung des Adjektivs angiebt, dafs das letztere selbst affektisch 
attribuiere, d. h. eine affektisch erfafste Eigenheit des Dinges 
wiedergebe. Dafs andrerseits auch ein an und für sich affektisches 
Adjektiv bei (wirklicher oder fingierter) logisch distinguierender 
Rede dem Substantiv (als Benennung des Dominantbegriffs) den 
Vorrang lassen kann, haben wir schon oben an dem mit Vorliebe 
gegen des Herrn Herausgebers Lehre ins Feld geführten Citat aus 
Bossuet: O nuit désastreuse! ô nuit effroyable! gesehen und vor der 
Hand (vgl. S. 325) damit gerechtfertigt, dafs Exklamationen von der 
Art wie: O désastreuse nuit! ô effroyable nuit! in einer Leichenrede 
auf eine halbwegs gebildete, feinfühlige Zuhörerschaft durch das 
ihnen anhaftende Rührselig -Marktschreierische abstofsend wirken 
müfsten und eines so ausgezeichneten Redners wie Bossuet durch- 
aus unwürdig wären. ^ Hier bleibt noch nachzutragen, dafs aufser- 
dem das Citat in der angegebenen Form unvollständig und sinn- 
widrig ist, sofern nämlich der Redner gar nicht seinem Gefühle 
über das Unheilvolle und Schreckliche einer bestimmten Nacht 
Luft machen, sondern an die Nacht erinnern, die Nacht seinen 
Zuhörern ins Gedächtnis rufen will — unheilvoll und schrecklich 
nennt er sie nebenher — in welcher plötzlich die erschütternde 



\} Der Herr Verf. gestattet mir, an dieser Stelle darauf aufmerksam sa 
machen, dafs mit -eux (Begriff; Fülle) und -able (Begriff: Disposition zn) ge- 
bildete Adjectiva, als Elativa, naturgemäfs die Stellung der Superlative von 
Satzgliedform {le plus . .) erhalten , deren nächste Begriffsverwandte sie sind, 
also hinter dem Substantiv. Durch Wortbildungsmittel {U plus, -eux, 
•able) wird hier die affektische (subjektive) Attribuicrung zu erkennen gegeben, 
die sonst durch die Stellung des Adjektivs zum Bcwufstsein gebracht werden 
mufs. Werden daher Adjektive auf -eux, -able vor das Substantiv gesetzt, so 
wirken sie , ähnlich wie der mit le plus gebildete Superlativ vor dem Sub- 
stantiv, zwiefach, abundativ, und sind im gegebenen Falle geschmacklos; — 
im gewissen Falle nicht. Wo dieser und jener Fall eintritt, ist nur aus dem 
Satz- oder Gedankcnganzen zu ersehen, die die empirische Grammatik gänzlich 
in der Syntax aufscr Acht zu lassen pñegt, weil sie die lateinische Syntax far 
Fragen der Wortstellung bis auf den heutigen Tag in dem Mafse ignoriert 
hat, dafs kein Gymnasiallehrer dem Lateinschüler über Wortstellungen eine 
Auskunft zu geben vermag. Hrg.] 



ZUR FRANZÖSISCHEN SYNTAX. 339 

Kunde von dem Tode der Prinzessin erscholl. Die Stelle heifst 
vollständig: O nuit désastreuse! ô nuit effroyable I oil retentit tout à 
coup comme un éclat de tonnerre cette étonnante nouvelle: Madame se 
meurt y Madame est morte. Die Nacht, jene Nacht — das ist die 
Dominante seiner Vorstellung und darum steht nuit „zu Recht** 
und durchaus gemäfs unserer Formel an erster Stelle. 

X. 
Konträre oder kontradiktorische Gegensätze? 

Im Laufe der den Inhalt des vorhergehenden Artikels bildenden 
Untersuchungen hat sich uns gelegentlich (vgl. S. 336 Anm.) die 
Frage aufgedrängt, ob es statt der vom Herrn Herausgeber vor- 
genommenen konträren Gegenübersetzung: „affektisch attribuierend** 
und „logisch distinguierend**, nicht rätlicher, vielleicht pädagogisch 
zweckmäfsiger wäre, der meines Wissens heute allgemein anerkannten 
Charakterisierung der einen Seite als „logisch distinguierend** ein 
kontradiktorisches „nicht logisch distinguierend** für die andere 
Seite gegenüberzustellen. Damit wären die von einzelnen gegen die 
Kennzeichnung aller Fälle der Voranstellung des Adjektivs als 
„affektisch attribuierender** erhobenen Einwendungen erledigt, und 
auch völlige Uebereinstimmung zwischen der allgemeinen Formel 
des Herrn Herausgebers und den Ergebnissen der Spezialunter- 
suchung Herrn Crons hergestellt. 

„Das ist aber doch eine allzubequeme Art, sachlichen Schwierig- 
keiten aus dem Wege zu gehen, statt sie durch unermüdliches 
Forschen aus dem Wege zu räumen** dürfte gegenüber diesem 
Vorschlage eingewandt werden. Ich erwidere darauf, dafs sich 
doch mancherlei, sowohl praktische Ergebnisse, thatsächliche Fest- 
stellungen als auch theoretische Erwägungen, zu Gunsten eines 
solchen Verfahrens geltend machen lassen. 

Bezüglich zweier sehr wichtigen dilemmatischen Ausdrucksfalle 
liegen ganz selbständig — unabhängig sowohl von einander als 
von der hier angeregten Theorie — gefundene Formulierungen 
kondradiktorischer Art statt der früher üblichen konträren vor. So 
kleidet der Herr Herausgeber Gr. I, 214 seine Auffassung von dem 
Wesen des Subjonctifs in die Form „Er ist immer nur eines Sinnes: 
Gegensatz des Indikativs. Wird in diesem Sein und Ge- 
schehen als mit dem äufseren oder inneren Sinne wahrgenommenes 
bezeichnet, so im Subjonctif das nicht wahrgenommene, das nur 
im Geiste des Redenden vorhandene, das nur vorgestellte Sein 
und Geschehen.** Und ebenso ergab sich mir seiner Zeit (vgl. 
diese Zeitschr. XVIII, 4980".) bei einer eingehenden Untersuchung 
des Unterschiedes zwischen Imparfait und Passé défini als einzig 
mögliche, haltbare Formulierung für das Wesen des erstgenannten 
Tempus die, dafs ihm das abgehe, was für das Passé défini charak- 
teristisch ist, nämlich „das Moment des Vollzuges**, (d. h. die Vor- 
stellung eines Seins oder Geschehens als eines sich zu einem Ganzen, 

22* 



340 TH. KALEPKY, ZUR FRANZÖSISCHEN SYNTAX. 

Abgeschlossenen, Fertigen vollziehenden, eines sich von einem An- 
fange über eine Mitte bis zu einem Ende hin erstreckenden) so 
dafs, wenn man für dieses Moment die graphische Kürzung f/h 
für Imparfait /, und für Passé défìni F setzt, das Ergebnis sich 
auf die Formel bringen läfst: 2 = P — m. 

Selbstverständlich ist meine Meinung nicht die, aus der blofsen 
Thatsache, dafs der Unterschied des Subjonctifs vom Indicatif und 
der des Imparfaits vom Passé défini nur kontradiktorisch zu fassen 
sei, dürfe ohne weiteres gefolgert werden, dafs diese Art der 
Formulierung nun für alle dilemmatischen Redeweisen am Platze 
oder gar einzig berechtigt sei. Die beiden hier erwähnten Fälle 
sollten vielmehr nur als Anhalts-, als Ausgangspunkte für die Er- 
örterung der Frage dienen, ob nicht kontradiktorische Gegen- 
sätzlichkeit in Fällen, wo sich zur Bezeichnung gewisser Vorstellungs- 
verhältnisse eine Zwiefachheit der Ausdrucksweise darbietet, im 
Wesen der Sache begründet sei. Und dafür, dafs dieses der Fall, 
scheint mir auch die Er%vägung zu sprechen, dafs sich bei der 
schier unerfafslichen Fülle und Mannigfaltigkeit der Vorstellungs- 
und Denkkomplexe, mit denen menschliche Rede es zu thun hat, för 
jeden Fall dilemma tischer Ausdrucksmöglichkeit, sei es in Syntax 
oder in Stilistik, neben vielen leicht zu bestimmenden, zweifellos 
der einen oder der anderen Kategorie zugehörigen, auch immer 
eine Anzahl solcher Fälle — man könnte sie indifferente, neutrale 
oder mediale nennen — finden wird, in denen es selbst dem 
schärfsten und geschultesten Denken schwer fallen möchte, eine 
sachlich ausreichend begründete Entscheidung bezüglich ihrer Zu- 
gehörigkeit zu treffen, in denen daher ein schlichteres Denkvermögen, 
ja selbst der doch sonst so sicher führende sprachliche Instinkt, 
das Sprachgefühl, sich in ähnlicher Ratlosigkeit wie der Esel des 
Buridan befinden müfste — wenn ihm für den sprachlichen Aus- 
druck nur die Wahl zwischen konträr Entgegengesetztem gegeben 
wäre. Ist indes die Bedeutung, der Sinn der einen Redeweise 
klar, scharf, leicht erkennbar ausgeprägt, der anderen aber die 
ganze Fülle der Nuancen, Schattierungen, Abstufungen mit su- 
gewiesen, die den Uebergang zu einem konträren Gegenteil bilden, 
dann ist dem Sprechenden seine Aufgabe wesentlich erleichtert, 
dann ist deren Lösung auch dem einfaltigeren Verstände möglich, 
denn was dann nicht oflfenkundig die für die Anwendung der einen 
Sprachform erforderlichen Merkmale trägt, die dieser beigegebenen 
Bedingungen handgreiflich erfüllt, das fällt ohne weiteres der anderen 
anheim, also — mit Anwendung auf die Frage der Stellung von 
Adjektiv und Substantiv zu einander: „Nur ausgeprägt logisch 
distinguierend gebraucht, folgt das Adjektiv seinem Substantiv, in 
jedem anderen Falle geht es ihm voran" oder nach S. 337 „Das 
Adjektiv geht dem Substantiv voran, aufser wo der Begriff des 
letzteren deutlich als Dominantbegriff empfunden wird." 

THEODOR KALSPKT. 



VERMISCHTES. 



I. Zur Lautlehre. 

Die betonten Hiatusvokale im Vulgärlatein. 

Wie so vieles andere, so verdanken wir Meyer-Lübke auch 
die erste eingehende Untersuchung über die betonten Hiatusvokale: 
warum sagt das Vulgärlateinische mea, aber mçus, grúa, dies? 
Mit der Frage hat sich Meyer-Lübke mehrfach, zuletzt Rom. Gram. 
1232%. beschäftigt. Seine Ausführungen, die ich im Einzelnen 
als bekannt voraussetzen muís, lassen sich in folgende Sätze zu- 
sammenfassen: Die Volkssprache behandelt diese Vokale nicht nach 
ihrer Quantität, sondern lediglich nach ihrem Klang, resp. nach 
dem Klange des zweiten tonlosen Vokals (Dissimilation). Die 
Regel ist: altes ù « bleiben; altes ì wird zu f vor folgendem /, 
zu e vor folgendem a (nach S. 233 auch vor folgendem«); altes 
wird zu q vor folgendem «, zu p bezw. $¿ vor folgendem a, /, 
somit: dies, fui, mçi, mea, sçus, soa, coi. Schon früh traten 
Störungen ein: dem Plur. m ci folgte der Sing, mçus, dem Sing. 
SÇUS der Plur. sci. — Hierzu einige Bemerkungen: Reicht das 
Gesetz in die Zeit zurück, wo ? und ?, û und d noch nicht in ^, g 
zusammengefallen waren, so begreift man nicht, warum, während 
altes ? als ; sich erhielt (dïes = í//),^ nicht auch altes û als \i 
blieb (sua = sua, nicht s 9 a). Fällt das Gesetz dagegen in eine 
spätere Zeit, so erwartet man dees (;* = e) wie s 9 a. Ist d cu s durch 
den Plur. dçi bedingt, wie mçus durch m ci? E o («= ego) mit ç 
erklärt sich nur unter der Voraussetzung, dafs anders wirkte als u 
(vgl. meum). Endlich scheint der Wandel von tuum zu tçum 
anderer Art zu sein als der von meum zu meum: warum nicht 
t9üm? Mögen indessen diese Ausstellungen berechtigt sein oder 
nicht, so sei es mir gestattet, auf eine andere Erklärung hin- 
zuweisen. Dieselbe fufst auf einer wohlbekannten Thatsache, der 
jedoch Meyer-Lübke für die Erkenntnis der in Frage stehenden 
Lautvorgänge keine Bedeutung beilegt. 

Im Vulgärlatein verschmolz der Tonvokal mit unmittelbar 
folgendem i oder u zum Diphthong, meus, mei, de'us; dagegen 



^ Hätte nach Meyer - Lübke's Auffassung nicht auch tri a zu tria 
werden müssen? 



342 VERMISCHTES. I. ZUR LAUTLEHRE. 

wurden Vokalfolgen wie betonter Vokal + a oder e, méa, 
méae, diem in der Vulgärsprache nicht zu einer Silbe, da sie 
romanisch noch heute deren zwei ausmachen (vgl. die Ausfuhrungen 
Gröbers, Archiv f. lat. Lexic. I 221). Die Regel über das Verhalten 
der betonten Hiatvokale in der Vulgärsprache möchte ich nun 
folgendermafsen formulieren: In den diphthongischen Gruppen eu, 
S, u. s. w. behielt der Tonvokal die ursprüngliche Quantität deus, 
meus, mei (daher altfrz. aprov. mteus, mit Brechung des 2), In 
den zweisilbigen Lautgruppen wurden dagegen die betonten Vokale 
gedehnt, mëa, dîem, grüa. Die Qualität des nachtonigen Vokals 
spielt also nur insofern mit, als dieselbe das Verschmelzen zum 
Diphthongen begünstigt oder verhindert In der Hauptsache ist für 
das Verhalten der betonten Vokale auch hier die lat. Quantität 
mafsgebend. Die Frage, warum in mea, diem der Tonvokal ge- 
dehnt wurde, läfst sich dahin beantworten, dafs diese Dehnung in 
dem unbewufsten Bestreben erfolgte, die beiden Vokale, die nicht 
zum Diphthongen zusammenfliefsen sollten, scharf auseinander za 
halten und denselben ihre Selbständigkeit zu wahren. Dieser Zwedc 
wurde am besten durch ein verlangsamtes Aussprechen der Vokale 
erreicht. Anderseits konnte die Kürze des Tonvokals in meus 
der diphthongischen Aussprache nur förderlich sein, eine Dehnung 
derselben wäre zweckwidrig gewesen, t Dieser Lautwandel muís 
in der Volkssprache älter sein als das Zusammenfallen von ì und d, 
von Û und d: das etymologisch kurze t von dies wurde, zu ì ge- 
dehnt, romanisch ; gesprochen, desgleichen das ? von mëa ^, das 
gedehnte u von grüa î<.2 

Ist diese Erklärung richtig, so sprach man einst tOa, sOa, 
düas, trïa. Während afrz. /roü (statt ine) unter dem Einflufs von /roü 
steht, kann sich der älteste Lautstand in it. aprov. altspan. port tua^ 



^ Vereinzeltes zweisilbiges aspan, mase, mio, míos (Arch. f. lat Lexic. 
3f 531) steht vielleicht unter dem Einflufs des Femininums. — Eu, meu, dfus 
ist portugiesische Sonderentwicklung (s. Grundrifs I 719). 

[' Die Erklärung der Erscheinung aus einem Zwecke läfst sich, wie mir 
der Herr Verf. anzumerken gestattet, vielleicht durch eine andere ersetzen, die 
der Verschiedenheit des artikulatorischen Verhaltens des betonten Vokals so 
nachfolgenden Vokalen Rechnung trägt. Sie besteht darin, dafs mit dem- 
selben Lu ft Strom von einem mit schwebender Zunge artikulierten Vokal 
if f» Ç P» ^) sich wohl zu Vokalextremen (/ u) übergehen läfst, bei denen die 
Zunge die gröfseren Verengerungen des Mundkanals unter dem Hochton (dem 
verstärkten Luilstrom) wie von selbst herbeiführt. Bei der umgekehrten Vokal- 
folge (wie in den lat. Fällen t — e, t — a, u — g, u — a) dagegen drängt der dem 
Extrcmvokal mitgeteilte Hochton die Zunge zur extremsten Verengtmg des 
Mundkanals, über die hinaus sie nur noch Reibgeräusche {vnt j, v) erzeugen 
helfen kann, sodafs dem Sprechenden nur die Möglichkeit bleibt, entweder 
das dem Vokalextrem gemäfse Reibgeräusch {t—j oder u — v) laut werden, 
oder, unter Stimmabsatz, Hiat eintreten zu lassen. Die Alternative besteht 
nicht bei ó — e, ó — a oder é — a, du e nicht Vokalextreme sind. Jene Vokal- 
folgen begegnen daher in Mundarten oft genug als Diphthonge. Wurden, die 
betonten Vokale in solcher Folge aber, wie sonst in offener Silbe in lat 
Volkssprache, lang, so war ihre Vereinigung mit dem folgenden Vokal zum 
Diphthongen ausgeschlossen. Hrg.] 



A. HORNING, DIE BETONT. HIATUSVOKALE IM VÜLGÄRLAT. 343 

sua, rät. dua, it. due, port, duas erhalten haben. Doch hat sich 
das u möglicherweise erst im Hiat aus ç entwickelt (so D* Ovidio, 
Grundrifs I 5 1 7), so wie in it. prov. sp. port mia t aus älterem e 
hervorgegangen ist.^ Afrz. toe wäre durch das Mascul. hum be- 
einñufst; indessen ist zu beachten, dafs das Altfranzösische auch sue 
kennt, z. B. Mûnchener Brut 2851, und dafs im Nord-Lothringisch- 
Wallonischen ö + a im Hiat zu owç wird; ist dieser Wandel alt, 
so kann souue in der Eulalia auf süa beruhen.^ — Da fui, cui 
immer diphthongische Gebilde waren, so fallen sie nicht unter die 
oben aufgestellte Lautregel über die Dehnung des Tonvokals; es 
mag deshalb hier dahingestellt bleiben, ob das u etymologisch lang 
ist und auch im Vulgärlatein lang gesprochen wurde (rätisches kôi 
verlangt dann eine besondere Erklärung, mit der sich die rätische 
Specialgrammatik zu befassen hat), oder ob der Wandel von ü zu 
ü sich erst einzelsprachlich unter dem Einflufs des t vollzog (ähnlich 
etwa wie totti zu tätt wurde), eine Lautveränderung, die das Rätische 
nicht mitgemacht haben würde. Eine Sondererklärung verlangt 
gleichfalls das diphthongische toum, sei es dafs das durch 
Dissimilation entstand, sei es dafs altes sovos, tovos(s. F. Solmsen, 
Studien zur lateinischen Lautgeschichte, Strafsburg 1894, S. 141) 
in demselben weiter lebt. 

Aus dem was über it. tua, sua gesagt wurde, erhellt, dafs sich 
für die aufgestellte Lautregel ein strenger Beweis nach jeder Richtung 
hin nicht erbringen läfst Die gegebene Erklärung mufs für sich 
selbst sprechen, indem sie Licht in eine dunkle Frage bringt. Doch 
sollen noch einige Einzelheiten kurz erörtert werden. Nach Meyer- 
Lübke hat das vulgärlateinische grúa (frz. grüe) das lange u vom 
Nominativ gru s bezogen, eine Ansicht, welche der neben gru s 
altbezeugte Nomin. gruis und rumän. neuprov. ital. grue (auch 
Boerio giebt gnu neben grua) als unwahrscheinlich erscheinen 
lassen. Der Hiatus, den das Volkslatein einst durch Dehnung des 
Tonvokals zu mildem suchte, wurde in späterer Zeit in vielen 
romanischen Mundarten als störend empfunden und auf die ver- 
schiedenste Weise beseitigt: das Italienische kennt nach Tommaseo 
gruga und gruva, das Neuprovençalische nach Mistral gruio, agrió, 
agruoue\ nach Romania 29, 354 gehört auch sp. grulla hierhin. 
Ebenso wird port, grou zu verstehen sein: angesichts der andern 
romanischen Formen des Wortes ist es wenig glaubhaft, dafs das- 
selbe altes gruem wiedergibt: es wird vielmehr aus gruve, mit 
hiattilgendem v, entstanden sein, das zu gruue und mit Dissimilation 
zu grou{e) wurde (vgl. besonders nprov. agruoue). — Frz. pücelle 
erklärt Gröber, Arch. f. l. Lexic. 4, 450 mit Recht aus püeTcellus, 

^ Vielleicht entwickelte sich / zuerst in altbezeugtem lat. mi us, da der 
Diphthong iu sich bequemer aussprechen läfst als eu. 

* Grofse Vorsicht ist bei der Beurteilung der rätischen Formen tua, 
tiies geboten (s. Gartner, Rät. Gram. S. 99), da in Enneberg ü auch aus ^ 
entsteht, iüa sich demnach aus toue entwickelt haben kann. Dasselbe gilt 
von den Vertretern von duas in der Dauphiné, dyüe, dyûè (s. A. Devauz, La 
langue vulgaire du Dauphiné Septentrionsd, S. 369). 



344 VERMISCHTES. II. ZUR WORTGESCHICHTS. 

pQellus, indem er ausdrücklich hervorhebt, dafs die Länge des u 
wie in gruem durch den Hiat bedingt sei. Ich lege mir die 
Form so zurecht, dafs zunächst in altem, zweisilbigen puer der 
betonte Hiatvokal zu ü gedehnt wurde; in p o eil a der Appendix 
Probi ist in ursprünglich vortoniger Silbe gerechtfertigt Dafs lat. 
puer (aus povero) etymologisch begründetes ä hatte, zeigt Solmsen, 
1. c. S. 146. — Auch frz. truelle setzt ein vulgäres trüa (s. Georges) 
voraus; zu dem ursprünglichen ü in dem Worte vergleiche man 
gleichfalls Solmsen, S. 163. — Es läfst sich die Frage aufwerfen, 
ob rütum (rutare = frz. ruer) neben rütum und strOgere ihr« 
nicht von rüam, strüam u. ä. bezogen haben.^ — Wenn wie Meyer- 
Lübke annimmt, it. bue auf vulg. bçem statt böem beruht, so 
entspricht ç (= gedehntem d aus d) der aufgestellten Regel. — 
Nach Meyer-Lübke sagte das Vulgärlatein nicht via, sondern vea, 
mit etymologischem ?, resp. 1 wie in mea. Fraglich ist mir, ob 
man sich dabei beruhigen kann. £s bleibt auffällig, dafs auf 
weitem Gebiete i erst wieder aus e entstanden sein soll: man be- 
achte sp. via neben sea (s i a m), in der Dauphiné vi neben seyo 
(s i a m), s. Devaux S. 164, im Friaulischen vie, auch trie, neben me^ 
mes (mea), s. Meyer-Lübke, RGr. II iio; in Freiburg steht maya = 
mea (RGr. II 112) kein vaya zur Seite.^ Das von Varrò als vulgär 
überlieferte ve h a war vielleicht dialektlateinisch oder bäurisch ge- 
sprochenes Schriftlatein [e = i), Falls via (aus vïa) in der Volks- 
sprache das Ursprüngliche sein sollte, liefse sich frz. wie aus früh- 
gebildetem inviare erklären, oder aus via m in proclitischer Stellung, 
wo Ì berechtigt war; oder dasselbe kann unter dem £influfs von 
schriftlateinischem via entstanden sein. 

A. Horning. 



II. Zur Wortgeschichte. 

Ecclesia, 

Soviel ich sehe, wird jetzt allgemein angenommen dafs überall 
die volkstümliche Aussprache von ecclesia ein offenes e in der Ton- 
silbe gezeigt habe. Die Bedenken die sich in Bezug hierauf bei 
mir regen , vermag ich vorderhand kaum anders als in Fragen aus- 
zudrücken. Hatte das griechische r¡, als sich èxxXìjOla im christ- 
lichen Sinn über die romanischen Gebiete zu verbreiten begann, 
noch den Wert von /? Oder wandelte sich ^ zu ^ im fremden 
Munde um? Ist das i von ec(cj lista in den merowingischen Ur- 

^ Nach Seelmann, Aussprache des Lateinischen, S. 90, braucht Plautus 
clüeat (von clue re). 

' Vif sagt man schon in der Umgegend von Beifort und in den süd- 
lichsten romanischen Ortschaften auf Elsafs-Lothringischem Gebiete ; das sicher 
volkstümliche Wort bezeichnet in Montreux- Vieux, in Delémont in der Nord- 
schweiz einen Feldweg (chemin d'exploitation, de défrichement), im Provcnç. 
einen Pfad, im Italienischen die Strafse einer Stadt; es fällt demnach in der 
Bedeutung nicht mit cai&inus zusammen. 



H. SCHIJCHARDT, FRANZ. GLAIVE, TRAKZ. BOÜÍE \ MHD. BOTJCHEN. 345 

kunden des 7, Jhrhs., sowie auch In alleren Handschriften und in 
einer Inschrift von Vienne ans der Mitte des 6. Jhrhs. anders zu 
deuten als in den Ravennaer Urkunden des 6. Jhrhs,, und anders 
als das i* von a'ttrí, dibei, fidt, rige u. s. w. in denselben merowin- 
gischen Urkunden? Wie lassen sich &iaul. gÜsü neben glene, alt- 
Span, iglisia neben iglesia, beam, glisie, gUse, gligi neben gleise, 
bask, elisa (dspyr.) neben eleiza, elechia (transpyr.), brel. His neben 
Igtnr, eglwys erklären? Blofs über zwei Punkte traue ich mich 
schon jetzt mich bestimmter zu äufsem. G. Paris in seinem Aufsatz 
Les plus anciens mots d'emprunt du français S. 24 nimmt an dass 
tcctíría wirklich gesprochen worden sei; aber wenn die Dichter in 
Zeiten da schon längst der Unterschied zwischen Länge und Kurze 
der offenen Tonvokale ins Schwanken gekommen war, hie und da 
so mafsen, so haben sie eben aus der Vokalqualität die Vokal- 
quantitát analogisch erschlossen. Es würde schwer sein einen 
Grund fiir die Verkürzung des betonten e in ecclesia ausfindig zu 
machen, und warum hätte denn dieses ? für ? zu ? werden müssen, 
statt sich dem ^ von menus, prrum, vecem zuzugesellen? Zweitens 
kann kymr. eglwys nur auf tclfsia bezogen werden, ebenso wie 
bwysi nur auf bestia. Meyer-Lübke Zeitscbr. für celt, Phil. I, 474 (f. 
legt ihnen eclfsia, hfstia zu Grunde, aber daraus würden sich eglais*, 
iaisi* ergeben haben, wie aus convfnlio, tfTtia : cyfaini, iairth. 
Zwischen macïria und magwyr besteht allerdings eine Kluft; ich 
möchte sie aber eher von jener Seile als von dieser aus über- 
brücken, das heifst, ich möchte ein "maetria ansetzen. 

Die romanischen Formen von ecclesia harren noch einer ab- 
schliefsenden Untersuchung. 

H. SCHÜCBARDT. 



Franz. glaive. 
Ascoli Arch, glolt. iL Xì-jì hat darin mit Recht eine Ver- 
mischung von lat. gladio und gall. *clàdibo (liefse sich nicht auch 
an ein *eladibo denken?) erblickt. Auch in der lateinischen Über- , 
lieferuDg scheinen sich Spuren davon erhalten zu haben; Th. Birt 
Der Hiatus bei Flautus und die lateinische Aspiration bis zum 1 
X. Jhd. n. Chr. {Marburg iQOi) S. 27g verzeichnet aus Hand- 
schriften und Glossaren: Claudius, glavdius, glavus, gaudio, gau = 
gladitts, gladio und bezieht hierauf, freilich mit anderer Deutung, 
die romanischen Formen glaive, giovi. 

H. SCHÜCHAKDT. 



Franz, houêe j mhd. honchen. 
Die drei hol!. Wörter Òoei ,fFessel", boei „Boje", èaak „Boje" 
pflegt man nicht der Bedeutung, sondern dem Laut nach etymo- 
logisch zu ordnen, nämlich für die beiden ersten eii 



34 6 VERMISCHTES. H. ZUR WORTGESCHICHTB. 

Ursprang anzunehmen, für das dritte einen andern. Indessen geht 
das eine der beiden boei auf altfrz. botet bute \ lat boja zurück, das 
andere auf franz. bouée. Nun hat man zwar auch das letzte Wort 
an boja angeknüpft (so noch bei Körting 2); aber das Diet gén. 
weist mit Recht diese Herleitung zurück. Es beruft sich auf die 
Phonetik; doch auch die Bedeutung spricht dagegen. Denn wenn 
selbst norm, boie (so bei Littré) und altfranz. bote (so bei Diez, Scheler, 
Bos u. s. w. — nicht bei Godefroy) wirklich im Sinne von bouée 
vorkommen sollten, so würden sie ebensowenig auf boja zu beziehen 
sein. Der Name der Boje kann ja leicht auf das Bojeseil über- 
tragen werden, wie das bei franz. gaviteau (| südfranz. gaviÜUj ital. 
gavitello) wirklich geschehen ist (s. die zweite Bed. bei Sachs), wohl 
auch bei franz. orin (die erste Bed. aus älterer Zeit belegt, s. Diet 
gen. — span, port orinque hat die zweite), möglicherweise endlich 
bei franz. drome („origine inconnue" sagt das Diet gén.; es ist j 
deutsch Dr ohm y Trunin Trumm [engl. thrum(b)\ welches sich z. T. 
mit deutschem Drahm, Tram, Dramm vermischt hat), obwohl hier 
die erste Bed. selbst nicht nachweisbar ist; unwahrscheinlich ist 
die Benennung der Boje nach dem Tau, das sich ja nicht wesent- 
lich von andern Tauen unterscheiden kann. Das was bei dieser 
Einrichtung hervorsticht, ist nicht dafs ein Ding an ein anderes 
gefesselt ist, sondern dafs es dessen Ort anzeigt Das hoU. baak 
bedeutet in der That eigentlich „Zeichen"; man hat es längst za 
altfries. baceuy alts, bôcany ags. béacen, engl, beacon, altn. bâkth ahd. 
bouhhan, mhd. bouchen gestellt Auf dieses bouchen, auch wenn es 
nur in der allgemeinen Bedeutung „Zeichen" vorkäme, mûsste man 
das franz. bouée, von der romanischen Endung abgesehen, zurück« 
führen. Aber das Alemannische kennt das Wort noch heutzutage 
in der Bed. von bouée. Ich setze die betreffenden Stellen aus dem 
Schweizerischen Idiotikon IV, 964 und 972 her: 

Pauche^mr. Boje, Zeichenholz, Ankerzeichen Bodensbb. 
Böcken (auch A) n. TaSteckb., Bdchel m. TfiErm.: i. Boje, 
schwimmendes Holz am Ende eines in den See gesenkten Netzes 
odeir einer „Setzschnur*' mit eingekerbtem oder eingebranntem 
Eigentumszeichen Tnllntersee (Fischerspr.). — 2. Merkzeichen 
übh. Th. 

bôche^'. die Fischreusen im See durch Angel aufsuchen, wobei 

der Fischer nur an gewissen Merkzeichen am Ufer sich orientieren 

kann, wo er vorher die zsgebundenen Reusen ins Wasser gesenkt 

hat TiiSteckb. 

Dafs das Wort nicht blofs auf der Thurgauer oder überhaupt auf 

der Schweizer Seite vorkommt, und noch in anderer Form, ersehe 

ich aus C. B. Klunzinger Bodenseefische, deren Pflege und Fang 

(Stuttgart 1892), wo z. B. S. 143 von Haupt- oder Tragbùuchen und 

Schwebebauchen oder Bäuchle (Langenargen), S. 163 von Bauchen 

oder Bäuchle, Bochel die Rede ist. Bei Schmeller treffe ich dies 

Bauchen nicht an; indessen halte ich es doch nicht für unmöglich 

dafs es auch an den bayerischen Seeen bekannt ist Der Chiemseer 



H. SCHUCHARDT, FRANZ. BRETELLE, BRETELLIÈRB. 347 

Fischermeister Gg. Rauch gebraucht in der AUg. Fischerei-Zeitung 
XXI (1896), 100 den Ausdruck Beuchen allerdings in Bezug auf 
die Netze des Bodensees, aber ohne dessen örtliche Geltung hervor- 
zuheben; nur setzt er zuerst in Klammern dazu: „auch Schwimmer 
genannt". Und ebend. XXII, 428 in einer Beschreibung von 
Netzen am Comer See sagt er ebenfalls Beuchen, zuerst Schwimmer 
(Beuchen)» 

Span, boya, port, boia, ital. boia, boa, engl, buoy, deutsch Boje 
stammen aus dem Holländischen. Holl. baak (w.) oder nicderd. 
Bake erscheint im Südfranz. als bago, mit Anlehnung an das gleich- 
lautende Wort für „Ring". 

H. SCHUCHARDT. 



Franz. bretelle, hretelliere. 

Das Diet gen. hat unter bretelle', 2, „fìlet pour prendre les 
chiens de mer" und führt gleich darauf bretellière als Synonym an. 
Das ist unrichtig. Bretelle bedeutet den „chien de mer** selbst, 
und zwar nicht etwa den Seehund (Sachs erklärt bretelle als „Netz 
zum Seehundfang**), sondern den Hunds- oder KatzenhaL Nach 
Duhamel I, 11, 1 1 5 ist dieser Name neben breite in der Normandie 
gebräuchlich; ich vermute dafs damit die beiden Fische, der kleine 
und der grofse Hundshai (scyllium stellare und canicula = squalus 
catulus und canicula L.) unterschieden werden, welche sonst petite 
und grande roussette heifsen.* Als gaskognisch finde ich hierfür 
breto, £s versteht sich von selbst dafs an einen Zusanunenhang 
mit bretelle „Tragriemen** nicht zu denken ist, von dem ich übrigens 
meine dafs es j ahd. brtttil „Zügel** ist, also die Angabe: „origine 
inconnue** nicht verdient. Brette bedeutet eigentlich „Bretonin**, und 
vielleicht ist das Tier so genannt worden weil es an den Küsten 
der Bretagne besonders häufig vorkam. £s kann aber der Name 
selbst keltisch sein, wie ja auch die Engländer dem Katzenhai u. A. 
den Namen morgay, morgray \ kymr. morgi geben. Der Kymre 
sagt aber auch ci brych = engl, spotted dogfish, holl. gespikkelde haai, 
deutsch gefleckter Hai", synonym diesem brych (w. brech) ist brüh 
(w. brailli), bret. briz, und das könnte, vermittelst eines Mifsverstehens 
und Mifshörens, sich in breite erhalten haben. 

H. SCHUCHARDT. 



^ Dieser gleichsam offizielle Name des betreffenden Tieres ist im Diet, 
gén. nicht gebucht; auch nicht der nächst häufige chat de mer (chat marin), 
nur chien marin finde ich auch mit diesem Sinne angegeben: „phoque, requin 
et squale; roussette". Wer nicht weifs was roussette ist, und sich aus dem 
Diet. gén. darüber unterrichtet, wird erfahren dafs roussette ein Fledermausart 
ist. Aufserdem ist roussette hier als Birnenart angegeben. Es sind gerade 
diejenigen Bedeutungen berücksichtigt worden die weggelassen werden durften 
(es handelt sich ja um eine tropische Fledermaus!), und diejenige weggelassen 
die berücksichtigt werden muíste. Die im Diet gèn. getroffene Auswahl ist 
mir in so manchen Fällen unverständlich. 



348 VERMISCHTES. U. ZUR WORTGESCHICHTB. 

Franz. plie „Scholle". 

Das Diet. gen. erklärt plü: „poisson plat, dît aussi carreUf*. 
Ganz abgesehen davon dafs carrelet strenggenommen die jange 
plie bezeichnet, genügt diese Erklärung nicht Es ist wahr dafs 
in den Benennungen der Fische grofse Verwirrung herrscht, aber 
eben deshalb war ein solches Wörterbuch verpflichtet so viel wie 
möglich Ordnung zu machen. Plie ist zuvörderst ein Gattungs- 
name, entsprechend unserem „Scholle*^ (so gibt das Diet. gén. den 
flet und die limande als zum „genre plie" gehörig an) ; der französische 
wie der deutsche Name gilt dann insbesondere fiir einen Fisch 
dieser Gattung und pflegt da wo es auf Genauigkeit ankommt, mit 
einem Zusatz versehen zu werden: plie franche „gemeine Scholle" 
(auch „Maischolle"). So ganz richtig bei Sachs, der auch den 
wissenschaftlichen Ausdruck „pleuronectes platessa" hinzufugt Das 
Diet. gén. durfte auf die lateinische Terminologie hier und über- 
haupt nicht verzichten. Der flet „Flunder" (pleuronectes flesus L.) 
heifst zuweilen plie vaseuse, Scholle und Flunder sind sieh so 
ähnlich dafs man sich nicht wundern kann wenn der Name jener, 
die im Mittelländischen Meer kaum vorkommt, hier auf diesen 
übertragen wrrd. Das Diet gén. sagt bezüglich der Etymologie 
von plie\ „pour plis; plus anciennement pleïs, plais (cf. Tangl. plaice)^ 
d'origine inconnue." Stillschweigend wird hier die allgemein an- 
genommene Herleitung vom lat platessa abgelehnt; warum? Dieses 
Wort das sich in dem pléïsse, plisse^ plaise französischer Mundarten, 
sowie im holl. pladijs, deutsehen Platteis(e) oder ^eisse unverkennbar 
erhalten hat, begegnet uns auch im Süden wieder als gask. platusso 
(daher das in den Wörterbüchern der Schriftsprache verzeichnete 
platuse, plateusei\ port, patruça i, gal. pratucha, platucha, span, platija^ 
platuja, kat. platussa\ vgl. serb. (nach Krisch) platusa „Seezunge" 
(solea vulgaris = pleuronectes solea L.), plattàica „Lammszunge" 
(eucitharus linguatula = pleuronectes linguatula L.). Abgesehen 
von dem Wechsel der Endung, die im späten und spätesten 
Latein als -/wo, -wa, ^esiay -usa erseheint (man vergleiche siz. pianussa, 
dessen Stanmi sich im langued. plano'^ wiederfindet), springt die 
doppelte Form des Stammes: plat- und platt- in die Augen. Da 
für jene ein so altes Zeugnis vorliegt, wird man geneigt sein diese 
für die daraus entstandene zu halten, und somit auch das un- 
zweifelhaft damit in Verbindung stehende romanische Adjektiv *platto 
auf ein *platus zurückzuführen, welches dem gr. jtXarvç entspräche 



^ A. A. Baldaque da Silva Estado actual das pescas em Portugal 
S. XII. 44. 45 bietet patetica im Sinne von „Flunder**; sollte das nicht ein 
dreimaliger Druckfehler für patruça sein? S. 507 sagt er: j^pcUructa^ peixe da 
fórma do redovalho [lies „rodovalho**; es ist der Steinbutt], mas mais branco 
e menos saborosò**. 

' Nach Rolland ist dies „platessa limanda*', aber nach Cams ist es 
„pleuronectes flesus", und bei ihm fehlt die Limande unter den Mittelmeer- 
fischen, während La Blanchère allerdings ihr Vorkommen im Mittelmeere 
erwähnt 



FRA.NZ. TÜRBOT | (o. DORNBÜTT). ISCHL ¡ INSULA? 349 

(das von demselben Stamm gebildete jcXá&arov, -ávi] lebt meiner 
Meinung nach in friaul. pládine u. s. w. fort). Indessen liefse sich 
für die Verdoppelung des / schwer eine Ursache ausfindig machen 
(etwa der Einflufs eines nordischen flai-i), und so möge denn 
eine andere Vermutung hier geäussert werden. Nicht *plaius, 
sondern *pIaiuos ist die Grundform, und daraus entweder in früher 
Zeit (wie in lat. vùia^ wenn es zu gr. ïrvç, Ixéa gehört) oder in 
späterer (wie in quaiior, ^baiieret ^futiere) *plaiius entstanden. In 
^plaiuessa hingegen wäre das u als vortoniges spurlos geschwunden, 
wie in span, badajo, hoder. Ob der nXaxa^ der Alexandriner 
den Flunder bezeichnet hat, wissen wir nicht. Wohl aber gilt 
dieser den Kelten als „Plattfisch" schlechtweg: ir. leaihóg, kymr. 
lledattf Ikdettt Plur. lled-au zu ir. leathan^ kymr. llydan, lledan, bret. 
ledati „breit"; wenn wir auch hier neben Formen mit -/- andere 
mit -//- haben, so handelt es sich um einen ganz verschiedenen 
Stamm: kymr. llythi-en zum Plur. llyih-i, bret liz-enn, Plur. liz^ed 
zu kymr. Ilyih „platt". 

H. Schüchardt. 



Franz. turbot \ (d. Dornhutt). 

Das Diet. gén. bemerkt, zu turboi: „origine incertaine", doch 
sei die Herkunft von lat. turbo nicht unmöglich, wenngleich die 
Endung unerklärt bleibe. Das norm, turbillon neben turboHuy „junger 
Steinbutt" könnte dieser Vermutung eine kleine Stütze geben, wenn 
hier nicht eine Verwechselung mit torpille, turpüle „Rochen" im 
Spiele wäre. Das etymologische Räthsel ist leicht zu lösen. Der 
rhombus maximus (pleuronectes m. L.) wird nach den Knochen- 
höckern benannt mit denen er besetzt ist, so in Süditalien rombo 
petroso, so in Südfrankreich romb clávela, so in Deutschland Steinbutt^ 
Dornbuit\ vgl. Dornhai, Dornroche (ital. razza petrosa oder spinosa, 
südfranz. dovelado). Turbot ist nichts Anderes als Dornbutt, engl. 
thornbut, nur dafs eine skandinavische Form vorausgesetzt werden 
mufs, mit torn- (schwed.), torn- (dän.). Ob eine solche in älterer 
Zeit vorkommt, weifs ich nicht, jedenfalls heifst die Steinbutte heute 
pigghvarf, pighvar, worin aber ebenfalls ein Wort für „Dorn" 
„Stachel" steckt: schwed. pigg^ dän. pig, 

H. SCHUCHARDT. 



Ischi \ Insula? 

Vor Jahren kam es einmal in Ischi wie eine plötzliche Er- 
leuchtung über mich dafs IsM nichts Anderes sei als Ischia nach 
Ascolis Deutung. Den Vorsatz wenigstens dieser romanischen 
Etymologie mich ganz im Stillen zu erfreuen gab ich auf als ich 
G. Grassos von Kärtchen begleitete „Ad uno articolo glottologico 
del sen. prof. Ascoli illustrazione geografica" (Rendiconti del R. 1st 



350 VERMISCHTES. H. ZUR WORTGESCHICHTB. 

Lombardo ser. II, vol. XXXU [1899], 640 if.) gelesen hatte. Zunächst 
berührte sie sich allerdings in mir mit einem ganz allgemeinen 
Interesse. Die Ortsnamenforschung, die ja schon viele und schöne 
Früchte gezeitigt hat, fufst immer noch nicht genug auf dem Sach- 
lichen. Wenn auch dieses oft durch jene erschlossen wird, wenn uns 
z. B. Aunay einen ehemaligen Erlenhain oder Aurillac einen ehe- 
maligen Besitzer Aurelius bezeugt, so benötigen wir doch ebenso 
oft zum richtigen Verständnis des Namens die Kenntnis der ört- 
lichen Umstände. Manchmal steht das Grundwort selbst nicht fest, 
manchmal wenigstens seine Bedeutung nicht. Besonders unter den 
Bezeichnungen für den nach Lage, Art, Bewachsung verschiedenen 
Boden finden sich viele welche einen unbestimmten, schwankenden, 
verblafsten Sinn haben; man halte nur einmal wegen solcher 
deutschen Ausdrücke wie Au, Anger, Brühl, Gelände, Halde, Heide 
u. s. w. Umfrage, und nicht blofs unter den Schulkindern, und man 
wird sehr voneinander abweichende und sehr unsichere Antworten 
erhalten, ja, mancher wird nur dem Bewohner einer gewissen 
Gegend, mancher nur dem Dichter, mancher nur dem Fachmann 
bekannt sein. Damit hat nun die Ortsnamenforschung zu rechnen. 
Vor einiger Zeit beschäftigte ich mich mit dem span, nava (Ztschr. 
XXIll, 182 if.); die mit dem Gattungsnamen, der Herkunft nach, 
zu verbindende Vorstellung schien mir in neuerer Zeit verdunkelt, 
aber auch durch die zahlreichen Ortsnamen nicht in gleicher Weise 
vertreten zu sein. Ich konnte mich nur auf dürftige, oberflächliche 
geographische Angaben stützen: Pläne und Profile wären nötig 
gewesen um mich erkennen zu lassen, innerhalb welcher begriff- 
lichen Grenzen überhaupt dieser Name verwendet worden ist 
und ob sich dabei die Verschiedenheit der Gegenden geltend 
gemacht hat Auch die Frage wäre dann eher zu beantworten 
gewesen ob nicht in manchen Fällen der Ortsname, statt unmittel- 
bar auf dem Gattungsnamen zu beruhen, einem älteren Ortsnamen 
nachgebildet wurde. Zu jenen als Ortsnamen sich festigenden 
Gattungsnamen welche sowohl der etymologischen Mitbewerber- 
schaft als des eigenen schillernden Sinnes wegen besondere Be- 
achtung verdienen, gehört insula im Romanischen. Ich habe es 
hier nicht mit der Übertragung auf Ähnliches doch Getrenntes 
(wie „Häuserinsel'*) zu thun, sondern mit einem die allmähliche 
Veränderung der Sache selbst begleitenden Vorschreiten des Wort- 
gebrauches. Ein Flufs der sich anfanglich in Krümmungen dahin- 
windet, durchschneidet bei starkem Anwuchs eine Landzunge; es 
entsteht eine Insel oder Sandbank; das Altwasser versandet, trodmet 
dann allmählich aus; die Insel wächst schliefslich an der andern 
Seite fest, verrät aber auch noch später ihren alluvialen Ursprung, 
kennzeichnet sich durch die Bewachsung. Dieser Naturvorgang 
spiegelt sich ab in der Geschichte der beiden Wörter welche im 
Deutschen erst spät durch das Lehnwort Insel verdrängt worden 
sind, nämlich Au und Werder (vgl. auch niederd« Holni). Ich be- 
schränke mich darauf die Bedeutungen anzuführen welche das 



ISCHL ¡ INSULA? 351 

Schweizerische Idiotikon für das jetzt nicht mehr appellative Au 
verzeichnet: „i. Insel, Halbinsel ... 2. Gelände an einem 
Gewässer, wasserreiche Ebene an einem See, auch überhaupt 
sumpfige Wiese ... 3. Landstrich längs einem Bache oder Flusse, 
zugeschwemmtes Grienland, meist mit Gebüsch und Gras be- 
wachsen, etwa zu Weide dienend ... 4. das Gesträuch selber" 
[es geht vorher: „Domstauden oder Erlenstauden aus der Au"]. 
Dabei wird auf a ¡las Agnas = in der Au „sumpfige Gegend am 
Inn" verwiesen. Schweiz. Ei, Eie (wohl eine Nebenform zu At^ 
hat fast den gleichen Begriifsumfang (s. ebend. I, 18). Aber auch 
Schweiz, hei kommt in solch allgemeinerem Sinne vor (s. ebend. 
I, 346): yjselgouw hiefs vormals das Berner Seeland, als von Ge- 
wässern überall umgeben" — ^Waide und isel, die gelegen sind 
zwüschent dem Gel engen [Flufs Glenner] und der stat ze Inlanz* 
1344 ILANZ." Man übersehe nicht den romanischen Charakter von 
Ilanz. In entsprechender Weise verhält es sich mit insula und 
seiner Sonderform iscla\ nur wird uns leider, bei der Erwähnung 
der letzteren, gern die nähere Auskunft über ihre Verwendung vor- 
enthalten. So begnügt sich V. de Bartholomaeis in seinem „Spoglio 
del Codex diplomaticus cavensis" (Arch, glott. it. XV) S. 345 damit 
das sehr häufige Vorkommen von iscla (auch iscliiella\ ist dies 
das hchitella in der Capitanata?) festzustellen. Ital. isola dient 
auch zur Bezeichnung der niedern und zeitweiligen, d. h. neu 
entstehenden und leicht vom Wasser bedeckten Inseln, was ich 
nur deshalb bemerke weil dafür an verschiedenen Orten besondere 
Ausdrücke bestehen, wie bonello, in der Lombardei und Venezien 
mezan, zu Cremona haloutteen, zu Mantua baloiin, C. Avolio 
Suppl. air Arch, glott. it. VI, 86 gibt die Bed.: „isola tra due 
fiumi o nel greto dello stesso fiume" für das mir sonst nicht be- 
kannte siz. isca an. G. di Giovanni (bei Traina) bemerkt: y^isole 
chiamano in alcune parti i terreni alluvionali presso al fiume Pla- 
tani, aventi per lo più la forma di promontorio." Aus Repettis 
Wörterbuch führt S. Pieri Suppl. all' Arch, glott it. V, 150 an: 
„Molte piagge o greti anticamente investiti e circondati dalla bifor- 
cazione d'un fiume o dalla confluenza di due corsi d'acqua diversi, 
ebbero il nome d' isola,^^ Im Südfranzösischen bedeutet — um 
nicht die Stelle aus DC. zu wiederholen — Mistral zufolge isclo, 
das in der Rhônemundart auch noch den ursprünglichen Sinn hat: 
„alluvion, greve, terrain plat couvert de buissons et d'arbrisseaux 
qui se trouve le long des rivières." Engad. isla wird im Pallioppi- 
schen Wörterbuch auch mit der Bed. „Gebüsch am Ufer, am 
Wasser" angegeben, und dazu als Eigenname gestellt: Islas „Gegend 
am Inn bei Celerina"; Truoch (T Islas „Feldweg unter Cresta (bei 
Celerina), gegen den Inn zu". Auch das südsard. isca scheint sich 
auf den Pflanzenwuchs selbst beziehen zu können ; V. Porru hat 
wenigstens: „isca, cannèdu, isca de canna, cannèlo". Grasso, dessen 
Untersuchung sich auf die Namen im Gebiete des samnitischen 
Apennins beschränkt, kommt zu dieser allgemeineren Bestimmung 



35 2 VERMISCHTBS. IL ZUR WORTGESCHICHTB. 

von ischidf tsca: „un terreno sabbioso ed umido, dovuto special- 
mente all' azione delle correnti fluviali'' (S. 645). Für das Iscüi 
Venezìens, das von C. Battista in einem auf der dritten italienischen 
Geographenversammlung gehaltenen Vortrag „Intorno ad una rac- 
colta di termini locali attinenti a fenomeni fisici od antropogeogra- 
fici'* (ich kenne ihn nur aus Grassos Anführung) behandelt worden 
ist, wird die Bedeutung angegeben: „terreno sabbioso fluviale messo 
a coltura di recente'' (ebend. S. 646). Wenn nun aber ischial tsca 
sich sehr häufig auf ein zwischen zwei zusammenstofsenden Flüssen 
gelegenes Gebiet bezieht (ebend. S. 644), so läfst sich doch die 
Frage nicht unterdrücken ob hier nicht sowohl das geologische als 
das rein geographische Moment mafsgebend war, ob man nicht 
die Halbinsel als Insel ansah, was sich mit gr. VTjÚoq^ aisb. ¿esiroA 
(vgl. Algeciras) u. s. w. belegen liefse; wird doch umgekehrt mit 
inieramnus, Interamna nicht blofs das zwischen zwei zusammen- 
stofsenden Flüssen, sondern auch das zwischen zwei Fiufsarmen, 
also innerhalb eines Flusses gelegene Gebiet bezeichnet Was 
Iscla als rom. Ortsnamenform anlangt, so ist es sowohl in öst- 
licher wie in nördlicher Richtung auf das vorärlbergische Ischgl 
bis an die Grenzen der jetzigen Romania vorgeschoben. Im 
Pallioppischen Wörterbuch wird aus Campell (16. Jhrh.) entnommen: 
„Von Sclamischot (im Kreis Remüs) den Inn weiter hinab, aber 
auf dessen linkem Ufer, folgen las Isdas,^* Und in Südtirol gibt 
es aufser dem schon von Ascoli erwähnten Jschia (am Ostufer des 
Sees von Caldonazzo) noch andere Orte dieses Namens, wie aus 
Chr. Schneller Tirol. Namenforschung (1890) S. 84 zu ersehen: 
f, Ischia, urk. Iscla, Hiscla, Yscla, Isclella, oft vorkommender Name 
für Lagen an Flüssen (Inseln, Auen) mit allerlei Beifügungen, von 
lat. insula,*^ 

Wegen der Orte Ischgl und Ischi, die auf einst romanischem 
Gebiete liegen, bin ich meine Kollegen £. Richter und A. Meli 
und durch Th. Gartner u. A. den Altmeister Schneller um geo- 
graphische und urkundliche Auskunft angegangen. Nun sehe ich 
zwar im letzten Augenblick dafs schon A. Kubier Die suffix-haltigen 
romanischen Flurnamen Graubündens I (1894), 27 diese beiden 
Namen zu Ischia und zu bündn. Isla (Ruaun, Levg., Trins u. s. w.), 
welches „seltener Insel als Au d. h. Land am Wasser" bedeute, 
sowie Islas (Silvapl., Scanfs u. s. w.), Eigslas (Bergün), Eislas 
(Filis.), Igsles (Zutz) gestellt hat (vgl. Isella^ S. 53); denke aber 
doch dafs das was ich gesagt habe und noch sagen werde, da- 
durch nicht ganz überñüfsig gemacht wird. Ischgl das schon im 
14. Jahrh. als Iscla seu Augea (= Ati) vorkommt, liegt staifelfôrmig 
auf einem vorspringenden Hügel zwischen den im spitzen Winkel 
sich treffenden Trisanua und Fimberbach (Paznaunerthal). Wenn 



^ Hierzu aus dem Wörterbuch der Pallioppi: „Isella Feldgegend ob 
Celerina, an der Ausmündung der Schlatainschlucht Isellas Maiensfiss und 
Ebene am Inn, östlich der Au." 



ISCHL ( INSULA. FRANZ. PERMAINE. 353 

die Sage meldet dafs dort einst ein See gewesen sei, so wird das 
wohl nur die geologische Thatsache ausdrücken dafs der Boden 
auf dem Ischgl gegründet worden ist, eine Schotterterrasse bildet 
Ischgl heifsen auch zwei von einander entlegene Bauernhöfe in 
Lajen (zwischen der Eisack und dem Grednerbach). Bei dem 
oberöstreichischen Ischi ist die Herleitung von insula nicht ohne 
alles Bedenken, wenn auch wahrscheinlich. Die Lage zwischen 
der Traun und dem einmündenden Ischlbach entspricht. Aber 
wenn wir nun annehmen wollten dafs der letztere nach dem An- 
siedlungsort benannt worden sei, wie sich ja das von vielen Ge- 
wässern nachweisen läfst, so stellt sich dem die Thatsache ent- 
gegen dafs die Ischi, als Iscala u. ä., Jahrhunderte früher als der 
Ort erwähnt wird, dieser erst im 12., jene schon im 8. Allein der 
Name ,Jnsel" den so manche Orte tragen, haftete wohl meistens 
schon vor ihrer Entstehung an dem Boden, und am Wahrschein- 
lichsten ist das bei Ischi; denn die beiden Wasser treffen sich nicht 
in einem spitzen Winkel, sondern in einem Kreisbogen, sie schliefsen 
eine mehr als halbkreisförmige Halbinsel ein — oberhalb fìndet 
sich in der That eine gewisse Einschnürung. Kleinere Flüsse 
werden gewifs an der Mündung in den gröfseren benannt und 
vielfach nach irgend welchen Umständen der Mündung selbst; so 
konnte die Ischi den Namen der von ihr bespülten Au erbalten, 
während sie höher hinauf, wie noch heutzutage, den allgemeinen 
Ache führen mochte. Es käme darauf an bestätigende Analogieen 
zu sammeln, vor Allem von ifisula als Bachnamen — einen Flufs 
Isclero führt schon Ascoli an, da haben wir es allerdings mit einer 
Ableitung zu thun. Ein zweiter Punkt bereitet weniger Schwierigkeit 
Es wird der Name Ischi den Römern von den Kelten streitig ge- 
macht; Holder Altcelt Sprachsch. U, 77 zählt unter *IsC'ära die 
Hisscar in Belgien, die Ischer im Elsafs und unsere Ischi auf. Aber 
zwischen Iscala und Iscara ist doch ein Unterschied; und selbst 
bezüglich der ersten beiden Flüsse ist mir die Herkunft von einer 
Weiterbildung des keltischen Isca^ welches ja unzweifelhaft z. B. im 
Saargau als Isch fortlebt, nicht sicher. 

H. SCHUCHARDT. 



Franz. jpermaine. 

G. Paris sagt Rom. XXIX, 615 dafs ich seine Einwendungen 
gegen per main \ permagnam Rom. XXVIII, 635 als „non avenues" 
betrachtet habe. Das ist nicht der Fall; sie sind mir nur ent- 
gangen. Aber wenn sich auch die Förstersche Herleitung nicht 
stützen lassen sollte, so sehe ich doch auch keine Gründe die zu 
Gunsten von permagnam sprächen. Ich messe in dieser kleinen 
Streitfrage der Erklärung von parmain (Baustein) einiges Gewicht 
bei; doch mein Wunsch — .... petimusque vidssim — nach 
näherer Auskunft ist nicht befriedigt worden. Ich bemerke jetzt 

Zeiuchr. £ rom. Phfl. XXV. 23 



354 VERMISCHTES. H. ZUR WORTGEläCHICHTE. 

noch dafs auch für die alte Zeit ein *Parmanus neben Parmensis 
nicht durchaus unwahrscheinlich ist; findet sich doch der Wechsel 
zwischen beiden Endungen sogar nach -«: Inieramnanus : Inieram' 
nenstSt Senanus : Senensis, Ja es könnte vielleicht in parmigiano 
Parmensis + *Parmanus stecken, wie in montigiano moniensis + mon* 

^^^^' H. SCHUCHARDT. 



Ital. saia, saio, frz. saie. 

Schon Diez hatte Wb. I 280 fragend die Vermutung ausge- 
sprochen, dafs ital. saia aus saga ein Lehnwort wie er meinte aus 
dem Provenzalischen sei, sich über die anderen Formen abernicht 
näher geäufsert, Gröber dann mit Entschiedenheit betont, dafs ein 
Wandel von sag- zu sai- in Spanien und Italien nicht möglich sei, 
vielmehr die ihn scheinbar aufweisenden Formen als Lehnwörter 
aus dem Französischen aufzufassen seien, s. Arch, la t Lex. V 456. 
Das ist gewifs richtig und wichtig, dagegen bedürfen die zwei 
Formen ital. saia und saio und auch frz. saie noch einer sorgfälti- 
geren Untersuchung mit Bezug auf die Bedeutung, wodurch die 
Angaben von Diez, Gröber und dem Diet. gen. eine kleine Be- 
richtigung erfahren. 

Das französische Wort, um mit diesem zu beginnen, hat zwei 
Bedeutungen: 'manteau d^étoífe grossiere* und * étoffe croisée très 
légère, toute de laine, servant surtout à faire des doublures'. Dazu 
sa}fon * sorte de casaque ouverte que portaient les paysans, les sol- 
dats', also deutlich eine Ableitung von saie I, und say ette 'petite 
serge de soie ou de laine', ebenso deutlich zu saie II gehörig. — 
Die beiden Bedeutungen finden sich im Italienischen wieder, aber 
zugleich mit verschiedener Form des Wortes: saio ist ein 'weites 
grobes Wams', saia 'dünnes und leichtes, nicht gerade feines 
Wollenzeug', dann auch hier saieita 'dünner Sarsch' (Rigutini- 
BuUc). Span, sayo, saya, portug. saio, saia dagegen entsprechen 
beide saie I. 

Ich glaube nun nicht, dafs saie I, II identisch sind, halte 
vielmehr saie II für eine Parallel form von soie, lat. seta. Der Ge- 
danke ist, was ital. saia betrifft, nicht neu, vielmehr hat schon 
U. A. Canello ganz richtig erklärt saia 'seta, una specie di stofia, 
novel 1. 88 gli calzò brune calze di saia ovvero di seta* (Arch, glott 
111 386). Allerdings kann man einwenden, dafs an dieser letzteren 
Stelle saia einen anderen Stoff bezeichnen kann als das heutige 
saia oder frz. saie. Allein auch dieser Einwand ist nicht stich- 
haltig. Dafs serge, sarge von lat. serica stammt, ursprünglich also 
ebenfalls einen Seidenstoff bezeichnet, ist unbestreitbar, und der 
als Futter verwendete Stoff, den man hier zu Lande 'Sarsch' nennt, 
ist zwar ein wollener oder baumwollener, zeichnet sich aber durch 
seinen seidenartigen Glanz vor dem eigentlichen wollenen oder 
baumwollenen aus, so dafs es sofort verstandlich ist, dafs er mit 



Vf. mbtbr-iObke, ital. saia, í 



355 



I 



einem Namen belegt wird, der ursprûuglich seidenem eignete. 
Dazu kommt Temer, dafs die Ableitung tayiile auch wieder auf 
'Seide' weist. Der umgekehrte Weg der Bede ulungsent Wickelung 
scheint mir sachlich unmöglich, denn Mantelstoffe sind keine Futter- 
stoffe. Dazu kommt ein Weiteres. Das Wesentliche, Eigenartige 
der saie ist im Mittelalter die schwarze Farbe gewesen, und iwar 
in solchem Grade, dafs Adcnet geradezu den Vergleich wagen 
konnte un drap noir com saie (Berte 37), ein Vergleich, der Scheler 
(Anra. zu der Stelle) und gewifs vielen andern nicht ganz verständ- 
lich war, da man daraus allein doch nicht wohl schliefsen durfte, 
dafs die sati überhaupt 'schwarz' gewesen sei, der aber sofort das 
Befremdliche verliert, wenn man damit Barb. u. M, I 345, 2298 
zusammenhält, wo ein Geistlicher sagt mais por ee, se vest noires 
saies El il tesimi les robes vaires. Ne lor desplaise mes affaires, welche 
Stelle mir A. Tobler auf meine Frage nach der genauen Bedeutung 
jenes Vergleiches freundlichst nachwies. Der Stoff saie abet kann 
zwar schwarz sein, ist es aber nur ausnahmsweise, so dafs also 
auch nicht Gleichheit der Farbe die B e deu lungs Verschiebung er- 
klären konnte. 

Man würde also in einem französischen fl omo nymen Verzeichnis 
■ 1 'Mantel' von lat saga, saie li 'Art Stoff' von lat. stia an- 



zusetzen haben. 



W. Meyek-LCbke. 



I 



Ital. uscio, frz. huis. 

In den 'Forschungen zur romanischen Philologie, Festgabe 
fiir H. Suchier' S. 596 schreibt C. Voretzsch 'çslium > uíis, «is. «j' 
und bemerkt in der Fufsnote z dazu 'ao und nicht oslium, wie 
schon W. Foerster mit speziellem Hinweis auf die provenzalischen 
Formen in Rom. Stud. Ill 181 gelhan hat'. Allerdings hat Foerster 
a. a. 0. das gethan und er hat sich auch Zs. III 500 ähnlich ge- 
äufsert: 'Schwierig ist die Entwicklung des lateinischen ostium in 
den einzelnen Sprachen zu erklären. Wenn wegen lai. üs, oris ein 
osUam sich annehmen läfst, so sind ital. uscio, altlomb. usso, allspan. 
UMO, tiro!, uè, churw. üS, ïé, wal. Uf3 nach unserer Regel (d-J-'' ^ 
w + 1) zu erklären . . . Damit möchte man ohne weiteres frz. uis, 
sogar US (im Reime mit sus Perciv. Ill S. 34), prov. uis (reimt mit 
perluis), US (: plui, desus) erklären. Allein daneben findet man 
prov. die Nebenform ueis, also dilium, was für frz. uis ebenso aus- 
reichL' 

Es braucht nicht besonders bemerkt zu werden, dafs dieses 
tfslium für alle anderen Sprachen nicht pafst und dafs frz. uis nichts 
entscheiden kann, wie Foerster selber andeutet. Schwer ins Ge- 
wicht würden die östlichen Formen fallen, die Horning Zs. XIV 377 
für Sslium anführt: 'lothr. Sh, metz. (¿li, lütt, ôj;, während ustium 
hier üh' ergeben hätte'. Aber ich kaim mich nicht überseugen« 
dafs Hornings Auffassung zwingend sei 



356 VERMISCHTES. II. ZUR WORTGESCHICHTE. 

Ich beginne mit der Lûtticher Form. Hier haben wir (Zs. 
IX 485) kü/ aus coc/ûf ñy aus hodie, üy aus oaüu, fqy aus folia^ 
kqh aus coxa, sodann frü aus fructu. Man sieht also, dafs qi und 
ni unter üi zusammenfallen aufser vor é (K) und j/, wo scheinbar 
die Diphthongierung des q ganz unterbleibt {^oK, foy) oder wo 
das i'-Element des ü sich mit dem y verbindet Die Verschieden- 
heit zwischen foy und /7y, die zunächst auffallt, mufs in der ver- 
schiedenen Stellung des Í ihren Grund haben. Während wort- 
schliefsendes primäres i (uy aus àodie) und aus / entstandenes den 
Wandel von üi zu «/ bewirkten, hatte intervokalisches y aus /' wie 
h' zunächst die Absorbierung des /, dann Kürzung und Wandel 
von u zu q zur Folge. Wenn nun u)^ aus ms nicht mit koh' ans 
coxa geht, so entspricht das zwar völlig dem Unterschiede zwischen 
uy und /oy, wenn aber dies uy erst aus wV entstanden ist, so kann 
auch uh' auf üis zurückgehen, und wir können also so wenig als 
im Central französischen eine Entscheidung zwischen den zwei 
Grundlagen *iistium oder qstium treffen. 

Auch mit den Metzer Formen verhält es sich ähnlich. Bei 
C. This, Mundart von Falkenberg S. 92 findet man köK aus coxa 
neben oK aus ostia, oy aus oculu neben Joy aus folta, endlich oedü 
zu hodie, trüy von troia. Hier scheint mir nun q vollends ausge- 
schlossen zu sein. Die Reihe ueiè > ucè '^ ôè'^ oh dürfte die ein- 
zige für koh' mögliche sein , dann kann aber oh' nur auf ûiè > uiè 
> uè beruhen. 

Was endlich oh' statt üh' in den von Horning behandelten 
Grenzdialekten betrifft, so mufs ich trotz Hornings Einspruch an 
meiner alten Erklärung festhalten: da putida daselbst über piiie zu 
pote, jüstis zu dz'ot, *hukka zu höe, suctiat zu söe wird (Grenzdialekte 
§117), d.h. also gedecktes ü sich in ö wandelt, so liegt nichts 
im Wege, auch *üh aus ustia zu oh' werden zu lassen. Gewifs 
sind die Grundlagen verschieden, wie H. bemerkt, aber im Laufe 
der Entwickelung können die Wörter eine gleiche Gestalt ange- 
nommen haben. 

Die Sache liegt also so, dafs sich in Ermangeltmg eines 
zweiten ähnlich gebauten Wortes nicht mit Sicherheit sagen läfst, 
wie üstium sich hier entwickelt habe, dafs aber die Verschiedenheit 
des Vokals in seinen Vertretern und in denen von coxa ein qstium 
aussschliefst oder doch sehr wenig wahrscheinlich macht 

Andere zweifelhafte oder gar q verlangende nordfranzösische 
Formen sind mir nicht bekannt, denn wenn z. B. Niederländer 
namur. uè unter q einreiht (Zs. XXIV 27), so zeigt ein Blick auf 
§53 (S. 252) seiner Arbeit, dafs es ebenso gut unter ü Platz 
fände. 

Was nun prov. ueis betrifft, so lehrt Mistrals Trésor, den zwar 
Foerster noch nicht heranziehen konnte, den Voretzsch aber, wo 
er sich schon zu den vielen andern (auch zu Suchier, Afirz. Gr. 
§24, 3), die seither das Wort stets als üstium ansetzten, in Gegen- 
satz stellte, hätte einsehen müssen, dafs die heutige Sprache von 



W. MEYER-LÜBKE, ITAL. USCIO, FRZ. HUIS. 357 

einer solchen Form nichts weif s ; so bleibt nur die alte und wiederum 
ist in ihr, wie schon Foerster andeutete, durch Reime nur «/>, us 
gesichert, für ueis giebt Raynourd einen einzigen Beleg, der gegen 
so viele andere sicherere, von Rumänien bis Spanien reichende 
nicht ins Gewicht fallen kann, auch von Gröber Arch, lat lex. 
VI 14g schon beanstandet worden ist 

Führen also die romanischen Sprachen auf üs/tum, so bedarf 
das u statt 5 nun noch der Rechtfertigung von Seiten des Latei- 
nischen, wenn anders man ihm einige Sicherheit geben will. Dafs 
man nicht einen Umlaut in der Zeit, wo p und ^ qualitativ zu- 
sammengefallen sind, zu sehen hat, lehren ohne weiteres die Ver- 
treter von angustia: ital. angoscia, frz. angoisse, prov. angueissa, span. 
congoja, und damit erledigt sich die Erklärung, die man aus Foer- 
sters Bemerkungen Zs. UI 500 herauslesen könnte. Aber auch 
Parodis Versuch, für das Lateinische einen Umlaut ö — i> u — / 
nachzuweisen (Studi di filologia classica I 438) ist wenig wahr- 
scheinlich und von dem Verf. selber nur als 'molto probabile* be- 
zeichnet: Warum "wká /avönius nicht zw favüniusl^ 

Die Rechtfertigung ist vielmehr in ganz anderer Richtung zu 
suchen. Neben ostium steht, wie schon oft betont wurde, belegtes 
austia (vgl. in neuerer Zeit Havet, Mém. soc. lingu. IV 234, Thur- 
neysen, Zs. vergi. Sprachf. XXVIII 157, J. Schmidt, Pluralbildungen 
d. indog. Neutra 407, i, F. Stolz, Lat Gramm. 164, Lindsay, Die 
lat Sprache 300). So sonderbar es nun auf den ersten Blick 
scheinen mag, dem Paare ostium austium noch ein drittes Glied 
üstium beizufügen, so hat doch diese Dreiheit ihre vollständige 
Entsprechung in rodus raudus rudus und in nogae nügae nauga- 
toriae. Damit könnte man sich nun wohl vom romanistischen 
Standpunkte aus beruhigen, doch mag noch ein Wort über das 
gegenseitige Verhältnis der drei Vokale erlaubt sein. 

Dafs in ostium austium ein indogermanischer Ablaut vorliegt, 
hat J. Schmidt a. a. O. durch Hinweis auf skr. dshtha-s * Lippe', 
preufs. aus tin *Mund', die das alte au enthalten, gesichert Neben 

steht als Ablautstufe von au auch ü (vgl. /raus frustra), und so 
hat Kretschmer Zs. vergi. Sprachf. XXXI 453 nugae zu erklären vor- 
geschlagen. Das ist auch bei üstium und bei rudm möglich. Da- 
neben ist noch eine andere Erklärung zu erwägen, die die ange- 
deutete nicht ausschliefst i^ehen /raus fínéeX úc\í sed f rude (CLL. 

1 198, 64, wo also die Präposition betont und nachtoniges au wie 
immer zu ü geschwächt ist (claudere\ includere u. s. w.). So mochte 



* Foersters Anmerkung zum Karrenritter v. 12 ist mir wohl bekannt 
Wenn aber alle sicheren Formen auf o weisen, so darf man um einer ein- 
zigen , verderbten Stelle willen (um faün zu lesen, muíste man ein anderes 
einsilbiges Wort streichen) keine Grundform konstruieren, sondern wird logischer- 
weise sagen müssen , da ein afrz. faün nicht überliefert ist, da der Vertreter 
von favonium nach Mafegabe der anderen überlieferten Formen im Altfranzö- 
sischen fa{v)oin lauten müfste, so mufs hier irgend ein anderes Wort vor- 
liegen. [Vgl. jetzt Mussana Wiener Sitzber. 143, ii, S. cf. Korrektomote.] 



353 VERMISCHTES, n. ZUR WORTGBSCmCHTB. 

ZU einer gewissen Zeit neben austium ein in üstiOp de üsiiOf ex üsäo, 
per üsiium u. s. w. stehen, und da das Wort naturgemais oft mit 
Präpositionen verbunden wird, mochte die präpositionale Hf-Form 
auch an Stelle der au- bezw. ^-Form treten, besonders wenn unter 
bestinunten noch zu ermittelnden Bedingungen eine solche t^-Form 
auch sonst bestand. 

Sei dem wie ihm wolle, neben raudus rodus rudus, naugae 
nogae nugae kann ein *ustium zu austìum ostium nicht überraschen 
und die aus dem Romanischen erschlossene Gestalt pafst vollständig 
in den Rahmen des überlieferten Lateinischen hinein. Die ältesten 
Belege von ustiarius scheinen allerdings kaum vor das Jahr 500 
zu fallen, s. Schuchardt Vok. I 126. 

W. Mbter-Lübke. 



BESPRECHUNGEN. 



Teutsoh u. Fopea, Lehrbuch der rumänischen Sprache zumSchul- 
und Selbstunterricht. Kronstadt 1897. 

An einem guten Lehrbuche der rum. Sprache fehlte es uns seither, die 
Grammatiken von Cionca, Wechsler, Leist sind nur Notbehelfe. Umsomehr 
freuen wir uns, dafs ein deutscher und ein rumänischer Gymnasiallehrer sich 
zusammengethan und uns ein Lehrbuch beschert haben, das ohne Zweifel das 
beste der existierenden, fur Deutsche bestimmten Lehrbücher ist. Die Verfasser 
zeigen sich vertraut mit den Grundsätzen der neueren Methode, und in der Rand 
eines einigermafsen geschickten Lehrers wird das Buch sicher zum mundlichen 
und schriiUichen Gebrauch des Rumänischen fuhren. Dagegen zum Selbstunterricht 
ist das Buch seiner ganzen Veranlagung nach ungeeignet Da die Verfasser zu 
Verbesserungsverschlägen auffordern, mochte ich mir folgende Bemerkungen 
gestatten: Warum soll man deutsche Schüler mit etymologischer Orthographie 
quälen, da doch in Rumänien selbst die gemäfsigt phonetische bereits die Ober- 
hand gewonnen hat? â, ê, i fur denselben Laut, ^ neben »» ä neben ? etc. sind 
doch unnötiger Ballast. Die Regeln über die Betonung sind bei weitem nicht 
ausreichend, wie soll aus ihnen der Schüler erkennen, wo z.B. bei artete, 
epure, herbece, purece der Accent liegt? Wäre es da nicht besser als allge- 
meine Regel aufzustellen, dais der Accent auf der vorletzten Silbe liegt, und 
dafs alle Abweichungen durch den Gravis oder fetteren Druck, wie das bei 
den Vorübungen geschehen ist, bezeichnet werden. Mindestens mufste doch 
im Glossare hierfür etwas gethan werden; denn ich weiià aus Erfahrung, àaSs 
gerade der Accent dem Deutschen viel Schwierigkeit macht Da eine gute 
Volkssprache geboten werden soll, hätten Fremdworter wie gigante, periculos, 
zelos etc. wegbleiben sollen. S. 10 wird gesagt, dafs e im Anlaut wie ie ge- 
sprochen wird, dann müssen aber Wörter wie vezurä %^Murä geschrieben 
werden, sunt, suntem zu schreiben, halte ich für falsch, es heüst allgemein 
sînt, sintern, S. 27 topor heifst doch Beil, nicht Hammer. S. 54 nicht ^ése, 
^¿pte, sondern ^ase, ^apte sind die grofswalachischen Formen. S. 55 una (0) 
copila, dafür nur copila, S. 82 sie^ ist nicht gut, es mufâ /¿f{7 heiisen. 
S. 102 Die Bezeichnungen adunänd als Gerundium, S. 105 lucrätor als Mittd- 
wort der Gegenwart, lucrat als Mittelwort der Vergangenheit und gleich 
darauf dieselbe Form als Supinum sind für den Schüler verwirrend. Diese 
schematische Nachahmung des Lateinischen sollte in einem praktischen Lehr- 
bucbe vermieden werden. S. 123 neben dedeam hätte als Impf, dodi auch 
das sehr häufige dam angeführt werden sollen, auch sehe ich nicht ein, wamm 



36o BESPRECHUNGEN. PU. AUG. BECKER« 

nicht die Vokative mase, auf e, und fem. auf o weder S. 41, noch S. 136 er- 
wähnt werden. S. 147 morment ,yGrab** von mor „sterbe" abzuleiten ist Tolks- 
etymologisch. Andere Kleinigkeiten übergehe ich, Druckfehler bemerkte ich 
wenige (S. 157 orolegiü, S. 165 cumpSratul), Was aber unbedingt geändert 
werden mufs, ist die beimVerbum willkürlich eingeführte Fragestellung: S. 63 
am arat ,,ich habe gepflügt", arat-am „habe ich gepflügt?"; voM tacé „ich 
werde schweigen", tacé-vóuí „werde ich schweigen?". Auf diese Weise wird 
der Schüler systematisch zu einem groben stilistischen Fehler angeleitet, aof 
den er als Deutscher gar zu leicht von selbst verfallt, es hätte im Gegenteil 
gesagt werden sollen, dafs sowohl arat -am wie am arat beide afñrmativ sind. 
Nicht durch die Stellung, sondern durch den musikalischen Accent wird die 
Frage angezeigt. Ich zweifle nicht, dafs das gute Lehrbuch sich in den Neu- 
auflagen allmählich zu einem vortrefflichen gestalten wird, und wünsche ihm 
deshalb die weiteste Verbreitung. 

G. WSIGAND. 



Faul Bunge, Die Lieder und Melodien der Geifsler des Jahres 
1349 nach der Aufzeichnung Hugos von Reutlingen, nebst 
einer Abhandlung über die italienischen Geifslerlieder von 
H. Sohneegans und einem Beitrage zur Geschichte der deutschen 
und niederländischen Geifsler von H« FfannenBOhmid« Leipzig, 
Breitkopf und Härtel. 1900. 

Das Interesse an der Gesangskunst des Mittelalters hat P. Runge ver- 
anlafst aus der Chronik Hugos von Reutlingen die Stelle über die Geiisler- 
fahrt von 1349 samt den noch nicht veröff'entlichten Melodien abermals in 
Druck zu geben , um auch an ihnen seine Theorie über die ry thmische Lesung 
der mittelalterlichen Monodien zu prüfen. Ein Urteil darüber steht mir nicht 
zu. Auch auf Pfannenschmids Beitrag mufs ich mir versagen einzugehen, ob- 
wohl er in vielen Punkten zum Widerspruch reizt: namentlich scheint mir 
die Annahme einer einheitlichen centralen Oberleitung und planmäiingen Orga- 
nisation der Bewegung sowie die Voraussetzung einer von Anfang an bewniisten 
antikirchlichen Tendenz der Flagellanten anfechtbar. Ich halte mich an das 
Philologische. 

Was an deutschen Geifslerliedem auf uns gekommen Ist, zerfällt in zwei 
Kategorien. Einesteils sind es fromme Lieder allgemeiner Art, nicht ver- 
schieden von anderen geistlichen Dichtungen der Zeit; bei diesen ist es frag- 
lich, ob sie speziell für die Geifsler gedichtet und gesetzt wurden. Unbe- 
streitbares Eigengut der Brüderschaft ist hingegen der rituelle Gesang, wenn 
ich so reden darf, der zur Geifselung angestimmt wurde (vgl. p.36 — 40. 169 
— 170); im wesentlichen sind es nach einer kurzen Einleitung drei Leise 
(der dritte mit einem kleinen Anhang), nach welchen jeweils ein Kniefoll statt- 
fand und ein vierter Leis Jesus ward gelapt mit gallen abgesungen wurde. ~- 
[Den lateinischen Marienieich, den Hugo von Reutlingen am Schluls seines 
Berichtes eingetragen hat, berechtigt uns nichts als ein Lied des Flagellanten 
anzuschauen (vgl. p. 42. 177); es ergiebt sich keineswegs aus dem Zusammen- 
hang, und wenn Maria aufgefordert wird ihren Sohn zu bitten, tu dêmirgat 



RUNGE, DIB LIEDER U. MELODIEN DER GEISSLEK ETC 36 1 

sed ábstergat prorsus labern criminum, so zielt das nicht auf die Pest {labes), 
sondern heifst: Christus möge uns von der Befleckung (labes) der Sünde 
reinigen.] 

Dem rituellen Geifselgesang entspricht das wallonische Lied der Pariser 
Hs. Bibl. nat. fr. 2598, das Leroux de Lincy früher mitgeteilt und Pf. p. 179 ss. 
neu collationiert und abgeteilt abdruckt. Ich spreche von einem Liede, 
weil mir die Zusammengehörigkeit der beiden, als zwei Gedichte behandelten 
Stücke unverkennbar dünkt. Es sind im Ganzen 17 achtzeilige Achtsilber- 
strophen der Reimform ab ab ab ab (d.h. mit zwei Reimen verschiedenen Ge- 
schlechts in kreuzweiser Abfolge). An drei Stellen kehrt die gleiche Einlage, 
eine paarweis gereimte Vierzeile (aaßß) wieder, welche nichts anderes ist 
als die Uebersetzung der letzten vier Verse des deutschen Refrain -Leises 
Jesus ward gelapt mit gallen. Die Wallonen haben also diese sakramen- 
tellen Worte, welche die Stelle der Genuflexionen bezeichnen, wenigstens zum 
Teil übernommen; und hier finden wir die durch die Einheitlichkeit der 
Reimform angedeutete Einheit des Liedes aufs klarste bestätigt; denn nach 
der dritten Wiederholung heifst es deutlich : Relevons nous la tierce fie. Das 
wallonische Geifslerlied ersetzt demnach die zur Geifselprocedur vorgetragenen 
Leise, und, von jener wörtlich entlehnten Vierzeile abgesehen, stellt sie sich 
dar als eine selbständige Neudichtung in achtzeiliger Strophe, d. h. nach eigener 
Melodie. Es springt in die Augen, dafs dem Uebersetzer vor allem daran 
lag, den einmal in Uebung gekommenen Ritus der Geifselprocedur zu wahren; 
was Inhalt und Form betrifft, verfuhr er nach freier Eingebung. 

Seiner geschichtlichen Bedeutung wegen möge das Gedicht hier folgen 
mit den Verbesserungen, die Sinn und Versmafs gebieten. Ich nehme dabei 
eine gröfsere Umstellung vor, indem ich die 6. Strophe zur 10. mache, weil 
sie mir als Aufforderung zum zweiten Kniefall vor die zweite Aufforderung 
zum Aufstehen (Str. ii) zu gehören scheint; zur irrigen Verlegung der Strophe 
dürfte der inhaltliche Anklang an Str. 5 {aisil et fiel) den Anlafs gegeben 
haben. Auf diese Weise erhalten wir folgenden Aufbau des Liedes: Str. i 
Anrufung. 2 — 5 (vier Strophen) erste Geifselxmg und erster Kniefall; 6 erstes 
Erheben, Refrain, 7 — 10 (vier Strophen) zweite Geifselung und zweiter Knie- 
fall; II zweites Erheben, Refrain, 12 — 16 (fünf Strophen) dritte Geifselung 
und dritter Kniefall; Refrain; drittes Erheben mit Gebet. 



I. 

En commençant no penitance. 
Soit la vierge et la trinitez 
Et tout en parfaicte puissance 
Des cieulx li hauz divins secrez. 
Sire dieu, croissiez vo venjance. 
Les fruiz des ventres respitez; 
Car esté a en grant balance 
Longtemps toute crestientez. 



2. 

Or avant, entre nous tuit frère. 
Batons nos charoingnes bien fort, 
En remembrant la grant misere 
De dieu et sa piteuse mort. 
Qui fut prints de la gent amere 
Et vendus et trahis à tort. 
Et batu sa char vierge et clere. 
Ou nom de ce, batons plus fort. 



Varia lectio: i, i commencent. 2 trinité. 4 le haut divin secret 6 fhiis. 
ventrez. 8 eresiente. 



3^2 



BESPRECHUNGEN. PH. AUG. BECKER, 



O Mana, vierge royne, 
O temple de virginité, 
O glorieuse char divine, 
Depriez pour crestienté. 
Vo fìlz nous a monstre le signe 
De croix par la mortalité: 
Rapaisiez-lo, dame engeline, 
Et prenez no penance en gre 

O roy des roys, char précieuse, 
Dieux peres, filz, sains esperis, 
Vo sainctisme char glorieuse 
Fut pendue en croix par Juifz, 
Et là fut grief et douloureuse; 
Car de vo saint sane beneïs 
Fut la croix vermeille et hideuse. 
Loons Dieu et batons nos pis. 

5. 
Et en la douce remembrance 

De ce que tu feus abeuvrez 

Avec le crueux cop de lance 

D'aisil, o fiel fut destrampez, 

Alons à genoulx par penance, 

Loons dieu, voz bras estandez, 

Et, en Tamour de sa souffrance, 

Cheons jus en croix à tous lez. 

6(7). 

Or relevons de bon couraige 
Et devers le ciel regardons. 
Que de mort soudaine et de rage 
Dieu nous estint (?), coulpes batons; 
Et pour trestout humain lignaige, 
Biaux sires dieux, vous deprions 
Qu'il au part au pelerinaige. 
S'il vous plaist qu'aumosne facions. 



yhesus, par tes trois di^ytes noms. 
Fay nous de noz pechûz pardons; 
yhesus, par tes cinq rouges playes 
De mort soudaine nous délayes, 

7(8). 

Or rebatons no char vilaine, 
Que dieulx saulve crestienté 
Et deffende de mort soudaine. 
Et si pensons à la grieité 
De la grief mort dieu souveraine, 
Que, piez croisiez, chief endiné 
Et bras tenduz, ot en croix peine 
Avec la playe du costé. 

8(9). 
O royanlx vierge corps Marie, 

Dame, ta fus à son trespas. 

Tu fus dolente et esmarrie, 

Quant ses nerfs de piez et de bras 

Veïs rompre, sa char transie 

Et sa face endiner en bas. 

Terre croia et fut brisie, 

Souleil faillit, mort suscitas. 

9 (10). 

Par ceste mort, vray dieu de gloire. 

Nous meïs à salvación. 

Or nous garnissiez de victoire 

Contre toute temptacion. 

Le sathan est de grant memoire, 

Et nous de foible opinion, 

Se nous pourroit retraire encoire 

Dieux, se nous n'avions pardon. 

10 (6). 

Helas, qui n'a en remembrance 
Les seingnies dieu en escript 
Auxquelles n'ot vin ne pitance. 



3, 5 Vostre. 5. 6 Christus h